Dezember 3, 2022
Von Lower Class Magazine
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Noch bevor die Fußball-WM der Herren in Katar losgegangen war, wurde die Vergabepraxis an das Emirat scharf kritisiert. WĂ€hrend der Spiele riefen die tausenden toten Arbeiter:innen und die Situation von FLINTA*s allerlei symbolischen Protest von Innenministerin Nancy Faeser, ĂŒber die deutsche Nationalmannschaft, bis hin zum EinzelhĂ€ndler REWE hervor; aber auch die Ultras in deutschen Stadien machten Boykottaufrufe. Was der Gegenstand der Kritik, also die WM, die Fifa und der DFB mit dem Kapitalismus zu tun haben, analysiert Raphael Molter hier.

Die Geburt des Wettbewerbs – Kapitalismus und Fußball

Schon vor ĂŒber viertausend Jahren spielten die Menschen Fußball. Belege gibt es dafĂŒr auf der gesamten Welt verteilt. Ob in China des zweiten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung (damals genannt Cuju), im antiken Griechenland oder im frĂŒhmittelalterlichen England: Menschen spielen offensichtlich seit langer Zeit mit einem Ball an ihren FĂŒĂŸen. Und doch beginnt die uns bekannte Zeitrechnung des Spiels im imperialistischen England Mitte des 19. Jahrhunderts. 1848 schufen Studenten der UniversitĂ€t Cambridge Regeln fĂŒr das Spielen mit einem Lederball und binnen zweier Jahrzehnte waren nicht nur die ersten offiziellen Fußballvereine gegrĂŒndet, sondern auch der erste Fußballverband: die Football Association (FA).

Doch das PhĂ€nomen der MannschaftsgrĂŒndung bedeutete keinen Bruch in der langen Historie. Auch VorausprĂ€gungen des konstituierten Fußballs kannten die Einteilung in Mannschaften. Neu war die GrĂŒndung eines eigenstĂ€ndigen Fußballverbands, der nicht nur die simple Organisation von Fußballspielen zur Aufgabe hatte und dieses neuartige PhĂ€nomen blieb nicht einzigartig. FußballverbandsgrĂŒndungen waren elementarer Bestandteil fĂŒr die Durchsetzung des beliebtesten Hobbies der Welt. Doch warum eigentlich?

Verstehen wir die Entwicklung des „modernen Fußballs“ nicht als eine Entwicklung im Reagenzglas (was es zweifelsohne nicht war), so muss sich der Blick zu den umliegenden gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse richten. Fußball fand damals grĂ¶ĂŸtenteils als Sport der Arbeiterklasse statt, bei der sich nicht nur körperlich betĂ€tigt wurde, sondern der auch die Fans in seinen Bann zog. Man könnte in dem Zusammenhang wohl oder ĂŒbel davon sprechen, dass der Sport seit je her eine befriedende, weil ablenkende Funktion innehat. „Brot und Spiele“, um dem Alltag kurz entfliehen zu können, war damals wesentliches Element und zeigte sich auch in der FortfĂŒhrung des Profifußballs wĂ€hrend der Corona-Pandemie. Lieber Geisterspiele in leeren Stadien und Konsument:innen auf der Couch, als ein Jahr ohne FußballĂŒbertragungen. Außerdem hĂ€tten die VerbĂ€nde und Vereine auf den Großteil ihrer Einnahmen verzichten mĂŒssen (die mediale Verwertung brachte dem deutschen Profifußball in der letzten Saison Einnahmen von knapp 1,5 Mrd. Euro ein, ein Anteil von rund 40 Prozent).

