Juni 19, 2022
Von Anarchistische Bibliothek
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Vorwort

Bakunin sagte, die Rebellion des Individuums gegen die Gesellschaft sei viel schwieriger als die Rebellion gegen den Staat, denn die Gesellschaft absorbiere das Individuum, dringe in es ein, umgarne es mit ihren Br├Ąuchen und ihrer Moral, von Geburt an bis zum Tode.

Er sagte auch, unter tausend Menschen finde sich kaum einer, der eigene Ma├čst├Ąbe besitze. Systematischer Disziplinierung unterworfen, mal subtil und dosiert, mal bestialisch und grausam; auf von der Herrschaft vorgeschlagene und definierte Ideen und Interessen konditioniert, physisch und mental erstickt, verweigert man dem Individuum ein Bewusstsein seiner selbst und seiner unwahrscheinlichen M├Âglichkeiten.

Diese Vorgaben internalisiert das Individuum dergestalt, dass sie sich auf die Entwicklung der Pers├Ânlichkeit auswirken, sich auswirken auf die F├Ąhigkeit zur Reaktion auf die verschiedensten Situationen, denen sich das Individuum ausgesetzt sieht, das hei├čt, es wird diese Vorgaben ├╝berall mit hinschleppen, wo es interagiert.

Als die GenossInnen auf der Halbinsel mich darum baten, ein Vorwort zu dieser ersten deutschsprachigen Auflage des Buches von Xos├ę Tarr├şo zu schreiben, gestehe ich, dass mir viele Zweifel kamen: Was sollte ich schreiben? Wo anfangen? Ich denke, Xos├ęs Buch bedarf keinerlei Einleitung, es spricht f├╝r sich selbst. Da mein Freund aber ermordet wurde, und sein Zeugnis uns dazu dient, die Realit├Ąt im Gef├Ąngnis in ihrer ganzen Bandbreite aus der N├Ąhe kennen zu lernen, kann ich diese Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, um einigen die Ehre zukommen zu lassen, die ihnen geb├╝hrt, und zwar denjenigen, die diese Realit├Ąt nicht gleichg├╝ltig gelassen hat und die bis heute in Ver├Âffentlichungen und Aktionen f├╝r das Ende dieses barbarischen Systems k├Ąmpfen, das uns alle zu weniger menschlichen und zivilisierten Wesen macht.

Das Buch Hau ab, Mensch ├Âffnete vielen Personen und Kollektiven auf der iberischen Halbinsel die Augen. Niemand konnte oder wollte glauben, dass im ┬╗postfranquistischen┬ź Spanien des so genannten ┬╗demokratischen ├ťbergangs┬ź die Folter andauerte, die das totalit├Ąre Regime von Generalissimo Francisco Franco traurig ber├╝hmt gemacht hatte. Was viele nicht wahrnehmen oder verstehen wollten war, dass eine Diktatur nicht am Ende ist, weil ihr herausragendster Kopf stirbt. Die Diktatur ist ein System, in dem die Institutionen (speziell die repressiven) von straffen Parteig├Ąngern derselben gef├╝hrt werden.

Und so war das, was wir im Gef├Ąngnis vorfanden, eine Legion Faschisten, in den Anstalten der ┬╗Demokratie┬ź. Die Geschichte von COPEL inspirierte uns in gewisser Weise dazu, einen Kampf aufzunehmen, den wir von vornherein verloren wussten.

Viele Gefangene, die heute Kontakt zu Strafvollzugsgerichtsbarkeit, vis-a-vis-Besuche, Telefongespr├Ąche, Radioapparate und andere ┬╗Grundrechte┬ź genie├čen, haben vergessen, dass all diese ┬╗Rechte┬ź in Wirklichkeit Erfolge und Frucht der K├Ąmpfe tausender Gefangener sind, die sich um COPEL organisierten. ├ťberfl├╝ssig in Erinnerung zu rufen, dass diese Rechte uns viel Blut und Tr├Ąnen gekostet haben.

Viele K├Ąmpfe, die wir damals verloren glaubten, inspirierten nachkommende Generationen. Es gibt Verluste, die keine Niederlage bedeuten und Niederlagen, die uns dabei helfen k├Ânnen zu gewinnen.

Xos├ę war davon ├╝berzeugt, dass sein Buch den sofortigen Effekt zeigen w├╝rde, der spanischen Gesellschaft die Augen zu ├Âffnen. Er verga├č, dass jeder Prozess Zeit braucht, Bewusstsein, Arbeit und Hingabe, um von anderen verstanden und verinnerlicht zu werden. Vielleicht war er es auch selbst, dem es an Zeit fehlte, besessen wie er war von dem verdammten Virus, das in seiner Blutbahn zirkulierte.

Xos├ę kam nach vielen Jahren aller m├Âglicher Folter heraus. Er dachte, jetzt, da er frei war, konnte er noch viel mehr zum Kampf gegen das Gef├Ąngnis beitragen, in Antirepressionsgruppen. Doch seine Hoffnungen erf├╝llten sich nicht; er fand keine starke, bewusste Bewegung, organisiert und bereit, ernsthaft gegen eine derart perfekt ge├Âlte und wirksame Maschine zu streiten.

Nichtsdestotrotz fuhr er von einem Ende der Iberischen Halbinsel zum anderen, um ├╝ber FIES zu reden, ├╝ber die Folter und alles das, was er wusste vom Faschismus dieser Unterwelt.

Wenig sp├Ąter, im September 2003, wurden die GenossInnen aus Barcelona verhaftet, und er konnte den Mangel an Solidarit├Ąt einiger selbst miterleben, die sich nicht mit denjenigen anderen solidarisieren wollten, die in aller Konsequenz und als Teil der Bewegung k├Ąmpften. Drei Monate sp├Ąter tauchte ich unter, das war f├╝r mich das einzig Sinnvolle. Ich versuchte so (wenigstens) dem Kampf von au├čen einen Anschub zu geben.

Xos├ę f├╝hlte sich allein und verloren in einer Welt, die er nicht verstand, und schlie├člich lie├č er sich fallen. Er wusste nicht mehr, was er in der Welt, die er vorfand, anfangen sollte. Alles hatte sich verschlimmert: Die menschlichen Beziehungen waren immer weniger menschlich, die revolution├Ąren Bewegungen immer reformistischer und eingepasster in die Logik der Herrschaft.

Jemand schrieb einmal, zwanzig Jahre seien geschichtlich betrachtet nicht mehr als ein Atemzug, w├Ąhrend sie f├╝r einen Menschen ein Drittel seiner Lebenszeit bedeuten. Es ist ein bedeutender Unterschied, ob diese zwanzig Jahre zwischen Mauern oder unter Menschen verlebt werden, es ist sogar ein Unterschied, ob zu ┬╗normalen┬ź oder zu ┬╗Sonderhaftbedingungen┬ź.

Wir, Xos├ę, Patxi, Paco und so viele andere, mussten lernen, in diesen f├╝rchterlichen ┬╗Sonderabteilungen┬ź zu ├╝berleben, wo wir vom Rest der inhaftierten Bev├Âlkerung getrennt gehalten wurden. Wir lernten, dass Rebellion oder Tod die Alternative war, die uns blieb. Und wir rebellierten.

Wie auch immer, diese drei Freunde (und andere) sind nicht mehr unter uns, physisch, um mit uns zu k├Ąmpfen. Aber sie haben uns ihr Zeugnis hinterlassen: Ihre Erinnerungen, ihre Schlachten, ihre Geschichten, ihre Liebe und ihren Hass.

Seit einiger Zeit wird ├╝ber die Absicht spekuliert, Xos├ęs Buch zu verfilmen. Ich hoffe nur, dass, wenn es so weit gekommen ist, der Film sich an den Text von Xos├ę h├Ąlt und dazu dient, die Gesellschaft ├╝ber die f├╝rchterliche Realit├Ąt der Folter aufzukl├Ąren, die sich nicht nur in tausenden Kilometern Entfernung in so genannten Drittweltl├Ąndern abspielt.

Ich wei├č nicht, ob es im Oktober oder im November 2006 war, als einige GenossInnen von der Halbinsel eine Tour ├╝ber die Apennin-Halbinsel und Sardinien organisierten, zum Anlass der zweiten italienischsprachigen Auflage des Buches von Xos├ę, Frucht der Kooperation der GenossInnen beiderseits des Mittelmeers (Cruz Negra Anarquista Albacete und Archivio Severino Di Giovanni). Ich habe die Namen der GenossInnen nicht vergessen, die dieses Event m├Âglich gemacht haben: Alaitz, Pastora, Ignacio, Stefano, Timo…

Manchmal f├Ąllt es mir schwer, Worte zu finden, um meine aufrichtige Dankbarkeit und Liebe zu diesen GenossInnen auszudr├╝cken, vielleicht, weil ich ┬╗gelernt┬ź habe, meine Gef├╝hle zu unterdr├╝cken, um mich dieser Unterwelt anzupassen, oder weil diese Leute, die mich kennen und lieben, schon wissen, wie mich diese sch├Ânen Gef├╝hle inspirieren ÔÇô da sind Worte doch ├╝berfl├╝ssig… Sind sie wirklich ├╝berfl├╝ssig? Ich glaube, nein, es ist richtig, dass ich mir auf diesen einf├╝hrenden Seiten die Bl├Â├če gebe und von Herzen zu jeder meiner GenossInnen spreche, ihnen meine Gef├╝hle mitteile, bevor man mir kraft Gesetzes das Maul stopft, mir als ┬╗Gefahr┬ź f├╝r unsere ┬╗Demokratie┬ź verbietet zu reden.

Alaitz ist mehr als eine Genossin, sie ist meine Freundin und uns verbindet eine langj├Ąhrige Beziehung, die sich auf dem gegr├╝ndet und gefestigt hat, was wir seit dem Tag, da wir uns kennen lernten, gemeinsam durchlebt haben.

Wir haben gelernt, uns die Bl├Â├če zu geben, uns zu hinterfragen, uns gegenseitig Anst├Â├če zu geben, und dies immer aufs Neue zu tun. Gemeinsam konnten wir als freie Personen wachsen und so haben wir uns entdeckt, trotz der Mauern, die uns trennten, und der Hindernisse, die uns mehr als ein stupider B├╝rokrat in den Weg legte. Und wir wachsen weiter. Ich f├╝hle mich in ihrer Schuld… deshalb m├Âchte ich mich ihr in diesen Zeilen z├Ąrtlich zuwenden.

Pastora ist Xos├ęs Mutter (der f├╝r mich wie ein Bruder war), doch nicht nur das… Pastora hat sich ├╝ber das System, in dem wir lebten, aufgekl├Ąrt und einen hohen Preis daf├╝r bezahlt. Sie hat ohnm├Ąchtig den Missbr├Ąuchen der Justizverwaltung beiwohnen m├╝ssen, der so genannten Justiz, die schlie├člich einen ihrer S├Âhne ermordet hat… Doch sie blieb bei allem Schmerz und aller Trauer nicht allein, zusammen mit anderen M├╝ttern hat sie sich organisiert, und heute sehen wir sie ├╝berall dort R├╝ckgrat zeigen und sich auflehnen, wo es n├Âtig ist. Pastora hat verstanden. Wie sie selbst es in einem Satz zusammenfasst, der besser ist als tausend Worte: Wenn wir Armen nicht einander helfen, wer wird es dann tun? Wegen dieses ihres Manifests, unter vielem anderen, kann sie immer auf mich z├Ąhlen. Ich habe keine Worte, um den Respekt, die Bewunderung und die Liebe auszudr├╝cken, die ich f├╝r diese gro├če Frau empfinde.

Ignacio, Timo und Stefano habe ich vor Kurzem kennen gelernt. Es liegen noch viel Zeit und viel Arbeit vor uns, doch was wir heute schon teilen, ist ohne Zweifel wunderbar. An sie und alle anderen, die bei der Tour mitgeholfen haben und die ich nicht kenne, richte ich als kleine aber ehrliche Anerkennung meine z├Ąrtlichste Dankbarkeit.

Das Buch, das du in den H├Ąnden h├Ąltst, ist das rohe und ehrliche Ged├Ąchtnisprotokoll der Gef├Ąngnisrealit├Ąt und der FIES- Sonderhaftbedingungen im spanischen Staat. FIES, das d├╝rfen wir nicht vergessen, wurde mittels halboffizieller Dienstanweisungen in Kraft gesetzt, illegal und hinter dem R├╝cken der Gesellschaft, allerdings vor Kurzem ┬╗legalisiert┬ź durch die Oberschlie├čerin Frau Mercedes Gallizo, am 22. Februar 2006. Das Buch ist au├čerdem die Geschichte einer Gruppe libert├Ąrer Gefangener der Gesellschaft, die wir uns auf diffuse Weise in der Folge bestehender Freundschaften zu organisieren versuchten, um mit allen uns zur Verf├╝gung stehenden Mitteln gegen ein irrsinniges System zu k├Ąmpfen, das dazu gemacht ist, jeden Menschen zu entpers├Ânlichen und zu zerst├Âren.

In diesem Kampf haben mindestens vierzehn hervorragende Genossen ihr Leben verloren, unter ihnen der Autor dieses Buches.

Die Geschichte ist zu lang und zu komplex, als dass ich sie hier im Vorwort zusammenfassen k├Ânnte. Ich f├╝hle die moralische Verantwortung, irgendwann ein anderes Buch zu schreiben, mit dem ich die kollektive Arbeit fortsetzen kann, die Xos├ę Tarr├şo und andere FIES-Gefangene mit ihren B├╝chern begonnen haben, darunter: Adi├│s Prisi├│n von Juanjo Garfia, A ambos lados del muro von Patxi Zamoro oder Volando a la c├írcel von Antonio Valera Hidalgo.

Am 28. Juni 2004 wurden in Aachen Jos├ę Fern├índez Delgado, Bart de Geeter, meine Schwester Bego├▒a und ich verhaftet. Boulevardpresse und Repressionsorgane, Polizei und Justiz dieses Landes beschrieben uns von Anfang an als ┬╗Kriminelle┬ź, und etwas sp├Ąter, als sie Wind bekamen von unserer Beteiligung am Gefangenenkampf und Mitgliedschaft in Solidarit├Ątsgruppen, ersetzten sie diese Vokabel durch ┬╗Terroristen┬ź. Das gestattete ihnen, uns in der Haft einer FIES-├Ąhnlichen Isolation auszusetzen. Nicht zu vergessen der beeindruckende und ├╝berfl├╝ssige Einsatz von Sicherheitskr├Ąften, so rechtfertigten sie das Unrecht: erniedrigende Durchsuchungen (unserer Personen, unserer Freunde, gar meiner Mutter), groteske Sicherheitsma├čnahmen w├Ąhrend der ├ťberstellungen, gefesselt an H├Ąnden und F├╝├čen, Augen und Ohren verbunden, Spezialkommandos etc. Und im Gef├Ąngnis: Totale Isolation, uniformierte Kleidung, kein Radio oder Fernsehen, alle Kommunikation zensiert, keine Telefongespr├Ąche… Seit unserer Verhaftung sind fast drei Jahre vergangen und Jos├ę und ich befinden uns immer noch unter gesonderten ┬╗Sicherheitsauflagen┬ź, einfach weil wir sind, wer wir sind, nicht etwa, weil wir eine Gefahr f├╝r jemand darstellten.

Der Prozess war ohne Zweifel eine Farce. Peinlich das Auftreten des Gerichts. Es weigerte sich zu jeder Zeit, die von der Verteidigung berufenen Zeugen anzuh├Âren, und versperrte sich so die Chance, sich zu erkl├Ąren wer wir waren und woher wir kamen, was es war, das uns bewegte, was wir sagten und dachten, und was es war, das sowohl die Menschenrechtsgruppen im spanischen Staat als auch die UNO und andere sagten… Das Aachener Gericht geruhte, kein Licht auf die Ursachen und Gr├╝nde dessen zu werfen, was an jenem traurigen 28. Juni 2004 geschah. Es geruhte vielmehr, der sensationalistischen Gier von Presse und diversen Polizeien aufs Morbide nachzukommen. In unserem Fall band sich Iustitia die Augen nicht. Keine Unparteilichkeit, kriminelles Komplizentum.

Doch das hatte ich irgendwie erwartet. In kapitalistische Warenform verpackte Spektakularit├Ąt, wie jedes Konsumprodukt luftleer verschwei├čt, ohne Gehalt, leicht verdaulich f├╝r eine unkritische Masse. Die Tatsachen, genau so fade und geschmacklos geschrieben wie wahrgenommen.

Was ich nicht erwartet h├Ątte, weil ich die politische Realit├Ąt dieses Landes nicht kannte, war das komplizenhafte Schweigen der ├╝bergro├čen Mehrheit der sich radikal nennenden Linken, die ├ťbereinstimmung mit Version und Argumentation der Herrschenden.

Man kann mit der politischen Analyse und den Aktionen, die Einzelpersonen oder Gruppen vorbringen, einverstanden sein oder nicht; wenn aber die Kritik, die in den systemtragenden Medien stattfindet, einigen als Argumentationsgrundlage daf├╝r dient, die Repression der GenossInnen zu rechtfertigen, die in die H├Ąnde der Staatsb├╝ttel gefallen sind, finde ich daf├╝r kein anderes Wort als: Kollaboration. Und ich habe mich gesch├Ąmt f├╝r diese Art von ┬╗GenossInnen┬ź.

In mehrfacher Hinsicht sind die Haftbedingungen und der Zustand fehlenden Rechtsbeistands in diesem Lande schlimmer als im spanischen Staat. Aber es geht hier nicht um Vergleiche formaler Art oder um eine makabere Rangliste, denn das w├Ąre eine h├Ąssliche Aufgabe. Es geht darum, mit denen solidarisch zu sein, die der direkten Gewalt der Herrschenden unterworfen sind; solidarisch zu sein hei├čt nicht, die ┬╗Ideologie┬ź der Gefangenen oder ihr Handeln in allen Gesichtspunkten zu teilen. Es geht um den Austausch von Eindr├╝cken und Wissen. Es geht darum, in diesem Land, und heute

noch, eine Anti-Knast-Bewegung hinzubekommen, mit antikapitalistischer Perspektive und ohne ins Sektiererische zu verfallen. Oder, wennÔÇÖs beliebt, eine antikapitalistische Bewegung, in der das Thema Gef├Ąngnis den Ort einnimmt, den es in einer sozialen Bewegung verdient.

Ich h├Ątte mir gew├╝nscht, den Prolog zu diesem Buch schriebe ein deutscher Genosse wie Thomas Meyer-Falk, der seit Jahren allein k├Ąmpft, von einem Isolationskerker aus und bedroht von einem Gesetz, dass dem Strafgesetzbuch des Nationalsozialismus entstammt und bis in unsere Tage g├╝ltig ist. Oder jemand der Gefangenen der RAF, die immer noch einsitzen, und das wegen ihrer Symbolkraft eher als wegen sonstiger absurder juristischer, politischer oder sozialer Hintergr├╝nde. Genau diese H├Ąftlinge waren die ersten wirklichen FIES-Gefangenen.

Es gab nicht nur Entt├Ąuschungen in diesem Land. Ich hatte das Gl├╝ck, auf w├╝rdige und konsequente GenossInnen zu treffen, die sich von Staatsangeh├Ârigkeiten oder Ideologien nicht verblenden lassen, sondern denen eigene moralische Werte gelten. Einer dieser Genossen war ohne Zweifel Martin Poell, er war mir mehr als ein Anwalt und war st├Ąndig auf dem Laufenden. Sein so fr├╝her wie unerwarteter Tod am 17. Dezember 2006 lie├č in uns allen, die wir ihn kannten und sch├Ątzten, eine gro├če Leere zur├╝ck. Sein Tod ist ein schwerer Verlust f├╝r uns alle, pers├Ânlich und politisch.

Ich will es auch nicht lassen, Kathrin zu erw├Ąhnen, die von dem Moment unserer Verhaftung an mit uns Kontakt hatte und sich um unsere politische und pers├Ânliche Verteidigung k├╝mmerte, ohne die Repression zu f├╝rchten, die allerdings in der Tat ├╝ber sie herein brach, aufgrund ihrer Solidarit├Ąt mit uns und der absurden polizeilichen Erkenntnis, sie habe ┬╗etwas mit uns zu tun┬ź.

Ich vergesse auch David nicht, der dieses Buch ├╝bersetzt hat, wie auch die anderen ├ťbersetzerInnen, die zahllose Texte zur politischen und sozialen Realit├Ąt im spanischen Staat und das Thema FIES ins Deutsche ├╝bertragen haben.

Und in diesem Abschnitt der Danksagungen m├Âchte ich auch ein wunderbares Paar nicht im Tintenfass zur├╝cklassen, das ├╝ber die letzten drei Jahre solidarisch alle die aufgenommen hat, die nach Aachen kamen, sei es anl├Ąsslich der Justizfarce, oder sp├Ąter zu Knastbesuchen; ich meine Marlies und Kurt.

Vielen Dank an Wolfgang von der Redaktion Gefangenen-Info. Seit Jahren setzt er sich ein f├╝r die Freilassung der letzten Gefangenen der RAF und die politisch-moralische Verteidigung von revolution├Ąren K├Ąmpfen hier und auf der ganzen Welt.

Der Abschnitt der Danksagungen w├╝rde zu lang, schl├Âsse ich

alle internationalen mit ein… Dank an die GenossInnen von Anarchist Black Cross/Cruz Negra Anarquista auf der ganzen Welt. An Bart und Bart, an Valerie, Kobe, Daniel, Marco Camenish, an die gefangenen Genossen im spanischen Staat und der ganzen Welt; an die, die uns verlassen haben und an die Neuen, die sich revolution├Ąren Ideen n├Ąhern; an die Familien der Gefangenen und die Gruppen, die von drau├čen m├Âglich machen, dass die Solidarit├Ąt uns tats├Ąchlich herzlich verbindet und das Netzwerk flicht, in dem wir alle uns wiederfinden, die wir eine gerechtere und menschlichere Welt nicht aufgegeben haben.

Mir ist bekannt, dass dieser Text nicht als konventionelles Vorwort gelten kann, doch bin ich weder konventionell noch bin ich Experte.

Wer die Realit├Ąt kennen lernen und mitmachen will, gehe zu den Veranstaltungen, die zu diesen Themen organisiert werden.

Ich wollte hier nicht ├╝ber mich selbst oder meine politischen Ideen schreiben, denn das geh├Ârt nur mir und den Meinen. Was die im Kampf gebrauchten Mittel angeht, so befinde ich mich nicht in einer Lage, aus der ich jemandem etwas erkl├Ąren k├Ânnte. Wenn ich mich einmal f├╝r den Gebrauch von Waffen entschieden habe, so hat das mit mir zu tun und mit meinen pers├Ânlichen situationsbedingten und situationistischen Anschauungen. Ich dachte nicht etwa an ein vulg├Ąres Konzept von ┬╗bewaffneter Avantgarde┬ź, noch bin ich ┬╗Pazifist┬ź oder ┬╗Bellizist┬ź, sondern einfach ein Revolution├Ąr, der zu emanzipatorischen Prozessen dort beitragen will, wo sie stattfinden.

Bald lasse ich mich in mein Land abschieben. Ich hoffe, dass uns die Zeit, die mir in Deutschland noch bleibt, zur Suche nach Ankn├╝pfungspunkten dienen kann, nicht nur zu realit├Ątsferner Diskussion und Polemik.

Aachen, 1. April 2007

Der Kampf geht weiter, bis wir alle frei sind!

Gabriel Pombo

Widmung

Vielleicht wohnt in uns eine Bestie,

geboren vom Leiden

unter der Trennung

von allem was uns lieb war

Meiner Mutter…

Isabel ├ülvarez Gonz├ílez… (Isa)

Gabriel Pombo da Silva… (Musta)

Eduardo Jean-Baptiste ├ülvarez… (Chico)

Alexandra de Queir├│s Vaz Pinheiro… (Xandra)

Der Freundschaft

Der Hoffnung

Der Freiheit

Allen freien Frauen und M├Ąnnern der Welt im Gef├Ąngnis

Einleitung

Deine wilden Hunde wollen in die

Freiheit; sie bellen vor Lust in ihrem

Keller, wenn dein Geist alle Gef├Ąngnisse

zu l├Âsen trachtet.

NIETZSCHE, Zarathustra

La Coru├▒a, 27. August 1987

Vier Uhr nachmittags, es ist sonnig und hei├č. Sommer in Katanga, einem Viertel von La Coru├▒a. Das gute Wetter l├Ądt zum Spazieren ein, die Stimmung ist entspannt und angenehm. Vielleicht bemerkt deshalb niemand die Anwesenheit der Polizei. Getarnt in ziviler Kleidung und entschlossen angef├╝hrt durch Kriminalinspektor Pe├▒a, nimmt eine Gruppe Polizisten ihre Position ein, in der Umgebung des Wohnsitzes des Mannes, zu dessen Festnahme sie gekommen sind: Spezialisten f├╝r bewaffnete Entf├╝hrungen, sie werden ihrer Beute keine Chance zur Flucht lassen. Zur Menschenjagd bereit.

Es ist f├╝nf Uhr, als Bewegung im beschatteten Hauseingang festgestellt wird. Die T├╝r ├Âffnet sich und heraus kommt in z├╝gigen Schritten ein junger Mann und begibt sich in Richtung einer nahe gelegenen Kneipe. Er hat nichts zu bef├╝rchten, weshalb er vertrauensvoll und unaufmerksam vorw├Ąrts l├Ąuft.

Der Mann ist identifiziert, die Einsatzgruppe setzt sich in Bewegung. Ein Liebespaar verfolgt den Mann, und als die beiden ihn gerade ├╝berholen, zieht sie blitzschnell eine Waffe und h├Ąlt sie ihm vor die Brust, w├Ąhrend er ihn von hinten festh├Ąlt und die Handschellen auf dem R├╝cken anlegt. Das war leicht. Andere Polizisten tauchen aus ihren Winkeln auf, um die Aktion zu unterst├╝tzen. In ihren Augen steht die Zufriedenheit einer gut gemachten Arbeit geschrieben. Mehrere Autos halten vor Ort. Die Beute wird in das Innere eines derselben gebracht, um anschlie├čend in Richtung Polizeirevier zu verschwinden.

Die Nachbarn waren dabei, sie haben das Wirken der Besch├╝tzer von Recht und Ordnung mit ernsten Gesichtern verfolgt. Gro├če Stille herrscht im Viertel. Es ist nicht das erste Mal, dass sie eine Gefangennahme miterleben, und sie danken Gott, dass dieses Mal keines ihrer Kinder dran war. Hier ist die Mehrheit der jungen Leute straff├Ąllig oder drogenabh├Ąngig; schlimmstenfalls beides gleichzeitig. Deshalb applaudiert niemand dem Auftritt des Gesetzes. Wenigstens nicht hier.

Ein Mensch ist soeben von der Karte der Gesellschaft gestrichen worden, und seine Knochen werden ohne Zweifel in einer der fauligen und stinkigen Zellen der Gef├Ąngniskloake landen. Dort wartet auf ihn eine vor Jahren gemachte Schuld an der Gesellschaft, wegen Raubes. Er geht nun den Weg in die F├Ąulnis: den Weg in die H├Âlle der zivilisierten Menschen. Zu zwei Jahren, vier Monaten und einem Tag Haft verurteilt vom Provinzialgericht von La Coru├▒a, wei├č er noch nicht, was das ungerechte Schicksal f├╝r ihn bereith├Ąlt.

Es war der Anfang der Rache derjenigen, die, den Mund voll der Worte Demokratie und Gerechtigkeit, die Autonomie des Individuums, den Ausbruch aus der Schafherde und aus ihren Gesetzen nicht akzeptieren, die seine Verhaftung und anschlie├čenden Freiheitsentzug predigen und ihr eigenes Gewissen mit einer juristischen Legitimierung des gesamten Vorgangs zum Schweigen

bringen.

Mit neunzehn Jahren musste also Jos├ę Tarr├şo Gonz├ílez, bekannt unter seinem Spitznamen Che, seinen h├Ąrtesten Lebensabschnitt antreten. Enterbt von der Welt durch seine Zugeh├Ârigkeit zu einer ├Âkonomisch bescheidenen Familie, trat er einen unerbittlichen Weg an, vom Internat in die Erziehungsanstalt und von dort ins Gef├Ąngnis. Er wei├č besser als irgendjemand, dass f├╝r ihn die Reise ins Leben nicht mit dem gleichen Gep├Ąck wie f├╝r die Kinder aus besser situierten Familien begann, dass er nicht dieselben Chancen hatte wie diese. Einen Teil seiner Kindheit und Jugend hat er in verschiedenen Anstalten verbracht. Der Staat hat ihn erzogen. Zu oft wurde er brutal verpr├╝gelt von denjenigen, die mit seiner Vormundschaft betraut waren und sich das Recht herausnahmen, ihn zu strafen. Er wei├č, dass das derzeitige System ungerecht ist und nur einige wenige bevorteilt. Die ├ťbrigen werden zu Sklaven des Uhrzeigers gemacht. Er hat sich geweigert mitzumachen, er hat seine Anarchie offen erkl├Ąrt, ohne Scheinheiligkeit. Er selbst ist sich Richter und Gesetz, was sie ihm nie verzeihen werden, sie, die ┬╗Ehrbaren┬ź und ┬╗Gerechten┬ź.

Heute, am 15. September 1994, sieben Jahre sp├Ąter, sitzt er in einer Zelle unter den Sonderbedingungen FIES, im Hochsicherheitsgef├Ąngnis von Picassent, Valencia. Diese Sonderbedingungen, aus gutem Grund als die h├Ąrtesten in ganz Spanien eingesch├Ątzt, sind 1991 von der Strafvollzugsverwaltung eingef├╝hrt worden, um die Welle der Aufst├Ąnde, Geiselnahmen und Ausbr├╝che einzud├Ąmmen, die jenen Sommer die spanische Gef├Ąngnislandschaft verw├╝stet, und die immer noch gelten, obwohl sie laut K├Âniglichem Erlass Nr. 787 vom 26. M├Ąrz 1984 nicht gelten d├╝rften. Dort auf brutale Weise isoliert vom Rest der inhaftierten Bev├Âlkerung befindet sich ein Teil der von FIES betroffenen, von der Generaldirektion des Strafvollzugs als besonders konfliktbereit eingesch├Ątzte Gefangene oder Spezialisten f├╝r Ausbr├╝che. Die Strafe von zwei Jahren, vier Monaten und einem Tag, wegen derer die Verhaftung stattgefunden hatte, hat sich erh├Âht auf insgesamt einundsiebzig Jahre Gef├Ąngnishaft, und zur Zeit wird deren Verdreifachung verhandelt in verschiedenen Prozessen, die die Justiz wegen verschiedener Delikte gegen ihn ablaufen l├Ąsst.

Jetzt nutzt er seine Zeit, um zu studieren, zu lesen und in seinen Freistunden Sport zu treiben. Wie so viele vor ihm, wurde er vor die Alternative gestellt: Unterwerfung oder Rebellion. Er w├Ąhlte letzteres, und das werden sie ihm ebenfalls nicht verzeihen. Er setzt sich also mit dieser Rache auseinander, deren Anfang Jahre zur├╝ckliegt und der er allein mittels einer Flucht entkommen k├Ânnen wird, setzt sich auseinander mit der Unterwerfung oder mit dem Tod, der lang und grausam mit ihm spielt, sich in ihm breitmacht, in Form von AIDS. Er wei├č es. Deshalb hat er mit den ersten Zeilen eines Manuskripts begonnen. Er wird versuchen, die Realit├Ąt im Gef├Ąngnis zum Ausdruck zu bringen und das Scheitern des Gef├Ąngnissystems mit seinen barbarischen und antiquierten Strafen. Die ├ťberpr├╝fung und Reform der Gesetze, die dieses System regeln, waren dringend n├Âtig. Seine Erfahrung ist allerbestes Beispiel f├╝r die Anwendung gewisser systematischer Methoden, die viele Menschen in regelrechte Bestien verwandeln. In den vorliegenden Seiten haben alle Gefangenen Platz, in deren Herzen immer noch Freundschaft, Hoffnung und Freiheit gl├Ąnzen, den wilden Methoden zum Trotz, denen sie in ihrer Haft unterworfen sind und die zum Gro├čteil an der Krankheit AIDS leiden. Ihnen widmet er ausdr├╝cklich sein Manuskript, denn sie repr├Ąsentieren den Mut von Menschen, die t├Ąglich mit dem Tod konfrontiert, allein mit ihrer Selbstachtung, ihren ├ängsten, die in eiskalten Zellen und schrecklicher Einsamkeit immer noch w├╝rdig hoffen. Diesen Mutigen, die k├╝hn daf├╝r k├Ąmpfen, in den Armen des einzigen Rechts zu sterben, welches man weder wegdiskutieren noch in Ketten legen kann: In den Armen der Freiheit.

Picassent, 15. August 1994

Erster Teil: Auf dem Weg in die F├Ąulnis

Gef├Ąngnis von La Coru├▒a, 19. August 1987

Auf den ersten Blick erweckt es eine gewisse Neugier mit seiner quadratischen Form und seinen Mauern aus altem Stein, verwittert von der Feuchtigkeit und dem Salz des nahen Meeres. Sein trauriger Anblick und die Grabesstille, die es umgibt, erlauben zusammen mit dem langsamen Gang der Guardias Civiles, die bewaffnet mit Maschinenpistolen sein Gel├Ąnde bewachen, die langen Jahre des Leidens zu erahnen, die jene Mauern eingeschlossen halten.

Das Gef├Ąngnis von La Coru├▒a, gegen├╝ber dem romanischen Herkulesturm, ist ein Geb├Ąude im alten Stil, an dessen Eingang, gestreichelt von der Meeresbrise, eine spanische Flagge weht. So tauchte es einmal mehr vor mir auf, als der Polizeitransporter die letzte Kurve zu seiner Einfahrt nahm.

┬╗Wir sind da, Tarr├şo┬ź, schrie mir einer der Bullen zu.

In der Tat, wir waren angekommen. Ich nahm einen letzten Zug von der Zigarette, warf sie auf den Metallfu├čboden des Transporters und zerdr├╝ckte sie mit dem Schuh. Die T├╝r ├Âffnete sich, und nach einer vorbeugenden Untersuchung der Fesseln, die meine H├Ąnde an den Gelenken zusammen hielten, stieg ich aus dem Transporter, eskortiert bis zum Eingang des Gef├Ąngnisses. Ein schlecht gelaunter Schlie├čer nahm uns in Empfang. Er wurde die Kr├Âte genannt, wegen seines betr├Ąchtlichen Doppelkinns. Zur Einweisung nahm man mir neue Fingerabdr├╝cke ab und die Handschellen wurden mir aufgeschlossen. Nach dem ├╝blichen Papierkram entfernten sich die Diener des Gesetzes und ├╝berlie├čen mich endg├╝ltig der Obhut der Strafvollzugseinrichtung. Mein Leben, meine Freiheit und meine Gef├╝hle waren von jetzt ab den Launen der Schlie├čer unterworfen, die die Menschen in Haft befehligten und kontrollierten. Sie waren dort Polizei, Gesetz und Richter, und sie handelten mit absoluter Immunit├Ąt. So war das Gef├Ąngnis. Mehrere Schlie├čer kamen herunter, um mich abzuholen.

┬╗Nanu, Tarr├şo, schon wieder hier?┬ź sagte einer von ihnen.

┬╗Wie du siehst…┬ź, antwortete ich ernst, ohne Lust ein Gespr├Ąch zu beginnen.

Sie lie├čen mich alle Kleidung ablegen, obligatorisch und ├╝blich bei der Einweisung, mit dem Sinn, etwa illegal von au├čen Mitgebrachtes zu entdecken. Ich kannte den ganzen Vorgang, nicht umsonst war ich Gewohnheitskunde in dieser Anstalt. Ich hatte sie nur zwei Monate zuvor verlassen, nach sechs Monaten Haft. Nach Abschluss meiner Registrierung wurde ich wegen meines Alters in den Trakt f├╝r Minderj├Ąhrige gebracht.

Ich traf dort mehrere Freunde, die herauskamen, um mich zu begr├╝├čen.

┬╗Was ist passiert, Jos├ę?┬ź fragten sie mich, als ich mich auf die Aufnahmezellen zubewegte.

┬╗Nichts Schlimmes. Die Reklamation meiner zwei Jahre. Schickt mir sp├Ąter Bettw├Ąsche, etwas Kleidung, Essen und ein paar Zigaretten, OK? ├ťber alles weitere werden wir genug Zeit haben zu reden.┬ź

Ich musste mindestens drei Tage ├ťbergangszeit allein in einer Zelle verbringen. Diese Isolation hatte keinen Nutzen, war jedoch bei allen Einweisungen ├╝blich. Nach Ablauf der drei Tage w├╝rde ich auf den Hof hinausgehen und mit meinen Freunden zusammen in eine Zelle ziehen d├╝rfen. Unterdessen w├╝rde ich dort bleiben m├╝ssen.

In der Zelle angekommen, wandte sich ein Schlie├čer aus meiner Eskorte an mich:

┬╗Die Zelle ist ziemlich dreckig. Nachher bringt man Ihnen einen Putzeimer, damit Sie sie s├Ąubern k├Ânnen.┬ź

┬╗Ich w├╝rde auch gern die Dusche benutzen…┬ź

┬╗Am Nachmittag. Werden Sie mittagessen?┬ź

┬╗Nein. Die andern werden mir am Nachmittag Essen und Kleidung schicken. Ich hoffe, man l├Ąsst die Sachen durch.┬ź

┬╗Einverstanden┬ź, antwortete er und schloss die T├╝r hinter sich.

Ein Gef├╝hl der Leere ├╝berflutete die Zelle, und die Einsamkeit bem├Ąchtigte sich meiner. Ich legte mich r├╝cklings auf die vergammelte Matratze, mit den H├Ąnden unter dem Kopf verschr├Ąnkt, in Gedanken. Es war die Zeit gekommen, zu bezahlen, doch bis zu welchem Punkt hatte die Gesellschaft moralisches Verm├Âgen, das als gerecht hinzustellen? Zwei Jahre, vier Monate und ein Tag meines Lebens wegen eines simplen Raubes ohne Gewaltanwendung? War das wirklich eine gerechte Strafe oder vielmehr unverh├Ąltnism├Ą├čiges Abstrafen durch einen Richter, der mich den bitteren Geschmack einer exemplarischen Strafe kosten lassen wollte? Andererseits, wo befand sich die Grenze des selbst erteilten Rechts des Staates, zu strafen? Wer kontrollierte jene Strafe, und bis wohin war es legal oder human sie zu verl├Ąngern?

Sch├Âne Erinnerungen bes├Ąnftigten meine Gr├╝beleien. Erinnerungen, die nach und nach mit dem Lauf der Zeit verwelkten, w├Ąhrend andere st├Ąrker wurden. Ich war traurig.

Mit der Brotzeit am Nachmittag brachten sie mir die Kleidung, das Essen und den Tabak von meinen Freunden. Auch einen Eimer voll mit Putzmittel gaben sie mir, einen Wischmopp und einen Besen. Ich ging hinunter, um zu duschen und mir saubere Kleidung anzuziehen, mit der ich mich besser f├╝hlte. Sp├Ąter wischte ich die Zelle mit dem Putzmittel, und nachdem ich das Bett neu bezogen hatte, schritt ich bis zum Abendessen die Zelle auf und ab. Sie war klein: Die Zelle ma├č etwa vier Meter in der Breite mal dreieinhalb in der L├Ąnge. Wie die anderen Zellen auch, war sie wei├č gestrichen. Die W├Ąnde wiesen in Jahren angesammelten Schmutz auf. Ohne Zweifel war es lang her, dass man sie gestrichen hatte. Man konnte Worte lesen wie: ┬╗Mutterliebe┬ź, ┬╗Schlie├čer sind Arschl├Âcher┬ź, ┬╗geboren zu leiden┬ź oder Namen mit Datumsangaben. Die S├Ątze waren die einzigen Vertrauten gewesen f├╝r viele der dort eingesperrten M├Ąnner, fern jeder menschlichen W├Ąrme. Und sie werden es weiterhin sein.

Das Fenster war von au├čen mit einer Metallplatte verdeckt worden, damit wir Gefangenen die Felder oder das Meer nicht sehen konnten. Das Bett war aus Metall und fest in den Boden verankert. Eine Gl├╝hbirne, ein Waschbecken und ein ebenerdiger Abort vervollst├Ąndigten das Arrangement an Elementen, mit denen die Zelle eingerichtet war. Es war so sch├Ąbig wie in allen Zellen, die ich kennengelernt hatte.

Nach mehreren Minuten Auf- und Abgehen kam das Abendessen. Ich a├č auf dem Bett sitzend, denn es gab keinen Tisch und keinen Stuhl. Sp├Ąter z├╝ndete ich mir eine Zigarette an, zog mich aus und legte mich ins Bett. Ich war m├╝de. Nach einer Weile schlief ich ein.

Nach den drei Tagen ├ťbergangszeit kam einer der Dienstleiter, um mich zu sehen:

┬╗Tarr├şo, ich bringe schlechte Nachrichten f├╝r Sie┬ź, sagte er, ┬╗Der Direktor hat angeordnet, dass auf Sie Artikel 10 angewendet wird. Wir m├╝ssen Sie in Isolation bringen…┬ź

┬╗Weshalb denn das? Ich bin doch gerade erst angekommen.┬ź – ich war verst├Ârt.

┬╗Ich wei├č es nicht, Tarr├şo, ich glaube, das hat mit dem Streik zu tun, den Sie und ihr Freund Eduardo angezettelt haben, als Sie das letzte Mal hier waren. Sie waren deshalb bis zuletzt auf Artikel 10…┬ź

┬╗Ich wei├č schon.┬ź

├ťberraschend fand ich mich also erneut in Isolation wieder. Das war einer der vielen Amtsmissbr├Ąuche, die in diesem Gef├Ąngnis t├Ąglich stattfanden. Das Schlimmste war, dass ich nichts dagegen tun konnte, ich hielt also den Mund, packte meine Sachen und bewegte mich in Richtung Isolationsetage. Von ihren Fenstern aus gr├╝├čten mich meine Freunde:

┬╗Eh, Jos├ę, wo gehst du hin?┬ź

┬╗Da kommt ihr nicht drauf┬ź, antwortete ich ihnen mit Humor.

┬╗Ach du Schei├če!┬ź rief einer.

┬╗Ich habÔÇÖ das gro├če Los gezogen!┬ź

Ich suchte die ger├Ąumigste Zelle aus und zog ein. Ich hatte einige Zentimeter Raum gewonnen, einen Tisch, einen Stuhl und ein vergittertes Fenster, ohne Metallplatte, das mich das Gel├Ąnde sehen lie├č und den Wachturm der Guardia Civil. Ich vertraute darauf, dass man mich bald hier herausholen w├╝rde. Mich isoliert zu halten, bedeutete f├╝r sie soviel wie Ruhe, denn ich hatte bei Gelegenheit einen recht aufbrausenden Charakter und war st├Ąndig in Streitereien verwickelt. Sie hielten mich f├╝r konfliktwillig. Ich nahm es also mit Gelassenheit. Von nun an w├╝rde ich nur zwei Stunden am Tag Hofgang haben, allein.

Diesen Monat lie├čen sie mich Besuch erhalten. Meine Onkel kamen, in Begleitung von Isa. Sie brachten mir die Nachricht vom Tod meines Cousins Lute. Diese Nachricht tat mir weh, denn er war ein guter Freund, mit dem ich die vergangenen Jahre zusammen gelebt hatte. Sein Tod ├╝berraschte mich nicht; sein Leben konnte man mit dem Wort Drogen zusammenfassen, und alle wussten wir, dass er an den Drogen gestorben war. Ich sprach zu Isa:

┬╗Hallo, Prinzessin, danke, dass du gekommen bist…┬ź

┬╗Hallo Che. Du wei├čt, dass ich immer, wenn du im Knast bist, kommen werde. Bis jetzt bin ich nicht ausgefallen, stimmtÔÇÖs?┬ź

┬╗Wie geht es dir?┬ź fragte ich sie.

┬╗Gut. Ich hoffe, die lassen dich hier raus. Ich vermisse dich…┬ź

Mir gefiel ihre Gesellschaft sehr. Isa war Waise ihrer geliebten Mutter. Ihr Vater hatte noch einmal geheiratet, und er und seine Frau zusammen machten ihr das Leben unm├Âglich. Sie floh aus einer ungl├╝cklichen Welt, aus dem, was ihr Zuhause h├Ątte sein sollen. Jetzt lebte sie mit ihren Freundinnen zusammen.

Eines Tages, ich wei├č immer noch nicht warum, wollte mein Freund Viqueira sie nach einer Diskussion schlagen, wogegen ich mich einsetzte. Ich hatte nie weiter auf sie geachtet; die Tatsache jedoch, dass ich mich mit meinem Freund angelegt hatte, um sie zu verteidigen, einte uns fortan. Wir schrieben unsere Freundschaft gro├č. Nun redeten wir miteinander, dabei weit entfernt von der wirklichen Zukunft, die wir uns nicht einmal vorstellen konnten. ┬╗Du solltest einen AIDS-Test machen, Jos├ę┬ź, sagte mein Onkel Suso.

Ich wollte mich zu Anfang vor der Idee verschlie├čen, sagte aber schlie├člich zu. Ich versprach ihnen, den Test zu machen.

Die Sorge meiner Familie best├Ątigte sich: Ich war Tr├Ąger von HIV-Antik├Ârpern: Positiv. Die krude und reale Bedeutung dieser Nachricht war ein schwerer Schlag f├╝r mein Gem├╝t; sehr schwer f├╝r jemanden, der nur neunzehn Jahre alt ist. Ich wusste aber, dass Jammern mir nichts helfen w├╝rde und dass ich ernste Entscheidungen in Hinblick auf die Drogen und auf mein Leben w├╝rde treffen m├╝ssen. Ich entschied mich, die Drogen sein zu lassen und anzufangen, mich k├Ârperlich fit zu halten mittels sportlicher ├ťbung. Ich wollte der Krankheit in guter Verfassung entgegentreten und die letzten Jahre, die mir der Widerstand meines Organismus gegen das Virus g├Ânnen w├╝rde, voll aussch├Âpfen und genie├čen. Ich w├╝rde k├Ąmpfen. Dessen war ich sicher.

Gef├Ąngnis von Pereiro de Aguiar, November 1987

Einen Monat nach dieser Nachricht, die den Lauf meines Lebens ge├Ąndert hatte, wurde ich in das Gef├Ąngnis von Orense verlegt. Die Fahrt machte ich in einem kleinen Transporter, allein. An meinem neuen Ziel angekommen, befahlen sie mir, mich auszuziehen. Ich gehorchte, und nach dem Anziehen brachten sie mich in den Isolationstrakt, dessen einziger Insasse ich war. Sie h├Ąndigten mir einen Satz Bettw├Ąsche und eine Decke sowie einen Satz Toiletten- artikel aus, bestehend aus zwei Rollen Klopapier, einer Zahnb├╝rste, Zahncreme und einem St├╝ck Seife. Ich dankte ihnen. Hier k├╝mmerte man sich wenigstens um einiges ernsthafter als im Gef├Ąngnis von La Coru├▒a um Hygiene und Sauberkeit.

Das Gef├Ąngnis von Orense in Pereiro de Aguiar war neu und modern. Deshalb befanden sich die Zellen noch in gutem Zustand. Sie waren ger├Ąumig und sauber. Die Fenster waren nicht vergittert, sondern mit kugelsicherem Glas ausgestattet, drei Lagen dick. Damit wollte man dem Gef├Ąngnis einen humaneren Anblick verleihen, um glauben zu machen, die Gefangenen seien weniger gefangen, freier. Nichts war weiter entfernt von der Realit├Ąt. Die Betten waren aus Stein, und auf ihnen ruhte eine saubere und harte Matratze. Eine T├╝r trennte das Klo vom Rest der Zelle. Das Waschbecken aus rostfreiem Edelstahl war in einen Zementblock eingelassen; gegen├╝ber desselben gl├Ąnzte ein gro├čer an die Wand geklebter Spiegel. Es waren auch ein Stuhl und ein Tisch gebaut worden, beide aus Zement. Wollte man etwa mittels relativer Bequemlichkeit das Gem├╝t des H├Ąftlings bes├Ąnftigen? Ich musste zugeben, dass sich dies hier im Vergleich zu dem Kerker, den ich gerade hinter mir gelassen hatte, um einiges bequemer bewohnen lie├č.

Am n├Ąchsten Tag holten sie mich zum Spaziergang heraus auf einen Hof mittlerer Gr├Â├če. Ich staunte. Im Hof gab es vier St├╝ckchen Garten, eins in jeder Ecke. Die B├Ąumchen bescherten mir ironische Gedanken und eine gewisse Heiterkeit. Es war ein schr├Ąger geschmackloser Scherz. Der Gerechtigkeitsbegriff der ehrbaren Leute beinhaltete h├Ąufig derartige Absurdit├Ąten. Dachten sie vielleicht, eine dieser Pflanzen w├╝rde zu mir sprechen oder umgekehrt?

Es war rechtens, einen Menschen in andauernder Stille gefangen zu halten, doch bittesch├Ân auf elegante und zivilisierte Weise.

Jenem Gef├Ąngnis stand damals Jos├ę Ignacio Berm├║dez vor, ein Psychologe, der k├╝rzlich zum Posten des Direktors aufgestiegen war. Ich wusste es damals nicht, doch dieser Mensch w├╝rde Jahre sp├Ąter wieder meinen Weg kreuzen. Ich w├╝rde die Gelegenheit haben, den gesamten F├Ącher seiner M├Âglichkeiten kennenzulernen, er w├╝rde Direktor des Gef├Ąngnisses von Dueso, Santander sein. Doch das ist eine andere Geschichte.

Die Tage verliefen normal und ich gew├Âhnte mich an Einsamkeit und Stille. Ich begann mich f├╝r das Lesen zu begeistern. Ich wurde erneut nach La Coru├▒a gebracht, um an einem Prozess im Provinzialgericht teilzunehmen, zusammen mit meinem Freund Eduardo Jean-Baptiste ├ülvarez, wegen K├Ârperverletzung. Chico war Tage zuvor verhaftet und wegen mehrerer Bankraube angeklagt worden. Dort traf ich ihn.

