Juni 19, 2022
Von Anarchistische Bibliothek
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Vorwort

Bakunin sagte, die Rebellion des Individuums gegen die Gesellschaft sei viel schwieriger als die Rebellion gegen den Staat, denn die Gesellschaft absorbiere das Individuum, dringe in es ein, umgarne es mit ihren Br├Ąuchen und ihrer Moral, von Geburt an bis zum Tode.

Er sagte auch, unter tausend Menschen finde sich kaum einer, der eigene Ma├čst├Ąbe besitze. Systematischer Disziplinierung unterworfen, mal subtil und dosiert, mal bestialisch und grausam; auf von der Herrschaft vorgeschlagene und definierte Ideen und Interessen konditioniert, physisch und mental erstickt, verweigert man dem Individuum ein Bewusstsein seiner selbst und seiner unwahrscheinlichen M├Âglichkeiten.

Diese Vorgaben internalisiert das Individuum dergestalt, dass sie sich auf die Entwicklung der Pers├Ânlichkeit auswirken, sich auswirken auf die F├Ąhigkeit zur Reaktion auf die verschiedensten Situationen, denen sich das Individuum ausgesetzt sieht, das hei├čt, es wird diese Vorgaben ├╝berall mit hinschleppen, wo es interagiert.

Als die GenossInnen auf der Halbinsel mich darum baten, ein Vorwort zu dieser ersten deutschsprachigen Auflage des Buches von Xos├ę Tarr├şo zu schreiben, gestehe ich, dass mir viele Zweifel kamen: Was sollte ich schreiben? Wo anfangen? Ich denke, Xos├ęs Buch bedarf keinerlei Einleitung, es spricht f├╝r sich selbst. Da mein Freund aber ermordet wurde, und sein Zeugnis uns dazu dient, die Realit├Ąt im Gef├Ąngnis in ihrer ganzen Bandbreite aus der N├Ąhe kennen zu lernen, kann ich diese Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, um einigen die Ehre zukommen zu lassen, die ihnen geb├╝hrt, und zwar denjenigen, die diese Realit├Ąt nicht gleichg├╝ltig gelassen hat und die bis heute in Ver├Âffentlichungen und Aktionen f├╝r das Ende dieses barbarischen Systems k├Ąmpfen, das uns alle zu weniger menschlichen und zivilisierten Wesen macht.

Das Buch Hau ab, Mensch ├Âffnete vielen Personen und Kollektiven auf der iberischen Halbinsel die Augen. Niemand konnte oder wollte glauben, dass im ┬╗postfranquistischen┬ź Spanien des so genannten ┬╗demokratischen ├ťbergangs┬ź die Folter andauerte, die das totalit├Ąre Regime von Generalissimo Francisco Franco traurig ber├╝hmt gemacht hatte. Was viele nicht wahrnehmen oder verstehen wollten war, dass eine Diktatur nicht am Ende ist, weil ihr herausragendster Kopf stirbt. Die Diktatur ist ein System, in dem die Institutionen (speziell die repressiven) von straffen Parteig├Ąngern derselben gef├╝hrt werden.

Und so war das, was wir im Gef├Ąngnis vorfanden, eine Legion Faschisten, in den Anstalten der ┬╗Demokratie┬ź. Die Geschichte von COPEL inspirierte uns in gewisser Weise dazu, einen Kampf aufzunehmen, den wir von vornherein verloren wussten.

Viele Gefangene, die heute Kontakt zu Strafvollzugsgerichtsbarkeit, vis-a-vis-Besuche, Telefongespr├Ąche, Radioapparate und andere ┬╗Grundrechte┬ź genie├čen, haben vergessen, dass all diese ┬╗Rechte┬ź in Wirklichkeit Erfolge und Frucht der K├Ąmpfe tausender Gefangener sind, die sich um COPEL organisierten. ├ťberfl├╝ssig in Erinnerung zu rufen, dass diese Rechte uns viel Blut und Tr├Ąnen gekostet haben.

Viele K├Ąmpfe, die wir damals verloren glaubten, inspirierten nachkommende Generationen. Es gibt Verluste, die keine Niederlage bedeuten und Niederlagen, die uns dabei helfen k├Ânnen zu gewinnen.

Xos├ę war davon ├╝berzeugt, dass sein Buch den sofortigen Effekt zeigen w├╝rde, der spanischen Gesellschaft die Augen zu ├Âffnen. Er verga├č, dass jeder Prozess Zeit braucht, Bewusstsein, Arbeit und Hingabe, um von anderen verstanden und verinnerlicht zu werden. Vielleicht war er es auch selbst, dem es an Zeit fehlte, besessen wie er war von dem verdammten Virus, das in seiner Blutbahn zirkulierte.

Xos├ę kam nach vielen Jahren aller m├Âglicher Folter heraus. Er dachte, jetzt, da er frei war, konnte er noch viel mehr zum Kampf gegen das Gef├Ąngnis beitragen, in Antirepressionsgruppen. Doch seine Hoffnungen erf├╝llten sich nicht; er fand keine starke, bewusste Bewegung, organisiert und bereit, ernsthaft gegen eine derart perfekt ge├Âlte und wirksame Maschine zu streiten.

Nichtsdestotrotz fuhr er von einem Ende der Iberischen Halbinsel zum anderen, um ├╝ber FIES zu reden, ├╝ber die Folter und alles das, was er wusste vom Faschismus dieser Unterwelt.

Wenig sp├Ąter, im September 2003, wurden die GenossInnen aus Barcelona verhaftet, und er konnte den Mangel an Solidarit├Ąt einiger selbst miterleben, die sich nicht mit denjenigen anderen solidarisieren wollten, die in aller Konsequenz und als Teil der Bewegung k├Ąmpften. Drei Monate sp├Ąter tauchte ich unter, das war f├╝r mich das einzig Sinnvolle. Ich versuchte so (wenigstens) dem Kampf von au├čen einen Anschub zu geben.

Xos├ę f├╝hlte sich allein und verloren in einer Welt, die er nicht verstand, und schlie├člich lie├č er sich fallen. Er wusste nicht mehr, was er in der Welt, die er vorfand, anfangen sollte. Alles hatte sich verschlimmert: Die menschlichen Beziehungen waren immer weniger menschlich, die revolution├Ąren Bewegungen immer reformistischer und eingepasster in die Logik der Herrschaft.

Jemand schrieb einmal, zwanzig Jahre seien geschichtlich betrachtet nicht mehr als ein Atemzug, w├Ąhrend sie f├╝r einen Menschen ein Drittel seiner Lebenszeit bedeuten. Es ist ein bedeutender Unterschied, ob diese zwanzig Jahre zwischen Mauern oder unter Menschen verlebt werden, es ist sogar ein Unterschied, ob zu ┬╗normalen┬ź oder zu ┬╗Sonderhaftbedingungen┬ź.

Wir, Xos├ę, Patxi, Paco und so viele andere, mussten lernen, in diesen f├╝rchterlichen ┬╗Sonderabteilungen┬ź zu ├╝berleben, wo wir vom Rest der inhaftierten Bev├Âlkerung getrennt gehalten wurden. Wir lernten, dass Rebellion oder Tod die Alternative war, die uns blieb. Und wir rebellierten.

Wie auch immer, diese drei Freunde (und andere) sind nicht mehr unter uns, physisch, um mit uns zu k├Ąmpfen. Aber sie haben uns ihr Zeugnis hinterlassen: Ihre Erinnerungen, ihre Schlachten, ihre Geschichten, ihre Liebe und ihren Hass.

Seit einiger Zeit wird ├╝ber die Absicht spekuliert, Xos├ęs Buch zu verfilmen. Ich hoffe nur, dass, wenn es so weit gekommen ist, der Film sich an den Text von Xos├ę h├Ąlt und dazu dient, die Gesellschaft ├╝ber die f├╝rchterliche Realit├Ąt der Folter aufzukl├Ąren, die sich nicht nur in tausenden Kilometern Entfernung in so genannten Drittweltl├Ąndern abspielt.

Ich wei├č nicht, ob es im Oktober oder im November 2006 war, als einige GenossInnen von der Halbinsel eine Tour ├╝ber die Apennin-Halbinsel und Sardinien organisierten, zum Anlass der zweiten italienischsprachigen Auflage des Buches von Xos├ę, Frucht der Kooperation der GenossInnen beiderseits des Mittelmeers (Cruz Negra Anarquista Albacete und Archivio Severino Di Giovanni). Ich habe die Namen der GenossInnen nicht vergessen, die dieses Event m├Âglich gemacht haben: Alaitz, Pastora, Ignacio, Stefano, Timo…

Manchmal f├Ąllt es mir schwer, Worte zu finden, um meine aufrichtige Dankbarkeit und Liebe zu diesen GenossInnen auszudr├╝cken, vielleicht, weil ich ┬╗gelernt┬ź habe, meine Gef├╝hle zu unterdr├╝cken, um mich dieser Unterwelt anzupassen, oder weil diese Leute, die mich kennen und lieben, schon wissen, wie mich diese sch├Ânen Gef├╝hle inspirieren ÔÇô da sind Worte doch ├╝berfl├╝ssig… Sind sie wirklich ├╝berfl├╝ssig? Ich glaube, nein, es ist richtig, dass ich mir auf diesen einf├╝hrenden Seiten die Bl├Â├če gebe und von Herzen zu jeder meiner GenossInnen spreche, ihnen meine Gef├╝hle mitteile, bevor man mir kraft Gesetzes das Maul stopft, mir als ┬╗Gefahr┬ź f├╝r unsere ┬╗Demokratie┬ź verbietet zu reden.

Alaitz ist mehr als eine Genossin, sie ist meine Freundin und uns verbindet eine langj├Ąhrige Beziehung, die sich auf dem gegr├╝ndet und gefestigt hat, was wir seit dem Tag, da wir uns kennen lernten, gemeinsam durchlebt haben.

Wir haben gelernt, uns die Bl├Â├če zu geben, uns zu hinterfragen, uns gegenseitig Anst├Â├če zu geben, und dies immer aufs Neue zu tun. Gemeinsam konnten wir als freie Personen wachsen und so haben wir uns entdeckt, trotz der Mauern, die uns trennten, und der Hindernisse, die uns mehr als ein stupider B├╝rokrat in den Weg legte. Und wir wachsen weiter. Ich f├╝hle mich in ihrer Schuld… deshalb m├Âchte ich mich ihr in diesen Zeilen z├Ąrtlich zuwenden.

Pastora ist Xos├ęs Mutter (der f├╝r mich wie ein Bruder war), doch nicht nur das… Pastora hat sich ├╝ber das System, in dem wir lebten, aufgekl├Ąrt und einen hohen Preis daf├╝r bezahlt. Sie hat ohnm├Ąchtig den Missbr├Ąuchen der Justizverwaltung beiwohnen m├╝ssen, der so genannten Justiz, die schlie├člich einen ihrer S├Âhne ermordet hat… Doch sie blieb bei allem Schmerz und aller Trauer nicht allein, zusammen mit anderen M├╝ttern hat sie sich organisiert, und heute sehen wir sie ├╝berall dort R├╝ckgrat zeigen und sich auflehnen, wo es n├Âtig ist. Pastora hat verstanden. Wie sie selbst es in einem Satz zusammenfasst, der besser ist als tausend Worte: Wenn wir Armen nicht einander helfen, wer wird es dann tun? Wegen dieses ihres Manifests, unter vielem anderen, kann sie immer auf mich z├Ąhlen. Ich habe keine Worte, um den Respekt, die Bewunderung und die Liebe auszudr├╝cken, die ich f├╝r diese gro├če Frau empfinde.

Ignacio, Timo und Stefano habe ich vor Kurzem kennen gelernt. Es liegen noch viel Zeit und viel Arbeit vor uns, doch was wir heute schon teilen, ist ohne Zweifel wunderbar. An sie und alle anderen, die bei der Tour mitgeholfen haben und die ich nicht kenne, richte ich als kleine aber ehrliche Anerkennung meine z├Ąrtlichste Dankbarkeit.

Das Buch, das du in den H├Ąnden h├Ąltst, ist das rohe und ehrliche Ged├Ąchtnisprotokoll der Gef├Ąngnisrealit├Ąt und der FIES- Sonderhaftbedingungen im spanischen Staat. FIES, das d├╝rfen wir nicht vergessen, wurde mittels halboffizieller Dienstanweisungen in Kraft gesetzt, illegal und hinter dem R├╝cken der Gesellschaft, allerdings vor Kurzem ┬╗legalisiert┬ź durch die Oberschlie├čerin Frau Mercedes Gallizo, am 22. Februar 2006. Das Buch ist au├čerdem die Geschichte einer Gruppe libert├Ąrer Gefangener der Gesellschaft, die wir uns auf diffuse Weise in der Folge bestehender Freundschaften zu organisieren versuchten, um mit allen uns zur Verf├╝gung stehenden Mitteln gegen ein irrsinniges System zu k├Ąmpfen, das dazu gemacht ist, jeden Menschen zu entpers├Ânlichen und zu zerst├Âren.

In diesem Kampf haben mindestens vierzehn hervorragende Genossen ihr Leben verloren, unter ihnen der Autor dieses Buches.

Die Geschichte ist zu lang und zu komplex, als dass ich sie hier im Vorwort zusammenfassen k├Ânnte. Ich f├╝hle die moralische Verantwortung, irgendwann ein anderes Buch zu schreiben, mit dem ich die kollektive Arbeit fortsetzen kann, die Xos├ę Tarr├şo und andere FIES-Gefangene mit ihren B├╝chern begonnen haben, darunter: Adi├│s Prisi├│n von Juanjo Garfia, A ambos lados del muro von Patxi Zamoro oder Volando a la c├írcel von Antonio Valera Hidalgo.

Am 28. Juni 2004 wurden in Aachen Jos├ę Fern├índez Delgado, Bart de Geeter, meine Schwester Bego├▒a und ich verhaftet. Boulevardpresse und Repressionsorgane, Polizei und Justiz dieses Landes beschrieben uns von Anfang an als ┬╗Kriminelle┬ź, und etwas sp├Ąter, als sie Wind bekamen von unserer Beteiligung am Gefangenenkampf und Mitgliedschaft in Solidarit├Ątsgruppen, ersetzten sie diese Vokabel durch ┬╗Terroristen┬ź. Das gestattete ihnen, uns in der Haft einer FIES-├Ąhnlichen Isolation auszusetzen. Nicht zu vergessen der beeindruckende und ├╝berfl├╝ssige Einsatz von Sicherheitskr├Ąften, so rechtfertigten sie das Unrecht: erniedrigende Durchsuchungen (unserer Personen, unserer Freunde, gar meiner Mutter), groteske Sicherheitsma├čnahmen w├Ąhrend der ├ťberstellungen, gefesselt an H├Ąnden und F├╝├čen, Augen und Ohren verbunden, Spezialkommandos etc. Und im Gef├Ąngnis: Totale Isolation, uniformierte Kleidung, kein Radio oder Fernsehen, alle Kommunikation zensiert, keine Telefongespr├Ąche… Seit unserer Verhaftung sind fast drei Jahre vergangen und Jos├ę und ich befinden uns immer noch unter gesonderten ┬╗Sicherheitsauflagen┬ź, einfach weil wir sind, wer wir sind, nicht etwa, weil wir eine Gefahr f├╝r jemand darstellten.

Der Prozess war ohne Zweifel eine Farce. Peinlich das Auftreten des Gerichts. Es weigerte sich zu jeder Zeit, die von der Verteidigung berufenen Zeugen anzuh├Âren, und versperrte sich so die Chance, sich zu erkl├Ąren wer wir waren und woher wir kamen, was es war, das uns bewegte, was wir sagten und dachten, und was es war, das sowohl die Menschenrechtsgruppen im spanischen Staat als auch die UNO und andere sagten… Das Aachener Gericht geruhte, kein Licht auf die Ursachen und Gr├╝nde dessen zu werfen, was an jenem traurigen 28. Juni 2004 geschah. Es geruhte vielmehr, der sensationalistischen Gier von Presse und diversen Polizeien aufs Morbide nachzukommen. In unserem Fall band sich Iustitia die Augen nicht. Keine Unparteilichkeit, kriminelles Komplizentum.

Doch das hatte ich irgendwie erwartet. In kapitalistische Warenform verpackte Spektakularit├Ąt, wie jedes Konsumprodukt luftleer verschwei├čt, ohne Gehalt, leicht verdaulich f├╝r eine unkritische Masse. Die Tatsachen, genau so fade und geschmacklos geschrieben wie wahrgenommen.

Was ich nicht erwartet h├Ątte, weil ich die politische Realit├Ąt dieses Landes nicht kannte, war das komplizenhafte Schweigen der ├╝bergro├čen Mehrheit der sich radikal nennenden Linken, die ├ťbereinstimmung mit Version und Argumentation der Herrschenden.

Man kann mit der politischen Analyse und den Aktionen, die Einzelpersonen oder Gruppen vorbringen, einverstanden sein oder nicht; wenn aber die Kritik, die in den systemtragenden Medien stattfindet, einigen als Argumentationsgrundlage daf├╝r dient, die Repression der GenossInnen zu rechtfertigen, die in die H├Ąnde der Staatsb├╝ttel gefallen sind, finde ich daf├╝r kein anderes Wort als: Kollaboration. Und ich habe mich gesch├Ąmt f├╝r diese Art von ┬╗GenossInnen┬ź.

In mehrfacher Hinsicht sind die Haftbedingungen und der Zustand fehlenden Rechtsbeistands in diesem Lande schlimmer als im spanischen Staat. Aber es geht hier nicht um Vergleiche formaler Art oder um eine makabere Rangliste, denn das w├Ąre eine h├Ąssliche Aufgabe. Es geht darum, mit denen solidarisch zu sein, die der direkten Gewalt der Herrschenden unterworfen sind; solidarisch zu sein hei├čt nicht, die ┬╗Ideologie┬ź der Gefangenen oder ihr Handeln in allen Gesichtspunkten zu teilen. Es geht um den Austausch von Eindr├╝cken und Wissen. Es geht darum, in diesem Land, und heute

noch, eine Anti-Knast-Bewegung hinzubekommen, mit antikapitalistischer Perspektive und ohne ins Sektiererische zu verfallen. Oder, wennÔÇÖs beliebt, eine antikapitalistische Bewegung, in der das Thema Gef├Ąngnis den Ort einnimmt, den es in einer sozialen Bewegung verdient.

Ich h├Ątte mir gew├╝nscht, den Prolog zu diesem Buch schriebe ein deutscher Genosse wie Thomas Meyer-Falk, der seit Jahren allein k├Ąmpft, von einem Isolationskerker aus und bedroht von einem Gesetz, dass dem Strafgesetzbuch des Nationalsozialismus entstammt und bis in unsere Tage g├╝ltig ist. Oder jemand der Gefangenen der RAF, die immer noch einsitzen, und das wegen ihrer Symbolkraft eher als wegen sonstiger absurder juristischer, politischer oder sozialer Hintergr├╝nde. Genau diese H├Ąftlinge waren die ersten wirklichen FIES-Gefangenen.

Es gab nicht nur Entt├Ąuschungen in diesem Land. Ich hatte das Gl├╝ck, auf w├╝rdige und konsequente GenossInnen zu treffen, die sich von Staatsangeh├Ârigkeiten oder Ideologien nicht verblenden lassen, sondern denen eigene moralische Werte gelten. Einer dieser Genossen war ohne Zweifel Martin Poell, er war mir mehr als ein Anwalt und war st├Ąndig auf dem Laufenden. Sein so fr├╝her wie unerwarteter Tod am 17. Dezember 2006 lie├č in uns allen, die wir ihn kannten und sch├Ątzten, eine gro├če Leere zur├╝ck. Sein Tod ist ein schwerer Verlust f├╝r uns alle, pers├Ânlich und politisch.

Ich will es auch nicht lassen, Kathrin zu erw├Ąhnen, die von dem Moment unserer Verhaftung an mit uns Kontakt hatte und sich um unsere politische und pers├Ânliche Verteidigung k├╝mmerte, ohne die Repression zu f├╝rchten, die allerdings in der Tat ├╝ber sie herein brach, aufgrund ihrer Solidarit├Ąt mit uns und der absurden polizeilichen Erkenntnis, sie habe ┬╗etwas mit uns zu tun┬ź.

Ich vergesse auch David nicht, der dieses Buch ├╝bersetzt hat, wie auch die anderen ├ťbersetzerInnen, die zahllose Texte zur politischen und sozialen Realit├Ąt im spanischen Staat und das Thema FIES ins Deutsche ├╝bertragen haben.

Und in diesem Abschnitt der Danksagungen m├Âchte ich auch ein wunderbares Paar nicht im Tintenfass zur├╝cklassen, das ├╝ber die letzten drei Jahre solidarisch alle die aufgenommen hat, die nach Aachen kamen, sei es anl├Ąsslich der Justizfarce, oder sp├Ąter zu Knastbesuchen; ich meine Marlies und Kurt.

Vielen Dank an Wolfgang von der Redaktion Gefangenen-Info. Seit Jahren setzt er sich ein f├╝r die Freilassung der letzten Gefangenen der RAF und die politisch-moralische Verteidigung von revolution├Ąren K├Ąmpfen hier und auf der ganzen Welt.

Der Abschnitt der Danksagungen w├╝rde zu lang, schl├Âsse ich

alle internationalen mit ein… Dank an die GenossInnen von Anarchist Black Cross/Cruz Negra Anarquista auf der ganzen Welt. An Bart und Bart, an Valerie, Kobe, Daniel, Marco Camenish, an die gefangenen Genossen im spanischen Staat und der ganzen Welt; an die, die uns verlassen haben und an die Neuen, die sich revolution├Ąren Ideen n├Ąhern; an die Familien der Gefangenen und die Gruppen, die von drau├čen m├Âglich machen, dass die Solidarit├Ąt uns tats├Ąchlich herzlich verbindet und das Netzwerk flicht, in dem wir alle uns wiederfinden, die wir eine gerechtere und menschlichere Welt nicht aufgegeben haben.

Mir ist bekannt, dass dieser Text nicht als konventionelles Vorwort gelten kann, doch bin ich weder konventionell noch bin ich Experte.

Wer die Realit├Ąt kennen lernen und mitmachen will, gehe zu den Veranstaltungen, die zu diesen Themen organisiert werden.

Ich wollte hier nicht ├╝ber mich selbst oder meine politischen Ideen schreiben, denn das geh├Ârt nur mir und den Meinen. Was die im Kampf gebrauchten Mittel angeht, so befinde ich mich nicht in einer Lage, aus der ich jemandem etwas erkl├Ąren k├Ânnte. Wenn ich mich einmal f├╝r den Gebrauch von Waffen entschieden habe, so hat das mit mir zu tun und mit meinen pers├Ânlichen situationsbedingten und situationistischen Anschauungen. Ich dachte nicht etwa an ein vulg├Ąres Konzept von ┬╗bewaffneter Avantgarde┬ź, noch bin ich ┬╗Pazifist┬ź oder ┬╗Bellizist┬ź, sondern einfach ein Revolution├Ąr, der zu emanzipatorischen Prozessen dort beitragen will, wo sie stattfinden.

Bald lasse ich mich in mein Land abschieben. Ich hoffe, dass uns die Zeit, die mir in Deutschland noch bleibt, zur Suche nach Ankn├╝pfungspunkten dienen kann, nicht nur zu realit├Ątsferner Diskussion und Polemik.

Aachen, 1. April 2007

Der Kampf geht weiter, bis wir alle frei sind!

Gabriel Pombo

Widmung

Vielleicht wohnt in uns eine Bestie,

geboren vom Leiden

unter der Trennung

von allem was uns lieb war

Meiner Mutter…

Isabel ├ülvarez Gonz├ílez… (Isa)

Gabriel Pombo da Silva… (Musta)

Eduardo Jean-Baptiste ├ülvarez… (Chico)

Alexandra de Queir├│s Vaz Pinheiro… (Xandra)

Der Freundschaft

Der Hoffnung

Der Freiheit

Allen freien Frauen und M├Ąnnern der Welt im Gef├Ąngnis

Einleitung

Deine wilden Hunde wollen in die

Freiheit; sie bellen vor Lust in ihrem

Keller, wenn dein Geist alle Gef├Ąngnisse

zu l├Âsen trachtet.

NIETZSCHE, Zarathustra

La Coru├▒a, 27. August 1987

Vier Uhr nachmittags, es ist sonnig und hei├č. Sommer in Katanga, einem Viertel von La Coru├▒a. Das gute Wetter l├Ądt zum Spazieren ein, die Stimmung ist entspannt und angenehm. Vielleicht bemerkt deshalb niemand die Anwesenheit der Polizei. Getarnt in ziviler Kleidung und entschlossen angef├╝hrt durch Kriminalinspektor Pe├▒a, nimmt eine Gruppe Polizisten ihre Position ein, in der Umgebung des Wohnsitzes des Mannes, zu dessen Festnahme sie gekommen sind: Spezialisten f├╝r bewaffnete Entf├╝hrungen, sie werden ihrer Beute keine Chance zur Flucht lassen. Zur Menschenjagd bereit.

Es ist f├╝nf Uhr, als Bewegung im beschatteten Hauseingang festgestellt wird. Die T├╝r ├Âffnet sich und heraus kommt in z├╝gigen Schritten ein junger Mann und begibt sich in Richtung einer nahe gelegenen Kneipe. Er hat nichts zu bef├╝rchten, weshalb er vertrauensvoll und unaufmerksam vorw├Ąrts l├Ąuft.

Der Mann ist identifiziert, die Einsatzgruppe setzt sich in Bewegung. Ein Liebespaar verfolgt den Mann, und als die beiden ihn gerade ├╝berholen, zieht sie blitzschnell eine Waffe und h├Ąlt sie ihm vor die Brust, w├Ąhrend er ihn von hinten festh├Ąlt und die Handschellen auf dem R├╝cken anlegt. Das war leicht. Andere Polizisten tauchen aus ihren Winkeln auf, um die Aktion zu unterst├╝tzen. In ihren Augen steht die Zufriedenheit einer gut gemachten Arbeit geschrieben. Mehrere Autos halten vor Ort. Die Beute wird in das Innere eines derselben gebracht, um anschlie├čend in Richtung Polizeirevier zu verschwinden.

Die Nachbarn waren dabei, sie haben das Wirken der Besch├╝tzer von Recht und Ordnung mit ernsten Gesichtern verfolgt. Gro├če Stille herrscht im Viertel. Es ist nicht das erste Mal, dass sie eine Gefangennahme miterleben, und sie danken Gott, dass dieses Mal keines ihrer Kinder dran war. Hier ist die Mehrheit der jungen Leute straff├Ąllig oder drogenabh├Ąngig; schlimmstenfalls beides gleichzeitig. Deshalb applaudiert niemand dem Auftritt des Gesetzes. Wenigstens nicht hier.

Ein Mensch ist soeben von der Karte der Gesellschaft gestrichen worden, und seine Knochen werden ohne Zweifel in einer der fauligen und stinkigen Zellen der Gef├Ąngniskloake landen. Dort wartet auf ihn eine vor Jahren gemachte Schuld an der Gesellschaft, wegen Raubes. Er geht nun den Weg in die F├Ąulnis: den Weg in die H├Âlle der zivilisierten Menschen. Zu zwei Jahren, vier Monaten und einem Tag Haft verurteilt vom Provinzialgericht von La Coru├▒a, wei├č er noch nicht, was das ungerechte Schicksal f├╝r ihn bereith├Ąlt.

Es war der Anfang der Rache derjenigen, die, den Mund voll der Worte Demokratie und Gerechtigkeit, die Autonomie des Individuums, den Ausbruch aus der Schafherde und aus ihren Gesetzen nicht akzeptieren, die seine Verhaftung und anschlie├čenden Freiheitsentzug predigen und ihr eigenes Gewissen mit einer juristischen Legitimierung des gesamten Vorgangs zum Schweigen

bringen.