Und damit sind wir beim VerhĂ€ltnis von Fußball und Kapitalismus. Das Spiel um das runde Leder existiert nicht in einem luftleeren Raum. Stattdessen ist es Teil der kapitalistischen Gesellschaften, zunĂ€chst als Ablenkung und FreizeitbeschĂ€ftigung, mittlerweile mĂŒssen wir aber von einem MilliardengeschĂ€ft reden. DafĂŒr verantwortlich zeigt sich die expansive Dynamik der uns umgebenen Wirtschaftsordnung, die den Fußball erschlossen hat und damit aus einem nicht-kapitalistischen bzw. vor-kapitalistischen Raum das Produkt Profifußball schuf, das wir heute kennen. Die Durchsetzung kapitalistischer VerhĂ€ltnisse im Fußball ist natĂŒrlich nicht durch Zauberhand geschaffen worden, sondern kennzeichnet sich durch konkrete Ereignisse.

Nehmen wir dafĂŒr die Geschichte des Deutschen Fußball-Bunds (DFB), der ja aktuell quasi um Kritik bettelt. Der DFB hat seit vielen Jahrzehnten eine Monopol-Stellung inne, die ihn quasi unverzichtbar fĂŒr die Organisation des Fußballs macht und auch im Grundgesetz durch die verankerte Autonomie des Sports (Art. 9 GG) festgeschrieben ist. Doch bis zur Einrichtung des deutschen Faschismus 1933 befand sich der bĂŒrgerlich-konservative Verband in Konkurrenz: Arbeiterfußball fand von ihm unabhĂ€ngig statt, man hatte durch den Arbeiterturn- und Sportbund (ATSB) einen eigenen Verband mit ĂŒber 2 Millionen Mitgliedern.

Erst die »Gleichschaltung« durch den deutschen Faschismus ermöglichte es dem DFB, die bis heute bekannte, unangetastete Stellung einzunehmen und schuf die Voraussetzungen, damit der DFB auch in der Bundesrepublik Deutschland quasi unverĂ€ndert weiterarbeiten konnte. Geholfen haben dĂŒrften natĂŒrlich auch einige personelle Verbindungen, denn der DFB ist ebenfalls ein Paradebeispiel fĂŒr die Post-Nazifizierung der BRD: Etliche DFB-FunktionĂ€re bis in die spĂ€ten 1960er Jahre hinein wiesen eine mit der NSDAP verwobene Vergangenheit auf (Stichwort Peco Bauwens als DFB-PrĂ€sident wĂ€hrend des »Wunders von Bern«) und hatten gute Kontakte in das Bundeskanzleramt unter Hans Globke. Die Gleichschaltung 1933 darf als wichtigste Vorbedingung der kapitalistischen Erschließung des deutschen Fußballs gelten, denn die Monopolisierung der Fußballorganisiation durch bĂŒrgerliche FußballverbĂ€nde ist offensichtlich eine innere Notwendigkeit der Organisation des kapitalistischen Fußballs: Kapitalismus im Sport kommt nicht ohne VerbĂ€nde aus.

»Ideelle Gesamtkapitalisten« unter sich

Das besondere VerhĂ€ltnis von Fußball und VerbĂ€nden zeichnet sich demnach durch eine besondere Organisierung des Sports aus. Uns muss klar sein, dass es den idealtypischen Sport sowieso nicht geben kann. Die von uns in ihn hinein interpretierten Werte und Ideale kommen mal mehr, mal weniger zum Vorschein und sind von den konkreten sozialen Strukturen bedingt, die ihn umgeben und organisieren.