┬╗Was ist mit dir los?┬ź fragte ich ihn, nachdem ich ihn umarmt hatte, auf dem Weg ins Gericht.

┬╗Sie erheben Anklage wegen ein paar Banken, doch sie haben keine Beweise…┬ź

┬╗Gut, dann bist du vielleicht in ein paar Monaten drau├čen.┬ź

┬╗Das will ich doch stark hoffen, Kollege.┬ź

Der Transporter hielt an. Sie holten uns heraus, der eine an des anderen Handgelenk gefesselt, und brachten uns, eskortiert von einer Gruppe Bullen, die gut gelaunt schienen, in den zweiten Stock, wo sie uns in einen kleinen Raum einschlossen. Bevor ich dort hineinging, konnte ich zwischen den Leuten Isa erkennen, die gekommen war, um mich zu sehen. Ich l├Ąchelte ihr zu. Ihre Freundin Sandra, die einmal zur Geliebten eines Freundes werden w├╝rde, begleitete sie. Ich erreichte, dass sie mich einen Moment zu ihr lie├čen.

┬╗Hallo Prinzessin, wie geht es dir?┬ź

┬╗Gut, und dir? Hoffentlich bringen sie dich zur├╝ck nach La Coru├▒a, damit ich wieder wie vorher kommen kann.┬ź

┬╗Ich wei├č nicht, ob sie mich nochmal hierher bringen; um mich fern von La Coru├▒a zu wissen, sind die zu allem f├Ąhig…┬ź

┬╗Ich habe dir einen Haufen Briefe geschrieben, mit Fotos, hast du die bekommen?┬ź

┬╗Ja, sie haben mir sehr gefallen, danke, meine Kleine.┬ź

Wir l├Ąchelten beide. Wir hielten diese Beziehung f├╝r etwas ├╝ber das Vulg├Ąre Erhabenes, sehr Erhabenes. An ihrer Seite l├Âste sich jedes Problem in Freude auf; es war wie die verlorene Kindheit zur├╝ck zu bekommen, ohne Scham aufzutreten, noch einmal Kind zu sein. Sie war jung und voller Leben, voller Freude und Phantasie, ihre Gegenwart verwandelte mich, kein Zweifel.

Der Prozess verlief normal und ohne Zwischenf├Ąlle. Die Pantomime einer Gruppe Erwachsener, die g├Âttliche Gerechtigkeit spielen. Ich blieb gleichg├╝ltig. Eine betr├Ąchtliche Blamage. Die Zwangsverteidigung ein Lacher. Einzig der Staatsanwalt zeigte ein gewisses Ma├č sprachlicher Gewandtheit, gierig auf ein hartes Urteil gegen uns, gierig auf die n├Ąchste Stufe seiner Ekel erregenden Karriereleiter.

Nach Ende der Sitzung brachte man uns zur├╝ck ins Gef├Ąngnis. Auf meinen Freund hatten sie ebenfalls Artikel 10 angewendet, weshalb wir in dieselbe Abteilung kamen. Wir begr├╝├čten die Freunde, die uns von ihren Zellenfenstern aus riefen, als wir den Hof ├╝berquerten, um den Isolationstrakt zu betreten. Es herrschte eine freundschaftliche Stimmung zwischen uns.

Am n├Ąchsten Tag brachten sie mich erneut ins Gef├Ąngnis von Orense. Dort nahm ich die ├╝bliche Monotonie wieder auf, diesmal in Gesellschaft zweier Gefangener, die aus den anderen Trakten hierher verlegt worden waren, um ihre Disziplinarstrafen in Isolation abzuleisten. Ich war bem├╝ht mich gut zu betragen angesichts des Versprechens der Direktion, mich Mitte Dezember aus den Artikel-10-Haftbedingungen herauszunehmen. Regelm├Ą├čig erreichten mich Briefe von Isabel, und ich verbrachte lange Stunden am Tisch und verfasste ausf├╝hrliche Mitteilungen zur Antwort. Wir erz├Ąhlten uns all unsere Geheimnisse, Sorgen und W├╝nsche. Ihre st├Ąndigen Briefe f├╝llten die Leere, die in allen Isolationstrakten herrscht; sie taten mir sehr wohl. Immer holte sie sich von mir zu den Themen Rat, die in ihrem Leben wichtig waren. Sie war einfach bezaubernd. Auch schickte sie mir Briefe meines Freundes Chico, und half uns so, die Verwaltung auszutricksen, wo doch die Korrespondenz zwischen Gefangenen im ge├Âffneten Umschlag abgegeben werden musste, denn sie wurde gelesen. So erfuhr ich, dass er in K├╝rze in die Anstalt von Teruel verlegt werden w├╝rde, die traurig ber├╝hmt war f├╝r die Messerstechereien und Morde, die regelm├Ą├čig zwischen den Gefangenen stattfanden. Ich w├╝nschte ihm Gl├╝ck. Die Direktion ihrerseits hielt Wort und hob Mitte Dezember die Artikel-10-Bedingungen f├╝r mich auf, mit der Folge meiner Verlegung nach La Coru├▒a.

Gef├Ąngnis von La Coru├▒a, Dezember 1987

In La Coru├▒a erwartete mich eine kleine ├ťberraschung von Seiten der Direktion. Obwohl ich aus Artikel 10 entlassen war, wurden f├╝r mich gesonderte Haftbedingungen angeordnet, als Vorsichtsma├čnahme. Das hie├č, dass ich nur am Nachmittag zusammen mit den ├╝brigen H├Ąftlingen auf den Hof gehen w├╝rde. Die restliche Zeit w├╝rde ich in die Zelle eingeschlossen verbringen. Einmal mehr trat die Willk├╝r der Machthaber im Gef├Ąngnis offen zu Tage. Die Strafvollstreckungskammer, die daf├╝r zust├Ąndig war, die Einhaltung der Strafvollzugsordnung zu kontrollieren, blieb total passiv. Mir blieb nichts anderes ├╝brig, als das so zu akzeptieren; es w├╝rde immer besser sein, als zur├╝ck unter Artikel 10 zu kommen. Ich erreichte jedoch, dass ich eine Zelle zusammen mit meinem Freund Miguel Exp├│sito belegen k├Ânnte, der sich in derselben Lage wie ich befand.

Isabel nahm die Besuche wieder auf. Sie kam zu allen Terminen, und wir sprachen ├╝ber die Zukunft. Zu ihrem siebzehnten Geburtstag schenkte ich ihr eine goldene Kette, mit einem vierbl├Ąttrigen Kleeblatt als Anh├Ąnger, das ihr Gl├╝ck bringen sollte. Sie war zur wichtigsten Person in meinem Leben geworden. Manchmal wollte auch mein Vater mich sehen. Wir tolerierten uns, doch auf unserer Beziehung lastete stets die Vergangenheit. Er hatte es nicht verstanden, mir ein guter Vater zu sein, und auch nicht meiner Mutter ein guter Ehemann, und Letzteres konnte ich ihm nicht verzeihen. Damals war das einzig Wichtige f├╝r mich, dass die Zeit schnell verstrich, so schnell wie m├Âglich. Zweieinhalb Jahre Knast waren trotz allem nicht viel. Die Angst vor AIDS qu├Ąlte mich nicht allzu sehr, obwohl mir bewusst war, dass mein Leben in jedem der kommenden Jahre enden k├Ânnte. Es gab kein wirksames Medikament, man konnte nichts machen, weshalb ich es als Teil des Preises ansah, der um zu leben gezahlt werden muss. F├╝r den Augenblick machte ich Pl├Ąne f├╝r die Zeit, wenn ich die Freiheit zur├╝ck bekommen w├╝rde; ich wollte Isa vorschlagen, zu mir in meine Mietwohnung im Viertel Laba├▒ou zu ziehen, wo ich mit meinem Vater gewohnt hatte, wenn er von der Gran Sol kam, einem Fischereischiff, auf dem er als Obermaat arbeitete. Ich hatte vor, umgeben von den Personen zu leben, die ich am meisten mochte: umgeben von meinen Freunden.

Eines Nachmittags, w├Ąhrend ich mit Miguel spazieren ging, kam ein Gefangener auf uns zu, den wir unter dem Spitznamen Fito kannten, um mit mir zu reden und mir eine Nachricht zu ├╝berbringen: Mehrere H├Ąftlinge von El Ferrol wollten mit mir sprechen und bestellten mich dazu in ihre Zelle. Ich traute dem nicht, denn vorher war ich mit einigen von ihnen aneinandergeraten und ich wusste, dass sie sauer auf mich waren. Jetzt waren sie zahlenm├Ą├čig ├╝berlegen, ich konnte nur auf meinen Freund Miguel z├Ąhlen, doch ich scherte mich nicht darum. Ich ging in Begleitung meines Freundes hoch, ein Stilett in der Tasche, zur Vorsicht, und fand sie versammelt in ihrer Zelle vor.

┬╗Fito sagt, ihr wolltet mich sehen?┬ź fragte ich.

┬╗Na ja┬ź, sagte einer von ihnen. ┬╗El Vaca will mit dir reden.┬ź

┬╗Ja┬ź, fing der Angesprochene an, ┬╗es geht darum, was du heute morgen ├╝ber Amadeo gesagt hast.┬ź

┬╗Schau, Vaca, Amadeo ist seit zehn Jahren mit mir befreundet, wei├čt du? Deshalb, falls du irgendein Problem mit ihm hast, l├Âse es jetzt mit mir und wir beenden die Angelegenheit.┬ź

Daraufhin stand er auf und zog aus seinem G├╝rtel ein gr├Â├čeres Stilett als meins. Er forderte mich heraus:

┬╗Wie willst du es, mit den F├Ąusten oder mit dem Messer?┬ź

┬╗Mit dem Messer┬ź, antwortete ich ihm kalt, f├╝hlte nach meinem, hielt es aber versteckt.

Wir liefen zum Speiseraum hinunter und gingen hinein. Nebenan gab es einen kleinen Raum. Dort gingen wir hinein. Er suchte einen seiner Kumpels aus, der ihm w├Ąhrend des Kampfes den R├╝cken decken sollte, bei mir blieb Miguel. Die ├ťbrigen gingen auf den Hof hinaus, um umher zu spazieren; sie w├╝rden aufpassen, dass die Schlie├čer nicht in die N├Ąhe kamen. Der Kampf begann. Wir sahen uns an, mit den Messern in der rechten Hand fuchtelnd an und f├╝hlten ein bisschen vor, indem wir ziemlich sinnlos die Messer schwangen. Beide hatten wir Angst; es w├╝rde derjenige gewinnen, der das Messer besser beherrschte, oder ein Gl├╝ckstreffer w├╝rde entscheiden.

Wir tauschten Messerstiche aus und die Messerklinge meines Widersachers drang in meinen K├Ârper ein, zwischen Schulter und Brust, ein stechender Schmerz. Ich tat, als h├Ątte ich nichts bemerkt; das Gegenteil w├╝rde ihn ermutigen. Sein Messer und sein Arm waren gr├Â├čer als meine, wodurch ich mich im Nachteil befand. Seine Augen aber verrieten mir, dass er um einiges erschrockener war als ich, und ich nutzte die Gelegenheit. Wir tauschten noch mehrere Messerstiche aus, wobei ich mit meiner Messerklinge seine Magenwand leicht ber├╝hrte. Das zwang ihn, erschrocken zur├╝ck zu weichen, den Raum zu verlassen und auf einen Tisch im Speiseraum zu steigen. Angst hatte sich seiner bem├Ąchtigt. Ich forderte ihn auf herunterzukommen und weiter zu k├Ąmpfen, er wollte aber nicht. Wir vereinbarten alle zusammen, es damit gut sein zu lassen, ich erkl├Ąrte mich einverstanden.

Jene Nacht s├Ąuberte mein Freund Miguel mir in der Zelle die Wunde. Sie war nicht sehr tief, blutete jedoch heftig; mein Hemd war voller Blut. Sie hatten meine M├Ąnnlichkeit auf die Probe stellen wollen. Das kam im Gef├Ąngnis h├Ąufig vor, vor allem unter den J├╝ngsten. Warst du nicht in der Lage, dir allein Achtung zu verschaffen, w├╝rde niemand, absolut niemand dich respektieren. So war das Gef├Ąngnis. Vor dem Kampf zu kneifen w├Ąre gleichbedeutend damit gewesen, zu akzeptieren, in aller Augen als Feigling dazustehen. Es w├Ąre ein schwerer Schlag f├╝r meinen Stolz gewesen, was zuzulassen ich nicht bereit war. Die Schmach zu erleiden man hielte mich f├╝r feige zog ich vor, mein Leben in einer Messerstecherei aufs Spiel zu setzen. Die Jugend ist der schlimmste Feind des Jugendlichen, da war ich keine Ausnahme. Ich hatte die n├Âtige Reife nicht, um das f├╝r eine Dummheit zu halten. An diesem Punkt meines Lebens waren Stolz und Arroganz am wichtigsten, gegr├╝ndet auf den Wert: M├Ąnnlichkeit zu zeigen und zu verteidigen, nur darauf kam es an. Alle Jugendlichen in diesem Knast tr├Ąumten davon, hart zu sein, und das Gef├Ąngnis offenbarte uns andauernd die Chance dazu. Hier w├╝rden wir lernen, gute Banditen zu sein.

Unseren Vorsichtsma├čnahmen zum Trotz bekam die Direktion schlie├člich Wind von unserer Keilerei. Man machte mich verantwortlich. Das war der erste Schritt zu meiner Einstufung unter Haftbedingungen ersten Grades im geschlossenen Vollzug. Sie setzten mir unversch├Ąmt zu, ich hatte also keine Scheu, mit meinem schlechten Betragen genau dort weiterzumachen, wo ich aufgeh├Ârt hatte.

Weihnachten zog sang- und klanglos vor├╝ber. Wir feierten mit Apfelwein aus eigener Produktion. Meine Einstufung wurde beibehalten. Ich wusste, dass man die Gelegenheit nutzen w├╝rde, um mich loszuwerden, weshalb es mich nicht ├╝berraschte, als mich eines Februarmorgens ein paar Schlie├čer weckten.

┬╗Tarr├şo, packen Sie Ihre Sachen, Sie gehen auf die Reise.┬ź

┬╗Wohin?┬ź

┬╗Nach Zamora.┬ź

Ich zog mich an, packte alle meine Sachen in mehrere Sporttaschen zusammen und verabschiedete mich von meinen Freunden. Anschlie├čend ging ich ohne weiteres Vorspiel von mehreren Schlie├čern eskortiert in Richtung des Eingangsgitters, wo mich mehrere Guardias Civiles erwarteten. Dort befanden sich andere Gefangene, zu Paaren aneinander gefesselt. Ich war der Letzte, der ankam. Sie nahmen mir wie auch den anderen H├Ąftlingen die zum Vorgang geh├Ârenden Fingerabdr├╝cke ab und schoben uns in den gr├╝nen Gefangenentransporter, der am Gef├Ąngniseingang auf uns wartete. Als das Gep├Ąck im Kofferraum verstaut war, setzten wir uns in Richtung auf das Gef├Ąngnis von Le├│n in Bewegung, wo wir die Nacht verbringen w├╝rden, um am n├Ąchsten Morgen weiterzufahren.

Die Transportbedingungen empfand ich als Zumutung f├╝r die Menschen, die sich dort zusammenpferchten. Wer f├╝r diese Transporte die K├Ąfige entworfen hatte, musste eine hasserf├╝llte Seele besitzen. In metallenen K├Ąfigen, einen Meter breit, einen halben Meter lang, jeder ausgestattet mit zwei an den Boden geschwei├čten Sitzen, wurden Verlegungen von Gefangenen ├╝ber hunderte von Kilometern durchgef├╝hrt. Man zwang uns, die ganze Fahrt ├╝ber sitzend und eingezw├Ąngt zu verbringen, der K├Ąlte ausgesetzt und den verschiedenen Ger├╝chen, die sich mit dem Zigarettenrauch vermischten. Hygiene gl├Ąnzte mit Abwesenheit, und die konstanten Brechanf├Ąlle vollendeten diese Stimmung menschlichen Elends. Das alles kam mir unangemessen vor, grausam; ich war emp├Ârt. Dass kein ehrbarer Staatsb├╝rger sich jemals dar├╝ber wundere, dass unter solch sch├Ąndlichen Umst├Ąnden chauffierte Personen morgen mit Gewalt antworten!

In Le├│n steckten sie uns nach sechs Stunden Reise in die Aufnahmezellen, in Vierergruppen. Obwohl man uns bei unserer Abfahrt im Gef├Ąngnis von La Coru├▒a noch Brote ausgeh├Ąndigt hatte, waren wir hungrig. Sie brachten uns hei├če Linsensuppe, und meine Genossen und ich a├čen mit gro├čem Appetit mehrere Teller. Es musste Kraft gewonnen werden.

Um acht Uhr am n├Ąchsten Morgen waren wir wieder auf der Strecke. Ich w├╝rde in Zamora aussteigen; meine Mitreisenden w├╝rden bis zum Gef├Ąngnis von Carabanchel, Madrid, weiterfahren. Das war die ├╝bliche Route.

Gef├Ąngnis von Zamora, Februar 1988

Es befand sich an der Landstra├če nach Almaraz, drei Kilometer au├čerhalb der Stadt. Dies also sollte der Ort sein, an dem ich meine Strafe im ersten Grad des geschlossenen Vollzugs verb├╝├čte.

┬╗Jos├ę Tarr├şo Gonz├ílez!┬źschrie einer der Guardias.

┬╗Das bin ich┬ź, antwortete ich und klopfte an die K├Ąfigt├╝r.

Sie ├Âffneten die T├╝r, legten mir Handschellen an und zogen mich heraus. Ich genoss es, wieder frische Luft zu atmen und meine Beine mit Dehnungen wiederbeleben zu k├Ânnen. St├Ąndig ├╝berwacht von einer Gruppe Guardias Civiles, einige von ihnen mit Sturmgewehren bewaffnet, suchte ich meine Sachen aus dem Kofferraum zusammen und ging mit ihnen ins Innere der Anstalt. Es war ein Geb├Ąude aus verst├Ąrktem Beton und Stein, gestrichen mit einer sanften Cremefarbe, im alten Stil. F├╝r hoch sicher geltend, schloss das Gef├Ąngnis in sich, in den Trakten eins und zwei, die Schwierigsten der unter 21 j├Ąhrigen von ganz Spanien ein. Der Rest der dort inhaftierten Bev├Âlkerung waren Gefangene im zweiten Grad, untergebracht in verschiedenen Trakten. Die Trakte eins und zwei waren einmal f├╝r die Gefangenen der Organisation GRAPO ÔÇödie jetzt vereinzelt einsa├čenÔÇö ausgestattet und dann ger├Ąumt worden, um dort die Jugendlichen aus dem gerade geschlossenen Gef├Ąngnis in Teruel unterzubringen, mit der Absicht, den Auseinandersetzungen zwischen den H├Ąftlingen mit h├Ąrtester Repression ein Ende zu setzen.

Ich ├╝berquerte das gro├če Gel├Ąnde und beobachtete die strategische Anordnung der Wacht├╝rme der Guardia Civil. Ich ging eine Treppe hinauf, immer noch mit meinen Taschen, bis zum B├╝ro der Aufnahme. Mehrere elektrische T├╝ren ├Âffneten sich und ich ging hindurch. Ein Guardia Civil nahm mir die Handschellen ab und eine Gruppe Schlie├čer brachte mich in Trakt eins. Ich musste mich ausziehen und mehrere Kniebeugen machen, damit sie sich davon ├╝berzeugen konnten, dass ich nichts im Hintern versteckt hielt. Es war mir zuwider wegen der Erniedrigung, doch ich gehorchte. Nach diesem Angriff auf meinen Stolz wiesen sie mir eine Zelle zu, tubo genannt wegen ihrer zylindrischen Form. Es gab minimalen Raum, um sich zu bewegen. Ich konnte keinen Schritt in ihr gehen. Ich sah einen metallenen Ofen, doch an der extremen K├Ąlte, die ich f├╝hlte, erkannte ich, dass er nicht funktionierte, oder dass man ihn, um ein paar Peseten zu sparen, nie in Betrieb setzte. Es w├╝rde nicht lange dauern, mich davon zu ├╝berzeugen, dass Letzteres stimmte. Ein Bett aus Eisen war mit Schwei├čn├Ąhten am Boden befestigt. Ein Waschbecken, ein Klo, ein kleiner Spiegel und zwei Fenster waren auch schon das ganze dort befindliche Mobiliar. Das war nicht viel. Sie hatten nicht einmal daran gedacht, einen Schrank f├╝r die Kleidung aufzustellen.

Sofort nahm ich Kontakt zu Chico auf. Ich wusste anhand der von Isa weitergeleiteten Nachrichten, dass er dort war. Seine Anwesenheit beruhigte mich; ich hatte nicht gerade Gutes geh├Ârt ├╝ber die jugendlichen Banditen, die fortan meine Mitgefangenen sein w├╝rden. Ich war etwas erschrocken, doch bereit mich als der Oberste geltend zu machen und den Respekt der anderen zu gewinnen.

Ich hielt den Kontakt zu meinem Freund ├╝ber Notizen, die ich ├╝ber den f├╝r den Putzdienst Eingeteilten oder ├╝ber mehrere Fenster schickte, mit Hilfe von F├Ąden, die wir von einem zum anderen wandern lie├čen, bis zum Ziel. Wir machten alle mit, denn so konnte man uns auch Nachrichten zukommen lassen, mit der Sicherheit, dass die anderen mithelfen w├╝rden. Chico teilte mir mit, dass er vielleicht an einem der n├Ąchsten Tage frei kommen w├╝rde, laut seinem Anwalt. Er versprach, mich zu besuchen.

Ich begann, auf einen kleinen Hof hinauszugehen, hinter dem Trakt gelegen, gegen├╝ber der Frauenabteilung. Es gab ernsthafte Rivalit├Ąten zwischen Gruppen von Gefangenen aus verschiedenen Gegenden. Das Zusammenleben von Gallegos, Andaluces, Catalanes, Valencianos und so weiter war sehr angespannt, fr├╝heren Rivalit├Ąten aus Teruel geschuldet. Die Verwaltung hatte ausdr├╝cklich angeordnet, dass wir beim geringsten Anzeichen von Widersetzlichkeit ohne irgendwelche R├╝cksichten reprimiert werden sollten. Das war das Klima, das ich vorfand, an meinen ersten Tagen in Zamora. Man wollte verhindern, dass das in Teruel Geschehene sich in Zamora versch├Ąrfte, doch machte die ├╝blicherweise ungeschickte Verwaltung einen schweren Fehler. Viele Herzen waren mit dem Eiter des hartn├Ąckigsten Hasses verseucht, wegen der Vorkommnisse in Teruel. Es hatte Todesf├Ąlle gegeben, Vergewaltigungen, Messerstechereien und Missbr├Ąuche aller Art, die niemand vergessen konnte. In den Jahren 85, 86 und 87 hatten die H├Ąftlinge sortiert nach landsmannschaftlicher Herkunft gelebt. Madrile├▒os, Catalanes, Gallegos… alle verteidigten ihr Terrain, zu regelrechten Clans zusammengeschlossen. Diese Tatsache machte die Gefangenen uneinig, und es fanden Auseinandersetzungen um die Kontrolle ├╝ber den Gef├Ąngnishof statt. Die kumpelhaften Bande, die zun├Ąchst die Verteidigung der Gruppe garantieren sollten, verwandelten sich in Macht, und diese in Machtmissbrauch. Die eine H├Ąlfte der inhaftierten Bev├Âlkerung sch├╝tzte sich vor der anderen, und eine musste von der anderen getrennt werden. Einzig das Gesetz des Messers wurde noch re-

spektiert. Die Neulinge sahen sich gezwungen, ihre M├Ąnnlichkeit zu beweisen, und wer scheiterte wurde beraubt, angegriffen und marginalisiert. Andere mussten Dienste in oralem Sex an anderen Gefangenen leisten, um ihr Leben zu retten, oder wurden wiederholt von ihren Mitgefangenen penetriert. Die das gr├Â├čte Pech hatten, wurden erstochen. Und jetzt machte die Beh├Ârde denselben Fehler wie in Teruel: Alle wieder zusammen in dasselbe Gef├Ąngnis zu stecken. Das lie├č alte Wunden aufbrechen. Statt uns jeden in unsere Heimatgegend zu schicken, um dort einzusitzen und so zu verhindern, dass der Hass und die famili├Ąre Entwurzelung der Gefangenen sich verh├Ąrten, mit dem Ergebnis weiterer Brutalisierung, steckten sie uns wieder zusammen in jenes Gef├Ąngnis. Wie viele Menschen sind wegen der Ungeschicklichkeit der Verwaltung ums Leben gekommen!

So standen die Dinge. Die nicht zu leugnende Tatsache, Gallego zu sein, w├╝rde mir eine Reihe Feinde bescheren, die, ernsthaft zu Schaden gekommen durch andere galizische Gefangene, in mir ein willkommenes Opfer sehen w├╝rden, um ihren Rachedurst zu stillen.

Das alles, zusammen mit gewissen pers├Ânlichen Umst├Ąnden, w├╝rde mich sp├Ąter veranlassen, einen Menschen aus Versehen umzubringen. Ich w├╝rde meine fehlende Erfahrung teuer bezahlen m├╝ssen.

Ich lernte ihn eines morgens kennen, als ich allein auf dem kleinen Hof des Isolationstrakts spazieren ging. Er lehnte sich aus einem Fenster, das zu den Duschen des Haupthofs f├╝hrte, und rief mich:

┬╗Eh, bist du Che aus La Coru├▒a?┬ź

Er hatte ein ernstes Gesicht und einen dunklen Teint, B├╝rstenhaarschnitt. Auf seiner Stirn konnte man ein t├Ątowiertes vierbl├Ąttriges Kleeblatt erkennen.

┬╗Ja, der bin ich┬ź, antwortete ich ihm und ging auf das Fenster zu.

┬╗Ich bin Musta aus Vigo┬ź, stellte er sich vor und streckte mir die Hand hin.

Wir gaben uns einen festen Handschlag. Er sprach weiter:

┬╗Pass blo├č auf, hier ist alle Welt mit Messern bewaffnet und hat b├Âse Absichten. Hast du ein Messer?┬ź

┬╗Ich habe keine Probleme mit niemandem.┬ź

┬╗Das ist hier egal. Du bist Gallego und das reicht. Jeden Tag kannst du eine ├ťberraschung haben. Diese ├ťberraschungen z├Ąhlen wir hier nicht mehr, verstehst du?┬ź

Ich verstand ihn bestens. Wir redeten noch eine Weile und verabschiedeten uns dann. Seine Worte machten mich nachdenklich und ich entschied, mir ein Messer anzufertigen, wegen dessen, was alles passieren k├Ânnte. Ohne es zu wissen, hatte ich gerade den Menschen kennengelernt, der zu meinem engsten Freund werden w├╝rde. Manchmal findet man im schlechtesten Augenblick das Beste.

Ein paar Tage sp├Ąter kam Chico frei. Mich lie├čen sie die Zelle wechseln und auf den Haupthof hinausgehen, zusammen mit den anderen Gefangenen, in kleinen Gruppen. Es war ein gro├čer Hof, ausgestattet mit einer Tenniswand, Toiletten und einer Cafeteria. Die Fenster des oberen Teils des dreigeschossigen Trakts wiesen in Richtung Hof. Ich trug einem der Gefangenen aus jenen Zellen auf, ein Messer, was ich hergestellt hatte, f├╝r mich aufzuheben. Immer, wenn ich auf den Hof kam, fand er sich am Fenster ein, bereit, mir das Messer zuzuwerfen, falls es Probleme geben sollte.

Auf diese Weise schafften wir es, die Metalldetektoren auszutricksen, die wir beim Ausgang auf den Hof durchschreiten mussten. Es kam darauf an, bewaffnet zu sein. Eine Waffe zu besitzen, war wichtig: Es unterstrich in den Augen der anderen die Bereitschaft zu k├Ąmpfen. Es war ein regelrechter Kalten Krieg.

Ich f├╝hrte die Beziehung zu meinem Landsmann Musta mit kleinen Nachrichten weiter. Manchmal trafen wir auf dem Hof aufeinander und redeten ├╝ber pers├Ânliche Dinge, ├╝ber politische Ideologie oder die Zukunft. Einmal erz├Ąhlte er mir aus seinem Leben. Er hie├č Gabriel Pombo da Silva und war, obwohl er sich als Galizier f├╝hlte, in Deutschland geboren, wohin seine Eltern vor Jahren ausgewandert waren. Genau wie ich war er Kind von Emigranten. Auch ihn hatten sie ins RETO in Madrid geschickt, doch Jahre vor meiner Zeit dort. Wir lachten ├╝ber diese Zuf├Ąlligkeiten. Sie hatten ihn mit siebzehn Jahren wegen mehrerer Bankraube verhaftet. Nun b├╝├čte er eine f├╝nfj├Ąhrige Haftstrafe ab und befand sich seit vier Jahren im Gef├Ąngnis. Er gefiel mir. Eine einzigartige Zuneigung, gest├Ąhlt auf dem Amboss unseres Pakts des gegenseitigen Vertrauens, begann, uns in einem gemeinsamen Gef├╝hl zu verbinden: Freundschaft. Als sie ihn in die Beobachtungszentrale in Madrid gebracht hatten, um seine Haftbedingungen zu ├╝berpr├╝fen, vermisste ich ihn sehr.

Im Monat August bekam ich Probleme. Einige Gefangene, ich wusste nicht welche, schickten einen anderen, um mir auf den Zahn zu f├╝hlen. Dieser andere, gen├Âtigt, vor den anderen seinen Mut zu beweisen, fuhr mich auf dem Hof an. Es roch nach Streit, wie immer, wenn so etwas vorkam. Ich brauchte nicht lange, um zu erkennen was Sache war. Ein Gefangener kam auf mich zu.

┬╗H├Âr mal!┬źEr war aufgeregt und rief mich an. ┬╗Hast du eine Zigarette?┬ź

Ich bot ihm ein P├Ąckchen Ducados an und blickte in Richtung der Fenster meines Trakts. An den Fenstern waren Gefangene zu sehen, darunter einer meiner Freunde, bereit, mir das Messer zuzuwerfen, sobald ich es verlangen oder brauchen w├╝rde. Ich gab ihm kein Zeichen.

┬╗Gib mir Feuer┬ź, bat mich der Gefangene und gab mir das P├Ąckchen zur├╝ck.

Ich bot ihm mein Feuerzeug an, was er in der Tasche verschwinden lie├č, nachdem er sich die Zigarette angez├╝ndet hatte. Er provozierte mich offensichtlich, woraufhin meine rechte Faust in Richtung seines Gesichts flog. Es fand ein Kampf statt, wir verwickelten uns in den Austausch von Fausthieben, rangen am Boden miteinander. Es war nicht leicht, von ihm loszukommen, doch als ich es schaffte, stand ich schnell auf und setzte dem Kampf den Schlusspunkt, indem ich ihm einen Tritt auf den Kopf verpasste. Zugleich st├╝rmte eine Gruppe Schlie├čer bewaffnet mit Schlagst├Âcken auf den Hof, um uns zu trennen. Zuerst brachten sie meinen Widersacher weg, sie schlugen ihn wiederholt mit den Kn├╝ppeln. Danach lie├čen sie die ├╝brigen Gefangenen auf ihre Zellen gehen und lie├čen mich allein ├╝brig. Sie kamen auf mich zu. Es war eine ganze Horde und die Schlagst├Âcke in ihren H├Ąnden wirken nicht gerade als Gl├╝cksbringer f├╝r meine k├Ârperliche Unversehrtheit, um die ich inzwischen ernsthaft besorgt war. Einer von ihnen richtete sich an mich:

┬╗He, Sie, kommen Sie her und nehmen Sie die H├Ąnde aus den Taschen. Ich will sie weit entfernt vom K├Ârper sehen, los, los!┬ź

Ich nahm die H├Ąnde aus den Taschen der Sporthose und streckte sie vom K├Ârper weg. Anschlie├čend ging ich auf sie zu. Sie umringten mich.

┬╗Ziehen Sie sich aus┬ź, wies mich einer von ihnen an.

Ich begann mich auszuziehen, Turnschuhe, Sporthose, und als ich mir das Hemd abstreifen wollte, fing es an, Hiebe von allen Seiten zu regnen. Ich fiel bet├Ąubt zu Boden, und eine Reihe Tritte traf auf meinen K├Ârper. Als sie die Lust verloren und es ihnen auszureichen schien, lie├čen sie von mir ab.

┬╗Nimm deine Sachen, wir gehen┬ź, befahlen sie mir.

Ich erhob mich so gut ich konnte und versuchte aufrecht zu stehen. Ich raffte meine Sachen zusammen und ging vor ihnen her in Richtung Isolationstrakt. Mein Kopf brummte, ein langes Piepen, das mir das Denken unm├Âglich machte. Ohne Zweifel w├╝rde die Verwaltung jene Anwendung von Zwangsmitteln als unabdingbar f├╝r die Aufrechterhaltung der Ordnung rechtfertigen. Die Strafvollzugsordnung sah es so vor. Die Gesellschaft konnte stolz sein ob der rigorosen Anwendung ihrer Gesetze und ob dieses Spektakels von zehn M├Ąnnern, die einen anderen zusammenschlagen, nackt und ohne Verteidigung. Sie musste stolz sein, denn dies alles fand in ihrem Namen statt.

Sie steckten mich in eine der tubos, schlossen das Gitter, das die T├╝r sch├╝tzt, und danach die T├╝r und gingen. Alleingelassen blickte ich in den Spiegel. Meine Lippen waren aufgesprungen und eine Schuhsohle hatte auf einer meiner ger├Âteten Wangen ihren Abdruck hinterlassen. Mein R├╝cken und die Beine waren voll von Schwellungen, die der Mangel an Thrombozyten in meinem Organismus anderntags in heftige Bluterg├╝sse verwandeln sollte. Ich f├╝hlte mich erniedrigt und ohnm├Ąchtig. Die Nacktheit meines K├Ârpers rief in mir ein Gef├╝hl der Schutzlosigkeit hervor, weshalb ich mich anzog. Ich schwor vor mir selbst, dies alles nie zu vergessen. Im Moment konnte ich nichts anderes machen.

Einen Monat nach jenem Vorfall kam mein Freund Musta nach Zamora. Sofort nahmen wir ├╝ber Nachrichten Kontakt auf und erz├Ąhlten uns, was an den vergangenen Tagen passiert war. Sie hatten

ihm die Lockerung der Haftbedingungen abgelehnt und ihn zur├╝ckgeschickt. Im ├ťbrigen fra├č uns die Gef├Ąngnisroutine t├Ąglich weiter auf. Es gab keinerlei Besch├Ąftigung oder Zeitvertreib als die Tenniswand. Die Haftbedingungen stimmten uns brutal, wie es auch in Teruel gewesen war. Morgen w├╝rde die Kopie von heute sein, ├╝bermorgen die von morgen, und so weiter bis in die Ewigkeit. Sie lie├čen uns zwei Stunden t├Ąglich auf den Hof, damit wir Luft schnappten, und danach lie├čen sie uns den Rest des Tages allein in der Zelle. Man ├╝bte an uns die h├Ąrteste Repression aus. Eines Nachmittags h├Ąmmerten mehrere H├Ąftlinge, darunter mein Freund, pl├Âtzlich an ihre Zellent├╝ren, aus Protest gegen etwas. Ich wusste nicht, worum es ging, denn ich war noch im tubo isoliert. Ein Gefangener rief mich von seinem Fenster aus:

┬╗He, Che! Che!┬ź

┬╗Was ist?┬ź

┬╗Sie schlagen Musta zusammen.┬ź

Mehr brauchte ich nicht zu wissen, um zu erraten, was los war. Ich fing an, die Fensterscheiben zu zerschlagen und forderte die anderen Gefangenen rufend dazu auf, es mir gleich zu tun. Doch niemand au├čer zwei Menschen machte bei dem Protest mit. Die Angst terrorisierte sie, wie auch mich. Die Aussicht auf eine Gruppe Schlie├čer, die in die Zelle kommt, um dich zu verpr├╝geln gefiel niemandem. Jene eingepflanzte Angst war zusammen mit dem Kn├╝ppel das Arbeitswerkzeug jener Totschl├Ąger. Sie kannten keine andere Art zu handeln. Besoffen von ihrer Gewalt lie├čen sie von meinem Freund ab und kamen zur Zelle hoch, die ich belegte. Sie ├Âffneten die T├╝r.

┬╗Was ist mit dir los, du schwule Ratte?┬ź schrie einer von ihnen.

┬╗Macht das Gitter auf┬ź, befahl der Dienstleiter einem anderen

Schlie├čer.

Eher aus Angst denn aus Mut wollte ich verhindern, dass sie in die Zelle hereinkamen. Ich schwang in jeder Hand eine Glasscherbe und drohte ihnen: ┬╗Wer durch diese T├╝r kommt, ist ein toter Mann.┬ź

In Wirklichkeit h├Ątte ich mich nicht getraut. Ich war zu sehr aufgeregt.

┬╗Tarr├şo┬ź, redete der Chef der Gruppe auf mich ein, ┬╗lassen Sie die Glasscherben fallen und machen sie alles nicht noch schlimmer, das lohnt sich nicht.┬ź

┬╗Hier kommt keiner rein┬ź, antwortete ich ihm bestimmt.

Sie gingen. Als sie wieder kamen, waren sie ausgestattet mit Helmen, Schlagst├Âcken, Schilden, Spraydosen und Handschellen.

┬╗Tarr├şo, werden Sie freiwillig herauskommen?┬ź schrie einer durch die T├╝r.

┬╗Nein.┬ź

Sie begannen Gas unter der T├╝r hindurch zu spr├╝hen. Ich versuchte dagegenzuwirken, indem ich mich ├╝ber die Klosch├╝ssel h├Ąngte und mir eine Decke ├╝ber den Kopf warf, doch das brachte nichts. Das Gas brannte mir in der Lunge und im Gesicht. Meine Augen brannten und tr├Ąnten heftig. Ich hatte keine Erfahrung mit solcherlei Auseinandersetzung. Ich wusste nicht, dass die wirksamste Methode einem Gasangriff zu begegnen ist, sich flach auf den Boden zu legen und den Mund mit einem nassen Handtuch abzudecken. Es wurde mir unertr├Ąglich und nach f├╝nf Minuten gab ich auf:

┬╗Ist gut, ist gut… ich gebe auf!┬ź

┬╗Zieh dich aus und schiebÔÇÖ die Scherben unter der T├╝r durch. Danach komm mit den H├Ąnden ├╝ber dem Kopf heraus. Verstanden?┬ź

┬╗Ja, aber macht die T├╝r auf, ich ersticke…┬ź

Ich schob die Scherben unter der T├╝r durch und fing an, mich auszuziehen. Durch das Guckloch beobachtete mich ein Auge. Als ich nackt dastand, ging die T├╝r auf. Eine gro├če Anzahl Schlie├čer wartete auf mich auf dem Gang. Sie ├Âffneten das T├╝rgitter und entfernten sich vom Zelleneingang.

┬╗Los, komm raus…┬ź

Ich ging hinaus, wie sie es mir gesagt hatten. Gleich nach dem Durchschreiten der T├╝r versetzte mir ein Schlie├čer, der sich hinter dem T├╝rrahmen versteckt gehalten hatte, einen Kn├╝ppelhieb von hinten auf den Kopf. Das war das Zeichen, und seine Kollegen machten alle mit bei dem Fest. Sie schlugen w├Ąhrend etwa einer Minute auf mich ein. Schlie├člich steckten sie mich in eine leere Zelle. Ich lag mit den H├Ąnden auf dem R├╝cken auf dem Fu├čboden. Es war eine unbequeme Position. Dann gingen sie. Obwohl ich immer noch benommen von den Schl├Ągen war, konnte ich h├Âren, wie die Gefangenen, die den Mut gehabt hatten, es mir gleich zu tun, den Besuch der Schlie├čer erhielten. Schreie, Angst… und eine schmerzhafte Stille, die Abscheu und Ohnmacht herausschrie, ├╝berschwemmte den Trakt.

Es kam die Nacht und die K├Ąlte des Oktoberanfangs begleitete sie. Die Arme begannen einzuschlafen, bewegungsunf├Ąhig und ohne Blutkreislauf wegen des Drucks der Handschellen auf die Gelenke. Ihnen folgten die F├╝├če mit einem doppelt unertr├Ąglichen Schmerz. Die K├Ąlte strafte meinen nackten K├Ârper und bereitete mir stechende Schmerzen in den Extremit├Ąten. Die Unm├Âglichkeit, die Lage zu wechseln machte mir deutlich, mit welcher Sachkenntnis die Schlie├čer ihre Arbeit getan hatten. Ich konnte nicht an mich halten und brach in Tr├Ąnen aus. Es war die l├Ąngste Nacht meines Lebens.

Niemals bescherte mir irgendeine der N├Ąchte, die mich im Gef├Ąngnis erwarteten, einen derartigen k├Ârperlichen Zusammenbruch. Es war wirklich hart. Etwas Unvergessliches, was schreiend den Aufstieg des hasserf├╝llten Tyrannen in meinem Herzen verlangte. Hiernach bestand f├╝r mich kein Zweifel mehr: Es war die Rache einer Gesellschaft, die kleinm├╝tig diese Mittelsleute mit ihrer eigenen effektiven Vollendung betraute.

Ich wachte auf dem Fu├čboden zusammengekr├╝mmt auf und machte den stoischen Versuch, mich vor meinen Henkern nicht zu entw├╝rdigen, indem ich etwa schreiend um die Beendigung der Bestrafung gebeten h├Ątte. Am n├Ąchsten Morgen besuchte mich der Arzt.

┬╗Die Fesseln m├╝ssen ihm abgenommen werden. Gebt ihm Kleidung und ein warmes Fr├╝hst├╝ck┬ź, ordnete er an.

Man merkte, dass er an solche Ereignisse gew├Âhnt war, und dass er den Wiederherstellungsprozess, den er anzuordnen hatte, genau kannte. Ich hasste diesen Bastard von ganzem Herzen. Ich hasste die Gesellschaft. Hasste den Menschen insgesamt. Hasste, weil ich gelernt hatte, zu hassen.

Als sie mich loslie├čen, brauchte ich eine Weile, um die Bewegungsf├Ąhigkeit meiner Glieder zur├╝ckzugewinnen. Sie waren steif. Sie lie├čen mich in meiner Zelle ankleiden und brachten mir Milch und Butterbrot zum Fr├╝hst├╝ck. Ich a├č langsam, um Zeit zu gewinnen. Als ich fertig war, legten sie mir wieder Handschellen an, doch jetzt mit den H├Ąnden nach vorne und an einen Eisenstab des T├╝rgitters, was mir erlaubte, am Boden ohne Schmerzen zu sitzen. Sie gingen. Ich erhielt angenehmen Besuch. Der f├╝r den Putzdienst Eingeteilte klopfte zweimal an die T├╝r und schob unter ihr ein paar Zigaretten und eine Nachricht meines Freundes Musta hindurch.

┬╗Z├╝nde mir eine an┬ź, bat ich ihn.

Er z├╝ndete eine Zigarette an und schob sie mir her├╝ber. Dann tat er so, als wischte er den Fu├čboden und ging. Ich dankte ihm f├╝r seine Geste. Ich rauchte die Zigaretten, eine nach der anderen, w├Ąhrend ich die Nachricht las. Er schickte mir Gr├╝├če und w├╝nschte mir Kraft. Dieser Vorfall w├╝rde uns ein f├╝r alle mal einen. Ein paar Tage sp├Ąter brachten sie ihn ins Gef├Ąngnis von Daroca; ich w├╝rde nach La Coru├▒a zur├╝ckkehren, um an einem Prozess gegen mich teilzunehmen.

Gef├Ąngnis von La Coru├▒a, November 1988

Auf der Fahrt im Transporter nach La Coru├▒a begleitete mich die Hoffnung, Isa nach l├Ąngerer Zeit einmal wiederzusehen. Es kam mir komisch vor, dass ich zuletzt keine Nachrichten von ihr erhalten hatte, ich war besorgt deswegen. Daran dachte ich, w├Ąhrend ich durch das kleine vergitterte Fenster des K├Ąfigs, in dem ich steckte, die sch├Âne Landschaft Galiziens anblickte, wo ich geboren war. Der Kontrast der D├╝rre der kastilischen Ebenen mit dem Gr├╝n jener Berge war enorm.

In der Anstalt angekommen, schickten sie mich in die Isolation. Dort traf ich auf Lol├şn und Chafi, beides Freunde von mir. Sie standen unter Artikel 10. Vor Kurzem waren sie zu mehreren Jahren Gef├Ąngnis verurteilt worden wegen einer Geiselnahme in Verbindung mit bewaffnetem Raub├╝berfall auf eine Wohnung. Wir redeten ├╝ber die Fenster dar├╝ber, als zu meiner ├ťberraschung die T├╝r aufging und ich zum Empfang von Besuch abgeholt wurde. In einer der Besuchskabinen fand sich mein Vater vor.

┬╗Na Alter, wie gehtÔÇÖs?┬ź

┬╗Gut, Jos├ę. Ich habe erfahren, dass sie dich heute herbringen und angerufen, um dich sehen zu d├╝rfen. Drau├čen sind Viqueira und Chico.

┬╗Warum sind sie nicht mit hereingekommen?┬ź

┬╗Sieh mal, mein Sohn, ich muss dir eine schlechte Nachricht bringen und wir glaubten, es sei besser, wenn ich das allein tue┬ź, erkl├Ąrte er mir und blickte zu Boden; dann schaute er auf und mich ansehend sagte er es mir: ┬╗Isabel ist tot…┬ź

Ich reagierte leblos, unf├Ąhig, diese Neuigkeit aufzunehmen. Mit dem Blick fest auf dem Fu├čboden, fragte ich fassungslos:

┬╗Wie?┬ź

┬╗Ein Motorradunfall. Ein Auto erfasste sie, hatte die rote Ampel nicht beachtet… sie war schwanger. Aber Jos├ę! Du wirst keine Dummheit tun!┬ź

Ich h├Ârte ihn schon nicht mehr. Ich drehte mich um und ging hinaus ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Ich musste alleine sein um denken zu k├Ânnen. Wie so gro├čen Schmerz ausdr├╝cken? Wie w├╝rde irgendjemand so viel Liebe verstehen k├Ânnen? Ich fl├╝chtete mich in mich selbst, allein in der Zelle. Dort weinte ich bitterlich um den Tod meiner Freundin, ihr mit dem Abschied von ihrer physischen Existenz die Letzte Ehre erweisend. Versunken in meinen Schmerz, lie├č ich meine konfusen Gedanken umherstreifen, im vergeblichen Versuch, sie aus der Welt der Toten zur├╝ck zu holen:

Ich bin aufgewacht heute morgen, meine Liebe, und du warst nicht da;

ich suchte dich verzweifelt und verloren, und fand dich doch nicht.

Ich rief dich, doch erhielt keine Antwort, und weinte um dein Fehlen, kaputt.

Wer schleudert wie ich seine zerrissenen Schreie gegen den Zement im kalten Morgengrauen?

Ich h├Ârte ein Schreien das mir von der N├Ąsse eines zu Handschellen gemachten Grabsteins erz├Ąhlte.

Ich wei├č, Genossin, von diesem M├Ârderhass, von dieser Totschl├Ągerwut, die man f├╝hlt, wenn man wei├č

dass sie uns ein gestriges Morgen erleben lassen, uns der Gegenwart beraubend.

Nun gehe in Richtung auf keinen Ort, der nicht der Tod w├Ąre, Studierender der roten Ehre an den Universit├Ąten des Blutes, warte ich auf meine Stunde, um mich mit dir zu vereinen beim letzten Angriff, vereint in der Tragikom├Âdie des Lebens und des Nichts…

f├╝r immer.

Diese Nacht schlief ich nicht. Ein enormes Gef├╝hl der Leere ├╝berflutete meine Zelle; eine Leere, gr├Â├čer als jemals. Ich musste dort auf irgendeine Weise herauskommen. Ich musste fliehen, ich brauchte es.

Am n├Ąchsten Morgen waren die wachhabenden Schlie├čer so nett, mir den Flur der Isolationsetage ge├Âffnet zu lassen, damit ich die Zelle putzen und ein bisschen mit meinen Mitgefangenen plaudern konnte. Wir redeten durch eine Gittert├╝r hindurch.

Ich erhielt die besten W├╝nsche und das Beileid aller; sie wussten um die Bedeutung, die jenes M├Ądchen in meinem Leben gehabt hatte. Danach ging ich zu Lol├şn und Chafi. Ich erkl├Ąrte ihnen meinen Wunsch auszubrechen und bat sie, mit mir zu kommen, doch sie wollten nicht mitmachen. Lol├şn ├╝bergab mir aber eine

neue S├Ąge, wof├╝r ich ihm sehr dankte. Ich redete mit niemandem sonst dar├╝ber und begann mit den Vorbereitungen. Wenn sie nicht mit mir kommen wollten, w├╝rde ich alleine abhauen.

Das Fenster der Zelle, die ich belegte, zeigte auf das Gel├Ąnde, auf die Frontseite, wo der Eingang lag. Ein paar Meter entfernt befand sich das Dienstgeb├Ąude der Guardia Civil, von wo aus die Abl├Âsungen in die Wacht├╝rme gingen. Doch das w├╝rde kein Problem sein. Das wirkliche Problem stellten die zwei T├╝rme dar, die diesen Bereich des Gel├Ąndes ├╝berwachten, an den Ecken, einer auf jeder Seite. Ich w├╝rde es riskieren m├╝ssen und auf den Faktor Gl├╝ck hoffen.

Sie brachten mich zusammen mit anderen Gefangenen zum Prozess. Es ging um den Gebrauch eines Kraftfahrzeugs ohne Einverst├Ąndnis dessen Besitzers. Alles lief ohne Zwischenf├Ąlle ab. Mir wurde eine Geldstrafe auferlegt, doch das war mir egal, was ich den Richter auch so wissen lie├č. Seine Gesetze waren nicht meine. Am 26. November war ich mit dem Durchs├Ągen des Gitterstabs am Fenster fertig. Ich hatte aus einem in Streifen gerissenen Bettlaken ein Seil geflochten. Gegen├╝ber der Zelle stand eine Laterne von der Mauer ab. Die Idee war, das Seil ├╝ber die Laterne zu werfen und an ihm hoch auf die Mauer zu klettern. Drau├čen w├╝rden Chico und Viqueira in einem Auto warten. Ich hatte ein St├╝ck Spiegel, um die Guardias ungesehen zu beobachten.