Mit neunzehn Jahren musste also Jos├ę Tarr├şo Gonz├ílez, bekannt unter seinem Spitznamen Che, seinen h├Ąrtesten Lebensabschnitt antreten. Enterbt von der Welt durch seine Zugeh├Ârigkeit zu einer ├Âkonomisch bescheidenen Familie, trat er einen unerbittlichen Weg an, vom Internat in die Erziehungsanstalt und von dort ins Gef├Ąngnis. Er wei├č besser als irgendjemand, dass f├╝r ihn die Reise ins Leben nicht mit dem gleichen Gep├Ąck wie f├╝r die Kinder aus besser situierten Familien begann, dass er nicht dieselben Chancen hatte wie diese. Einen Teil seiner Kindheit und Jugend hat er in verschiedenen Anstalten verbracht. Der Staat hat ihn erzogen. Zu oft wurde er brutal verpr├╝gelt von denjenigen, die mit seiner Vormundschaft betraut waren und sich das Recht herausnahmen, ihn zu strafen. Er wei├č, dass das derzeitige System ungerecht ist und nur einige wenige bevorteilt. Die ├ťbrigen werden zu Sklaven des Uhrzeigers gemacht. Er hat sich geweigert mitzumachen, er hat seine Anarchie offen erkl├Ąrt, ohne Scheinheiligkeit. Er selbst ist sich Richter und Gesetz, was sie ihm nie verzeihen werden, sie, die ┬╗Ehrbaren┬ź und ┬╗Gerechten┬ź.

Heute, am 15. September 1994, sieben Jahre sp├Ąter, sitzt er in einer Zelle unter den Sonderbedingungen FIES, im Hochsicherheitsgef├Ąngnis von Picassent, Valencia. Diese Sonderbedingungen, aus gutem Grund als die h├Ąrtesten in ganz Spanien eingesch├Ątzt, sind 1991 von der Strafvollzugsverwaltung eingef├╝hrt worden, um die Welle der Aufst├Ąnde, Geiselnahmen und Ausbr├╝che einzud├Ąmmen, die jenen Sommer die spanische Gef├Ąngnislandschaft verw├╝stet, und die immer noch gelten, obwohl sie laut K├Âniglichem Erlass Nr. 787 vom 26. M├Ąrz 1984 nicht gelten d├╝rften. Dort auf brutale Weise isoliert vom Rest der inhaftierten Bev├Âlkerung befindet sich ein Teil der von FIES betroffenen, von der Generaldirektion des Strafvollzugs als besonders konfliktbereit eingesch├Ątzte Gefangene oder Spezialisten f├╝r Ausbr├╝che. Die Strafe von zwei Jahren, vier Monaten und einem Tag, wegen derer die Verhaftung stattgefunden hatte, hat sich erh├Âht auf insgesamt einundsiebzig Jahre Gef├Ąngnishaft, und zur Zeit wird deren Verdreifachung verhandelt in verschiedenen Prozessen, die die Justiz wegen verschiedener Delikte gegen ihn ablaufen l├Ąsst.

Jetzt nutzt er seine Zeit, um zu studieren, zu lesen und in seinen Freistunden Sport zu treiben. Wie so viele vor ihm, wurde er vor die Alternative gestellt: Unterwerfung oder Rebellion. Er w├Ąhlte letzteres, und das werden sie ihm ebenfalls nicht verzeihen. Er setzt sich also mit dieser Rache auseinander, deren Anfang Jahre zur├╝ckliegt und der er allein mittels einer Flucht entkommen k├Ânnen wird, setzt sich auseinander mit der Unterwerfung oder mit dem Tod, der lang und grausam mit ihm spielt, sich in ihm breitmacht, in Form von AIDS. Er wei├č es. Deshalb hat er mit den ersten Zeilen eines Manuskripts begonnen. Er wird versuchen, die Realit├Ąt im Gef├Ąngnis zum Ausdruck zu bringen und das Scheitern des Gef├Ąngnissystems mit seinen barbarischen und antiquierten Strafen. Die ├ťberpr├╝fung und Reform der Gesetze, die dieses System regeln, waren dringend n├Âtig. Seine Erfahrung ist allerbestes Beispiel f├╝r die Anwendung gewisser systematischer Methoden, die viele Menschen in regelrechte Bestien verwandeln. In den vorliegenden Seiten haben alle Gefangenen Platz, in deren Herzen immer noch Freundschaft, Hoffnung und Freiheit gl├Ąnzen, den wilden Methoden zum Trotz, denen sie in ihrer Haft unterworfen sind und die zum Gro├čteil an der Krankheit AIDS leiden. Ihnen widmet er ausdr├╝cklich sein Manuskript, denn sie repr├Ąsentieren den Mut von Menschen, die t├Ąglich mit dem Tod konfrontiert, allein mit ihrer Selbstachtung, ihren ├ängsten, die in eiskalten Zellen und schrecklicher Einsamkeit immer noch w├╝rdig hoffen. Diesen Mutigen, die k├╝hn daf├╝r k├Ąmpfen, in den Armen des einzigen Rechts zu sterben, welches man weder wegdiskutieren noch in Ketten legen kann: In den Armen der Freiheit.

Picassent, 15. August 1994

Erster Teil: Auf dem Weg in die F├Ąulnis

Gef├Ąngnis von La Coru├▒a, 19. August 1987

Auf den ersten Blick erweckt es eine gewisse Neugier mit seiner quadratischen Form und seinen Mauern aus altem Stein, verwittert von der Feuchtigkeit und dem Salz des nahen Meeres. Sein trauriger Anblick und die Grabesstille, die es umgibt, erlauben zusammen mit dem langsamen Gang der Guardias Civiles, die bewaffnet mit Maschinenpistolen sein Gel├Ąnde bewachen, die langen Jahre des Leidens zu erahnen, die jene Mauern eingeschlossen halten.

Das Gef├Ąngnis von La Coru├▒a, gegen├╝ber dem romanischen Herkulesturm, ist ein Geb├Ąude im alten Stil, an dessen Eingang, gestreichelt von der Meeresbrise, eine spanische Flagge weht. So tauchte es einmal mehr vor mir auf, als der Polizeitransporter die letzte Kurve zu seiner Einfahrt nahm.

┬╗Wir sind da, Tarr├şo┬ź, schrie mir einer der Bullen zu.

In der Tat, wir waren angekommen. Ich nahm einen letzten Zug von der Zigarette, warf sie auf den Metallfu├čboden des Transporters und zerdr├╝ckte sie mit dem Schuh. Die T├╝r ├Âffnete sich, und nach einer vorbeugenden Untersuchung der Fesseln, die meine H├Ąnde an den Gelenken zusammen hielten, stieg ich aus dem Transporter, eskortiert bis zum Eingang des Gef├Ąngnisses. Ein schlecht gelaunter Schlie├čer nahm uns in Empfang. Er wurde die Kr├Âte genannt, wegen seines betr├Ąchtlichen Doppelkinns. Zur Einweisung nahm man mir neue Fingerabdr├╝cke ab und die Handschellen wurden mir aufgeschlossen. Nach dem ├╝blichen Papierkram entfernten sich die Diener des Gesetzes und ├╝berlie├čen mich endg├╝ltig der Obhut der Strafvollzugseinrichtung. Mein Leben, meine Freiheit und meine Gef├╝hle waren von jetzt ab den Launen der Schlie├čer unterworfen, die die Menschen in Haft befehligten und kontrollierten. Sie waren dort Polizei, Gesetz und Richter, und sie handelten mit absoluter Immunit├Ąt. So war das Gef├Ąngnis. Mehrere Schlie├čer kamen herunter, um mich abzuholen.

┬╗Nanu, Tarr├şo, schon wieder hier?┬ź sagte einer von ihnen.

┬╗Wie du siehst…┬ź, antwortete ich ernst, ohne Lust ein Gespr├Ąch zu beginnen.

Sie lie├čen mich alle Kleidung ablegen, obligatorisch und ├╝blich bei der Einweisung, mit dem Sinn, etwa illegal von au├čen Mitgebrachtes zu entdecken. Ich kannte den ganzen Vorgang, nicht umsonst war ich Gewohnheitskunde in dieser Anstalt. Ich hatte sie nur zwei Monate zuvor verlassen, nach sechs Monaten Haft. Nach Abschluss meiner Registrierung wurde ich wegen meines Alters in den Trakt f├╝r Minderj├Ąhrige gebracht.

Ich traf dort mehrere Freunde, die herauskamen, um mich zu begr├╝├čen.

┬╗Was ist passiert, Jos├ę?┬ź fragten sie mich, als ich mich auf die Aufnahmezellen zubewegte.

┬╗Nichts Schlimmes. Die Reklamation meiner zwei Jahre. Schickt mir sp├Ąter Bettw├Ąsche, etwas Kleidung, Essen und ein paar Zigaretten, OK? ├ťber alles weitere werden wir genug Zeit haben zu reden.┬ź

Ich musste mindestens drei Tage ├ťbergangszeit allein in einer Zelle verbringen. Diese Isolation hatte keinen Nutzen, war jedoch bei allen Einweisungen ├╝blich. Nach Ablauf der drei Tage w├╝rde ich auf den Hof hinausgehen und mit meinen Freunden zusammen in eine Zelle ziehen d├╝rfen. Unterdessen w├╝rde ich dort bleiben m├╝ssen.

In der Zelle angekommen, wandte sich ein Schlie├čer aus meiner Eskorte an mich:

┬╗Die Zelle ist ziemlich dreckig. Nachher bringt man Ihnen einen Putzeimer, damit Sie sie s├Ąubern k├Ânnen.┬ź

┬╗Ich w├╝rde auch gern die Dusche benutzen…┬ź

┬╗Am Nachmittag. Werden Sie mittagessen?┬ź

┬╗Nein. Die andern werden mir am Nachmittag Essen und Kleidung schicken. Ich hoffe, man l├Ąsst die Sachen durch.┬ź

┬╗Einverstanden┬ź, antwortete er und schloss die T├╝r hinter sich.

Ein Gef├╝hl der Leere ├╝berflutete die Zelle, und die Einsamkeit bem├Ąchtigte sich meiner. Ich legte mich r├╝cklings auf die vergammelte Matratze, mit den H├Ąnden unter dem Kopf verschr├Ąnkt, in Gedanken. Es war die Zeit gekommen, zu bezahlen, doch bis zu welchem Punkt hatte die Gesellschaft moralisches Verm├Âgen, das als gerecht hinzustellen? Zwei Jahre, vier Monate und ein Tag meines Lebens wegen eines simplen Raubes ohne Gewaltanwendung? War das wirklich eine gerechte Strafe oder vielmehr unverh├Ąltnism├Ą├čiges Abstrafen durch einen Richter, der mich den bitteren Geschmack einer exemplarischen Strafe kosten lassen wollte? Andererseits, wo befand sich die Grenze des selbst erteilten Rechts des Staates, zu strafen? Wer kontrollierte jene Strafe, und bis wohin war es legal oder human sie zu verl├Ąngern?

Sch├Âne Erinnerungen bes├Ąnftigten meine Gr├╝beleien. Erinnerungen, die nach und nach mit dem Lauf der Zeit verwelkten, w├Ąhrend andere st├Ąrker wurden. Ich war traurig.

Mit der Brotzeit am Nachmittag brachten sie mir die Kleidung, das Essen und den Tabak von meinen Freunden. Auch einen Eimer voll mit Putzmittel gaben sie mir, einen Wischmopp und einen Besen. Ich ging hinunter, um zu duschen und mir saubere Kleidung anzuziehen, mit der ich mich besser f├╝hlte. Sp├Ąter wischte ich die Zelle mit dem Putzmittel, und nachdem ich das Bett neu bezogen hatte, schritt ich bis zum Abendessen die Zelle auf und ab. Sie war klein: Die Zelle ma├č etwa vier Meter in der Breite mal dreieinhalb in der L├Ąnge. Wie die anderen Zellen auch, war sie wei├č gestrichen. Die W├Ąnde wiesen in Jahren angesammelten Schmutz auf. Ohne Zweifel war es lang her, dass man sie gestrichen hatte. Man konnte Worte lesen wie: ┬╗Mutterliebe┬ź, ┬╗Schlie├čer sind Arschl├Âcher┬ź, ┬╗geboren zu leiden┬ź oder Namen mit Datumsangaben. Die S├Ątze waren die einzigen Vertrauten gewesen f├╝r viele der dort eingesperrten M├Ąnner, fern jeder menschlichen W├Ąrme. Und sie werden es weiterhin sein.

Das Fenster war von au├čen mit einer Metallplatte verdeckt worden, damit wir Gefangenen die Felder oder das Meer nicht sehen konnten. Das Bett war aus Metall und fest in den Boden verankert. Eine Gl├╝hbirne, ein Waschbecken und ein ebenerdiger Abort vervollst├Ąndigten das Arrangement an Elementen, mit denen die Zelle eingerichtet war. Es war so sch├Ąbig wie in allen Zellen, die ich kennengelernt hatte.

Nach mehreren Minuten Auf- und Abgehen kam das Abendessen. Ich a├č auf dem Bett sitzend, denn es gab keinen Tisch und keinen Stuhl. Sp├Ąter z├╝ndete ich mir eine Zigarette an, zog mich aus und legte mich ins Bett. Ich war m├╝de. Nach einer Weile schlief ich ein.

Nach den drei Tagen ├ťbergangszeit kam einer der Dienstleiter, um mich zu sehen:

┬╗Tarr├şo, ich bringe schlechte Nachrichten f├╝r Sie┬ź, sagte er, ┬╗Der Direktor hat angeordnet, dass auf Sie Artikel 10 angewendet wird. Wir m├╝ssen Sie in Isolation bringen…┬ź

┬╗Weshalb denn das? Ich bin doch gerade erst angekommen.┬ź – ich war verst├Ârt.

┬╗Ich wei├č es nicht, Tarr├şo, ich glaube, das hat mit dem Streik zu tun, den Sie und ihr Freund Eduardo angezettelt haben, als Sie das letzte Mal hier waren. Sie waren deshalb bis zuletzt auf Artikel 10…┬ź

┬╗Ich wei├č schon.┬ź

├ťberraschend fand ich mich also erneut in Isolation wieder. Das war einer der vielen Amtsmissbr├Ąuche, die in diesem Gef├Ąngnis t├Ąglich stattfanden. Das Schlimmste war, dass ich nichts dagegen tun konnte, ich hielt also den Mund, packte meine Sachen und bewegte mich in Richtung Isolationsetage. Von ihren Fenstern aus gr├╝├čten mich meine Freunde:

┬╗Eh, Jos├ę, wo gehst du hin?┬ź

┬╗Da kommt ihr nicht drauf┬ź, antwortete ich ihnen mit Humor.

┬╗Ach du Schei├če!┬ź rief einer.

┬╗Ich habÔÇÖ das gro├če Los gezogen!┬ź

Ich suchte die ger├Ąumigste Zelle aus und zog ein. Ich hatte einige Zentimeter Raum gewonnen, einen Tisch, einen Stuhl und ein vergittertes Fenster, ohne Metallplatte, das mich das Gel├Ąnde sehen lie├č und den Wachturm der Guardia Civil. Ich vertraute darauf, dass man mich bald hier herausholen w├╝rde. Mich isoliert zu halten, bedeutete f├╝r sie soviel wie Ruhe, denn ich hatte bei Gelegenheit einen recht aufbrausenden Charakter und war st├Ąndig in Streitereien verwickelt. Sie hielten mich f├╝r konfliktwillig. Ich nahm es also mit Gelassenheit. Von nun an w├╝rde ich nur zwei Stunden am Tag Hofgang haben, allein.

Diesen Monat lie├čen sie mich Besuch erhalten. Meine Onkel kamen, in Begleitung von Isa. Sie brachten mir die Nachricht vom Tod meines Cousins Lute. Diese Nachricht tat mir weh, denn er war ein guter Freund, mit dem ich die vergangenen Jahre zusammen gelebt hatte. Sein Tod ├╝berraschte mich nicht; sein Leben konnte man mit dem Wort Drogen zusammenfassen, und alle wussten wir, dass er an den Drogen gestorben war. Ich sprach zu Isa:

┬╗Hallo, Prinzessin, danke, dass du gekommen bist…┬ź

┬╗Hallo Che. Du wei├čt, dass ich immer, wenn du im Knast bist, kommen werde. Bis jetzt bin ich nicht ausgefallen, stimmtÔÇÖs?┬ź

┬╗Wie geht es dir?┬ź fragte ich sie.

┬╗Gut. Ich hoffe, die lassen dich hier raus. Ich vermisse dich…┬ź

Mir gefiel ihre Gesellschaft sehr. Isa war Waise ihrer geliebten Mutter. Ihr Vater hatte noch einmal geheiratet, und er und seine Frau zusammen machten ihr das Leben unm├Âglich. Sie floh aus einer ungl├╝cklichen Welt, aus dem, was ihr Zuhause h├Ątte sein sollen. Jetzt lebte sie mit ihren Freundinnen zusammen.

Eines Tages, ich wei├č immer noch nicht warum, wollte mein Freund Viqueira sie nach einer Diskussion schlagen, wogegen ich mich einsetzte. Ich hatte nie weiter auf sie geachtet; die Tatsache jedoch, dass ich mich mit meinem Freund angelegt hatte, um sie zu verteidigen, einte uns fortan. Wir schrieben unsere Freundschaft gro├č. Nun redeten wir miteinander, dabei weit entfernt von der wirklichen Zukunft, die wir uns nicht einmal vorstellen konnten. ┬╗Du solltest einen AIDS-Test machen, Jos├ę┬ź, sagte mein Onkel Suso.

Ich wollte mich zu Anfang vor der Idee verschlie├čen, sagte aber schlie├člich zu. Ich versprach ihnen, den Test zu machen.

Die Sorge meiner Familie best├Ątigte sich: Ich war Tr├Ąger von HIV-Antik├Ârpern: Positiv. Die krude und reale Bedeutung dieser Nachricht war ein schwerer Schlag f├╝r mein Gem├╝t; sehr schwer f├╝r jemanden, der nur neunzehn Jahre alt ist. Ich wusste aber, dass Jammern mir nichts helfen w├╝rde und dass ich ernste Entscheidungen in Hinblick auf die Drogen und auf mein Leben w├╝rde treffen m├╝ssen. Ich entschied mich, die Drogen sein zu lassen und anzufangen, mich k├Ârperlich fit zu halten mittels sportlicher ├ťbung. Ich wollte der Krankheit in guter Verfassung entgegentreten und die letzten Jahre, die mir der Widerstand meines Organismus gegen das Virus g├Ânnen w├╝rde, voll aussch├Âpfen und genie├čen. Ich w├╝rde k├Ąmpfen. Dessen war ich sicher.

Gef├Ąngnis von Pereiro de Aguiar, November 1987

Einen Monat nach dieser Nachricht, die den Lauf meines Lebens ge├Ąndert hatte, wurde ich in das Gef├Ąngnis von Orense verlegt. Die Fahrt machte ich in einem kleinen Transporter, allein. An meinem neuen Ziel angekommen, befahlen sie mir, mich auszuziehen. Ich gehorchte, und nach dem Anziehen brachten sie mich in den Isolationstrakt, dessen einziger Insasse ich war. Sie h├Ąndigten mir einen Satz Bettw├Ąsche und eine Decke sowie einen Satz Toiletten- artikel aus, bestehend aus zwei Rollen Klopapier, einer Zahnb├╝rste, Zahncreme und einem St├╝ck Seife. Ich dankte ihnen. Hier k├╝mmerte man sich wenigstens um einiges ernsthafter als im Gef├Ąngnis von La Coru├▒a um Hygiene und Sauberkeit.

Das Gef├Ąngnis von Orense in Pereiro de Aguiar war neu und modern. Deshalb befanden sich die Zellen noch in gutem Zustand. Sie waren ger├Ąumig und sauber. Die Fenster waren nicht vergittert, sondern mit kugelsicherem Glas ausgestattet, drei Lagen dick. Damit wollte man dem Gef├Ąngnis einen humaneren Anblick verleihen, um glauben zu machen, die Gefangenen seien weniger gefangen, freier. Nichts war weiter entfernt von der Realit├Ąt. Die Betten waren aus Stein, und auf ihnen ruhte eine saubere und harte Matratze. Eine T├╝r trennte das Klo vom Rest der Zelle. Das Waschbecken aus rostfreiem Edelstahl war in einen Zementblock eingelassen; gegen├╝ber desselben gl├Ąnzte ein gro├čer an die Wand geklebter Spiegel. Es waren auch ein Stuhl und ein Tisch gebaut worden, beide aus Zement. Wollte man etwa mittels relativer Bequemlichkeit das Gem├╝t des H├Ąftlings bes├Ąnftigen? Ich musste zugeben, dass sich dies hier im Vergleich zu dem Kerker, den ich gerade hinter mir gelassen hatte, um einiges bequemer bewohnen lie├č.

Am n├Ąchsten Tag holten sie mich zum Spaziergang heraus auf einen Hof mittlerer Gr├Â├če. Ich staunte. Im Hof gab es vier St├╝ckchen Garten, eins in jeder Ecke. Die B├Ąumchen bescherten mir ironische Gedanken und eine gewisse Heiterkeit. Es war ein schr├Ąger geschmackloser Scherz. Der Gerechtigkeitsbegriff der ehrbaren Leute beinhaltete h├Ąufig derartige Absurdit├Ąten. Dachten sie vielleicht, eine dieser Pflanzen w├╝rde zu mir sprechen oder umgekehrt?

Es war rechtens, einen Menschen in andauernder Stille gefangen zu halten, doch bittesch├Ân auf elegante und zivilisierte Weise.

Jenem Gef├Ąngnis stand damals Jos├ę Ignacio Berm├║dez vor, ein Psychologe, der k├╝rzlich zum Posten des Direktors aufgestiegen war. Ich wusste es damals nicht, doch dieser Mensch w├╝rde Jahre sp├Ąter wieder meinen Weg kreuzen. Ich w├╝rde die Gelegenheit haben, den gesamten F├Ącher seiner M├Âglichkeiten kennenzulernen, er w├╝rde Direktor des Gef├Ąngnisses von Dueso, Santander sein. Doch das ist eine andere Geschichte.

Die Tage verliefen normal und ich gew├Âhnte mich an Einsamkeit und Stille. Ich begann mich f├╝r das Lesen zu begeistern. Ich wurde erneut nach La Coru├▒a gebracht, um an einem Prozess im Provinzialgericht teilzunehmen, zusammen mit meinem Freund Eduardo Jean-Baptiste ├ülvarez, wegen K├Ârperverletzung. Chico war Tage zuvor verhaftet und wegen mehrerer Bankraube angeklagt worden. Dort traf ich ihn.

┬╗Was ist mit dir los?┬ź fragte ich ihn, nachdem ich ihn umarmt hatte, auf dem Weg ins Gericht.

┬╗Sie erheben Anklage wegen ein paar Banken, doch sie haben keine Beweise…┬ź

┬╗Gut, dann bist du vielleicht in ein paar Monaten drau├čen.┬ź

┬╗Das will ich doch stark hoffen, Kollege.┬ź

Der Transporter hielt an. Sie holten uns heraus, der eine an des anderen Handgelenk gefesselt, und brachten uns, eskortiert von einer Gruppe Bullen, die gut gelaunt schienen, in den zweiten Stock, wo sie uns in einen kleinen Raum einschlossen. Bevor ich dort hineinging, konnte ich zwischen den Leuten Isa erkennen, die gekommen war, um mich zu sehen. Ich l├Ąchelte ihr zu. Ihre Freundin Sandra, die einmal zur Geliebten eines Freundes werden w├╝rde, begleitete sie. Ich erreichte, dass sie mich einen Moment zu ihr lie├čen.

┬╗Hallo Prinzessin, wie geht es dir?┬ź

┬╗Gut, und dir? Hoffentlich bringen sie dich zur├╝ck nach La Coru├▒a, damit ich wieder wie vorher kommen kann.┬ź

┬╗Ich wei├č nicht, ob sie mich nochmal hierher bringen; um mich fern von La Coru├▒a zu wissen, sind die zu allem f├Ąhig…┬ź

┬╗Ich habe dir einen Haufen Briefe geschrieben, mit Fotos, hast du die bekommen?┬ź

┬╗Ja, sie haben mir sehr gefallen, danke, meine Kleine.┬ź

Wir l├Ąchelten beide. Wir hielten diese Beziehung f├╝r etwas ├╝ber das Vulg├Ąre Erhabenes, sehr Erhabenes. An ihrer Seite l├Âste sich jedes Problem in Freude auf; es war wie die verlorene Kindheit zur├╝ck zu bekommen, ohne Scham aufzutreten, noch einmal Kind zu sein. Sie war jung und voller Leben, voller Freude und Phantasie, ihre Gegenwart verwandelte mich, kein Zweifel.

Der Prozess verlief normal und ohne Zwischenf├Ąlle. Die Pantomime einer Gruppe Erwachsener, die g├Âttliche Gerechtigkeit spielen. Ich blieb gleichg├╝ltig. Eine betr├Ąchtliche Blamage. Die Zwangsverteidigung ein Lacher. Einzig der Staatsanwalt zeigte ein gewisses Ma├č sprachlicher Gewandtheit, gierig auf ein hartes Urteil gegen uns, gierig auf die n├Ąchste Stufe seiner Ekel erregenden Karriereleiter.

Nach Ende der Sitzung brachte man uns zur├╝ck ins Gef├Ąngnis. Auf meinen Freund hatten sie ebenfalls Artikel 10 angewendet, weshalb wir in dieselbe Abteilung kamen. Wir begr├╝├čten die Freunde, die uns von ihren Zellenfenstern aus riefen, als wir den Hof ├╝berquerten, um den Isolationstrakt zu betreten. Es herrschte eine freundschaftliche Stimmung zwischen uns.

Am n├Ąchsten Tag brachten sie mich erneut ins Gef├Ąngnis von Orense. Dort nahm ich die ├╝bliche Monotonie wieder auf, diesmal in Gesellschaft zweier Gefangener, die aus den anderen Trakten hierher verlegt worden waren, um ihre Disziplinarstrafen in Isolation abzuleisten. Ich war bem├╝ht mich gut zu betragen angesichts des Versprechens der Direktion, mich Mitte Dezember aus den Artikel-10-Haftbedingungen herauszunehmen. Regelm├Ą├čig erreichten mich Briefe von Isabel, und ich verbrachte lange Stunden am Tisch und verfasste ausf├╝hrliche Mitteilungen zur Antwort. Wir erz├Ąhlten uns all unsere Geheimnisse, Sorgen und W├╝nsche. Ihre st├Ąndigen Briefe f├╝llten die Leere, die in allen Isolationstrakten herrscht; sie taten mir sehr wohl. Immer holte sie sich von mir zu den Themen Rat, die in ihrem Leben wichtig waren. Sie war einfach bezaubernd. Auch schickte sie mir Briefe meines Freundes Chico, und half uns so, die Verwaltung auszutricksen, wo doch die Korrespondenz zwischen Gefangenen im ge├Âffneten Umschlag abgegeben werden musste, denn sie wurde gelesen. So erfuhr ich, dass er in K├╝rze in die Anstalt von Teruel verlegt werden w├╝rde, die traurig ber├╝hmt war f├╝r die Messerstechereien und Morde, die regelm├Ą├čig zwischen den Gefangenen stattfanden. Ich w├╝nschte ihm Gl├╝ck. Die Direktion ihrerseits hielt Wort und hob Mitte Dezember die Artikel-10-Bedingungen f├╝r mich auf, mit der Folge meiner Verlegung nach La Coru├▒a.