Aber welche Merkmale sind ĂŒberhaupt konstituierend fĂŒr FußballverbĂ€nde? Interessanterweise ist die grundgesetzlich verankerte Autonomie des Sports und damit auch des DFB eigentlich so nicht ganz zutreffend, denn der Politikwissenschaftler Timm Beichelt schreibt in seinem Buch »Ersatzspielfelder« von einer Halb-Autonomie. Der Staat nimmt Einfluss auf die SphĂ€re Fußball, egal ob auf kommunaler oder auf Bundesebene. Vermeintliche Fußballthemen werden bisweilen auch auf der Innenminister:innen-Konferenz behandelt und insbesondere die Polizei nimmt starken Einfluss auf die Ausgestaltung des Fußballs. Polizeigewalt bei AuswĂ€rtsfahrten, ĂŒberzogene Polizeikessel, erniedrigende Kontrollen, die »Datei GewalttĂ€ter Sport«: Die Liste ist quasi endlos und zeigt auf, dass auch der Repressionsapparat Polizei ein hohes Interesse in Bezug auf Fußball an den Tag legt. Diese beiden Ebenen lassen sich folglich nicht trennen: Fußball und Staat sind im Kapitalismus miteinander verwoben. Sie gewĂ€hrleisten in Zusammenarbeit die Organisierung von Fußballspielen und der Staat nimmt mithilfe der Polizei erheblichen Einfluss auf die Ausgestaltung durch die Fans.

FußballverbĂ€nde nehmen dabei jedoch durch ihr Monopol zur Organisierung des Fußballs eine Absicherung der Kapitalakkumulation im Fußball vor. Sowohl die FIFA aktuell in Katar (mit geschĂ€tzten Einnahmen rund um die 6 Milliarden US-Dollar), als auch der DFB durch seinen Tochterverband der Deutschen Fußball Liga (DFL) organisieren den Imperativ der Profitmaximierung und sind die Agentinnen der Kommerzialisierung: Sie organisieren die Mehrwertaneignung im Fußball. Dass in den VerbĂ€nden alle machtvollen Akteure des Fußballs organisiert sind, macht ihre Rolle dadurch nur noch spannender. Denn fĂŒr die Teilnahme am organisierten Betrieb (egal ob Verein, Spieler*in, Berater oder Unternehmen als Sponsoren) ist eine direkte oder indirekte Ausrichtung nach dem Verband notwendig. FußballverbĂ€nde versammeln damit in sich alle Akteure, die von der Mehrwertaneignung profitieren (Vereine, Berater, Unternehmen) oder fĂŒr die Mehrwerterzielung direkt verantwortlich sind (Spieler). Demnach können VerbĂ€nde nicht als simpler Block an der Macht des Fußballs bezeichnet werden, sie mĂŒssen vielmehr verschiedene Interessen innerhalb ihrer Institution ausgleichen und allgemeine Interessen daraus ableiten. Und woran könnte uns das an dieser Stelle erinnern?

FußballverbĂ€nde sehen in ihrer Organisierung wie die kleinen Geschwister des bĂŒrgerlichen Staates aus: Sie sind fĂŒr die Aufrechterhaltung des Systems verantwortlich, die FußballverbĂ€nde fĂŒr die Verwertung des Produkts Profifußballs, der Staat insgesamt fĂŒr die Organisation der kapitalistischen Gesellschaft. Beide können nicht simplifizierend als »Institutionen des Kapitals« abgestempelt werden (oder doch?), in ihnen prallen verschiedene Interessen aufeinander und schaffen damit die VerhĂ€ltnisse, die wir vorfinden. Im Fußball wie gesamtgesellschaftlich. Karl Marx und Friedrich Engels begrĂŒnden mit der materialistischen Staatstheorie einen Ansatz, der feststellen konnte, dass Kapitalismus und die Form Staat einander bedingen. Ähnliches finden wir im Fußball vor. Marx Vergleich vom Staat als Maschinensystem (MEW, Bd. 23, S. 400ff.) kann uns deshalb auch weiterhelfen, um die konkrete Funktionsweise der FußballverbĂ€nde zu verstehen. Marx schreibt in seinem Vergleich davon, dass der Staat wie ein Maschinensystem funktioniert, die den Produktionsprozess strukturiert und ihn fĂŒr die arbeitenden Menschen determiniert. Die einzelne Maschine kann vom Menschen autonom bedient werden, ein Maschinensystem funktioniert autonom und gliedert die umliegenden Arbeitsprozesse nach seinen BedĂŒrfnissen: »(Die) Maschine entwickelt wie der Staat ein Eigenleben, produziert GesetzmĂ€ĂŸigkeiten auch fĂŒr diejenigen, die die Maschine entworfen haben und bedienen« sagt der Staatstheoretiker Andreas Fisahn dazu. Na, hört sich das nach dem an, wie die FußballverbĂ€nde, allen voran die FIFA, aktuell rumeiern?