Diese Nacht um vier Uhr drei├čig ging ich von der Theorie zur Praxis ├╝ber. Ich zog mir eine dunkle Sporthose an und bereitete mich darauf vor, die Zelle zu verlassen. Ich wickelte mir das Seil um die Taille. Dann kletterte ich auf die Fensterbank und riss den Gitterstab ab. Ich blickte mit Hilfe des Spiegels auf beide Seiten des Gel├Ąndes: Ich war allein. Ich schl├Ąngelte mich durch das Loch im Fenstergitter und machte einen flinken Satz auf das Gel├Ąnde herab, ohne Laut. Ich ├╝berquerte das Gel├Ąnde und stellte mich ganz eng an der Mauer unter die Laterne. Mein Herz pochte beschleunigt, sie hatten mich nicht bemerkt. Ich wickelte mir das Seil vom K├Ârper und machte mich bereit zum Wurf, als einer der Guardias Civiles mich sah.

┬╗BewegÔÇÖ dich blo├č nicht, Junge┬ź, schrie er mir zu, seine Waffe entsichernd. Er gab seinen Kollegen ├╝ber ein Funkger├Ąt Bescheid, und diese kamen wild durcheinander aus ihrem Dienstgeb├Ąude gelaufen, in meine Richtung.

┬╗Wirf dich auf den Boden!┬źbefahl mir der Guardia auf dem Wachturm.

Ich warf mich hin. Man diskutiert nicht mit jemandem, der einem mit einem Sturmgewehr auf die Brust zielt. Mehrere Guardias umstellten mich, legten mir Handschellen an und brachten mich in ihr Geb├Ąude. Dort verh├Ârten sie mich. Ich hatte nichts zu sagen, als mein Pech zu verdammen. Ich hatte gespielt und verloren, das war alles.

Im Morgengrauen brachten sie mich ins Gef├Ąngnis zur├╝ck. Am Gitter erwartete mich eine Gruppe Schlie├čer, angef├╝hrt vom Dienstleiter. Sie nahmen mir die Handschellen ab, f├╝hrten mich in einen angrenzenden Raum und befahlen mir mich auszuziehen.

┬╗Du wirst dein blaues Wunder erleben┬ź, warnte mich der Dienstleiter, ┬╗Du wolltest uns wohl in die Suppe spucken?┬ź f├╝gte er noch hinzu, mich mit seinem Kn├╝ppel sto├čend.

Die anderen mischten sich nicht ein. Ich erhielt eine Reihe weiterer Schl├Ąge, doch unternahm nichts zu meiner Verteidigung; das Gegenteil h├Ątte die Schl├Ąge der ├╝brigen Schlie├čer herausgefordert. Als n├Ąchstes brachten sie mich in die Isolation, wo sie mich in eine Zelle steckten und mir beide H├Ąnde ans Bett fesselten. Sie lie├čen mich bis zum n├Ąchsten Tag so liegen. Dann kamen sie, um mich in die zweite Etage zu bringen. Dort befand sich Correcci├│n, die Isolationsabteilung f├╝r Erwachsene. Sie stie├čen mich in einen Kerker ohne Fenster, dunkel, feucht und stinkend. Sie nahmen mir die Handschellen ab und lie├čen mich allein. Durch das kleine Gitterfenster in der T├╝r drang etwas Licht herein, das von den Leuchtstoffr├Âhren im Gang herkam. Au├čer einer dreckigen Matratze, einem Eimer mit Essensresten, dem Waschbecken und dem Klo gab es in der Zelle nichts. Jene Kerker waren Erbst├╝cke des Franquismus und von der inhaftierten Bev├Âlkerung sehr gef├╝rchtet. Ich begann, auf und ab zu gehen. Aufs Neue f├╝hrten sie das vollst├Ąndige Brechen meines Willens im Schilde, ohne Kompromiss, mittels Schmerzen und Psychologie. Oder wollten sie sich einfach an mir wegen meiner libert├Ąren Aktion r├Ąchen? Sie unterdr├╝ckten jeden menschlichen Kontakt und jeden Zeitvertreib mit dem Ziel, mich zum Nachdenken zu veranlassen. Die Einsamkeit sollte den Rest erledigen. Man stellte mich vor eine unbequeme Situation, in der ich alles anderen vorenthalten, sozial abgeschnitten von jeder Achtung und jedem Recht, mich meinen Gedanken stellen m├╝ssen w├╝rde und den Verlusten, die ich zu verschmerzen hatte.

Die Isolation war f├╝r die Beziehung zu anderen freien oder gefangenen Personen mit dem Tod des betroffenen Menschen gleichbedeutend. Der Isolierte musste sich seine eigene Welt schaffen, um die Einsamkeit zu ├╝berleben. Die einzige Begleitung, die kalten W├Ąnde und seine eigene Vorstellungskraft. So bestrafte die Verwaltung, dienlicher Henker der Gesellschaft, die einwilligend schwieg. So schuf man sich die Kriminellen von morgen. Ich sah es inzwischen kommen: Wenn die Sitzungen in Isolation es nicht schafften, den Willen des rebellischen Menschen zu brechen, wenn dieser sich nicht unterwarf, dann konnte sich diese Strafe bis auf ewig verl├Ąngern. Viele Menschen waren auf diese Weise in den Selbstmord getrieben worden; im Tod fanden sie den einzigen Ausgang aus der Folter im Gef├Ąngnis. Was mich anging, ich w├╝rde ihnen diesen Gefallen nicht tun.

Gef├Ąngnis von Zamora, Dezember 1988

Zwei Wochen sp├Ąter wurde ich erneut ins Gef├Ąngnis von Zamora verlegt. Ich traf bei meiner Ankunft auf Chafi und Lol├şn. Auch lernte ich Anxo kennen, einen jungen Mann aus Vigo, der wegen eines Bankraubs einsa├č und der noch ein enger Freund von mir werden sollte. Die Tage wiederholten sich monoton. Es kamen die Weihnachtstage, und ein neues Jahr forderte unser Leben heraus. Keine Freude, kein ehrliches Lachen, nichts. Im Gef├Ąngnis ist kein Platz f├╝r Liebe, kein Platz f├╝r Frieden.

Im Januar holte man mich aus dem tubo heraus und wies mich in Trakt eins ein. Anxo brachten sie nach Trakt zwei. Wir erhielten aus Gewohnheit unsere Korrespondenz ├╝ber Nachrichten aufrecht, die wir um Batterien wickelten, mit Faden oder geschmolzenem Plastik festgemacht, und die wir dann von einem Hof in den anderen ├╝ber die Mauer warfen.

Ohne Besch├Ąftigung, ohne Werkst├Ątten oder Sportr├Ąume widmeten wir uns Spazierg├Ąngen oder spielten an der Tenniswand mit B├Ąllen, die wir selbst aus Wolle und Brotkrumen herstellen mussten. Wir spielten um Tassen Kaffee als Einsatz, in Einzel- oder Doppel-Wettk├Ąmpfen. So ging das jeden Tag. Das Schlimmste war die andauernde Eint├Ânigkeit. Doch diese sollte bald aufgebrochen werden.

Der Trakt hatte sich in zwei Fraktionen aufgespalten. Ein Roma aus Alicante namens Mariano Torres, der typische Knastmacker, hatte neue Streitereien im Trakt angefacht. Ich hatte vorher schon Probleme mit ihm gehabt. Ich hegte eine tiefe Abneigung gegen ihn: er hatte n├Ąmlich vor Jahren einen Freund von mir von hinten niedergestochen, mit Hilfe anderer Gefangener. Dieses Mal verwickelte er sich beim Hofgang in eine Diskussion mit Lol├şn, angefeuert von einer Gruppe Gefangener, die ihn unterst├╝tzte, und forderte ihn f├╝r den n├Ąchsten Tag zum Zweikampf heraus. Mein Freund schickte mir eine Nachricht, in der er um ein Messer bat und mir erkl├Ąrte, was passiert war. Er wollte sich ihm stellen. Er w├╝rde keine Chance haben, weshalb ich ablehnte. Ich sagte den anderen Bescheid, damit sie ebenfalls ablehnen w├╝rden: Ohne Messer w├╝rde er nicht k├Ąmpfen k├Ânnen.

Meine pers├Ânliche Entscheidung war es, jenes Subjekt von dort zu entfernen, damit f├╝r die Zukunft jedes weitere Problem ausgeschlossen sein w├╝rde. Ich wollte ihm nebenbei einen Denkzettel verpassen, aus Rache. Weder ich noch meine Freunde hatten die Messerstiche auf unseren Freund in Teruel vergessen. Ich verschaffte mir ein Stilett. Ich schickte es ├╝ber die Cafeteria in den Hof und gab Anleitungen, damit es in den Toiletten versteckt w├╝rde. Aus Vorsicht teilte ich niemandem meine Absichten mit.

Am Nachmittag des 12. Februar 1989 war ich in derselben Gruppe wie mein Widersacher mit dem Hofgang an der Reihe. Ich passierte den Metalldetektor ohne Probleme und ging in den Hof hinunter. Selbstsicher ging Mariano in Begleitung eines anderen Roma von einer Seite auf die andere. Ich ging in die Toiletten, holte das Stilett aus seinem Versteck und steckte es offen in die Jackentasche. Danach ging ich in die Cafeteria und bestellte drei Tassen Kaffee durch das Fenster der Bedienung. Anschlie├čend rief ich ihn:

┬╗Was willst du?┬ź reagierte er.

┬╗Ich bestelle Kaffee. Ich lade euch ein, ich will ein bisschen ├╝ber die Sache mit Lol├şn reden.┬ź

┬╗OK.┬ź

Ich ging den Hof mit auf und ab, w├Ąhrend die anderen ihre Zuckerst├╝cke unter den Kaffee r├╝hrten. Ich war mir sicher. Bei der geringsten Unaufmerksamkeit des Schlie├čers im Wachh├Ąuschen w├╝rde ich ihm einen Messerstich in den Unterleib verpassen, dort, wo es wirklich weh tut. Das w├╝rde die Schlie├čer davon ├╝berzeugen, dass er hier Probleme haben w├╝rde und sie w├╝rden ihn in einen anderen Trakt bringen.

Sie gingen mit mir zusammen ├╝ber den Hof. Wir drei gingen mit hei├čem Kaffee in der einen und Zigaretten in der anderen Hand spazieren.

┬╗Mariano┬ź, sagte ich, ┬╗es kann nicht so weitergehen, wir m├╝ssen die Vergangenheit begraben┬ź, log ich ihn an.

┬╗Solange ihr euch nicht in meine Angelegenheiten einmischt, ist alles in Ordnung, Che. Du musst nicht den Kopf f├╝r jemanden hinhalten, der es nicht versteht, sich alleine zu verteidigen. Wir sind hier im Gef├Ąngnis und so l├Ąuft das nicht, verstehst du?┬ź

┬╗Schau mal┬ź, antwortete ich ihm und wechselte auf seine rechte Seite, ┬╗du wei├čt genau, dass du, wenn du etwas gegen meine Freunde machst, mich zwingst, mich in die Angelegenheit einzumischen. Nat├╝rlich bin ich moralisch gezwungen zu verhindern, dass ihnen Schaden zugef├╝gt wird.┬ź

┬╗Das ist dein Problem, nicht meins…┬ź

W├Ąhrend er antwortete, beobachtete ich, dass der Schlie├čer begonnen hatte, Zeitung zu lesen. Bei der Kehrtwende in Richtung auf die andere Hofseite steckte ich die Hand in die rechte Tasche und erfasste den Griff des Stiletts. Ich sah ihm in die Augen und tat so, als ob ich aufmerksam darauf h├Ârte, was er sagte, obwohl ich schon nur noch h├Ârte, wie mein Herz in der Brust heftig pochte. Auf H├Âhe der T├╝r zum Friseur verpasste ich ihm einen Stich in die Magengegend und stie├č ihn auf die T├╝r zu, wo er zusammengekr├╝mmt hinfiel und sich mit den H├Ąnden den Magen hielt. Ich richtete mich an seinen Begleiter:

┬╗Und was ist mit dir?┬ź drohte ich ihm.

┬╗Nichts, Che… bleib bitte ruhig.┬ź

Andere Gefangene kamen herbei. Ich vereinbarte mit ihnen, dass niemand etwas ├╝ber das Vorgefallene sagen w├╝rde, weder zu Gefangenen noch zu Schlie├čern. Wir vereinbarten einen Verschwiegenheitspakt. Ich wickelte das Stilett in Plastik und warf es auf den Hof von Trakt zwei, wo sie es verschwinden lassen w├╝rden. Alles war gutgegangen, nur eins nicht: Der Messerstich war zu hoch gewesen. Die Klinge war anstatt geradezu in die D├Ąrme einzudringen nach oben abgerutscht und hatte die Hauptschlagader im Unterleib getroffen: Ich hatte ihn umgebracht.

Nach der Hofgangsstunde brachten sie uns zu den Zellen hoch. Sie bemerkten, dass ein Gefangener fehlte und gingen hinunter, um ihn zu suchen. Sie fanden ihn tot, wie ich vermutet hatte. Die Ironie des Schicksals hatte gewollt, dass das Messer, was sein Leben beendet hatte, dem Mann geh├Ârt hatte, den er Jahre zuvor feige von hinten niederstach; er starb als Opfer seines eigenen Gesetzes. Er hatte in demselben Moment die M├Âglichkeit akzeptiert umzukommen, in dem er sich sein eigenes Gesetz anma├čte und einen anderen Menschen t├Âtete. Alle, die eine Waffe tragen, innerhalb oder au├čerhalb des Gesetzes, setzen sich der Gefahr aus, get├Âtet zu werden, sobald sie das Recht zu t├Âten f├╝r sich akzeptieren. Das war das ungeschriebene Gesetz, nach dem sich die Welt seit Anbeginn gerichtet hatte.

Wir wurden auf richterlichen Erlass isoliert. Die den Verschwiegenheitspakt mit mir eingegangen waren, hielten ihr Wort, den wiederholten Drohungen der Verwaltung zum Trotz. Doch das brachte nichts. So wie die Dinge standen, brannte das Stilett, das ich auf den Hof von Trakt zwei geworfen hatte, den Gefangenen in den H├Ąnden. Obwohl ich gebeten hatte, es zu verstecken, ├╝berlie├čen sie das einem vollst├Ąndig Unbekannten, was unverantwortlich war. Sobald er merkte, was er da in seiner Zelle versteckt hatte, ├╝bergab dieser Gefangene es den Schlie├čern. Ich bekam das mit, als einer der Dienstleiter mit dem Messer in der Hand zu mir kam. Er zeigte es mir.

┬╗Jetzt haben wir euch, Tarr├şo. Das ist doch deins, oder? Ihr werdet alle daf├╝r b├╝├čen.┬ź

┬╗Ich wei├č nicht, wovon sie reden, mein Herr…┬ź

┬╗Das Messer hat mir gerade einer deiner Mith├Ąftlinge aus Trakt zwei gegeben und es klebt noch Blut daran. Jetzt bist du geliefert…┬ź

Als er gegangen war, dachte ich ├╝ber alles nach. Nat├╝rlich h├Ątten sie in K├╝rze die Spuren an dem Stilett gesichert; was das Blut anging, so w├╝rde kein Zweifel bestehen. Es ├╝berraschte mich, das Messer in der Hand des Schlie├čers zu sehen, immer noch in Plastik eingewickelt. Ich verfluchte meine Mitgefangenen wegen ihrer Inkompetenz und fragte mich, wer es gewesen war. Doch es war zu sp├Ąt: der Vogel war verschwunden, verlegt an einen anderen Ort, den wir nicht kannten. Egal, wir w├╝rden uns vor Gericht sehen. An den folgenden Tagen wurden wir st├Ąndig auf das Polizeirevier und ins Gericht gefahren um verh├Ârt zu werden. ├ťberw├Ąltigt von den Indizien gestand ich schlie├člich meine Verantwortung f├╝r jenen Tod und nahm meine Mitgefangenen von jeder Mitt├Ąterschaft aus. Das war das korrekte Verhalten.

Normalit├Ąt kehrte in die Anstalt zur├╝ck. Ich wurde erneut in den tubo geschickt. Ein Jahr vor meiner Freilassung w├╝rde ich mich nun wegen Mordes verantworten m├╝ssen. Ich zahlte einen hohen Preis f├╝r meinen Exzess, doch tat mir der Tod jenes Mannes nicht leid; nicht einmal f├╝hlte ich mich ungl├╝cklich angesichts dessen, was mich nun ├╝berrollen w├╝rde. Sie lie├čen mich meine Mutter ├╝ber Telefon sprechen. Sie befand sich in der Schweiz, zusammen mit meinen Geschwistern; vor Jahren waren sie dorthin ausgewandert. Ich erz├Ąhlte ihr, dass ich einen Menschen get├Âtet hatte. Es war ein schwerer Schlag f├╝r sie, jene Worte aus dem Mund ihres Sohnes zu h├Âren. An diesem Tag t├Âtete ich auch in ihrem Inneren etwas. Trotz allem war sie die einzige Person, die mir echte und bedingungslose Liebe anbieten w├╝rde, immer.

Unterdessen kam eine Gruppe Gefangener aus Carabanchel nach Zamora. Dort hatten sie mehrere Aufst├Ąnde angef├╝hrt. Zamora hatte zu jener Zeit einen ziemlich schlechten Ruf in den ├╝brigen spanischen Anstalten, es war zum Synonym f├╝r Folter geworden. Die Pr├╝gel und die Amtsmissbr├Ąuche verh├Ąrteten sich, w├Ąhrend die Generaldirektion des Strafvollzugs die Augen vor der Realit├Ąt weiterhin geschlossen hielt.

Eines Morgens, ich war gerade vom Hofgang zur├╝ckgekommen, konnte ich durch ein Fenster sehen, wie eine Gruppe Gefangener dabei war, von Trakt zwei aus auf das Dach zu steigen. Es war ein Aufstand. An der Spitze Chafi, Gra├▒a und El Bolas aus Madrid. Ich befand mich auf dem oberen Geschoss, im tubo. Sie kamen bis zu meinem Zellenfenster und sprachen mich vom Dach aus an.

┬╗Qu├ę pasa, Che? Wie du siehst, wir haben die Schnauze voll von diesen Schweinen und sind hier rauf, um Forderungen zu stellen┬ź, sagte Chafi.

┬╗Ihr seid toll, doch passt auf wenn die Spezialkr├Ąfte kommen, mit Gummigeschossen und Rauchgranaten. Seht zu, was ihr machen k├Ânnt, um uns hier rauszuholen… Sch├Âne Schei├če, die ihr da macht!┬ź

┬╗Einverstanden.┬ź

Sie warfen uns Betttuchstreifen an die Fenster, an die wir mehrere Messer banden, damit sie sich verteidigen k├Ânnten. In der Zwischenzeit versuchten sie, durch das Dach zu brechen, um uns herauszuholen, doch das war zu schwierig. Sie w├╝rden allein aushalten m├╝ssen.

Nur zwei Stunden sp├Ąter fanden sich die Spezialkr├Ąfte auf dem Gel├Ąnde ein. Die Genossen, die sich auf dem Dach befanden, bauten Barrikaden aus aufgeschichteten Dachziegeln, die auch als Munition dienen sollten. Beide Seiten versuchten, einen Dialog zu f├╝hren, doch man kam zu keinem endg├╝ltigen Ergebnis.

┬╗Lassen Sie von Ihrem Handeln ab, sonst sehen wir uns gezwungen einzuschreiten┬ź, schrie der Kommandant der Gruppe von mindestens sechzig Polizisten.

┬╗Fick dich ins Knie, du Arsch┬ź, antwortete einer der Gefangenen.

Die Feindseligkeiten steigerten sich weiter, und wir waren ohnm├Ąchtige Zeugen der Schlacht, die sich vor unseren Augen abspielte. Einige von uns unterst├╝tzten die Aktion und schlugen die Zellen kaputt, mehr konnten wir nicht tun. Die Stimmung war geladen mit Schreien und dem Knallen der Gewehre, die den Regen aus Schindeln, der vom Dach herkam, mit Gummigeschossen beantworteten. F├╝nf Minuten lang Krach; danach eine gro├če Stille. Eines der Gummigeschosse hatte meinen Freund Chafi im Gesicht getroffen und hatte ihm ein Auge vollst├Ąndig zu Brei zerdr├╝ckt. El Bolas rettete ihm das Leben, er hielt ihn im letzten Moment fest, fast w├Ąre er hinunter gefallen. Dieser Vorfall setzte dem Kampf und dem Aufstand den Schlusspunkt. Die Gefangenen gaben auf, damit Chafi baldm├Âglichst ins Krankenhaus gebracht werden konnte, in die Notaufnahme.

Nach der Revolte kam die Depression. Zelle f├╝r Zelle beschlagnahmten Schlie├čer und Spezialkr├Ąfte unsere Habe, einschlie├člich unserer Kleidung, sie lie├čen uns nackt in den Zellen zur├╝ck. Mehrere Genossen wurden zusammengeschlagen. Als Reaktion vereinbarten wir, in Hungerstreik zu treten. Wir verweigerten in beiden Trakten die Nahrungsaufnahme. Gegen unsere Ma├čnahme erging eine Reihe von Drohungen seitens der Direktion, deren einziges Ziel es war, unter uns eine Spaltung herbeizuf├╝hren, mittels Terror. Doch sie konnten niemanden mehr erschrecken, und obwohl eine gro├če Anzahl Gefangener den Streik abbrach, machte die Mehrheit bis zum Ende mit.

Am n├Ąchsten Tag mietete die Gruppe ┬╗M├╝tter gegen Drogen┬źaus Madrid mehrere Autobusse f├╝r die Fahrt nach Zamora. Mission: Was mit uns dort geschah, publik zu machen. Mit Megaphon ausgestattet stellten sie sich vor den Trakt und begannen, die Schlie├čer zu beschimpfen:

┬╗Lasst die Kinder in Ruhe, Amtsmissbraucher, Kanaillen…┬ź, schrie die Sprecherin.

Als wir sie h├Ârten, stellten wir uns an die Fenster, zogen uns an den Gittern hoch und zeigten ihnen unsere Nacktheit als beste Beschreibung unserer Situation. Die erschrockene Direktion schickte ihre Totschl├Ąger, um uns mit Gewalt von den Fenstern herunterzuholen, doch es war zu sp├Ąt. Die M├╝tter machten mit ihrem ├Âffentlichen Protest mutig und verwegen weiter, die Schlie├čer mit der ein oder anderen verdienten Beschimpfung beleidigend. Die meisten hatten ihre Kinder hier oder in anderen Anstalten. Viele von ihnen hatten sie verloren, wegen Drogen oder wegen AIDS. Ihre enorme Liebe brachte diese tapferen M├╝tter bis auf jenen H├╝gel, um im Rahmen ihrer M├Âglichkeiten gegen die Ungerechtigkeit im Strafvollzug zu k├Ąmpfen, die von den berufsm├Ą├čig mit dem dreckigen Gesch├Ąft der Rache Betrauten ausging. Sie waren es, die gewannen. Die Direktion ordnete an, uns allen Besitz wieder auszuh├Ąndigen. Das Recht auf Hofgang wurde wiederhergestellt und die Misshandlungen h├Ârten auf. Mehrere Verantwortliche, allen voran der Direktor, mussten ihre Posten auf Druck der Generaldirektion aufgeben, die auf diese Weise ihr Gesicht vor der ├ľffentlichkeit wahrte.

In der Zwischenzeit schrieb die Presse Artikel ├╝ber mafi├Âse Seilschaften in den Gef├Ąngnissen, hinter denen ihrer Ansicht nach Chafi und ich steckten, um was dort stattgefunden hatte irgendwie zu rechtfertigen. Falls sie es schafften, uns vor der Gesellschaft als Mafiosi hinzustellen, w├╝rde diese die zu unserer Repression eingesetzten Mittel billigen. Die Journalisten ekelten mich an, sie trauten sich, das alles zu schreiben, und waren nie selbst in einem Gef├Ąngnis gewesen.

Sie logen unverhohlen und ver├Âffentlichten Artikel, die von der Verwaltung diktiert worden waren, mit dem einzigen Zweck, ihr gesch├Ądigtes Image zu reparieren.

Obwohl ich bei dem anf├Ąnglichen Aufstand nicht dabei gewesen war, wurde ich f├╝r einen der R├Ądelsf├╝hrer gehalten. Man bereitete meine Verlegung in ein anderes Gef├Ąngnis vor.

La Parda, Gef├Ąngnis von Pontevedra, April 1989

Das Gef├Ąngnis war siebzig Jahre alt. Es war alt, sehr alt. Ich usste mich beim Eintritt ausziehen, um die Aufnahmeprozedur zweier merkw├╝rdiger Schlie├čer zu absolvieren. Anschlie├čend wurde ich in die Isolationsetage gebracht. Sie hatten dieselbe ger├Ąumt, um mir Einsamkeit und viel Ruhe zu garantieren, was Teil der aus Madrid angeordneten repressiven Sonderbedingungen war. Ich sollte vom Rest der Gefangenen ferngehalten werden. Sie wiesen mir eine ekelhafte, sehr kleine Zelle zu, deren Fenster auf einen kleinen Hof wies. In einer seiner Ecken sah ich deutlich den Guardia Civil auf einem der Wacht├╝rme des Gel├Ąndes, nicht weiter als zwanzig Meter entfernt. Er war die einzige Gesellschaft, die ich dort haben w├╝rde.

Trotz der Isolation konnten mehrere Freunde von mir, die sich in diesem Gef├Ąngnis befanden, Kontakt mit mir aufnehmen. Sie lie├čen mir eine Nachricht zukommen. Es waren Rolando, Miguel Exp├│sito und sein Bruder Javier. Sie teilten mir neben ein paar pers├Ânlichen Dingen mit, dass der Gefangene, der f├╝r die Essensausgabe eingeteilt war, mit Vorsicht zu genie├čen sei; er war ein Spitzel. Zu wissen, dass ich nicht ganz so allein war wie die Verwaltung es wollte, gab mir Auftrieb.

Ungef├Ąhr um sieben Uhr dieses Nachmittags kam das Abendessen. Es brachte der Gefangene, vor dem ich gewarnt worden war. Ich streckte das Tablett hinaus, stellte es auf den Fu├čboden und bat h├Âflich um die Suppenkelle.

┬╗Gib mir die Kelle, ich f├╝lle mir selber auf…┬ź

Er gab sie mir. Ihn begleitete ein Schlie├čer auf dem Gang und ein anderer, der hinter dem Gitter geblieben war, das in die Etage f├╝hrt. Ich servierte mir ein wenig warme Suppe und ein St├╝ck Tortilla. Danach richtete ich mich auf und ohne ein Wort zu verlieren schlug ich ihm ins Gesicht, mit der Kelle. Er schrie auf und f├╝hrte sich die H├Ąnde ans Gesicht.

┬╗Ich will dich hier nicht mal als Gem├Ąlde sehen┬ź, warnte ich ihn.

┬╗Tarr├şo, beruhigen Sie sich, was ist los?┬ź mischte sich der Schlie├čer ein.

┬╗Nichts, was Sie etwas angeht.┬ź

Ich nahm das Tablett auf, ging zur├╝ck in die Zelle und lie├č die Kelle auf dem Fu├čboden liegen. Ihn sah ich dort nicht mehr wieder.

Die Tage in La Parda vergingen langsam. Dieser Hof nervte mich, mit dem Schlie├čer, der mich die ganze Zeit von der einen Seite beobachtete, und dem Guardia Civil auf der anderen. War das Teil der Strafe f├╝r meine unverhohlene Rebellion? Ein Schmerzzuschlag zus├Ątzlich zur Ungewissheit einer zuk├╝nftigen Haftstrafe wegen Mordes? Ich f├╝hlte mich auf Null reduziert.

Mein Vater kam, um mich zu sehen, in Begleitung der Familie Rolandos.

┬╗Hallo Jos├ę, wie gehtÔÇÖs?┬ź gr├╝├čte er mich.

┬╗Schlecht, sie halten mich in Isolation gefangen, allein. Ich sehe niemanden, kann mit niemandem sprechen… ich werde noch verr├╝ckt…┬ź

Wir redeten die ganze Besuchszeit lang von diesen Dingen. Als sie zu Ende war, verabschiedeten wir uns. Auf dem R├╝ckweg in die Isolation konnte ich mit meinen Freunden sprechen. Einer von ihnen gab mir beim Handschlag einen Zettel. Ich verbarg ihn vor den Augen des Schlie├čers, der mich eskortierte. In der Zelle las ich ihn. Ich erkannte Miguels Schrift:

Che, ich habe einen Fluchtplan erarbeitet, zusammen mit meinem Bruder. Es geht darum, die Schlie├čer gefangenzunehmen, einen der Gitterst├Ąbe in den Besuchszellen durchzus├Ągen und von dort aus aufs Dach zu gelangen. Das alles w├Ąhrend des Tages. Vom Dach aus springen wir auf das Dach des Wachdienstgeb├Ąudes, was sich unterhalb befindet, etwa vier Meter. Der Sprung ist nicht sehr schwer, und von dort aus auf die Stra├če… Kommst du mit?

Ich wartete auf den n├Ąchsten Besuchstermin, um ihnen mitzuteilen, dass ich mitgehen w├╝rde, dass ich dabei war. Es m├╝sste der richtige Moment abgewartet werden und es m├╝ssten mehrere Messer hergestellt werden. Die anderen w├╝rden herunterkommen, um mir aufzumachen, nachdem die Schlie├čer gefesselt und geknebelt waren. Es war ein guter Plan und ich f├╝hlte Dankbarkeit meinem Freund gegen├╝ber: Er hatte an mich gedacht. Er war Realist und wusste, dass mir viele Jahre Gef├Ąngnis bevorstanden, wegen des Todesfalls in Zamora. Vielleicht mehr, als mir meine Krankheit zum Leben ├╝brig lassen w├╝rde. Jedenfalls w├╝rde jede M├Âglichkeit rauszukommen immer besser sein, als langsam in einer Zelle zu sterben, unt├Ątig. Ich zog die Gefahr einer Maschinenpistolensalve dem Gef├Ąngnis vor. Ich glaubte, der wirkliche Wert des Lebens bestehe nicht in dessen Erhaltung um jeden Preis, sondern darin, das Risiko einzugehen etwas Besseres zu suchen: Die wirkliche Freiheit, die mir die Chance er├Âffnen w├╝rde, mich selbst zu realisieren. Das Leben befand sich au├čerhalb jener Mauern.

Als ich mich an diesem Nachmittag fertig machte, um auf den Hof zu gehen, brachte mir einer der Schlie├čer die Neuigkeit, die wir erwartet hatten.

┬╗Tarr├şo, wissen Sie, heute ist Rolando niedergestochen worden.┬ź

┬╗Ach Quatsch, Sie scherzen…┬ź, antwortete ich ihm.

┬╗Nein, nein, es ist die Wahrheit! Wir haben ihn so schnell wie m├Âglich ins Krankenhaus gebracht.┬ź

┬╗Idiot┬ź, dachte ich f├╝r mich, w├Ąhrend ich ├╝ber den Hof ging. Stunden sp├Ąter brachte Radio Nacional in den Nachrichten, was wir h├Âren wollten: Mehrere Personen waren mit Pistolen bewaffnet in das Krankenzimmer von Rolando Cancela Veiga eingebrochen, hatten die zwei Polizisten entwaffnet, die ihn bewachten, und flohen anschlie├čend alle zusammen. Das w├╝rde meine Freunde und mich bei unserem Vorhaben ermutigen.

Am 27. Juni, mehrere Tage nach Rolandos Flucht, brachte Radio Nacional neue Nachrichten aus der Gef├Ąngnisunterwelt. Eingeweiht 1982, erlebte das ber├╝hmte Gef├Ąngnis von Puerto de Santa Mar├şa seinen zweiten Aufstand in sieben Jahren. Die Gefangenen Fern├índez Varela, Maya Martos, Hidalgo Garc├şa, Ort├şz Jim├ęnez und Zamoro Dur├ín f├╝hrten ihn an. Sie hatten mehrere Schlie├čer als Geiseln genommen, um die Verhandlungen zu erleichtern. Diese Gefangenen, massiv unterst├╝tzt durch den Rest der inhaftierten Bev├Âlkerung, brachten ein Tonband mit einer Reihe Forderungen in Bezug auf die Haftbedingungen in Puerto heraus. Auch forderten sie eine Reform des Strafgesetzbuchs. Sie forderten unabh├Ąngige und nicht der Beh├Ârde angeh├Ârige ├ärzte f├╝r den Sanit├Ątsdienst in den Gef├Ąngnissen, die sofortige Freilassung der AIDS-Kranken in terminaler Phase und andere f├╝r die in spanische Gef├Ąngnisse eingesperrten M├Ąnner und Frauen wichtige Dinge. Ich f├╝hlte wie sie und fand mich in ihren Forderungen wieder. Ich verfolgte den Verlauf der Geiselnahme die ganze Nacht hindurch ├╝ber das Radio. Das Tonband war dem Anstaltsdirektor Eduardo Roca ausgeh├Ąndigt, jedoch nicht ver├Âffentlicht worden. Pl├ícido Conde, Gouverneur von C├ídiz, forderte den Einsatz der GEOS an, und das Leben in der Provinz kam zum Erliegen. In jenem Gef├Ąngnis befanden sich zu langen Haftstrafen Verurteilte; es waren hartgesottene und gef├Ąhrliche M├Ąnner. Falls die Polizei einschritt, konnte es ein Massaker geben. Innerhalb der Anstalt wurden Barrikaden und Molotowcocktails gebaut, mit aus der Krankenstation entwendetem Alkohol. Drau├čen umkreisten mehrere Hubschrauber das Gef├Ąngnis, w├Ąhrend die GEOS Position zum Sturmangriff einnahmen. Es konnte alles M├Âgliche passieren. Nach zwanzig langen Stunden der Verhandlungen gaben die Gefangenen allerdings auf und lie├čen die Geiseln frei. Die f├╝nf H├Ąftlinge, die den Aufstand angefangen hatten, wurden anschlie├čend in die traurig ber├╝hmte Anstalt Herrera de La Mancha ├╝berf├╝hrt und unter Sonderbedingungen gestellt, bewacht von der Guardia Civil. Sie w├╝rden es teuer bezahlen, es gewagt zu haben, sich mit dem System anzulegen und dessen Methoden ├Âffentlich anklagen zu wollen.

Das Schicksal meinte es immer noch nicht gut mit mir. Mitten in der Fluchtvorbereitung ├╝berraschte mich die Nachricht einer erneuten Verlegung. Ich musste meine Sachen packen und die Anstalt in Richtung La Coru├▒a verlassen, von wo ich am n├Ąchsten Tag ins Hochsicherheitsgef├Ąngnis von Daroca, Zaragoza, fahren w├╝rde. Meine Ausbruchstr├Ąume waren f├╝r den Augenblick zerplatzt, doch ich w├╝rde nicht von ihnen ablassen: ich w├╝rde bei der geringsten Chance auf einen Erfolg die Flucht versuchen.

Im Gef├Ąngnis von La Coru├▒a wurde ich in die zweite Etage gebracht, Correcci├│n. Ich konnte Kontakt mit Jos├ę Mar├şa Exp├│sito aufnehmen, der mir zwei S├Ągebl├Ątter und ein Stilett zukommen lie├č. Ich verstaute die Klinge desselben zusammen mit den S├Ągebl├Ąttern in einem zylindrischen Plastikgef├Ą├č, welches ich mir verschlossen in den After einf├╝hrte. Jene Metallst├╝cke k├Ânnten zum Schl├╝ssel f├╝r meine Freiheit werden; in meinem Leib w├╝rden sie sie nie finden. Ich f├╝hlte mich sicherer.

Gef├Ąngnis Daroca, Zaragoza, Juli 1989

Die Anstalt Daroca, ein modernes Geb├Ąude in gelblichem Farbton, galt als Hochsicherheitsgef├Ąngnis. Es gab f├╝nf verschiedene Trakte, alle belegt von Gefangenen im geschlossenen Vollzug, erster Grad, im Alter zwischen einundzwanzig und f├╝nfundzwanzig Jahren. Das Geb├Ąude wurde dominiert von einem zentralen Turm, der es erlaubte, die D├Ącher aller f├╝nf Trakte st├Ąndig zu ├╝berwachen. Auf jeder Au├čenmauer standen Wacht├╝rme, von denen aus jeweils drei Guardias Civiles Wache hielten. Niemand d├╝rfte sie ├╝bertreten, das war ihr Job. Es halfen ihnen dabei eine Anzahl Kameras, an strategischen Punkten auf das ganze Gel├Ąnde verteilt, und ein paar deutsche Sch├Ąferhunde, die der Guardia Civil geh├Ârten.

Ich war f├╝r Trakt eins, erste Phase vorgesehen. Dort traf ich auf meinen Freund Musta. Wir umarmten uns.

┬╗Na, du Ganove, hast du meine Nachricht erhalten?┬ź fragte er mich.

┬╗Ja, deine Freundin hat sie mir gegeben bei einem Besuch, den sie mir gemacht hat.┬ź

W├Ąhrend wir weitersprachen, gingen wir den Hof auf und ab.

┬╗Mir war von Anfang an klar, dass du hinter der Geschichte mit Torres steckst. Wie ich schon gesagt habe, du kannst f├╝r alles auf mich z├Ąhlen; ich komme bald raus. Verstanden, Kollege?┬ź

┬╗Das wusste ich.┬ź

Wir gingen weiter spazieren und schmiedeten Zukunftspl├Ąne. Unser Alltag hier hatte denselben Ablauf wie in den anderen Anstalten. Menschen gingen hin und her, Schritte, die nirgendwohin f├╝hrten; Vom Gef├Ąngnis brutalisierte Menschen, die von dem getrennt worden waren, was sie am meisten sch├Ątzten oder liebten. Eine Unterwelt voll Freundschaft und voll L├╝ge, voll Blut, Hass, Schmerz und Repression. Das Gef├Ąngnis war die Kloake, die M├╝llhalde, wo die Guten und Anst├Ąndigen sich der Menschen entledigten, die in der Gesellschaft Fehler gemacht hatten. F├╝r mich war dieses Ph├Ąnomen nicht neu; ich hatte das alles zuvor im Internat und in der Erziehungsanstalt gesehen. Sie nahmen dich als Kind mit und lie├čen dich als Greis los. Das war Teil des Business.

Der Straff├Ąllige wurde nicht verfolgt, weil er asozial war, man entfernte etwas von der Stra├če, weil es st├Ârte. Wie man einen Vater aus dem Haus wirft und ihn in ein Altenheim einschlie├čt. Die Ge- sellschaft funktionierte so. Falls wir w├Ąhrend unseres langen Aufenthalts im Gef├Ąngnis h├Ątten beobachten k├Ânnen, dass diese Gesellschaft, die wir bestohlen und der wir den Krieg erkl├Ąrt hatten, in Wirklichkeit besser war als wir glaubten, gerechter, humaner, tats├Ąchlich anst├Ąndig, h├Ątten viele von uns glaube ich wohl versucht, mit ihr zusammenzuleben. Doch wir sahen in ihr nur Egoismus, Eitelkeit, Wettbewerb und Scheinheiligkeit. Man hatte eine f├╝rchterlich h├Ąssliche und ungerechte Gesellschaft geschaffen, die uns alle hier und jetzt nach ihrem Vorbild formte. Wir alle trugen einen Teil der Verantwortung; niemand konnte sich r├╝hmen, die Wahrheit f├╝r sich gepachtet zu haben. W├Ąhrend wir hier schimpften und k├Ąmpften, erfreuten sich die Politiker ihres Sonnenplatzes an der Macht und ihrer destruktiven Doktrin, armselig aus Leidenschaft. Wir, die Straft├Ąter, waren nicht die wirklichen Feinde der Gesellschaft, wenigstens nicht die schlimmsten; die echten Feinde der Gesellschaft sind die Politiker und ihre L├╝gen, ihre uneingel├Âsten Versprechen, ihre Kriege. Indem man viele Menschen einfach so in die Gef├Ąngniskloake warf, wurden zahllose Ungerechtigkeiten begangen. Doch wen interessierte das?

Mehrere Monate nach meiner Ankunft in Daroca bekam ich mit, dass eine Flucht vorbereitet wurde, vom Krankenhaus aus. Mir sagten sie als Erstem Bescheid, wor├╝ber ich mich freute. Ein Gefangener war soeben aus dem Krankenhaus gekommen und hatte die Fenstergitter dort halb anges├Ągt hinterlassen. Nun fehlte nur noch ein Plan, um die Verlegung von Anxo und eines Madrile├▒os namens Julepe zu provozieren; sie w├╝rden nach mir an die Reihe kommen.

Ich pr├Ąparierte den Schlie├čern einen K├Âder, inspiriert von Rolandos Flucht: sie selbst w├╝rden mir die Hinfahrkarte ausstellen. Ich sprach mit einem vertrauensw├╝rdigen Genossen und bat ihn, mir einen Messerstich in den Magen zu verpassen, sobald wir auf den Hof hinausgehen w├╝rden.

┬╗Du darfst mir nur die halbe Klinge hineinstechen, einverstanden?┬ź

┬╗Sei unbesorgt.┬ź

Ich ├╝bergab ihm ein Messer und wir bewegten uns auf eine der Ecken des Hofes zu, wo die Schlie├čer in den Wachh├Ąuschen uns nicht sehen w├╝rden. Ich ergriff seine Schulter.

┬╗Los jetzt┬ź, sagte ich zu ihm und spannte den Bauch. Ich bereitete mich auf das Theaterspiel vor.

Ein fester Sto├č, und die Klinge drang ein. Ich merkte es kaum. Ich lie├č meinem Genossen Zeit, sich zu entfernen und das Messer zu verbergen, lief auf die Schlie├čer zu und schrie:

┬╗Man hat auf mich eingestochen, man hat auf mich eingestochen!┬ź

Die anderen Gefangenen, die ja von der Wirklichkeit nichts wussten, umringten mich. Ich stellte mich schwer verletzt. Sie brachten mich auf die Krankenstation, wo man mir die Kleidung herunterzog und die Tiefe der Wunde ma├č.

┬╗Er muss ins Krankenhaus┬ź, ordnete der Arzt an.

Geschafft. Ich gratulierte mir.

Der Krankenwagen lie├č nicht lange auf sich warten und ich wurde ins Krankenhaus gebracht. Dort checkte man mich durch, machte mehrere Tests und stellte dabei fest, dass die Magenwand nicht durchschnitten worden war. Trotzdem hielten die ├ärzte es f├╝r angebracht, mich f├╝r einige Tage einzuweisen, falls irgendeine Komplikation auftreten sollte. Sie steckten mich in den Saal f├╝r H├Ąftlinge. Dort traf ich auf einen Gefangenen portugiesischer Staatsangeh├Ârigkeit. Er erkl├Ąrte mir:

┬╗Schau, dieser ganze Abschnitt des Gitters ist anges├Ągt. Es fehlt nur noch ein bisschen, wir sind seit vierzehn Tagen daran.┬ź

┬╗Es kommen noch zwei Genossen. Wir werden zwei Tage abwarten, ob sie es schaffen, eingewiesen zu werden. In der Zwischenzeit s├Ągen wir weiter, einverstanden?┬ź

┬╗Gut…┬ź

Ich blieb auf dem Bett liegen und blickte die Decke an. Vier uniformierte Bullen bewachten uns hinter der gepanzerten und mit Sicherheitsglas best├╝ckten Eingangst├╝r. Wir befanden uns im dritten Stock. Ich hoffte, meine Genossen w├╝rden so schnell wie m├Âglich eintreffen, damit wir bald hier heraus k├Ąmen. Es w├╝rde leicht sein. Wir w├╝rden nur mit dem S├Ągen fertig werden m├╝ssen, aus Bettlaken ein Seil kn├╝pfen und uns im Schutze der Nacht in den Garten abseilen, der zum Krankenhaus geh├Ârte. Ein Kinderspiel von dort zu entkommen. Dieses Fenster bedeutete f├╝r mich und meine Genossen das Ende der Haft. Ich hatte nicht den leisesten Zweifel, dass wir es schaffen w├╝rden, weshalb ich mir die Zeit mit dem ├ťberdenken technischer Details vertrieb: Wohin gehen und was tun, das war der wichtigste Teil.

Ungef├Ąhr um neun hatte es mein Freund Anxo geschafft eingewiesen zu werden und stieg in das Projekt ein. Diese Nacht arbeiteten wir ein bisschen an dem Gitter. Den Rest w├╝rden wir in der kommenden Nacht durchs├Ągen. Falls Julepe nicht auftauchte, w├╝rden wir ohne ihn gehen.

Am n├Ąchsten Morgen erhielten wir Visite von den ├ärzten.

┬╗Sie zwei sind gesundgeschrieben┬ź, sagte einer von ihnen und zeigte auf mich und auf Anxo.

┬╗H├Âren Sie mal! Mir geht es sehr schlecht…┬ź, sagte ich.

┬╗Es tut mir leid, doch Sie haben genau wie Ihr Kollege nur eine Perforation des Bauchmuskels. Ihre M├Ągen sind in perfektem Zustand, weshalb es nicht mehr n├Âtig ist, dass sie hier f├╝r l├Ąngere Zeit verbleiben.┬ź

Stunden sp├Ąter befanden wir uns auf dem R├╝ckweg ins Gef├Ąngnis. Einmal mehr hatte der Zufall meine Ausbruchshoffnung zerst├Ârt. Doch ich w├╝rde es wieder versuchen. Ich gab nicht leicht auf, auch wenn es Schwierigkeiten gab. Der Portugiese versuchte es allein, scheiterte jedoch. Mir tat das leid, seinetwegen und wegen der verpassten Gelegenheit, denn das Krankenhaus w├╝rde die Sicherheitsma├čnahmen verst├Ąrken.

In Daroca spielte die landsmannschaftliche Herkunft die Hauptrolle. Wir Gallegos hatten den gr├Â├čten Einfluss in Trakt eins. Dort galten die Bedingungen der ersten Phase: die Gefangenen wurden in Zehnergruppen auf den Hof gelassen, zwei Stunden t├Ąglich. Wir kontrollierten die Cafeteria und die Essensausgabe, was uns gr├Â├čere Bewegungsfreiheit verschaffte, Nahrungsmittel, Zigaretten und Kaffee. Genauso war es in Trakt zwei mit den Madrile├▒os. Dort durften die Gefangenen vier Stunden am Tag auf den Hof und hatten das Recht auf einen Fernsehraum. In Trakt drei gab es sechs Stunden Hofgang, mit Anrecht auf Sportfeld und visavis-Besuchstermine. Dort ├╝bten die Catalanes den gr├Â├čten Einfluss aus. In Trakt vier waren die unter Artikel 10 Gestellten und die Protegidos untergebracht. Der f├╝nfte war der Isolationstrakt. Wir waren ungef├Ąhr 150 Gefangene in diesem Gef├Ąngnis. Bei Gelegenheit kam es zu Streit zwischen uns, der mit dem ein oder anderen Verletzten gipfelte, wenn nicht mit einem Toten. Doch generell l├Âsten wir unsere Probleme, indem wir miteinander redeten. Es herrschte ein gewisser Respekt, und Anma├čungen waren in der inhaftierten Bev├Âlkerung nicht gerne gesehen. Man bemerkte eine gewisse Reife, die in den Jugendstrafgef├Ąngnissen nicht existierte. Trotzdem war die landsmannschaftliche Herkunft immer noch eine der haupts├Ąchlichen Problemfaktoren, denn wenn zwei Gefangene aneinandergerieten, rissen sie den Rest ihrer Landsleute und Freunde mit. Wir machten den h├Ąsslichen Fehler, mit dieser Beschr├Ąnktheit weiterzumachen und nicht zu realisieren, dass wir alle einfache Strafgefangene waren, dass nur wir f├╝r uns da waren, und dass echter Respekt individuell erworben wird und nicht als Gruppe. Die Verwaltung tat nichts, um dies zu verhindern. Sie stellte keine Werkst├Ątten bereit, damit wir Gefangenen besch├Ąftigt sein konnten, uns einen Lohn verdienen oder sogar einen Beruf erlernen. Kein Kulturprogramm, keine Hilfestellung f├╝r die Besuche der Familien, die hunderte von Kilometern zur├╝cklegten, um uns im Gef├Ąngnis zu sehen. Nichts von alledem wurde gemacht; zu teuer, zu viel Geld. Um ein paar Peseten zu sparen, brachte die Verwaltung gef├Ąhrliche M├Ąnner hervor. Das w├╝rde die unmittelbare Zukunft zeigen.

Gegen Ende des Jahres kam Musta frei. Ein Verwandter von mir holte ihn in Daroca ab und nahm in mit, damit er La Coru├▒a kennenlernte, wo ihm einige meiner Freunde vorgestellt wurden. Wie wir vereinbart hatten, gab man ihm eine Pistole, und ein Freund von mir beging mit ihm zusammen einen Bank├╝berfall, damit er sich selbst finanzieren konnte.

Von drau├čen kam die Nachricht der Flucht meines Freundes Chafi aus dem Gerichtsgeb├Ąude von La Coru├▒a. Ich stellte den Kontakt zu Musta her, und beide gingen nach Vigo, um sich Waffen zu besorgen. Meine Befreiung sollte vorbereitet werden, wobei Edmundo Balsa Franco, el Yando, mitmachte, den ich von drau├čen kannte, also alles Genossen. Meine Freunde besuchten Bankfilialen in verschiedenen Orten Galiziens, und mit der Beute finanzierten sie den Aufbau von Strukturen in Vigo und Orense. St├Ąndig schickten sie mir Nachrichten und Fotos meiner neuen Bleibe. Alles war vorbereitet; jetzt fehlte nur noch, dass ich nach La Coru├▒a gebracht wurde, zu einem der vielen Prozesse, die gegen mich noch anh├Ąngig waren. Dort w├╝rden sie versuchen, mich zu befreien.