Gef├Ąngnis von La Coru├▒a, Dezember 1987

In La Coru├▒a erwartete mich eine kleine ├ťberraschung von Seiten der Direktion. Obwohl ich aus Artikel 10 entlassen war, wurden f├╝r mich gesonderte Haftbedingungen angeordnet, als Vorsichtsma├čnahme. Das hie├č, dass ich nur am Nachmittag zusammen mit den ├╝brigen H├Ąftlingen auf den Hof gehen w├╝rde. Die restliche Zeit w├╝rde ich in die Zelle eingeschlossen verbringen. Einmal mehr trat die Willk├╝r der Machthaber im Gef├Ąngnis offen zu Tage. Die Strafvollstreckungskammer, die daf├╝r zust├Ąndig war, die Einhaltung der Strafvollzugsordnung zu kontrollieren, blieb total passiv. Mir blieb nichts anderes ├╝brig, als das so zu akzeptieren; es w├╝rde immer besser sein, als zur├╝ck unter Artikel 10 zu kommen. Ich erreichte jedoch, dass ich eine Zelle zusammen mit meinem Freund Miguel Exp├│sito belegen k├Ânnte, der sich in derselben Lage wie ich befand.

Isabel nahm die Besuche wieder auf. Sie kam zu allen Terminen, und wir sprachen ├╝ber die Zukunft. Zu ihrem siebzehnten Geburtstag schenkte ich ihr eine goldene Kette, mit einem vierbl├Ąttrigen Kleeblatt als Anh├Ąnger, das ihr Gl├╝ck bringen sollte. Sie war zur wichtigsten Person in meinem Leben geworden. Manchmal wollte auch mein Vater mich sehen. Wir tolerierten uns, doch auf unserer Beziehung lastete stets die Vergangenheit. Er hatte es nicht verstanden, mir ein guter Vater zu sein, und auch nicht meiner Mutter ein guter Ehemann, und Letzteres konnte ich ihm nicht verzeihen. Damals war das einzig Wichtige f├╝r mich, dass die Zeit schnell verstrich, so schnell wie m├Âglich. Zweieinhalb Jahre Knast waren trotz allem nicht viel. Die Angst vor AIDS qu├Ąlte mich nicht allzu sehr, obwohl mir bewusst war, dass mein Leben in jedem der kommenden Jahre enden k├Ânnte. Es gab kein wirksames Medikament, man konnte nichts machen, weshalb ich es als Teil des Preises ansah, der um zu leben gezahlt werden muss. F├╝r den Augenblick machte ich Pl├Ąne f├╝r die Zeit, wenn ich die Freiheit zur├╝ck bekommen w├╝rde; ich wollte Isa vorschlagen, zu mir in meine Mietwohnung im Viertel Laba├▒ou zu ziehen, wo ich mit meinem Vater gewohnt hatte, wenn er von der Gran Sol kam, einem Fischereischiff, auf dem er als Obermaat arbeitete. Ich hatte vor, umgeben von den Personen zu leben, die ich am meisten mochte: umgeben von meinen Freunden.

Eines Nachmittags, w├Ąhrend ich mit Miguel spazieren ging, kam ein Gefangener auf uns zu, den wir unter dem Spitznamen Fito kannten, um mit mir zu reden und mir eine Nachricht zu ├╝berbringen: Mehrere H├Ąftlinge von El Ferrol wollten mit mir sprechen und bestellten mich dazu in ihre Zelle. Ich traute dem nicht, denn vorher war ich mit einigen von ihnen aneinandergeraten und ich wusste, dass sie sauer auf mich waren. Jetzt waren sie zahlenm├Ą├čig ├╝berlegen, ich konnte nur auf meinen Freund Miguel z├Ąhlen, doch ich scherte mich nicht darum. Ich ging in Begleitung meines Freundes hoch, ein Stilett in der Tasche, zur Vorsicht, und fand sie versammelt in ihrer Zelle vor.

┬╗Fito sagt, ihr wolltet mich sehen?┬ź fragte ich.

┬╗Na ja┬ź, sagte einer von ihnen. ┬╗El Vaca will mit dir reden.┬ź

┬╗Ja┬ź, fing der Angesprochene an, ┬╗es geht darum, was du heute morgen ├╝ber Amadeo gesagt hast.┬ź

┬╗Schau, Vaca, Amadeo ist seit zehn Jahren mit mir befreundet, wei├čt du? Deshalb, falls du irgendein Problem mit ihm hast, l├Âse es jetzt mit mir und wir beenden die Angelegenheit.┬ź

Daraufhin stand er auf und zog aus seinem G├╝rtel ein gr├Â├čeres Stilett als meins. Er forderte mich heraus:

┬╗Wie willst du es, mit den F├Ąusten oder mit dem Messer?┬ź

┬╗Mit dem Messer┬ź, antwortete ich ihm kalt, f├╝hlte nach meinem, hielt es aber versteckt.

Wir liefen zum Speiseraum hinunter und gingen hinein. Nebenan gab es einen kleinen Raum. Dort gingen wir hinein. Er suchte einen seiner Kumpels aus, der ihm w├Ąhrend des Kampfes den R├╝cken decken sollte, bei mir blieb Miguel. Die ├ťbrigen gingen auf den Hof hinaus, um umher zu spazieren; sie w├╝rden aufpassen, dass die Schlie├čer nicht in die N├Ąhe kamen. Der Kampf begann. Wir sahen uns an, mit den Messern in der rechten Hand fuchtelnd an und f├╝hlten ein bisschen vor, indem wir ziemlich sinnlos die Messer schwangen. Beide hatten wir Angst; es w├╝rde derjenige gewinnen, der das Messer besser beherrschte, oder ein Gl├╝ckstreffer w├╝rde entscheiden.

Wir tauschten Messerstiche aus und die Messerklinge meines Widersachers drang in meinen K├Ârper ein, zwischen Schulter und Brust, ein stechender Schmerz. Ich tat, als h├Ątte ich nichts bemerkt; das Gegenteil w├╝rde ihn ermutigen. Sein Messer und sein Arm waren gr├Â├čer als meine, wodurch ich mich im Nachteil befand. Seine Augen aber verrieten mir, dass er um einiges erschrockener war als ich, und ich nutzte die Gelegenheit. Wir tauschten noch mehrere Messerstiche aus, wobei ich mit meiner Messerklinge seine Magenwand leicht ber├╝hrte. Das zwang ihn, erschrocken zur├╝ck zu weichen, den Raum zu verlassen und auf einen Tisch im Speiseraum zu steigen. Angst hatte sich seiner bem├Ąchtigt. Ich forderte ihn auf herunterzukommen und weiter zu k├Ąmpfen, er wollte aber nicht. Wir vereinbarten alle zusammen, es damit gut sein zu lassen, ich erkl├Ąrte mich einverstanden.

Jene Nacht s├Ąuberte mein Freund Miguel mir in der Zelle die Wunde. Sie war nicht sehr tief, blutete jedoch heftig; mein Hemd war voller Blut. Sie hatten meine M├Ąnnlichkeit auf die Probe stellen wollen. Das kam im Gef├Ąngnis h├Ąufig vor, vor allem unter den J├╝ngsten. Warst du nicht in der Lage, dir allein Achtung zu verschaffen, w├╝rde niemand, absolut niemand dich respektieren. So war das Gef├Ąngnis. Vor dem Kampf zu kneifen w├Ąre gleichbedeutend damit gewesen, zu akzeptieren, in aller Augen als Feigling dazustehen. Es w├Ąre ein schwerer Schlag f├╝r meinen Stolz gewesen, was zuzulassen ich nicht bereit war. Die Schmach zu erleiden man hielte mich f├╝r feige zog ich vor, mein Leben in einer Messerstecherei aufs Spiel zu setzen. Die Jugend ist der schlimmste Feind des Jugendlichen, da war ich keine Ausnahme. Ich hatte die n├Âtige Reife nicht, um das f├╝r eine Dummheit zu halten. An diesem Punkt meines Lebens waren Stolz und Arroganz am wichtigsten, gegr├╝ndet auf den Wert: M├Ąnnlichkeit zu zeigen und zu verteidigen, nur darauf kam es an. Alle Jugendlichen in diesem Knast tr├Ąumten davon, hart zu sein, und das Gef├Ąngnis offenbarte uns andauernd die Chance dazu. Hier w├╝rden wir lernen, gute Banditen zu sein.

Unseren Vorsichtsma├čnahmen zum Trotz bekam die Direktion schlie├člich Wind von unserer Keilerei. Man machte mich verantwortlich. Das war der erste Schritt zu meiner Einstufung unter Haftbedingungen ersten Grades im geschlossenen Vollzug. Sie setzten mir unversch├Ąmt zu, ich hatte also keine Scheu, mit meinem schlechten Betragen genau dort weiterzumachen, wo ich aufgeh├Ârt hatte.

Weihnachten zog sang- und klanglos vor├╝ber. Wir feierten mit Apfelwein aus eigener Produktion. Meine Einstufung wurde beibehalten. Ich wusste, dass man die Gelegenheit nutzen w├╝rde, um mich loszuwerden, weshalb es mich nicht ├╝berraschte, als mich eines Februarmorgens ein paar Schlie├čer weckten.

┬╗Tarr├şo, packen Sie Ihre Sachen, Sie gehen auf die Reise.┬ź

┬╗Wohin?┬ź

┬╗Nach Zamora.┬ź

Ich zog mich an, packte alle meine Sachen in mehrere Sporttaschen zusammen und verabschiedete mich von meinen Freunden. Anschlie├čend ging ich ohne weiteres Vorspiel von mehreren Schlie├čern eskortiert in Richtung des Eingangsgitters, wo mich mehrere Guardias Civiles erwarteten. Dort befanden sich andere Gefangene, zu Paaren aneinander gefesselt. Ich war der Letzte, der ankam. Sie nahmen mir wie auch den anderen H├Ąftlingen die zum Vorgang geh├Ârenden Fingerabdr├╝cke ab und schoben uns in den gr├╝nen Gefangenentransporter, der am Gef├Ąngniseingang auf uns wartete. Als das Gep├Ąck im Kofferraum verstaut war, setzten wir uns in Richtung auf das Gef├Ąngnis von Le├│n in Bewegung, wo wir die Nacht verbringen w├╝rden, um am n├Ąchsten Morgen weiterzufahren.

Die Transportbedingungen empfand ich als Zumutung f├╝r die Menschen, die sich dort zusammenpferchten. Wer f├╝r diese Transporte die K├Ąfige entworfen hatte, musste eine hasserf├╝llte Seele besitzen. In metallenen K├Ąfigen, einen Meter breit, einen halben Meter lang, jeder ausgestattet mit zwei an den Boden geschwei├čten Sitzen, wurden Verlegungen von Gefangenen ├╝ber hunderte von Kilometern durchgef├╝hrt. Man zwang uns, die ganze Fahrt ├╝ber sitzend und eingezw├Ąngt zu verbringen, der K├Ąlte ausgesetzt und den verschiedenen Ger├╝chen, die sich mit dem Zigarettenrauch vermischten. Hygiene gl├Ąnzte mit Abwesenheit, und die konstanten Brechanf├Ąlle vollendeten diese Stimmung menschlichen Elends. Das alles kam mir unangemessen vor, grausam; ich war emp├Ârt. Dass kein ehrbarer Staatsb├╝rger sich jemals dar├╝ber wundere, dass unter solch sch├Ąndlichen Umst├Ąnden chauffierte Personen morgen mit Gewalt antworten!

In Le├│n steckten sie uns nach sechs Stunden Reise in die Aufnahmezellen, in Vierergruppen. Obwohl man uns bei unserer Abfahrt im Gef├Ąngnis von La Coru├▒a noch Brote ausgeh├Ąndigt hatte, waren wir hungrig. Sie brachten uns hei├če Linsensuppe, und meine Genossen und ich a├čen mit gro├čem Appetit mehrere Teller. Es musste Kraft gewonnen werden.

Um acht Uhr am n├Ąchsten Morgen waren wir wieder auf der Strecke. Ich w├╝rde in Zamora aussteigen; meine Mitreisenden w├╝rden bis zum Gef├Ąngnis von Carabanchel, Madrid, weiterfahren. Das war die ├╝bliche Route.

Gef├Ąngnis von Zamora, Februar 1988

Es befand sich an der Landstra├če nach Almaraz, drei Kilometer au├čerhalb der Stadt. Dies also sollte der Ort sein, an dem ich meine Strafe im ersten Grad des geschlossenen Vollzugs verb├╝├čte.

┬╗Jos├ę Tarr├şo Gonz├ílez!┬źschrie einer der Guardias.

┬╗Das bin ich┬ź, antwortete ich und klopfte an die K├Ąfigt├╝r.

Sie ├Âffneten die T├╝r, legten mir Handschellen an und zogen mich heraus. Ich genoss es, wieder frische Luft zu atmen und meine Beine mit Dehnungen wiederbeleben zu k├Ânnen. St├Ąndig ├╝berwacht von einer Gruppe Guardias Civiles, einige von ihnen mit Sturmgewehren bewaffnet, suchte ich meine Sachen aus dem Kofferraum zusammen und ging mit ihnen ins Innere der Anstalt. Es war ein Geb├Ąude aus verst├Ąrktem Beton und Stein, gestrichen mit einer sanften Cremefarbe, im alten Stil. F├╝r hoch sicher geltend, schloss das Gef├Ąngnis in sich, in den Trakten eins und zwei, die Schwierigsten der unter 21 j├Ąhrigen von ganz Spanien ein. Der Rest der dort inhaftierten Bev├Âlkerung waren Gefangene im zweiten Grad, untergebracht in verschiedenen Trakten. Die Trakte eins und zwei waren einmal f├╝r die Gefangenen der Organisation GRAPO ÔÇödie jetzt vereinzelt einsa├čenÔÇö ausgestattet und dann ger├Ąumt worden, um dort die Jugendlichen aus dem gerade geschlossenen Gef├Ąngnis in Teruel unterzubringen, mit der Absicht, den Auseinandersetzungen zwischen den H├Ąftlingen mit h├Ąrtester Repression ein Ende zu setzen.

Ich ├╝berquerte das gro├če Gel├Ąnde und beobachtete die strategische Anordnung der Wacht├╝rme der Guardia Civil. Ich ging eine Treppe hinauf, immer noch mit meinen Taschen, bis zum B├╝ro der Aufnahme. Mehrere elektrische T├╝ren ├Âffneten sich und ich ging hindurch. Ein Guardia Civil nahm mir die Handschellen ab und eine Gruppe Schlie├čer brachte mich in Trakt eins. Ich musste mich ausziehen und mehrere Kniebeugen machen, damit sie sich davon ├╝berzeugen konnten, dass ich nichts im Hintern versteckt hielt. Es war mir zuwider wegen der Erniedrigung, doch ich gehorchte. Nach diesem Angriff auf meinen Stolz wiesen sie mir eine Zelle zu, tubo genannt wegen ihrer zylindrischen Form. Es gab minimalen Raum, um sich zu bewegen. Ich konnte keinen Schritt in ihr gehen. Ich sah einen metallenen Ofen, doch an der extremen K├Ąlte, die ich f├╝hlte, erkannte ich, dass er nicht funktionierte, oder dass man ihn, um ein paar Peseten zu sparen, nie in Betrieb setzte. Es w├╝rde nicht lange dauern, mich davon zu ├╝berzeugen, dass Letzteres stimmte. Ein Bett aus Eisen war mit Schwei├čn├Ąhten am Boden befestigt. Ein Waschbecken, ein Klo, ein kleiner Spiegel und zwei Fenster waren auch schon das ganze dort befindliche Mobiliar. Das war nicht viel. Sie hatten nicht einmal daran gedacht, einen Schrank f├╝r die Kleidung aufzustellen.

Sofort nahm ich Kontakt zu Chico auf. Ich wusste anhand der von Isa weitergeleiteten Nachrichten, dass er dort war. Seine Anwesenheit beruhigte mich; ich hatte nicht gerade Gutes geh├Ârt ├╝ber die jugendlichen Banditen, die fortan meine Mitgefangenen sein w├╝rden. Ich war etwas erschrocken, doch bereit mich als der Oberste geltend zu machen und den Respekt der anderen zu gewinnen.

Ich hielt den Kontakt zu meinem Freund ├╝ber Notizen, die ich ├╝ber den f├╝r den Putzdienst Eingeteilten oder ├╝ber mehrere Fenster schickte, mit Hilfe von F├Ąden, die wir von einem zum anderen wandern lie├čen, bis zum Ziel. Wir machten alle mit, denn so konnte man uns auch Nachrichten zukommen lassen, mit der Sicherheit, dass die anderen mithelfen w├╝rden. Chico teilte mir mit, dass er vielleicht an einem der n├Ąchsten Tage frei kommen w├╝rde, laut seinem Anwalt. Er versprach, mich zu besuchen.

Ich begann, auf einen kleinen Hof hinauszugehen, hinter dem Trakt gelegen, gegen├╝ber der Frauenabteilung. Es gab ernsthafte Rivalit├Ąten zwischen Gruppen von Gefangenen aus verschiedenen Gegenden. Das Zusammenleben von Gallegos, Andaluces, Catalanes, Valencianos und so weiter war sehr angespannt, fr├╝heren Rivalit├Ąten aus Teruel geschuldet. Die Verwaltung hatte ausdr├╝cklich angeordnet, dass wir beim geringsten Anzeichen von Widersetzlichkeit ohne irgendwelche R├╝cksichten reprimiert werden sollten. Das war das Klima, das ich vorfand, an meinen ersten Tagen in Zamora. Man wollte verhindern, dass das in Teruel Geschehene sich in Zamora versch├Ąrfte, doch machte die ├╝blicherweise ungeschickte Verwaltung einen schweren Fehler. Viele Herzen waren mit dem Eiter des hartn├Ąckigsten Hasses verseucht, wegen der Vorkommnisse in Teruel. Es hatte Todesf├Ąlle gegeben, Vergewaltigungen, Messerstechereien und Missbr├Ąuche aller Art, die niemand vergessen konnte. In den Jahren 85, 86 und 87 hatten die H├Ąftlinge sortiert nach landsmannschaftlicher Herkunft gelebt. Madrile├▒os, Catalanes, Gallegos… alle verteidigten ihr Terrain, zu regelrechten Clans zusammengeschlossen. Diese Tatsache machte die Gefangenen uneinig, und es fanden Auseinandersetzungen um die Kontrolle ├╝ber den Gef├Ąngnishof statt. Die kumpelhaften Bande, die zun├Ąchst die Verteidigung der Gruppe garantieren sollten, verwandelten sich in Macht, und diese in Machtmissbrauch. Die eine H├Ąlfte der inhaftierten Bev├Âlkerung sch├╝tzte sich vor der anderen, und eine musste von der anderen getrennt werden. Einzig das Gesetz des Messers wurde noch re-

spektiert. Die Neulinge sahen sich gezwungen, ihre M├Ąnnlichkeit zu beweisen, und wer scheiterte wurde beraubt, angegriffen und marginalisiert. Andere mussten Dienste in oralem Sex an anderen Gefangenen leisten, um ihr Leben zu retten, oder wurden wiederholt von ihren Mitgefangenen penetriert. Die das gr├Â├čte Pech hatten, wurden erstochen. Und jetzt machte die Beh├Ârde denselben Fehler wie in Teruel: Alle wieder zusammen in dasselbe Gef├Ąngnis zu stecken. Das lie├č alte Wunden aufbrechen. Statt uns jeden in unsere Heimatgegend zu schicken, um dort einzusitzen und so zu verhindern, dass der Hass und die famili├Ąre Entwurzelung der Gefangenen sich verh├Ąrten, mit dem Ergebnis weiterer Brutalisierung, steckten sie uns wieder zusammen in jenes Gef├Ąngnis. Wie viele Menschen sind wegen der Ungeschicklichkeit der Verwaltung ums Leben gekommen!

So standen die Dinge. Die nicht zu leugnende Tatsache, Gallego zu sein, w├╝rde mir eine Reihe Feinde bescheren, die, ernsthaft zu Schaden gekommen durch andere galizische Gefangene, in mir ein willkommenes Opfer sehen w├╝rden, um ihren Rachedurst zu stillen.

Das alles, zusammen mit gewissen pers├Ânlichen Umst├Ąnden, w├╝rde mich sp├Ąter veranlassen, einen Menschen aus Versehen umzubringen. Ich w├╝rde meine fehlende Erfahrung teuer bezahlen m├╝ssen.

Ich lernte ihn eines morgens kennen, als ich allein auf dem kleinen Hof des Isolationstrakts spazieren ging. Er lehnte sich aus einem Fenster, das zu den Duschen des Haupthofs f├╝hrte, und rief mich:

┬╗Eh, bist du Che aus La Coru├▒a?┬ź

Er hatte ein ernstes Gesicht und einen dunklen Teint, B├╝rstenhaarschnitt. Auf seiner Stirn konnte man ein t├Ątowiertes vierbl├Ąttriges Kleeblatt erkennen.

┬╗Ja, der bin ich┬ź, antwortete ich ihm und ging auf das Fenster zu.

┬╗Ich bin Musta aus Vigo┬ź, stellte er sich vor und streckte mir die Hand hin.

Wir gaben uns einen festen Handschlag. Er sprach weiter:

┬╗Pass blo├č auf, hier ist alle Welt mit Messern bewaffnet und hat b├Âse Absichten. Hast du ein Messer?┬ź

┬╗Ich habe keine Probleme mit niemandem.┬ź

┬╗Das ist hier egal. Du bist Gallego und das reicht. Jeden Tag kannst du eine ├ťberraschung haben. Diese ├ťberraschungen z├Ąhlen wir hier nicht mehr, verstehst du?┬ź

Ich verstand ihn bestens. Wir redeten noch eine Weile und verabschiedeten uns dann. Seine Worte machten mich nachdenklich und ich entschied, mir ein Messer anzufertigen, wegen dessen, was alles passieren k├Ânnte. Ohne es zu wissen, hatte ich gerade den Menschen kennengelernt, der zu meinem engsten Freund werden w├╝rde. Manchmal findet man im schlechtesten Augenblick das Beste.

Ein paar Tage sp├Ąter kam Chico frei. Mich lie├čen sie die Zelle wechseln und auf den Haupthof hinausgehen, zusammen mit den anderen Gefangenen, in kleinen Gruppen. Es war ein gro├čer Hof, ausgestattet mit einer Tenniswand, Toiletten und einer Cafeteria. Die Fenster des oberen Teils des dreigeschossigen Trakts wiesen in Richtung Hof. Ich trug einem der Gefangenen aus jenen Zellen auf, ein Messer, was ich hergestellt hatte, f├╝r mich aufzuheben. Immer, wenn ich auf den Hof kam, fand er sich am Fenster ein, bereit, mir das Messer zuzuwerfen, falls es Probleme geben sollte.

Auf diese Weise schafften wir es, die Metalldetektoren auszutricksen, die wir beim Ausgang auf den Hof durchschreiten mussten. Es kam darauf an, bewaffnet zu sein. Eine Waffe zu besitzen, war wichtig: Es unterstrich in den Augen der anderen die Bereitschaft zu k├Ąmpfen. Es war ein regelrechter Kalten Krieg.

Ich f├╝hrte die Beziehung zu meinem Landsmann Musta mit kleinen Nachrichten weiter. Manchmal trafen wir auf dem Hof aufeinander und redeten ├╝ber pers├Ânliche Dinge, ├╝ber politische Ideologie oder die Zukunft. Einmal erz├Ąhlte er mir aus seinem Leben. Er hie├č Gabriel Pombo da Silva und war, obwohl er sich als Galizier f├╝hlte, in Deutschland geboren, wohin seine Eltern vor Jahren ausgewandert waren. Genau wie ich war er Kind von Emigranten. Auch ihn hatten sie ins RETO in Madrid geschickt, doch Jahre vor meiner Zeit dort. Wir lachten ├╝ber diese Zuf├Ąlligkeiten. Sie hatten ihn mit siebzehn Jahren wegen mehrerer Bankraube verhaftet. Nun b├╝├čte er eine f├╝nfj├Ąhrige Haftstrafe ab und befand sich seit vier Jahren im Gef├Ąngnis. Er gefiel mir. Eine einzigartige Zuneigung, gest├Ąhlt auf dem Amboss unseres Pakts des gegenseitigen Vertrauens, begann, uns in einem gemeinsamen Gef├╝hl zu verbinden: Freundschaft. Als sie ihn in die Beobachtungszentrale in Madrid gebracht hatten, um seine Haftbedingungen zu ├╝berpr├╝fen, vermisste ich ihn sehr.

Im Monat August bekam ich Probleme. Einige Gefangene, ich wusste nicht welche, schickten einen anderen, um mir auf den Zahn zu f├╝hlen. Dieser andere, gen├Âtigt, vor den anderen seinen Mut zu beweisen, fuhr mich auf dem Hof an. Es roch nach Streit, wie immer, wenn so etwas vorkam. Ich brauchte nicht lange, um zu erkennen was Sache war. Ein Gefangener kam auf mich zu.

┬╗H├Âr mal!┬źEr war aufgeregt und rief mich an. ┬╗Hast du eine Zigarette?┬ź

Ich bot ihm ein P├Ąckchen Ducados an und blickte in Richtung der Fenster meines Trakts. An den Fenstern waren Gefangene zu sehen, darunter einer meiner Freunde, bereit, mir das Messer zuzuwerfen, sobald ich es verlangen oder brauchen w├╝rde. Ich gab ihm kein Zeichen.

┬╗Gib mir Feuer┬ź, bat mich der Gefangene und gab mir das P├Ąckchen zur├╝ck.

Ich bot ihm mein Feuerzeug an, was er in der Tasche verschwinden lie├č, nachdem er sich die Zigarette angez├╝ndet hatte. Er provozierte mich offensichtlich, woraufhin meine rechte Faust in Richtung seines Gesichts flog. Es fand ein Kampf statt, wir verwickelten uns in den Austausch von Fausthieben, rangen am Boden miteinander. Es war nicht leicht, von ihm loszukommen, doch als ich es schaffte, stand ich schnell auf und setzte dem Kampf den Schlusspunkt, indem ich ihm einen Tritt auf den Kopf verpasste. Zugleich st├╝rmte eine Gruppe Schlie├čer bewaffnet mit Schlagst├Âcken auf den Hof, um uns zu trennen. Zuerst brachten sie meinen Widersacher weg, sie schlugen ihn wiederholt mit den Kn├╝ppeln. Danach lie├čen sie die ├╝brigen Gefangenen auf ihre Zellen gehen und lie├čen mich allein ├╝brig. Sie kamen auf mich zu. Es war eine ganze Horde und die Schlagst├Âcke in ihren H├Ąnden wirken nicht gerade als Gl├╝cksbringer f├╝r meine k├Ârperliche Unversehrtheit, um die ich inzwischen ernsthaft besorgt war. Einer von ihnen richtete sich an mich:

┬╗He, Sie, kommen Sie her und nehmen Sie die H├Ąnde aus den Taschen. Ich will sie weit entfernt vom K├Ârper sehen, los, los!┬ź

Ich nahm die H├Ąnde aus den Taschen der Sporthose und streckte sie vom K├Ârper weg. Anschlie├čend ging ich auf sie zu. Sie umringten mich.

┬╗Ziehen Sie sich aus┬ź, wies mich einer von ihnen an.

Ich begann mich auszuziehen, Turnschuhe, Sporthose, und als ich mir das Hemd abstreifen wollte, fing es an, Hiebe von allen Seiten zu regnen. Ich fiel bet├Ąubt zu Boden, und eine Reihe Tritte traf auf meinen K├Ârper. Als sie die Lust verloren und es ihnen auszureichen schien, lie├čen sie von mir ab.

┬╗Nimm deine Sachen, wir gehen┬ź, befahlen sie mir.

