Mai 27, 2021
Von IWW Wien
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Die IWW startet in Ottakring ein Worker Center. Noch steht das Projekt ganz am Anfang, doch schon im Laufe dieses Jahres soll einiges dort passieren

Selbstorganisierung und Organizing stehen im Mittelpunkt der Aktivitäten der IWW. Unsere Mitglieder eignen sich in Trainings die notwendigen Fähigkeiten an, um sich an ihrem Arbeitsplatz zusammen mit ihren Kolleg:innen zu organisieren und gemeinsam ihre Interessen gegenüber den Unternehmer:innen durchzusetzen. Doch Selbstorganisation beschränkt sich nicht auf Betriebe. In allen Lebensbereichen – ob im Mietshaus, in dem wir wohnen oder im Stadtviertel, in dem wir leben und unsere Freizeit verbringen, ist es notwendig, dass wir uns mit anderen zusammenzuschließen. Denn auch dort können wir Verbesserungen für uns alle durch solidarische Zusammenarbeit erreichen.
Neben den Fähigkeiten, um uns zu organisieren, brauchen wir Räume, in denen wir uns treffen können – egal ob wir bereits Teil einer Organisation sind oder nicht. Einen solchen Raum wollen wir als IWW in den kommenden Monaten und Jahren aufbauen.

Raum der Vernetzung 


Im Mai 2018 veröffentlichte Torsten Bewernitz in der Zeitschrift Analyse & Kritik den Artikel „Über die Gewerkschaft hinaus“, ein Plädoyer dafür, sogenannte Worker Center aufzubauen. Konkret geht es darum, ein räumliches Angebot zu schaffen, um niederschwellig Zugang zu gewerkschaftlicher Organisierung zu finden.
Dieser Raum soll neben gewerkschaftlicher Erstberatung auch und vor allem ein Raum der Vernetzung, des Zusammenkommens und Ort einer gemeinsamen Kultur sein. Vor allem mit der lokal umliegenden Nachbarschaft soll in Austausch getreten und Selbstorganisierung damit vorangetrieben werden.
Worker Center sollen bestenfalls unterscheidliche politische Initiativen beherbergen, die den Anspruch teilen, die bereits politisierte Blase verlassen zu wollen. Hier könnten Menschen sich im Alltag gegenseitig unterstützen, gemeinsam politisch weiterbilden, kulturellen Austausch pflegen, Filmabende oder Straßenfeste organisieren. Kurz: Zusammenkommen und zusammen handeln.


 und der Selbstorganisation

Der Unterschied zu Konzepten wie Nachbarschaftszentren liegt darin, dass das Worker Center keine entpolitisierte Grätzeloase sein will, sondern im Zentrum vor allen Dingen eins steht die Erfahrung von Solidarität. Die Idee ist keineswegs neu. Proletarische Räume, Orte dieser Art, gab es schon zur Entstehungszeit der Arbeiter:innenbewegung. Im Italien der 1960er und 1970er Jahre, als die Autonomia-Bewegung sich auf einem Höhenflug befand, enstanden zahlreiche „centri sociali“, von denen einige bis heute existieren. Und auch heute knüpfen etwa das Lucy-Parson- Center unserer Fellow Wobblies in den USA oder Projekte wie „Wilhelmsburg Solidarisch“ erfolgreich an diese Idee an.

Langsam vorantasten

Als IWW Wien sind wir seit Jahresbeginn Mitglied im Volxclub, einem Raum am Familienplatz 6, den wir gemeinsam mit der KPÖ, den Jungen Linken, der Roten Hilfe Wien und anderen bespielen. Im Herzen Ottakrings gelegen, leicht zugänglich, ausgestattet mit zwei nett eingerichteten Räumen, Barbereich und Küche, bietet dieses Gassenlokal gute Voraussetzungen für solch ein Projekt. Auch die Nutzungspläne der anderen Gruppen, etwa die selbstorganisierte kostenlose Nachhilfe der Jungen Linken, klingen vielversprechend. Solche Ansätze könnten, kombiniert mit unserer Gewerkschaftsarbeit, eine Basis dessen bilden, was unter dem Modebegriff „neue Klassenpolitik“ vielerorts diskutiert wird: eine Ausrichtung der Politik auf praktische Organisierung der Arbeiter:innenklasse fernab jeder Szenesubkultur. Sie kann Stadtteilarbeit im besten Sinne sein und Arbeiter:innen aus der direkten Umgebung zusammenbringen, die sich anhand verschiedener sozialer Fragen organisieren – seien es Kindererziehung, Mieter:in- nenkämpfe, Zurückdrängung fundamentalistischer Milieus oder Arbeitskämpfe.
Das Projekt ist derzeit in der Planungsphase und selbstver- ständlich wie die meisten Projekte durch Corona gebremst. Zudem wird es auch nach der Pandemie bewusst langsam, sich vorantastend, anlaufen. Als ersten Schritt wollen wir im Volxclub ab etwa Mitte Sommer monatlich unsere gewerkschaftliche Erstberatung anbieten und zudem unser dortiges Bücherregal, Teil einer gemeinsamen Bibliothek des Vereins, aufstocken. Wir freuen uns, wenn einige Fellow Worker Lust haben, sich am Projekt zu beteiligen, aber auch, wenn andere Initiativen Ähnliches aufbauen. In diesem Sinne: Schaffen wir ein, zwei, viele Worker Center!




Quelle: Iww.or.at