In der Zwischenzeit schaffte ich es, an einen Posten im Economato von Trakt eins heranzukommen, was mir t├Ąglich sechs Stunden Zeit auf dem Hof verschaffte, abz├╝glich der Zeit, die ich mit Servieren von Kaffee und der Bedienung der Gruppen besch├Ąftigt war, die zum Hofgang herunterkamen. Weihnachten stand vor der T├╝r, und wir schafften, versteckt in ein Essenspaket von drau├čen, f├╝nfzehn Gramm Haschisch zu uns hinein, die ich mit Anxo und anderen Freunden teilte.

Hasch war die einzige Droge, die ich noch zu mir nahm; den Rest hatte ich geschafft hinter mir zu lassen, was mich in meinem Selbstvertrauen st├Ąrkte. Wir rauchten ein paar Joints, um 1990 zu feiern, w├Ąhrend unsere Gedanken nur um den einen Wunsch kreisten: Freiheit.

Doch 1990 brachte keine guten Neuigkeiten: Im Verlauf eines ├ťberfalls auf ein Nachtlokal, dessen Beute kaum das Risiko h├Ątte aufwiegen k├Ânnen, schossen meine Freunde auf den Besitzer der Bar, als dieser versuchte, sich in ein B├╝ro einzuschlie├čen, um die Polizei zu rufen. Zwei Gewehrsch├╝sse zerbarsten eine Stelle in der Holzt├╝r, gro├č genug, dass Musta mit mehreren Pistolensch├╝ssen durch das Loch sein Leben beendete. Ich erinnerte mich in der Zelle an seine Worte: Keine Gnade. W├╝tend beglichen meine Freunde ihre offene Rechnung mit der Gesellschaft auf ihre Weise.

Einen Monat nach diesem Vorfall, am Karnevalstag, erhielt ein Heroinh├Ąndler Besuch von drei Maskierten, die ihm ein Projektil des Kalibers 12 in ein Bein verpassten. Jene unn├Âtigen Aktionen erregten die Aufmerksamkeit der Polizei. Diese ging nach den ├╝blichen Methoden vor, um Diebst├Ąhle oder andere kleine Straftaten aufzukl├Ąren. Doch sobald Waffen im Spiel waren und Menschen, die bereit waren, sie zu benutzen, rauften sie sich zusammen und ermittelten die Wirklichkeit. Und das war gef├Ąhrlich. Die Dezernate f├╝r Raub├╝berf├Ąlle aus La Coru├▒a, Pontevedra, Orense und Vigo krempelten die ├ärmel hoch und brauchten lediglich drei├čig Tage, um den Ort ausfindig zu machen, wo in der Stadt Orense sie sich versteckt hielten, in Begleitung von drei Frauen. Sie hatten sie lokalisiert und schmiedeten nun den Plan zu ihrer Verhaftung: sie w├╝rden nicht lange fackeln.

Jenes Morgens verlie├č Musta in Begleitung eines anderen Mannes das Domizil, in dem sie sich versteckt gehalten hatten. Beide stiegen selbstsicher in ihr Mietauto und setzten sich in Richtung Innenstadt in Bewegung. An der ersten Ampel, an der sie hielten, st├╝rmte eine Gruppe bis an die Z├Ąhne bewaffneter Polizisten auf das Auto zu und hielt ihnen die Waffen vor. Sie gaben auf. Eine halbe Stunde sp├Ąter ging Yanko aus dem Geb├Ąude und in Richtung Busbahnhof, um in seine Wohnung in La Coru├▒a zu fahren. Eine Gruppe Polizisten verfolgte ihn. Im selben Augenblick brach eine weitere Gruppe Polizisten die T├╝r zu der Wohnung ein, in der sich Chafi befand, drang ein und nahm ihn fest. Es fehlte nur noch einer, um die Operation komplett zu machen.

In der N├Ąhe des Busbahnhofs entschied sich die Polizei, in Aktion zu treten und den dritten Mann festzunehmen. Mehrere Polizisten n├Ąherten sich ihm. Mein Freund merkte, was los war, und es begann eine Schie├čerei ├╝ber mehrere Stra├čen von Orense, die mit seiner Festnahme endete, nachdem er sich in einen Fluss gest├╝rzt hatte. Alle waren eingefahren. Es hinterblieben eine zerst├Ârte Familie und ein toter B├╝rger. Diese w├╝rden den Preis bezahlen f├╝r eine schlechte Strafvollzugspolitik, die den Hass und das B├Âse in jenen Ex-Str├Ąflingen potenziert hatte. Die Schl├Ąge, die Amtsmissbr├Ąuche und die gemeinste Ungerechtigkeit der in spanischen Gef├Ąngnissen an jenen M├Ąnnern stattfindenden Rachenahme hatten viel mit der Entwicklung dieser Bestien zu tun. Eine Sache ist es, jemanden zu zwingen, eine Haftstrafe zu verb├╝├čen, doch eine ganz andere ist es, ihn konstant zu misshandeln mittels Pr├╝gel und unverh├Ąltnism├Ą├čigen Sonderma├čnahmen, Armseligkeiten, die im Gef├Ąngnis an der Tagesordnung waren. Jener Todesfall erschien mir nicht trauriger als die Tode der Menschen, die im Morgengrauen an einem Strick aus Bettlaken hingen; nicht trauriger, als das schreckliche Siechen der terminal AIDS-Kranken, die in einer kalten Zelle starben, fern ihrer Lieben, ohne Hoffnung.

Meine Bestimmung war weiterhin der Economato. Mein aufbrausender Charakter lie├č mich zuweilen hitzige Diskussionen mit einigen Gefangenen f├╝hren, die allerdings zu nichts weiter f├╝hrten. Meine Art brachte mir h├Ąufig solche Probleme ein. Ich war ein echter Asozialer. Im Gef├Ąngnis triffst du auf alles m├Âgliche, und ich konnte manchmal nicht verhindern, einigen dieser Subjekte gegen├╝ber Abneigung zu empfinden. F├╝r mich waren es keine Genossen, denn die suchte ich mir selbst aus. Zu zwanghaften L├╝gnern gemacht verdrehten sie alles, was sie erz├Ąhlten. Einige kritisierten mich hinter vorgehaltener Hand; niemals w├╝rden sie den ausreichenden Mut zusammenbekommen, um es von Angesicht zu Angesicht zu tun. Sie redeten schlecht ├╝ber mich, und am n├Ąchsten Tag boten sie die Hand an, grinsend, als Demonstration ihrer Falschheit. Andere krochen am Boden, wimmernd wie servile W├╝rmer, ohne jedes Bisschen Pers├Ânlichkeit oder Stolz. Die Schlimmsten spionierten dich aus, um dich an die Verwaltung zu verraten, im Tausch gegen verg├╝nstigte Haftbedingungen. Alle Trakte, alle Etagen, alle H├Âfe hatten ihre Spitzel. Immer gab es jemanden, der seine Freiheit auf Kosten der anderen zu erlangen suchte. Doch abgesehen von diesen Elementen war die Mehrheit der Gefangenen im ersten Grad, die ich kennenlernte, aufrechte und ehrliche Menschen, mit deren Diskretion man rechnen konnte. Einer derjenigen Gefangenen war Javier ├üvila Navas, el Ni├▒o, wie wir ihn in unseren Zusammenh├Ąngen besser kannten. Er kam verlegt aus der Anstalt Alcal├í-Meco 1, damals eine der h├Ąrtesten in ganz Spanien. Gemeinsam mit anderen Gefangenen hatte er dort gerade eine Geiselnahme angef├╝hrt, um seinen Freund Juan Redondo Fern├índez aus den harten Sonderhaftbedingungen herauszubekommen, unter die man diesen gestellt hatte. Ich besorgte ihm Tabak, Nahrung und Kaffee. Mit mehreren Kaffeebechern in der Hand gingen wir zusammen ├╝ber den Hof spazieren; ich wollte unbedingt erfahren, was geschehen war.

┬╗Was war da los, in Meco, Ni├▒o?┬ź fragte ich ihn, w├Ąhrend wir schlenderten.

┬╗Willst du, dass ichÔÇÖs dir erz├Ąhle? Es ist eine ziemlich lange Geschichte…┬ź

┬╗Egal, wir haben genug Zeit. Los, erz├ĄhlÔÇÖ sie mir.┬ź

┬╗OK┬ź, er z├╝ndete sich eine Zigarette an und begann zu erz├Ąhlen.

┬╗Am 29. Dezember vergangenes Jahr verlegte man mich ins zentrale Justizvollzugskrankenhaus in Madrid, um mich an der Verrenkung zu operieren, die ich in der Schulter habe und die mir die UEI beim Sturmangriff auf Trancho und mich in Ciudad Real beigebracht haben, w├Ąhrend einer anderen Geiselnahme. Das war im Januar und Februar, und ich traf dort meinen Freund Redondo. Ihm ging es schlecht; nie hatte ich ihn so gesehen. Er war buchst├Ąblich am Boden zerst├Ârt. Nur Haut und Knochen, kaum f├Ąhig, zwei ganze W├Ârter zu sprechen. Ich half ihm bei seinem Bad und redete mit ihm…┬ź

┬╗Was war mit ihm?┬ź fragte ich neugierig.

┬╗Sie hatten ihn in Trakt sieben, Isolation, in Alcal├í-Meco gesteckt, du wei├čt ja, wie das ist. Mir kamen fast die Tr├Ąnen, als ich ihn in diesem Zustand sah. Sie hatten sich unversch├Ąmt grausam an ihm ausgelassen. Ich bat ihn, mir zu erz├Ąhlen, was mit ihm passiert war. Sie lie├čen ihn ohne Essen, sie rotzten ihm hinein oder spr├╝hten ihm ein Spray drauf. Sie hielten ihn v├Âllig isoliert von den anderen Gefangenen und hatten sogar versucht, ihn mit AIDS zu infizieren, mit einer gebrauchten, blutigen Spritze… zumindest haben sie ihn damit bedroht.┬ź

┬╗Schei├če, und warum lie├č er das zu?┬ź

Ich holte eine Zigarette heraus, er gab mir Feuer. Wir gingen weiter ├╝ber den Hof, im Kreis.

┬╗Was sollte er machen? In Trakt sieben in Meco ist alles vollautomatisch und man hat zu keiner Gelegenheit Kontakt mit den Schlie├čern, au├čer wenn sie hereinkommen, um dich zu schlagen, und wenn sie das tun, tun sie es in der Horde. Er konnte nichts tun.┬ź

┬╗OK, klar…┬ź

┬╗Er hatte die Gefangenen, die er kannte und die in den anderen Trakten waren, seine Situation mitbekommen lassen. Doch niemand tat etwas, au├čer Anzeige zu erstatten, und das f├╝hrte zu nichts, denn du wei├čt, dass sie sich mit den Anzeigen den Arsch abwischen. Die Wahrheit ist, dass sie eingesch├╝chtert waren und sich nicht trauten, etwas zu tun. Sie f├╝rchteten die Repressalien der Schlie├čer, das war normal. So standen die Dinge, als ich nach Meco kam┬ź, er hielt einen Moment inne, als ob er im Kopf unvergessliche Erinnerungen ordnete, dann fuhr er fort: ┬╗Ich musste meinen Freund da rausholen, zu jedem Preis, und redete mit Conde und Losa, kennst du die?┬ź

┬╗Nur vom H├Ârensagen.┬ź

┬╗Na ja, jedenfalls redete ich mit denen und bat sie, mir zu helfen, die Schlie├čer im Trakt zu entf├╝hren, um Juanito aus der Sieben herauszuholen. Sie sagten zu. Am Valentinstag also legten wir los┬ź, er machte eine Pause und sprach weiter: ┬╗An diesem Morgen gingen Losa und Conde auf meinen Vorschlag hin hinunter zum Wachdienst und fragten nach einem Putzlappen, um den Essenswagen zu wischen. Das war kein Problem, denn die beiden waren eingeteilt, das Fressen zu verteilen. Den Schlie├čern kam nichts verd├Ąchtig vor. Als sie ihnen aufschlossen, ├╝berw├Ąltigten sie sie und nahmen sie mit hoch in die Duschr├Ąume, wo ich mit einem anderen Schlie├čer wartete, den ich festgenommen hatte.┬ź

Ich unterbrach ihn und fragte: ┬╗In welchem Trakt wart ihr?┬ź

┬╗In Trakt drei war das…┬ź

┬╗OK, erz├ĄhlÔÇÖ weiter…┬ź

┬╗Wir warteten bis die ├ärzte vorbeikamen und nahmen sie fest. Es waren zwei junge Frauen: eine ├ärztin und eine Assistentin. Ich erkl├Ąrte ihnen, dass sie nichts zu bef├╝rchten hatten, wenn sie tun w├╝rden, was ich sagte. Mir war unwohl dabei, die beiden Frauen dort festzuhalten, doch sie waren die einzige Garantie gegen die St├╝rmung┬ź, erkl├Ąrte er mir. ┬╗Ich beeilte mich, den anderen Gefangenen aufzuschlie├čen und sagte ihnen, sie sollten mit Zeitungspapier und Matratzen alle Fenster des Trakts dichtmachen. Die Direktion hatte inzwischen mitbekommen, was los war und uns den Strom abgestellt. Sie forderten uns auf, die Geiseln frei zu lassen. Ich sagte nein; nur unter der Bedingung der Verlegung meines Freundes aus Trakt sieben, und der von Zamoro Dur├ín, Ortiz Jim├ęnez, Maya Martos und den anderen unter den Sonderbedingungen in Herrera de La Mancha, und dass ihnen die Verlegung in andere Anstalten garantiert w├╝rde. Au├čerdem gab ich ihnen eine Liste mit einer Reihe an Forderungen, unter anderem das Ende der Misshandlungen in den spanischen Gef├Ąngnissen und die Freilassung Sterbenskranker.┬ź

┬╗Das ist sehr gut, wir sollten das alle ├Âfter machen.┬ź

┬╗Schlussendlich fanden sich ein Inspektor der Generaldirektion und Jim├ęnez de Parga ein.┬ź

┬╗Und wer ist das?┬ź

┬╗Ein Idiot, er ist Sekret├Ąr des Defensor del Pueblo. Ich las ihnen die Forderungen vor, die ganze Geschichte, du wei├čt…┬ź

┬╗Ja, aber was ist schlie├člich passiert?┬ź

┬╗Wir erreichten, dass das Ganze auf Radio Nacional gesendet wurde und dass sie Juanito aus der sieben herausholten, was nicht wenig ist, findest du nicht?┬ź

┬╗Absolut, das war eine sch├Âne Geste…┬ź sprach ich aus.

┬╗Ja, das war es.┬ź

Es war schwierig, echte Freundschaft in Haft zu beobachten, doch wenn sie auftrat, konnten enorme Gef├╝hle daraus entstehen, die die Freunde bis zum bitteren Ende zusammenschwei├čte. Geschichten wie diese begeisterten mich. Das Gef├Ąngnis barg nicht nur W├╝stlinge. Es gab wahrhaftige Menschen; Menschen des Worts, ehrliche Menschen mit ihren Prinzipien, Million├Ąre der W├╝rde, des Stolzes und der Rebellion. Doch im Allgemeinen herrschte zwischen den Gefangenen Kameradschaft, nicht Freundschaft; die war den Herzen vorbehalten, die echter Liebe f├Ąhig waren, und nur denen.

Die Verhaftung derer, die mir h├Ątten helfen k├Ânnen, aus dem Gef├Ąngnis zu fliehen, sch├╝chterte mich nicht ein. Ich war nach wie vor entschlossen auszubrechen und w├╝rde jede Gelegenheit nutzen, solange meine Gesundheit es zulie├č und mir Kraft blieb. Ich hatte den Termin f├╝r einen Prozess in La Coru├▒a mitgeteilt bekommen, im Monat September. Dort w├╝rde ich etwas versuchen; inzwischen wollte ich mich in Form bringen.

Im M├Ąrz verlegte man mich wegen guter F├╝hrung nach Trakt zwei. Dort traf ich meinen Freund Bolas wieder. An einem jener Tage t├Âtete ETA einen Schlie├čer in der Anstalt Basauri in Bilbao mit einem Kopfschuss, als Repressalie f├╝r die schlechte Behandlung, die einige politische Gefangene in Haft erhielten. Daraufhin entschlossen sich die Schlie├čer, in der Mehrheit Mitglieder der Gewerkschaft CESIF, in allen Anstalten in Streik zu treten. Das w├╝rde Chaos bedeuten. Wir hatten davor etwas Angst, denn ihr Recht auf Streik aus├╝bende Schlie├čer w├╝rden uns nicht auf den Hof hinausbegleiten, nicht in die Duschen, zu den Besuchsterminen und so weiter. Zwei Tage sp├Ąter begannen die Schlie├čer zu streiken. In Daroca brach aus, was sich schon vor langer Zeit zu entwickeln begonnen hatte: Gewalt.

Mein Freund Bolas kam zu mir.

┬╗Jos├ę, wir gehen aufs Dach, kommst du mit?┬ź

┬╗Jetzt gleich?┬ź fragte ich ├╝berrascht.

┬╗Klar, heute Vormittag beginnt der Streik und sie werden uns nicht mehr auf den Hof lassen.┬ź

┬╗Wer ist noch alles dabei?┬ź

┬╗Auf unserem Hof alle.┬ź

┬╗Na dann los, aber ihr m├╝sst hochkommen, um uns die Zellen zu ├Âffnen.┬ź

Die anderen Gefangenen machten ohne Ausnahme mit und der Aufstand begann. Einer nach dem anderen kletterten die H├Ąftlinge, die sich auf dem Hof befanden, auf das Dach, unter den verbl├╝fften Blicken der Schlie├čer und der Guardias Civiles. Die Trakte waren in zwei Abteilungen aufgeteilt und hatten verschlossene Dachfenster, durch die Tageslicht auf die G├Ąnge fiel. Eine Gruppe mit Messern und Eisenstangen bewaffneter Genossen schaffte es, eines dieser Fenster zu zerschlagen und in den Trakt einzudringen. Sie rissen Eisenstangen vom Dach ab und brachen damit unsere Zellent├╝ren auf. Befreit gingen wir in Gruppen in die Trakte eins, drei und vier, wo wir die restlichen Gefangenen herauslie├čen, die bei der Revolte mitmachen wollten. Unter ihnen befanden sich ├üvila Navas und Juan Jos├ę Garfia Rodr├şguez. Eine Stunde sp├Ąter bot die Anstalt Daroca einen verheerenden Anblick. Die elektrischen Leitungen waren abgerissen, die Laternen kaputtgeschlagen, die Zellen praktisch zerst├Ârt, genau wie die Solarzellen, die Economatos, Werkst├Ątten usw. Siebzig Gefangene liefen von Trakt zu Trakt, bewaffnet mit Messern und Eisenstangen. Die Guardia Civil wartete bewaffnet mit Kn├╝ppeln und Gewehren auf den Moment zum Einschreiten. Dieses Chaos gab zusammen mit den Rauchs├Ąulen, die von brennenden Matratzen an verschiedenen Ecken des Dachs ausgingen, ein apokalyptisches Bild ab.

Die Nachricht durchlief alle Anstalten ├╝ber die Medien. Nanclares de Oca, C├íceres 2, Alcal├í-Meco und Foncalent schlossen sich uns an. Die Verwaltung musste auf die Sicherheitskr├Ąfte des Staates zur├╝ckgreifen, um diese Lawine zu aufzuhalten.

Mit scharfen MPs und Gewehren mit Gummimunition kam der Sturmangriff der Guardia Civil ├╝ber uns. Sie tauchten pl├Âtzlich auf und schossen auf alles, was sich bewegte. Sie zwangen uns zum R├╝ckzug. Einige gingen in die Trakte hinunter; wir anderen stiegen auf die h├Âchsten D├Ącher und verschanzten uns. Wir deckten uns mit Matratzen vor den Gummigeschossen und Rauchgranaten, die ├╝ber unsere K├Âpfe flogen, und beantworteten von dort aus den Angriff, indem wir schwere Gegenst├Ąnde hinunter warfen. Allerdings beschossen sie uns mit so viel Material, dass wir die ganze Zeit flach auf dem Dach liegen mussten. Es gab einen Moment der Panik, als es schien, das Dach w├╝rde durchbrechen; Wir mussten vorsichtig sein und keine ├╝bertriebenen Bewegungen machen, sonst w├╝rde die leichte Dachpappe brechen. W├Ąhrend alles dies geschah, h├Ârte ich Bolas rufen:

┬╗Eh, Jos├ę…! Jos├ę!┬ź

Ich hob den Kopf leicht an und blickte in seine Richtung. Er lag auf dem Dach, und in seinem Gesicht stand ein Ausdruck von Schmerz, ich vermutete, er war von einem Gummigeschoss getroffen worden. Ich stand schnell auf und rannte ├╝ber die K├Ârper anderer Genossen hinweg bis zu seiner Position. Eine Rauchgranate flog pfeifend an meinem Kopf vorbei.

┬╗Was ist passiert?┬ź

┬╗Ein Geschoss, ich kann kaum atmen…┬ź

┬╗Tut es dir sehr weh?┬ź

┬╗Ja.┬ź

Ich ├╝berdachte die Situation. Wir waren verloren und das Aufgeben war nur eine Frage der Zeit. Ich stand mit erhobenen Armen auf und schrie:

┬╗Nicht schie├čen, nicht schie├čen…┬ź

Die Guardias Civiles hielten inne. Der befehlshabende Offizier ordnete Feuerpause an und wandte sich an mich:

┬╗Was willst du?┬ź

┬╗Ich habe hier einen verletzten Genossen, er ist am Ersticken. Ich will ihn runterbringen, damit er behandelt wird; ich glaube, er hat ein paar Rippen gebrochen.┬ź

┬╗In Ordnung, doch nur, wenn ihr alle runterkommt, einverstanden?┬ź Er erpresste mich.

Ich besprach mich mit den Genossen, und sie waren damit einverstanden, den Aufstand zu beenden. Wir vereinbarten, dass ich als Erster hinuntergehen w├╝rde, um zu sehen, was passiert.

┬╗OK, wir geben auf┬ź, rief ich ihm zu. ┬╗Aber ihr m├╝sst uns garantieren, dass ihr niemanden verpr├╝gelt.┬ź

┬╗Du hast mein Wort, mein Junge.┬ź

Ich hob meinen Freund an der Schulter hoch und brachte ihn bis zur Dachkante. Von dort stieg ich hinunter und schaffte es mit Hilfe anderer Gefangener, Bolas herunterzuholen. Gegen├╝ber die Gruppe Guardias Civiles, die Gewehre im Anschlag. Ich hatte Schiss.

┬╗Alles klar, jetzt die anderen┬ź, forderte uns der Offizier auf. Die anderen machten sich an den Abstieg. Alles war zu Ende.

Gl├╝cklicherweise hatte Jiron├ęs nichts weiter Schlimmes, nur ein H├Ąmatom in der Brust vom Aufprall des Gummigeschosses. Sie steckten uns in Gruppen in die Zellen von Trakt f├╝nf. Alle aufst├Ąndischen Gefangenen waren schon ├╝berw├Ąltigt und wieder eingesperrt worden. Wir waren die letzten. Die Guardia Civil hielt ihr Wort, die Schlie├čer aber lie├čen sich ihrerseits so richtig an den Gefangenen aus, die Mehrheit wurde zusammengeschlagen. Ich war bis zu diesem Zeitpunkt von Pr├╝gel verschont geblieben, wusste aber, dass sie mir fr├╝her oder sp├Ąter einen Besuch abstatten w├╝rden. Da gab es keinen Zweifel, es war die ├╝bliche Methode.

Als sie die Anstalt wieder unter ihrer Kontrolle hatten, begann die Selektion der f├╝r R├Ądelsf├╝hrer des Aufstands gehaltenen Gefangenen. Schlussendlich lie├čen sie nur f├╝nfzehn Gefangene in Trakt f├╝nf, darunter ├üvila Navas, Jiron├ęs, Julepe, Anxo, ich und andere aufst├Ąndische Genossen. Doch nur f├╝r el Ni├▒o und Julepe beantragte man die Verlegung ins Gef├Ąngnis von Herrera de La Mancha. Beide waren ungerechterweise zu den Verantwortlichen f├╝r jenen Aufruhr gemacht worden. Einmal mehr strafte die Verwaltung willk├╝rlich, ihr war jede Ausrede recht, um sich an denjenigen zu r├Ąchen, die ihnen Scherereien verursachten und die st├Ârten.

Die Guardia Civil war w├Ąhrend der Streiktage f├╝r die Anstalt verantwortlich. Sie teilten uns das Essen aus, mit Gewehren, geladen mit Gummigeschossen, Schilden und Schlagst├Âcken, bereit, uns bei der geringsten verd├Ąchtigen Geste zu Brei zu schlagen. Die ersten Tage lie├čen sie niemanden auf den Hof, gaben uns keine Bettw├Ąsche und Decken und lie├čen uns nicht duschen. Doch schlie├člich normalisierte sich die Situation und wir bekamen Zugang zu unserer Habe, zum Hof und den Duschen. Lange Tage der Isolation warteten auf uns.

Eines nachts kamen mehrere Schlie├čer zu mir, bewaffnet mit Kn├╝ppeln. Sie ├Âffneten die Zellent├╝r.

┬╗Tarr├şo, ziehen Sie sich aus und kommen Sie auf den Gang, wir m├╝ssen Sie durchsuchen.┬ź

Nach dem Ausziehen ging ich auf den Flur hinaus und stellte mich mit den Armen an die Wand. Mit den H├Ąnden umklammerten sie ihre Schlagst├Âcke.

┬╗Machen Sie die Beine breit┬ź, befahl mir einer, den wir La Gitana nannten.

Ich gehorchte.

┬╗Noch weiter, los!┬ź

Ich gehorchte wieder. Dann regnete es eine Reihe Kn├╝ppelhiebe, einer davon zwischen die Beine. Ich hielt den Schauer so gut ich konnte aus. Als sie von mir ablie├čen, ging ich zur├╝ck in die Zelle. Jene Aktion wiederholte sich an den folgenden Tagen regelm├Ą├čig bei diversen Durchsuchungen anderer Mitgefangener. Es war Teil der Spielregeln, ein W├╝rfelspiel mit der Macht, von vornherein verloren. Im Gef├Ąngnis ist der Gefangene weniger wert als eine Kakerlake; er ist nur eine Nummer, ein Paket. Sie konnten mit einem machen, wozu auch immer sie Lust hatten. Wer konnte es sehen? Wer w├╝rde das filmen? Wie w├╝rde ein Gefangener belegen, dass er misshandelt worden war? Und falls er es belegen konnte, wer w├╝rde ihm zuh├Âren? Die Strafvollstreckungsrichter waren mehr- heitlich Teil der Verwaltung. Die gelehrte Justiz war dem Umerziehungssystem gegen├╝ber h├Âchst nachsichtig, was sich klar an den hunderten von Verfahren erkennen lie├č, die auf von Gefangenen erstatteten Anzeigen beruhten und zu deren Nachteil ausgingen oder eingestellt wurden.

Am 30. versetzte eine gute Nachricht den Trakt in Aufregung. Mehrere Stunden nachdem die Guardia Civil ihn zur ├ťberstellung nach Herrera de La Mancha abgeholt hatte, war Javier ├üvila Navas zum zweiten Mal erfolgreich ausgebrochen, durch einen Durchbruch im Boden des Gefangenentransporters, welcher mittels mehrerer S├Ągen ge├Âffnet worden war. Wir begr├╝├čten diese Nachricht mit Jubel und Applaus und w├╝nschten ihm viel Gl├╝ck.

Im Monat Mai endete unsere Bestrafung, und man holte uns aus der Isolation. Wir kamen nach Trakt eins, wo die Genossen uns mit gro├čer Freude begr├╝├čten. Wir gingen wieder begleitet und in Gruppen hinaus, womit der Gef├Ąngnispuls wieder normal war. Ich freundete mich mit Izquierdo Trancho an, einem Str├Ąfling aus Le├│n, der ausgezeichnete menschliche Qualit├Ąten besa├č. Immer gingen wir zusammen spazieren. Wie ich war er ein Ausbrecher, wir sprachen dieselbe Sprache. Wir entschlossen uns dazu, einige drau├čen in Freiheit ver├╝bte Diebst├Ąhle zu gestehen, damit sie uns ins Gericht br├Ąchten und wir zusammen einen Versuch machen konnten. Wir wollten alles auf eine Karte setzen.

Ich organisierte mehrere Arbeitsniederlegungen, bei denen die Mehrheit der Gefangenen aus Trakt eins mitmachte. Wir lie├čen es sein, den Trakt zu putzen und verteilten kein Essen mehr. Wir riefen einen vollst├Ąndigen Streik aus. Der Direktor wollte mich sehen, in Begleitung eines Dienstleiters und mehrerer Schlie├čer.

┬╗Tarr├şo, packen Sie ihre Sachen, Sie kommen wieder in Isolation┬ź, k├╝ndigte er mir an.

┬╗Ich?┬ź fragte ich ihn, mich dumm stellend, ┬╗Aber ich habe doch gar nichts gemacht┬ź, f├╝gte ich noch zynisch hinzu.

┬╗Sie haben nie etwas gemacht! Los jetzt…┬ź

Ich r├Ąumte meine Sachen in ein paar T├╝ten und ging ├╝ber die Flure der Abteilung bis nach Trakt f├╝nf. Die Gefangenen riefen mir von ihren Zellent├╝ren aus hinterher:

┬╗He, Che, wo bringen sie dich hin?┬ź

┬╗In die Isolation. Sagt Trancho Bescheid, OK?┬ź

Verschiedene Beschimpfungen drangen durch die T├╝ren.

┬╗Arschl├Âcher, Schweine, Hurens├Âhne…┬ź

Wir f├╝hlten uns durch die j├╝ngsten Geschehnisse sehr einig, eine au├čerordentliche Kameradschaft.

In Trakt f├╝nf wiesen sie mir eine Zelle zu. Der Direktor sprach zu mir in autorit├Ąrem Ton:

┬╗Hier bleiben Sie. Und Sie haben Bedingungen der ersten Phase. Sie werden dieselben Rechte haben wie bis jetzt, doch Sie werden alleine auf den Hof gehen und sind von den anderen getrennt, bis Sie lernen, sich wie eine zivilisierte Person zu benehmen, und nicht wie ein Wilder.┬ź

┬╗Machen Sie, was sie wollen, doch ich bezweifle, dass Sie etwas damit erreichen.┬ź

┬╗Das werden wir schon sehen, Tarr├şo.┬ź

Nachdem sie das Gitter und die Zellent├╝r geschlossen hatten, holte ich B├╝cher aus meinen T├╝ten, Bettw├Ąsche, Decken und ein Radio, und machte das Bett. Ich legte mich darauf, z├╝ndete mir eine Zigarette an und fing an, den King Lear von Shakespeare zu lesen, der mich sehr fesselte. Seit nunmehr drei Jahren befand ich mich in Haft st├Ąndiger Isolation unterworfen, ich hatte die Angst vor solcher Strafe verloren, und vor anderen Strafma├čnahmen auch, die die Direktion einsetzen wollte, um mich zu erpressen und zu beherrschen, jeden Tag. Das Gef├Ąngnis jagte mir keine Angst mehr ein. Ich verfolgte meine Projekte und wartete nur auf deren Reife, nichts weiter. Die Strafen w├╝rden mich nicht davon abhalten.

Zwei Wochen sp├Ąter holten sie mich dort heraus und ich kam zur├╝ck nach Trakt eins, wo Ruhe herrschte. Ich begann eine Freundschaft mit Juan Jos├ę Garfia Rodr├şguez, einem bekannten Banditen aus Valladolid, und dank ihm bekam ich einen neuen Po- sten im Economato, den wir nun beide zusammen f├╝hrten. Wir verbrachten den ganzen Tag mit Plaudereien ├╝ber Ausbr├╝che und mit Schachspielen; wir nutzten auch den Sportraum, der endlich im Trakt eingerichtet worden war. Aus Bequemlichkeit fand ich mein gutes Benehmen wieder. Juanjo erz├Ąhlte mir seine Geschichte. Sie hatten ihn in Valladolid nach einer Schie├čerei verhaftet, in der zwei Polizisten gestorben und einer verletzt worden waren. Sein Bruder Carlos hatte im Verlauf des Schusswechsels auch mehrere Kugeln abbekommen. Er stand vor einer Strafe von 112 Jahren Gef├Ąngnis, seine einzige Hoffnung war die Flucht. Er hatte es einmal geschafft, aus dem Gerichtsgeb├Ąude von Las Palmas zu fl├╝chten. Doch er wurde beim Betreten eines Geb├Ąudes erkannt und ein paar Stunden nach seiner Flucht gefasst. Jetzt wartete er auf seine Gelegenheit. Eine Gelegenheit, die einige Jahre sp├Ąter kommen und die ihn zu Spaniens Staatsfeind Nummer Eins machen sollte.

Im August erhielt ich Besuch von meiner Mutter und meinen Geschwistern. Sie hatten 1.500 Kilometer zur├╝ckgelegt, um mich zu besuchen, und diese Schweine wollten uns nur eine halbe Stunde zum Reden zugestehen, durch eine dreckige Plexiglasscheibe. Ich war stinksauer.

┬╗Hallo, mein Sohn┬ź, gr├╝├čte mich die unbestrittene K├Ânigin meines Herzens.

┬╗Hallo Mutter, wie geht es dir?┬ź

┬╗Na ja, ziemlich m├╝de nach der langen Reise, doch es hat ja alles geklappt. Schau, das ist dein Bruder Marcos!┬źsagte sie mir und hob ihn hoch auf den Stuhl.

Ich winkte ihm zu, und er l├Ąchelte sch├╝chtern. Es war das erste Mal, dass ich meinen kleinen Bruder sah. Ein Sentimentalit├Ątsanfall ├╝berkam mich, doch ich konnte mich beherrschen. Ich spielte mit dem Kleinen durch die Scheibe.

┬╗Mein Sohn, was hast du gemacht? Der Direktor ist auf mich zugekommen und hat mir erz├Ąhlt, du machst ihm viele Probleme.┬ź

┬╗H├ÂrÔÇÖ nicht auf ihn, Mutter. Ein Mann, der nicht erlaubt, dass wir uns umarmen nach so vielen Jahren, und der uns nur drei├čig Minuten Besuchszeit gibt nach der langen Reise, ist nicht der geeignetste, um mir Lektionen in gutem Benehmen zu erteilen.┬ź

┬╗Na, ist egal, aber wie geht es dir?┬ź

┬╗Gut.┬ź

┬╗Ich wei├č nicht, ich finde, du siehst gestresst aus.┬ź

┬╗Das ist, weil dieses Arschloch mich ankotzt…┬ź

Wir redeten weiter. Ich begr├╝├čte meine Geschwister und Antonio, den Ehemann meiner Mutter, ein Freund von mir, ein sehr anst├Ąndiger Mensch. Sie waren gekommen, um mich zu sehen, und danach w├╝rden sie nach Galizien fahren, um den Familienurlaub dort zu verbringen. Die vorgeschriebenen drei├čig Minuten Besuchszeit verstrichen, und wir verabschiedeten uns mit einem L├Ącheln, das die Traurigkeit ├╝berdecken wollte, die diese Situation uns bereitete. Jener Schmerz im Gesicht meiner Mutter war die wirkliche Strafe, und nicht das Gef├Ąngnis. Ich sagte ihr nichts von meiner Krankheit.

Im September w├╝rde ich in die Anstalt von La Coru├▒a verlegt werden. Dieser Wechsel w├╝rde mir eine Chance zum Ausbruch bieten. Ich w├╝rde versuchen, die Kenntnisse, die ich von diesem Gef├Ąngnis hatte, f├╝r die Flucht zu nutzen. Es begann f├╝r mich der m├╝hselige Weg in die Freiheit…

Zweiter Teil: Auf dem Weg in die Freiheit

┬╗Wenn alle Gef├Ąngnisse der

Welt alle ihre Gefangenen

freigelassen haben, weil man

keinen Grund findet,

sie nach dem Gesetz

einzusperren…┬ź

Gef├Ąngnis von La Coru├▒a, September 1990

Um drei Uhr drei├čig nachmittags hielt der Transporter der Guardia Civil vor dem Gef├Ąngnis von La Coru├▒a. Ich f├╝hlte mich m├╝de und schwindelig von der Reise, wollte endlich aus diesem K├Ąfig heraus und wieder frische Luft atmen. Man holte uns in Handschellen heraus, paarweise, und wir nahmen unsere Decken aus dem Kofferraum, um uns dann, st├Ąndig ├╝berwacht von der Guardia Civil, in das Innere der Anstalt zu begeben. Dort in den Eingeweiden dieses alten Gef├Ąngnisses nahm man uns die Handschellen ab. Ich wurde von den ├╝brigen Gefangenen getrennt und einer vollst├Ąndigen Durchsuchung unterzogen. Dann kam ich in den Isolationstrakt in der dritten Etage, den man ┬╗Bunker┬ź getauft hatte. Ich verabschiedete mich mit einer freundschaftlichen Geste von denen, die meine Reisegef├Ąhrten gewesen waren.

Der Isolationstrakt war vor Kurzem auf derselben Etage wie die Abteilung f├╝r Jugendliche gebaut worden, gegen├╝ber den Besuchszellen, der Krankenstation und der Frauenabteilung. Es war der sicherste Ort der Anstalt, denn er befand sich in dem f├╝r das Klettern unzug├Ąnglichsten Bereich. Dieses Mal w├╝rde man mir es nicht leicht machen. Sie wiesen mir eine der sechs Zellen zu, aus denen der Trakt bestand. Allein gelassen, legte ich mich auf die Matratze und schlief ein; ich war ersch├Âpft.

Mehrere Stunden sp├Ąter wachte ich auf. Man schloss mir auf und ├╝bergab mir T├╝ten mit Kleidung.

┬╗Tarr├şo┬ź, sagte einer der Schlie├čer, ┬╗Sie haben zwei Stunden Hofgang. Ich lasse Ihnen die Duschen offen, falls Sie duschen wollen.┬ź

┬╗Ich m├╝sste im Economato einkaufen und Kaffee trinken┬ź, antwortete ich ihm.

┬╗In Ordnung, gleich kommt einer vom Economato und nimmt Ihre Bestellung auf.┬ź

Ich zog mir einen Bademantel an, suchte saubere W├Ąsche zusammen, Seife und ein Handtuch, und ging auf den Hof, wo sich die Duschen befanden. Die Zellenfenster befanden sich nur einen Meter ├╝ber dem Fu├čboden. In einer der Zellen befand sich ein Mann. Ich ging auf sein Fenster zu, klopfte an die Scheibe und rief ihn.

┬╗Hallo┬ź, gr├╝├čte ich ihn, ┬╗wer bist du?┬ź

┬╗Ich hei├če Javier, hast du vielleicht eine Zigarette?┬ź

┬╗Jetzt nicht, aber sp├Ąter bringen sie mir welche aus dem Economato, ich gebe dir welche ab. Jetzt gehe ich erstmal duschen, sp├Ąter reden wir weiter.┬ź

Nach einer langen Dusche ging ich auf den Hof, wo Javier spazieren ging. Ich schloss mich ihm an. Ich stellte mich vor:

┬╗Ich hei├če Jos├ę, obwohl man mich hier mehr als Che kennt.┬ź

┬╗Ich habe von dir geh├Ârt.┬ź

┬╗Warum bist du hier?┬ź fragte ich ihn.

┬╗Eine Kugel mit Drogen fiel auf das Gel├Ąnde und ich bin hingelaufen, um sie aufzusammeln.┬ź

┬╗Und der Guardia Civil?┬ź wollte ich wissen.

┬╗Ist nicht da. Der Wachturm ist im Umbau seit einigen Tagen…┬ź

Super, dachte ich.

┬╗Sag mal, warum gehst du so gekr├╝mmt?┬ź

┬╗Das ist, weil sie mir alle vierzehn Tage eine Injektion Lagartil verpassen, dann lassen sie mich ├╝ber eine Woche liegen. Doch die Wirkung l├Ąsst nach.┬ź

Sein Blick war leer. In seinen Augen konnte man den Beginn von Verr├╝cktheit erkennen, eine fortgeschrittene geistige Umnachtung, die seine Pers├Ânlichkeit insgesamt ernsthaft in Mitleidenschaft zog. Man war daran, ihn in ein menschliches Wrack zu verwandeln, mit Injektionen und andauernder Isolierung. Dieser Mensch brauchte Hilfe und Gesellschaft, nicht Ketten und Isolation. Trotz meines reservierten und menschenscheuen, oft teilnahmslosen Charakters interessierte ich mich f├╝r ihn und seinen Fall.

┬╗LassÔÇÖ dir keine Injektionen mehr geben┬ź, riet ich ihm.

┬╗Ja klar┬ź, er sah mir in die Augen, ┬╗einmal wollte ich mich weigern und sie verpassten sie mir mit Gewalt, nach einer Tracht Pr├╝gel.┬ź

┬╗Ich wei├č nicht, Javier, doch wenn sie dir weiter dieses Zeug spritzen, landest du im Irrenhaus.┬ź

┬╗Ich wei├č…┬ź

Wir gingen jetzt jeden Tag zusammen auf den Hof. Ich gew├Âhnte ihn daran, mit mir zusammen Sport zu treiben, indem ich ihn an der Tenniswand herausforderte. Danach duschten wir und spazierten ├╝ber den Hof, tranken den ein oder anderen Kaffee, den man uns vom Economato herunter brachte. Meine Gesellschaft half ihm, und sein Gehirn begann normal zu funktionieren. Er erholte sich und f├╝hrte geistesgegenw├Ąrtige Konversationen mit mir, jeden Tag.

Einige Tage nach meiner Ankunft in La Coru├▒a erhielt ich Besuch von meinem Onkel Suso. Wir sahen uns in der Besuchszelle.

┬╗Hallo Che, wie geht es dir?┬ź

┬╗Gut, und Chico?┬ź

┬╗Gestern habe ich ihn gesehen; er hat mir diesen Zettel f├╝r dich mitgegeben┬ź, antwortete er, holte ein St├╝ck Papier aus seiner Tasche und hielt es an die Scheibe, damit ich selbst lesen konnte:

┬╗Lieber Freund: Ich habe ernste Probleme mit der Polizei, sie suchen mich wegen mehrerer ├ťberf├Ąlle. Ich muss aus La Coru├▒a f├╝r einige Zeit verschwinden. Ich nehme die Waffen mit, ich werde sie brauchen. Ich habe deine Nachricht erhalten: Deine Bitte an mich muss eine Weile warten. Zur Zeit bin ich allein und ich habe Probleme. Sobald ich kompetente Leute an der Hand habe, die mir helfen, dich dort herauszuholen, kommen wir. Hab Vertrauen und Kraft. Wir werden es schaffen…┬ź

Als ich das gelesen hatte, f├╝hlte ich mich ein bisschen von ihm allein gelassen. Doch ich merkte, dass er es nicht so meinte, und dass er mich nach wie vor sehr sch├Ątzte. Er war nicht so unorganisiert, wie ich es gewohnt war, und er spielte nicht mit offenen Karten wenn er nicht sicher war, sein Ziel zu erreichen. Er kalkulierte die Risiken. Ich konnte ihm das nicht vorwerfen und auch nicht von ihm verlangen, sein Leben oder seine Freiheit f├╝r mich aufs Spiel zu setzen, einfach so, obwohl ich es f├╝r ihn getan h├Ątte. ├ťber allem stand unsere Freundschaft, auch ├╝ber meinem Egoismus, und das war es, was er mir mitteilte. Ich w├╝nschte ihm Gl├╝ck und gab ihm Anleitungen, damit er sich mit mir so bald wie m├Âglich in Kontakt setzen konnte.

┬╗Onkel, ich hoffe, euch zu Hause geht es allen gut. Gib Chico meine Nachricht und sag ihm, er soll auf sich aufpassen.┬ź

┬╗Uns geht es gut. Pass

┬╗Sei unbesorgt.┬ź

Zur├╝ck in der Zelle legte ich mich hin, um ├╝ber den Verlauf des Besuchs nachzudenken. Sobald er sich organisiert haben w├╝rde, k├Ąme Chico, um mich herauszuholen, dessen war ich sicher. Ich erinnerte mich an Fragmente aus der Vergangenheit. Ich hatte ihn zweimal aus Internaten befreit, einmal in C├íceres und einmal in Logro├▒o; ich erinnerte mich an die hunderte von Kilometern, die wir zusammen zur├╝ckgelegt hatten, auf der st├Ąndigen Flucht, in die sich unser Leben verwandelt hatte, auf der Flucht zur├╝ck in die Stra├čen von La Coru├▒a.

Oder als wir beide mit seinem Bruder Yves, mit Rolando, Julio El Carro├▒a, Jos├ę Mar├şa Exp├│sito und anderen zusammen an einem Tunnel gearbeitet hatten, damals vor Jahren, in der Abteilung f├╝r Jugendliche jener Haftanstalt. Wir waren nicht davor zur├╝ckgeschreckt, eines nachts dreihundert Meter ├╝ber ein Feld zu robben, bis zur Mauer des Gef├Ąngnishofs der Jugendlichen, und dar├╝ber zwei in Zellophan eingewickelte Pakete zu werfen, die Mei├čel, Ma├čband, einen eisernen Vorschlaghammer ohne Stiel und einen Pickel enthielten. Falls sie uns ├╝berrascht h├Ątten, w├Ąre es schwierig gewesen, die Guardias Civiles davon zu ├╝berzeugen, dass wir keine entlaufenen Str├Ąflinge waren. Einen Schritt weiter, und wir h├Ątten uns eine Kugel eingefangen. Es ging jedoch alles gut; die Pakete landeten im Hof, wo sie ein Gefangener zu sich nahm und versteckte. Er hatte vorher einen Teil seines Fenstergitters durchges├Ągt. Obwohl der Tunnel schlie├člich wenige Meter vor der Fertigstellung entdeckt wurde, war es die M├╝he wert gewesen, es zu versuchen. Es war sch├Ân, einem gefangenen Menschen bei der Flucht zu helfen; das oder selbst zu fliehen, war die h├Âchste Erfahrung, die ein libert├Ąrer Mensch machen konnte. Es war nicht anst├Ąndig, einen Freund in einem Kerker verfaulen zu lassen, gezwungen, sich einer miserablen Behandlung zu unterwerfen.

Ich entschied mich schlie├člich, auf eigene Faust zu handeln und es ├╝ber den Wachturm in der dritten Etage zu versuchen, welcher sich laut Javier ja im Umbau befand. Ich wollte diese Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, und auch nicht dasitzen und darauf war- ten, dass jemand kommt, um mir die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Ich w├╝rde f├╝r mich selbst einstehen. Ich schickte Nachrichten an die Frauen, an die Jugendlichen und die ├╝brigen Abteilungen der Anstalt, damit sie f├╝r mich die vier Wacht├╝rme des Gel├Ąndes beobachteten. Ich hatte Freunde und Freundinnen, die ohne weiteres dazu bereit waren. Durch die Fenster der dritten Etage, die zu dem Hof wiesen, auf den ich jeden Nachmittag hinausging, erreichten mich mehrere S├Ątze Bettw├Ąsche und Farbe im Ton der Fenstergitter. Auf die gleiche Weise erhielt ich mehrere F├╝nftausender Geldscheine, die mir bei erfolgreicher Flucht sehr helfen w├╝rden, f├╝r die ersten Ausgaben. Ich verwahrte sie im Mastdarm, zusammen mit einem Paar S├Ągebl├Ątter. Das Stilett lie├č ich verschwinden. Das Gef├Ąngnis war ein harter Dschungel, wo man nur ohne gr├Â├čeren Schaden ├╝berlebte, wenn man sich von allen m├Âglichen Vorurteilen und Komplexen befreite.

Mein Stolz hing damals an der F├Ąhigkeit durchzuhalten, bis ich es schaffen sollte zu fliehen. Ausbrechen war nicht leicht; es erforderte Aufopferung, Zeit und Kopfzerbrechen. Und Gl├╝ck… viel Gl├╝ck.

Eines Morgens bekam mein Freund Javier Probleme. Mehrere Schlie├čer gingen in Begleitung des Arztes zu ihm, um ihm eine Injektion zu setzen, und wie wir es vereinbart hatten, weigerte er sich. Man drohte ihm damit, die Injektion zu erzwingen, und ich mischte mich ein.

┬╗Was ist los, Javier?┬ź fragte ich ihn und ging auf das Schlie├čerh├Ąuschen auf dem Hof zu, wo er mit dem Arzt diskutierte.

┬╗Sie wollen mir eine Spritze verpassen, und ich will nicht…┬ź

┬╗H├Âren Sie mal┬ź, sagte ich zu dem Arzt, ┬╗dem Jungen geht es gut. Er macht seit einer Woche Sport mit mir und braucht diesen Mist nicht…┬ź

┬╗Halten Sie sich da raus, Tarr├şo. Der Arzt bin ich, und ich beurteile, ob er eine Injektion braucht oder nicht.┬ź

Die Leichtigkeit, mit der dieser Bastard mit Nervenarzttitel ├╝ber die Gesundheit und das Leben meines Mitgefangenen entschied, machte mich w├╝tend. Das war inakzeptabel.

┬╗Sieh mal, du Schleimschei├čer┬ź, verk├╝ndete ich ihm durch das Fenster, ┬╗falls es dir einfallen sollte, unseren Trakt zu betreten, bringen wir dich um. Und das gilt auch f├╝r euch┬ź, f├╝gte ich noch hinzu, mich an die Schlie├čer wendend.

Sie kamen nicht herein, benachrichtigten aber den Dienstvorsteher, der seinerseits zu uns in den Trakt kam, um mit uns zu reden.

┬╗Tarr├şo┬ź, sagte er zu mir, ┬╗geht das schon wieder los?┬ź

┬╗Schau, weder ich noch meine Mitgefangenen haben uns mit jemandem angelegt, bis diese Typen kamen und damit drohten, ihm zwangsweise Spritzen zu setzen┬ź, sagte ich zu ihm, auf den Arzt und die Schlie├čer zeigend.

┬╗Also, Javier, wollen Sie die Spritze oder nicht?┬ź fragte er ihn.

┬╗Nein, ich f├╝hle mich gut ohne sie.┬ź

Nach dieser Best├Ątigung sprach der Dienstvorsteher mit dem Arzt, und jener ersetzte die Spritzen schlie├člich durch Beruhigungsmittel in Tablettenform. Wir hatten einen gro├čen Schritt in Richtung auf seine Genesung getan.