Ich erhob mich so gut ich konnte und versuchte aufrecht zu stehen. Ich raffte meine Sachen zusammen und ging vor ihnen her in Richtung Isolationstrakt. Mein Kopf brummte, ein langes Piepen, das mir das Denken unm├Âglich machte. Ohne Zweifel w├╝rde die Verwaltung jene Anwendung von Zwangsmitteln als unabdingbar f├╝r die Aufrechterhaltung der Ordnung rechtfertigen. Die Strafvollzugsordnung sah es so vor. Die Gesellschaft konnte stolz sein ob der rigorosen Anwendung ihrer Gesetze und ob dieses Spektakels von zehn M├Ąnnern, die einen anderen zusammenschlagen, nackt und ohne Verteidigung. Sie musste stolz sein, denn dies alles fand in ihrem Namen statt.

Sie steckten mich in eine der tubos, schlossen das Gitter, das die T├╝r sch├╝tzt, und danach die T├╝r und gingen. Alleingelassen blickte ich in den Spiegel. Meine Lippen waren aufgesprungen und eine Schuhsohle hatte auf einer meiner ger├Âteten Wangen ihren Abdruck hinterlassen. Mein R├╝cken und die Beine waren voll von Schwellungen, die der Mangel an Thrombozyten in meinem Organismus anderntags in heftige Bluterg├╝sse verwandeln sollte. Ich f├╝hlte mich erniedrigt und ohnm├Ąchtig. Die Nacktheit meines K├Ârpers rief in mir ein Gef├╝hl der Schutzlosigkeit hervor, weshalb ich mich anzog. Ich schwor vor mir selbst, dies alles nie zu vergessen. Im Moment konnte ich nichts anderes machen.

Einen Monat nach jenem Vorfall kam mein Freund Musta nach Zamora. Sofort nahmen wir ├╝ber Nachrichten Kontakt auf und erz├Ąhlten uns, was an den vergangenen Tagen passiert war. Sie hatten

ihm die Lockerung der Haftbedingungen abgelehnt und ihn zur├╝ckgeschickt. Im ├ťbrigen fra├č uns die Gef├Ąngnisroutine t├Ąglich weiter auf. Es gab keinerlei Besch├Ąftigung oder Zeitvertreib als die Tenniswand. Die Haftbedingungen stimmten uns brutal, wie es auch in Teruel gewesen war. Morgen w├╝rde die Kopie von heute sein, ├╝bermorgen die von morgen, und so weiter bis in die Ewigkeit. Sie lie├čen uns zwei Stunden t├Ąglich auf den Hof, damit wir Luft schnappten, und danach lie├čen sie uns den Rest des Tages allein in der Zelle. Man ├╝bte an uns die h├Ąrteste Repression aus. Eines Nachmittags h├Ąmmerten mehrere H├Ąftlinge, darunter mein Freund, pl├Âtzlich an ihre Zellent├╝ren, aus Protest gegen etwas. Ich wusste nicht, worum es ging, denn ich war noch im tubo isoliert. Ein Gefangener rief mich von seinem Fenster aus:

┬╗He, Che! Che!┬ź

┬╗Was ist?┬ź

┬╗Sie schlagen Musta zusammen.┬ź

Mehr brauchte ich nicht zu wissen, um zu erraten, was los war. Ich fing an, die Fensterscheiben zu zerschlagen und forderte die anderen Gefangenen rufend dazu auf, es mir gleich zu tun. Doch niemand au├čer zwei Menschen machte bei dem Protest mit. Die Angst terrorisierte sie, wie auch mich. Die Aussicht auf eine Gruppe Schlie├čer, die in die Zelle kommt, um dich zu verpr├╝geln gefiel niemandem. Jene eingepflanzte Angst war zusammen mit dem Kn├╝ppel das Arbeitswerkzeug jener Totschl├Ąger. Sie kannten keine andere Art zu handeln. Besoffen von ihrer Gewalt lie├čen sie von meinem Freund ab und kamen zur Zelle hoch, die ich belegte. Sie ├Âffneten die T├╝r.

┬╗Was ist mit dir los, du schwule Ratte?┬ź schrie einer von ihnen.

┬╗Macht das Gitter auf┬ź, befahl der Dienstleiter einem anderen

Schlie├čer.

Eher aus Angst denn aus Mut wollte ich verhindern, dass sie in die Zelle hereinkamen. Ich schwang in jeder Hand eine Glasscherbe und drohte ihnen: ┬╗Wer durch diese T├╝r kommt, ist ein toter Mann.┬ź

In Wirklichkeit h├Ątte ich mich nicht getraut. Ich war zu sehr aufgeregt.

┬╗Tarr├şo┬ź, redete der Chef der Gruppe auf mich ein, ┬╗lassen Sie die Glasscherben fallen und machen sie alles nicht noch schlimmer, das lohnt sich nicht.┬ź

┬╗Hier kommt keiner rein┬ź, antwortete ich ihm bestimmt.

Sie gingen. Als sie wieder kamen, waren sie ausgestattet mit Helmen, Schlagst├Âcken, Schilden, Spraydosen und Handschellen.

┬╗Tarr├şo, werden Sie freiwillig herauskommen?┬ź schrie einer durch die T├╝r.

┬╗Nein.┬ź

Sie begannen Gas unter der T├╝r hindurch zu spr├╝hen. Ich versuchte dagegenzuwirken, indem ich mich ├╝ber die Klosch├╝ssel h├Ąngte und mir eine Decke ├╝ber den Kopf warf, doch das brachte nichts. Das Gas brannte mir in der Lunge und im Gesicht. Meine Augen brannten und tr├Ąnten heftig. Ich hatte keine Erfahrung mit solcherlei Auseinandersetzung. Ich wusste nicht, dass die wirksamste Methode einem Gasangriff zu begegnen ist, sich flach auf den Boden zu legen und den Mund mit einem nassen Handtuch abzudecken. Es wurde mir unertr├Ąglich und nach f├╝nf Minuten gab ich auf:

┬╗Ist gut, ist gut… ich gebe auf!┬ź

┬╗Zieh dich aus und schiebÔÇÖ die Scherben unter der T├╝r durch. Danach komm mit den H├Ąnden ├╝ber dem Kopf heraus. Verstanden?┬ź

┬╗Ja, aber macht die T├╝r auf, ich ersticke…┬ź

Ich schob die Scherben unter der T├╝r durch und fing an, mich auszuziehen. Durch das Guckloch beobachtete mich ein Auge. Als ich nackt dastand, ging die T├╝r auf. Eine gro├če Anzahl Schlie├čer wartete auf mich auf dem Gang. Sie ├Âffneten das T├╝rgitter und entfernten sich vom Zelleneingang.

┬╗Los, komm raus…┬ź

Ich ging hinaus, wie sie es mir gesagt hatten. Gleich nach dem Durchschreiten der T├╝r versetzte mir ein Schlie├čer, der sich hinter dem T├╝rrahmen versteckt gehalten hatte, einen Kn├╝ppelhieb von hinten auf den Kopf. Das war das Zeichen, und seine Kollegen machten alle mit bei dem Fest. Sie schlugen w├Ąhrend etwa einer Minute auf mich ein. Schlie├člich steckten sie mich in eine leere Zelle. Ich lag mit den H├Ąnden auf dem R├╝cken auf dem Fu├čboden. Es war eine unbequeme Position. Dann gingen sie. Obwohl ich immer noch benommen von den Schl├Ągen war, konnte ich h├Âren, wie die Gefangenen, die den Mut gehabt hatten, es mir gleich zu tun, den Besuch der Schlie├čer erhielten. Schreie, Angst… und eine schmerzhafte Stille, die Abscheu und Ohnmacht herausschrie, ├╝berschwemmte den Trakt.

Es kam die Nacht und die K├Ąlte des Oktoberanfangs begleitete sie. Die Arme begannen einzuschlafen, bewegungsunf├Ąhig und ohne Blutkreislauf wegen des Drucks der Handschellen auf die Gelenke. Ihnen folgten die F├╝├če mit einem doppelt unertr├Ąglichen Schmerz. Die K├Ąlte strafte meinen nackten K├Ârper und bereitete mir stechende Schmerzen in den Extremit├Ąten. Die Unm├Âglichkeit, die Lage zu wechseln machte mir deutlich, mit welcher Sachkenntnis die Schlie├čer ihre Arbeit getan hatten. Ich konnte nicht an mich halten und brach in Tr├Ąnen aus. Es war die l├Ąngste Nacht meines Lebens.

Niemals bescherte mir irgendeine der N├Ąchte, die mich im Gef├Ąngnis erwarteten, einen derartigen k├Ârperlichen Zusammenbruch. Es war wirklich hart. Etwas Unvergessliches, was schreiend den Aufstieg des hasserf├╝llten Tyrannen in meinem Herzen verlangte. Hiernach bestand f├╝r mich kein Zweifel mehr: Es war die Rache einer Gesellschaft, die kleinm├╝tig diese Mittelsleute mit ihrer eigenen effektiven Vollendung betraute.

Ich wachte auf dem Fu├čboden zusammengekr├╝mmt auf und machte den stoischen Versuch, mich vor meinen Henkern nicht zu entw├╝rdigen, indem ich etwa schreiend um die Beendigung der Bestrafung gebeten h├Ątte. Am n├Ąchsten Morgen besuchte mich der Arzt.

┬╗Die Fesseln m├╝ssen ihm abgenommen werden. Gebt ihm Kleidung und ein warmes Fr├╝hst├╝ck┬ź, ordnete er an.

Man merkte, dass er an solche Ereignisse gew├Âhnt war, und dass er den Wiederherstellungsprozess, den er anzuordnen hatte, genau kannte. Ich hasste diesen Bastard von ganzem Herzen. Ich hasste die Gesellschaft. Hasste den Menschen insgesamt. Hasste, weil ich gelernt hatte, zu hassen.

Als sie mich loslie├čen, brauchte ich eine Weile, um die Bewegungsf├Ąhigkeit meiner Glieder zur├╝ckzugewinnen. Sie waren steif. Sie lie├čen mich in meiner Zelle ankleiden und brachten mir Milch und Butterbrot zum Fr├╝hst├╝ck. Ich a├č langsam, um Zeit zu gewinnen. Als ich fertig war, legten sie mir wieder Handschellen an, doch jetzt mit den H├Ąnden nach vorne und an einen Eisenstab des T├╝rgitters, was mir erlaubte, am Boden ohne Schmerzen zu sitzen. Sie gingen. Ich erhielt angenehmen Besuch. Der f├╝r den Putzdienst Eingeteilte klopfte zweimal an die T├╝r und schob unter ihr ein paar Zigaretten und eine Nachricht meines Freundes Musta hindurch.

┬╗Z├╝nde mir eine an┬ź, bat ich ihn.

Er z├╝ndete eine Zigarette an und schob sie mir her├╝ber. Dann tat er so, als wischte er den Fu├čboden und ging. Ich dankte ihm f├╝r seine Geste. Ich rauchte die Zigaretten, eine nach der anderen, w├Ąhrend ich die Nachricht las. Er schickte mir Gr├╝├če und w├╝nschte mir Kraft. Dieser Vorfall w├╝rde uns ein f├╝r alle mal einen. Ein paar Tage sp├Ąter brachten sie ihn ins Gef├Ąngnis von Daroca; ich w├╝rde nach La Coru├▒a zur├╝ckkehren, um an einem Prozess gegen mich teilzunehmen.

Gef├Ąngnis von La Coru├▒a, November 1988

Auf der Fahrt im Transporter nach La Coru├▒a begleitete mich die Hoffnung, Isa nach l├Ąngerer Zeit einmal wiederzusehen. Es kam mir komisch vor, dass ich zuletzt keine Nachrichten von ihr erhalten hatte, ich war besorgt deswegen. Daran dachte ich, w├Ąhrend ich durch das kleine vergitterte Fenster des K├Ąfigs, in dem ich steckte, die sch├Âne Landschaft Galiziens anblickte, wo ich geboren war. Der Kontrast der D├╝rre der kastilischen Ebenen mit dem Gr├╝n jener Berge war enorm.

In der Anstalt angekommen, schickten sie mich in die Isolation. Dort traf ich auf Lol├şn und Chafi, beides Freunde von mir. Sie standen unter Artikel 10. Vor Kurzem waren sie zu mehreren Jahren Gef├Ąngnis verurteilt worden wegen einer Geiselnahme in Verbindung mit bewaffnetem Raub├╝berfall auf eine Wohnung. Wir redeten ├╝ber die Fenster dar├╝ber, als zu meiner ├ťberraschung die T├╝r aufging und ich zum Empfang von Besuch abgeholt wurde. In einer der Besuchskabinen fand sich mein Vater vor.

┬╗Na Alter, wie gehtÔÇÖs?┬ź

┬╗Gut, Jos├ę. Ich habe erfahren, dass sie dich heute herbringen und angerufen, um dich sehen zu d├╝rfen. Drau├čen sind Viqueira und Chico.

┬╗Warum sind sie nicht mit hereingekommen?┬ź

┬╗Sieh mal, mein Sohn, ich muss dir eine schlechte Nachricht bringen und wir glaubten, es sei besser, wenn ich das allein tue┬ź, erkl├Ąrte er mir und blickte zu Boden; dann schaute er auf und mich ansehend sagte er es mir: ┬╗Isabel ist tot…┬ź

Ich reagierte leblos, unf├Ąhig, diese Neuigkeit aufzunehmen. Mit dem Blick fest auf dem Fu├čboden, fragte ich fassungslos:

┬╗Wie?┬ź

┬╗Ein Motorradunfall. Ein Auto erfasste sie, hatte die rote Ampel nicht beachtet… sie war schwanger. Aber Jos├ę! Du wirst keine Dummheit tun!┬ź

Ich h├Ârte ihn schon nicht mehr. Ich drehte mich um und ging hinaus ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Ich musste alleine sein um denken zu k├Ânnen. Wie so gro├čen Schmerz ausdr├╝cken? Wie w├╝rde irgendjemand so viel Liebe verstehen k├Ânnen? Ich fl├╝chtete mich in mich selbst, allein in der Zelle. Dort weinte ich bitterlich um den Tod meiner Freundin, ihr mit dem Abschied von ihrer physischen Existenz die Letzte Ehre erweisend. Versunken in meinen Schmerz, lie├č ich meine konfusen Gedanken umherstreifen, im vergeblichen Versuch, sie aus der Welt der Toten zur├╝ck zu holen:

Ich bin aufgewacht heute morgen, meine Liebe, und du warst nicht da;

ich suchte dich verzweifelt und verloren, und fand dich doch nicht.

Ich rief dich, doch erhielt keine Antwort, und weinte um dein Fehlen, kaputt.

Wer schleudert wie ich seine zerrissenen Schreie gegen den Zement im kalten Morgengrauen?

Ich h├Ârte ein Schreien das mir von der N├Ąsse eines zu Handschellen gemachten Grabsteins erz├Ąhlte.

Ich wei├č, Genossin, von diesem M├Ârderhass, von dieser Totschl├Ągerwut, die man f├╝hlt, wenn man wei├č

dass sie uns ein gestriges Morgen erleben lassen, uns der Gegenwart beraubend.

Nun gehe in Richtung auf keinen Ort, der nicht der Tod w├Ąre, Studierender der roten Ehre an den Universit├Ąten des Blutes, warte ich auf meine Stunde, um mich mit dir zu vereinen beim letzten Angriff, vereint in der Tragikom├Âdie des Lebens und des Nichts…

f├╝r immer.

Diese Nacht schlief ich nicht. Ein enormes Gef├╝hl der Leere ├╝berflutete meine Zelle; eine Leere, gr├Â├čer als jemals. Ich musste dort auf irgendeine Weise herauskommen. Ich musste fliehen, ich brauchte es.

Am n├Ąchsten Morgen waren die wachhabenden Schlie├čer so nett, mir den Flur der Isolationsetage ge├Âffnet zu lassen, damit ich die Zelle putzen und ein bisschen mit meinen Mitgefangenen plaudern konnte. Wir redeten durch eine Gittert├╝r hindurch.

Ich erhielt die besten W├╝nsche und das Beileid aller; sie wussten um die Bedeutung, die jenes M├Ądchen in meinem Leben gehabt hatte. Danach ging ich zu Lol├şn und Chafi. Ich erkl├Ąrte ihnen meinen Wunsch auszubrechen und bat sie, mit mir zu kommen, doch sie wollten nicht mitmachen. Lol├şn ├╝bergab mir aber eine

neue S├Ąge, wof├╝r ich ihm sehr dankte. Ich redete mit niemandem sonst dar├╝ber und begann mit den Vorbereitungen. Wenn sie nicht mit mir kommen wollten, w├╝rde ich alleine abhauen.

Das Fenster der Zelle, die ich belegte, zeigte auf das Gel├Ąnde, auf die Frontseite, wo der Eingang lag. Ein paar Meter entfernt befand sich das Dienstgeb├Ąude der Guardia Civil, von wo aus die Abl├Âsungen in die Wacht├╝rme gingen. Doch das w├╝rde kein Problem sein. Das wirkliche Problem stellten die zwei T├╝rme dar, die diesen Bereich des Gel├Ąndes ├╝berwachten, an den Ecken, einer auf jeder Seite. Ich w├╝rde es riskieren m├╝ssen und auf den Faktor Gl├╝ck hoffen.

Sie brachten mich zusammen mit anderen Gefangenen zum Prozess. Es ging um den Gebrauch eines Kraftfahrzeugs ohne Einverst├Ąndnis dessen Besitzers. Alles lief ohne Zwischenf├Ąlle ab. Mir wurde eine Geldstrafe auferlegt, doch das war mir egal, was ich den Richter auch so wissen lie├č. Seine Gesetze waren nicht meine. Am 26. November war ich mit dem Durchs├Ągen des Gitterstabs am Fenster fertig. Ich hatte aus einem in Streifen gerissenen Bettlaken ein Seil geflochten. Gegen├╝ber der Zelle stand eine Laterne von der Mauer ab. Die Idee war, das Seil ├╝ber die Laterne zu werfen und an ihm hoch auf die Mauer zu klettern. Drau├čen w├╝rden Chico und Viqueira in einem Auto warten. Ich hatte ein St├╝ck Spiegel, um die Guardias ungesehen zu beobachten.

Diese Nacht um vier Uhr drei├čig ging ich von der Theorie zur Praxis ├╝ber. Ich zog mir eine dunkle Sporthose an und bereitete mich darauf vor, die Zelle zu verlassen. Ich wickelte mir das Seil um die Taille. Dann kletterte ich auf die Fensterbank und riss den Gitterstab ab. Ich blickte mit Hilfe des Spiegels auf beide Seiten des Gel├Ąndes: Ich war allein. Ich schl├Ąngelte mich durch das Loch im Fenstergitter und machte einen flinken Satz auf das Gel├Ąnde herab, ohne Laut. Ich ├╝berquerte das Gel├Ąnde und stellte mich ganz eng an der Mauer unter die Laterne. Mein Herz pochte beschleunigt, sie hatten mich nicht bemerkt. Ich wickelte mir das Seil vom K├Ârper und machte mich bereit zum Wurf, als einer der Guardias Civiles mich sah.

┬╗BewegÔÇÖ dich blo├č nicht, Junge┬ź, schrie er mir zu, seine Waffe entsichernd. Er gab seinen Kollegen ├╝ber ein Funkger├Ąt Bescheid, und diese kamen wild durcheinander aus ihrem Dienstgeb├Ąude gelaufen, in meine Richtung.

┬╗Wirf dich auf den Boden!┬źbefahl mir der Guardia auf dem Wachturm.

Ich warf mich hin. Man diskutiert nicht mit jemandem, der einem mit einem Sturmgewehr auf die Brust zielt. Mehrere Guardias umstellten mich, legten mir Handschellen an und brachten mich in ihr Geb├Ąude. Dort verh├Ârten sie mich. Ich hatte nichts zu sagen, als mein Pech zu verdammen. Ich hatte gespielt und verloren, das war alles.

Im Morgengrauen brachten sie mich ins Gef├Ąngnis zur├╝ck. Am Gitter erwartete mich eine Gruppe Schlie├čer, angef├╝hrt vom Dienstleiter. Sie nahmen mir die Handschellen ab, f├╝hrten mich in einen angrenzenden Raum und befahlen mir mich auszuziehen.

┬╗Du wirst dein blaues Wunder erleben┬ź, warnte mich der Dienstleiter, ┬╗Du wolltest uns wohl in die Suppe spucken?┬ź f├╝gte er noch hinzu, mich mit seinem Kn├╝ppel sto├čend.

Die anderen mischten sich nicht ein. Ich erhielt eine Reihe weiterer Schl├Ąge, doch unternahm nichts zu meiner Verteidigung; das Gegenteil h├Ątte die Schl├Ąge der ├╝brigen Schlie├čer herausgefordert. Als n├Ąchstes brachten sie mich in die Isolation, wo sie mich in eine Zelle steckten und mir beide H├Ąnde ans Bett fesselten. Sie lie├čen mich bis zum n├Ąchsten Tag so liegen. Dann kamen sie, um mich in die zweite Etage zu bringen. Dort befand sich Correcci├│n, die Isolationsabteilung f├╝r Erwachsene. Sie stie├čen mich in einen Kerker ohne Fenster, dunkel, feucht und stinkend. Sie nahmen mir die Handschellen ab und lie├čen mich allein. Durch das kleine Gitterfenster in der T├╝r drang etwas Licht herein, das von den Leuchtstoffr├Âhren im Gang herkam. Au├čer einer dreckigen Matratze, einem Eimer mit Essensresten, dem Waschbecken und dem Klo gab es in der Zelle nichts. Jene Kerker waren Erbst├╝cke des Franquismus und von der inhaftierten Bev├Âlkerung sehr gef├╝rchtet. Ich begann, auf und ab zu gehen. Aufs Neue f├╝hrten sie das vollst├Ąndige Brechen meines Willens im Schilde, ohne Kompromiss, mittels Schmerzen und Psychologie. Oder wollten sie sich einfach an mir wegen meiner libert├Ąren Aktion r├Ąchen? Sie unterdr├╝ckten jeden menschlichen Kontakt und jeden Zeitvertreib mit dem Ziel, mich zum Nachdenken zu veranlassen. Die Einsamkeit sollte den Rest erledigen. Man stellte mich vor eine unbequeme Situation, in der ich alles anderen vorenthalten, sozial abgeschnitten von jeder Achtung und jedem Recht, mich meinen Gedanken stellen m├╝ssen w├╝rde und den Verlusten, die ich zu verschmerzen hatte.

Die Isolation war f├╝r die Beziehung zu anderen freien oder gefangenen Personen mit dem Tod des betroffenen Menschen gleichbedeutend. Der Isolierte musste sich seine eigene Welt schaffen, um die Einsamkeit zu ├╝berleben. Die einzige Begleitung, die kalten W├Ąnde und seine eigene Vorstellungskraft. So bestrafte die Verwaltung, dienlicher Henker der Gesellschaft, die einwilligend schwieg. So schuf man sich die Kriminellen von morgen. Ich sah es inzwischen kommen: Wenn die Sitzungen in Isolation es nicht schafften, den Willen des rebellischen Menschen zu brechen, wenn dieser sich nicht unterwarf, dann konnte sich diese Strafe bis auf ewig verl├Ąngern. Viele Menschen waren auf diese Weise in den Selbstmord getrieben worden; im Tod fanden sie den einzigen Ausgang aus der Folter im Gef├Ąngnis. Was mich anging, ich w├╝rde ihnen diesen Gefallen nicht tun.

Gef├Ąngnis von Zamora, Dezember 1988

Zwei Wochen sp├Ąter wurde ich erneut ins Gef├Ąngnis von Zamora verlegt. Ich traf bei meiner Ankunft auf Chafi und Lol├şn. Auch lernte ich Anxo kennen, einen jungen Mann aus Vigo, der wegen eines Bankraubs einsa├č und der noch ein enger Freund von mir werden sollte. Die Tage wiederholten sich monoton. Es kamen die Weihnachtstage, und ein neues Jahr forderte unser Leben heraus. Keine Freude, kein ehrliches Lachen, nichts. Im Gef├Ąngnis ist kein Platz f├╝r Liebe, kein Platz f├╝r Frieden.

Im Januar holte man mich aus dem tubo heraus und wies mich in Trakt eins ein. Anxo brachten sie nach Trakt zwei. Wir erhielten aus Gewohnheit unsere Korrespondenz ├╝ber Nachrichten aufrecht, die wir um Batterien wickelten, mit Faden oder geschmolzenem Plastik festgemacht, und die wir dann von einem Hof in den anderen ├╝ber die Mauer warfen.

Ohne Besch├Ąftigung, ohne Werkst├Ątten oder Sportr├Ąume widmeten wir uns Spazierg├Ąngen oder spielten an der Tenniswand mit B├Ąllen, die wir selbst aus Wolle und Brotkrumen herstellen mussten. Wir spielten um Tassen Kaffee als Einsatz, in Einzel- oder Doppel-Wettk├Ąmpfen. So ging das jeden Tag. Das Schlimmste war die andauernde Eint├Ânigkeit. Doch diese sollte bald aufgebrochen werden.

Der Trakt hatte sich in zwei Fraktionen aufgespalten. Ein Roma aus Alicante namens Mariano Torres, der typische Knastmacker, hatte neue Streitereien im Trakt angefacht. Ich hatte vorher schon Probleme mit ihm gehabt. Ich hegte eine tiefe Abneigung gegen ihn: er hatte n├Ąmlich vor Jahren einen Freund von mir von hinten niedergestochen, mit Hilfe anderer Gefangener. Dieses Mal verwickelte er sich beim Hofgang in eine Diskussion mit Lol├şn, angefeuert von einer Gruppe Gefangener, die ihn unterst├╝tzte, und forderte ihn f├╝r den n├Ąchsten Tag zum Zweikampf heraus. Mein Freund schickte mir eine Nachricht, in der er um ein Messer bat und mir erkl├Ąrte, was passiert war. Er wollte sich ihm stellen. Er w├╝rde keine Chance haben, weshalb ich ablehnte. Ich sagte den anderen Bescheid, damit sie ebenfalls ablehnen w├╝rden: Ohne Messer w├╝rde er nicht k├Ąmpfen k├Ânnen.

Meine pers├Ânliche Entscheidung war es, jenes Subjekt von dort zu entfernen, damit f├╝r die Zukunft jedes weitere Problem ausgeschlossen sein w├╝rde. Ich wollte ihm nebenbei einen Denkzettel verpassen, aus Rache. Weder ich noch meine Freunde hatten die Messerstiche auf unseren Freund in Teruel vergessen. Ich verschaffte mir ein Stilett. Ich schickte es ├╝ber die Cafeteria in den Hof und gab Anleitungen, damit es in den Toiletten versteckt w├╝rde. Aus Vorsicht teilte ich niemandem meine Absichten mit.

Am Nachmittag des 12. Februar 1989 war ich in derselben Gruppe wie mein Widersacher mit dem Hofgang an der Reihe. Ich passierte den Metalldetektor ohne Probleme und ging in den Hof hinunter. Selbstsicher ging Mariano in Begleitung eines anderen Roma von einer Seite auf die andere. Ich ging in die Toiletten, holte das Stilett aus seinem Versteck und steckte es offen in die Jackentasche. Danach ging ich in die Cafeteria und bestellte drei Tassen Kaffee durch das Fenster der Bedienung. Anschlie├čend rief ich ihn:

┬╗Was willst du?┬ź reagierte er.

┬╗Ich bestelle Kaffee. Ich lade euch ein, ich will ein bisschen ├╝ber die Sache mit Lol├şn reden.┬ź

┬╗OK.┬ź

Ich ging den Hof mit auf und ab, w├Ąhrend die anderen ihre Zuckerst├╝cke unter den Kaffee r├╝hrten. Ich war mir sicher. Bei der geringsten Unaufmerksamkeit des Schlie├čers im Wachh├Ąuschen w├╝rde ich ihm einen Messerstich in den Unterleib verpassen, dort, wo es wirklich weh tut. Das w├╝rde die Schlie├čer davon ├╝berzeugen, dass er hier Probleme haben w├╝rde und sie w├╝rden ihn in einen anderen Trakt bringen.

