August 31, 2021
Von Paradox-A
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Aufbau des Klimacamps Leipziger Land 2021

Wenn nicht alles im Regen zusammen bricht, unterstĂŒtze ich heute eine Freundin bei einem Workshop zu libertĂ€rem Kommunalismus auf dem Klimacamp Leipziger Land. Das Konzept wurde ursprĂŒnglich von Murray Bookchin entwickelt, der damit allerdings an eine lange kommunalistische Tradition anknĂŒpft. Die Grundlage dafĂŒr bildet das politisch-philosophische Konzept der sozialen Ökologie mit dem Begriff der sozialen Hierarchie, welche erstens abstrakt gehaltene HerrschaftsverhĂ€ltnisse in vielen Bereichen konkretisiert und zweitens verdeutlicht, dass die ökologische Zerstörung unmittelbar aus einer hierarchisch strukturierten Gesellschaftsordnung hervorgehen.

Dass ökologische und soziale Themen untrennbar zusammengehören, ist mittlerweile in der Klimagerechtigkeitsbewegung selbstverstĂ€ndlich und auch in neueren Bewegungen wie Fridays for Future weithin verbreitet. Bildungsarbeit hat also durchaus eine Funktion, wie dieses Beispiel zeigt. In den 70er und 80er Jahren, als Bookchin seine Theorien entwickelte und bestimmte Themen setzte, war er damit sehr progressiv. Bekanntermaßen wurde er in seinen letzten Lebensjahren zunehmend verbittert und auch vom Puls der Zeit abgehĂ€ngt, wenngleich beispielsweise seine Kritik an esoterischen Aspekten einiger ökologischer und feministischer Strömungen weiterhin ihre Berechtigung hat.

Wir sind keine Bookchin-Fans, wĂŒrdigen aber sein Wirken als autodidaktischer Intellektueller, der seine Theorieentwicklung mit der Absicht, emanzipatorische Ökologiebewegungen zu inspirieren und zu fundieren betrieb. Damit widmete er sich einer wichtigen Aufgabe, deren Wirkung oftmals unterschĂ€tzt wird. So ist etwa auch der demokratische Konföderalismus der kurdischen Autonomiebewegung maßgeblich vom libertĂ€ren Kommunalismus beeinflusst. Das Projekt A von Horst Stowasser formuliert, ist zwar nicht im engeren Sinne kommunalistisch, streuen wir aber als bekanntes Beispiel aus dem deutschsprachigen Raum mit ein. Und in theoretischer Hinsicht schrieb John P. Clark (2013) ein lesenswertes Kapitel in seiner Auseinandersetzung mit Bookchin


Übrigens schließen sich Kommunalismus und GlobalitĂ€t keineswegs aus, wie etwa an einer Konferenz zum Thema von 2019 zu sehen ist, die durch das Netzwerk Barcelona en ComĂș initiiert wurde. Im Sammelband zur Konferenz werden von den Podiums-Teilnehmenden verschiedene Themen wie öffentlicher Raum, GemeingĂŒter, Wohnungen und kommunalistische Nachbarschaftsnetzwerke besprochen, wobei eine feministische Perspektive auf all diese Bereiche einen besonderen Stellenwert einnimmt.

Interessant ist, dass mit dem libertĂ€ren Kommunalismus tatsĂ€chlich der Aufbau von einer „Dual Power“, einer Gegenmacht zum Staat angestrebt wird. Werden nach und nach staatliche (bzw. verstaatlichte) Funktionen (wieder) in die kommunale Selbstverwaltung ĂŒberfĂŒhrt, wird der Staat damit zugleich auch geschwĂ€cht. Die kommunalistische RĂ€teverwaltung ist sicherlich nicht ganz herrschaftsfrei, aber zweifellos sehr anders gestaltet, als der Nationalstaat. Daraus folgt im Übrigen nicht zwangslĂ€ufig eine kommunale Borniertheit. Dennoch lĂ€sst sich fragen, welche Menschen tatsĂ€chlich dieses hohe Maß an Politisierung all ihrer Lebensbereiche aushalten, begrĂŒĂŸen und dementsprechend auch bereit sind, sich gewissermaßen in einem republikanischen Geist, an der Selbstverwaltung zu beteiligen. Immerhin handelt es sich jedoch um einen anderen Ansatz, als die populĂ€re Symbolpolitik des Zivilen Ungehorsams, wie sie in den letzten Jahren zunehmend betrieben wird.




Quelle: Paradox-a.de