Als wir am n├Ąchsten Tag ├╝ber den Hof spazierten, fielen gleichzeitig mehrere um Batterien gewickelte Nachrichten herunter, aus Richtung des Hofs der Frauenabteilung, welcher von dem unseren nur durch eine Mauer getrennt war. Einer der Schlie├čer im Wachh├Ąuschen forderte mich auf, sie ihm herauszugeben.

┬╗Tarr├şo, geben Sie das her.┬ź

Ich ging auf das H├Ąuschen zu, wickelte die Nachrichten vor seinen Augen auseinander und zeigte ihm die beschriebenen Zettel von Weitem.

┬╗Sehen Sie, ich habe hier keine Drogen oder etwas anderes Verbotenes. Was den Inhalt der Nachrichten angeht: Der ist privat.┬ź

┬╗Geben Sie mir die Zettel┬ź, er bestand darauf.

┬╗Kommt nicht in Frage…┬ź

Der Dienstvorsteher kam am n├Ąchsten Morgen zu mir, als ich mich in meiner Zelle befand. Er wies seine Kollegen an zu gehen, und man lie├č uns allein. Er hie├č Alberto und wir kannten uns schon seit langer Zeit.

┬╗Sie ├Ąndern sich nie, was, Tarr├şo?┬ź

┬╗Und Sie anscheinend auch nicht.┬ź

┬╗Was war da los, gestern mit dem Beamten?┬ź

Ich z├╝ndete mir eine Zigarette an und antwortete:

┬╗Nichts Schwerwiegendes. Es gibt da eine Frau, mit der ich Schriftkontakt habe. Und da man nicht erlaubt, dass wir uns besuchen, schreibe ich ihr also Nachrichten, und sie schreibt mir. Was ist schon dabei?┬ź

┬╗Es ist verboten┬ź, sagte er, w├Ąhrend er sich flink eine Zigarette aus der Schachtel fingerte, ┬╗Gibst du mir Feuer?┬ź

Ich gab ihm Feuer und antwortete:

┬╗Schauen Sie, ich will ehrlich sein. Seit langer Zeit bin ich weg von Galizien und in eine Zelle gesperrt. Ich komme hierher, um meine Familie und meine Freunde zu sehen; um meine Ruhe zu haben, nichts weiter┬ź, log ich ihn an, ┬╗Deshalb bitte ich Sie einfach, mich in Frieden zu lassen. Wenn Ihnen das mit den Nachrichten nicht passt, geben Sie uns einen Besuchstermin und fertig.┬ź

┬╗Wer ist die Frau?┬ź

┬╗Eine Freundin von mir.┬ź

┬╗Ich werde mit dem Direktor sprechen, damit ihr euch sehen d├╝rft, aber ich will nicht, dass ihr weiter Nachrichten ├╝ber die Mauer werft, und ich will keine Respektlosigkeiten gegen├╝ber Schlie├čern, einverstanden?┬ź

┬╗Ich w├Ąre Ihnen dankbar…┬ź

Diesen Mittag nach dem Essen schickte der Direktor nach mir. Nach einer Durchsuchung wurde ich in sein B├╝ro gebracht.

┬╗Mal sehen… was wollen Sie?┬ź fragte er mich.

┬╗Ich will einen Besuchstermin, und ich will in Ruhe gelassen werden.┬ź

┬╗Einen Besuchstermin, mit wem?┬ź

┬╗Trinidad Silva Iglesias.┬ź

Er dachte einen Augenblick nach.

┬╗Heute Nachmittag wird man Sie sich f├╝r zwanzig Minuten in einer Besuchszelle sehen lassen. Und wenn Sie bis einen Tag vor Ihrer Verlegung Ruhe geben, gestatten wir Ihnen ein vis-a-vis von mehreren Stunden mit ihr. Vorher nicht.┬ź

Er beabsichtigte, mich zu manipulieren und mein gutes Benehmen zu erpressen. Fortgeschrittene Psychologie f├╝r Kinder.

┬╗Das ist in Ordnung f├╝r mich┬ź, antwortete ich ihm.

Diesen Nachmittag redete ich zwanzig Minuten lang mit der Frau, wie man mir garantiert hatte. Sie war genauso sch├Ân wie damals, als wir zusammen waren; vielleicht etwas f├╝lliger wegen der Inaktivit├Ąt im Gef├Ąngnis. Es tat mir weh, sie hinter Gitter gefangen zu sehen.

┬╗Hallo, du Schlawinerin!┬ź

┬╗Hallo! Wie geht es dir?┬ź

┬╗Wie du siehst, in Ketten, doch guten Mutes.┬ź

┬╗Das ist eine ├ťberraschung, dass wir uns besuchen d├╝rfen. Zu Anfang glaubte ich, es w├╝rde vis-a-vis sein…┬ź

Auf der anderen Seite der Besuchszelle lauschte eine Schlie├čerin aufmerksam der Konversation. Auf meiner Seite, nah neben mir, tat ein Schlie├čer dasselbe. Wie viele Intimit├Ąten hatte er mit seiner Gegenwart vergewaltigt? Wie konnte man derart kleinlich sein und keinerlei Skrupel und Scham empfinden, um von Respekt gar nicht zu reden, und dort sitzen bleiben, sich nicht entfernen? Ohne Zweifel war das mit der Zeit und der Praxis am Ende Teil ihrer Schlie├čerseele.

┬╗Tarr├şo, kommen Sie zum Schluss. Die vorgeschriebene Zeit ist abgelaufen…┬ź

┬╗China, pass auf dich auf und viel Gl├╝ck. Gr├╝├če an Pili.┬ź

┬╗Pass auch du auf dich auf.┬ź

Ein Kuss auf die Glasscheibe war der kalte Abschiedsgru├č. Wie viele Lippen wie vieler M├Ąnner und Frauen hatten sich auf dieses dreckige Glas gedr├╝ckt, wie viele Botschaften der Liebe und Zuneigung? Jene Bedingungen f├╝r fiktive Besuche waren erniedrigend, es war grausam. Was konnte schlecht daran sein, dass zwei Befreundete sich k├╝ssten? Was konnte sch├Ądlich daran sein, dass jene B├╝rger, die Familienmitglieder in Haft besuchten, sie anfassen konnten, umarmen, k├╝ssen? Die Verwaltung verf├╝gte ├╝ber ausreichende Mittel, um jene schmutzigen und vergitterten Kabinen in kleine S├Ąle umzubauen, wo die Gefangenen, ihre Familien und Freunde ihre Emotionalit├Ąt auf eine menschlichere Art und Weise entwickeln k├Ânnten, in w├Âchentlichen vis-a-vis– Besuchen. Verdienten die Familien der Gefangenen als steuerzahlende B├╝rger nicht erst recht eine bessere Behandlung, w├╝rdiger, menschlicher?

Ich begann die Vorbereitungen zu treffen. Niemand hatte es jemals geschafft, jene Mauern zu erklettern. Einmal hatte ein Gefangener es versucht, doch beim Ersteigen des Dachs l├Âsten sich die Ziegel und er fiel ins Leere. Obwohl er sich alle Knochen brach, ├╝berlebte er den Aufschlag, was an ein Wunder grenzte. Vom Hof bis zum Dach waren es etwa drei├čig Meter. Ich war k├Ârperlich in bester Form vom Gewichtheben in der Anstalt Daroca. Ich fand eine Stelle, von der ich glaubte, ich w├╝rde bis dort hinauf klettern k├Ânnen, meine ganze Kraft w├╝rde ich brauchen. Ich wollte es ├╝ber die Frauenabteilung versuchen. Sie hatten die Mauer im Hof hochgezogen, damit die M├Ąnner in der dritten Etage von den oberen Fenstern aus nicht auf die andere Seite sehen konnten. Jetzt endete die Mauer nur zwei Meter unterhalb des Dachs. Der kranke Eifer, mit dem die Verwaltung jede Beziehung zwischen m├Ąnnlichen und weiblichen Gefangenen zu verhindern suchte, hatte sie dazu gebracht, diese Mauer hochzuziehen, ├╝ber welche ich wiederum Zugang zum Dach bekommen konnte. Ich war f├╝r die Hilfestellung dankbar.

Diese Nacht begann ich damit, einen der Gitterstreben meines Zellenfensters anzus├Ągen. Mein Freund Javier ├╝berwachte gleichzeitig die Fenster gegen├╝ber, wo sich die Krankenstation befand. Die Hilfe der anderen Gefangenen erwies sich immer wieder als unsch├Ątzbar. In zwei N├Ąchten s├Ągte ich das Eisen durch. Trotz der t├Ąglichen Durchsuchungen, die bei mir stattfanden, stie├čen sie nicht auf die zers├Ągte Stelle, wegen der Farbe, die mir die Genossen beschafft hatten. Danke!

Eigentlich hatte ich vor, das vis-a-vis abzuwarten und die Nacht darauf in Aktion zu treten. Aber ich traute dem Direktor nicht. Ich kannte die Methoden dieser Leute und f├╝rchtete, nach dem Besuchstermin in eine andere Zelle verlegt zu werden oder dass die Bauarbeiten beendet sein w├╝rden. Die Freiheit hatte unbedingte Priorit├Ąt, weshalb ich auf die sentimentale Seite verzichten musste. Ich dachte, ich w├╝rde sie vielleicht nie wieder sehen…

Die Nacht des 15. September fiel ├╝ber das Gef├Ąngnis von La Coru├▒a und lud verf├╝hrerisch zur Flucht ein. Ich w├╝rde bis vier Uhr abwarten, um den Gefangenen Zeit zu geben einzuschlafen, und den Guardias Civiles, vor Langweile einzud├Ąmmern. Um diese Zeit w├╝rde es kalt sein, was sie dazu veranlassen sollte, sich in den Wachh├Ąuschen aufzuhalten.

In der Zwischenzeit flocht ich ein Seil. Als es fertig war, feuchtete ich es an, um ihm gr├Â├čere Widerstandsf├Ąhigkeit zu geben. Ich hoffte es hielt. Ich zog mir eine schwarze Sporthose und eine Sturmhaube ├╝ber, die mir beim Sp├Ąhen ├╝ber die Dachkante n├╝tzlich sein w├╝rde. Man w├╝rde mich im dunklen Bereich des Dachs nicht entdecken. Ich wickelte mir das Seil um den Leib. Um Punkt vier Uhr brach ich das Eisen aus dem Fenstergitter und kletterte nach drau├čen. Von diesem Moment an war ich physisch frei, ich hatte mich meiner Haft entzogen; und ich w├╝rde es bleiben, bis zu dem Moment, in dem sie mich wieder in einen jener Kerker steckten. Ich ging zu Javiers Fenster, und nach einem festen H├Ąndedruck ├╝bergab ich ihm einige Fotos meiner Familie und eine Adresse, an die er sie schicken sollte.

Nach diesen Details begann ich mit dem Klettern. Ich stieg auf die Fensterbank des Wachturms und von dort auf dessen kleines Dach. Von da aus kletterte ich an der Mauer vor den Besuchszellen h├Ąngend bis zum Dach einer kleinen Werkstatt neben der Krankenstation. Dann kletterte ich an einem Abflussrohr die Wand hinauf, von Fenster zu Fenster. Ich konzentrierte mich nur darauf, dort hinauf zu kommen, und versuchte, den Gedanken an einen Sturz zu unterdr├╝cken. Am Fenster des dritten Stocks machte ich eine kurze Pause, hielt mich an dessen Gitter fest und holte Luft. Ich musste darauf vertrauen, dass es niemandem einfiel, das Fenster in diesem Moment zu ├Âffnen und mich dort am Gitter h├Ąngend zu finden. Einen Meter weiter das Rohr hinauf, und auf der H├Âhe der Mauer zog ich mich an ihr hinauf und ruhte noch einen Moment aus, rittlings auf der Mauer sitzend. Danach stellte ich mich auf die Mauer, mit einem Fu├č hinter dem anderen, denn sie war nur einen Ziegelstein breit. In dieser Position reichte ich mit der Brust an die Dachkante. Ich machte nicht den Fehler, den der Gefangene gemacht hatte, der sich vor mir daran versucht hatte, jene W├Ąnde zu erklimmen, r├Ąumte einige Dachziegel zur Seite und legte so festen Untergrund frei, um mich aufzust├╝tzen. Ich bef├╝hlte den Zement mit den Fingern und suchte die ideale Stelle um mich hochzuziehen. Das Dach fiel steil ab, was mir bewusst machte, dass ich herunterfallen w├╝rde, wenn ich es beim ersten Versuch nicht schaffte. Die Mauer, auf der ich stand, war zu schmal. Ich beruhigte mich mit tiefen Atemz├╝gen durch die Nase und holte Luft, um meine ganze Kraft auf den Sprung zu konzentrieren. Ich machte einen Satz und landete mit dem Magen oberhalb der Dachkante. F├╝r einen Augenblick bem├Ąchtigte sich meiner eine schreckliche Angst, doch ich schaffte es, sie zu vergessen, nahm noch einmal Schwung und schaffte es, mit Hilfe der Ellenbogen endg├╝ltig hinauf zu kommen. Uff! Von unten hatte mein Genosse die ganze Kletterei verfolgt und winkte mit der Hand. Ich gr├╝├čte zur├╝ck.

Ich schlich ├╝ber das Dach der Frauenabteilung bis zum Dach des Trakts f├╝r Jugendliche und die Isolation. Ich lie├č mich auf das Dach der Werkstatt herab, gegen├╝ber des Wachturms, und stellte fest, dass der sich tats├Ąchlich im Umbau befand und leer war. Die Sturmhaube warf ich auf den Hof, denn ├╝ber die D├Ącher hatte ich es geschafft und w├╝rde sie nicht mehr brauchen. Ich wickelte das Seil aus und wartete ab bis zum Wechsel der Wachschicht. Eine Zigarette rauchend sah ich auf die Stadt hinaus. Eine Menge Erinnerungen kamen mir hoch.

Um f├╝nf fand der Wachwechsel statt. Ich gab ihnen noch eine Weile, bis sie anfingen, sich arglos zu langweilen, und bereitete mich auf das m├Âglichst ger├Ąuschlose Abseilen vor. Ich f├╝hrte das Seil ├╝ber einen Vorsprung, an dem der Stacheldraht angebracht war, den ich ├╝berwinden musste, um hinab zu gelangen. Ich band es nicht fest, sondern schlang es ├╝ber den Vorsprung, wie man einen Faden durch ein Nadel├Âhr f├╝hrt und hatte so ein doppeltes Seil. Auf diese Weise w├╝rde ich es von unten mit einem Zug abl├Âsen k├Ânnen. Ich lie├č die Enden auf das Gel├Ąnde hinunter fallen. Eine halbe Stunde sp├Ąter kletterte ich ├╝ber den Draht und lie├č mich am doppelten Seil hinab bis auf den Boden ohne gesehen zu werden. Ich holte mit einem Ruck das Seil herunter und ├╝berquerte das Gel├Ąnde, eng an der Mauer entlang, unterhalb des unbesetzten Wachturms. An einem der Seilenden war ein aus mehreren gro├čen Batterien gefertigtes Gewicht angebracht, welches ich ├╝ber das Metallgitter werfen musste. Ich wollte mich an beiden Seilenden hochziehen, so, wie ich auch herunter gekommen war. Vom Wachturm gegen├╝ber, von der anderen Ecke des Gel├Ąndes sah ein Guardia Civil nach drau├čen. An seiner Seite, an die Wand gelehnt, ruhte sein Sturmgewehr. Zu meiner Linken ging sein Kollege auf und ab, ohne meine Anwesenheit zu bemerken. Er war abgelenkt von der Musik aus dem Radio, das er zu seiner Unterhaltung dabeihatte. Ich warf das Seil ├╝ber das Gitter, packte beide Enden und begann flink daran hochzuklettern. Aber als ich das Metallgitter schon fast mit den H├Ąnden greifen konnte, gab ein Knoten des Seils nach und brach auf, und ich fiel hinab. Ich schaffte es, auf die F├╝├če zu fallen und es so vermied es so, mich zu verletzen, aber die Guardia Civil bemerkte mich und schlug Alarm.

┬╗Eh, du da!┬ź schrien sie mir von den T├╝rmen aus zu und zielten mit ihren Waffen auf mich. ┬╗Bleib blo├č stehen.┬ź

Von der anderen Seite aus gab der Guardia Civil seinen Kollegen auf der Wache Bescheid. Ich hatte schon wieder verloren. Bald erschienen mehrere bewaffnete Guardias Civiles und n├Ąherten sich mir.

┬╗Wirf dich auf den Bauch, die H├Ąnde auf den R├╝cken┬ź, wies mich einer an. Ich gehorchte.

Er warnte mich: ┬╗Lass dir keine krummen Sachen einfallen┬ź, gab seine Pistole einem Kollegen und sagte zu ihm: ┬╗Wenn er irgendwas macht, schie├č.┬ź

Danach kam er zu mir und legte mir Handschellen an. Ich richtete mich mit seiner Hilfe auf und wurde in die R├Ąume der Wache gebracht. ich f├╝hlte mich ersch├Âpft und niedergeschlagen. Mein starrer Blick auf den Zementfu├čboden gab meine Niederlage wieder.

Auf der Wache brachten sie mich in einen kleinen Raum und wiesen mich an, mich auf einen Stuhl zu setzen. Einer von ihnen fragte mich: ┬╗Bist du schon lange au├čerhalb deiner Zelle?┬ź

┬╗Nein┬ź, log ich ihn an.

┬╗Warst du allein?┬ź

┬╗Ja.┬ź

Er sah mich direkt an und fragte nach meinem Namen. Ich sagte ihn: ┬╗Ich hei├če Jos├ę Tarr├şo Gonz├ílez.┬ź

Von drau├čen, durch die T├╝ren hindurch, h├Ârte ich die Schlie├čer aufgeregt mit den Guardias Civiles diskutieren. Sie wollten mich so schnell wie m├Âglich zur├╝ck ins Innere des Gef├Ąngnisses bringen, wogegen sich die Guardia Civil verwahrte. Sie mussten mich in Gegenwart eines Anwalts verh├Âren. Wir befanden uns in einem Rechtsstaat und es galten gewisse Gesetze… zumindest schien es so.

Ungef├Ąhr um zehn Uhr morgens brachten sie mich ins Innere der Anstalt. Es eskortierten mich mehrere Guardias Civiles, meine H├Ąnde waren hinter dem R├╝cken gefesselt. Eine h├╝bsche Schlie├čerin beobachtete erstaunt die Szene vom Gef├Ąngniseingang aus. Sie war daf├╝r da, die Ausweise der Familienangeh├Ârigen einzusammeln, die kamen, um ihre in dieses absurde Universum des B├Âsen eingesperrten Lieben zu besuchen. Ich Spa├čvogel grinste sie breit an, mir fiel nichts anderes ein.

Hinter den Sperrgittern wartete eine Gruppe Schlie├čer angef├╝hrt vom wachhabenden Dienstleiter auf meine Ankunft. Sie nahmen mir die Fesseln ab und behandelten mich zu meinem Erstaunen h├Âflich und korrekt:

┬╗Gut, Tarr├şo, Sie haben verloren. Wir werden uns also weitere Fluchtversuche aus dem Kopf schlagen und uns die Zeit, die uns hier noch bleibt, ruhig verhalten. Wir werden Ihnen einige Ihrer Sachen wiedergeben und anderes einbehalten. Du wei├čt, wie immer┬ź, verk├╝ndete mir einer der Schlie├čer, um dann noch hinzuzuf├╝gen: ┬╗Ich habe Befehl, Sie zu keinem Zeitpunkt auf den Hof zu lassen, weshalb Sie vierundzwanzig Stunden in Ihrer Zelle bleiben werden.┬ź

┬╗Nicht in meiner Zelle, in einer der Ihren wird es sein…┬ź antwortete ich ihm und kl├Ąrte dieses Missverst├Ąndnis auf, das war mir wichtig.

Es war nicht meine Zelle, sondern eine Zelle des Staates und der Gesellschaft, in der man mir meine Freiheit und meine Rechte gegen meinen Willen entzog.

┬╗OK, Tarr├şo, wir lassen es damit gut sein, einverstanden?┬ź

┬╗Von mir aus, ja.┬ź

In Wirklichkeit waren meine Absichten ganz andere als ihre Pl├Ąne. Ich hatte beobachtet, dass der Eingang in die Frauenabteilung nicht mit einer Schlie├čerin besetzt war und offen stand. Die T├╝r f├╝hrte auf das Gel├Ąnde gegen├╝ber des Wachdienstgeb├Ąudes und sie lag genau neben dem Besucherbereich, und das hie├č, dass ich, falls ich es bis dorthin schaffte, versuchen konnte, das Gef├Ąngnis zu verlassen, unter die Familienangeh├Ârigen gemischt, die mich nicht verraten w├╝rden. Daran dachte ich, als ich wieder in den Bunker gebracht wurde, den sie eigens ger├Ąumt hatten, und ich blieb allein. Sie lie├čen mich in die Zelle, die man mir angewiesen hatte, ein paar Decken, ein Radio und einige B├╝cher mitnehmen.

Ich war wieder isoliert, in meiner gewohnten Umgebung. Ich legte mich auf die Matratze und blickte an die wei├če Decke mit einer bis zum ├ťberdruss wiederholten Geste, eine Sturmflut von Gedanken im Kopf. ├ťber mir befand sich die Galerie der ├Ąlteren Strafgefangenen. Das hie├č, ich konnte ├╝ber die Fenster Dinge in Empfang nehmen, mittels Bindf├Ąden. Ich brauchte ein Messer. Sonst nichts. Damit w├╝rde ich den Schlie├čer im Trakt in Schach halten, vielleicht sogar mehrere, denn wahrscheinlich w├╝rde nie einer alleine kommen, um meine Zelle zu ├Âffnen, doch das sollte kein Problem bedeuten.

Vor einem Messer, vor einer h├Âheren Gewalt, h├Ârten die Totschl├Ąger des Staats auf, Totschl├Ąger zu sein, wurden zu bescheidenen und sehr menschlichen Wesen. Nein, die w├╝rden nicht das Problem sein. Die Schlie├čer ├╝berw├Ąltigt und gefesselt in den Zellen, w├╝rde ich mit den Decken ein Seil kn├╝pfen und in den Hof der Frauenabteilung springen; ich w├╝rde die dortigen Schlie├čerinnen ├╝berw├Ąltigen, eine oder maximal zwei, und sie mit den anderen Gefangenen einsperren, falls eine etwas Dummes machen oder man sp├Ąter andere der Kollaboration mit mir anklagen wollte. Das w├╝rde uns allen Probleme ersparen. Ich w├╝rde die Schl├╝ssel an mich nehmen und unter den Besuch gemischt hinausgehen, denn es w├Ąre Vormittag, wenn alle drei├čig Minuten ein Besuch stattfindet. Falls es drau├čen auf dem Gel├Ąnde schwierig werden sollte, n├Ąhme ich die h├╝bsche Schlie├čerin am Eingang als Geisel. Hatten die mich etwa mit R├╝cksicht behandelt? War ich nicht selbst Geisel der Beamten? Ich w├╝rde die Gefangenschaft nie akzeptieren und diese Einstellung konfrontierte uns auf ewig. Die Idee war akzeptabel, gefiel mir und ich entschied mich, sie so schnell wie m├Âglich in die Tat umzusetzen.

Zwei Tage sp├Ąter bat ich die andere Galerie um ein Messer. Am selben Nachmittag schickten sie es mir. Sie warfen es in eine Sportjacke gewickelt in den Hof, von einem Fenster aus. Ich musste es nur noch holen. Mit einem Haken an einem langen Faden wollte ich die Jacke hochfischen. Damit war ich besch├Ąftigt, als sich die T├╝r zum Hof ├Âffnete. Eine Gruppe Schlie├čer nahm Jacke und Messer an sich. Gleichzeitig kamen zahlreiche Schlie├čer in meine Zelle und legten mir Handschellen an.

┬╗Diesmal bist du zu weit gegangen, Tarr├şo┬ź, sagte der Chefschlie├čer mit drohender Stimme.

┬╗Aber, was ist denn los?┬ź fragte ich nutzloserweise.

┬╗Spiel dich nicht auf, Tarr├şo. Man hat dir ein Messer aus dem Galeriefenster geworfen, wir haben gesehen, wie du es holen wolltest, und da du ja allein im Trakt bist, ist klar, gegen wen du es gebrauchen wolltest┬ź, erkl├Ąrte mir einer von ihnen mit einer Urteilskraft, die mich bei so einem Typen erstaunte. Man brachte mich in die Isolation f├╝r Jugendstrafgefangene, steckte mich in eine Zelle, die Nummer Vier, gegen├╝ber der Wacht├╝rme der Guardia Civil. Dort schlossen sie mir die H├Ąnde an das Bett und machten mich bewegungsunf├Ąhig.

┬╗So wirst du bleiben bis du von hier fortkommst…┬ź

Um mich nach dorthin zu verlegen, hatten sie vorher den Trakt ger├Ąumt und die dort Einsitzenden herausgeholt. Sie wollten mich unbedingt alleine haben, obwohl ich in der Tat auch so schon einen gro├čen Einfluss auf die anderen Gefangenen aus├╝bte. Sie wollten jeden Kontakt zu ihnen verhindern. Ich bereitete mich auf die Nacht vor. Diese Stellung bereitete mir gro├če Schmerzen in den Armen, doch das lehrte mich, die Dinge bei anderer Gelegenheit besser zu machen. Das war Teil des Spiels. Ich schlief die ganze Nacht nicht. Viele Dinge sausen einem in solchen Momenten durch den Kopf.

Am n├Ąchsten Tag wurde ich in das Gericht von La Coru├▒a gebracht, wo gegen mich wegen der Straftat des versuchten Haftentzugs verhandelt wurde. Im Lauf der Verhandlung informierte ich die Richterin ├╝ber meine derzeitige Situation im Gef├Ąngnis, doch sie h├Ârte nicht zu und achtete nicht auf meine Beitr├Ąge. Ich fuhr sie w├╝tend an:

┬╗Du Hundstochter! Das verstehst du also unter Gerechtigkeit? Ihr schickt die Leute munter ins Gef├Ąngnis, im Namen der Gerechtigkeit, und sp├Ąter vertuscht ihr die Folter und die Unregelm├Ą├čigkeiten, die dort vorkommen. Ihr prostituiert euren Beruf der Willk├╝r der Beh├Ârden. Und du willst ├╝ber mich richten? Sie sind bestimmt eine Frigide mit Minderwertigkeitskomplexen, was sich auf ihr Pygm├Ąengehirn auswirkt, mit dem Sie geschlagen sind…┬ź

Meine Worte riefen Unruhe im Saal hervor. Die Richterin war rot geworden. Sicherlich war sie an die sch├Ąbige Unterw├╝rfigkeit der meisten Straff├Ąlligen gew├Âhnt, die t├Ąglich hier vorgef├╝hrt wurden, um verhandelt zu werden, meine Erkl├Ąrung hatte sie beleidigt und schwer angegriffen.

┬╗F├╝hren Sie ihn aus dem Saal┬ź, brachte sie hervor, die Wut zur├╝ckhaltend. ┬╗Und Sie wissen┬ź, f├╝gte sie an mich gewandt hinzu, ┬╗dass gegen Sie ein Verfahren wegen Missachtung des Gerichts er├Âffnet wird.┬ź

┬╗Se├▒ora!┬ź antwortete ich ihr schon von der T├╝r aus, ┬╗mit ihren Urteilen wischÔÇÖ ich mir den Arsch ab, glauben sie mir…┬ź

Die Polizei brachte mich aus dem Saal und in einem Fahrstuhl bis in den Keller hinunter.

┬╗Ganz sch├Ân unversch├Ąmt, was, Tarr├şo?┬ź sagte mir einer von ihnen.

┬╗Nein, diese Arschl├Âcher machen mich fertig, ich kann sie nicht ertragen.┬ź

Ich redete mit ihm in freundlichem Ton weiter, um ein Klima des Vertrauens zu schaffen, denn ich hatte vor abzuhauen, wenn sie mich zum Transporter bringen w├╝rden. Und in der Tat. Wir kamen nach drau├čen, wo der Zellenwagen geparkt stand. Der Polizist f├╝hrte mich an den Handschellen, die meine H├Ąnde auf dem R├╝cken banden, als die anderen einige Meter Vorsprung bekamen. Da handelte ich. Ich nutzte eine S├Ąule des Geb├Ąudes, stie├č mich mit dem Fu├č daran ab, warf mich mit aller Gewalt nach hinten und streckte den Polizisten zu Boden, der die Handschellen allerdings immer noch mit einer Hand festhielt. Er schrie auf, ich antwortete mit mehreren Hackentritten in sein Gesicht, w├Ąhrend ich ihn hinter mir her schleifte, ohne Erfolg. Schnell st├╝rzten die anderen Bullen herbei, mit ihren Waffen, ├╝berw├Ąltigten mich und schleiften mich bis zum Wagen.

┬╗Wenn wir im Gef├Ąngnis ankommen, kannst du was erleben┬ź, drohten sie mir.

Im Gef├Ąngnis angekommen, stie├čen sie mich aus dem Transporter. Einer zog an meinen Haaren und drehte mein Gesicht nach oben. Der Rest hielt meine Arme. An der Eingangskabine zum Besucherbereich bedachte ich die Schlie├čerin mit einem gewollten Grinsen, und sie sah mich wieder einmal sprachlos an. Sie fragte einen der Bullen neugierig: ┬╗Was ist passiert?┬ź

┬╗Er hat versucht abzuhauen und dabei einen Kollegen verletzt, der Hund.┬ź

Wir gingen in das Innere der Anstalt. Mich erwartete eine Tracht Pr├╝gel aus Rache, das war in so einem Fall normal. Der Polizist allerdings, den ich angegriffen hatte, benahm sich wie ein echter Mensch und sagte, als wir gegen├╝ber standen:

┬╗He! Hast du gesehen, was du angerichtet hast?┬ź

┬╗Ich habe nichts gegen dich pers├Ânlich, ich wollte nur fliehen…┬ź

┬╗Das ist in die Hose gegangen┬ź, antwortete er schon ruhiger, ┬╗aber du hast was drauf. Wie alt bist du?┬ź

┬╗Zweiundzwanzig.┬ź

┬╗Nehmt ihm die Fesseln ab┬ź, wies er seine Kollegen an, und f├╝gte an mich gewandt hinzu: ┬╗Hoffentlich hast du beim n├Ąchsten Mal mehr Gl├╝ck, aber nicht bei mir┬ź, er l├Ąchelte.

┬╗Danke. Sie sind ein netter Typ.┬ź

Ich verga├č die Geste dieses Mannes nie, er hatte mir das Recht auf Flucht zugestanden, das bewies seinen Wert als Mensch. So etwas war ein ehrenhafter Gegner: er hatte es ausgeschlagen, sich an einem Wehrlosen auszulassen, obwohl seine Kollegen ihn dazu ermuntert hatten.

An der Gittersperre holten mich der Dienstleiter und seine Bande ab. Nachdem ich neu gefesselt war, brachten sie mich in die Zelle, die ich heute morgen verlassen hatte. Ich wurde wieder an das Bett gebunden.

┬╗Willst du essen?┬ź fragte einer von ihnen.

┬╗Ja. Und ich will Papier und Kugelschreiber, um ├╝ber das hier an das Strafvollzugsgericht zu schreiben.┬ź

Einer der Schlie├čer lachte: ┬╗Der Strafvollzugsrichter war es, der Ihre Ruhigstellung autorisiert hat, Tarr├şo, bis man Sie nach Daroca bringt.┬ź

Sie brachten mir Essen auf einem Plastiktablett und machten eine meiner H├Ąnde los, damit ich essen konnte. Ich a├č langsam, um meinen Armen Zeit zu geben, sich zu erholen. Ich a├č mit der linken Hand, auf dem Bett sitzend und mit dem Tablett auf den Knien, w├Ąhrend ich die Gruppe Schlie├čer beobachtete, die mit Spray und Kn├╝ppel bewaffnet um mich herum stand. Meinem Blick wichen sie aus. Sie f├╝hlten sich nicht wohl. Ich kannte sie alle aus fr├╝heren Aufenthalten im Gef├Ąngnis, vor Jahren, bei den Jugendlichen. Ich redete mit dem ein oder anderen um Zeit zu gewinnen.

┬╗Wozu hast du diesen Kn├╝ppel?┬ź fragte ich ihn.

Diese direkte Frage ├╝berraschte ihn und es schien einen Moment lang, als ob er sich der L├Ącherlichkeit dessen bewusst w├╝rde, vor einem mit einem Arm ans Bett gefesselten Mann.

┬╗Na ja, Tarr├şo, du wei├čt schon…┬ź

┬╗Du wei├čt schon, du wei├čt schon… Sie wissen eben nichts anderes zu sagen.┬ź

┬╗Ich handle auf Befehl, Tarr├şo. Au├čerdem sind Sie in letzter Zeit sehr gewaltt├Ątig. So werden Sie nichts erreichen…┬ź

┬╗Das hei├čt, dass Sie daran denken, mich mit dem Ding anzugreifen, stimmtÔÇÖs?┬ź war meine Antwort.

┬╗Gegebenenfalls ja. Wenn Sie sich benehmen, nicht…┬ź

┬╗Kann ich rauchen? Meine Zigaretten liegen in der anderen Zelle.┬ź

┬╗Nur eine Zigarette┬ź, mischte sich der Dienstleiter ein.

Man ├╝bergab mir eine spanische Winston. Ich z├╝ndete sie vorsichtig an und rauchte langsam. In der Zelle herrschte eine spannungsgeladene Stimmung und ein gro├čes, ungem├╝tliches Schweigen. Als ich mit der Zigarette fertig war, schlossen sie meine linke Hand erneut an das Bett und gingen.

Es brach die Nacht herein. Die Arme schmerzten mir ziemlich wegen meiner Bewegungsunf├Ąhigkeit, und die Gedanken sausten mir gewaltig im Kopf herum. Ich musste pissen, doch ich konnte niemanden rufen. Sie w├╝rden mich von hier aus nicht einmal schreien h├Âren. Und wenn mir in dieser Lage etwas zustie├če? Nichts w├╝rde passieren.

Der Richter w├╝rde daf├╝r sorgen, dass alles nach einem nat├╝rlichen Tod auss├Ąhe, sie w├╝rden meine Leiche meiner Mutter ├╝bergeben und ihr zynisch des Staates Beileid ausrichten.

Diese Strafe regte mich auf. Sie schien mir nicht gerechtfertigt. Sollte ich nicht auf den Weg gebracht werden, meine Fluchtinstinkte im Zaum zu halten und f├╝r die Sicherheit der dort arbeitenden Schlie├čer keine Gefahr darzustellen? Die hatten wohl das Recht sich zu verteidigen, ich gestand ihnen das zu ÔÇô doch nicht auf diese miserable Art und Weise! Ich war nur auf eine erfolgreiche Flucht aus gewesen und nicht darauf, jemanden zu verletzen. Doch sie waren darauf aus, dem Menschen weh zu tun. Seine Moral zu brechen, seinen physischen Widerstand, seinen Willen. Bei der Anwendung ihrer Strafen zog die Beh├Ârde nicht den physischen und moralischen Schaden in Betracht, den sie bei dem Str├Ąfling anrichtete, sondern achtete einzig und allein auf ihre eigenen Interessen. Eine primitive L├Âsung. In den Augen der Beh├Ârde und auch der Gesellschaft war diese Bestrafung legitim, doch Strafen war eine schwerwiegende illegitime Aggression seitens des Staats, war doch der Bestrafende um keinen Deut besser als der Bestrafte, allein schon wegen der Unverh├Ąltnism├Ą├čigkeit der Strafe. Nie ist es legitim, zu strafen, denn mit Strafen erzieht man nicht, Strafe ist Rache. Warum? Es liegt auf der Hand: Strafe resozialisiert niemanden, was ja der eigentliche Zweck der Behandlung ist, sondern ist einfach Bestrafung, repressive Aggression, der Gebrauch von Zwang auf physischer und nicht moralischer Grundlage. So wird einzig erreicht, dass sich das Individuum entsprechend umsichtig verh├Ąlt, vor├╝bergehend, unter dem Druck der Einsch├╝chterung durch die Beamten und ihren Kanon an Machtmitteln und Strafmethoden.

Es war l├Ącherlich, diese besch├Ąmende Doppelmoral. Wie wollten sie jemanden umerziehen, wo sie doch nicht einmal zu verzeihen wussten? Wie wollten sie gerecht sein, wo die Strafe ohne Vergebung zur blo├čen Rachenahme wurde? Beh├Ârde und Gesellschaft sollten erwachsen genug sein, Neid und Bosheit, Niedertracht und Rache zu ├╝berwinden. Wie wollte man mir so zeigen, dass meine Regelverletzungen erforderten, dass sie die Verantwortung f├╝r mich ├╝bernahmen, dass ich Strafe verdiente, wo ich jeden Tag sehen konnte, wie die Vollstrecker jener Strafe an mir das Gesetz ├╝bertraten, ohne selbst bestraft oder dabei auch nur eingeschr├Ąnkt zu werden?

Am n├Ąchsten Morgen zum Z├Ąhlappell wurde mir verweigert, auf die Toilette zu gehen, und ich konnte nicht mehr anhalten und machte mir in die Hosen. Man gab mir kein Fr├╝hst├╝ck, und sie kamen nicht einmal herein, bis zum Mittagessen. Sie brachten mir ein Tablett mit warmen gekochten Kartoffeln, die ich hungrig unter den wachsamen Augen meiner Henker aufa├č. Man erlaubte mir weder, die Kleidung zu wechseln oder zu duschen, noch kam ein Arzt, um mich zu untersuchen. Ich blieb den ganzen Tag lang auf dieselbe Weise gefesselt. Ich w├╝rde den n├Ąchsten Tag abwarten m├╝ssen, die Guardia Civil w├╝rde kommen um mich abzuholen. Es kam mir komisch vor, doch ich w├╝nschte sie so schnell wie m├Âglich herbei, damit sie mich aus dieser Lage heraus holte.

Diese Nacht war mir sehr kalt. Ich versuchte zu schlafen, doch ich schaffte das nur in Abst├Ąnden. Die Arme qu├Ąlten mich die ganze Zeit, obwohl die Matratze und die Kleidung, die ich anhatte, es etwas ertr├Ąglicher machten.

In der Tat kam am n├Ąchsten Tag fr├╝h morgens die Guardia Civil und holte mich ab. Die Schlie├čer brachten mich in Handschellen bis ans Gitter. Als ich eskortiert den Hof ├╝berquerte, verabschiedeten sich die Gefangenen aus der Jugendabteilung von mir:

┬╗Alles Gute, Che, pass auf dich auf!┬ź

┬╗Sowieso┬ź, antwortete ich ihnen und l├Ąchelte ihnen zu.

Auf der anderen Seite des Gitters tauschten sie meine Handschellen gegen welche von der Guardia Civil, die waren anders. Sie fesselten mich allein, die anderen Gefangenen befanden sich zu Paaren aneinander geschlossen. Sie alle w├╝rden mitfahren. Wir begr├╝├čten uns alle bevor es los ging. Einer der Schlie├čer warnte den Vorgesetzten der Guardia Civil vor mir:

┬╗Passt auf mit dem, der ist Ausbrecher und ziemlich unruhig.┬ź

┬╗Wissen wir┬ź, antwortete er. Dann wandte er sich an mich:

┬╗Tarr├şo, ich hoffe, wir werden eine ruhige Fahrt haben. Du bleibst alleine. Wenn du auf die Toilette willst, dr├╝ckst du auf die Klingel im K├Ąfig und wir holen dich raus. Komm nicht auf dumme Gedanken und zwing mich nicht dazu, dich die ganze Fahrt ├╝ber an den Sitz zu schlie├čen, OK?┬ź

In seiner Stimme lag keine Anma├čung, sondern Ruhe und Bereitschaft zum ├ťbereinkommen. Er wusste mit mir umzugehen und tat dies mit Taktgef├╝hl, weshalb ich ihn beruhigen wollte und antwortete:

┬╗Immer mit der Ruhe, wenn sie mir eine Weile aufschlie├čen, um im Gang die Beine zu strecken und aufs Klo zu gehen, reicht das. Was das ├ťbrige angeht, es wird keine Probleme geben.┬ź

┬╗Gut.┬ź

Sie brachten uns zum Transporter hinaus. Meine Mitreisenden zuerst, ich nach allen anderen. Mehrere Guardias Civiles begleiteten mich. Drau├čen am Eingang, l├Ąchelnd, die Schlie├čerin, die die P├Ąsse einsammelte. Sie bewegte den Kopf hin und her, und ich dachte, die spinnt. Ich belohnte sie mit meinem sch├Ânsten L├Ącheln und zwinkerte ihr komplizenhaft zu. Als ich an ihr vorbeikam, fand sie folgende Worte:

┬╗Sie h├Âren wohl nie auf zu l├Ącheln, was, Tarr├şo?┬ź

┬╗Ich habe eben viel Spa├č. Bis bald, guapa┬ź, antwortete ich ihr gut gelaunt.

┬╗Viel Gl├╝ck!┬ź

Sie steckten mich in einen der zwanzig K├Ąfige des Transporters. Ich war froh dar├╝ber, alleine zu fahren, denn so hatte ich mehr Bewegungsfreiheit. Die Zellen waren so dreckig wie eh und je, doch schmutzig und vollgepisst, wie ich war, war mir das ziemlich egal. Au├čerhalb der Stadt schlossen sie mir auf, damit ich pinkeln gehen konnte. Ich ging auf dem Flur auf und ab, unterhielt mich mit den anderen Gefangenen und rauchte dabei eine Zigarette. Die anderen unterhielten sich von K├Ąfig zu K├Ąfig schreiend ├╝ber ihre Fahrtziele, ihre Strafma├če und pers├Ânliche Dinge. Ich ging aufs Klo und pinkelte so gut es ging durch jenes Loch, bei voller Fahrt, und steckte mich dann wieder in den K├Ąfig, damit der n├Ąchste an die Reihe kam. Wir l├Âsten einander ab.

Am Nachmittag kamen wir in Le├│n an, wo man uns in die Zellen der Aufnahmeabteilung brachte, wir sollten dort die Nacht verbringen. Ich kam mit zwei anderen in ein Zelle und konnte meinem Mitteilungsbed├╝rfnis nachgehen. Ich konnte mich in der Zelle ├╝ber dem Klo mit mehreren Eimern Wasser duschen, das tat mir mal wieder gut.

Am n├Ąchsten Morgen fuhren wir weiter bis zum Madrider Gef├Ąngnis Carabanchel. Wir kamen nachmittags um drei an, m├╝de und ersch├Âpft von der Reise. Dort w├╝rden wir mehrere Tage bleiben, bis andere Transporter uns an unsere jeweiligen Zielorte br├Ąchten.

Sie begleiteten uns in Handschellen bis ins Innere der Anstalt und nahmen sie uns dort wieder ab. Die Guardia Civil hatte ihre menschliche Fracht nun abgeliefert und ging. Die Schlie├čer f├╝hrten uns in die R├Ąume f├╝r die ED-Behandlung und nahmen uns die T├╝ten ab, in denen wir unsere Habe mitf├╝hrten. Weil wir viele waren, kamen anschlie├čend einige von uns in amerikanische Zellen, die sich von den normalen dadurch unterschieden, dass die Frontwand ganz aus Gitter bestand, wie in einem Zook├Ąfig. Diese Zellen befanden sich im Keller, ein paar Treppen hinunter, unterhalb der Aufnahme. Dorthin also kam ich zusammen mit ein paar anderen.

Meine Compa├▒eros scherzten und lachten. Ich machte nicht mit. Ich setzte mich auf einen Vorsprung und dachte an die Dinge, die Jahre zuvor hier geschehen waren, das hatten mir einige der ├Ąltesten Gefangenen erz├Ąhlt. Ich versetzte mich im Geiste ins Jahr 1978. Damals war ich nur zehn Jahre alt gewesen. In der dritten Galerie dieses Gef├Ąngnisses war ein Tunnel entdeckt worden, und man ├╝berraschte darin mehrere Gefangene. Einer von denen, ein Anarchist namens Agust├şn Rueda Sierra war zu der Sache verh├Ârt worden. Man wollte die Mitt├Ąter an diesem Tunnelbau wissen, und das Verh├Âr fand genau in der Zelle statt, in der wir gerade sa├čen. Im Beisein eines Arztes schlug man ihn dort tagelang. Agust├şn Rueda weigerte sich standhaft, mit der Direktion zusammenzuarbeiten und die Namen der Leute zu nennen, die mit ihm ausbrechen wollten. Das hie├č f├╝r ihn: Jede Menge Pr├╝gel, mit dem Ergebnis, dass er Tage sp├Ąter tot war. Der damalige Generaldirektor der Strafvollzugsbeh├Ârde Jes├║s Haddad Blanco nahm die Schlie├čer in Schutz, die jenen Mann geschlagen hatten bis er starb. Als Antwort auf den Tod von Agust├şn Rueda setzte die GRAPO dem Leben des Generaldirektors am 22. M├Ąrz mit einem Attentat ein Ende.

Ich stellte mir also die Szene vor. Ein nackter Mann, an die Gitter dieser Zelle gefesselt, weigert sich, seine Genossen preiszugeben und akzeptiert es, totgeschlagen zu werden. Ich fragte mich, wie viele Hiebe n├Âtig waren, um dem Leben dieses Mannes ein Ende zu bereiten. Zwanzig, f├╝nfzig, hundert? Bei diesem Gedanken stellten sich mir die Nackenhaare auf, und Sch├╝ttelfrost ergriff mich. Ich empfand Bewunderung f├╝r diesen Menschen, der gewusst hatte, Mensch zu sein, und ich empfand Ohnmacht und Schutzlosigkeit gegen├╝ber der Gef├Ąngnis-Unterwelt.

Du schwebst in meinem Schatten,

Dein Ende erf├╝llt mich mit dunklem Rachdurst.

Du bist das versammelte ICH des Parlaments derer mit dem gleichen Namen,

Eine Stimme aus der Gesellschaft, wo die Widerspr├╝che sich zuspitzen.

Im Namen unserer Krone lebst du wirkliche Loyalit├Ąt,

Unsere Unterkunft m├Âblierst du mit Gef├╝hlen,

Die Z├Ąhne der S├Ąge wanderten von meiner zur Deinen.

Hervorragendster Mieter in der H├Âhle meiner reinsten Gedanken!

Auf dem Kreuzgang der Totschl├Ąger drehen wir die Lautst├Ąrke aus

Und blasen wild zum Angriff

Bis unser Blut die Zweifel anderer n├Ąhrt,

In St├Ądten aus Eisen und Beton, mit Trommelwirbel in der Brust.

Du, Genosse, l├Ąsst im Herzen sich Fackeln entz├╝nden.

An tausend Orten tragen wir schwer an der Ungerechtigkeit

Und setzen Solidarit├Ąt gegen trauerndes Haareraufen.

Ein Mensch richtet seine W├╝rde auf im, Trott der Masse

Er erklimmt Gipfel und h├Ąlt der Ideen St├╝rme aus.

Am H├Âhepunkt des wilden Tanzes

Fallen aus der Leiche die W├╝rmer

O lass die Sehnen wieder Blut pumpen,

widerspenstige Blutk├Ârper in jede Faser,

bis dem Berg der Grund entzogen ist,

und alles im kalten Mondlicht daliegt.

In Memoriam Agust├şn Rueda

Stunden sp├Ąter kamen sie, um uns nach der ED-Behandlung in der Aufnahme in die amerikanischen Zellen der sechsten Galerie mitzunehmen. Man wies mir eine dieser schmutzigen und absto├čenden Zellen zu. Dort w├╝rde ich mehrere Tage warten m├╝ssen, bis sie mich zusammen mit anderen nach Zaragoza transportierten. Beim Hofgang traf ich Lolo, El Carmona, einen Freund von mir, den ich genau hier zu anderer Gelegenheit kennengelernt hatte. Wir gingen zusammen spazieren und unterhielten uns.

┬╗Von wo kommst du jetzt, Lolo?┬ź

┬╗Aus Santander┬ź, kl├Ąrte er mich auf, ┬╗und jetzt gehtÔÇÖs nach Daroca, erster Grad.┬ź

┬╗Gut, dann werden wir wohl zusammen fahren.┬ź

┬╗├ťberm orgen, stimmts?┬ź

┬╗Ja.┬ź

Gef├Ąngnis Daroca, Zaragoza, Oktober 1990

Eine Gruppe Schlie├čer empfing uns in Daroca, nach einer anstrengenden Reise. Sie durchsuchten uns, f├╝hrten uns durch einen Metalldetektor und wiesen uns dann Trakt Eins zu, dem Trakt f├╝r Querulanten. Dort traf ich auf Jos├ę Mar├şa Exp├│sito. Von ihm erfuhr ich, dass der Ausbruch, den seine Br├╝der in Pontevedra vorbereitet hatten, w├Ąhrend ich dort war, von der Polizei vereitelt worden war. Das tat mir Leid.

In der Anstalt herrschte Unruhe und es roch nach Stress. Vor kurzem hatte ein H├Ąftling in unserem Trakt einen anderen umgebracht, mit einem Stich ins Herz; ein Begleichen offener Rechnungen, ├╝blich unter uns. Au├čerdem war ein gesch├Ątzter Kamerad und Genosse aus Aufst├Ąnden in Zamora, den wir als Rufino kannten, gerade erst mit einundzwanzig Jahren an AIDS gestorben.

Einige Stunden vor dem Sterben lie├čen sie ihn heraus, schon in Agonie; er erreichte Madrid nicht lebend, starb in dem Auto, das ihn nach Hause fuhr, in den Armen seiner Mutter.