Sie gingen mit mir zusammen ├╝ber den Hof. Wir drei gingen mit hei├čem Kaffee in der einen und Zigaretten in der anderen Hand spazieren.

┬╗Mariano┬ź, sagte ich, ┬╗es kann nicht so weitergehen, wir m├╝ssen die Vergangenheit begraben┬ź, log ich ihn an.

┬╗Solange ihr euch nicht in meine Angelegenheiten einmischt, ist alles in Ordnung, Che. Du musst nicht den Kopf f├╝r jemanden hinhalten, der es nicht versteht, sich alleine zu verteidigen. Wir sind hier im Gef├Ąngnis und so l├Ąuft das nicht, verstehst du?┬ź

┬╗Schau mal┬ź, antwortete ich ihm und wechselte auf seine rechte Seite, ┬╗du wei├čt genau, dass du, wenn du etwas gegen meine Freunde machst, mich zwingst, mich in die Angelegenheit einzumischen. Nat├╝rlich bin ich moralisch gezwungen zu verhindern, dass ihnen Schaden zugef├╝gt wird.┬ź

┬╗Das ist dein Problem, nicht meins…┬ź

W├Ąhrend er antwortete, beobachtete ich, dass der Schlie├čer begonnen hatte, Zeitung zu lesen. Bei der Kehrtwende in Richtung auf die andere Hofseite steckte ich die Hand in die rechte Tasche und erfasste den Griff des Stiletts. Ich sah ihm in die Augen und tat so, als ob ich aufmerksam darauf h├Ârte, was er sagte, obwohl ich schon nur noch h├Ârte, wie mein Herz in der Brust heftig pochte. Auf H├Âhe der T├╝r zum Friseur verpasste ich ihm einen Stich in die Magengegend und stie├č ihn auf die T├╝r zu, wo er zusammengekr├╝mmt hinfiel und sich mit den H├Ąnden den Magen hielt. Ich richtete mich an seinen Begleiter:

┬╗Und was ist mit dir?┬ź drohte ich ihm.

┬╗Nichts, Che… bleib bitte ruhig.┬ź

Andere Gefangene kamen herbei. Ich vereinbarte mit ihnen, dass niemand etwas ├╝ber das Vorgefallene sagen w├╝rde, weder zu Gefangenen noch zu Schlie├čern. Wir vereinbarten einen Verschwiegenheitspakt. Ich wickelte das Stilett in Plastik und warf es auf den Hof von Trakt zwei, wo sie es verschwinden lassen w├╝rden. Alles war gutgegangen, nur eins nicht: Der Messerstich war zu hoch gewesen. Die Klinge war anstatt geradezu in die D├Ąrme einzudringen nach oben abgerutscht und hatte die Hauptschlagader im Unterleib getroffen: Ich hatte ihn umgebracht.

Nach der Hofgangsstunde brachten sie uns zu den Zellen hoch. Sie bemerkten, dass ein Gefangener fehlte und gingen hinunter, um ihn zu suchen. Sie fanden ihn tot, wie ich vermutet hatte. Die Ironie des Schicksals hatte gewollt, dass das Messer, was sein Leben beendet hatte, dem Mann geh├Ârt hatte, den er Jahre zuvor feige von hinten niederstach; er starb als Opfer seines eigenen Gesetzes. Er hatte in demselben Moment die M├Âglichkeit akzeptiert umzukommen, in dem er sich sein eigenes Gesetz anma├čte und einen anderen Menschen t├Âtete. Alle, die eine Waffe tragen, innerhalb oder au├čerhalb des Gesetzes, setzen sich der Gefahr aus, get├Âtet zu werden, sobald sie das Recht zu t├Âten f├╝r sich akzeptieren. Das war das ungeschriebene Gesetz, nach dem sich die Welt seit Anbeginn gerichtet hatte.

Wir wurden auf richterlichen Erlass isoliert. Die den Verschwiegenheitspakt mit mir eingegangen waren, hielten ihr Wort, den wiederholten Drohungen der Verwaltung zum Trotz. Doch das brachte nichts. So wie die Dinge standen, brannte das Stilett, das ich auf den Hof von Trakt zwei geworfen hatte, den Gefangenen in den H├Ąnden. Obwohl ich gebeten hatte, es zu verstecken, ├╝berlie├čen sie das einem vollst├Ąndig Unbekannten, was unverantwortlich war. Sobald er merkte, was er da in seiner Zelle versteckt hatte, ├╝bergab dieser Gefangene es den Schlie├čern. Ich bekam das mit, als einer der Dienstleiter mit dem Messer in der Hand zu mir kam. Er zeigte es mir.

┬╗Jetzt haben wir euch, Tarr├şo. Das ist doch deins, oder? Ihr werdet alle daf├╝r b├╝├čen.┬ź

┬╗Ich wei├č nicht, wovon sie reden, mein Herr…┬ź

┬╗Das Messer hat mir gerade einer deiner Mith├Ąftlinge aus Trakt zwei gegeben und es klebt noch Blut daran. Jetzt bist du geliefert…┬ź

Als er gegangen war, dachte ich ├╝ber alles nach. Nat├╝rlich h├Ątten sie in K├╝rze die Spuren an dem Stilett gesichert; was das Blut anging, so w├╝rde kein Zweifel bestehen. Es ├╝berraschte mich, das Messer in der Hand des Schlie├čers zu sehen, immer noch in Plastik eingewickelt. Ich verfluchte meine Mitgefangenen wegen ihrer Inkompetenz und fragte mich, wer es gewesen war. Doch es war zu sp├Ąt: der Vogel war verschwunden, verlegt an einen anderen Ort, den wir nicht kannten. Egal, wir w├╝rden uns vor Gericht sehen. An den folgenden Tagen wurden wir st├Ąndig auf das Polizeirevier und ins Gericht gefahren um verh├Ârt zu werden. ├ťberw├Ąltigt von den Indizien gestand ich schlie├člich meine Verantwortung f├╝r jenen Tod und nahm meine Mitgefangenen von jeder Mitt├Ąterschaft aus. Das war das korrekte Verhalten.

Normalit├Ąt kehrte in die Anstalt zur├╝ck. Ich wurde erneut in den tubo geschickt. Ein Jahr vor meiner Freilassung w├╝rde ich mich nun wegen Mordes verantworten m├╝ssen. Ich zahlte einen hohen Preis f├╝r meinen Exzess, doch tat mir der Tod jenes Mannes nicht leid; nicht einmal f├╝hlte ich mich ungl├╝cklich angesichts dessen, was mich nun ├╝berrollen w├╝rde. Sie lie├čen mich meine Mutter ├╝ber Telefon sprechen. Sie befand sich in der Schweiz, zusammen mit meinen Geschwistern; vor Jahren waren sie dorthin ausgewandert. Ich erz├Ąhlte ihr, dass ich einen Menschen get├Âtet hatte. Es war ein schwerer Schlag f├╝r sie, jene Worte aus dem Mund ihres Sohnes zu h├Âren. An diesem Tag t├Âtete ich auch in ihrem Inneren etwas. Trotz allem war sie die einzige Person, die mir echte und bedingungslose Liebe anbieten w├╝rde, immer.

Unterdessen kam eine Gruppe Gefangener aus Carabanchel nach Zamora. Dort hatten sie mehrere Aufst├Ąnde angef├╝hrt. Zamora hatte zu jener Zeit einen ziemlich schlechten Ruf in den ├╝brigen spanischen Anstalten, es war zum Synonym f├╝r Folter geworden. Die Pr├╝gel und die Amtsmissbr├Ąuche verh├Ąrteten sich, w├Ąhrend die Generaldirektion des Strafvollzugs die Augen vor der Realit├Ąt weiterhin geschlossen hielt.

Eines Morgens, ich war gerade vom Hofgang zur├╝ckgekommen, konnte ich durch ein Fenster sehen, wie eine Gruppe Gefangener dabei war, von Trakt zwei aus auf das Dach zu steigen. Es war ein Aufstand. An der Spitze Chafi, Gra├▒a und El Bolas aus Madrid. Ich befand mich auf dem oberen Geschoss, im tubo. Sie kamen bis zu meinem Zellenfenster und sprachen mich vom Dach aus an.

┬╗Qu├ę pasa, Che? Wie du siehst, wir haben die Schnauze voll von diesen Schweinen und sind hier rauf, um Forderungen zu stellen┬ź, sagte Chafi.

┬╗Ihr seid toll, doch passt auf wenn die Spezialkr├Ąfte kommen, mit Gummigeschossen und Rauchgranaten. Seht zu, was ihr machen k├Ânnt, um uns hier rauszuholen… Sch├Âne Schei├če, die ihr da macht!┬ź

┬╗Einverstanden.┬ź

Sie warfen uns Betttuchstreifen an die Fenster, an die wir mehrere Messer banden, damit sie sich verteidigen k├Ânnten. In der Zwischenzeit versuchten sie, durch das Dach zu brechen, um uns herauszuholen, doch das war zu schwierig. Sie w├╝rden allein aushalten m├╝ssen.

Nur zwei Stunden sp├Ąter fanden sich die Spezialkr├Ąfte auf dem Gel├Ąnde ein. Die Genossen, die sich auf dem Dach befanden, bauten Barrikaden aus aufgeschichteten Dachziegeln, die auch als Munition dienen sollten. Beide Seiten versuchten, einen Dialog zu f├╝hren, doch man kam zu keinem endg├╝ltigen Ergebnis.

┬╗Lassen Sie von Ihrem Handeln ab, sonst sehen wir uns gezwungen einzuschreiten┬ź, schrie der Kommandant der Gruppe von mindestens sechzig Polizisten.

┬╗Fick dich ins Knie, du Arsch┬ź, antwortete einer der Gefangenen.

Die Feindseligkeiten steigerten sich weiter, und wir waren ohnm├Ąchtige Zeugen der Schlacht, die sich vor unseren Augen abspielte. Einige von uns unterst├╝tzten die Aktion und schlugen die Zellen kaputt, mehr konnten wir nicht tun. Die Stimmung war geladen mit Schreien und dem Knallen der Gewehre, die den Regen aus Schindeln, der vom Dach herkam, mit Gummigeschossen beantworteten. F├╝nf Minuten lang Krach; danach eine gro├če Stille. Eines der Gummigeschosse hatte meinen Freund Chafi im Gesicht getroffen und hatte ihm ein Auge vollst├Ąndig zu Brei zerdr├╝ckt. El Bolas rettete ihm das Leben, er hielt ihn im letzten Moment fest, fast w├Ąre er hinunter gefallen. Dieser Vorfall setzte dem Kampf und dem Aufstand den Schlusspunkt. Die Gefangenen gaben auf, damit Chafi baldm├Âglichst ins Krankenhaus gebracht werden konnte, in die Notaufnahme.

Nach der Revolte kam die Depression. Zelle f├╝r Zelle beschlagnahmten Schlie├čer und Spezialkr├Ąfte unsere Habe, einschlie├člich unserer Kleidung, sie lie├čen uns nackt in den Zellen zur├╝ck. Mehrere Genossen wurden zusammengeschlagen. Als Reaktion vereinbarten wir, in Hungerstreik zu treten. Wir verweigerten in beiden Trakten die Nahrungsaufnahme. Gegen unsere Ma├čnahme erging eine Reihe von Drohungen seitens der Direktion, deren einziges Ziel es war, unter uns eine Spaltung herbeizuf├╝hren, mittels Terror. Doch sie konnten niemanden mehr erschrecken, und obwohl eine gro├če Anzahl Gefangener den Streik abbrach, machte die Mehrheit bis zum Ende mit.

Am n├Ąchsten Tag mietete die Gruppe ┬╗M├╝tter gegen Drogen┬źaus Madrid mehrere Autobusse f├╝r die Fahrt nach Zamora. Mission: Was mit uns dort geschah, publik zu machen. Mit Megaphon ausgestattet stellten sie sich vor den Trakt und begannen, die Schlie├čer zu beschimpfen:

┬╗Lasst die Kinder in Ruhe, Amtsmissbraucher, Kanaillen…┬ź, schrie die Sprecherin.

Als wir sie h├Ârten, stellten wir uns an die Fenster, zogen uns an den Gittern hoch und zeigten ihnen unsere Nacktheit als beste Beschreibung unserer Situation. Die erschrockene Direktion schickte ihre Totschl├Ąger, um uns mit Gewalt von den Fenstern herunterzuholen, doch es war zu sp├Ąt. Die M├╝tter machten mit ihrem ├Âffentlichen Protest mutig und verwegen weiter, die Schlie├čer mit der ein oder anderen verdienten Beschimpfung beleidigend. Die meisten hatten ihre Kinder hier oder in anderen Anstalten. Viele von ihnen hatten sie verloren, wegen Drogen oder wegen AIDS. Ihre enorme Liebe brachte diese tapferen M├╝tter bis auf jenen H├╝gel, um im Rahmen ihrer M├Âglichkeiten gegen die Ungerechtigkeit im Strafvollzug zu k├Ąmpfen, die von den berufsm├Ą├čig mit dem dreckigen Gesch├Ąft der Rache Betrauten ausging. Sie waren es, die gewannen. Die Direktion ordnete an, uns allen Besitz wieder auszuh├Ąndigen. Das Recht auf Hofgang wurde wiederhergestellt und die Misshandlungen h├Ârten auf. Mehrere Verantwortliche, allen voran der Direktor, mussten ihre Posten auf Druck der Generaldirektion aufgeben, die auf diese Weise ihr Gesicht vor der ├ľffentlichkeit wahrte.

In der Zwischenzeit schrieb die Presse Artikel ├╝ber mafi├Âse Seilschaften in den Gef├Ąngnissen, hinter denen ihrer Ansicht nach Chafi und ich steckten, um was dort stattgefunden hatte irgendwie zu rechtfertigen. Falls sie es schafften, uns vor der Gesellschaft als Mafiosi hinzustellen, w├╝rde diese die zu unserer Repression eingesetzten Mittel billigen. Die Journalisten ekelten mich an, sie trauten sich, das alles zu schreiben, und waren nie selbst in einem Gef├Ąngnis gewesen.

Sie logen unverhohlen und ver├Âffentlichten Artikel, die von der Verwaltung diktiert worden waren, mit dem einzigen Zweck, ihr gesch├Ądigtes Image zu reparieren.

Obwohl ich bei dem anf├Ąnglichen Aufstand nicht dabei gewesen war, wurde ich f├╝r einen der R├Ądelsf├╝hrer gehalten. Man bereitete meine Verlegung in ein anderes Gef├Ąngnis vor.

La Parda, Gef├Ąngnis von Pontevedra, April 1989

Das Gef├Ąngnis war siebzig Jahre alt. Es war alt, sehr alt. Ich usste mich beim Eintritt ausziehen, um die Aufnahmeprozedur zweier merkw├╝rdiger Schlie├čer zu absolvieren. Anschlie├čend wurde ich in die Isolationsetage gebracht. Sie hatten dieselbe ger├Ąumt, um mir Einsamkeit und viel Ruhe zu garantieren, was Teil der aus Madrid angeordneten repressiven Sonderbedingungen war. Ich sollte vom Rest der Gefangenen ferngehalten werden. Sie wiesen mir eine ekelhafte, sehr kleine Zelle zu, deren Fenster auf einen kleinen Hof wies. In einer seiner Ecken sah ich deutlich den Guardia Civil auf einem der Wacht├╝rme des Gel├Ąndes, nicht weiter als zwanzig Meter entfernt. Er war die einzige Gesellschaft, die ich dort haben w├╝rde.

Trotz der Isolation konnten mehrere Freunde von mir, die sich in diesem Gef├Ąngnis befanden, Kontakt mit mir aufnehmen. Sie lie├čen mir eine Nachricht zukommen. Es waren Rolando, Miguel Exp├│sito und sein Bruder Javier. Sie teilten mir neben ein paar pers├Ânlichen Dingen mit, dass der Gefangene, der f├╝r die Essensausgabe eingeteilt war, mit Vorsicht zu genie├čen sei; er war ein Spitzel. Zu wissen, dass ich nicht ganz so allein war wie die Verwaltung es wollte, gab mir Auftrieb.

Ungef├Ąhr um sieben Uhr dieses Nachmittags kam das Abendessen. Es brachte der Gefangene, vor dem ich gewarnt worden war. Ich streckte das Tablett hinaus, stellte es auf den Fu├čboden und bat h├Âflich um die Suppenkelle.

┬╗Gib mir die Kelle, ich f├╝lle mir selber auf…┬ź

Er gab sie mir. Ihn begleitete ein Schlie├čer auf dem Gang und ein anderer, der hinter dem Gitter geblieben war, das in die Etage f├╝hrt. Ich servierte mir ein wenig warme Suppe und ein St├╝ck Tortilla. Danach richtete ich mich auf und ohne ein Wort zu verlieren schlug ich ihm ins Gesicht, mit der Kelle. Er schrie auf und f├╝hrte sich die H├Ąnde ans Gesicht.

┬╗Ich will dich hier nicht mal als Gem├Ąlde sehen┬ź, warnte ich ihn.

┬╗Tarr├şo, beruhigen Sie sich, was ist los?┬ź mischte sich der Schlie├čer ein.

┬╗Nichts, was Sie etwas angeht.┬ź

Ich nahm das Tablett auf, ging zur├╝ck in die Zelle und lie├č die Kelle auf dem Fu├čboden liegen. Ihn sah ich dort nicht mehr wieder.

Die Tage in La Parda vergingen langsam. Dieser Hof nervte mich, mit dem Schlie├čer, der mich die ganze Zeit von der einen Seite beobachtete, und dem Guardia Civil auf der anderen. War das Teil der Strafe f├╝r meine unverhohlene Rebellion? Ein Schmerzzuschlag zus├Ątzlich zur Ungewissheit einer zuk├╝nftigen Haftstrafe wegen Mordes? Ich f├╝hlte mich auf Null reduziert.

Mein Vater kam, um mich zu sehen, in Begleitung der Familie Rolandos.

┬╗Hallo Jos├ę, wie gehtÔÇÖs?┬ź gr├╝├čte er mich.

┬╗Schlecht, sie halten mich in Isolation gefangen, allein. Ich sehe niemanden, kann mit niemandem sprechen… ich werde noch verr├╝ckt…┬ź

Wir redeten die ganze Besuchszeit lang von diesen Dingen. Als sie zu Ende war, verabschiedeten wir uns. Auf dem R├╝ckweg in die Isolation konnte ich mit meinen Freunden sprechen. Einer von ihnen gab mir beim Handschlag einen Zettel. Ich verbarg ihn vor den Augen des Schlie├čers, der mich eskortierte. In der Zelle las ich ihn. Ich erkannte Miguels Schrift:

Che, ich habe einen Fluchtplan erarbeitet, zusammen mit meinem Bruder. Es geht darum, die Schlie├čer gefangenzunehmen, einen der Gitterst├Ąbe in den Besuchszellen durchzus├Ągen und von dort aus aufs Dach zu gelangen. Das alles w├Ąhrend des Tages. Vom Dach aus springen wir auf das Dach des Wachdienstgeb├Ąudes, was sich unterhalb befindet, etwa vier Meter. Der Sprung ist nicht sehr schwer, und von dort aus auf die Stra├če… Kommst du mit?

Ich wartete auf den n├Ąchsten Besuchstermin, um ihnen mitzuteilen, dass ich mitgehen w├╝rde, dass ich dabei war. Es m├╝sste der richtige Moment abgewartet werden und es m├╝ssten mehrere Messer hergestellt werden. Die anderen w├╝rden herunterkommen, um mir aufzumachen, nachdem die Schlie├čer gefesselt und geknebelt waren. Es war ein guter Plan und ich f├╝hlte Dankbarkeit meinem Freund gegen├╝ber: Er hatte an mich gedacht. Er war Realist und wusste, dass mir viele Jahre Gef├Ąngnis bevorstanden, wegen des Todesfalls in Zamora. Vielleicht mehr, als mir meine Krankheit zum Leben ├╝brig lassen w├╝rde. Jedenfalls w├╝rde jede M├Âglichkeit rauszukommen immer besser sein, als langsam in einer Zelle zu sterben, unt├Ątig. Ich zog die Gefahr einer Maschinenpistolensalve dem Gef├Ąngnis vor. Ich glaubte, der wirkliche Wert des Lebens bestehe nicht in dessen Erhaltung um jeden Preis, sondern darin, das Risiko einzugehen etwas Besseres zu suchen: Die wirkliche Freiheit, die mir die Chance er├Âffnen w├╝rde, mich selbst zu realisieren. Das Leben befand sich au├čerhalb jener Mauern.

Als ich mich an diesem Nachmittag fertig machte, um auf den Hof zu gehen, brachte mir einer der Schlie├čer die Neuigkeit, die wir erwartet hatten.

┬╗Tarr├şo, wissen Sie, heute ist Rolando niedergestochen worden.┬ź

┬╗Ach Quatsch, Sie scherzen…┬ź, antwortete ich ihm.

┬╗Nein, nein, es ist die Wahrheit! Wir haben ihn so schnell wie m├Âglich ins Krankenhaus gebracht.┬ź

┬╗Idiot┬ź, dachte ich f├╝r mich, w├Ąhrend ich ├╝ber den Hof ging. Stunden sp├Ąter brachte Radio Nacional in den Nachrichten, was wir h├Âren wollten: Mehrere Personen waren mit Pistolen bewaffnet in das Krankenzimmer von Rolando Cancela Veiga eingebrochen, hatten die zwei Polizisten entwaffnet, die ihn bewachten, und flohen anschlie├čend alle zusammen. Das w├╝rde meine Freunde und mich bei unserem Vorhaben ermutigen.

Am 27. Juni, mehrere Tage nach Rolandos Flucht, brachte Radio Nacional neue Nachrichten aus der Gef├Ąngnisunterwelt. Eingeweiht 1982, erlebte das ber├╝hmte Gef├Ąngnis von Puerto de Santa Mar├şa seinen zweiten Aufstand in sieben Jahren. Die Gefangenen Fern├índez Varela, Maya Martos, Hidalgo Garc├şa, Ort├şz Jim├ęnez und Zamoro Dur├ín f├╝hrten ihn an. Sie hatten mehrere Schlie├čer als Geiseln genommen, um die Verhandlungen zu erleichtern. Diese Gefangenen, massiv unterst├╝tzt durch den Rest der inhaftierten Bev├Âlkerung, brachten ein Tonband mit einer Reihe Forderungen in Bezug auf die Haftbedingungen in Puerto heraus. Auch forderten sie eine Reform des Strafgesetzbuchs. Sie forderten unabh├Ąngige und nicht der Beh├Ârde angeh├Ârige ├ärzte f├╝r den Sanit├Ątsdienst in den Gef├Ąngnissen, die sofortige Freilassung der AIDS-Kranken in terminaler Phase und andere f├╝r die in spanische Gef├Ąngnisse eingesperrten M├Ąnner und Frauen wichtige Dinge. Ich f├╝hlte wie sie und fand mich in ihren Forderungen wieder. Ich verfolgte den Verlauf der Geiselnahme die ganze Nacht hindurch ├╝ber das Radio. Das Tonband war dem Anstaltsdirektor Eduardo Roca ausgeh├Ąndigt, jedoch nicht ver├Âffentlicht worden. Pl├ícido Conde, Gouverneur von C├ídiz, forderte den Einsatz der GEOS an, und das Leben in der Provinz kam zum Erliegen. In jenem Gef├Ąngnis befanden sich zu langen Haftstrafen Verurteilte; es waren hartgesottene und gef├Ąhrliche M├Ąnner. Falls die Polizei einschritt, konnte es ein Massaker geben. Innerhalb der Anstalt wurden Barrikaden und Molotowcocktails gebaut, mit aus der Krankenstation entwendetem Alkohol. Drau├čen umkreisten mehrere Hubschrauber das Gef├Ąngnis, w├Ąhrend die GEOS Position zum Sturmangriff einnahmen. Es konnte alles M├Âgliche passieren. Nach zwanzig langen Stunden der Verhandlungen gaben die Gefangenen allerdings auf und lie├čen die Geiseln frei. Die f├╝nf H├Ąftlinge, die den Aufstand angefangen hatten, wurden anschlie├čend in die traurig ber├╝hmte Anstalt Herrera de La Mancha ├╝berf├╝hrt und unter Sonderbedingungen gestellt, bewacht von der Guardia Civil. Sie w├╝rden es teuer bezahlen, es gewagt zu haben, sich mit dem System anzulegen und dessen Methoden ├Âffentlich anklagen zu wollen.

Das Schicksal meinte es immer noch nicht gut mit mir. Mitten in der Fluchtvorbereitung ├╝berraschte mich die Nachricht einer erneuten Verlegung. Ich musste meine Sachen packen und die Anstalt in Richtung La Coru├▒a verlassen, von wo ich am n├Ąchsten Tag ins Hochsicherheitsgef├Ąngnis von Daroca, Zaragoza, fahren w├╝rde. Meine Ausbruchstr├Ąume waren f├╝r den Augenblick zerplatzt, doch ich w├╝rde nicht von ihnen ablassen: ich w├╝rde bei der geringsten Chance auf einen Erfolg die Flucht versuchen.

Im Gef├Ąngnis von La Coru├▒a wurde ich in die zweite Etage gebracht, Correcci├│n. Ich konnte Kontakt mit Jos├ę Mar├şa Exp├│sito aufnehmen, der mir zwei S├Ągebl├Ątter und ein Stilett zukommen lie├č. Ich verstaute die Klinge desselben zusammen mit den S├Ągebl├Ąttern in einem zylindrischen Plastikgef├Ą├č, welches ich mir verschlossen in den After einf├╝hrte. Jene Metallst├╝cke k├Ânnten zum Schl├╝ssel f├╝r meine Freiheit werden; in meinem Leib w├╝rden sie sie nie finden. Ich f├╝hlte mich sicherer.

Gef├Ąngnis Daroca, Zaragoza, Juli 1989

Die Anstalt Daroca, ein modernes Geb├Ąude in gelblichem Farbton, galt als Hochsicherheitsgef├Ąngnis. Es gab f├╝nf verschiedene Trakte, alle belegt von Gefangenen im geschlossenen Vollzug, erster Grad, im Alter zwischen einundzwanzig und f├╝nfundzwanzig Jahren. Das Geb├Ąude wurde dominiert von einem zentralen Turm, der es erlaubte, die D├Ącher aller f├╝nf Trakte st├Ąndig zu ├╝berwachen. Auf jeder Au├čenmauer standen Wacht├╝rme, von denen aus jeweils drei Guardias Civiles Wache hielten. Niemand d├╝rfte sie ├╝bertreten, das war ihr Job. Es halfen ihnen dabei eine Anzahl Kameras, an strategischen Punkten auf das ganze Gel├Ąnde verteilt, und ein paar deutsche Sch├Ąferhunde, die der Guardia Civil geh├Ârten.

Ich war f├╝r Trakt eins, erste Phase vorgesehen. Dort traf ich auf meinen Freund Musta. Wir umarmten uns.

┬╗Na, du Ganove, hast du meine Nachricht erhalten?┬ź fragte er mich.

┬╗Ja, deine Freundin hat sie mir gegeben bei einem Besuch, den sie mir gemacht hat.┬ź

W├Ąhrend wir weitersprachen, gingen wir den Hof auf und ab.

