November 29, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Antonio Altarriba, geboren 1952 in Saragossa, hat gemeinsam mit dem Zeichner Kim Comic-PortrĂ€ts seiner Eltern geschaffen, die zugleich sehr persönlich sind und die Geschichte von ganz Spanien im 20. Jahrhundert erzĂ€hlen. Über die Comics „Die Kunst zu fliegen“ und „Der gebrochene FlĂŒgel“ schreibt fĂŒr die Graswurzelrevolution Tinet Elmgren. (GWR-Red.)

„Die Kunst zu fliegen“ erzĂ€hlt von Altarribas Vater, der ebenfalls Antonio hieß, der in der spanischen Republik und im BĂŒrgerkrieg als Anarchist aktiv war, danach FlĂŒchtlingslager und Zwangsarbeit in Frankreich durchlitt, bevor er 1949 als „Verlierer“ in Francos Spanien zurĂŒckkehrte. Ein durchgehendes Thema ist Fliegen, symbolisch fĂŒr die Freiheit, die die spanische Republik versucht hatte zu erreichen. In seltenen Momenten erschien es Antonio zum Greifen nah, aber es ist ihm nie wirklich gelungen – bis vielleicht zu seinem Selbstmord, als er, geplagt von schwerer Depression, die nicht zuletzt auf seine schrecklichen und enttĂ€uschenden Lebenserfahrungen zurĂŒckzufĂŒhren war, vom vierten Stock des Altenheims sprang.
Es sollte eigentlich bei dem Buch ĂŒber seinen Vater bleiben. Was Altarriba ĂŒberhaupt dazu bewegte, auch ein Buch ĂŒber seine Mutter zu schreiben, war die Frage einer Frau im Publikum bei einer Lesung von „Die Kunst zu fliegen“: „Und Ihre Mutter?“
In der Biographie seines Vaters hatte Altarriba seine Mutter in einer eher nebensĂ€chlichen und stereotypen Rolle als frigide religiöse Fanatikerin dargestellt. Die Frage veranlasste ihn, ĂŒber die seit seiner Kindheit festgelegten Muster nachzudenken, die seine Darstellung der Mutter diktiert hatten, und er kam zu dem Schluss, dass dies ihr gegenĂŒber sehr unfair gewesen war.
Ein durchgehendes Thema in der Biographie seiner Mutter Petra, „Der gebrochene FlĂŒgel“, ist, dass fast niemand von ihrer lebenslĂ€nglichen Behinderung gewusst hatte. Am Tag ihrer Geburt hatte ihr Vater Petra den Arm gebrochen, und sie konnte den linken Arm nie heben oder gerade strecken. Davon wussten nicht einmal ihr Mann oder ihr eigener Sohn und auch nicht ihr letzter Liebhaber im Altenheim. Dieses Thema funktioniert als Symbol dafĂŒr, dass kaum jemand sie wirklich gekannt hatte und wie ĂŒblich es zu ihrer Lebenszeit war, das Leben und die innere Welt der Frauen als unbedeutend abzutun. Das Buch greift auch wieder das Thema des Fliegens und der Freiheit auf. Mit ihrem „gebrochenen FlĂŒgel“ – der Gewalt, die sie von Geburt an von verschiedenen Personen erfuhr – hatte sie kaum jemals eine Chance zu „fliegen“ beziehungsweise frei zu sein.
Besonders rĂŒhrend, mit viel Humor und Liebe, sind die Schilderungen der Eltern im Alter, aus der Zeit, die Altarriba als Erwachsener miterlebt hatte. Ebenso dass die beiden BĂŒcher unterschiedlich groß sind: Die physische GrĂ¶ĂŸe der BĂŒcher entspricht mehr oder weniger der KörpergrĂ¶ĂŸe seiner Eltern im VerhĂ€ltnis zueinander.




Quelle: Graswurzel.net