Die Vorstufe von Gewalt lag in der Luft: Zorn, weswegen wir Besuch von einem Inspektor der Generaldirektion der Strafvollzugsbeh├Ârden erhielten. Zwei Gefangene aus jedem Trakt wurden ausgesucht, um mit ihm zu sprechen. Die Probleme aller anderen sollten zur Sprache kommen. Ein Genosse und ich wurden Sprecher von Trakt eins, den wir repr├Ąsentieren sollten. Das Gespr├Ąch fand in einem B├╝ro der Krankenstation statt, das normalerweise leer stand. Mein compa├▒ero trat zuerst ein und ich wartete, bis ich an der Reihe war, bewacht von zwei Schlie├čern in Gegenwart des Direktors. Als das Interview des anderen zu Ende war, ging ich in das B├╝ro hinein. Dort, auf einem Stuhl sitzend, fand ich einen gut gekleideten und penibel frisierten Mann vor, der mich anl├Ąchelte. Offenbar wollte er ein vertrauensvolles Klima zwischen uns beiden schaffen. Er begr├╝├čte mich:

┬╗Hallo, wie gehtÔÇÖs?┬ź

Ich setzte mich auf einen Stuhl, ihm gegen├╝ber, und antwortete h├Âflich: ┬╗Hallo…┬ź

Sie sind Jos├ę Tarr├şo, nicht wahr?┬ź fragte er, w├Ąhrend er auf eine Liste mit Namen blickte, die er auf wei├čem Papier bei sich hatte.

┬╗Ja. Ich komme aus Trakt eins.┬ź

┬╗Gut gut, ich komme, um mich mit euch zu unterhalten, falls ihr mir etwas mitteilen wollt. Ihr wisst ja, vor kurzem ist hier ein H├Ąftling gestorben, er wurde erstochen. Wir wollen damit Schluss machen und mit anderen Dingen, die in dieser Anstalt ablaufen, diese Anstalt hier war immer konflikttr├Ąchtig. Wie lebt ihr hier?┬ź

┬╗Schlecht, um auf Letzteres zu antworten. Was das ├ťbrige angeht, es gibt Gewalt und wird sie immer geben, solange die Gef├Ąngnisse derart wilde Repression an den H├Ąftlingen aus├╝ben und sich darauf versteifen, alle H├Ąftlinge an demselben Ort festzuhalten, ohne andere, menschliche oder mindestens logische Gesichtspunkte zu ber├╝cksichtigen…┬ź

┬╗Was f├╝r Gesichtspunkte?┬ź unterbrach er mich.

┬╗Die Gefangenen sollten in ihren jeweiligen Heimatprovinzen ihre Strafe verb├╝├čen, um Konflikte wegen der Herkunft zu verhindern und die Brutalisierung zu vermeiden, die bei uns allen die Trennung von der Familie ausl├Âst. Es ist schier unm├Âglich, dass unsere Familien hunderte von Kilometern zur├╝cklegen, um uns f├╝r nur drei├čig Minuten zu sehen, durch eine Scheibe. Au├čerdem gibt es hier weder Werkst├Ątten noch sonstige Angebote. Die Leute h├Ąngen ihre ganze Hofgangszeit einfach nur herum, ohne eine andere Besch├Ąftigung als spazieren gehen, und verbringen die restliche Zeit, zweiundzwanzig von vierundzwanzig Stunden, in eine Zelle eingeschlossen. Und so geht das jeden Tag der Woche, des Monats, des Jahres. Man verbietet uns die vis-a-vis-Besuche, wo wir doch f├╝r Jahre getrennt von unserer Familie sind und uns mit keiner Frau ins Bett legen. Das schafft Gewalt, mein Herr, bei Menschen, die meistens zu langen Gef├Ąngnisstrafen verurteilt sind.┬ź

Ich machte eine Pause, um Luft zu holen und die Gedanken zu

ordnen. Ich fuhr fort:

┬╗Wir H├Ąftlinge im ersten Grad sind von uns aus schwierig. Deshalb sperren sie uns hier ein. Wenn wir obendrein noch einer erniedrigenden Behandlung unterworfen werden und man uns Grundrechte vorenth├Ąlt, was erwarten Sie? Hier funktioniert nicht einmal die Krankenstation, wie sie es sollte; wir haben hier AIDS-kranke H├Ąftlinge auf dem Hof, ohne wirksame medizinische Betreuung; die in dieser Anstalt hier ist wer wei├č wie j├Ąmmerlich. Um einen einfachen Sportraum zu bekommen, haben wir die gesamte Anstalt zerst├Âren m├╝ssen, was im ├╝brigen hei├čt, dass Gewalt manchmal effektiv ist, und wenn sie es nicht ist, so ist Gewalt doch das Einzige, was man uns l├Ąsst. Wegen Kleinigkeiten werden Gefangene geschlagen, und das, mein Herr, hilft nicht. Ich behaupte nicht, dass Sie die Gewalt absichtlich sch├╝ren, doch ich behaupte, dass Sie sich weigern, von Ihren gem├╝tlichen Sesseln und Ihrer menschlichen Inkompetenz aus die Realit├Ąt zu sehen. Wir Gefangenen sehen diese Zusammenh├Ąnge wohl, im Knast brutalisieren wir t├Ąglich mehr, bis zur Grausamkeit und Gef├╝hllosigkeit.┬ź

┬╗Caramba, sie lassen mir ja nicht viel Spielraum. Sie sehen die Dinge sehr negativ, Tarr├şo. Irgendetwas Gutes werden wir schon tun, nicht?┬ź unterbrach er mich wieder. Seine rechte Hand spielte mit einem Bic-Kugelschreiber. Ich bekam Lust, zynisch zu werden:

┬╗Sehen Sie mal. Ich wei├č nicht, wozu Sie gekommen sind, doch sicherlich werde nicht ich es sein, der hier den Strafvollzugsterrorismus hochleben l├Ąsst, den Sie benutzen, um uns zu bestrafen. 1980 gab es 20.000 Gefangene in den spanischen Gef├Ąngnissen, heute z├Ąhlen Sie 40.000. Ich glaube ehrlich, dass Sie inkompetent sind, dass Sie es nicht verstanden haben, ein Problem der Gesellschaft, das Ihnen anvertraut wurde, zu l├Âsen. Wie viele Jahre haben Sie schon dieselben Probleme auf dem Tisch? Auf einen Str├Ąfling, den Sie halbwegs resozialisieren, kommen f├╝nf neue Straff├Ąllige. Sie haben das Gef├Ąngnis zu einem Gesch├Ąft gemacht, nicht zu einer L├Âsung.┬ź

Ich holte noch einen Moment Luft und fuhr fort, ich war in Fahrt gekommen. ┬╗Das Gef├Ąngnis an sich ist Gewalt, mein Herr, es ist die Kriminalschule f├╝r Erstt├Ąter wie mich; die Universit├Ąt des B├Âsen… Ich und meine Mitgefangenen sind das Futter, von dem eure Gef├Ąngnisse leben, eure Geh├Ąlter, euer gro├čes Gesch├Ąft. Nichts kann man von einer Person erwarten, die nicht zuh├Ârt, die keine Gef├╝hle hat und die nicht daran denkt, anderen Interessen zu dienen als strikt ihren eigenen. Guten Tag…┬ź, schloss ich, mich somit verabschiedend, und verlie├č das B├╝ro.

Ich h├Ątte mich noch eine Weile ├╝ber ihn hermachen k├Ânnen. Nein, die w├╝rden nie etwas ├Ąndern. Die Strafvollzugsbeh├Ârde schickte immer diese Inspektoren, wenn etwas Schlimmes passiert war oder sie vermutete, es w├╝rde passieren. Damit versuchten sie, die Gem├╝ter zu beruhigen, mit falschen Versprechungen, die niemals in die Tat umgesetzt wurden. Dieses Interview war pure Routine, b├╝rokratisches Papiere-und-noch-mehr-Papiere-Vollschreiben und eine Rechtfertigung f├╝r die Arbeit jener, die von Madrid aus die Institute der Repression steuerten. Jene Papiere hielten als Belege her, mit denen sich die Verwaltung vor der Gesellschaft repr├Ąsentieren konnte, man zeigte Besorgnis ├╝ber die Zust├Ąnde in den Haftanstalten. Nein, nichts w├╝rde dieses Interview ├Ąndern, so, wie hunderte von Anzeigen nichts ├Ąnderten, die von den Gef├Ąngnissen aus ihren Weg zu den Strafvollzugs- oder Untersuchungsgerichten machten. Die L├Âsung f├╝r die Probleme in den Gef├Ąngnissen hatte notwendig die Einigung der Gefangenen untereinander zur Voraussetzung. Entf├╝hrungen, Aufst├Ąnde, Unruhen, Streiks ÔÇô nur mit noch mehr Gewalt konnte den zerst├Ârerischen Haftbedingungen beigekommen werden. Ein bewaffneter Kampf in den Gef├Ąngnissen tat Not, und ein Volksaufstand, dessen Forderungen von den Medien der Bev├Âlkerung ├╝bermittelt w├╝rden, genau wie die Angstschreie der zu Geiseln gemachten Henker. Der Kampf m├╝sste alle Ecken eines jeden Gef├Ąngnisses erreichen, angefangen bei den Sonderbedingungen, ├╝ber die geschlossenen Abteilungen und weiter in den zweiten Grad. Zumindest war das, was unter den grausamen Bedingungen von Herrera de La Mancha gedacht wurde, wo sich koordiniert von Javier ├üvila Navas die APRE neu gr├╝ndete, zu Anfang bestehend aus f├╝nf zu den genannten Bedin- gungen Gefangener. Mit solchen Ideen gingen Laudelino Iglesias, Luis Rivas D├ívila, Vicente S├ínchez, Antonio Losa L├│pez und Javier ├üvila Navas, ├╝brigens vor kurzem wieder verhaftet, zur Aktion ├╝ber und gr├╝ndeten eine der gewichtigsten und st├Ąrksten Organisationen der spanischen Strafvollzugsgeschichte. Damals konnte niemand von uns und noch weniger die Beh├Ârde sich vorstellen, was kurz darauf geschehen w├╝rde, wenn n├Ąmlich von der Theorie in die Praxis ├╝bergegangen wurde. Vorstellbar waren auch noch nicht die Ma├čnahmen zur Vergeltung, die der spanische Staat ergreifen sollte.

Die Zelle in diesem Trakt, in der ich sa├č, war schmal aber lang, was mir erlaubte, lange Spazierg├Ąnge zu machen. Den vergangenen Monat war ich ziemlich besorgt ├╝ber meine Gesundheit gewesen; ich hatte die gewohnte Ruhe verloren, mit der ich mich stundenlang vor ein Buch setzen oder langatmige revolution├Ąre Erg├╝sse verfassen und an Familie und Freunde schicken konnte. Ich f├╝hlte mich unruhig und ├Âfters bekam ich Herzklopfen oder Erstickungsanf├Ąlle. Dann brauchte ich Platz und stellte mich vors Fenster, um die Luft auf meinem Gesicht f├╝hlen zu k├Ânnen, damit dieser Druck vor├╝ber ging, der auf mir lastete. Zusammen mit dem allgegenw├Ąrtigen Gedanken an AIDS f├╝hlte ich deswegen eine st├Ąndige Paranoia und litt ziemlich darunter, denn ich assoziierte jedes Symptom mit dem Tod. Die M├Âglichkeit, dass der Tod mich im Gef├Ąngnis heimsuchte und dass diese kalten W├Ąnde mein letzter Eindruck sein k├Ânnten, drehte in meiner Vorstellungswelt ihre Runden. Mit den ├ärzten hatte ich jeden Kontakt abgebrochen, denn ich hasste sie tiefgr├╝ndig wegen allem, was sie machten und was sie mit den Gefangenen geschehen lie├čen. Ich hielt jene unangenehmen Momente also durch, so gut es eben ging. Ich war zu stolz, um jene Bastarde in Arztkittel um Hilfe zu bitten. Sie waren die Schande des eigentlich edlen Arztberufs, dessen Aufgabe es war, den Menschen zu helfen, und nicht, sie zu zerst├Âren. Am meisten machte mich aber die Wirkung besorgt, die Rufinos Tod auf mich gehabt hatte. AIDS hatte nur drei├čig Tage ben├Âtigt, um ihn in ein Nichts zu verwandeln, in einen Haufen Knochen, der einmal ein Mensch gewesen war. Es war beeindruckend und furchtbar. Sie hatten sich bis zum letzten Moment geweigert, Artikel 60 auf ihn anzuwenden, demzufolge die Beh├Ârde die Pflicht hat, alle Straf- und Untersuchungsgefangenen in der terminalen Phase jeder ├Ąrztlich bescheinigten t├Âdlichen Krankheit freizulassen. Eine Sache war es zu sterben, und eine ganz andere, langsam dahinzusiechen in tagelanger Agonie, den K├Ârper voll mit Nadeln, Schl├Ąuchen und eiternden Wunden.

Der Besuch des Inspektors der Generaldirektion ├Ąnderte, wie wir vermutet hatten, nichts in Daroca. Die Bedingungen waren nach wie vor brutal und repressiv, zerst├Ârerisch. Zweiundzwanzig der vierundzwanzig Stunden des Tages verbrachtest du in der Zelle, wenn sie dich nicht in die Bestrafungszellen steckten, weil irgendeinem aus Langeweile brutalem Schlie├čer nichts besseres einfiel. Gegenseitige Hilfe war verboten. So wurde zum Beispiel jemand, der dabei erwischt worden war, Kaffee von einem Zellenfenster an das n├Ąchste zu reichen, nach Trakt f├╝nf gebracht und dort geschlagen, damit wir es von hier aus nicht h├Âren und aus Protest an die T├╝ren h├Ąmmern konnten. Danach schlossen sie ihn an das Metall seines Bettgestells und lie├čen ihn dort bis zum n├Ąchsten Tag, an dem sie ihm die Fessel abnahmen, und anschlie├čend blieb er eine Zeit in Isolation. Unangreifbarer Terror. Manchmal verboten sie uns sogar, uns untereinander ├╝ber die Fenster zu unterhalten, worauf wir aber normalerweise nicht achteten. Das bescherte uns Isolationsstrafen zwischen sieben und vierzehn Tagen, wenn nicht eine Portion Pr├╝gel. Sie hatten die Haft ersten Grades in der Geschlossenen in drei Phasen unterteilt: Die erste f├╝r die als b├Âse eingestuften, die zweite f├╝r die halbwegs Umerzogenen und die dritte f├╝r denjenigen, den sie als an die Bedingungen angepasst einsch├Ątzten und als bereit f├╝r den Schritt vom ersten Grad in den zweiten, offeneren Vollzugsgrad. Diese behavioristische Individualtherapie hatte zum Ziel, uns in Gruppen aufzuteilen, gegr├╝ndet auf das menschliche Verhalten beeinflussende Stimuli, sogenanntes ┬╗positives┬ź Verhalten belohnend, ┬╗negatives┬ź bestrafend. Wenn du dort heraus wolltest, w├╝rdest du dich anpassen m├╝ssen, dich einer erniedrigenden Disziplin unterwerfen, die darauf aus war, den Menschen seiner Pers├Ânlichkeit und Urteilskraft zu berauben. Den Passierschein von einem Trakt in den anderen verkauften sie dir als ┬╗Fortschritt┬ź, als w├Ąren nicht das Gef├Ąngnis und seine Mauern das eigentliche Problem und schuld an unserer Unruhe und unserem Leiden. Um dein gutes Betragen zu belohnen, boten sie dir Besuch von deiner Familie oder deiner Frau als vis-a-vis an, einen Fernsehapparat oder Zugang zum Sportraum, als w├Ąren dies nicht in der Strafvollzugsordnung vorgesehene Rechte. Benahmst du dich nicht entsprechend, wurden dir die ┬╗Privilegien┬ź wieder aberkannt und du wurdest eine Phase zur├╝ckgestuft. Das war Erpressung als Erziehungsmittel: Bist du gut, darfst du deine Mutter sehen; bist du b├Âse, darfst du es nicht. Sie behandelten uns wie Kinder, versuchten, unseren freien Geist zu unterwerfen und dass wir unsere Strafe akzeptierten, dass wir das Gef├Ąngnis verstehen und annehmen. Das war hirnlos und teuflisch, einem der ambitioniertesten, repressivsten und sch├Ąbigsten Geister der Epoche entsprungen, dem des Generaldirektors der Strafvollzugsbeh├Ârden, Antoni Asunci├│n.

Eine Woche nach jenem Besuch sandte mir Jos├ę Mar├şa Exp├│sito ├╝ber andere Gefangene eine Nachricht von Trakt zwei aus. Ich las den kleinen Zettel:

┬╗Che, morgen wirst du fortgebracht, ein Schlie├čer hat es mir erz├Ąhlt. Ich werde dir Geld schicken, und wenn du noch etwas brauchst, lass es mich wissen. Du kommst nach Teneriffa 2. Pass auf dich auf. ├ünimo. Dein Freund Jos├ę Mar├şa.┬ź

Das war die Antwort auf meine Forderungen. Falls ich nicht weit genug entfernt war von La Coru├▒a, schickten sie mich auf eine Insel in Afrika. In einem Anflug von Humor dachte ich, die schicken mich nicht noch weiter weg, weil sie keine Kolonien im Ausland mehr haben, wenigstens das. K├Ânnt ihr euch vorstellen sie h├Ątten mich nach Guinea geschickt, in die Sahara oder auf irgendeine verlorene Insel im Pazifischen Ozean? F├╝rchterlich! Andererseits kam es mir inkonsequent vor, dass dieser Schlie├čer diese Information hatte durchsickern lassen. Trotz der ausdr├╝cklichen Anweisung, mir unter keinen Umst├Ąnden mitzuteilen, wann ich wohin gebracht wurde, um mich zu ├╝berraschen, hatte jener W├Ąrter das meinem Freund erz├Ąhlt, dessen bewusst, dass jener mich seinerseits informieren w├╝rde. Er tat mir einen selbstlosen Gefallen, einen Moment lang war er zu seiner Eigenschaft als Mensch zur├╝ckgekehrt und bevorteilte mich, wer wei├č warum. Und ich hatte die Schlie├čer f├╝r unf├Ąhig gehalten, zu denken! Ich glaube, dass einige von ihnen ungl├╝ckliche Menschen waren. Eine Minderheit war oft mit der Arbeit als Henker der Gesellschaft nicht einverstanden. Mit Aktionen wie dieser rebellierten sie ein bisschen gegen die Robotisierung und Brutalisierung, dagegen, blo├čes Werkzeug zu sein, ohne Gef├╝hle, nicht mehr als ein Folterinstrument. Letzten Endes waren wir alle Menschen und wollten unser Gewissen auf irgendeine Weise zum Schweigen bringen, jene schwache Stimme in unserem Innern, die sich meldete, wenn wir Dinge gegen unsere Prinzipien taten. Oder etwa nicht?

Ich verabschiedete mich von Carmona und den anderen Kameraden. Ich packte meine Sachen zusammen und besorgte mir f├╝r die Reise alles Geld, das ich kriegen konnte. Dann bat ich einen Gefangenen, er solle am n├Ąchsten Tag bei mir zu Hause in La Coru├▒a anrufen und meine Familie von meiner Verlegung unterrichten. Am n├Ąchsten Morgen, als die T├╝r der Zelle, in der ich einsa├č, sich ├Âffnete, fanden sie mich angekleidet und alle Sachen in drei T├╝ten gepackt. Ich war bereit f├╝r den Umzug. Ich fuhr ins Gef├Ąngnis von Carabanchel, f├╝r drei Tage meine Durchgangsstation, von wo mich ein anderer Transport in Richtung C├ídiz brachte. Wir ├╝bernachteten in der Anstalt von C├│rdoba. Dort gab es Probleme bei der Durchsuchung, denn sie sperrten uns alle zusammen in zwei Zellen und befahlen uns, die Kleidung abzulegen und nackt Kniebeugen zu machen. Das kam mir erniedrigend vor und ich weigerte mich.

┬╗Was?┬ź sagte einer der Schlie├čer ├╝berrascht, ┬╗Sie weigern sich, Kniebeugen zu machen?┬ź

┬╗Genau, und wenn Sie mich durchsuchen wollen, werden Sie das in einem anderen Raum tun m├╝ssen, denn ich werde mich nicht in der ├ľffentlichkeit nackt ausziehen.┬ź

┬╗Was ist los?┬ź mischte sich ein anderer Schlie├čer ein, ┬╗Sie sind wohl etwas Besseres als die anderen?┬ź

┬╗Nein, aber diese Art der Personendurchsuchung kommt mir nicht angemessen vor, und wenn die anderen das zulassen, ist das ihr Problem, nicht meins.┬ź

Sie sperrten mich in eine der Zellen, allein. Die anderen Gefangenen nahmen sie mit ins Innere der Anstalt und kamen mich dann besuchen, in Begleitung des Dienstleiters, der stolz ein Rangabzeichen an seiner Brust trug.

┬╗OK, Tarr├şo, wo liegt das Problem?┬ź fragte er mich.

┬╗Es gibt kein Problem, nur, dass ich mich weigere, wie Vieh behandelt zu werden.┬ź

┬╗Los jetzt, geben Sie uns die Kleidung.┬ź

Ich zog mich aus und ├╝bergab ihnen die Kleidungsst├╝cke, die ich getragen hatte, damit sie sie durchsuchen konnten. Als ich nackt dastand, befahl mir einer von ihnen: ┬╗Machen Sie Kniebeugen!┬ź

┬╗Nein┬ź, antwortete ich.

Er sah den Dienstleiter fragend an und wartete auf einen Befehl. Jener wandte sich erneut an mich: ┬╗Nun gut. Wenn Sie sich so anstellen, kommen Sie direkt in die Disziplinierungszellen, ohne Tabak und Economato. Ihre Habe k├Ânnen Sie hier lassen, denn Sie werden sie nicht brauchen, wir werden Ihnen zwei Decken zukommen lassen.┬ź

Nachdem ich mich angezogen hatte, brachten sie mich in die Isolationsabteilung und sperrten mich in eine Zelle. Sie war klein. In die Wand eingelassen, ein kleines Fenster, was auf die graue und triste Mauer von gegen├╝ber wies. Kaum drang das Tageslicht herein. Jede Menge Staub und Asche. Ich begann in der Zelle auf und ab zu gehen, in Gedanken. Es kam mir erniedrigend und gemein vor, dass sie uns nackt Kniebeugen machen lie├čen, dass wir uns gegen- seitig unsere ├ärsche vorzeigen mussten, nur aus kranker Laune einer Gruppe Schlie├čerlehrlinge. Die Kniebeugen waren eine Beleidigung, jedenfalls empfand ich sie jedes Mal, da ich sie machen musste, als Beleidigung, und ein Mensch sollte nichts machen, was seine Liebe zu sich selbst verletzt, niemals. Wir Gefangenen mussten damit aufh├Âren, mit der Verwaltung zu kollaborieren, indem wir uns ihren Launen unterwarfen. Bestrafung war vorzuziehen. Das war in der Tat nicht das Praktischste, doch war es das W├╝rdigste. Wir konnten nicht weiter Kniebeugen machen, nackt und ├Âffentlich, w├Ąhrend andere Gefangene in anderen spanischen Gef├Ąngnissen Pr├╝gel und Sonderstrafe erleiden mussten, weil sie sich weigerten, mit dem Ziel, definitiv damit Schluss zu machen, endg├╝ltig Schluss zu machen mit allen Gef├Ąngnissen, Kniebeugen und erniedrigender Behandlung. Jetzt wurde ich bestraft, weil die anderen Gefangenen akzeptiert hatten, Kniebeugen zu machen. H├Ątten wir uns alle geweigert, w├Ąre wahrscheinlich niemand bestraft worden, und wir h├Ątten verhindert, dass dasselbe mit anderen Gefangenen gemacht wurde, bei einer anderen Verlegung. Es war eine Frage von Stolz und W├╝rde.

Mit dem Abendessen brachten sie mir zwei schmutzige Decken, die nach F├Ąulnis rochen. Ich warf sie in eine Ecke und ging nach dem Essen weiter spazieren, die ganze Nacht hindurch, bis zum n├Ąchsten Tag, an dem die Fahrt nach C├ídiz weitergehen w├╝rde, zusammen mit den anderen.

El Puerto de Santa Mar├şa, 1. November 1990

Das ber├╝hmte Gef├Ąngnis von Puerto de Santa Mar├şa tauchte durch die metallischen Gitterst├Ąbe des Transporters der Guardia Civil vor meinen Augen auf. Gebaut aus rotem Ziegelstein stand es allein auf weiter Flur, bewacht von der Polic├şa Nacional. Im Wagen wurde es pl├Âtzlich still, und die Handschellenschl├╝ssel, das Gold und andere verbotene Objekte kehrten an ihre gewohnten Verstecke zur├╝ck. Das automatische Einfahrttor zum Anstaltsgel├Ąnde ging auf, der Transporter fuhr hinein und kam vor der T├╝r f├╝r die Aufnahme zum Stehen. Wir waren da. In Zweierpaaren stiegen wir aus dem Wagen, nahmen unsere Sachen an uns und begaben uns in die Innereien des Geb├Ąudes. Dort wartete eine Gruppe Schlie├čer auf uns, die uns nach der ED-Behandlung zu den Disziplinierungszellen brachten, die sich in der sogenannten ┬╗Kuppel┬ź, dem obersten Stockwerk befanden. Nach einer vollst├Ąndigen Durchsuchung von Person und Habe sperrten sie jeden von uns in eine der Zellen. Die Kerker von Puerto de Santa Mar├şa waren au├čerordentlich klein und erdr├╝ckend, brutal. Es war unm├Âglich, in ihnen auf und ab zu gehen, und das hie├č, man musste auf dem Bett sitzen oder liegen bleiben. Letzteres war inzwischen erlaubt, vor Jahren mussten die Gefangenen dort den ganzen Tag sitzen oder stehen, es war verboten gewesen, sich hinzulegen, zu rauchen oder zu reden. Ich wusch mir das Gesicht im Waschbecken und urinierte in das daneben befindliche ebenerdige Klo. Dieses Loch war mit einer mit Wasser gef├╝llten Plastikflasche verschlossen, das war der Deckel, der Ger├╝che und nachts die Ratten fernhalten sollte. Ich blickte aus dem Aluminiumfenster: Gegen├╝ber und unterhalb der Kuppel lag die Krankenstation der Anstalt. Es befanden sich mehrere Menschen darin, einer von ihnen sichtbar krank: er hatte AIDS. Das erkannte ich an seiner extremen Magerkeit. Verloren ging er durch den Saal, und seine Augen, schattig umrandet von der N├Ąhe des Todes, hatten jeden Glanz verloren. Ich st├Ârte ihn nicht. Ich erinnerte mich an meinen Landsmann Fern├índez Mari├▒o, der vor Jahren in diesem Saal gestorben war, an derselben furchtbaren Krankheit. Ich hatte ihn nicht gekannt, doch hatten wir gemeinsame Freunde, die mir von ihm erz├Ąhlt hatten. Er war ein echter Rebell, ein geborener K├Ąmpfer, einer der Anf├╝hrer des ersten Aufstands mit Geiseln, der in diesem ber├╝chtigten und gef├╝rchteten Gef├Ąngnis stattgefunden hatte. Dank ihm und dank Antonio Mateo, der ebenfalls an AIDS gestorben war, wurden die schwersten Haftbedingungen der spanischen Gef├Ąngnisse ge├Ąndert. Bedingungen, unter denen jahrzehntelang die h├Ąrtesten Kriminellen des Landes gehalten und eingesch├╝chtert wurden. Es waren Leute wie sie, die in Begleitung von Ort├şz Jim├ęnez, Zamoro Dur├ín, Maya Martos, Fern├índez Varela und Redondo Fern├índez die Geiselnahmen an Schlie├čern mit Forderungen verbanden. Sie schlugen zur├╝ck und prangerten ├Âffentlich, ├╝ber die Medien, die unmenschlichen Zust├Ąnde in den spanischen Gef├Ąngnissen an. Ohne Zweifel schuldeten wir ihnen viel, wir alle. Leute wie Fern├índez Mari├▒o und Antonio Mateo verdienten es, dass ihrer mit vorz├╝glichstem Respekt gedacht wurde, denn sie waren unter anderem die ersten gewesen, die sich dem Kampf gegen das System verschrieben hatten, die f├╝r die AIDS-Kranken k├Ąmpften, die anfingen im Gef├Ąngnis zu sterben, unter den kalten, zynischen, gleichg├╝ltigen Augen der Beh├Ârde.

Am n├Ąchsten Tag, nach dem obligatorischen Foto und einem kurzen Gespr├Ąch mit einer Sozialarbeiterin, wurde ich nach Trakt zwei gebracht, wo sich mein Freund Anxo befand. Ich traf ihn auf dem Hof.

┬╗Qu├ę pasa, Anxo?┬ź gr├╝├čte ich und umarmte ihn.

┬╗Was machst du denn hier?┬ź fragte er.

┬╗Ich komme nach Teneriffa 2, bin hier auf der Durchreise… und du?┬ź

┬╗Ich komme aus Salto del Negro, Las Palmas. Sie erwischten uns noch auf dem Gel├Ąnde, Garfia und mich, als wir versuchten, ├╝ber die Mauer zu springen. Jetzt wei├č ich nicht, wohin sie mich bringen.┬ź

┬╗Sch├Âne Schei├če. Na ja, n├Ąchstes Mal klapptÔÇÖs, oder?┬ź Ich wollte ihn aufmuntern.

┬╗Na klar…┬ź

Wir gingen in Kreisen im rechteckigen Hof herum, unter einem blauen und sonnigen Himmel.

┬╗Und hier? Wie ist es hier?┬ź

┬╗Locker, was die Schlie├čer angeht. Anscheinend haben ihnen die letzten Geiselnahmen zu Denken gegeben. Ansonsten ist hier nicht viel los.┬ź

┬╗Ja, scheint so.┬ź

Es stimmte. Das ber├╝hmt-ber├╝chtigte Puerto de Santa Mar├şa war nicht mehr die H├Âlle, die es fr├╝her gewesen war. Jetzt konnte man von Fenster zu Fenster reden, vor Jahren etwas Undenkbares. Die Gefangenen konnten denen, die in den Zellen sa├čen, Kaffee schicken, ohne Angst vor Pr├╝gel. Man schlug die Gefangenen nicht mehr unter jedwedem Vorwand, es gab keine n├Ąchtlichen Besuche mehr, die zur Einsch├╝chterung gedient hatten. Hin und wieder lie├č ein Schlie├čer seine schlechte Laune heraus, w├╝tete in jemandes Zelle und schmiss jemandes Sachen durch die Gegend, nicht mehr als Wutanf├Ąlle frustrierter Folterer, deren h├Âchster Ausdruck von Leben es gewesen war, sich mittels sch├Ąbigsten und niedertr├Ąchtigsten Missbrauchs selbst zu verwirklichen. F├╝r sie gab es ohne harte Hand keinen Terror, und ohne Terror gab es keine Disziplin. Das war, was sie ihr ganzes Leben lang praktiziert hatten. Sie hassten uns, denn in ihren Augen waren wir nur der Abschaum der Gesellschaft, wo es doch auf Erden nichts miserableres gibt als den Beruf des Henkers. Sie lebten versteckt und in Angst und f├╝rchteten st├Ąndig um ihr Leben. Auf der Stra├če hatten sie keine anderen Freunde als die anderen Schlie├čer; die Gesellschaft verachtete sie. Sie wussten das, und das machte sie noch schlimmer, sie wurden b├Âse und intolerant. Sie ertr├Ąnkten jene Realit├Ąt im Gef├Ąngnis, wo sie sich wichtig f├╝hlten. Ja, Puerto hatte sich ge├Ąndert, doch sie sich nicht, und bei der n├Ąchsten Gelegenheit w├╝rden sie zu den alten Gewohnheiten zur├╝ckfinden, zur Pr├╝gel und zur verkorksten Mentalit├Ąt, die sie mehrheitlich kennzeichnete. Das Gef├Ąngnis ├Ąnderte sich nicht, wechselte man nicht die Schlie├čer aus, und ohne Zweifel waren die verantwortlich f├╝r viel Amtsmissbrauch und Folter, und solange sie blieben, w├╝rde es damit weitergehen.

Als ich ein paar Tage sp├Ąter ├╝ber den Hof ging, brachten sie Juan Jos├ę Garfia. Ich ging bis zur Zugangst├╝r zum Trakt und wir redeten durch die Gitterst├Ąbe.

┬╗Mann!┬ź rief er, als er mich sah, ┬╗du bist ja ├╝berall!┬ź

┬╗Damit meinst du wohl eher dich, oder?┬ź fragte ich ihn l├Ąchelnd.

┬╗Was machst du hier?┬ź fragte er mich.

┬╗Ich komme nach Teneriffa 2.┬ź

┬╗Da hast du Gl├╝ck, denn ich habe geh├Ârt, da kann man gut abhauen. Viel Erfolg also…┬ź

┬╗Und was ist mit dir? Anxo hat mir schon das von Salto del Negro erz├Ąhlt. Pech.┬ź

┬╗Ja, das war Pech.┬ź

┬╗Hast du Geld?┬ź

┬╗Nein, nicht eine Kr├Âte. Ich hab alles auf dem Schiff f├╝r Bier ausgegeben.┬ź

┬╗Sp├Ąter schicken wir dir etwas, OK?┬ź

┬╗Gut.┬ź

Zwei Wochen sp├Ąter fuhr ich los nach Teneriffa. Ich verabschiedete mich von meinen Freunden, und gegen elf wurde ich in einem kleinen Transporter bis zum Hafen von C├ídiz gebracht. Dort hielten wir vor einer riesigen F├Ąhre mit Namen Manuel Soto, wie ich an ihrem Bug lesen konnte. Wir warteten einige Minuten und man lie├č uns ├╝ber eine H├Ąngebr├╝cke in die Garage der F├Ąhre einfahren, wo schon andere Transporter, Lastwagen und Autos standen. Sie holten mich in Handschellen heraus und brachten mich zu den Zellen-Kabinen, neben den Maschinenr├Ąumen, unterhalb der Wasserlinie. Der L├Ąrm der Motoren, die warm liefen, war ohrenbet├Ąubend. In der Zelle befand sich ein Stockbett mit zwei Pl├Ątzen, ein Klo und eine Klappe in der T├╝r, durch die hindurch man mir die Handschellen abnahm und wodurch ich mein Essen bekam. Zwei Guardias Civiles bewachten mich. Die beiden waren freundlich zu mir und kauften mir mit dem Geld, das ich ihnen gab, in der Schiffscafeteria ein paar Bier und eine Schachtel Zigaretten. Es war eine entspannte Reise.

Dritter Teil: Auf dem Weg in die Rebellion

Was ist Freiheit? Was ist Sklaverei? Best├Ąnde die Freiheit des Menschen in der Emp├Ârung gegen alle Gesetze? Nein, insofern diese Gesetze nat├╝rliche, wirtschaftliche und soziale Gesetze sind, die nicht autorit├Ąr aufgezwungen werden, sondern in den Dingen, den Beziehungen, den Situationen selbst liegen, deren nat├╝rliche Entwicklung sie ausdr├╝cken.

Ja, insofern als es politische und juridische Gesetze sind, die von Menschen anderen Menschen aufgezwungen werden, sei es mit dem Recht der Kraft, willk├╝rlich; sei es heuchlerisch, im Namen irgendeiner Religion oder metaphysischen Doktrin; sei es endlich kraft jener Fiktion, jener demokratischen L├╝ge, die man das allgemeine Stimmrecht hei├čt.

MICHAEL BAKUNIN

Kanarische Inseln, Gef├Ąngnis Teneriffa 2, November 1990

Am dritten Tag, ungef├Ąhr um zehn Uhr morgens, lief die Manuel Soto im Hafen von Santa Cruz auf Teneriffa ein. Das kraftvolle Stampfen der Motoren verstummte und klang noch in meinen Ohren nach, als mir durch die Klappe erneut Handschellen angelegt wurden und ich zum Gefangenentransporter gebracht wurde, zusammen mit meinen Siebensachen. Von Santa Cruz ging es nach La Laguna und dort nach La Esperanza, dem Berg, auf dem das Gef├Ąngnis stand. Es war gro├č und seine grauen Mauern waren beeindruckend hoch. Eine lange Br├╝cke, bewacht von einem Paar Guardias Civiles, spannte sich vom Eingang zu einer kleinen nahe gelegenen Hochebene, ├╝berquerte das Gel├Ąnde und ein kleines Tal. Nachdem wir zwei enorme automatische Tore durchquert hatten, hielt der Wagen in einer kleinen Garage, von der aus man in die Aufnahmeabteilung gelangte. Dort ├╝bernahmen mich die Schlie├čer, und nach der ED-Behandlung, dem nackt Ausziehen und einer vollst├Ąndigen Untersuchung meiner Person und meiner Sachen wurde ich in einen der Trakte gebracht. Diese hatten die Form von allein stehenden H├Ąusern und waren voneinander durch asphaltierte Wege und kleine Gr├╝nanlagen getrennt. Mittendrin entdeckte ich ein Schwimmbecken. Ich muss sagen, dass mich das schon erstaunte, so etwas war neu f├╝r mich. Mir wurde eine Zelle im Trakt f├╝r Neuaufnahmen zugewiesen, und, ├ťberraschung auf ├ťberraschung, ich durfte mich im Trakt bewegen, in den Economato gehen und mit den anderen zusammen im Speisesaal essen. Seit drei Jahren hatte ich mit niemandem mehr zusammen gegessen sondern immer einsam in der Zelle ÔÇô es kam mir ungewohnt vor und verst├Ârte mich. Ich kam an einen Tisch mit zwei Afrikanern, vor denen ich mich ernst und reserviert zeigte. Es war eigenartig, doch in diesem Moment h├Ątte ich lieber allein in der Zelle gegessen als dort unter Menschen.

Nach dem Essen ging ich zusammen mit anderen Gefangenen zum Fenster des Kaffeeausschanks. Den leitete ein Transsexueller mit f├╝lliger Brust, den alle als Lola kannten ÔÇô Transsexuelle und schwule M├Ąnner gab es dort mehrere. Ich bestellte zwei Kaffee:

┬╗Zwei schwarze Kaffee bitte.┬ź

┬╗Du bist der Neue, oder?┬ź fragte sie neugierig. ┬╗Von wo kommst du?┬ź

┬╗Aus Zaragoza.┬ź

┬╗Aah, du bist Gote, von wo denn?┬ź

┬╗Was soll das hei├čen, Gote?┬ź

┬╗So nennen wir hier die Leute vom Festland.┬ź

┬╗Ich hei├če Jos├ę und komme aus La Coru├▒a, ich bin Galizier.┬ź

┬╗H├╝bsche Gegend, Galizien. Ich hei├če Lola.┬ź

┬╗Das wei├č ich.┬ź

Als der Kaffee serviert war, verabschiedete ich mich von Lola. Zu Anfang war es nicht ganz einfach, diesen Typen als Frau zu behandeln, doch aus Respekt vor seinen Gef├╝hlen nannte ich ihn bei seinem weiblichen Namen. Das schien ihm zu gefallen, denn zur Siesta-Zeit, als er zusammen mit anderen Gefangenen den Trakt und den Essenssaal putzte, kam er bei mir vorbei. Ich war in die Zelle eingeschlossen. Deshalb redeten wir durch das vergitterte Guckloch in der T├╝r.

┬╗Hallo┬ź, gr├╝├čte sie mich.

┬╗Hallo.┬ź

┬╗Wirst du hier bleiben?┬ź

┬╗Ja┬ź, antwortete ich, ┬╗aber sie werden mich bald in die Isolation bringen, denn ich bin im ersten Grad und es kommt mir schon komisch vor, dass sie mich hier lassen.┬ź

┬╗Dann wirst du auf die andere Seite des Trakts kommen, auf die andere Seite jenes Wachh├Ąuschens┬ź, erkl├Ąrte sie mir und zeigte mit dem Finger auf ein nah gelegenes kleines Geb├Ąude.

┬╗Gut.┬ź

┬╗Warst du schon duschen?┬ź Sie ging zum Angriff ├╝ber, mit einem vielsagenden Grinsen.

┬╗Nein, noch nicht┬ź, antwortete ich.

┬╗Warum gehst du nicht jetzt?┬ź ÔÇô Sie lud mich ein.

┬╗Nein danke┬ź, blockte ich ab, ┬╗und h├Âr auf, mich anzubaggern. Ich respektiere dich, wie du bist, doch das ist alles, verstehst du? Alles weitere ist ├╝berfl├╝ssig.┬ź

┬╗OK, einverstanden.┬ź

Diesen Nachmittag wurde ich in den Trakt daneben verlegt, Isolation. Ich bekam eine Zelle im unteren Stockwerk. Die Behandlung war bis dahin korrekt gewesen, erstaunlich korrekt. Die Zelle, die man mir zugewiesen hatte, hatte eine Dusche neben dem Waschbecken und dem Klo, beide aus rostfreiem Edelstahl und in den Zement eingelassen. Ein steinerner Tisch und ein metallener Stuhl standen vor einem der beiden Zellenfenster, deren Gitter kreuzweise verschwei├čt waren. Ein Bett aus Stein und zwei kleine Schr├Ąnke zur Aufbewahrung der Habe komplettierten das Interieur. Ich r├Ąumte meine Sachen ein und machte das Bett. Dann duschte ich und dachte auf dem Bett ausgestreckt nach. Alles dort war anders als was ich bisher erlebt hatte in den Gef├Ąngnissen auf dem Festland. Die lockere und entspannte Stimmung brachte mich durcheinander. Die Schlie├čer hatten mir gegen├╝ber H├Âflichkeit an den Tag gelegt, und die Zellen befanden sich in einem ziemlich bewohnbaren und hygienischen Zustand. Ich f├╝hlte mich nicht von der Repression verfolgt wie in den Vollzugsanstalten ersten Grades, aus denen ich kam. Au├čerdem war ich nahezu entz├╝ckt: In diesem Komplex aus Anstaltstrakten und Mauern roch es nach der Chance auszubrechen. Die Br├╝cke, die ich bei meiner Ankunft hatte sehen k├Ânnen, und die ├╝ber das gesamte Gel├Ąnde f├╝hrte, hatte ich st├Ąndig vor Augen. Das Gef├Ąngnis war neu, und das hie├č, dass sein Sicherheitssystem m├Âglicherweise an irgendeinem Punkt auszuhebeln war. Die Frage war, an welchem. Alle Gef├Ąngnisse, absolut alle, hatten einen Schwachpunkt, aber nicht alle Gefangenen waren in der Lage, ihn auszunutzen. Am wichtigsten war, eine Gelegenheit wahrzunehmen, sobald sie sich bot und es eine Chance auf Erfolg gab. Versagte man, flickte die Direktion das Leck und verst├Ąrkte die Sicherheit in der ganzen Anstalt. So wurde auch, wenn einer von uns versagt hatte, die Generaldirektion von den von uns angewandten Methoden unterrichtet, welche sich dann darum k├╝mmerte, die anderen Gef├Ąngnisse zu informieren. Dort wurden dann neue Ma├čnahmen aufgelegt, die Auswirkungen auf die Chancen anderer Ausbrecher hatten; die Hoffnung Vieler war die Flucht. Deshalb w├╝rde ich mich vor einem Versuch aufs Beste informieren m├╝ssen, es einfach so zu versuchen, war nicht angebracht.

Am n├Ąchsten Morgen ging ich mit den ├╝brigen Gefangenen aus meinem Trakt auf den Hof. Zwei von ihnen waren Mitglieder von ETA, die anderen drei comunes wie ich. Wir alle kamen vom Festland und waren st├Ąndig zusammen, und nur manchmal brachte man Gefangene aus anderen Trakten, die eine Zeit in Isolation verbringen mussten. Der Trakt hatte zwei Stockwerke, zwei kleine H├Âfe und einen Fernsehraum. Man erkl├Ąrte mir, wie der Apparat funktionierte. Es gab reichlich und gut zu essen. Wir hatten ein wirklich professionelles ├ärzteteam, einen Yogalehrer, eine gut sortierte Bibliothek und t├Ąglich vier Stunden Zugang zum Hof. Man erkl├Ąrte mir auch, der Direktor w├╝rde mich wohl rufen, um mit mir zu sprechen, und was er mir m├Âglicherweise sagen w├╝rde. Doch das w├╝rde ich schon sehen.

Auf meinem Spaziergang erteilte mir einer der Ärzte Visite, in einem kleinen Zimmer für die Sprechstunde, neben dem Aufenthaltsraum.

┬╗Hallo, sagen Sie mir, wie Sie hei├čen?┬ź fragte er mich.

┬╗Jos├ę Tarr├şo Gonz├ílez.┬ź

┬╗Gut. Sehen Sie, ich habe ihrer Akte entnommen, dass Sie seit mehreren Jahren Tr├Ąger von AIDS-Antik├Ârpern sind, weshalb wir Ihnen eine Essenszulage verschreiben werden, zus├Ątzlich zum normalen Essen. Sie wissen schon, Joghurt, belegte Brote und Obst. Sind Sie damit einverstanden?┬ź

┬╗Das finde ich hervorragend┬ź, antwortete ich.

┬╗Wie f├╝hlen Sie sich jetzt?┬ź

┬╗Zur Zeit gut.┬ź

Wir f├╝llten einige Formulare aus und verabschiedeten uns mit einem H├Ąndedruck. Niemals hatte mich auch nur irgendein Arzt so behandelt, derart professionell, wie dieser Mann es getan hatte. Bis jetzt hatte man sich in keinem Gef├Ąngnis darum gek├╝mmert, mir besonderes Essen zuzuteilen, und er hatte das getan, ohne dass ich ihn gebeten h├Ątte. Jener Arzt wusste es nicht, doch es war das erste Mal, dass ich einem von ihnen die Hand angeboten hatte. Das bedeutete mir viel.

Dank dieser Zulage widmete ich mich mehrmals die Woche dem Laufen ├╝ber den Hof, um meinen K├Ârper in Form zu halten, unerl├Ąsslich f├╝r einen Ausbrecher, wie die Luft f├╝r einen Vogel. Auch machte ich manchmal beim Yoga mit, ein Yogi gab uns Unterricht. Daf├╝r brachten sie uns in Gruppen in den Aufenthaltsraum des Trakts, und dort sa├čen wir dann auf Decken, machten Atemtraining im Lotossitz oder ├ťbungen wie den Sonnengru├č. Yoga hatte bisher meine Aufmerksamkeit nicht sonderlich erregt, doch diese einfachen ├ťbungen sollten mir zusammen mit den Yogab├╝chern, die ich daneben las, noch von gro├čem Nutzen sein. ├ťberhaupt las ich wieder mehr. Es gab eine gut best├╝ckte Bibliothek, aus der mir die Lehrerin die B├╝cher brachte, die ich wollte, ohne Begrenzung der Anzahl. Dort entdeckte ich Albert Camus, dessen Werke mich beeindruckten, nahm Shakespeare wieder auf, und ich unterhielt mich mit Medea und den Troyanern von Euripides. Die Trag├Âdie faszinierte mich. Jene Werke gaben eine authentische, wirkliche und wahrhaftige Wahrnehmung des Lebens wieder. Was uns diese unsch├Ątzbaren Kenner der menschlichen Psyche auf Pergament hinterlassen hatten, war das Leben an sich: Schmerz, Konflikt, Eitelkeit, Angstzust├Ąnde, Lust, die ein oder andere Freude, Depression, Neid, Wut, Liebe (und Lieblosigkeit), der Tanz um das Goldene Kalb, und, schlie├člich, der Tod: unsere sterilen Anstrengungen und Eitelkeiten, zu Nahrung f├╝r die W├╝rmer geworden, Mistd├╝nger f├╝r die Erde.

Wie es mir angek├╝ndigt worden war, wurde ich an diesem Nachmittag in das B├╝ro des Direktors gebracht. Begleitet von zwei Schlie├čern durchquerte ich mehrere G├Ąrten, bis in die Zentrale, wo sich die Leitung befand, neben der Krankenstation und dem Kino. Ich passte genau auf. Von dort aus gingen wir eine Treppe hinauf bis in den zweiten Stock, wo sich die Archive und die Amtsstuben der Gef├Ąngnisb├╝rokratie befanden. ├ťber eine Reihe G├Ąnge und T├╝ren gelangten wir bis ins B├╝ro des obersten Befehlshabers. Dort lie├čen sie uns allein.

┬╗Setzen Sie sich┬ź, wies er mich autorit├Ąr aber h├Âflich an.

Ich setzte mich ihm gegen├╝ber und sah ihn direkt an.

┬╗Ich werde klar und deutlich zu Ihnen sein, Tarr├şo. Mir ist bekannt, dass Sie ziemlich konfliktreich und schwierig sind. Ich hoffe, dass sich das hier ├Ąndern wird und dass Sie zur Mitarbeit bereit sind. Sie werden mitbekommen haben, dass wir Ihnen eine gewisse Bewegungsfreiheit innerhalb des Trakts zugestehen. Benehmen Sie sich und Sie werden sehen, wie Ihnen das zugute kommt.┬ź Das sagte er mir, ein Diskurs, den ich schon kannte, denn ich war ja schon ├╝ber seine rhetorischen K├╝nste aufgekl├Ąrt worden. Nach einer Pause fuhr er fort: ┬╗Ihre Akte z├Ąhlt hier gar nichts, und Ihre Vergangenheit interessiert uns nicht, aber das, was Sie von jetzt ab tun. Haben Sie mich verstanden?┬ź

┬╗Ja, und ich finde es in Ordnung, was Sie mir anbieten, doch mit dem, was mir die Strafvollzugsordnung auferlegt, habe ich mehr als genug, weshalb ich Sie bitte, sich danach zu richten, und von mir aus wird alles gut laufen. Ich muss sagen, die Behandlung ist korrekt, wof├╝r ich dankbar bin. Ich bin nicht daran gew├Âhnt, gut behandelt zu werden, wissen Sie?┬ź f├╝gte ich vorsichtig hinzu.