┬╗Mir war von Anfang an klar, dass du hinter der Geschichte mit Torres steckst. Wie ich schon gesagt habe, du kannst f├╝r alles auf mich z├Ąhlen; ich komme bald raus. Verstanden, Kollege?┬ź

┬╗Das wusste ich.┬ź

Wir gingen weiter spazieren und schmiedeten Zukunftspl├Ąne. Unser Alltag hier hatte denselben Ablauf wie in den anderen Anstalten. Menschen gingen hin und her, Schritte, die nirgendwohin f├╝hrten; Vom Gef├Ąngnis brutalisierte Menschen, die von dem getrennt worden waren, was sie am meisten sch├Ątzten oder liebten. Eine Unterwelt voll Freundschaft und voll L├╝ge, voll Blut, Hass, Schmerz und Repression. Das Gef├Ąngnis war die Kloake, die M├╝llhalde, wo die Guten und Anst├Ąndigen sich der Menschen entledigten, die in der Gesellschaft Fehler gemacht hatten. F├╝r mich war dieses Ph├Ąnomen nicht neu; ich hatte das alles zuvor im Internat und in der Erziehungsanstalt gesehen. Sie nahmen dich als Kind mit und lie├čen dich als Greis los. Das war Teil des Business.

Der Straff├Ąllige wurde nicht verfolgt, weil er asozial war, man entfernte etwas von der Stra├če, weil es st├Ârte. Wie man einen Vater aus dem Haus wirft und ihn in ein Altenheim einschlie├čt. Die Ge- sellschaft funktionierte so. Falls wir w├Ąhrend unseres langen Aufenthalts im Gef├Ąngnis h├Ątten beobachten k├Ânnen, dass diese Gesellschaft, die wir bestohlen und der wir den Krieg erkl├Ąrt hatten, in Wirklichkeit besser war als wir glaubten, gerechter, humaner, tats├Ąchlich anst├Ąndig, h├Ątten viele von uns glaube ich wohl versucht, mit ihr zusammenzuleben. Doch wir sahen in ihr nur Egoismus, Eitelkeit, Wettbewerb und Scheinheiligkeit. Man hatte eine f├╝rchterlich h├Ąssliche und ungerechte Gesellschaft geschaffen, die uns alle hier und jetzt nach ihrem Vorbild formte. Wir alle trugen einen Teil der Verantwortung; niemand konnte sich r├╝hmen, die Wahrheit f├╝r sich gepachtet zu haben. W├Ąhrend wir hier schimpften und k├Ąmpften, erfreuten sich die Politiker ihres Sonnenplatzes an der Macht und ihrer destruktiven Doktrin, armselig aus Leidenschaft. Wir, die Straft├Ąter, waren nicht die wirklichen Feinde der Gesellschaft, wenigstens nicht die schlimmsten; die echten Feinde der Gesellschaft sind die Politiker und ihre L├╝gen, ihre uneingel├Âsten Versprechen, ihre Kriege. Indem man viele Menschen einfach so in die Gef├Ąngniskloake warf, wurden zahllose Ungerechtigkeiten begangen. Doch wen interessierte das?

Mehrere Monate nach meiner Ankunft in Daroca bekam ich mit, dass eine Flucht vorbereitet wurde, vom Krankenhaus aus. Mir sagten sie als Erstem Bescheid, wor├╝ber ich mich freute. Ein Gefangener war soeben aus dem Krankenhaus gekommen und hatte die Fenstergitter dort halb anges├Ągt hinterlassen. Nun fehlte nur noch ein Plan, um die Verlegung von Anxo und eines Madrile├▒os namens Julepe zu provozieren; sie w├╝rden nach mir an die Reihe kommen.

Ich pr├Ąparierte den Schlie├čern einen K├Âder, inspiriert von Rolandos Flucht: sie selbst w├╝rden mir die Hinfahrkarte ausstellen. Ich sprach mit einem vertrauensw├╝rdigen Genossen und bat ihn, mir einen Messerstich in den Magen zu verpassen, sobald wir auf den Hof hinausgehen w├╝rden.

┬╗Du darfst mir nur die halbe Klinge hineinstechen, einverstanden?┬ź

┬╗Sei unbesorgt.┬ź

Ich ├╝bergab ihm ein Messer und wir bewegten uns auf eine der Ecken des Hofes zu, wo die Schlie├čer in den Wachh├Ąuschen uns nicht sehen w├╝rden. Ich ergriff seine Schulter.

┬╗Los jetzt┬ź, sagte ich zu ihm und spannte den Bauch. Ich bereitete mich auf das Theaterspiel vor.

Ein fester Sto├č, und die Klinge drang ein. Ich merkte es kaum. Ich lie├č meinem Genossen Zeit, sich zu entfernen und das Messer zu verbergen, lief auf die Schlie├čer zu und schrie:

┬╗Man hat auf mich eingestochen, man hat auf mich eingestochen!┬ź

Die anderen Gefangenen, die ja von der Wirklichkeit nichts wussten, umringten mich. Ich stellte mich schwer verletzt. Sie brachten mich auf die Krankenstation, wo man mir die Kleidung herunterzog und die Tiefe der Wunde ma├č.

┬╗Er muss ins Krankenhaus┬ź, ordnete der Arzt an.

Geschafft. Ich gratulierte mir.

Der Krankenwagen lie├č nicht lange auf sich warten und ich wurde ins Krankenhaus gebracht. Dort checkte man mich durch, machte mehrere Tests und stellte dabei fest, dass die Magenwand nicht durchschnitten worden war. Trotzdem hielten die ├ärzte es f├╝r angebracht, mich f├╝r einige Tage einzuweisen, falls irgendeine Komplikation auftreten sollte. Sie steckten mich in den Saal f├╝r H├Ąftlinge. Dort traf ich auf einen Gefangenen portugiesischer Staatsangeh├Ârigkeit. Er erkl├Ąrte mir:

┬╗Schau, dieser ganze Abschnitt des Gitters ist anges├Ągt. Es fehlt nur noch ein bisschen, wir sind seit vierzehn Tagen daran.┬ź

┬╗Es kommen noch zwei Genossen. Wir werden zwei Tage abwarten, ob sie es schaffen, eingewiesen zu werden. In der Zwischenzeit s├Ągen wir weiter, einverstanden?┬ź

┬╗Gut…┬ź

Ich blieb auf dem Bett liegen und blickte die Decke an. Vier uniformierte Bullen bewachten uns hinter der gepanzerten und mit Sicherheitsglas best├╝ckten Eingangst├╝r. Wir befanden uns im dritten Stock. Ich hoffte, meine Genossen w├╝rden so schnell wie m├Âglich eintreffen, damit wir bald hier heraus k├Ąmen. Es w├╝rde leicht sein. Wir w├╝rden nur mit dem S├Ągen fertig werden m├╝ssen, aus Bettlaken ein Seil kn├╝pfen und uns im Schutze der Nacht in den Garten abseilen, der zum Krankenhaus geh├Ârte. Ein Kinderspiel von dort zu entkommen. Dieses Fenster bedeutete f├╝r mich und meine Genossen das Ende der Haft. Ich hatte nicht den leisesten Zweifel, dass wir es schaffen w├╝rden, weshalb ich mir die Zeit mit dem ├ťberdenken technischer Details vertrieb: Wohin gehen und was tun, das war der wichtigste Teil.

Ungef├Ąhr um neun hatte es mein Freund Anxo geschafft eingewiesen zu werden und stieg in das Projekt ein. Diese Nacht arbeiteten wir ein bisschen an dem Gitter. Den Rest w├╝rden wir in der kommenden Nacht durchs├Ągen. Falls Julepe nicht auftauchte, w├╝rden wir ohne ihn gehen.

Am n├Ąchsten Morgen erhielten wir Visite von den ├ärzten.

┬╗Sie zwei sind gesundgeschrieben┬ź, sagte einer von ihnen und zeigte auf mich und auf Anxo.

┬╗H├Âren Sie mal! Mir geht es sehr schlecht…┬ź, sagte ich.

┬╗Es tut mir leid, doch Sie haben genau wie Ihr Kollege nur eine Perforation des Bauchmuskels. Ihre M├Ągen sind in perfektem Zustand, weshalb es nicht mehr n├Âtig ist, dass sie hier f├╝r l├Ąngere Zeit verbleiben.┬ź

Stunden sp├Ąter befanden wir uns auf dem R├╝ckweg ins Gef├Ąngnis. Einmal mehr hatte der Zufall meine Ausbruchshoffnung zerst├Ârt. Doch ich w├╝rde es wieder versuchen. Ich gab nicht leicht auf, auch wenn es Schwierigkeiten gab. Der Portugiese versuchte es allein, scheiterte jedoch. Mir tat das leid, seinetwegen und wegen der verpassten Gelegenheit, denn das Krankenhaus w├╝rde die Sicherheitsma├čnahmen verst├Ąrken.

In Daroca spielte die landsmannschaftliche Herkunft die Hauptrolle. Wir Gallegos hatten den gr├Â├čten Einfluss in Trakt eins. Dort galten die Bedingungen der ersten Phase: die Gefangenen wurden in Zehnergruppen auf den Hof gelassen, zwei Stunden t├Ąglich. Wir kontrollierten die Cafeteria und die Essensausgabe, was uns gr├Â├čere Bewegungsfreiheit verschaffte, Nahrungsmittel, Zigaretten und Kaffee. Genauso war es in Trakt zwei mit den Madrile├▒os. Dort durften die Gefangenen vier Stunden am Tag auf den Hof und hatten das Recht auf einen Fernsehraum. In Trakt drei gab es sechs Stunden Hofgang, mit Anrecht auf Sportfeld und visavis-Besuchstermine. Dort ├╝bten die Catalanes den gr├Â├čten Einfluss aus. In Trakt vier waren die unter Artikel 10 Gestellten und die Protegidos untergebracht. Der f├╝nfte war der Isolationstrakt. Wir waren ungef├Ąhr 150 Gefangene in diesem Gef├Ąngnis. Bei Gelegenheit kam es zu Streit zwischen uns, der mit dem ein oder anderen Verletzten gipfelte, wenn nicht mit einem Toten. Doch generell l├Âsten wir unsere Probleme, indem wir miteinander redeten. Es herrschte ein gewisser Respekt, und Anma├čungen waren in der inhaftierten Bev├Âlkerung nicht gerne gesehen. Man bemerkte eine gewisse Reife, die in den Jugendstrafgef├Ąngnissen nicht existierte. Trotzdem war die landsmannschaftliche Herkunft immer noch eine der haupts├Ąchlichen Problemfaktoren, denn wenn zwei Gefangene aneinandergerieten, rissen sie den Rest ihrer Landsleute und Freunde mit. Wir machten den h├Ąsslichen Fehler, mit dieser Beschr├Ąnktheit weiterzumachen und nicht zu realisieren, dass wir alle einfache Strafgefangene waren, dass nur wir f├╝r uns da waren, und dass echter Respekt individuell erworben wird und nicht als Gruppe. Die Verwaltung tat nichts, um dies zu verhindern. Sie stellte keine Werkst├Ątten bereit, damit wir Gefangenen besch├Ąftigt sein konnten, uns einen Lohn verdienen oder sogar einen Beruf erlernen. Kein Kulturprogramm, keine Hilfestellung f├╝r die Besuche der Familien, die hunderte von Kilometern zur├╝cklegten, um uns im Gef├Ąngnis zu sehen. Nichts von alledem wurde gemacht; zu teuer, zu viel Geld. Um ein paar Peseten zu sparen, brachte die Verwaltung gef├Ąhrliche M├Ąnner hervor. Das w├╝rde die unmittelbare Zukunft zeigen.

Gegen Ende des Jahres kam Musta frei. Ein Verwandter von mir holte ihn in Daroca ab und nahm in mit, damit er La Coru├▒a kennenlernte, wo ihm einige meiner Freunde vorgestellt wurden. Wie wir vereinbart hatten, gab man ihm eine Pistole, und ein Freund von mir beging mit ihm zusammen einen Bank├╝berfall, damit er sich selbst finanzieren konnte.

Von drau├čen kam die Nachricht der Flucht meines Freundes Chafi aus dem Gerichtsgeb├Ąude von La Coru├▒a. Ich stellte den Kontakt zu Musta her, und beide gingen nach Vigo, um sich Waffen zu besorgen. Meine Befreiung sollte vorbereitet werden, wobei Edmundo Balsa Franco, el Yando, mitmachte, den ich von drau├čen kannte, also alles Genossen. Meine Freunde besuchten Bankfilialen in verschiedenen Orten Galiziens, und mit der Beute finanzierten sie den Aufbau von Strukturen in Vigo und Orense. St├Ąndig schickten sie mir Nachrichten und Fotos meiner neuen Bleibe. Alles war vorbereitet; jetzt fehlte nur noch, dass ich nach La Coru├▒a gebracht wurde, zu einem der vielen Prozesse, die gegen mich noch anh├Ąngig waren. Dort w├╝rden sie versuchen, mich zu befreien.

In der Zwischenzeit schaffte ich es, an einen Posten im Economato von Trakt eins heranzukommen, was mir t├Ąglich sechs Stunden Zeit auf dem Hof verschaffte, abz├╝glich der Zeit, die ich mit Servieren von Kaffee und der Bedienung der Gruppen besch├Ąftigt war, die zum Hofgang herunterkamen. Weihnachten stand vor der T├╝r, und wir schafften, versteckt in ein Essenspaket von drau├čen, f├╝nfzehn Gramm Haschisch zu uns hinein, die ich mit Anxo und anderen Freunden teilte.

Hasch war die einzige Droge, die ich noch zu mir nahm; den Rest hatte ich geschafft hinter mir zu lassen, was mich in meinem Selbstvertrauen st├Ąrkte. Wir rauchten ein paar Joints, um 1990 zu feiern, w├Ąhrend unsere Gedanken nur um den einen Wunsch kreisten: Freiheit.

Doch 1990 brachte keine guten Neuigkeiten: Im Verlauf eines ├ťberfalls auf ein Nachtlokal, dessen Beute kaum das Risiko h├Ątte aufwiegen k├Ânnen, schossen meine Freunde auf den Besitzer der Bar, als dieser versuchte, sich in ein B├╝ro einzuschlie├čen, um die Polizei zu rufen. Zwei Gewehrsch├╝sse zerbarsten eine Stelle in der Holzt├╝r, gro├č genug, dass Musta mit mehreren Pistolensch├╝ssen durch das Loch sein Leben beendete. Ich erinnerte mich in der Zelle an seine Worte: Keine Gnade. W├╝tend beglichen meine Freunde ihre offene Rechnung mit der Gesellschaft auf ihre Weise.

Einen Monat nach diesem Vorfall, am Karnevalstag, erhielt ein Heroinh├Ąndler Besuch von drei Maskierten, die ihm ein Projektil des Kalibers 12 in ein Bein verpassten. Jene unn├Âtigen Aktionen erregten die Aufmerksamkeit der Polizei. Diese ging nach den ├╝blichen Methoden vor, um Diebst├Ąhle oder andere kleine Straftaten aufzukl├Ąren. Doch sobald Waffen im Spiel waren und Menschen, die bereit waren, sie zu benutzen, rauften sie sich zusammen und ermittelten die Wirklichkeit. Und das war gef├Ąhrlich. Die Dezernate f├╝r Raub├╝berf├Ąlle aus La Coru├▒a, Pontevedra, Orense und Vigo krempelten die ├ärmel hoch und brauchten lediglich drei├čig Tage, um den Ort ausfindig zu machen, wo in der Stadt Orense sie sich versteckt hielten, in Begleitung von drei Frauen. Sie hatten sie lokalisiert und schmiedeten nun den Plan zu ihrer Verhaftung: sie w├╝rden nicht lange fackeln.

Jenes Morgens verlie├č Musta in Begleitung eines anderen Mannes das Domizil, in dem sie sich versteckt gehalten hatten. Beide stiegen selbstsicher in ihr Mietauto und setzten sich in Richtung Innenstadt in Bewegung. An der ersten Ampel, an der sie hielten, st├╝rmte eine Gruppe bis an die Z├Ąhne bewaffneter Polizisten auf das Auto zu und hielt ihnen die Waffen vor. Sie gaben auf. Eine halbe Stunde sp├Ąter ging Yanko aus dem Geb├Ąude und in Richtung Busbahnhof, um in seine Wohnung in La Coru├▒a zu fahren. Eine Gruppe Polizisten verfolgte ihn. Im selben Augenblick brach eine weitere Gruppe Polizisten die T├╝r zu der Wohnung ein, in der sich Chafi befand, drang ein und nahm ihn fest. Es fehlte nur noch einer, um die Operation komplett zu machen.

In der N├Ąhe des Busbahnhofs entschied sich die Polizei, in Aktion zu treten und den dritten Mann festzunehmen. Mehrere Polizisten n├Ąherten sich ihm. Mein Freund merkte, was los war, und es begann eine Schie├čerei ├╝ber mehrere Stra├čen von Orense, die mit seiner Festnahme endete, nachdem er sich in einen Fluss gest├╝rzt hatte. Alle waren eingefahren. Es hinterblieben eine zerst├Ârte Familie und ein toter B├╝rger. Diese w├╝rden den Preis bezahlen f├╝r eine schlechte Strafvollzugspolitik, die den Hass und das B├Âse in jenen Ex-Str├Ąflingen potenziert hatte. Die Schl├Ąge, die Amtsmissbr├Ąuche und die gemeinste Ungerechtigkeit der in spanischen Gef├Ąngnissen an jenen M├Ąnnern stattfindenden Rachenahme hatten viel mit der Entwicklung dieser Bestien zu tun. Eine Sache ist es, jemanden zu zwingen, eine Haftstrafe zu verb├╝├čen, doch eine ganz andere ist es, ihn konstant zu misshandeln mittels Pr├╝gel und unverh├Ąltnism├Ą├čigen Sonderma├čnahmen, Armseligkeiten, die im Gef├Ąngnis an der Tagesordnung waren. Jener Todesfall erschien mir nicht trauriger als die Tode der Menschen, die im Morgengrauen an einem Strick aus Bettlaken hingen; nicht trauriger, als das schreckliche Siechen der terminal AIDS-Kranken, die in einer kalten Zelle starben, fern ihrer Lieben, ohne Hoffnung.

Meine Bestimmung war weiterhin der Economato. Mein aufbrausender Charakter lie├č mich zuweilen hitzige Diskussionen mit einigen Gefangenen f├╝hren, die allerdings zu nichts weiter f├╝hrten. Meine Art brachte mir h├Ąufig solche Probleme ein. Ich war ein echter Asozialer. Im Gef├Ąngnis triffst du auf alles m├Âgliche, und ich konnte manchmal nicht verhindern, einigen dieser Subjekte gegen├╝ber Abneigung zu empfinden. F├╝r mich waren es keine Genossen, denn die suchte ich mir selbst aus. Zu zwanghaften L├╝gnern gemacht verdrehten sie alles, was sie erz├Ąhlten. Einige kritisierten mich hinter vorgehaltener Hand; niemals w├╝rden sie den ausreichenden Mut zusammenbekommen, um es von Angesicht zu Angesicht zu tun. Sie redeten schlecht ├╝ber mich, und am n├Ąchsten Tag boten sie die Hand an, grinsend, als Demonstration ihrer Falschheit. Andere krochen am Boden, wimmernd wie servile W├╝rmer, ohne jedes Bisschen Pers├Ânlichkeit oder Stolz. Die Schlimmsten spionierten dich aus, um dich an die Verwaltung zu verraten, im Tausch gegen verg├╝nstigte Haftbedingungen. Alle Trakte, alle Etagen, alle H├Âfe hatten ihre Spitzel. Immer gab es jemanden, der seine Freiheit auf Kosten der anderen zu erlangen suchte. Doch abgesehen von diesen Elementen war die Mehrheit der Gefangenen im ersten Grad, die ich kennenlernte, aufrechte und ehrliche Menschen, mit deren Diskretion man rechnen konnte. Einer derjenigen Gefangenen war Javier ├üvila Navas, el Ni├▒o, wie wir ihn in unseren Zusammenh├Ąngen besser kannten. Er kam verlegt aus der Anstalt Alcal├í-Meco 1, damals eine der h├Ąrtesten in ganz Spanien. Gemeinsam mit anderen Gefangenen hatte er dort gerade eine Geiselnahme angef├╝hrt, um seinen Freund Juan Redondo Fern├índez aus den harten Sonderhaftbedingungen herauszubekommen, unter die man diesen gestellt hatte. Ich besorgte ihm Tabak, Nahrung und Kaffee. Mit mehreren Kaffeebechern in der Hand gingen wir zusammen ├╝ber den Hof spazieren; ich wollte unbedingt erfahren, was geschehen war.

┬╗Was war da los, in Meco, Ni├▒o?┬ź fragte ich ihn, w├Ąhrend wir schlenderten.

┬╗Willst du, dass ichÔÇÖs dir erz├Ąhle? Es ist eine ziemlich lange Geschichte…┬ź

┬╗Egal, wir haben genug Zeit. Los, erz├ĄhlÔÇÖ sie mir.┬ź

┬╗OK┬ź, er z├╝ndete sich eine Zigarette an und begann zu erz├Ąhlen.

┬╗Am 29. Dezember vergangenes Jahr verlegte man mich ins zentrale Justizvollzugskrankenhaus in Madrid, um mich an der Verrenkung zu operieren, die ich in der Schulter habe und die mir die UEI beim Sturmangriff auf Trancho und mich in Ciudad Real beigebracht haben, w├Ąhrend einer anderen Geiselnahme. Das war im Januar und Februar, und ich traf dort meinen Freund Redondo. Ihm ging es schlecht; nie hatte ich ihn so gesehen. Er war buchst├Ąblich am Boden zerst├Ârt. Nur Haut und Knochen, kaum f├Ąhig, zwei ganze W├Ârter zu sprechen. Ich half ihm bei seinem Bad und redete mit ihm…┬ź

┬╗Was war mit ihm?┬ź fragte ich neugierig.

┬╗Sie hatten ihn in Trakt sieben, Isolation, in Alcal├í-Meco gesteckt, du wei├čt ja, wie das ist. Mir kamen fast die Tr├Ąnen, als ich ihn in diesem Zustand sah. Sie hatten sich unversch├Ąmt grausam an ihm ausgelassen. Ich bat ihn, mir zu erz├Ąhlen, was mit ihm passiert war. Sie lie├čen ihn ohne Essen, sie rotzten ihm hinein oder spr├╝hten ihm ein Spray drauf. Sie hielten ihn v├Âllig isoliert von den anderen Gefangenen und hatten sogar versucht, ihn mit AIDS zu infizieren, mit einer gebrauchten, blutigen Spritze… zumindest haben sie ihn damit bedroht.┬ź

┬╗Schei├če, und warum lie├č er das zu?┬ź

Ich holte eine Zigarette heraus, er gab mir Feuer. Wir gingen weiter ├╝ber den Hof, im Kreis.

┬╗Was sollte er machen? In Trakt sieben in Meco ist alles vollautomatisch und man hat zu keiner Gelegenheit Kontakt mit den Schlie├čern, au├čer wenn sie hereinkommen, um dich zu schlagen, und wenn sie das tun, tun sie es in der Horde. Er konnte nichts tun.┬ź

┬╗OK, klar…┬ź

┬╗Er hatte die Gefangenen, die er kannte und die in den anderen Trakten waren, seine Situation mitbekommen lassen. Doch niemand tat etwas, au├čer Anzeige zu erstatten, und das f├╝hrte zu nichts, denn du wei├čt, dass sie sich mit den Anzeigen den Arsch abwischen. Die Wahrheit ist, dass sie eingesch├╝chtert waren und sich nicht trauten, etwas zu tun. Sie f├╝rchteten die Repressalien der Schlie├čer, das war normal. So standen die Dinge, als ich nach Meco kam┬ź, er hielt einen Moment inne, als ob er im Kopf unvergessliche Erinnerungen ordnete, dann fuhr er fort: ┬╗Ich musste meinen Freund da rausholen, zu jedem Preis, und redete mit Conde und Losa, kennst du die?┬ź

┬╗Nur vom H├Ârensagen.┬ź

┬╗Na ja, jedenfalls redete ich mit denen und bat sie, mir zu helfen, die Schlie├čer im Trakt zu entf├╝hren, um Juanito aus der Sieben herauszuholen. Sie sagten zu. Am Valentinstag also legten wir los┬ź, er machte eine Pause und sprach weiter: ┬╗An diesem Morgen gingen Losa und Conde auf meinen Vorschlag hin hinunter zum Wachdienst und fragten nach einem Putzlappen, um den Essenswagen zu wischen. Das war kein Problem, denn die beiden waren eingeteilt, das Fressen zu verteilen. Den Schlie├čern kam nichts verd├Ąchtig vor. Als sie ihnen aufschlossen, ├╝berw├Ąltigten sie sie und nahmen sie mit hoch in die Duschr├Ąume, wo ich mit einem anderen Schlie├čer wartete, den ich festgenommen hatte.┬ź

Ich unterbrach ihn und fragte: ┬╗In welchem Trakt wart ihr?┬ź

┬╗In Trakt drei war das…┬ź

┬╗OK, erz├ĄhlÔÇÖ weiter…┬ź

┬╗Wir warteten bis die ├ärzte vorbeikamen und nahmen sie fest. Es waren zwei junge Frauen: eine ├ärztin und eine Assistentin. Ich erkl├Ąrte ihnen, dass sie nichts zu bef├╝rchten hatten, wenn sie tun w├╝rden, was ich sagte. Mir war unwohl dabei, die beiden Frauen dort festzuhalten, doch sie waren die einzige Garantie gegen die St├╝rmung┬ź, erkl├Ąrte er mir. ┬╗Ich beeilte mich, den anderen Gefangenen aufzuschlie├čen und sagte ihnen, sie sollten mit Zeitungspapier und Matratzen alle Fenster des Trakts dichtmachen. Die Direktion hatte inzwischen mitbekommen, was los war und uns den Strom abgestellt. Sie forderten uns auf, die Geiseln frei zu lassen. Ich sagte nein; nur unter der Bedingung der Verlegung meines Freundes aus Trakt sieben, und der von Zamoro Dur├ín, Ortiz Jim├ęnez, Maya Martos und den anderen unter den Sonderbedingungen in Herrera de La Mancha, und dass ihnen die Verlegung in andere Anstalten garantiert w├╝rde. Au├čerdem gab ich ihnen eine Liste mit einer Reihe an Forderungen, unter anderem das Ende der Misshandlungen in den spanischen Gef├Ąngnissen und die Freilassung Sterbenskranker.┬ź

┬╗Das ist sehr gut, wir sollten das alle ├Âfter machen.┬ź

┬╗Schlussendlich fanden sich ein Inspektor der Generaldirektion und Jim├ęnez de Parga ein.┬ź

┬╗Und wer ist das?┬ź

┬╗Ein Idiot, er ist Sekret├Ąr des Defensor del Pueblo. Ich las ihnen die Forderungen vor, die ganze Geschichte, du wei├čt…┬ź

┬╗Ja, aber was ist schlie├člich passiert?┬ź

┬╗Wir erreichten, dass das Ganze auf Radio Nacional gesendet wurde und dass sie Juanito aus der sieben herausholten, was nicht wenig ist, findest du nicht?┬ź

┬╗Absolut, das war eine sch├Âne Geste…┬ź sprach ich aus.

┬╗Ja, das war es.┬ź

Es war schwierig, echte Freundschaft in Haft zu beobachten, doch wenn sie auftrat, konnten enorme Gef├╝hle daraus entstehen, die die Freunde bis zum bitteren Ende zusammenschwei├čte. Geschichten wie diese begeisterten mich. Das Gef├Ąngnis barg nicht nur W├╝stlinge. Es gab wahrhaftige Menschen; Menschen des Worts, ehrliche Menschen mit ihren Prinzipien, Million├Ąre der W├╝rde, des Stolzes und der Rebellion. Doch im Allgemeinen herrschte zwischen den Gefangenen Kameradschaft, nicht Freundschaft; die war den Herzen vorbehalten, die echter Liebe f├Ąhig waren, und nur denen.

Die Verhaftung derer, die mir h├Ątten helfen k├Ânnen, aus dem Gef├Ąngnis zu fliehen, sch├╝chterte mich nicht ein. Ich war nach wie vor entschlossen auszubrechen und w├╝rde jede Gelegenheit nutzen, solange meine Gesundheit es zulie├č und mir Kraft blieb. Ich hatte den Termin f├╝r einen Prozess in La Coru├▒a mitgeteilt bekommen, im Monat September. Dort w├╝rde ich etwas versuchen; inzwischen wollte ich mich in Form bringen.