»Wirtschaftliche Leitplanken setzen«

Der institutionalisierte Fußball geht mit dem Kapitalismus Hand in Hand. Der »marktkonforme Fußball« (C. Bartlau) ist nicht einfach korrumpiert worden. Die kapitalistische Landnahme des Fußballs und seine Kommodifizierung, also sein »Zur-Ware-Werden« fallen nicht vom Himmel, sondern haben konkrete strukturelle VerhĂ€ltnisse zur Bedingung. Die Herstellung des Monopols zur Organisierung des Fußballs durch bĂŒrgerliche VerbĂ€nde nimmt dementsprechend die wichtigste HĂŒrde des kapitalistischen Fußballs und lĂ€sst sich analog zum Gewaltmonopol des Staats erklĂ€ren: Wir können kaum außerhalb der VerbĂ€nde organisiert Fußball spielen, wodurch sich die VerbĂ€nde unentbehrlich machen.

Der Zwangscharakter des institutionalisierten Fußballs zeigt sich ĂŒberall: Auch Fans, die ĂŒberhaupt keinen Bock mehr auf Kommerz und korrupte FunktionĂ€re haben und sich dem entziehen wollen, können nicht entfliehen. Ein Beispiel gefĂ€llig? Als der Hamburger Sport-Verein Mitte des letzten Jahrzehnts beschloss, seine Profiabteilung auszugliedern und damit die Strukturen kapital-konform zu transformieren und fĂŒr Investoren attraktiv zu werden, zog die damals einflussreiche Ultra-Gruppierung Chosen Few die Konsequenzen daraus und verabschiedete sich vom eigenen Verein. Stattdessen grĂŒndete man den HFC Falke, und befindet sich in den Niederungen der Bezirksligen und finden damit immer noch im verbandsorganisierten Fußball statt. Ausweg? Fehlanzeige.

Gleiches dĂŒrfte auch fĂŒr gĂ€nzlich andere Forderungen stehen, die dieser Tage von vielen linksliberalen Fußballfans ausgehen: RĂŒcktritt des unsĂ€glichen FIFA-PrĂ€sidenten Infantino oder eine stĂ€rkere Haltung des DFB gegenĂŒber der FIFA. Solche AnsĂ€tze verfehlen, trotz sympathischer Ausrichtung auf dem ersten Blick, ihr Ziel. Der kommerzialisierte Fußball mag ein Produkt seiner Zeit sein, aber er ist kein natĂŒrliches Gebilde, wo jeder Kampf automatisch fehlschlĂ€gt und nichts Ă€ndert. Fußball lĂ€sst sich Ă€ndern, wenn wir uns damit beschĂ€ftigen, wie die heutigen VerhĂ€ltnisse ĂŒberhaupt entstehen konnten. Und die Verbindung von Fußball und Kapitalismus macht deutlich: Der Kommerz-Fußball funktioniert nur als institutionalisierte Variante mit FußballverbĂ€nden. Die Kapitalakkumulation ist im Fußball durch die VerbĂ€nde organisiert. So wundert es auch nicht, dass der GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Bundesliga-Vereins FC Augsburg noch wĂ€hrend der ersten Corona-Welle davon sprach, dass die Liga „wirtschaftliche Leitplanken“ setzen mĂŒsse. Damit zielte er eigentlich auf die verschiedenen Fraktionsinteressen der Profivereine innerhalb der DFL ab, doch das Bild der Leitplanken verdeutlicht uns, wohin die Reise gehen muss: Indem wir die Leitplanken des kapitalistischen Fußballs infrage stellen, schaffen wir uns Auswege.




Quelle: Lowerclassmag.com