┬╗Wir hoffen, dass Sie mitwirken und dass wir sie bald in einen zweiten Grad ├╝berf├╝hren k├Ânnen, verhalten Sie sich also entsprechend. Das ist alles, was ich Ihnen sagen wollte.┬ź

┬╗Einverstanden.┬ź

Beim Verlassen des B├╝ros, am Ende des Ganges, auf dem R├╝ckweg in den Trakt konnte ich f├╝r einen Moment die Br├╝cke sehen, die genau dort endete. Ich pr├Ągte mir alles ein. Ich war entschlossen, etwas zu versuchen. Das Angebot der Verwaltung kam zu sp├Ąt. F├╝r sie war es wohl bequem, die Vergangenheit der Menschen mit einem Federstrich auszuklammern und nach Gutd├╝nken Gelegenheiten und Privilegien zu verteilen. Mit was f├╝r einer Leichtigkeit machten sie aus einem Menschen ein Instrument! Es kann sogar sein, dass das alles gut gemeint war, doch ich w├╝rde mich nicht f├╝r Experimente in Psychologie der P├Ądagogik zur Verf├╝gung stellen. Dem Vorschlag des Direktors w├╝rde ich schwerlich folgen k├Ânnen: Vergessen? All die Schikane, den Missbrauch, jene st├Ąndigen derart erniedrigenden Durchsuchungen, die Pr├╝gel und die Fesseln oder die Transporte in K├Ąfigen? Die unterlassene medizinische Hilfeleistung an Tausenden von AIDS- und anderen Kranken, die Disziplinierungszellen, die Niedertr├Ąchtigkeit von Menschen, die Menschen kaputtmachen? Vergessen, dass jemand Tr├Ąger von AIDS-Antik├Ârpern war und dass man ihn in kalten Zellen sterben lie├č, nach jahrelanger Agonie, oder in den S├Ąlen der Gef├Ąngniskrankenh├Ąuser, ans Bett gefesselt? Die Behandlung vergessen, die man jenen Kranken angedeihen lie├č, meistens junge Leute, die in die F├Ąnge der Drogen geraten und mit der Welt der Kriminalit├Ąt vertraut geworden waren? Was soll ich vergessen, Herr Direktor? Dass ich eines jener verabscheuungsw├╝rdigen Wesen war, die man allzu h├Ąufig in Haft sterben lie├č, im Namen einer d├╝steren Rache, die den B├╝rgern aus dem Herzen sprach? Oder sollte ich besser sagen, den Henkern? Nie hatte ich meine Ablehnung des Systems, speziell des Strafvollzugssystems, verheimlicht. Das w├╝rde ich auch jetzt nicht tun. Ich war vollkommen davon ├╝berzeugt: Meiner zahlreichen Defekte zum Trotz waren in meiner Banditenseele mehr Gr├Â├če und Liebe ÔÇöworauf alle mit anklagenden Zeigefingern deutetenÔÇö als in der versammelten Mannschaft derjenigen, die meine Haft geplant, an ihr mitgewirkt und sie vollstreckt hatten. Ich w├╝rde nicht mithelfen, jenes System zu genehmigen, im Tausch gegen entsprechende Verhei├čungen, auch wenn das meine lebenslange Isolation bedeuten konnte.

Im Trakt herrschte Routine. Ich pflegte mich h├Ąufig mit einem der Politischen zu unterhalten, durch das Guckloch in der Zellent├╝r. So manchen Nachmittag lieh er mir seine Schreibmaschine, damit ich Texte verfassen konnte, die ich anschlie├čend an die Richter sandte, die mich verurteilt hatten ÔÇöich bedrohte sie mit dem Tod. Vielleicht w├╝rde man gegen mich ein Verfahren er├Âffnen, und dass w├╝rde mir die Chance bieten, w├Ąhrend der Verhandlung ├Âffentlich die Folter in den spanischen Gef├Ąngnissen anzuprangern, und bei jeder dieser Gelegenheiten w├╝rde ich mehr versuchen k├Ânnen. Es ging mir darum, auf irgendeine Weise am Krieg gegen die Menschen und Institutionen teilzunehmen, die f├╝r die Justiz verantwortlich waren. Und eine der besten Arten dies zu tun war auszubrechen, mit starkem Willen und Mut jene uns auferlegte Strafe zu unterlaufen, ihnen das Recht abzusprechen, uns zu bestrafen, und uns selbst zu befreien, mittels RebellionÔÇö das war der Weg, der vor uns lag.

Ich provozierte eine Panne in meiner Zelle und versuchte so, in eine der Zellen in der unteren Etage verlegt zu werden, die auf die Br├╝cke und die Wacht├╝rme der Guardia Civil hinaus wiesen. Das schaffte ich auch, nach einem Gespr├Ąch mit einem Schlie├čer. Von dieser Position aus konnte ich beobachten, dass die Familienangeh├Ârigen der Gefangenen ├╝ber die Br├╝cke in die Besuchsr├Ąume gelangten, wie auch die Schlie├čer, die ├╝ber die Br├╝cke den Wachwechsel durchf├╝hrten. Das Gel├Ąnde hatte ein einziges Tor, durch das nur Versorgungslastwagen und Polizeitransporter fuhren. Der ├╝brige menschliche Verkehr musste durch dieses Tor stattfinden, herein und hinaus. Es gab drei Kontrollen. Die erste au├čerhalb der Anstalt, wo die Ausweise aller Ankommenden eingesammelt und bei Verlassen der Anstalt wieder ausgeh├Ąndigt wurden. Die zweite Kontrolle geschah von den zwei Wacht├╝rmen genau in der Mitte der Br├╝cke aus, hier sa├čen zwei Guardias Civiles und blickten ├╝ber die Gef├Ąngnismauern. Die dritte Kontrolle fand in der Zentrale statt und bestand aus mehreren automatischen T├╝ren, die den Zugang ins Innere der Anstalt oder in die Besuchsr├Ąume freigaben. Nachts war alles gut beleuchtet und die Guardias standen konstant Wache, sie setzten sich kaum ruhig hin. Doch ich fand einen kleinen Fehler in der Beleuchtung. Es war die Ausleuchtung der Br├╝cke, die ├╝berwiegend von rechts kam. Sie traf auf das Betongel├Ąnder und lie├č die rechte Innenseite der Br├╝cke im Halbdunkeln. Wenn ich es schaffte, auf die Br├╝cke zu gelangen, ohne gesehen zu werden, w├╝rde ich ganz eng am Gel├Ąnder entlang ├╝ber den Boden robben k├Ânnen, nicht im Blickfeld des rechten Turms, und im Schatten des Gel├Ąnders auch vor den Blicken aus dem linken Turm gesch├╝tzt. Au├čerdem w├╝rde die N├Ąhe der beiden T├╝rme, zwischen denen nur die zwei Meter breite Br├╝cke verlief, die Guardias Civiles nicht daran glauben lassen, jemand k├Ânnte es wagen, sie dort zu ├╝berqueren, unter ihrer Nase. Das hoffte ich jedenfalls.

Ich erhielt Besuch von einem der Ärzte. Wir unterhielten uns in dem kleinen Sprechzimmer in unserem Trakt.

┬╗Tarr├şo, wie lange ist es her, dass Sie Blutprobe und Lymphozytenkontrolle gemacht haben?┬ź

┬╗Die letzte war 88, in Pontevedra, aber man hat mir die Ergebnisse nicht mitgeteilt.┬ź

┬╗Das ist unm├Âglich, Tarr├şo…┬ź unterbrach er mich ├╝berrascht, ┬╗mindestens alle drei Monate h├Ątte man dich untersuchen m├╝ssen.┬ź

┬╗Schauen Sie in meine Akte. Ich l├╝ge Sie nicht an, in der Akte steht meine komplette Krankengeschichte.┬ź

┬╗Das ist schwer zu verstehen, wirklich.┬ź

Ich l├Ąchelte ironisch, als ob ich ihn dazu einladen wollte, aus einem Traum aufzuwachen.

┬╗Wie auch immer. Wir werden die Untersuchung durchf├╝hren. Mal sehen, wie es um deine Abwehrkr├Ąfte bestellt ist, einverstanden?┬ź Er kritzelte etwas auf ein Papier. ┬╗Wie geht es dir hier?┬ź

┬╗Besser als an anderen Orten, an denen ich war, aber seit einiger Zeit habe ich manchmal Herzrasen und nachts Erstickunsanf├Ąlle, dann geht es mir sehr schlecht.┬ź

┬╗Wie lange bist du schon in Haft?┬ź

┬╗Drei Jahre.┬ź

┬╗Nein, ich meinte, wie lange befindest du dich unter Isolationsbedingungen?┬ź

┬╗Drei Jahre.┬ź

┬╗Dann wundert mich das nicht┬ź, sagte er, ┬╗sicherlich hast du Angstzust├Ąnde und etwas Klaustrophobie. Ich verschreibe dir etwas, mal sehen, wie es dir damit geht, OK? Wenn die Ergebnisse der Blutuntersuchung da sind, komme ich zu dir und wir besprechen das.┬ź

┬╗OK, danke.┬ź

┬╗Gern geschehen, Mann, gern geschehen.┬ź

Die Ergebnisse der Blutprobe zeigten einen geringf├╝gigen Niedergang meines Immunsystems, noch oberhalb des Gef├Ąhrlichen, denn ich hatte etwa noch 500 T4. Ich wollte mich gr├╝ndlicher informieren und redete mit einem Arzt dar├╝ber.

┬╗Tarr├şo┬ź, erkl├Ąrte er mir, ┬╗die Krankheit ist wie du wei├čt unumkehrbar. Es bleibt nur die Hoffnung, dass der Virus noch eine lange Zeit braucht, sich zu entwickeln, was aber in deiner derzeitigen Lage nicht sehr wahrscheinlich ist.┬ź Er nahm die Zigarettenschachtel, z├╝ndete sich eine daraus an und lud mich zum Rauchen ein. Ich nahm an, und er fuhr fort: ┬╗Wenn ich k├Ânnte, w├╝rde ich dich und alle anderen kranken Tr├Ąger von Antik├Ârpern freilassen, aber das geht nicht. Das Gef├Ąngnis ist in eurem Fall besonders zerst├Ârerisch. Als Arzt kann ich das nicht akzeptieren, und als rational denkender Mensch auch nicht. Aber in diesem Fall steht das Kriterium der Richter ├╝ber dem der Medizin. Obwohl es hart ist, kann ich die Freilassung eines Kranken nur dann beantragen, wenn er schwer krank ist und sich in einer terminalen Phase befindet; das hei├čt, am Rande des Todes.┬ź

┬╗Das wusste ich schon.┬ź

┬╗Doch in deinem Fall ist alles viel schlimmer, Tarr├şo, denn die Verl├Ąngerung der Isolation beeintr├Ąchtigt dich ernsthaft. Die Disziplinierungszellen rufen eine schwerwiegende Reaktion aus, ein psychisches Leiden, das sich wiederum auf das vegetative Nervensystem und das Gehirn auswirkt. Das spielt im Hinblick auf das Immunsystem eine Rolle, es setzt die k├Ârpereigenen Abwehrkr├Ąfte herab.┬ź

┬╗Das hei├čt, die Strafe, die man mir auferlegt, f├╝hrt dazu, dass ich schneller sterbe, oder?┬ź

┬╗Genau das. Logisch w├Ąre es, f├╝r euch Zentren anderen Typs zu schaffen, offener, und eher nach medizinischen Kriterien als nach Strafvollzugsvorschriften, doch die Wirklichkeit ist weit entfernt davon.┬ź

┬╗Was raten Sie mir im Hinblick auf Vorsorge?┬ź

┬╗Das Beste f├╝r dich w├Ąre, aus der geschlossenen Abteilung herauszukommen. Mehr Hofstunden und mehr Platz, um dem Druck der Zelle die meiste Zeit entgehen zu k├Ânnen. Das w├╝rde deine Angstzust├Ąnde hemmen und das Gef├╝hl der Platzangst, das von drei Jahren in Zellen herkommt. Ich w├╝rde dir auch raten, mit dem Rauchen und Kaffee Trinken aufzuh├Âren, und Yoga oder andere regelm├Ą├čige ├ťbungen zu machen.┬ź

┬╗Ein bisschen mache ich schon.┬ź

┬╗Gut. Wie geht es dir mit den Medikamenten, die ich dir verschrieben habe?┬ź

┬╗Viel besser.┬ź

┬╗Also, Kopf hoch und pass auf dich auf, OK?┬ź verabschiedete er sich.

Und es blieb nicht bei Worten. W├Ąhrend meines Aufenthalts auf Teneriffa zeigten sich die ├ärzte, ausgenommen zwei von ihnen, mir gegen├╝ber uneingeschr├Ąnkt professionell und unabh├Ąngig von der Direktion. Au├čerdem best├Ąrkte mich dieses Gespr├Ąch mit dem Arzt, der sich f├╝r meine Gesundheit einsetzte, in meinen Ausbruchshoffnungen und in meiner Haltung zum Gef├Ąngnis. Mein Kampf war legitim, wie es der Kampf aller war, die sich weigerten, im Gef├Ąngnis zu sterben oder zu leben.

Am 12. November ├╝berraschte mich eine Meldung in Radio Nacional. Im Gef├Ąngnis von Foncalent, Provinz Alicante war ein blutiger Aufstand ausgebrochen, mit mehrfachen Geiselnahmen. Gegen halb elf Uhr vormittags hatte Antonio Cort├ęs, bekannt als El Zorro, mit einem Messer bewaffnet mehrere Schlie├čer in Trakt vier in seine Gewalt gebracht. Von dort ging er in Begleitung anderer Gefangener, die er zuvor befreit hatte, in die Trakte zwei und drei. Dort lie├čen sie die ├╝brigen Gefangenen frei. Die gesamte Anstalt wurde kaputt geschlagen. Die Ereignisse ├╝berschlugen sich. Es gab Streit, offene Rechnungen wurden beglichen und es gab mehrere schwer Verletzte und einen Toten. Am zweiten Tag des Aufstands entschied die Mehrheit der Gefangenen nach langen Verhandlungen, die Revolte zu beenden und in die Zellen zur├╝ckzukehren, das hei├čt, sie gingen nicht ├╝ber Protest und das Formulieren von Forderungen hinaus. Andere Gefangene weigerten sich aufzugeben und wollten weitermachen. Sie wollten ausbrechen. Antonio Cort├ęs, Vicente G├│mez, Francisco S├ínchez, Pinte├▒o S├ínchez und H├ęctor Guill├ęn verschanzten sich in einer Galerie von Trakt drei, mit f├╝nf Schlie├čern als Geiseln. Sie forderten ohne Umschweife unter Androhung des Todes der Geiseln die Bereitstellung eines gepanzerten Transporters, Waffen und Geld. Die Verhandlungen waren hart. Die anderen Gefangenen wurden in die Zellen von Trakt zwei und drei gesperrt. In den Medien und seitens der Familienangeh├Ârigen der Verletzten und des Toten wurde deutliche und scharfe Kritik ge├╝bt.

Mir war klar, dass das Gef├Ąngnis und die Isolation diese Situation geschaffen hatten, und dass die Verwaltung entscheidend daf├╝r verantwortlich war. Ich verstand die m├Ârderische Wut einiger dieser M├Ąnner, die bereit waren, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, die genug von ihrer Lage hatten. In gewisser Weise f├╝hlte ich genauso. Aber ich war nicht mit dem Tod jenes Gefangenen einverstanden und auch nicht mit den Gewaltausbr├╝chen und Messerstechereien, die unter Genossen stattgefunden hatten, als die Bestie im Menschen erst einmal freigelassen war. Ich verstand nicht, wieso sie einen Aufstand machen konnten, um sich gegenseitig umzubringen, statt sich auf gemeinsame Forderungen zu einigen, gegen die wirklich f├╝r den Strafvollzug Verantwortlichen. Jenes zur Schau Stellen von Rohheit w├╝rde die gesamte ├Âffentliche Meinung unweigerlich gegen sie aufbringen, in der Folge gegen uns alle. W├Ąhrend wir alle gespannt abwarteten, was bei den Verhandlungen mit Antoni Asunci├│n herauskam, bezogen GEOS Stellung zum Sturm auf den Trakt, wo die Geiseln festgehalten wurden.

Alles war vorbei um zehn Uhr morgens am 15., nach drei Tagen. Es geschah in einem Moment der Unachtsamkeit der Gefangenen. Pinte├▒o und Serra gingen in eine Zelle des Trakts, und einer der Geiseln schloss hinter ihnen die T├╝r und den Riegel. Sofort nutzten die anderen Schlie├čer ermutigt von der Aktion ihrer Kollegen die Lage aus und ├╝berw├Ąltigten Francisco S├ínchez, El Rojo, und streckten ihn zu Boden. Dann riefen sie durch die Fenster nach drau├čen und die GEOS ├╝berw├Ąltigten schlie├člich alle Gefangenen, verpr├╝gelten sie mit Baseballschl├Ągern, zogen sie nackt aus und fesselten sie. Mir tat es leid f├╝r sie, denn sie hatten wirklich eine Menge Mut bewiesen und hoch gepokert. Ich dachte, h├Ątten sie statt einen Gefangenen umzubringen einen Schlie├čer exekutiert, sie w├Ąren vielleicht an ihr Ziel gekommen. Doch denken und reden war leicht: Schwieriger war es zu handeln.

Die Medien gehorchten der eint├Ânigen Stimme ihres Herrn und fra├čen sich an dem Thema satt, bezeichneten das Geschehene als wilden Akt einer Gruppe au├čer Kontrolle geratener Psychopathen. In den Nachrichtensendungen wurde kein Wort dar├╝ber verloren, was innerhalb der Mauern jenes Gef├Ąngnisses los war. Niemand erw├Ąhnte, dass Monate zuvor Unregelm├Ą├čigkeiten im Strafvollzug in der psychiatrischen Abteilung publik geworden waren, als eine Schriftstellerin bei einem Besuch feststellen musste, dass es kein medizinisch geschultes Personal gab und dass die Schlie├čer f├╝r die Verabreichung der Medikamente an die Gefangenen verantwortlich waren, Leute ohne jedes medizinische Wissen, Laien in Sachen Psychologie oder Psychiatrie und ├╝ber den Hauptschulabschluss nicht hinausgekommen. Auch nicht die st├Ąndige Folter, der die Gefangenen ausgesetzt waren, mit kalten Duschen, Fesselungen ans Bett, die ganze Monate dauerten, mit Pr├╝gel und dem willk├╝rlichen Einsatz von Zwangsjacken. Daran erinnerte sich niemand, es wurde nicht erw├Ąhnt. Die B├╝ttel mit der Schreibfeder prostituierten sich weiterhin vorbehaltlos, was mich schon nicht mehr wunderte. Sie waren total auf Linie, unterw├╝rfig. Den Horror im Gef├Ąngnis kannten nur die wir dort lebendig begraben waren. Was wussten jene Irren schon vom Gef├Ąngnis? Wie diese Gefangenen konnten nur v├Âllig Verzweifelte handeln, und Verzweiflung kommt, wenn jemand alle Hoffnung verloren hat. Diese ganze Gewalt war vom Gef├Ąngnis hervorgebracht worden, von dem, was t├Ąglich zwischen diesen Mauern stattfand, von dem, was die meisten Journalisten oder B├╝rger mit klingenden Namen sich weigerten wahrzuhaben, obwohl sie eigentlich in ihrem Inneren wussten, dass es geschah.

Ich f├╝r meinen Teil machte mich nur Tage sp├Ąter daran, eine der Gitterstreben in meinem Fenster anzus├Ągen. Ich s├Ągte nur auf einer Seite, und als ich fertig war, wickelte ich ein d├╝nnes Pflasterband um die Stelle und malte es sp├Ąter in der Farbe der Gitter an. Um sie noch besser zu verbergen, h├Ąngte ich an das Gitter ein paar Str├╝mpfe und eine Unterhose, wie zum Trocknen.

Eines Morgens kam einer der baskischen Gefangenen, derselbe, der mir das Pflaster und die Farbe gegeben hatte, und warnte mich vor einer bevorstehenden Durchsuchung. Er sprach mich an, als ich spazieren ging. ┬╗Jos├ę, ich habe mitbekommen, dass sie eine Durchsuchung machen wollen.┬ź

┬╗Heute?┬ź fragte ich.

┬╗Ja, nachher.┬ź

Und wirklich. Eine Stunde sp├Ąter erschien ein Trupp, angef├╝hrt vom Dienstleiter.

┬╗Wenn Sie meine Habe durchsuchen, will ich dabei sein. Das sieht die Vollzugsordnung so vor.┬ź

┬╗Es spricht nichts dagegen, dass Sie dabei sind.┬ź

Ich ging in die Zelle, r├Ąumte alle B├╝cher und anderes Lehrmaterial zusammen, das ich auf dem Tisch liegen hatte und packte es auf das Bett, genau wie die Kleidung. Dann setzte ich mich auf den Tisch. Mehrere Schlie├čer mit Plastikhandschuhen fingen an, meine Sachen zu durchsuchen, w├Ąhrend andere die Fenster von drau├čen untersuchten. Einer von ihnen wandte sich von der anderen Seite des Fensters aus an mich. ┬╗Ist die W├Ąsche trocken?┬ź fragte er mich und zeigte auf die

Socken.

Ich fasste sie mit den Fingern an und antwortete: ┬╗Nein, ist noch feucht. Warum?┬ź

┬╗Weil es nicht erlaubt ist, W├Ąsche in die Fenster zu h├Ąngen.┬ź

┬╗Das wusste ich nicht.┬ź

┬╗N├Ąchstes Mal h├Ąngen Sie sie in der Zelle zum Trocknen auf, einverstanden?┬ź

┬╗Ja, mein Herr…┬ź

Zum Gl├╝ck hatte ich sie am Morgen noch angefeuchtet, bevor ich aus der Zelle ging. F├╝r den Augenblick war ich davongekommen.

Die folgende Nacht handelte ich. Ich h├Ąngte ein Handtuch zwischen die Gitter, um zu verhindern, dass mich einer der Guardias Civiles von den Wacht├╝rmen gegen├╝ber sehen konnte. In dieser Deckung riss ich den Streben heraus, und er gab an einem Schwei├čpunkt am nicht anges├Ągten Ende nach, wie ich gehofft hatte. Ich warf ihn aufs Bett und lie├č mich durch das Fenster nach drau├čen ab. Sofort bewegte ich mich krabbelnd weiter und ├╝berwand flink einen niedrigen Zaun. Von dort ging ich die Treppe des Trakts f├╝r Neuaufnahmen hinab, sprang ├╝ber eine Mauer und bewegte mich auf die Krankenstation zu, durch die Gartenanlagen. Vor der Krankenstation h├Ąngte ich mich an deren Vordach, kletterte hinauf und lief ├╝ber mehrere D├Ącher bis zur Zentrale, wo ich ├╝ber ein B├╝rofenster bis auf das obere Dach gelangte. Wie ein Reptil robbte ich ├╝ber das Dach und suchte die Br├╝cke, bis ich genau ├╝ber ihr war. Ich musste auf die Br├╝cke hinunter springen und dazu fast sechzig Meter weit robben, zur einzigen Stelle, von der ich vern├╝nftigerweise springen konnte, ohne mir die Beine zu brechen. Ich wartete fast eine halbe Stunde, und als die Guardias Civiles f├╝r einen Moment unaufmerksam waren, weil ein Streifenwagen um das Gel├Ąnde herum fuhr, sprang ich ohne gesehen zu werden auf den Boden der Br├╝cke und verbarg mich am Gel├Ąnder auf der rechten Seite. Von dort bewegte ich mich mit dem Gesicht nach unten langsam vorw├Ąrts. Die Augen hatte ich auf den linken Guardia Civil gerichtet und wartete auf einen weiteren Moment der Unachtsamkeit. Einige Minuten sp├Ąter war es soweit. Der Guardia kehrte der Br├╝cke den R├╝cken zu, um den Blick ├╝ber das Gel├Ąnde schweifen zu lassen, und ich kam an beiden T├╝rmen vorbei. Ohne Z├Âgern bewegte ich mich weiter, mit dem Geschmack des Erfolges im Mund und h├Ąmmerndem Herzklopfen. Ich hatte das Gel├Ąnde verlassen, unter mir lag das freie Feld; es fehlten nur zwei Meter bis zur wiedererlangten Freiheit.

┬╗Wenn du dich bewegst, schie├čÔÇÖ ich dich ab wie einen Hund, du Arschloch!┬ź schrie ein Guardia Civil und zielte mit seiner Waffe auf meinen Kopf.

Er war aus der T├╝r des ersten Kontrollpostens aufgetaucht, mir blieb keine Zeit zu reagieren.

┬╗Ich hab ihn, alles klar!┬ź rief er seinen l├Ącherlich gemachten Kollegen zu, die jetzt mit ihren Gewehren hinter mir standen.

Ich wollte sterben. Mehrere Flutlichtscheinwerfer leuchteten auf meine Position. Ich auf den Knien auf dem Asphalt, mit den H├Ąnden auf dem Kopf, besiegt und am Boden zerst├Ârt.

Stunden sp├Ąter wurde ich wieder in den Trakt gebracht und in eine Zelle gesteckt. Ich f├╝hlte mich mutlos wegen der entgangenen Gelegenheit. Ich hatte alles gut berechnet, aber ich hatte nicht gewusst, dass zur ersten Kontrolle eine versteckte Kamera geh├Ârte, die die ganze Br├╝cke abdeckte und mithilfe derer sie mich im letzten Moment entdeckt hatten. Ich war angearscht. Es w├╝rde viel Zeit vergehen, bis ich wieder vor so einer Gelegenheit stand.

Der Gef├Ąngnisdirektor ordnete meine Isolation an. Ich ging also wieder alleine auf den Hof, was meine Beziehung zu den Schlie├čern verschlechterte. Ich zeigte mich ihnen gegen├╝ber giftig, bedachte sie st├Ąndig mit Beschimpfungen, ohne erkennbares Motiv. Ich lie├č an ihnen den ganzen Frust aus und das ohnm├Ąchtige Gef├╝hl, an diesem absurden Ort festgehalten zu sein.

Eines Nachmittags, als ich ins B├╝ro ging, um zwei Briefe abzuholen, beobachtete ich durch die Fenster einen kanarischen H├Ąftling im nebenan gelegenen Trakt f├╝r Neuaufnahmen, den ich aus dem Gef├Ąngnis Daroca kannte. Er war dort f├╝r den Putzdienst in Isolationstrakt f├╝nf eingeteilt gewesen, wo er sich abgeschieden und ausgesto├čen vom Rest der inhaftierten Bev├Âlkerung befand ÔÇö er war Vergewaltiger. In seiner Doppelfunktion als Schlie├čergehilfe und Ordonnanz des Trakts stahl er das Geld derer, die ihm Eink├Ąufe auftrugen oder verkaufte einzelne Zigaretten f├╝r hundert Peseten an die Genossen, die die Lust zu rauchen nicht zur├╝ckhalten konnten ÔÇö in der Isolation war das Rauchen verboten. Das alles in der Deckung des Schutzes, den ihm die Direktion angedeihen lie├č. Jetzt war er hier und l├Ąchelte breit, er war im Grad aufgestiegen und plusterte sich vor seinen Landsleuten auf, die der blo├če Gedanke an eine Verlegung in die Anstalten ersten Grades auf der Halbinsel ├╝ber alle Ma├čen in Schrecken versetzte. F├╝r sie war jener Bastard ein richtiggehender Held. Zur├╝ck in der Zelle entschied ich, ihm eine Lehre zu verpassen und zu bestrafen, was die Direktion belohnt hatte: Das ekelhafte Verhalten jenes Misthaufens. Zu diesem Zweck fabrizierte ich in jener Nacht ein metallenes Messer mit einem aus Stoffstreifen gemachten Griff.

Am n├Ąchsten Morgen meldete ich mich beim Arzt an. Gegen Mittag kamen sie, um mir aufzuschlie├čen, und mit dem Messer im Hosenbund verborgen ging ich auf das Wachh├Ąuschen zu. Ich holte eine Packung Zigaretten aus der Tasche.

┬╗H├Âren Sie┬ź, sagte ich zu dem Schlie├čer, der drinnen sa├č, ┬╗ich m├Âchte diese Schachtel einem Freund geben, der dort drinnen ist, im Trakt f├╝r Neuaufnahmen.┬ź

┬╗Wem denn?┬ź

┬╗Er ist vor Kurzem aus Daroca gekommen, ich kann mich jetzt nicht an seinen Namen erinnern.┬ź

┬╗OK, geben Sie her┬ź, antwortete er und ├Âffnete die T├╝r.

Ich st├╝rmte nach drinnen, holte das Messer aus dem Hosenbund und stie├č den Schlie├čer gegen einen kleinen Metallschrank: ┬╗Welcher Knopf ├Âffnet die T├╝r in die Neuaufnahmen?┬ź

┬╗Der hier┬ź, antwortete er erschrocken.

Ich dr├╝ckte ihn und ging ins Innere des Trakts. Das Messer hielt ich in der rechten Hand. Ich ging auf den Hof, und als ich ihn gefunden hatte, ging ich auf ihn zu. Die anderen Gefangenen gingen eilig fort, und eine gro├če Stille erfasste den Hof.

┬╗Na? Erinnerst du dich nicht an mich?┬ź gr├╝├čte ich ihn.

┬╗H├Âr mal, Che, was hast du vor?┬ź

Ohne ein weiteres Wort st├╝rzte ich mich auf ihn und verpasste ihm mehrere Messerstiche in die Seite, ohne T├Âtungsabsicht. Ich wollte ihm einen Schrecken einjagen, nichts mehr. Er fing an zu schreien und ich lie├č ihn los, er rannte bis zum Wachhaus, von wo sie ihn in die Krankenstation brachten, seine neue Zufluchtsst├Ątte. Ich gab das Messer ab und ging in die Zelle zur├╝ck. Schon in der Zelle diskutierte ich mit dem Dienstleiter, der anordnete, mir einen Teil meiner Habe wegzunehmen.

┬╗An deiner Stelle w├Ąre ich sch├Ân ruhig!┬ź drohte er mir.

┬╗Fick dich ins Knie, du Hundesohn.┬ź

┬╗Der einzige Hund hier bist du, und au├čerdem noch r├Ąudig.┬ź

┬╗Du bist eine mutige Schwuchtel, so durch die geschlossene T├╝r…┬ź

Einige Stunden nach diesem Zwischenfall kamen sie als Gruppe, um die Zelle zu durchsuchen, in der ich sa├č. Wenigstens kamen sie mit dieser Ausrede.

┬╗Tarr├şo┬ź, sprachen sie mich an, ┬╗wir m├╝ssen Ihre Habe durchsuchen. Wir haben Befehl vom Direktor, Ihnen Handschellen anzulegen, w├Ąhrend Sie drau├čen warten.┬ź

Sie ├Âffneten die T├╝r und legten mir Handschellen an. Als ich gefesselt war, baute sich der Dienstleiter, den ich beschimpft hatte, vor mir auf: ┬╗Jetzt bist du schon weniger frech, was?┬ź

Dieser Provokation folgte eine Reihe Fausthiebe, die ich mit einem Tritt beantwortete, der ihn sich kr├╝mmen lie├č. Die ├╝brigen Schlie├čer warfen sich auf mich und machten mit bei der Schl├Ągerei. Sie schlugen mich, bis ich am Boden war, und schleiften mich danach in die benachbarte Zelle. Dort nahmen sie mir die Fesseln ab, zogen mir die Kleidung aus und ├╝bergaben mir einen blauen Overall. Ein Rinnsal Blut lief von meiner Nase ├╝ber die Lippen das Kinn hinunter. Nackt zog ich mir den Overall an und wurde dann erneut in Handschellen gelegt. Allein gelassen begann ich, in der Zelle auf und ab zu gehen. Ich war starr vor Wut, obwohl ich eigentlich wusste, dass ich sie diesmal provoziert hatte, mit meinen st├Ąndigen Beschimpfungen. Die Strafvollzugsordnung sah solche Methoden vor, es war legal. Sie erf├╝llten ihre Pflicht als Henker, denn das war es, was ihr Beruf im Endeffekt war. F├╝r sie war es normal und sogar heroisch, sich in der Gruppe ├╝ber einen Gefesselten herzumachen; f├╝r mich war das nur scheu├člich und feige. Ich von meinem subjektiven Standpunkt aus verstand damals nicht, dass vielleicht f├╝r sie Feigheit bedeutete, auf einen Unbewaffneten einzustechen, w├Ąhrend es mir angemessen erschienen war. Wer war in Besitz der Wahrheit? In ein und derselben Welt lebten wir absolut verkehrte Welten. Ihr Begriff von Gerechtigkeit war Lichtjahre von meinem entfernt; was f├╝r sie ethisch und moralisch war, bedeutete f├╝r mich eine scheinheilige Farce. Ich tat nicht so, als w├╝rde ich andere Gesetze respektieren als die meiner Anarchie, einer Anarchie, die mich f├╝r die Rolle des B├Âsewichts vorsah. Im Laufe meines Lebens hatte ich verwundert beobachtet, wie die Fehler, die im Namen des mehrheitlichen Gemeinwohls gemacht wurden, Fehler blieben, w├Ąhrend in meinem Fall dieselben Fehler zu Straftaten wurden, weil ich sie in meiner Eigenschaft als sozial Marginalisierter beging. Wenn ein R├Ąuber von modern und bis an die Z├Ąhne bewaffneten Polizisten mit Kugeln durchl├Âchert wurde, fanden die Gesellschaft und die Medien daf├╝r den Begriff ┬╗zu Fall gebracht┬ź. War der zu Fall Gebrachte dagegen einer dieser H├╝ter des Gesetzes oder ein B├╝rger, geschah dem Begriff eine Verwandlung, und man sprach von Mord. Das Recht zu strafen (ius puniendi) hatte einzig der Staat inne. Man konnte strafen und t├Âten, im Namen des Staates, nicht aus Rache oder Wut. Im ersten Fall zwang man Menschen dazu, selbst├Ąndig oder als Ausf├╝hrung eines Befehls zu strafen und zu t├Âten, und beim Milit├Ąr bekamst du die Grundausbildung. Egal ob jemand christlich war. Im Namen Gottes und des Vaterlands war alles erlaubt und man durfte vergewaltigen, ├╝berfallen, aufs Geratewohl pl├╝ndern und ein sogenannter Held sein. Wer hatte jemals schlimmere Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen als Kirche und Staat? Wenn du dich weigertest, schickten sie dich in den Knast: Viele junge M├Ąnner sa├čen in spanischen Gef├Ąngnissen hinter Gittern wegen Totalverweigerung, ganze M├Ąnner eingesperrt wegen Apologie des Friedens. Im zweiten Fall wurdest du, wenn du ├╝berfielst oder t├Âtetest, zu einem verabscheuungsw├╝rdigen Kriminellen, zum M├Ârder, denn du warst nicht im Besitz der hinreichenden Legitimit├Ąt. Das System rechtfertigte seine Straftaten selbst. Es rechtfertigte sie seit dem ersten Krieg, der auf Erden stattgefunden hatte, bis zu den heutigen modernen. Und es tat das mit dieser Doppelmoral, einer in h├Âchstem Ma├če zynischen Doppelmoral. Nein, sie waren nicht besser als ich, und ich nicht besser als sie; vielleicht war ich weniger scheinheilig, doch nicht besser. Wir alle waren in Evolution befindliche Tiere, und ob es uns gefiel oder nicht, es gab nichts Schlimmeres als das: Menschen, in denen noch viel von der Bestie steckte.

Drei Tage lie├čen sie mich unter diesen Bedingungen, Tag und Nacht in Handschellen. Am dritten Tag unter dem wiederholten Protest meiner Genossen kamen sie, um die Handschellen abzunehmen und mir Kleidung und Habe wiederzugeben. Im Monat Dezember sollte ich in die Anstalt Zamora gebracht werden, um an einem Prozess teilzunehmen. Dort wartete ein Strafantrag von neunundzwanzig Jahren Haft auf mich.

Gef├Ąngnis Zamora, Dezember 1990

Nach Transitaufenthalten in Puerto und in der Anstalt C├│rdoba kam ich in dieses alte Gef├Ąngnis. Ich war von der langen Reise, die ich hatte machen m├╝ssen, erledigt. Sie hatten auf dem Gel├Ąnde gegen├╝ber den Wachdienstgeb├Ąuden einen Kaffeeautomaten aufgestellt. Aneinandergekettet blieben Antonio Jara, ein bekannter Ausbrecher, und ich vor dem Apparat stehen, und wir tranken hei├čen Kaffee, der uns sehr gut tat. Dann rafften wir so gut wir konnten unsere T├╝ten zusammen. In kleineren Gruppen brachten sie uns dann in das Innere des Gef├Ąngnisses. Ich wurde in den tubo gebracht, die anderen in den normalen Trakt. Alte Erinnerungen kamen in mir hoch, immerhin hatte ich in diesen zylinderf├Ârmigen Disziplinierungszellen ein Jahr meines Lebens verbracht, von Sonderstrafe zu Sonderstrafe. Die Zellen waren immer noch genauso, nichts hatten sie an ihnen ver├Ąndert, obwohl in der Anstalt im Allgemeinen vieles anders geworden war. Die Schlie├čer legten ├╝bertriebene H├Âflichkeit und Respekt an den Tag, was mir nicht dazu zu passen schien, was ich aus der Vergangenheit von ihnen kannte. Die vom neuen Gef├Ąngnisdirektor auferlegte Pflicht, respektvoll mit den Gefangenen umzugehen, kr├Ąnkte sie anscheinend ├╝ber alle Ma├čen. Die Jugendlichen waren definitiv in die Anstalt Herrera de La Mancha verlegt worden, nach einer Reihe von Aufst├Ąnden. Jetzt waren die meisten, die in Zamora einsa├čen, ├Ąltere Gefangene, die vorher in Puerto de Santa Mar├şa gewesen waren. Und das war der andere Grund daf├╝r, dass die Schlie├čer locker eingestellt waren: Sich an einem Haufen siebzehn- bis neunzehnj├Ąhriger Gr├╝nschn├Ąbel auszulassen und dies mit in den h├Ąrtesten Strafanstalten des Staates derb gewordenen M├Ąnnern zu tun, waren verschiedene Dinge. Um dieses entspannte Klima herstellen zu k├Ânnen, waren viele Jahre ins Land gegangen, und viele von uns hatten zahllose ├ťbergriffe und Folter ├╝ber sich ergehen lassen m├╝ssen, doch unsere Anstrengungen hatten sich gelohnt. Das Zusammenleben an diesem Ort war ertr├Ąglicher geworden.

Am n├Ąchsten Morgen brachten sie mich zusammen mit den anderen Gefangenen auf den Hof hinunter. Der Trakt war immer noch f├╝r den ersten Grad bestimmt. Ich traf meinen Freund Santiago Izquierdo Trancho, der dort seine Strafe absa├č. Wir dr├╝ckten uns in einer festen Umarmung.

┬╗Hallo, du Held┬ź, gr├╝├čte er mich, ┬╗wie gehtÔÇÖs?┬ź

┬╗Gut. Ich komme zum Prozess wegen des Toten. Und du?┬ź

┬╗Hier sitze ich ab.┬ź

In dem Trakt hatte man einen kleinen Sportraum eingerichtet, in dem es Hanteln, einen Sandsack zum Boxen und anderes Sportger├Ąt gab; auch hatten sie die Cafeteria neu eingerichtet, mit Fernsehapparat und Videorecorder, au├čerdem gab es noch eine T├Âpferwerkstatt. Unerh├Ârter Luxus, verglichen mit dem, was ich von fr├╝her kannte. Jetzt, da ich neben meinem Freund durch diesen Raum ging, erinnerte ich mich an die kalten Wintermorgen, die wir auf diesem Hof verbracht hatten, ohne die Cafeteria betreten zu k├Ânnen. Auf jeden Fall kam mir das Ganze ziemlich luxuri├Âs vor.

┬╗Was f├╝r ein Strafma├č fordern sie?┬ź

┬╗Neunundzwanzig Jahre.┬ź

┬╗Rechne mit mindestens zwanzig┬ź, weissagte er mir.

┬╗Ja, sowas stelle ich mir vor.┬ź

┬╗Ich hab gerade einen Fluchtplan laufen, zusammen mit Carlos, und wir brauchen eine gro├če S├Ąge, denn sie haben doppelte Gitter eingebaut. Kannst du uns die besorgen?┬ź

┬╗Nein. Ich habe nur eine, und ich werde sie sobald ich kann benutzen.┬ź

┬╗Verstehe…┬ź

Tranchos Ausdauer war bewundernswert. Er hatte auf seiner Habenseite eine lange Liste an Ausbruchsversuchen zu verzeichnen, doch nie hatte er es geschafft. Er hatte es wieder und wieder versucht, und er w├╝rde immer so weitermachen.

Er war ein Rebell. Die zehn Jahre Gef├Ąngnis, die meiste Zeit zu Isolationsbedingungen oder in der geschlossenen Abteilung, hatten seinen Idealismus und seine Rebellion nicht untergraben k├Ânnen. Wie nur wenige, weigerte sich mein Freund, leichte Kost f├╝r die Bestie Knast zu sein. Sein Verhalten machte mir Mut. Er stellte mir Carlos Esteve vor, seinen Partner bei dem Abenteuer, das er vor hatte. Sein ├äu├čeres, insbesondere sein gutm├╝tiges Jungengesicht, konnte mich da noch nicht die Kaltbl├╝tigkeit erkennen lassen, die er hinter seiner Intellektuellenbrille versteckte. Jahre sp├Ąter sollte dieser schm├Ąchtige Mann bei einem der spektakul├Ąrsten Ausbr├╝che, die jemals in spanischen und europ├Ąischen Gef├Ąngnissen stattgefunden hatten, die Hauptrolle spielen. F├╝r den Moment belie├čen wir es bei einer herzlichen Begr├╝├čung.

W├Ąhrend des Spaziergangs wurde ich gerufen, um mit den Sozialarbeiterinnen zu sprechen. Man brachte mich in ein B├╝ro, wo sie auf mich warteten, in Lehnst├╝hlen sitzend, hinter ihren Schreibtischen.

┬╗Caramba!┬ź rief eine von ihnen, ┬╗Sie haben sich aber ver├Ąndert.┬ź

Ich setzte mich hin, ohne auf diese Dummheit zu antworten.

┬╗Wie geht es Ihnen, Tarr├şo?┬ź fing die andere an.

┬╗Sehr gut…┬ź

┬╗Wir haben Sie gerufen┬ź, fiel sie mir gleich ins Wort, um Sie zu fragen, ob Sie etwas von uns brauchen. Ob Sie vielleicht m├Âchten, dass wir bei Ihnen zu Hause oder bei einem Familienangeh├Ârigen anrufen, um ihnen mitzuteilen, dass Sie hier sind. Sie wissen wahrscheinlich schon, dass jetzt vis-a-vis-Besuche erlaubt sind.┬ź

┬╗Ich brauche nichts von Ihnen┬ź, antwortete ich kurz angebunden.

┬╗Sie sind ziemlich schroff, Tarr├şo┬ź, sagte die Kollegin.

┬╗Ich bin wie immer, wie vor zweieinhalb Jahren…┬ź

┬╗Die Dinge haben sich ge├Ąndert…┬ź

┬╗Ja, aber das ist nicht Ihnen zu verdanken.┬ź

Das gesagt, stand ich auf und verabschiedete mich. Ich war anderthalb Jahre in diesem Gef├Ąngnis gewesen und hatte alle m├Âglichen N├Âte ausgestanden, und sie waren nur ein einziges Mal zu mir in den tubo gekommen, um mich zu sehen, mit ihrem billigen nuttigen L├Ącheln. Sie waren derma├čen falsch, dass sie es nicht einmal dazu brachten, mich ans Masturbieren denken zu lassen, trotz der Abstinenz.

Was sollte diese Farce? Zamora war etwas, das ich nie vergessen w├╝rde, niemals. Ich war voll des Zorns auf diese Leute, ich glaubte ihnen kein Wort, ich konnte nicht glauben, etwas in oder an ihnen sei gut. Nicht nach all dem, was sie mir angetan hatten. Sie hatten ihre Zust├Ąndigkeit nicht wahrgenommen und waren daf├╝r direkt verantwortlich, wie auch die Erzieher, die Psychologin, die ├ärzte und dergleichen institutionelle Amtstr├Ąger. Ich ├╝bernahm meinen Teil Verantwortung in Form jahrelanger Gef├Ąngnishaft. Sollten sie die ihre wahrnehmen! Stattdessen waren sie daran Schuld, dass viele unserer Herzen voll Hass waren, voll des Gef├╝hls der Ohnmacht und der Verzweiflung, andauernd Anma├čungen und Ungerechtigkeit aushalten zu m├╝ssen. Ein paar Tage sp├Ąter kam ich vor Gericht, um f├╝r meine gesellschaftliche Verantwortung geradezustehen. Der Prozess lief in der zweiten Kammer des Provinzialgerichts. Ich wurde vollst├Ąndig durchsucht und in einen Transporter gebracht, umringt von acht Polic├şas Nacionales. Die Zeugen waren zuvor in einem gesonderten Transporter dorthin gefahren worden, und man hielt mich ├╝ber die ganze Verhandlung getrennt von ihnen. Der Gerichtshof war vollst├Ąndig von der Polizei besetzt, aus Angst vor einem Attentat gegen meine Person durch die Familie des Toten. F├╝r Romafamilien war neben anderer Br├Ąuche eine solche Rache typisch. Und in der Tat waren sie die einzig legitimen R├Ącher, und nicht diese Herde Unbekannter, die sich dazu im Recht f├╝hlte, jedermann ihre Form von Justiz aufzuzwingen. Als wir die Treppen zum Saal hinaufgingen, fand einer der Bullen die beruhigenden Worte: ┬╗Sei unbesorgt, Junge, bei uns bist du sicher.┬ź

Was mir noch gefehlt hatte. W├Ąre nicht Augenblicke sp├Ąter ├╝ber die Zeit verhandelt worden, die mir zum Leben blieb, mir w├Ąre das alles ziemlich komisch vorgekommen. Jetzt w├╝rde man mich zu zwanzig Jahren Gef├Ąngnis verurteilen, um mir das Leben zu retten.

Bevor es in den Saal ging, redete ich mit meinem Anwalt. Ich hatte alles zugegeben und sie hatten die Waffe, da w├╝rde es nichts zu holen geben au├čer vielleicht einer Strafminderung. Ich bat meinen Anwalt um die Akte und las mir die Aussagen meiner Mitgefangenen durch. Darunter fand ich eine Eingabe, unterschrieben von einem Gefangenen, den ich nicht kannte. Er bat die Anstaltsleitung darum, nicht als Zeuge geladen zu werden. Ich merkte mir seinen Namen und w├╝nschte mir, sie h├Ątten ihn geladen, damit ich ihn kennenlernen konnte. Was die anderen Zeugen anging, war alles in Ordnung, sie hatten sich in der Sache fantastisch verhalten. Im Saal w├╝rden sie sich weigern, auf auch nur eine der Fragen des Richters und des Staatsanwalts zu antworten, wie wir es vorher im Gef├Ąngnis ├╝ber Mitteilungen verabredet hatten.

Zu Beginn der Verhandlung brachten sie mich in den Saal. Er war gro├č, B├Ąnke in Reihen auf braunem Holzfu├čboden, darauf die Fett├Ąrsche von B├╝rgern und Journalisten. Ich setzte mich, umringt von Polizisten, auf die Anklagebank, dem Gericht gegen├╝ber. Dort, wie wartende Geier, zwei Magistraten und der Vorsitzende. Sie warfen mir ihren erloschenen Blick zu, ihren Blick, der daran gew├Âhnt ist, M├Ąnner und Frauen in Haft zu schicken, als Routine, nichts Besonderes. Zu meiner Linken sortierte der Staatsanwalt Papiere, versunken in sein Pl├Ądoyer, w├Ąhrend mein Anwalt zu meiner Rechten mich durchdringend ansah, als wolle er entdecken, was meine ernste Mine verbarg. Hinter mir eine Gruppe Fotografen bei dem Versuch, Bilder f├╝r ihr Blatt zu schie├čen, um der Gesellschaft dann die Effizienz ihrer Justiz vorzuf├╝hren: Das hier war ein gefundenes Fressen f├╝r all diese Aasgeier.

Der Prozess begann mit der Verlesung der Anklagepunkte. Danach traten die Zeugen auf. Leute, die ich ├╝berhaupt nicht kannte und die nichts von mir wussten, traten auf den Plan und begannen unter Druck des Staatsanwalts ├╝ber mich zu spekulieren. Die Gerichtspsychiater, die Monate nach der Tat zu mir ins Gef├Ąngnis gekommen waren um mich zu interviewen, stuften mich als Gewaltt├Ąter ein, als in mich gekehrt und ohne Respekt gegen├╝ber dem Autorit├Ątsprinzip. Sie lobten mein hervorragendes Erinnerungsverm├Âgen, wie sie sich ausdr├╝ckten, und hoben hervor, dass ich mit zwanzig Jahren Shakespeare und Nietzsche las und ohne weiteres verstand ÔÇô das war f├╝r sie au├čerordentlich. Diese Lobreden gefielen meinem intellektuellen Ego. Die Gefangenen, die bei den Vorf├Ąllen dabei gewesen waren, weigerten sich, wie wir verabredet hatten, die Fragen des Staatsanwalts zu beantworten, trotz der Drohungen des Vorsitzenden. Der Staatsanwalt rief dann den Menschen in den Zeugenstand, der mein junges Leben ins Gef├Ąngnis gebracht hatte, zu diesen Aasv├Âgeln mit wichtigen Titeln. Er stritt ab, dabei mitgeholfen zu haben, und obwohl der Staatsanwalt seine Aussage laut vorlas, weigerte er sich, dessen Fragen zu beantworten. Er war beklommen, ihm musste ziemlich unwohl sein in seiner Haut. Da sa├č er, unw├╝rdig und versch├Ąmt, er f├╝hlte meine Augen messerscharf auf sich gerichtet. Als er aus dem Saal ging, begegneten sich unsere Blicke kurz. Meine Botschaft war deutlich: Ich behielt mir das Recht vor, die Rechnung zu begleichen. Dann war ich dran. In meinen knappen Antworten auf die Fragen des Staatsanwalts war nichts, was nicht schon ausgesagt gewesen w├Ąre. Ich bekam langsam Schwindelgef├╝hle und Kopfschmerzen. Wer kann echte Gerechtigkeit garantieren? Ich war nur ein Gefangener, der nach seiner Verurteilung durch den Abfluss der Gef├Ąngniskloake gesp├╝lt wurde, ob nun irrt├╝mlich oder zutreffenderweise. Nichts h├Ątte ge├Ąndert, jenen Eseln zu erkl├Ąren, dass ich meinen Teil Verantwortung auf mich nahm, als Akteur beim Ausgleich offener Rechnungen mit unbeabsichtigt t├Âdlichem Ausgang, und dass ich eine unterschiedliche Auffassung von sozialer und beh├Ârdlicher Verantwortlichkeit hatte. Sie w├╝rden mich auslachen. Ich war der Angeklagte und war deshalb nicht glaubw├╝rdig. Die Menschen waren nicht gleich vor dem Gesetz. Wie sollten wir gleich sein, wenn die mit Rechtsprechung Beauftragten sich als H├Âhere Wesen f├╝hlten? Kein Mensch soll oder kann ├╝ber einen anderen Menschen richten, ohne vorher in seinem eigenen Namen ├╝ber sich selbst zu urteilen ÔÇô selbst so w├Ąre es schwerlich zu schaffen, objektiv oder gar gerecht zu sein. Es spielte keine Rolle, dass das Gef├Ąngnis selbst die Gewalt sch├╝rte, die mich auf diese Bank gebracht hatte. Es war nicht dasselbe, einen einfachen Str├Ąfling abzuurteilen wie einen Gef├Ąngnisdirektor und damit das Justizministerium in die Verantwortung zu nehmen. Warum hatten sie uns alle wieder zusammengelegt, in dieses Gef├Ąngnis, trotz der Geschehnisse in Teruel? Dass dergleichen passieren musste, war klar gewesen, und nichts war getan worden, um es zu verhindern, weil es niemanden kratzte, dass sich ein paar Gefangene gegenseitig umbrachten. Was also sollte das alles hier? Weshalb richtete man jetzt ├╝ber mich, und in wessen Namen? Der Gesellschaft? Der Gesellschaft war es vollkommen egal, dass ein Gefangener gestorben war, viele freuten sich sicherlich sogar. Einer weniger, bellten einige. Was sollte also der ganze Quatsch, wenn die Umst├Ąnde, die den fraglichen Vorfall provoziert hatten, im Gef├Ąngnis immer noch an der Tagesordnung waren und weiterhin Leben und erneute unsinnige Prozesse kosteten? Ich wusste genau, dass mein Urteil von vornherein feststand und dass das alles eine Farce war, die eine hohe Strafe wegen Mordes formal legalisieren sollte. Die Wortgewandtheit des Staatsanwalts machte mir Spa├č, als er jenen Gefangenen als Zeugen gebrauchte, wohl wissend, dass das leicht der Ausl├Âser f├╝r ein neues Verbrechen sein konnte.