Im M├Ąrz verlegte man mich wegen guter F├╝hrung nach Trakt zwei. Dort traf ich meinen Freund Bolas wieder. An einem jener Tage t├Âtete ETA einen Schlie├čer in der Anstalt Basauri in Bilbao mit einem Kopfschuss, als Repressalie f├╝r die schlechte Behandlung, die einige politische Gefangene in Haft erhielten. Daraufhin entschlossen sich die Schlie├čer, in der Mehrheit Mitglieder der Gewerkschaft CESIF, in allen Anstalten in Streik zu treten. Das w├╝rde Chaos bedeuten. Wir hatten davor etwas Angst, denn ihr Recht auf Streik aus├╝bende Schlie├čer w├╝rden uns nicht auf den Hof hinausbegleiten, nicht in die Duschen, zu den Besuchsterminen und so weiter. Zwei Tage sp├Ąter begannen die Schlie├čer zu streiken. In Daroca brach aus, was sich schon vor langer Zeit zu entwickeln begonnen hatte: Gewalt.

Mein Freund Bolas kam zu mir.

┬╗Jos├ę, wir gehen aufs Dach, kommst du mit?┬ź

┬╗Jetzt gleich?┬ź fragte ich ├╝berrascht.

┬╗Klar, heute Vormittag beginnt der Streik und sie werden uns nicht mehr auf den Hof lassen.┬ź

┬╗Wer ist noch alles dabei?┬ź

┬╗Auf unserem Hof alle.┬ź

┬╗Na dann los, aber ihr m├╝sst hochkommen, um uns die Zellen zu ├Âffnen.┬ź

Die anderen Gefangenen machten ohne Ausnahme mit und der Aufstand begann. Einer nach dem anderen kletterten die H├Ąftlinge, die sich auf dem Hof befanden, auf das Dach, unter den verbl├╝fften Blicken der Schlie├čer und der Guardias Civiles. Die Trakte waren in zwei Abteilungen aufgeteilt und hatten verschlossene Dachfenster, durch die Tageslicht auf die G├Ąnge fiel. Eine Gruppe mit Messern und Eisenstangen bewaffneter Genossen schaffte es, eines dieser Fenster zu zerschlagen und in den Trakt einzudringen. Sie rissen Eisenstangen vom Dach ab und brachen damit unsere Zellent├╝ren auf. Befreit gingen wir in Gruppen in die Trakte eins, drei und vier, wo wir die restlichen Gefangenen herauslie├čen, die bei der Revolte mitmachen wollten. Unter ihnen befanden sich ├üvila Navas und Juan Jos├ę Garfia Rodr├şguez. Eine Stunde sp├Ąter bot die Anstalt Daroca einen verheerenden Anblick. Die elektrischen Leitungen waren abgerissen, die Laternen kaputtgeschlagen, die Zellen praktisch zerst├Ârt, genau wie die Solarzellen, die Economatos, Werkst├Ątten usw. Siebzig Gefangene liefen von Trakt zu Trakt, bewaffnet mit Messern und Eisenstangen. Die Guardia Civil wartete bewaffnet mit Kn├╝ppeln und Gewehren auf den Moment zum Einschreiten. Dieses Chaos gab zusammen mit den Rauchs├Ąulen, die von brennenden Matratzen an verschiedenen Ecken des Dachs ausgingen, ein apokalyptisches Bild ab.

Die Nachricht durchlief alle Anstalten ├╝ber die Medien. Nanclares de Oca, C├íceres 2, Alcal├í-Meco und Foncalent schlossen sich uns an. Die Verwaltung musste auf die Sicherheitskr├Ąfte des Staates zur├╝ckgreifen, um diese Lawine zu aufzuhalten.

Mit scharfen MPs und Gewehren mit Gummimunition kam der Sturmangriff der Guardia Civil ├╝ber uns. Sie tauchten pl├Âtzlich auf und schossen auf alles, was sich bewegte. Sie zwangen uns zum R├╝ckzug. Einige gingen in die Trakte hinunter; wir anderen stiegen auf die h├Âchsten D├Ącher und verschanzten uns. Wir deckten uns mit Matratzen vor den Gummigeschossen und Rauchgranaten, die ├╝ber unsere K├Âpfe flogen, und beantworteten von dort aus den Angriff, indem wir schwere Gegenst├Ąnde hinunter warfen. Allerdings beschossen sie uns mit so viel Material, dass wir die ganze Zeit flach auf dem Dach liegen mussten. Es gab einen Moment der Panik, als es schien, das Dach w├╝rde durchbrechen; Wir mussten vorsichtig sein und keine ├╝bertriebenen Bewegungen machen, sonst w├╝rde die leichte Dachpappe brechen. W├Ąhrend alles dies geschah, h├Ârte ich Bolas rufen:

┬╗Eh, Jos├ę…! Jos├ę!┬ź

Ich hob den Kopf leicht an und blickte in seine Richtung. Er lag auf dem Dach, und in seinem Gesicht stand ein Ausdruck von Schmerz, ich vermutete, er war von einem Gummigeschoss getroffen worden. Ich stand schnell auf und rannte ├╝ber die K├Ârper anderer Genossen hinweg bis zu seiner Position. Eine Rauchgranate flog pfeifend an meinem Kopf vorbei.

┬╗Was ist passiert?┬ź

┬╗Ein Geschoss, ich kann kaum atmen…┬ź

┬╗Tut es dir sehr weh?┬ź

┬╗Ja.┬ź

Ich ├╝berdachte die Situation. Wir waren verloren und das Aufgeben war nur eine Frage der Zeit. Ich stand mit erhobenen Armen auf und schrie:

┬╗Nicht schie├čen, nicht schie├čen…┬ź

Die Guardias Civiles hielten inne. Der befehlshabende Offizier ordnete Feuerpause an und wandte sich an mich:

┬╗Was willst du?┬ź

┬╗Ich habe hier einen verletzten Genossen, er ist am Ersticken. Ich will ihn runterbringen, damit er behandelt wird; ich glaube, er hat ein paar Rippen gebrochen.┬ź

┬╗In Ordnung, doch nur, wenn ihr alle runterkommt, einverstanden?┬ź Er erpresste mich.

Ich besprach mich mit den Genossen, und sie waren damit einverstanden, den Aufstand zu beenden. Wir vereinbarten, dass ich als Erster hinuntergehen w├╝rde, um zu sehen, was passiert.

┬╗OK, wir geben auf┬ź, rief ich ihm zu. ┬╗Aber ihr m├╝sst uns garantieren, dass ihr niemanden verpr├╝gelt.┬ź

┬╗Du hast mein Wort, mein Junge.┬ź

Ich hob meinen Freund an der Schulter hoch und brachte ihn bis zur Dachkante. Von dort stieg ich hinunter und schaffte es mit Hilfe anderer Gefangener, Bolas herunterzuholen. Gegen├╝ber die Gruppe Guardias Civiles, die Gewehre im Anschlag. Ich hatte Schiss.

┬╗Alles klar, jetzt die anderen┬ź, forderte uns der Offizier auf. Die anderen machten sich an den Abstieg. Alles war zu Ende.

Gl├╝cklicherweise hatte Jiron├ęs nichts weiter Schlimmes, nur ein H├Ąmatom in der Brust vom Aufprall des Gummigeschosses. Sie steckten uns in Gruppen in die Zellen von Trakt f├╝nf. Alle aufst├Ąndischen Gefangenen waren schon ├╝berw├Ąltigt und wieder eingesperrt worden. Wir waren die letzten. Die Guardia Civil hielt ihr Wort, die Schlie├čer aber lie├čen sich ihrerseits so richtig an den Gefangenen aus, die Mehrheit wurde zusammengeschlagen. Ich war bis zu diesem Zeitpunkt von Pr├╝gel verschont geblieben, wusste aber, dass sie mir fr├╝her oder sp├Ąter einen Besuch abstatten w├╝rden. Da gab es keinen Zweifel, es war die ├╝bliche Methode.

Als sie die Anstalt wieder unter ihrer Kontrolle hatten, begann die Selektion der f├╝r R├Ądelsf├╝hrer des Aufstands gehaltenen Gefangenen. Schlussendlich lie├čen sie nur f├╝nfzehn Gefangene in Trakt f├╝nf, darunter ├üvila Navas, Jiron├ęs, Julepe, Anxo, ich und andere aufst├Ąndische Genossen. Doch nur f├╝r el Ni├▒o und Julepe beantragte man die Verlegung ins Gef├Ąngnis von Herrera de La Mancha. Beide waren ungerechterweise zu den Verantwortlichen f├╝r jenen Aufruhr gemacht worden. Einmal mehr strafte die Verwaltung willk├╝rlich, ihr war jede Ausrede recht, um sich an denjenigen zu r├Ąchen, die ihnen Scherereien verursachten und die st├Ârten.

Die Guardia Civil war w├Ąhrend der Streiktage f├╝r die Anstalt verantwortlich. Sie teilten uns das Essen aus, mit Gewehren, geladen mit Gummigeschossen, Schilden und Schlagst├Âcken, bereit, uns bei der geringsten verd├Ąchtigen Geste zu Brei zu schlagen. Die ersten Tage lie├čen sie niemanden auf den Hof, gaben uns keine Bettw├Ąsche und Decken und lie├čen uns nicht duschen. Doch schlie├člich normalisierte sich die Situation und wir bekamen Zugang zu unserer Habe, zum Hof und den Duschen. Lange Tage der Isolation warteten auf uns.

Eines nachts kamen mehrere Schlie├čer zu mir, bewaffnet mit Kn├╝ppeln. Sie ├Âffneten die Zellent├╝r.

┬╗Tarr├şo, ziehen Sie sich aus und kommen Sie auf den Gang, wir m├╝ssen Sie durchsuchen.┬ź

Nach dem Ausziehen ging ich auf den Flur hinaus und stellte mich mit den Armen an die Wand. Mit den H├Ąnden umklammerten sie ihre Schlagst├Âcke.

┬╗Machen Sie die Beine breit┬ź, befahl mir einer, den wir La Gitana nannten.

Ich gehorchte.

┬╗Noch weiter, los!┬ź

Ich gehorchte wieder. Dann regnete es eine Reihe Kn├╝ppelhiebe, einer davon zwischen die Beine. Ich hielt den Schauer so gut ich konnte aus. Als sie von mir ablie├čen, ging ich zur├╝ck in die Zelle. Jene Aktion wiederholte sich an den folgenden Tagen regelm├Ą├čig bei diversen Durchsuchungen anderer Mitgefangener. Es war Teil der Spielregeln, ein W├╝rfelspiel mit der Macht, von vornherein verloren. Im Gef├Ąngnis ist der Gefangene weniger wert als eine Kakerlake; er ist nur eine Nummer, ein Paket. Sie konnten mit einem machen, wozu auch immer sie Lust hatten. Wer konnte es sehen? Wer w├╝rde das filmen? Wie w├╝rde ein Gefangener belegen, dass er misshandelt worden war? Und falls er es belegen konnte, wer w├╝rde ihm zuh├Âren? Die Strafvollstreckungsrichter waren mehr- heitlich Teil der Verwaltung. Die gelehrte Justiz war dem Umerziehungssystem gegen├╝ber h├Âchst nachsichtig, was sich klar an den hunderten von Verfahren erkennen lie├č, die auf von Gefangenen erstatteten Anzeigen beruhten und zu deren Nachteil ausgingen oder eingestellt wurden.

Am 30. versetzte eine gute Nachricht den Trakt in Aufregung. Mehrere Stunden nachdem die Guardia Civil ihn zur ├ťberstellung nach Herrera de La Mancha abgeholt hatte, war Javier ├üvila Navas zum zweiten Mal erfolgreich ausgebrochen, durch einen Durchbruch im Boden des Gefangenentransporters, welcher mittels mehrerer S├Ągen ge├Âffnet worden war. Wir begr├╝├čten diese Nachricht mit Jubel und Applaus und w├╝nschten ihm viel Gl├╝ck.

Im Monat Mai endete unsere Bestrafung, und man holte uns aus der Isolation. Wir kamen nach Trakt eins, wo die Genossen uns mit gro├čer Freude begr├╝├čten. Wir gingen wieder begleitet und in Gruppen hinaus, womit der Gef├Ąngnispuls wieder normal war. Ich freundete mich mit Izquierdo Trancho an, einem Str├Ąfling aus Le├│n, der ausgezeichnete menschliche Qualit├Ąten besa├č. Immer gingen wir zusammen spazieren. Wie ich war er ein Ausbrecher, wir sprachen dieselbe Sprache. Wir entschlossen uns dazu, einige drau├čen in Freiheit ver├╝bte Diebst├Ąhle zu gestehen, damit sie uns ins Gericht br├Ąchten und wir zusammen einen Versuch machen konnten. Wir wollten alles auf eine Karte setzen.

Ich organisierte mehrere Arbeitsniederlegungen, bei denen die Mehrheit der Gefangenen aus Trakt eins mitmachte. Wir lie├čen es sein, den Trakt zu putzen und verteilten kein Essen mehr. Wir riefen einen vollst├Ąndigen Streik aus. Der Direktor wollte mich sehen, in Begleitung eines Dienstleiters und mehrerer Schlie├čer.

┬╗Tarr├şo, packen Sie ihre Sachen, Sie kommen wieder in Isolation┬ź, k├╝ndigte er mir an.

┬╗Ich?┬ź fragte ich ihn, mich dumm stellend, ┬╗Aber ich habe doch gar nichts gemacht┬ź, f├╝gte ich noch zynisch hinzu.

┬╗Sie haben nie etwas gemacht! Los jetzt…┬ź

Ich r├Ąumte meine Sachen in ein paar T├╝ten und ging ├╝ber die Flure der Abteilung bis nach Trakt f├╝nf. Die Gefangenen riefen mir von ihren Zellent├╝ren aus hinterher:

┬╗He, Che, wo bringen sie dich hin?┬ź

┬╗In die Isolation. Sagt Trancho Bescheid, OK?┬ź

Verschiedene Beschimpfungen drangen durch die T├╝ren.

┬╗Arschl├Âcher, Schweine, Hurens├Âhne…┬ź

Wir f├╝hlten uns durch die j├╝ngsten Geschehnisse sehr einig, eine au├čerordentliche Kameradschaft.

In Trakt f├╝nf wiesen sie mir eine Zelle zu. Der Direktor sprach zu mir in autorit├Ąrem Ton:

┬╗Hier bleiben Sie. Und Sie haben Bedingungen der ersten Phase. Sie werden dieselben Rechte haben wie bis jetzt, doch Sie werden alleine auf den Hof gehen und sind von den anderen getrennt, bis Sie lernen, sich wie eine zivilisierte Person zu benehmen, und nicht wie ein Wilder.┬ź

┬╗Machen Sie, was sie wollen, doch ich bezweifle, dass Sie etwas damit erreichen.┬ź

┬╗Das werden wir schon sehen, Tarr├şo.┬ź

Nachdem sie das Gitter und die Zellent├╝r geschlossen hatten, holte ich B├╝cher aus meinen T├╝ten, Bettw├Ąsche, Decken und ein Radio, und machte das Bett. Ich legte mich darauf, z├╝ndete mir eine Zigarette an und fing an, den King Lear von Shakespeare zu lesen, der mich sehr fesselte. Seit nunmehr drei Jahren befand ich mich in Haft st├Ąndiger Isolation unterworfen, ich hatte die Angst vor solcher Strafe verloren, und vor anderen Strafma├čnahmen auch, die die Direktion einsetzen wollte, um mich zu erpressen und zu beherrschen, jeden Tag. Das Gef├Ąngnis jagte mir keine Angst mehr ein. Ich verfolgte meine Projekte und wartete nur auf deren Reife, nichts weiter. Die Strafen w├╝rden mich nicht davon abhalten.

Zwei Wochen sp├Ąter holten sie mich dort heraus und ich kam zur├╝ck nach Trakt eins, wo Ruhe herrschte. Ich begann eine Freundschaft mit Juan Jos├ę Garfia Rodr├şguez, einem bekannten Banditen aus Valladolid, und dank ihm bekam ich einen neuen Po- sten im Economato, den wir nun beide zusammen f├╝hrten. Wir verbrachten den ganzen Tag mit Plaudereien ├╝ber Ausbr├╝che und mit Schachspielen; wir nutzten auch den Sportraum, der endlich im Trakt eingerichtet worden war. Aus Bequemlichkeit fand ich mein gutes Benehmen wieder. Juanjo erz├Ąhlte mir seine Geschichte. Sie hatten ihn in Valladolid nach einer Schie├čerei verhaftet, in der zwei Polizisten gestorben und einer verletzt worden waren. Sein Bruder Carlos hatte im Verlauf des Schusswechsels auch mehrere Kugeln abbekommen. Er stand vor einer Strafe von 112 Jahren Gef├Ąngnis, seine einzige Hoffnung war die Flucht. Er hatte es einmal geschafft, aus dem Gerichtsgeb├Ąude von Las Palmas zu fl├╝chten. Doch er wurde beim Betreten eines Geb├Ąudes erkannt und ein paar Stunden nach seiner Flucht gefasst. Jetzt wartete er auf seine Gelegenheit. Eine Gelegenheit, die einige Jahre sp├Ąter kommen und die ihn zu Spaniens Staatsfeind Nummer Eins machen sollte.

Im August erhielt ich Besuch von meiner Mutter und meinen Geschwistern. Sie hatten 1.500 Kilometer zur├╝ckgelegt, um mich zu besuchen, und diese Schweine wollten uns nur eine halbe Stunde zum Reden zugestehen, durch eine dreckige Plexiglasscheibe. Ich war stinksauer.

┬╗Hallo, mein Sohn┬ź, gr├╝├čte mich die unbestrittene K├Ânigin meines Herzens.

┬╗Hallo Mutter, wie geht es dir?┬ź

┬╗Na ja, ziemlich m├╝de nach der langen Reise, doch es hat ja alles geklappt. Schau, das ist dein Bruder Marcos!┬źsagte sie mir und hob ihn hoch auf den Stuhl.

Ich winkte ihm zu, und er l├Ąchelte sch├╝chtern. Es war das erste Mal, dass ich meinen kleinen Bruder sah. Ein Sentimentalit├Ątsanfall ├╝berkam mich, doch ich konnte mich beherrschen. Ich spielte mit dem Kleinen durch die Scheibe.

┬╗Mein Sohn, was hast du gemacht? Der Direktor ist auf mich zugekommen und hat mir erz├Ąhlt, du machst ihm viele Probleme.┬ź

┬╗H├ÂrÔÇÖ nicht auf ihn, Mutter. Ein Mann, der nicht erlaubt, dass wir uns umarmen nach so vielen Jahren, und der uns nur drei├čig Minuten Besuchszeit gibt nach der langen Reise, ist nicht der geeignetste, um mir Lektionen in gutem Benehmen zu erteilen.┬ź

┬╗Na, ist egal, aber wie geht es dir?┬ź

┬╗Gut.┬ź

┬╗Ich wei├č nicht, ich finde, du siehst gestresst aus.┬ź

┬╗Das ist, weil dieses Arschloch mich ankotzt…┬ź

Wir redeten weiter. Ich begr├╝├čte meine Geschwister und Antonio, den Ehemann meiner Mutter, ein Freund von mir, ein sehr anst├Ąndiger Mensch. Sie waren gekommen, um mich zu sehen, und danach w├╝rden sie nach Galizien fahren, um den Familienurlaub dort zu verbringen. Die vorgeschriebenen drei├čig Minuten Besuchszeit verstrichen, und wir verabschiedeten uns mit einem L├Ącheln, das die Traurigkeit ├╝berdecken wollte, die diese Situation uns bereitete. Jener Schmerz im Gesicht meiner Mutter war die wirkliche Strafe, und nicht das Gef├Ąngnis. Ich sagte ihr nichts von meiner Krankheit.

Im September w├╝rde ich in die Anstalt von La Coru├▒a verlegt werden. Dieser Wechsel w├╝rde mir eine Chance zum Ausbruch bieten. Ich w├╝rde versuchen, die Kenntnisse, die ich von diesem Gef├Ąngnis hatte, f├╝r die Flucht zu nutzen. Es begann f├╝r mich der m├╝hselige Weg in die Freiheit…

Zweiter Teil: Auf dem Weg in die Freiheit

┬╗Wenn alle Gef├Ąngnisse der

Welt alle ihre Gefangenen

freigelassen haben, weil man

keinen Grund findet,

sie nach dem Gesetz

einzusperren…┬ź

Gef├Ąngnis von La Coru├▒a, September 1990

Um drei Uhr drei├čig nachmittags hielt der Transporter der Guardia Civil vor dem Gef├Ąngnis von La Coru├▒a. Ich f├╝hlte mich m├╝de und schwindelig von der Reise, wollte endlich aus diesem K├Ąfig heraus und wieder frische Luft atmen. Man holte uns in Handschellen heraus, paarweise, und wir nahmen unsere Decken aus dem Kofferraum, um uns dann, st├Ąndig ├╝berwacht von der Guardia Civil, in das Innere der Anstalt zu begeben. Dort in den Eingeweiden dieses alten Gef├Ąngnisses nahm man uns die Handschellen ab. Ich wurde von den ├╝brigen Gefangenen getrennt und einer vollst├Ąndigen Durchsuchung unterzogen. Dann kam ich in den Isolationstrakt in der dritten Etage, den man ┬╗Bunker┬ź getauft hatte. Ich verabschiedete mich mit einer freundschaftlichen Geste von denen, die meine Reisegef├Ąhrten gewesen waren.

Der Isolationstrakt war vor Kurzem auf derselben Etage wie die Abteilung f├╝r Jugendliche gebaut worden, gegen├╝ber den Besuchszellen, der Krankenstation und der Frauenabteilung. Es war der sicherste Ort der Anstalt, denn er befand sich in dem f├╝r das Klettern unzug├Ąnglichsten Bereich. Dieses Mal w├╝rde man mir es nicht leicht machen. Sie wiesen mir eine der sechs Zellen zu, aus denen der Trakt bestand. Allein gelassen, legte ich mich auf die Matratze und schlief ein; ich war ersch├Âpft.

Mehrere Stunden sp├Ąter wachte ich auf. Man schloss mir auf und ├╝bergab mir T├╝ten mit Kleidung.

┬╗Tarr├şo┬ź, sagte einer der Schlie├čer, ┬╗Sie haben zwei Stunden Hofgang. Ich lasse Ihnen die Duschen offen, falls Sie duschen wollen.┬ź

┬╗Ich m├╝sste im Economato einkaufen und Kaffee trinken┬ź, antwortete ich ihm.

┬╗In Ordnung, gleich kommt einer vom Economato und nimmt Ihre Bestellung auf.┬ź

Ich zog mir einen Bademantel an, suchte saubere W├Ąsche zusammen, Seife und ein Handtuch, und ging auf den Hof, wo sich die Duschen befanden. Die Zellenfenster befanden sich nur einen Meter ├╝ber dem Fu├čboden. In einer der Zellen befand sich ein Mann. Ich ging auf sein Fenster zu, klopfte an die Scheibe und rief ihn.

┬╗Hallo┬ź, gr├╝├čte ich ihn, ┬╗wer bist du?┬ź

┬╗Ich hei├če Javier, hast du vielleicht eine Zigarette?┬ź

┬╗Jetzt nicht, aber sp├Ąter bringen sie mir welche aus dem Economato, ich gebe dir welche ab. Jetzt gehe ich erstmal duschen, sp├Ąter reden wir weiter.┬ź

Nach einer langen Dusche ging ich auf den Hof, wo Javier spazieren ging. Ich schloss mich ihm an. Ich stellte mich vor:

┬╗Ich hei├če Jos├ę, obwohl man mich hier mehr als Che kennt.┬ź

┬╗Ich habe von dir geh├Ârt.┬ź

┬╗Warum bist du hier?┬ź fragte ich ihn.

┬╗Eine Kugel mit Drogen fiel auf das Gel├Ąnde und ich bin hingelaufen, um sie aufzusammeln.┬ź

┬╗Und der Guardia Civil?┬ź wollte ich wissen.

┬╗Ist nicht da. Der Wachturm ist im Umbau seit einigen Tagen…┬ź

Super, dachte ich.

┬╗Sag mal, warum gehst du so gekr├╝mmt?┬ź

┬╗Das ist, weil sie mir alle vierzehn Tage eine Injektion Lagartil verpassen, dann lassen sie mich ├╝ber eine Woche liegen. Doch die Wirkung l├Ąsst nach.┬ź

Sein Blick war leer. In seinen Augen konnte man den Beginn von Verr├╝cktheit erkennen, eine fortgeschrittene geistige Umnachtung, die seine Pers├Ânlichkeit insgesamt ernsthaft in Mitleidenschaft zog. Man war daran, ihn in ein menschliches Wrack zu verwandeln, mit Injektionen und andauernder Isolierung. Dieser Mensch brauchte Hilfe und Gesellschaft, nicht Ketten und Isolation. Trotz meines reservierten und menschenscheuen, oft teilnahmslosen Charakters interessierte ich mich f├╝r ihn und seinen Fall.

┬╗LassÔÇÖ dir keine Injektionen mehr geben┬ź, riet ich ihm.

┬╗Ja klar┬ź, er sah mir in die Augen, ┬╗einmal wollte ich mich weigern und sie verpassten sie mir mit Gewalt, nach einer Tracht Pr├╝gel.┬ź

┬╗Ich wei├č nicht, Javier, doch wenn sie dir weiter dieses Zeug spritzen, landest du im Irrenhaus.┬ź

┬╗Ich wei├č…┬ź

Wir gingen jetzt jeden Tag zusammen auf den Hof. Ich gew├Âhnte ihn daran, mit mir zusammen Sport zu treiben, indem ich ihn an der Tenniswand herausforderte. Danach duschten wir und spazierten ├╝ber den Hof, tranken den ein oder anderen Kaffee, den man uns vom Economato herunter brachte. Meine Gesellschaft half ihm, und sein Gehirn begann normal zu funktionieren. Er erholte sich und f├╝hrte geistesgegenw├Ąrtige Konversationen mit mir, jeden Tag.

Einige Tage nach meiner Ankunft in La Coru├▒a erhielt ich Besuch von meinem Onkel Suso. Wir sahen uns in der Besuchszelle.

┬╗Hallo Che, wie geht es dir?┬ź

┬╗Gut, und Chico?┬ź

┬╗Gestern habe ich ihn gesehen; er hat mir diesen Zettel f├╝r dich mitgegeben┬ź, antwortete er, holte ein St├╝ck Papier aus seiner Tasche und hielt es an die Scheibe, damit ich selbst lesen konnte:

┬╗Lieber Freund: Ich habe ernste Probleme mit der Polizei, sie suchen mich wegen mehrerer ├ťberf├Ąlle. Ich muss aus La Coru├▒a f├╝r einige Zeit verschwinden. Ich nehme die Waffen mit, ich werde sie brauchen. Ich habe deine Nachricht erhalten: Deine Bitte an mich muss eine Weile warten. Zur Zeit bin ich allein und ich habe Probleme. Sobald ich kompetente Leute an der Hand habe, die mir helfen, dich dort herauszuholen, kommen wir. Hab Vertrauen und Kraft. Wir werden es schaffen…┬ź

Als ich das gelesen hatte, f├╝hlte ich mich ein bisschen von ihm allein gelassen. Doch ich merkte, dass er es nicht so meinte, und dass er mich nach wie vor sehr sch├Ątzte. Er war nicht so unorganisiert, wie ich es gewohnt war, und er spielte nicht mit offenen Karten wenn er nicht sicher war, sein Ziel zu erreichen. Er kalkulierte die Risiken. Ich konnte ihm das nicht vorwerfen und auch nicht von ihm verlangen, sein Leben oder seine Freiheit f├╝r mich aufs Spiel zu setzen, einfach so, obwohl ich es f├╝r ihn getan h├Ątte. ├ťber allem stand unsere Freundschaft, auch ├╝ber meinem Egoismus, und das war es, was er mir mitteilte. Ich w├╝nschte ihm Gl├╝ck und gab ihm Anleitungen, damit er sich mit mir so bald wie m├Âglich in Kontakt setzen konnte.

