Dezember 20, 2020
Von Indymedia
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Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, im MĂ€rz 1945, wurde auf Weisung Hitlers der Offizier Werner Lorleberg als Kampfkommandant und damit als oberster militĂ€rischer Befehlshaber der Stadt Erlangen eingesetzt. Als treuer Nazi sah sich Lorleberg seiner Aufgabe so sehr verpflichtet, dass er sich bist fast zuletzt weigerte, die Stadt kampflos den amerikanischen Truppen zu ĂŒbergeben und dadurch womöglich Zivilist*innen vor dem Tod zu bewahren. FĂŒr ihn stand „die Verteidigung eines jeden Meters deutschen Bodens“ an erster Stelle, und zwar „bis zum letzten Ziegelstein und bis zum letzten Schuss“. Als die Alliierten jedoch bereits in das Randgebiet der Stadt vorgedrungen waren, ließ er sich vom damaligen BĂŒrgermeister zu einer Kapitulation ĂŒberreden. Und das hĂ€lt man in Erlangen fĂŒr Ă€ußerst wissenswert.

Dem „Bewahrer“ und „Retter“ der Stadt wurde ein Denkmal am Ort seines Todes gebaut, man bestattete ihn auf dem Ehrenfriedhof und benannte noch 1945 einen Platz in der Erlanger Innenstadt zum „Lorlebergplatz“ um. Alle Jahre wieder erweisen ihm hochrangige Politiker*innen die Ehre und gedenken seiner mit BlumenkrĂ€nzen und rĂŒhrseligen Reden. Dass er bis zu seinem Tod hochrangiger Nazi und Profiteur eines antisemitischen, rassistischen, zutiefst menschenverachtenden Systems war, wird dabei gerne ĂŒbergangen. Die Erlanger*innen halten viel auf ihren Lieblings-Nazi: mit dem „Lorleberg“ und dem „LorlebĂ€ck“ wurden gleich zwei CafĂ©s nach ihm benannt.

WÀhrend man also in Erlangen das Nazi-Gedenken hochhÀlt, wird derer kaum gedacht, die sich ein Leben lang gegen Antisemitismus und Nazismus einsetzten.

Der Erlanger Rabbiner Shlomo Lewin und seine LebensgefĂ€hrtin Frida Poeschke engagierten sich fĂŒr den jĂŒdisch-christlichen Dialog, unter anderem in der „Gesellschaft fĂŒr christlich-jĂŒdische Zusammenarbeit in Franken“ und im „Antifaschistischen AktionsbĂŒndnis NĂŒrnberg“. Im Jahr 1980 wurden die beiden von der neonazistischen „Wehrsportgruppe Hoffmann“ aus antisemitischen Motiven ermordet. WĂ€hrend Lewin schon frĂŒhzeitig vor der Organisation gewarnt hatte, war die Gefahr, die von der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ ausging, immer wieder von der bayerischen Landesregierung unter Franz-Josef Strauß relativiert worden.

Nach dem Doppelmord wurde in der Öffentlichkeit vor allem die IntegritĂ€t der beiden Opfer infrage gestellt und ein TĂ€ter aus ihrem eigenen sozialen Umfeld, insbesondere der jĂŒdischen Gemeinde, vermutet. Es fand somit eine TĂ€ter-Opfer-Umkehr statt, wie sie spĂ€ter auch die Familien der NSU-Mordopfer erfahren mussten, und wie sie in der BRD scheinbar Tradition hat. Und noch eines haben die NSU-Morde und der Mord an Lewin und Poeschke gemeinsam: Von staatlicher Seite wurde und wird standhaft eine EinzeltĂ€terthese postuliert, die vor dem Hintergrund alter und neuer Untersuchungsergebnisse nie haltbar war. Die „Wehrsportgruppe Hoffmann“ agierte sowohl beim Oktoberfestattentat als auch beim Doppelmord an Poeschke und Lewin als Netzwerk, in das auch V-Leute verstrickt waren.

Doch davon will man in Erlangen lieber nichts wissen. Zwar wuchs Joachim Hermann als direkter Nachbar von Lewin und Poeschke auf, aber ein kritisches Gedenken der Tat steht nicht auf der Agenda der CSU. Bisher konnte sich der Stadtrat lediglich dazu durchringen, ein kleines Schild zur Erinnerung an das Paar am „BĂŒrgermeistersteg“ anzubringen (und das auch erst 2010). Einzig antifaschistische ZusammenschlĂŒsse bemĂŒhen sich in Erlangen um eine kritische Auseinandersetzung mit den HintergrĂŒnden der Tat und um eine politische Gedenkpraxis.

In Erlangen, das wussten schon Foyer des Arts, „steh`n Vergangenheit und Gegenwart dicht beieinander“. Nazis vorgestern, Nazis gestern, Nazis heute. Vor einigen Monaten wurden bei einem Mitglied der Erlanger Burschenschaft „Frankonia“ mehrere Waffen gefunden. Der Student hatte außerdem ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum historische Nazi-Utensilienim Internet verkauft und auf seinem Instagram-Kanal rechte Symbole veröffentlicht. Obwohl die starken personellen und weltanschaulichen Überschneidungen der „Frankonia“ mit der rechtsextremen Szene immer schon bekannt sind, warb die UniversitĂ€t Erlangen noch vor einigen Jahren auf ihrer Homepage mit einem Link fĂŒr die Burschenschaft. Nach wie vor werden in Erlangen Traditionslinien rechten Terrors verschleiert und die Gefahren rechter Netzwerke bewusst relativiert.

Heute ist der 40. Jahrestag des Attentats auf Shlomo Lewin und Frida Poeschke. Als Opfer rechter Gewalt werden die beiden unsichtbar gemacht, wÀhrend man den Nazi Lorleberg feiert.

Daher haben wir den Jahrestag zum Anlass genommen, das Grab von Lorleberg auf dem Ehrenfriedhof und das Denkmal an der ThalermĂŒhle mit Farbe zu markieren. Bewusst haben wir den Zeitraum gewĂ€hlt, in dem die „Initiative kritisches Gedenken“ eine Kundgebung und Demonstration zum Jahrestag durchfĂŒhrte. Wir wollen aufmerksam machen auf die große Diskrepanz im Gedenken an Erlanger Persönlichkeiten und den ignoranten Umgang der Stadt mit ihrer Geschichte.

Keine DenkmĂ€ler fĂŒr Nazis!

Keine Burschenschaften!

Keine CSU!

FĂŒr ein kritisches Gedenken an Shlomo Lewin und Frida Poeschke!

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Quelle: De.indymedia.org