┬╗Onkel, ich hoffe, euch zu Hause geht es allen gut. Gib Chico meine Nachricht und sag ihm, er soll auf sich aufpassen.┬ź

┬╗Uns geht es gut. Pass

┬╗Sei unbesorgt.┬ź

Zur├╝ck in der Zelle legte ich mich hin, um ├╝ber den Verlauf des Besuchs nachzudenken. Sobald er sich organisiert haben w├╝rde, k├Ąme Chico, um mich herauszuholen, dessen war ich sicher. Ich erinnerte mich an Fragmente aus der Vergangenheit. Ich hatte ihn zweimal aus Internaten befreit, einmal in C├íceres und einmal in Logro├▒o; ich erinnerte mich an die hunderte von Kilometern, die wir zusammen zur├╝ckgelegt hatten, auf der st├Ąndigen Flucht, in die sich unser Leben verwandelt hatte, auf der Flucht zur├╝ck in die Stra├čen von La Coru├▒a.

Oder als wir beide mit seinem Bruder Yves, mit Rolando, Julio El Carro├▒a, Jos├ę Mar├şa Exp├│sito und anderen zusammen an einem Tunnel gearbeitet hatten, damals vor Jahren, in der Abteilung f├╝r Jugendliche jener Haftanstalt. Wir waren nicht davor zur├╝ckgeschreckt, eines nachts dreihundert Meter ├╝ber ein Feld zu robben, bis zur Mauer des Gef├Ąngnishofs der Jugendlichen, und dar├╝ber zwei in Zellophan eingewickelte Pakete zu werfen, die Mei├čel, Ma├čband, einen eisernen Vorschlaghammer ohne Stiel und einen Pickel enthielten. Falls sie uns ├╝berrascht h├Ątten, w├Ąre es schwierig gewesen, die Guardias Civiles davon zu ├╝berzeugen, dass wir keine entlaufenen Str├Ąflinge waren. Einen Schritt weiter, und wir h├Ątten uns eine Kugel eingefangen. Es ging jedoch alles gut; die Pakete landeten im Hof, wo sie ein Gefangener zu sich nahm und versteckte. Er hatte vorher einen Teil seines Fenstergitters durchges├Ągt. Obwohl der Tunnel schlie├člich wenige Meter vor der Fertigstellung entdeckt wurde, war es die M├╝he wert gewesen, es zu versuchen. Es war sch├Ân, einem gefangenen Menschen bei der Flucht zu helfen; das oder selbst zu fliehen, war die h├Âchste Erfahrung, die ein libert├Ąrer Mensch machen konnte. Es war nicht anst├Ąndig, einen Freund in einem Kerker verfaulen zu lassen, gezwungen, sich einer miserablen Behandlung zu unterwerfen.

Ich entschied mich schlie├člich, auf eigene Faust zu handeln und es ├╝ber den Wachturm in der dritten Etage zu versuchen, welcher sich laut Javier ja im Umbau befand. Ich wollte diese Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, und auch nicht dasitzen und darauf war- ten, dass jemand kommt, um mir die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Ich w├╝rde f├╝r mich selbst einstehen. Ich schickte Nachrichten an die Frauen, an die Jugendlichen und die ├╝brigen Abteilungen der Anstalt, damit sie f├╝r mich die vier Wacht├╝rme des Gel├Ąndes beobachteten. Ich hatte Freunde und Freundinnen, die ohne weiteres dazu bereit waren. Durch die Fenster der dritten Etage, die zu dem Hof wiesen, auf den ich jeden Nachmittag hinausging, erreichten mich mehrere S├Ątze Bettw├Ąsche und Farbe im Ton der Fenstergitter. Auf die gleiche Weise erhielt ich mehrere F├╝nftausender Geldscheine, die mir bei erfolgreicher Flucht sehr helfen w├╝rden, f├╝r die ersten Ausgaben. Ich verwahrte sie im Mastdarm, zusammen mit einem Paar S├Ągebl├Ątter. Das Stilett lie├č ich verschwinden. Das Gef├Ąngnis war ein harter Dschungel, wo man nur ohne gr├Â├čeren Schaden ├╝berlebte, wenn man sich von allen m├Âglichen Vorurteilen und Komplexen befreite.

Mein Stolz hing damals an der F├Ąhigkeit durchzuhalten, bis ich es schaffen sollte zu fliehen. Ausbrechen war nicht leicht; es erforderte Aufopferung, Zeit und Kopfzerbrechen. Und Gl├╝ck… viel Gl├╝ck.

Eines Morgens bekam mein Freund Javier Probleme. Mehrere Schlie├čer gingen in Begleitung des Arztes zu ihm, um ihm eine Injektion zu setzen, und wie wir es vereinbart hatten, weigerte er sich. Man drohte ihm damit, die Injektion zu erzwingen, und ich mischte mich ein.

┬╗Was ist los, Javier?┬ź fragte ich ihn und ging auf das Schlie├čerh├Ąuschen auf dem Hof zu, wo er mit dem Arzt diskutierte.

┬╗Sie wollen mir eine Spritze verpassen, und ich will nicht…┬ź

┬╗H├Âren Sie mal┬ź, sagte ich zu dem Arzt, ┬╗dem Jungen geht es gut. Er macht seit einer Woche Sport mit mir und braucht diesen Mist nicht…┬ź

┬╗Halten Sie sich da raus, Tarr├şo. Der Arzt bin ich, und ich beurteile, ob er eine Injektion braucht oder nicht.┬ź

Die Leichtigkeit, mit der dieser Bastard mit Nervenarzttitel ├╝ber die Gesundheit und das Leben meines Mitgefangenen entschied, machte mich w├╝tend. Das war inakzeptabel.

┬╗Sieh mal, du Schleimschei├čer┬ź, verk├╝ndete ich ihm durch das Fenster, ┬╗falls es dir einfallen sollte, unseren Trakt zu betreten, bringen wir dich um. Und das gilt auch f├╝r euch┬ź, f├╝gte ich noch hinzu, mich an die Schlie├čer wendend.

Sie kamen nicht herein, benachrichtigten aber den Dienstvorsteher, der seinerseits zu uns in den Trakt kam, um mit uns zu reden.

┬╗Tarr├şo┬ź, sagte er zu mir, ┬╗geht das schon wieder los?┬ź

┬╗Schau, weder ich noch meine Mitgefangenen haben uns mit jemandem angelegt, bis diese Typen kamen und damit drohten, ihm zwangsweise Spritzen zu setzen┬ź, sagte ich zu ihm, auf den Arzt und die Schlie├čer zeigend.

┬╗Also, Javier, wollen Sie die Spritze oder nicht?┬ź fragte er ihn.

┬╗Nein, ich f├╝hle mich gut ohne sie.┬ź

Nach dieser Best├Ątigung sprach der Dienstvorsteher mit dem Arzt, und jener ersetzte die Spritzen schlie├člich durch Beruhigungsmittel in Tablettenform. Wir hatten einen gro├čen Schritt in Richtung auf seine Genesung getan.

Als wir am n├Ąchsten Tag ├╝ber den Hof spazierten, fielen gleichzeitig mehrere um Batterien gewickelte Nachrichten herunter, aus Richtung des Hofs der Frauenabteilung, welcher von dem unseren nur durch eine Mauer getrennt war. Einer der Schlie├čer im Wachh├Ąuschen forderte mich auf, sie ihm herauszugeben.

┬╗Tarr├şo, geben Sie das her.┬ź

Ich ging auf das H├Ąuschen zu, wickelte die Nachrichten vor seinen Augen auseinander und zeigte ihm die beschriebenen Zettel von Weitem.

┬╗Sehen Sie, ich habe hier keine Drogen oder etwas anderes Verbotenes. Was den Inhalt der Nachrichten angeht: Der ist privat.┬ź

┬╗Geben Sie mir die Zettel┬ź, er bestand darauf.

┬╗Kommt nicht in Frage…┬ź

Der Dienstvorsteher kam am n├Ąchsten Morgen zu mir, als ich mich in meiner Zelle befand. Er wies seine Kollegen an zu gehen, und man lie├č uns allein. Er hie├č Alberto und wir kannten uns schon seit langer Zeit.

┬╗Sie ├Ąndern sich nie, was, Tarr├şo?┬ź

┬╗Und Sie anscheinend auch nicht.┬ź

┬╗Was war da los, gestern mit dem Beamten?┬ź

Ich z├╝ndete mir eine Zigarette an und antwortete:

┬╗Nichts Schwerwiegendes. Es gibt da eine Frau, mit der ich Schriftkontakt habe. Und da man nicht erlaubt, dass wir uns besuchen, schreibe ich ihr also Nachrichten, und sie schreibt mir. Was ist schon dabei?┬ź

┬╗Es ist verboten┬ź, sagte er, w├Ąhrend er sich flink eine Zigarette aus der Schachtel fingerte, ┬╗Gibst du mir Feuer?┬ź

Ich gab ihm Feuer und antwortete:

┬╗Schauen Sie, ich will ehrlich sein. Seit langer Zeit bin ich weg von Galizien und in eine Zelle gesperrt. Ich komme hierher, um meine Familie und meine Freunde zu sehen; um meine Ruhe zu haben, nichts weiter┬ź, log ich ihn an, ┬╗Deshalb bitte ich Sie einfach, mich in Frieden zu lassen. Wenn Ihnen das mit den Nachrichten nicht passt, geben Sie uns einen Besuchstermin und fertig.┬ź

┬╗Wer ist die Frau?┬ź

┬╗Eine Freundin von mir.┬ź

┬╗Ich werde mit dem Direktor sprechen, damit ihr euch sehen d├╝rft, aber ich will nicht, dass ihr weiter Nachrichten ├╝ber die Mauer werft, und ich will keine Respektlosigkeiten gegen├╝ber Schlie├čern, einverstanden?┬ź

┬╗Ich w├Ąre Ihnen dankbar…┬ź

Diesen Mittag nach dem Essen schickte der Direktor nach mir. Nach einer Durchsuchung wurde ich in sein B├╝ro gebracht.

┬╗Mal sehen… was wollen Sie?┬ź fragte er mich.

┬╗Ich will einen Besuchstermin, und ich will in Ruhe gelassen werden.┬ź

┬╗Einen Besuchstermin, mit wem?┬ź

┬╗Trinidad Silva Iglesias.┬ź

Er dachte einen Augenblick nach.

┬╗Heute Nachmittag wird man Sie sich f├╝r zwanzig Minuten in einer Besuchszelle sehen lassen. Und wenn Sie bis einen Tag vor Ihrer Verlegung Ruhe geben, gestatten wir Ihnen ein vis-a-vis von mehreren Stunden mit ihr. Vorher nicht.┬ź

Er beabsichtigte, mich zu manipulieren und mein gutes Benehmen zu erpressen. Fortgeschrittene Psychologie f├╝r Kinder.

┬╗Das ist in Ordnung f├╝r mich┬ź, antwortete ich ihm.

Diesen Nachmittag redete ich zwanzig Minuten lang mit der Frau, wie man mir garantiert hatte. Sie war genauso sch├Ân wie damals, als wir zusammen waren; vielleicht etwas f├╝lliger wegen der Inaktivit├Ąt im Gef├Ąngnis. Es tat mir weh, sie hinter Gitter gefangen zu sehen.

┬╗Hallo, du Schlawinerin!┬ź

┬╗Hallo! Wie geht es dir?┬ź

┬╗Wie du siehst, in Ketten, doch guten Mutes.┬ź

┬╗Das ist eine ├ťberraschung, dass wir uns besuchen d├╝rfen. Zu Anfang glaubte ich, es w├╝rde vis-a-vis sein…┬ź

Auf der anderen Seite der Besuchszelle lauschte eine Schlie├čerin aufmerksam der Konversation. Auf meiner Seite, nah neben mir, tat ein Schlie├čer dasselbe. Wie viele Intimit├Ąten hatte er mit seiner Gegenwart vergewaltigt? Wie konnte man derart kleinlich sein und keinerlei Skrupel und Scham empfinden, um von Respekt gar nicht zu reden, und dort sitzen bleiben, sich nicht entfernen? Ohne Zweifel war das mit der Zeit und der Praxis am Ende Teil ihrer Schlie├čerseele.

┬╗Tarr├şo, kommen Sie zum Schluss. Die vorgeschriebene Zeit ist abgelaufen…┬ź

┬╗China, pass auf dich auf und viel Gl├╝ck. Gr├╝├če an Pili.┬ź

┬╗Pass auch du auf dich auf.┬ź

Ein Kuss auf die Glasscheibe war der kalte Abschiedsgru├č. Wie viele Lippen wie vieler M├Ąnner und Frauen hatten sich auf dieses dreckige Glas gedr├╝ckt, wie viele Botschaften der Liebe und Zuneigung? Jene Bedingungen f├╝r fiktive Besuche waren erniedrigend, es war grausam. Was konnte schlecht daran sein, dass zwei Befreundete sich k├╝ssten? Was konnte sch├Ądlich daran sein, dass jene B├╝rger, die Familienmitglieder in Haft besuchten, sie anfassen konnten, umarmen, k├╝ssen? Die Verwaltung verf├╝gte ├╝ber ausreichende Mittel, um jene schmutzigen und vergitterten Kabinen in kleine S├Ąle umzubauen, wo die Gefangenen, ihre Familien und Freunde ihre Emotionalit├Ąt auf eine menschlichere Art und Weise entwickeln k├Ânnten, in w├Âchentlichen vis-a-vis– Besuchen. Verdienten die Familien der Gefangenen als steuerzahlende B├╝rger nicht erst recht eine bessere Behandlung, w├╝rdiger, menschlicher?

Ich begann die Vorbereitungen zu treffen. Niemand hatte es jemals geschafft, jene Mauern zu erklettern. Einmal hatte ein Gefangener es versucht, doch beim Ersteigen des Dachs l├Âsten sich die Ziegel und er fiel ins Leere. Obwohl er sich alle Knochen brach, ├╝berlebte er den Aufschlag, was an ein Wunder grenzte. Vom Hof bis zum Dach waren es etwa drei├čig Meter. Ich war k├Ârperlich in bester Form vom Gewichtheben in der Anstalt Daroca. Ich fand eine Stelle, von der ich glaubte, ich w├╝rde bis dort hinauf klettern k├Ânnen, meine ganze Kraft w├╝rde ich brauchen. Ich wollte es ├╝ber die Frauenabteilung versuchen. Sie hatten die Mauer im Hof hochgezogen, damit die M├Ąnner in der dritten Etage von den oberen Fenstern aus nicht auf die andere Seite sehen konnten. Jetzt endete die Mauer nur zwei Meter unterhalb des Dachs. Der kranke Eifer, mit dem die Verwaltung jede Beziehung zwischen m├Ąnnlichen und weiblichen Gefangenen zu verhindern suchte, hatte sie dazu gebracht, diese Mauer hochzuziehen, ├╝ber welche ich wiederum Zugang zum Dach bekommen konnte. Ich war f├╝r die Hilfestellung dankbar.

Diese Nacht begann ich damit, einen der Gitterstreben meines Zellenfensters anzus├Ągen. Mein Freund Javier ├╝berwachte gleichzeitig die Fenster gegen├╝ber, wo sich die Krankenstation befand. Die Hilfe der anderen Gefangenen erwies sich immer wieder als unsch├Ątzbar. In zwei N├Ąchten s├Ągte ich das Eisen durch. Trotz der t├Ąglichen Durchsuchungen, die bei mir stattfanden, stie├čen sie nicht auf die zers├Ągte Stelle, wegen der Farbe, die mir die Genossen beschafft hatten. Danke!

Eigentlich hatte ich vor, das vis-a-vis abzuwarten und die Nacht darauf in Aktion zu treten. Aber ich traute dem Direktor nicht. Ich kannte die Methoden dieser Leute und f├╝rchtete, nach dem Besuchstermin in eine andere Zelle verlegt zu werden oder dass die Bauarbeiten beendet sein w├╝rden. Die Freiheit hatte unbedingte Priorit├Ąt, weshalb ich auf die sentimentale Seite verzichten musste. Ich dachte, ich w├╝rde sie vielleicht nie wieder sehen…

Die Nacht des 15. September fiel ├╝ber das Gef├Ąngnis von La Coru├▒a und lud verf├╝hrerisch zur Flucht ein. Ich w├╝rde bis vier Uhr abwarten, um den Gefangenen Zeit zu geben einzuschlafen, und den Guardias Civiles, vor Langweile einzud├Ąmmern. Um diese Zeit w├╝rde es kalt sein, was sie dazu veranlassen sollte, sich in den Wachh├Ąuschen aufzuhalten.

In der Zwischenzeit flocht ich ein Seil. Als es fertig war, feuchtete ich es an, um ihm gr├Â├čere Widerstandsf├Ąhigkeit zu geben. Ich hoffte es hielt. Ich zog mir eine schwarze Sporthose und eine Sturmhaube ├╝ber, die mir beim Sp├Ąhen ├╝ber die Dachkante n├╝tzlich sein w├╝rde. Man w├╝rde mich im dunklen Bereich des Dachs nicht entdecken. Ich wickelte mir das Seil um den Leib. Um Punkt vier Uhr brach ich das Eisen aus dem Fenstergitter und kletterte nach drau├čen. Von diesem Moment an war ich physisch frei, ich hatte mich meiner Haft entzogen; und ich w├╝rde es bleiben, bis zu dem Moment, in dem sie mich wieder in einen jener Kerker steckten. Ich ging zu Javiers Fenster, und nach einem festen H├Ąndedruck ├╝bergab ich ihm einige Fotos meiner Familie und eine Adresse, an die er sie schicken sollte.

Nach diesen Details begann ich mit dem Klettern. Ich stieg auf die Fensterbank des Wachturms und von dort auf dessen kleines Dach. Von da aus kletterte ich an der Mauer vor den Besuchszellen h├Ąngend bis zum Dach einer kleinen Werkstatt neben der Krankenstation. Dann kletterte ich an einem Abflussrohr die Wand hinauf, von Fenster zu Fenster. Ich konzentrierte mich nur darauf, dort hinauf zu kommen, und versuchte, den Gedanken an einen Sturz zu unterdr├╝cken. Am Fenster des dritten Stocks machte ich eine kurze Pause, hielt mich an dessen Gitter fest und holte Luft. Ich musste darauf vertrauen, dass es niemandem einfiel, das Fenster in diesem Moment zu ├Âffnen und mich dort am Gitter h├Ąngend zu finden. Einen Meter weiter das Rohr hinauf, und auf der H├Âhe der Mauer zog ich mich an ihr hinauf und ruhte noch einen Moment aus, rittlings auf der Mauer sitzend. Danach stellte ich mich auf die Mauer, mit einem Fu├č hinter dem anderen, denn sie war nur einen Ziegelstein breit. In dieser Position reichte ich mit der Brust an die Dachkante. Ich machte nicht den Fehler, den der Gefangene gemacht hatte, der sich vor mir daran versucht hatte, jene W├Ąnde zu erklimmen, r├Ąumte einige Dachziegel zur Seite und legte so festen Untergrund frei, um mich aufzust├╝tzen. Ich bef├╝hlte den Zement mit den Fingern und suchte die ideale Stelle um mich hochzuziehen. Das Dach fiel steil ab, was mir bewusst machte, dass ich herunterfallen w├╝rde, wenn ich es beim ersten Versuch nicht schaffte. Die Mauer, auf der ich stand, war zu schmal. Ich beruhigte mich mit tiefen Atemz├╝gen durch die Nase und holte Luft, um meine ganze Kraft auf den Sprung zu konzentrieren. Ich machte einen Satz und landete mit dem Magen oberhalb der Dachkante. F├╝r einen Augenblick bem├Ąchtigte sich meiner eine schreckliche Angst, doch ich schaffte es, sie zu vergessen, nahm noch einmal Schwung und schaffte es, mit Hilfe der Ellenbogen endg├╝ltig hinauf zu kommen. Uff! Von unten hatte mein Genosse die ganze Kletterei verfolgt und winkte mit der Hand. Ich gr├╝├čte zur├╝ck.

Ich schlich ├╝ber das Dach der Frauenabteilung bis zum Dach des Trakts f├╝r Jugendliche und die Isolation. Ich lie├č mich auf das Dach der Werkstatt herab, gegen├╝ber des Wachturms, und stellte fest, dass der sich tats├Ąchlich im Umbau befand und leer war. Die Sturmhaube warf ich auf den Hof, denn ├╝ber die D├Ącher hatte ich es geschafft und w├╝rde sie nicht mehr brauchen. Ich wickelte das Seil aus und wartete ab bis zum Wechsel der Wachschicht. Eine Zigarette rauchend sah ich auf die Stadt hinaus. Eine Menge Erinnerungen kamen mir hoch.

Um f├╝nf fand der Wachwechsel statt. Ich gab ihnen noch eine Weile, bis sie anfingen, sich arglos zu langweilen, und bereitete mich auf das m├Âglichst ger├Ąuschlose Abseilen vor. Ich f├╝hrte das Seil ├╝ber einen Vorsprung, an dem der Stacheldraht angebracht war, den ich ├╝berwinden musste, um hinab zu gelangen. Ich band es nicht fest, sondern schlang es ├╝ber den Vorsprung, wie man einen Faden durch ein Nadel├Âhr f├╝hrt und hatte so ein doppeltes Seil. Auf diese Weise w├╝rde ich es von unten mit einem Zug abl├Âsen k├Ânnen. Ich lie├č die Enden auf das Gel├Ąnde hinunter fallen. Eine halbe Stunde sp├Ąter kletterte ich ├╝ber den Draht und lie├č mich am doppelten Seil hinab bis auf den Boden ohne gesehen zu werden. Ich holte mit einem Ruck das Seil herunter und ├╝berquerte das Gel├Ąnde, eng an der Mauer entlang, unterhalb des unbesetzten Wachturms. An einem der Seilenden war ein aus mehreren gro├čen Batterien gefertigtes Gewicht angebracht, welches ich ├╝ber das Metallgitter werfen musste. Ich wollte mich an beiden Seilenden hochziehen, so, wie ich auch herunter gekommen war. Vom Wachturm gegen├╝ber, von der anderen Ecke des Gel├Ąndes sah ein Guardia Civil nach drau├čen. An seiner Seite, an die Wand gelehnt, ruhte sein Sturmgewehr. Zu meiner Linken ging sein Kollege auf und ab, ohne meine Anwesenheit zu bemerken. Er war abgelenkt von der Musik aus dem Radio, das er zu seiner Unterhaltung dabeihatte. Ich warf das Seil ├╝ber das Gitter, packte beide Enden und begann flink daran hochzuklettern. Aber als ich das Metallgitter schon fast mit den H├Ąnden greifen konnte, gab ein Knoten des Seils nach und brach auf, und ich fiel hinab. Ich schaffte es, auf die F├╝├če zu fallen und es so vermied es so, mich zu verletzen, aber die Guardia Civil bemerkte mich und schlug Alarm.

┬╗Eh, du da!┬ź schrien sie mir von den T├╝rmen aus zu und zielten mit ihren Waffen auf mich. ┬╗Bleib blo├č stehen.┬ź

Von der anderen Seite aus gab der Guardia Civil seinen Kollegen auf der Wache Bescheid. Ich hatte schon wieder verloren. Bald erschienen mehrere bewaffnete Guardias Civiles und n├Ąherten sich mir.

┬╗Wirf dich auf den Bauch, die H├Ąnde auf den R├╝cken┬ź, wies mich einer an. Ich gehorchte.

Er warnte mich: ┬╗Lass dir keine krummen Sachen einfallen┬ź, gab seine Pistole einem Kollegen und sagte zu ihm: ┬╗Wenn er irgendwas macht, schie├č.┬ź

Danach kam er zu mir und legte mir Handschellen an. Ich richtete mich mit seiner Hilfe auf und wurde in die R├Ąume der Wache gebracht. ich f├╝hlte mich ersch├Âpft und niedergeschlagen. Mein starrer Blick auf den Zementfu├čboden gab meine Niederlage wieder.

Auf der Wache brachten sie mich in einen kleinen Raum und wiesen mich an, mich auf einen Stuhl zu setzen. Einer von ihnen fragte mich: ┬╗Bist du schon lange au├čerhalb deiner Zelle?┬ź

┬╗Nein┬ź, log ich ihn an.

┬╗Warst du allein?┬ź

┬╗Ja.┬ź

Er sah mich direkt an und fragte nach meinem Namen. Ich sagte ihn: ┬╗Ich hei├če Jos├ę Tarr├şo Gonz├ílez.┬ź

Von drau├čen, durch die T├╝ren hindurch, h├Ârte ich die Schlie├čer aufgeregt mit den Guardias Civiles diskutieren. Sie wollten mich so schnell wie m├Âglich zur├╝ck ins Innere des Gef├Ąngnisses bringen, wogegen sich die Guardia Civil verwahrte. Sie mussten mich in Gegenwart eines Anwalts verh├Âren. Wir befanden uns in einem Rechtsstaat und es galten gewisse Gesetze… zumindest schien es so.

Ungef├Ąhr um zehn Uhr morgens brachten sie mich ins Innere der Anstalt. Es eskortierten mich mehrere Guardias Civiles, meine H├Ąnde waren hinter dem R├╝cken gefesselt. Eine h├╝bsche Schlie├čerin beobachtete erstaunt die Szene vom Gef├Ąngniseingang aus. Sie war daf├╝r da, die Ausweise der Familienangeh├Ârigen einzusammeln, die kamen, um ihre in dieses absurde Universum des B├Âsen eingesperrten Lieben zu besuchen. Ich Spa├čvogel grinste sie breit an, mir fiel nichts anderes ein.

Hinter den Sperrgittern wartete eine Gruppe Schlie├čer angef├╝hrt vom wachhabenden Dienstleiter auf meine Ankunft. Sie nahmen mir die Fesseln ab und behandelten mich zu meinem Erstaunen h├Âflich und korrekt:

┬╗Gut, Tarr├şo, Sie haben verloren. Wir werden uns also weitere Fluchtversuche aus dem Kopf schlagen und uns die Zeit, die uns hier noch bleibt, ruhig verhalten. Wir werden Ihnen einige Ihrer Sachen wiedergeben und anderes einbehalten. Du wei├čt, wie immer┬ź, verk├╝ndete mir einer der Schlie├čer, um dann noch hinzuzuf├╝gen: ┬╗Ich habe Befehl, Sie zu keinem Zeitpunkt auf den Hof zu lassen, weshalb Sie vierundzwanzig Stunden in Ihrer Zelle bleiben werden.┬ź

┬╗Nicht in meiner Zelle, in einer der Ihren wird es sein…┬ź antwortete ich ihm und kl├Ąrte dieses Missverst├Ąndnis auf, das war mir wichtig.

Es war nicht meine Zelle, sondern eine Zelle des Staates und der Gesellschaft, in der man mir meine Freiheit und meine Rechte gegen meinen Willen entzog.

┬╗OK, Tarr├şo, wir lassen es damit gut sein, einverstanden?┬ź

┬╗Von mir aus, ja.┬ź

In Wirklichkeit waren meine Absichten ganz andere als ihre Pl├Ąne. Ich hatte beobachtet, dass der Eingang in die Frauenabteilung nicht mit einer Schlie├čerin besetzt war und offen stand. Die T├╝r f├╝hrte auf das Gel├Ąnde gegen├╝ber des Wachdienstgeb├Ąudes und sie lag ge