Zur├╝ck im Gef├Ąngnis versprach ich mir, Gerichtsspr├╝chen keinerlei Bedeutung zukommen zu lassen. Ich weigerte mich, den Richtern zuzugestehen, ├╝ber mich zu urteilen. Ich konnte ihnen nichts anerkennen, nicht einmal als Menschen, ihnen, die derart viele Leute in Haft schickten, und denen gleichg├╝ltig war, was dort mit ihnen geschah; sie k├╝mmerte nicht, dass innerhalb der Mauern die in ihrer Amtsf├╝hrung ach so hoch gehaltenen Gesetze gebrochen wurden. Ich w├╝rde mich selbst befreien oder bei dem Versuch sterben, doch ich w├╝rde die Haft nicht akzeptieren, bis zum letzten Atemzug nicht.

Weihnachten kam. Trancho lieh mir f├╝r einige Tage seinen Fernsehapparat und ich konnte mich in der Zelle mit den Kurven der spektakul├Ąren Marta S├ínchez und ihrer bedeutenden Brust unterhalten. Der Krieg im Golf von Persien war inzwischen ausgebrochen und Spanien hatte mit sch├Ąbigster Untert├Ąnigkeit Flugzeugtr├Ąger und heldenhafte Patrioten dorthin geschickt, aus Eitelkeit, Solidarit├Ąt mit den Herren der Welt zu zeigen. Ironischerweise ma├č sich die Gr├Â├če eines Volkes, die Gr├Â├če der gefeierten Demokratie nach ihrem milit├Ąrischen Potential. Es war ein bescheuerter Krieg, der uns zeigte, wie unn├╝tz Staaten und Vaterl├Ąnder waren, und der uns die Notwendigkeit klar machte, uns gegen diejenigen aufzulehnen, die sich in ihrem Militarismus und ihren nutzlosen Kriegen gefielen. Wie konnte die Gesellschaft mit verschr├Ąnkten Armen dabei zusehen, wie sie junge Totalverweigerer ÔÇô die einzigen Helden dieses Krieges ÔÇô ins Gef├Ąngnis warfen, und wie ihre Leute, ihre Kinder, Eltern, Freunde und Br├╝der sich auf das Abschlachten vorbereiteten. Was war an all dem heldenhaft? F├╝hlte sich diese Gesellschaft moralisch legitimiert, ├╝ber meine Fehler zu richten und zu bestrafen? Ohne Frage war Marta S├ínchez sehr humanit├Ąr gewesen, sie hatte es gewagt, an den Golf zu fahren, um f├╝r die spanischen Soldaten zu singen ÔÇô nichts war zu schade, um die Moral dieser Helden zu st├Ąrken. Schlie├člich war doch Weihnachten, oder?

Am 28. packte ich meine Sachen und verabschiedete mich von Trancho. Ich w├╝nschte ihm Gl├╝ck bei dem Ausbruch, den er zusammen mit Carlos plante, auf dass die beiden dabei die Freiheit erreichten. Hoffentlich w├╝rden wir uns wiedertreffen, doch n├Ąchstes Mal drau├čen auf der Stra├če. Nach einer Durchsuchung wurde ich von zwei Schlie├čern bis zum Gef├Ąngniseingang gebracht, wo die Guardia Civil auf mich wartete. Man legte mir Handschellen an und nahm mir die Fingerabdr├╝cke ab. Mit meinen T├╝ten in der Hand ging ich dann bis zum Gefangenentransporter, packte sie ihn den Kofferraum und stieg ein. Drinnen wartete eine angenehme ├ťberraschung auf mich, doch noch hatte ich nichts mitbekommen. Ich setzte mich in einen der K├Ąfige.

┬╗He, Jos├ę!┬ź rief mich eine Stimme.

┬╗Wer bist du?┬ź rief ich zur├╝ck.

Es herrschte ein ziemliches Wirrwarr aus gleichzeitigen Unterhaltungen zwischen Gefangenen.

┬╗Mensch, ich bins, Musta!┬ź schrie er.

┬╗Ach Quatsch! Wo bist du?┬ź

┬╗Ich bin hier, hinter dir, glaube ich. Wir fragen die Bullen, ob sie uns zusammen fahren lassen, OK?┬ź

┬╗Gut.┬ź

Als die letzten Genossen eingestiegen waren, rief ich den Gruppenf├╝hrer: ┬╗Guardia, h├Âren Sie!┬ź

┬╗Was willst du?┬ź

┬╗Ich will in einen anderen K├Ąfig und mit einem Freund zusammen fahren, er sitzt weiter hinten, seien Sie so nett.┬ź

┬╗Na gut, aber ich will eine ruhige Fahrt, verstanden?┬ź

┬╗Ja ja, keine Sorge…┬ź

Als der Wagen in Fahrt war und die Guardias in ihren Kabinen, ├Âffneten sie uns die T├╝r und wir umarmten uns auf dem Flur. Ich bedankte mich bei dem Genossen, der den K├Ąfig wechselte, damit mein Freund und ich zusammen fahren konnten. Wir redeten in unserer Muttersprache.

┬╗Na, wie gehtÔÇÖs?┬ź fragte ich ihn.

┬╗Mir, gut, und dir?┬ź

┬╗Mir auch. Ich war ├╝berrascht, von deiner Verhaftung zu h├Âren und von der der anderen. Was ist passiert?┬ź

┬╗Wir haben viele Fehler gemacht! Unsere mangelnde Erfahrung… Und obwohl ich mich damit abgefunden habe, denke ich st├Ąndig an die Chancen, die wir hatten! Tut mir Leid f├╝r dich, ich w├Ąre gern fr├╝her gekommen, um mit dir zusammen zu machen, wor├╝ber wir gesprochen haben.┬ź

┬╗Egal, denn wir haben Zeit und Lust, und das ist jetzt das Wichtige. Wir m├╝ssen unsere Fehler korrigieren, und der Rest kommt von selbst┬ź, munterte ich ihn auf. ┬╗Ich freue mich sehr, dich zu sehen, eigentlich waren wir ja nicht hier verabredet…┬ź

┬╗Wo f├Ąhrst du hin?┬ź fragte er mich.

┬╗Nach Teneriffa 2, da sitze ich ab. Es hat nicht viel gefehlt, um von da abzuhauen, und ich werde es nochmal versuchen.┬ź

┬╗Pass auf.┬ź

┬╗Na klar. Wo bringen sie dich hin?┬ź

┬╗Ich fahre zu einem Prozess nach Zaragoza.┬ź

Wir verabredeten, wie wir kommunizieren w├╝rden, um den Kontakt nicht zu verlieren. Es war wichtig, voneinander zu wissen und informiert zu bleiben ├╝ber Verlegungen oder andere Vorkommnisse. Es war leichter zu ertragen, wenn man die Gegenwart wahrer Freunde f├╝hlte, die Gegenwart geliebter Personen ohne Vorbehalte. as war meine einzige wirkliche Familie. Immer war es so gewesen. Sie waren es, die mich im Internat begleitet hatten, in der Erziehungsanstalt und jetzt im Gef├Ąngnis. Und sie waren es, die mich unbedingt und bis zum Ende begleiten oder die eine Waffe in die Hand nehmen w├╝rden, um mich zu verteidigen oder zu befreien.

Sie hatten f├╝r die Verlegungen das Gef├Ąngnis von Carabanchel gegen das von Alcal├í-Meco gewechselt, der Transporter hielt also vor Letzterem. Drinnen trennten sie uns. Obwohl wir beide im ersten Grad waren, wurden wir in unterschiedliche Trakte gebracht. Ich kam in eine Zelle zusammen mit Antonio Jara, mein Freund Musta kam in Trakt sechs. Wir w├╝rden nach drei Tagen beide weiterfahren und uns auf der Reise wiedersehen.

Im Trakt f├╝r Neuaufnahmen besorgte Antonio ein paar Joints von Bekannten von ihm. Er hatte au├čerdem eine T├╝te mit verschiedenem leckeren franz├Âsischen K├Ąse dabei, mit dem wir uns vollfra├čen. Wir legten uns auf die zwei Stockbetten, die es in der Zelle gab und rauchten mehrere Joints. Antonio Jara war ein bekannter Bankr├Ąuber und hatte eine der umfangreichsten Kriminalgeschichten des Landes auf dem Kerbholz. Er kannte mehrere L├Ąnder und war viermal aus spanischen Gef├Ąngnissen ausgebrochen. Ein richtiger Bandit. Ich h├Ârte ihm gerne zu:

┬╗Glaub mir, Jos├ę, vierzig Jahre ist das beste Alter f├╝r einen Mann.┬ź

┬╗Und wie ist das so?┬ź fragte ich ihn.

┬╗Du hast Erfahrung, Reife, machst nicht mehr so viele Fehler wie als du j├╝nger warst, und du kriegst immer noch einen hoch.┬ź

┬╗Das, wenn ich frei sein sollte, nicht?┬ź

┬╗Dieses Jahr noch komme ich nach Brasilien┬ź, antwortete er ├╝berzeugt.

┬╗Hoffentlich haben wir Gl├╝ck, das brauchen wir.┬ź

┬╗Wie alt bist du, Jos├ę?┬ź

┬╗Zweiundzwanzig.┬ź

┬╗Versuch es weiter, mit aller Kraft, und du wirst es schaffen┬ź, sprach er aus.

Und wie vorhergesagt sollte es einer von uns beiden im n├Ąchsten Jahr schaffen auszubrechen. Doch im Moment waren das nur Tr├Ąume, Projekte, Hoffnungen, unter deren Eindruck wir das Jahr 1991 begr├╝├čten.

Wir verabschiedeten das alte Jahr mit einer weiteren Runde Joints. Man gab uns ein scheinbar weihnachtliches Essen und zw├Âlf Trauben in schlechtem Zustand, weshalb wir sie nicht a├čen. Den franz├Âsischen K├Ąse aber a├čen wir auf, und wir mampften s├╝├čes Backwerk, das wir im Economato gekauft hatten. Wir sa├čen am Tisch und unterhielten uns. Dann packten wir unsere Sachen f├╝r die Reise, die am folgenden Tag auf uns zu kam, drei Tage nach unserer Aufnahme in Alcal├í-Meco.

In den amerikanischen Aufnahmezellen traf ich Musta wieder, und auch Garfia. Wir begr├╝├čten uns und ich redete durch die Gitter mit meinem Freund: ┬╗Halte den Kontakt aufrecht, OK?┬ź

┬╗Na klar. Zweifle nicht daran. Ich verschicke die Briefe, wie du mir gesagt hast. Sei unbesorgt.┬ź

┬╗Vergiss nicht, mit Yanko und den anderen zu reden┬ź, erinnerte ich ihn.

┬╗Und du mit Alba.┬ź

┬╗Das ist praktisch schon passiert.┬ź

Juanjo Garfia unterhielt sich angeregt mit Jara, Titi und Isidro, alles bekannte Ausbrecher und ging dann bis an das Gitter, wo Musta und ich miteinander redeten. ┬╗Wie siehtÔÇÖs bei dir mit Geld aus?┬ź fragte er mich.

┬╗Beschissen.┬ź

Er holte zweitausend Peseten aus seinem Portemonnaie und gab sie mir. Dann gab er mir noch ein paar Schachteln Zigaretten. Solche gegenseitigen Gefallen waren selbstlose Hilfe, sehr ├╝blich unter uns Ausbrechern. Wir hatten viel Verst├Ąndnis und Solidarit├Ąt f├╝reinander, denn wir kannten alle unsere Bed├╝rfnisse, und das hielt uns zusammen in unserem kleinen Kreis.

┬╗Viel Gl├╝ck, Jos├ę┬ź, w├╝nschte er mir.

┬╗Danke, pass auch du auf dich auf, OK?┬ź

Ich gab meinem Freund die H├Ąlfte des Geldes und der Zigaretten, ich warf sie ihm durch das Gitter zu. Als der Transporter nach C├ídiz bereit war, wurden ich und andere Genossen von der Guardia Civil gerufen und aufgefordert einzusteigen. Allein die Idee, schon wieder in so einen K├Ąfig zu kommen drehte mir den Magen um. Ich raffte die T├╝ten mit meiner Habe zusammen und verabschiedete mich von Juanjo mit einem festen H├Ąndedruck. Dann ging ich an der Zelle vorbei, in der Musta steckte, ergriff fest seine Hand und verabschiedete mich: ┬╗Ich liebe dich, wei├čt du?┬ź

┬╗Das wei├č ich, Bruder. Ich dich auch…┬ź

Nach diesem Versuch Gef├╝hle zu zeigen ging ich zum Transporter. Ich legte meine T├╝ten in den Kofferraum, und als wir alle in den K├Ąfigen sa├čen, fuhren wir los in Richtung Andalusien, ├╝ber die N-4. Ich hatte es geschafft, alleine in einem K├Ąfig zu reisen, so war die Fahrt ertr├Ąglicher. Die Verlegungen waren immer noch saum├Ą├čig. Um ein paar Groschen zu sparen, behandelten uns Beh├Ârden und Gesellschaft immer noch wie Vieh.

Gef├Ąngnis Puerto de Santa Mar├şa 2, Januar 1991

In Puerto de Santa Mar├şa angekommen, wurde ich zu meiner ├ťberraschung in die neben dem eigentlichen Gef├Ąngnis und dem Gef├Ąngnis f├╝r Frauen gelegene Untersuchungshaftanstalt gebracht. Beide Anstalten waren durch eine Stra├če voneinander getrennt, ├╝ber die die Transporter und Polizeifahrzeuge menschlichen Nachschub f├╝r die Gef├Ąngnisse brachten. In Puerto 2 brachten sie mich ÔÇô nach einer erniedrigenden Durchsuchung, in deren Verlauf ich dem Schlie├čer meine Eier hochheben und vorzeigen musste ÔÇô in die Isolationsabteilung, wo sich eine Reihe Politischer der baskischen Organisation ETA befand. Ich lernte Paco und Jos├ę Mari kennen, mit denen ich mich gut verstand, genau wie mit den anderen Politischen. Sie empfingen mich wunderbar, teilten alles mit mir, vom ersten Augenblick an. Ich w├╝rde dort bleiben m├╝ssen, bis der Transport nach Teneriffa mich abholte. Die Zwischenzeit war richtig angenehm. Diese Menschen, die von der Mehrheit der Spanier (also nicht der Basken) f├╝r blutr├╝nstige M├Ârder gehalten wurden, zeigten mir gegen├╝ber praktische Solidarit├Ąt in jeder Hinsicht. Ihr Geld war mein Geld, ihre B├╝cher die meinen, ihr Essen das meine. Sie fanden au├čerordentliche Gesten f├╝r mich, zum Beispiel kochten sie mir abends Tee mit Honig, den sie mir mit Bindf├Ąden ├╝ber das Fenster zukommen lie├čen. Jos├ę Mari brachte mir bei, was eine ausgewogene Ern├Ąhrung bedeutet, lieh mir B├╝cher und schenkte mir ein kleines Radio mit Kopfh├Ârern. Er schw├Ąrmte f├╝r Imkerei und gab mir lange Vortr├Ąge ├╝ber das Einwirken der Bienen auf Landschaft und Ernte. Er war der geborene Naturfreak. Wir teilten viele Ansichten und es fiel uns nicht schwer uns anzufreunden.

Auf derselben Galerie befand sich auch Paco, ein ausgesprochen angenehmer Revolution├Ąr. Er lieh mir h├Ąufig sein elektronisches Schachspiel aus oder verwickelte mich in ernsthafte und skandal├Âse Pr├╝geleien auf dem Schachbrett. Ganze Nachmittage spielten wir miteinander ├╝ber die Fenster hin├╝ber Schach. Paco schaffte ich nicht zu besiegen, und ich war gar nicht so schlecht. Ich f├╝hlte mich wohl bei diesen Genossen. Sehr wohl. Die beiden versorgten mich mit Obst, Bienenpollen und anderen Nahrungsmitteln, damit ich die M├Ąngel des ekelhaften Gef├Ąngnisessens ausgleichen konnte. Sie gaben mir die Essenszulage, die mir die ├ärzte dieser Anstalt verweigerten, ihnen lag meine Gesundheit am Herzen. Man lie├č uns auf einen kleinen Hof hinaus, wo wir uns h├Ąufig mit Genossen von ihnen trafen, die aus der Galerie gegen├╝ber kamen. Wir unterhielten uns aus dem Fenster rufend, wenn wir Lust hatten, meistens redeten sie allerdings auf Baskisch ├╝ber ihre privaten Themen. Ich ging normalerweise mit Jos├ę Mari und Paco spazieren. Mit ihnen verstand ich mich am besten. Wir stimmten in unserer Auflehnung gegen den spanischen Staat ├╝berein, wenn auch aus unterschiedlichen Gr├╝nden.

Eines Nachmittags bekamen wir Besuch von mehreren Inspektoren der Generaldirektion aus Madrid. Eine Zelle nach der anderen wurde ge├Âffnet und die Insassen befragt. Als sie in meine Zelle kamen, wandten sie sich grinsend an mich: ┬╗Wie geht es Ihnen?┬ź fragte mich einer.

┬╗Wer sind Sie eigentlich?┬ź fragte ich zur├╝ck.

┬╗Wir kommen um die Anstalt zu inspizieren. Haben Sie eine Beschwerde vorzubringen?┬ź Mehrere Schlie├čer und ein Dienstleiter waren mit dabei.

┬╗Oh ja. Haben Sie mitbekommen, dass vor ein paar Tagen ein Gefangener im Nebentrakt geschlagen wurde? Dar├╝ber will ich mich beschweren, Sie haben also etwas zu tun. Obwohl ich Ihnen sagen m├Âchte┬ź, f├╝gte ich hinzu, ┬╗dass ich nicht glaube, dass Sie in der Lage sind, auch nur irgendetwas zu tun und dass Sie das auch nicht im Ernst vorhaben.┬ź

┬╗Wir werden die Angelegenheit untersuchen m├╝ssen… Noch etwas?┬ź

┬╗Nein.┬ź

Wir verabschiedeten uns k├╝hl. Sie w├╝rden nichts unternehmen; das war immer dieselbe Geschichte, tausendfach wiederholt in den spanischen Gef├Ąngnissen. Reine Scheinheiligkeit und eine inexistente b├╝rokratische Effizienz. Bis zu dem Punkt, dass ein Jahr sp├Ąter der Direktor dieser Anstalt und andere Schlie├čer des Betrugs ├╝berf├╝hrt wurden: Sie hatten pers├Ânliche Schulden mit dem Geld der Gefangenen beglichen. Als der Betrug herauskam, bei dem auch die Anstalt Ciudad Real eine Rolle spielte, wurde der betreffende Direktor in die Verwaltung von Puerto 1 versetzt, als stellvertretender Direktor. Das unterstrich den hohen Grad an Korruption in den spanischen Gef├Ąngnissen. Die Herren Inspektoren kamen vielleicht jetzt, um alles unter den Teppich zu kehren und ihren Teil zu kassieren, oder sie waren einfach inkompetent und st├╝mperhaft bei der Aus├╝bung ihrer Kontrollfunktion. Auf jeden Fall st├╝tzten sich in den Gef├Ąngnissen diese Leute gegenseitig, aus Korpsgeist und eil niemand von ihnen wissen konnte, ob ihm nicht morgen dasselbe passieren konnte. Deshalb machten sie sich furchtlos straff├Ąllig, denn falls sie erwischt w├╝rden, wurden sie zwar versetzt, bekamen aber in einer anderen Anstalt einen neuen Posten, sobald der Skandal sich gelegt hatte. So tricksten sie die ver├Âffentlichte Meinung aus. Die Gef├Ąngnismauern verhinderten nicht nur, dass wir Gefangenen abhauten, sie dienten vor allem auch dazu, dass niemand sah, was hinter ihnen passierte. So funktionierte die von Antoni Asunci├│n geleitete Beh├Ârde, eine Verwaltung geschaffen nach seinem Bild und unter seiner Regie.

Nach diesem unangenehmen Besuch gingen wir wieder in die allt├Ągliche Routine ├╝ber. Manchmal gingen Paco und ich mit Plastikmessern bewaffnet auf den Hof, setzten uns hin und sch├Ąlten Obst, das wir dann schnitten und mit Honig, Pollen und Orangensaft mischten und an alle anderen verteilten. Manchmal sa├čen wir die zwei t├Ąglichen Stunden im Hof und tranken Kaffee oder Tee, den wir in der Cafeteria bestellten. Wir redeten ├╝ber meine Verlegung:

┬╗Sieht so aus, als ob du hierbleibst, was Jos├ę?┬ź

┬╗Anscheinend. Ich wei├č nicht, was los ist…┬ź

┬╗Wie ist Teneriffa so?┬ź fragte Jos├ę Mari.

┬╗Gut. Du wirst sehen, diesmal schaffe ichÔÇÖs┬ź.

┬╗Den Satz habe ich schon oft geh├Ârt┬ź, er l├Ąchelte. ┬╗Zu Anfang eines neuen Jahres sagen das alle.┬ź

┬╗Du hast Recht, doch sei kein Spielverderber, Mann…┬ź sagte ich und wir lachten beide.

Trotz der Hilfe meiner Genossen f├╝hlte ich mich wieder schlechter. Nachts schwitzte ich viel, und leichte Fieberattacken brachten mir Sch├╝ttelfrost und lie├čen mich nicht schlafen. Ich hatte m├Ąchtige Erstickungsanf├Ąlle. Dann musste ich das Licht anschalten, die Fenster ├Âffnen und abwarten, bis es vorbei war. Am n├Ąchsten Tag erz├Ąhlte ich Paco davon, doch nicht alles: ┬╗Es geht mir zur Zeit nachts ziemlich schlecht, es ist bedr├╝ckend. Es f├Ąllt mir sehr schwer einzuschlafen.┬ź

┬╗Na, ich habe da ein paar Sophrologie-Kassetten in der Zelle, die hat man mir zur Entspannung geschickt. Wenn du willst, ├╝berspiel ich dir ein paar, damit du damit ├ťbungen machen kannst.┬ź

┬╗Das w├Ąre toll, Paco.┬ź

┬╗OK, sind schon unterwegs.┬ź

Bei der Sophrologie ging es darum, Yoga-Techniken mit Selbsthypnose zu mischen. Den K├Ârper sollte man mit tiefen und zusammenh├Ąngenden Atemz├╝gen einschl├Ąfern, die Muskeln entspannen, angefangen an den F├╝├čen hoch bis zum Kopf. Man spannte die Muskeln an und entspannte sie dann langsam, bis man sie nicht mehr f├╝hlte. Das w├╝rde mir sehr weiterhelfen, immer, wenn ich es regelm├Ą├čig machte. Die Wirkung war erstaunlich. Au├čerdem hatte sich auf meinem R├╝cken und auf der Brust eine Akne aggressiv breit gemacht, die st├Ąndig eiterte und mein Hemd mit Blut und Eiter schmutzig machte. Das lag an der schlechten Ern├Ąhrung und zu viel Fett im Gef├Ąngnisessen. Das glaubte ich wenigstens. Woran auch immer es lag, es war ziemlich unangenehm, ich konnte aber nichts machen au├čer abzuwarten bis es besser wurde und vernarbte.

Am 20. Februar wurde mir mitgeteilt, dass ich nach Zaragoza verlegt werden w├╝rde. Man bestellte mich zu einem Prozess. Die Fahrt nach Teneriffa wurde also verschoben. Alle gaben mir etwas Geld f├╝r die Reise, wof├╝r ich dankbar war. Von diesen Menschen w├╝rde ich gute Erinnerungen mitnehmen und vor allem auch viel wertvolles neues Wissen.

Gef├Ąngnis Zaragoza, Februar 1991

Wir waren mehrere auf der Fahrt von Madrid nach Zaragoza. Unterwegs weigerte sich die Guardia Civil, uns einen Moment die T├╝ren aufzuschlie├čen, damit wir uns ein bisschen bewegen und aufs Klo zum Pinkeln gehen konnten. Also riss ein Genosse, dessen T├╝r offen war, die Klinke einer K├Ąfigt├╝r ab und ├Âffnete uns, einem nach dem anderen. Er machte dabei die T├╝rschl├Âsser kaputt. Die Guardias Civiles schienen nach hinten kommen zu wollen, doch das war nur ein Man├Âver zur Einsch├╝chterung. Sie trauten sich schlie├člich nicht. Wir verbrachten den Rest der Reise mit offenen K├Ąfigen und unterhielten uns in Gruppen. Gegen Mittag kamen wir an unserem Ziel an und stiegen in Paaren aus dem Transporter. Wir nahmen unsere Sachen und gingen bewacht von den Guardias durch eine automatische T├╝r nach drinnen. Dort zeigte mich einer von ihnen bei den Schlie├čern an: ┬╗Der da┬ź, er zeigte auf mich, ┬╗der da hat ein St├╝ck Eisen, das er von einer T├╝r abgerissen hat. Damit hat er unterwegs allen seinen Kollegen aufgemacht.┬ź

┬╗OK, wo ist das Eisen?┬ź fragte mich der Dienstleiter.

┬╗Ich habe nichts.┬ź

┬╗Das werden wir gleich sehen. Bringt sie in die Amerikanischen!┬ź befahl er seinen Untergebenen.

Sie schlossen uns in die amerikanischen Zellen. Nach einer Weile kamen sie, um die anderen in ihre Trakte zu bringen, mich lie├čen sie dort allein. Der Gefangene, der das Eisen von der T├╝r abgerissen und uns aufgemacht hatte, wies jede Verantwortung von sich. Er war im zweiten Grad und wollte vor allem das nicht gef├Ąhrden. Ich nahm ihm das nicht ├╝bel, er wahrte einfach sein Interesse. Er war ein Risiko eingegangen, als er uns alle herauslie├č, und ich war jetzt damit an der Reihe, auf diese Geste mit Schweigen zu antworten. Schlie├člich hatte der Guardia mich mit ihm verwechselt. Wir trugen recht ├Ąhnliche Kleidung, und das war ja nicht seine Schuld. Die Schuld trug der Guardia Civil, der sich mit dieser sch├Ąbigen Denunziation ger├Ącht hatte.

Nach einer Weile brachten sie mir einen Plastikeimer und zwei Decken.

┬╗Wenn Sie hier heraus wollen, geben Sie uns das Eisen.┬ź

┬╗Ich wiederhole: Ich habe nichts.┬ź

┬╗Wem hast du es denn dann gegeben?┬ź

┬╗Ich hab es durch das Loch im Klo auf die Stra├če geschmissen, bevor wir angekommen sind.┬ź

┬╗Gut, wenn das so ist, kannst du es uns ja beweisen┬ź, dazu forderten sie mich auf und zeigten auf den Eimer.

┬╗Kommt nicht in Frage…┬ź

Es war eine unbequeme Situation: Ich hatte eine S├Ąge in mir, die bedeutete jetzt Gefahr. Was das verdammte Eisen anging, sie w├╝rden mir nicht glauben da konnte ich sagen, was ich wollte. Ich sah den Eimer an, mit Abscheu. Sie wollten, dass ich dort hinein kackte und ihnen dann etwas gab, doch da konnten sie lange warten, ich hatte es ├╝berhaupt nicht eilig. Ich legte mich auf die dreckige Decke und war bereit, so lange wie n├Âtig dort abzuwarten. Ich w├╝rde ihnen keinen Gegenstand geben und noch weniger die Freude, mich in diesen Eimer kacken zu sehen. Ich verbrachte so die Nacht, ohne Abendessen. Am n├Ąchsten Morgen bekam ich auch kein Fr├╝hst├╝ck. Ein Schlie├čer kam zu mir: ┬╗Na, musst du nicht kacken?┬ź

┬╗Wieso, haben Sie Hunger?┬ź ÔÇô diese scharfsinnige und schlecht gelaunte Antwort fand ich f├╝r ihn.

┬╗Was?┬ź

┬╗Nichts, nichts, ist egal.┬ź

┬╗Scheint, als m├╝ssten wir mit Gummihandschuhen kommen.┬ź

Ich bekam kein Essen, am Mittag kam daf├╝r der Dienstleiter in Begleitung anderer Schlie├čer zu mir. Er redete durch das Gitter hindurch. ┬╗Na, Tarr├şo, werden sie uns das Eisen freiwillig geben oder nicht?┬ź Er drohte mir.

┬╗Ich habe Ihnen doch schon gesagt, ich habe kein Eisen, ich habe es weggeworfen.┬ź

Sie ├Âffneten die T├╝r und kamen in die Zelle.

┬╗Ziehen Sie sich aus┬ź, befahlen sie mir.

Ich gehorchte und zog mich aus. Sie suchten zwischen meinen Arschbacken, unter den Achseln, am Hoden und anderen K├Ârperstellen. Es f├╝hlte sich an wie eine Herde Nacktschnecken auf meiner Haut, doch ich beherrschte mich. Als sie fertig waren, lie├čen sie mich in Ruhe. Ich hatte meine Selbstachtung schwer verletzt. Nach dem Anziehen brachten sie mich in den Isolationstrakt. Ich hatte das Kr├Ąftemessen gewonnen und die S├Ąge gerettet.

Sie sperrten mich in eine der Isolationszellen im zweiten Stockwerk. Das waren Einzelzellen, sauber und gro├č, mit doppelt vergitterten Fenstern, die auf die Stra├če hinaus wiesen. Ich trat ans Fenster. Jenes St├╝ck Stra├če, diese Handbreit physischer Freiheit, lie├č mich Sehnsucht f├╝hlen nach anderen, vergangenen, zu Grunde gegangenen Zeiten, die in meiner Erinnerung wieder auferstanden.

Mein Gem├╝t schlug um. Was geschah, was passierte mit mir? In was verwandelte ich mich hier, zu was machten sie mich? Jener Fetzen Leben, die teilnahmslos ├╝ber die Stra├če wandelnden B├╝rger, die fahrenden Autos, alles erinnerte mich daran, dass ich nur ein Toter war, ein eingesperrter Mensch, lebendig begraben in eine Welt aus Zement und Beton, bev├Âlkert von Eisengittern. Eine armselige Welt, in der mir das Leben entglitt zwischen Z├Ąhlappell und Z├Ąhlappell, zu denen der Schlie├čer das Innere des Grabes genau musterte, um sicherzugehen, dass ich noch da war. Es war schwer zu akzeptieren, dass die Jahre ohne dich verstrichen; es war schwer zu akzeptieren, dass die Leute verschwanden oder dich verga├čen, wo doch auch das Vergessen eine Form des Todes ist; es war schwer, in diesem Grab ein einfaches und blo├čes Dasein zu fristen, mit Hoffnung und Erinnerung als einziger Nahrung. Jetzt, ans Fenster gelehnt und auf die Stra├če blickend, verstand ich die Tiefe des Abgrunds, in den ich von Menschen hinabgeworfen worden war. Hinter den Mauern, seiner Natur und seiner Zeit beraubt, lie├č der Mensch das Leben hinter sich und ging dazu ├╝ber, einfach nur zu ├╝berleben.

An diesem Nachmittag auf dem Hof leistete mir Tofi Gesellschaft, ein alter Freund aus dem Gef├Ąngnis Daroca, f├╝r den die gleichen Haftbedingungen galten. Wir gr├╝├čten uns mit festem H├Ąndedruck und gingen spazieren, unter dem scharfen Hundsblick des Schlie├čers, der uns vom Turm, von seinem Hinterhalt aus bewachte.

┬╗Wie gehtÔÇÖs, Tofi?┬ź

┬╗Gut.┬ź

┬╗Du glaubst nicht, was die gestern nach der Ankunft mit mir veranstaltet haben, wegen eines Schei├čbullen. Bis eben war ich in den Amerikanischen.┬ź

┬╗Wei├č ich schon. Haben ein paar Leute hier herumerz├Ąhlt.┬ź

┬╗Wei├čt Du etwas von Ni├▒o?┬ź fragte ich ihn.

┬╗Er ist immer noch in Herrera, vor Kurzem lag er allerdings in Madrid im Krankenhaus. Jetzt geht es ihm wieder besser…┬ź

┬╗Ich habe geh├Ârt, dass er sich um die APRE k├╝mmert und dass er sie neugr├╝nden will, mit neuen Statuten.┬ź

┬╗Ja, es sind schon in mehreren Anstalten Kopien verteilt worden, um zu sehen, wie die Leute drauf reagieren. Hast du noch keine davon abgekriegt?┬ź

┬╗Nein. Ich fahre seit ein paar Monaten st├Ąndig herum, von Anstalt zu Anstalt.┬ź

┬╗Ich habe oben eine in der Mappe. Nachher gebe ich sie Dir zu lesen.┬ź

┬╗OK.┬ź

Ich fragte nach meinem Freund Musta, doch er war nicht mehr dort. Sie hatten ihn wieder nach Galizien geschickt. Nach ein paar Stunden Spazieren und einer guten Dusche verschluckten uns die Zellen wieder. Ich putzte meine Zelle und machte das Bett, um mich anschlie├čend hinzulegen und die Statuten der APRE-Neugr├╝ndung zu lesen. Sie waren geschrieben von ├üvila Navas. Es waren drei maschinengeschriebene Seiten, und der Inhalt war sehr interessant.

Statuten der neugegr├╝ndeten Vereinigung der H├Ąftlinge unter Sonderbedingungen APRE (r)

Es besteht kein Zweifel, dass das fehlende Bewusstsein und das gesellschaftliche Desinteresse am Thema Strafvollzug der Folter, dem Amtsmissbrauch, Anma├čungen und Straftaten als Mittel im Strafvollzug einen ┬╗Freibrief┬ź ausstellen. Aus diesem Grund entsteht APRE(r).

Die Realit├Ąt im Gef├Ąngnis kennen nur diejenigen, die sie erleiden: Wir, die Gefangenen. Leider ist die inhaftierte Bev├Âlkerung in zwei Gruppen gespalten: Die Konventionellen, deren einziges Streben es ist, ihre Strafe so schnell wie m├Âglich zu verb├╝├čen, und das zu ┬╗bequemen┬ź Bedingungen, ÔÇô und wir, APRE(r), die sogenannten Unverbesserlichen, ein Begriff, der immer noch passt, da wir auf unverbesserliche Weise unserer Eigenschaft als Menschen bewusst sind. Wir wollen unsere Strafen ohne Bequemlichkeit verb├╝├čen und unsere W├╝rde und die uns gesetzm├Ą├čig zugestandenen Rechte dabei verteidigen. APRE(r) ist durch zwei Phasen gegangen. In der ersten waren die einzigen Erfolge eine symbolische In- teressenvertretung, die f├╝r ein paar Leute verbesserte Lebensbedingungen brachten, und damit Entt├Ąuschung, Streit und Uneinigkeit in Bezug auf neue Projekte. Das zerr├╝ttete

die Organisation.

Doch das Wrack stand wieder auf, mit neuen Mitgliedern, gr├╝ndete sich neu und schuf eine Struktur unabh├Ąngiger Basisgruppen, deren Aktivit├Ąt sich gegen die Folterpraxis richtet und f├╝r einigerma├čen w├╝rdige Lebensbedingungen in den Gef├Ąngnissen streitet, inklusive Kulturf├Ârderung, kreativer Besch├Ąftigung, Sport oder anderen Formen der Weiterbildung.

Wir k├Ąmpfen f├╝r die ersatzlose Streichung der Sonderhaftbedingungen (Artikel 10 LOGP und 32 und 46 RP), die absolute Isolation, das Dahinvegetieren, die Annullierung der Pers├Ânlichkeit der Gefangenen. Wir erleiden eine vollst├Ąndige Au├čer-Kraft-Setzung der Grundrechte und den Zwang repressiver Haftbedingungen, denen jede Grundlage in Gesetz und Verordnung fehlt, womit unsere Beschwerden um jeden Preis zum Schweigen gebracht und Protestaktionen vermieden werden sollen. Zu Isolation und Ausschluss jeder Kommunikation kommt hinzu, dass wir uns hunderte von Kilometern entfernt von unserer gewohnten Umgebung befinden, was f├╝r unsere Familien hei├čt, dass sie auf der Landstra├če t├Âdlich verungl├╝cken k├Ânnen.

Wir glauben, dass in einer Demokratie nicht alles gelten kann. Die Demokratie ist nicht Eigentum einiger Weniger, die sie nach eigenem Wissen und Gewissen aush├Âhlen und setzen in dieses edle Rechtswesen von Gottes Gnaden, in Posten und ├ämter ├Âffentlicher Beh├Ârden, die sie selbst besetzen. Wir haben die Nase gestrichen voll davon, dass sie uns unsere Grundrechte aberkennen, diese Zuh├Ąlter der Demokratie, die im Schilde f├╝hren, ihre ┬╗B├╝rger┬ź in Prostituierte eines sogenannten Rechtsstaats zu machen. Seit ├╝ber einem Jahrzehnt ist die Konsequenz der Unregelm├Ą├čigkeiten und M├Ąngel der sozialdemokratischen Strafvollzugspolitik, uns Gefangene pausenlos physischer Aggression, Amtsmissbrauch und Parteilichkeit der Schlie├čer auszusetzen. Die Schlie├čer sind ihrerseits nach den h├Ąrtesten Kriterien des katholischen Faschismus ausgebildet, der Leitideologie des Milit├Ąrregimes, welches der Demokratie voranging, bis vor f├╝nfzehn Jahren.

Bewusst oder unbewusst h├Ąlt die Verwaltung von Justiz und Strafvollzug jene Elemente im Dienst, die einst der weltliche Arm des Franquismus waren. Einige von ihnen sind durch die Aus├╝bung politischen Opportunismus des richtigen Parteibuchs bef├Ârdert worden und haben hinterlistig inquisitorische p├Ądagogische Ma├čnahmen durchgesetzt und zus├Ątzlich daf├╝r gesorgt, im Strafvollzug ma├čgebliche Vorschriften f├╝r Sicherheit und Ordnung selbst und eigenm├Ąchtig auslegen zu k├Ânnen. Sie haben den Strafvollzug zu ihrer heiligen Festung gemacht. Es herrscht physische Gewalt, ausge├╝bt durch M├Ârder, und unsere Therapie ist gegr├╝ndet auf Terror, Einsch├╝chterung und Erpressung, was die Einhaltung der von ihnen gesetzten Regeln erreichen soll, unter Missachtung der geltenden Gesetze und leichtfertiger Verletzung der Rechte der Gefangenen durch andauernde Pr├╝gel wegen Dingen, wie etwa dabei erwischt zu werden, wie man durch ein Fenster mit jemandem redet, oder dabei erwischt zu werden, im Bett zu liegen. Unsere K├Ârper haben es gelernt, sich unter so viel beamteter Gewalt zusammenzuziehen.

Man hat uns aufgrund falscher Tatsachen Disziplinarstrafen auferlegt, ein Betrug, den wir vor korrupten, regimetreuen und mehrheitlich von Totschl├Ągern besetzten Gerichten anzeigen mussten, vor derselben Sorte Therapeuten des Schlagstocks, der Fesseln und der Sprays, die anschlie├čend selbst ├╝ber unsere Einstufung in die Grade der Vollzugsbedingungen entscheiden.

Wir k├Ânnen die Zahl der Genossen, die an diesem h├Âllischen Drittwelt-Knastsystem gestorben sind, nicht genau angeben. Es gibt beabsichtigte Infektionen mit AIDS, es fehlt angemessene und glaubw├╝rdige medizinische Betreuung, es fehlt jeder humanit├Ąre Geist im Herzen des Staates. Wir gedenken unserer Genossen Jos├ę Manuel Ru├şz Verdugo, Francisco Carmona Gallardo, Juan Jos├ę Piquero, Agust├şn Rueda Sierra (Folteropfer), Vicente Gigante Real… Es hat so viele Tote gegeben, dass wir ein ganzes Papierlager br├Ąuchten, um alle Namen unserer unvergessenen Genossen aufzuschreiben.

Wir haben tausende Anzeigen eingereicht an die Gerichte und an die Generaldirektion, in denen wir von den physischen, psychischen und moralischen Aggressionen Zeugnis ablegen, deren Opfer wir sind, ohne dass bis jetzt geeignete Ma├čnahmen ergriffen worden w├Ąren, um hiermit Schluss zu machen. Vielmehr sind die postwendenden Resultate unserer Anzeigen die Verh├Ąrtung der Repressalien und der Hass der Henker.

Die absolute Gleichg├╝ltigkeit, der wir andauernd ausgesetzt sind und die Hoffnungslosigkeit, die daraus resultiert, haben ns verschiedentlich veranlasst, Aufst├Ąnde auszul├Âsen und Entf├╝hrungen von Schlie├čern zu organisieren. Diese Taten haben einerseits zur Erh├Âhung unserer Haftstrafen gef├╝hrt; andererseits sind die Henker vollkommen straflos aus all dem hervorgegangen und konnten ihre niederen Instinkte ohne Weiteres an uns auslassen. Wir waren und sind Versuchskaninchen f├╝r psychische Folter, die darauf abzielt, die Pers├Ânlichkeit der Individuen zu annullieren.

Dass hier kein Zweifel besteht: Zu jeder Zeit hat die Generaldirektion genau Bescheid gewusst ├╝ber die Pr├╝gel und die

Parteilichkeiten, die wir ├╝ber uns ergehen lassen mussten, ohne Unterlass, und auch ohne Vermerk in unseren Akten. Man h├Ąlt uns mit brutaler Gewalt nieder. Nicht zufrieden mit dem Resultat aus physischer und psychischer Bestrafung, die man uns angedeihen l├Ąsst, erpresst man uns, man spekuliert auf unseren Schmerz, man handelt mit unseren Tr├Ąumen, indem man uns von unseren famili├Ąren und freundschaftlichen Beziehungen trennt und uns bewusst geografische Entfernungen auferlegt, als Methode zur sozialen Entwurzelung, und das ohne Rechtfertigung und nicht zur Besserung, einfach wegen unserer Weigerung vor der ┬╗Resozialisierung┬ź, die man uns anbietet. Die Resozialisierung ist nur ein abstrakter Begriff, und was man mit uns anstellt, ist sklavisches Abrichten, durchgef├╝hrt von Syndikaten des Organisierten Verbrechens, den sogenannten Equipos de Tratamiento, deren therapeutisches Kriterium das Anstreben der absoluten Unterwerfung des H├Ąftlings unter die herrschende Klassentrennung ist.

Wir zweifeln nicht daran, zuallererst die Verwaltung von Justiz und Strafvollzug f├╝r die Nachteile verantwortlich zu machen, die wir erfahren haben und immer noch erfahren. Wir glauben, dass die Bestrafungszellen, die Jahre in Isolation, die Verletzungen des moralischen Empfindens, die uns und unseren Familien beigebracht wurden, nicht mit Entsch├Ądigungsleistungen in Form von Geld wieder gut zu machen sind.

Da dieser ┬╗Rechtsstaat┬ź uns bis jetzt gestattet, zu lesen, verstehen wir noch etwas, zum Beispiel, was der Artikel 121 der Verfassung des Landes S. eigentlich sch├╝tzen will.

Wir fordern als Entsch├Ądigung f├╝r die Nachteile, die wir erlitten haben, folgendes:

1. R├╝ckwirkende Verk├╝rzung unserer Haftstrafen im Ausgleich f├╝r in Haft geleistete Arbeit um vier Monate pro abgesessenem Jahr.

2. Untersuchung und Aufkl├Ąrung sowie Klarstellung der Verantwortung in den F├Ąllen, in denen wir zu Disziplinarstrafen verurteilt worden sind, unter Beachtung von Artikel 15 der Spanischen Verfassung in Verbindung mit Artikel 3 der Europ├Ąischen Charta f├╝r Menschenrechte.

3. Sofortige Freilassung aller unheilbar kranken Gefangenen (AIDS) und Streichung der Bedingung, die Gefangenen m├╝ssen sich in terminaler Phase befinden. Schon in einem fr├╝heren Stadium der Krankheit muss auf sie das in Artikel 60 der Strafvollzugsordnung garantierte Recht angewandt werden.

4. Jedem Schlie├čer, der wegen Misshandlungen angezeigt worden ist, ist der weitere Kontakt mit Gefangenen zu untersagen.

Uns ist bekannt, dass die Generaldirektion sich vorgenommen hat, eine Politik zu entwickeln, die eine Behandlung der Strafgefangenen unabh├Ąngig von ihrem Haftgrad anstrebt. Das sehen wir objektiv und beurteilen es als geeignete Ma├čnahme, die Idee der Resozialisierung zu verfolgen, was im ├ťbrigen der Auftrag aus dem erkl├Ąrten Willen der Bev├Âlkerung hinsichtlich der Strafvollzugspolitik ist. W├Ąre angewandt worden, was das Gesetz vorsieht, h├Ątte die Mehrheit der Mitglieder von APRE(r) heute einen Gro├čteil ihrer Strafe, wenn nicht alles, bereits verb├╝├čt. Wir w├Ąren in den Genuss der Bef├Ârderung in leichtere Haftgrade und von Hafturlauben gekommen. In der Realit├Ąt, die man uns aufzwingt, d├╝rfen wir jedoch nicht einmal vis-a-vis-Besuche empfangen, was ein Verbot bedeutet, Sexualit├Ąt zu leben (das ist Folter), oder unsere Familienangeh├Ârigen zu umarmen. Wir kennen viele andere Gefangene und F├Ąlle mit bedeutenden Haftstrafen oder sogar mit h├Âheren als den unseren, als da w├Ąren: Drogenh├Ąndler, ehemalige Polizeibeamte, Vergewaltiger und rechtsextreme Terroristen; die haben bezahlte Arbeitspl├Ątze inne, die genie├čen au├čergew├Âhnliche Hafterleichterungen sowie Urlaube, die leben im Gef├Ąngnis auf gro├čem Fu├č. Die Putschisten vom 23. Februar zum Beispiel, die ein Komplott gegen die spanische Nation geschmiedet hatten, sind Beg├╝nstigte der Gro├čz├╝gigkeit der Demokratie. Uns ist die unantastbare Straflosigkeit bekannt, die solche Leute genie├čen, um nur ein Beispiel zu nennen. Auch wurden noch keine Verantwortlichen dingfest gemacht f├╝r den Tod im Gef├Ąngnis von Foncalent im Januar 1987 der Gefangenen Elena M├írquez Va├▒o, Isabel Plano P├ęrez und Teresa Pedraza Gonz├ílez, obwohl ├Âffentlich festgestellt worden war, dass es in diesem Zusammenhang Unregelm├Ą├čigkeiten gegeben hat, und also auch Verantwortliche. Und so k├Ânnten wir Jahrhunderte dabei zubringen, alle aufzuz├Ąhlen: Den Fall GAL, den Fall El Nani, den Fall Agust├şn Rueda, hohe Tiere, Waffentr├Ąger des Staats, Magistraten, in den Drogenhandel Verwickelte, in F├Ąlschungen offizieller Dokumente, dubiose finanzielle Machenschaften im Namen politischer Parteien, und ein langes etcetera t├Ąglich neuer Unversch├Ąmtheiten, die in diesem sich demokratisch verfasst nennenden Lande stattfinden; Es ist allerdings wahrscheinlich, dass diese Herrschaften niemals eine Disziplinierungszelle von innen kennen lernen werden. Wir, liebe Freunde, sind leichte Opfer des Rauschgifts gewesen, das das Land ├╝berschwemmt, wir sind mehrheitlich zuf├Ąllige Straft├Ąter, Drogenabh├Ąngige, und statt uns zu heilen hat man uns in Gef├Ąngnisse geworfen, mit dem Ziel, die Ausbreitung der Rauschgiftkultur aufzuhalten, und man hat uns astronomische Strafen auferlegt, einfach weil wir einer niedrigen gesellschaftlichen Klasse angeh├Âren. Es ist traurig, doch zum Ungl├╝ck f├╝r dieses Land gilt die Demokratie nur f├╝r einige Wenige, w├Ąhrend wir uns in Disziplinierungszellen aufreiben, weil wir den Mut hatten, unsere Rechte einzufordern. Die meisten von uns sind mit AIDS infiziert, und man verbietet uns, unsere restlichen Tage mit unseren Familien zu verbringen.

Aus diesem Bewusstsein und mit dem k├Ąmpferischen Geist, der uns charakterisiert und kennzeichnet, mit moralischer und materieller Unterst├╝tzung von au├čen, die sich ├╝brigens immer mehr ausweitet, streiten wir f├╝r eine gerechte Sache. Vor der Vollzugsaufsicht werden wir weiterhin die Anma├čungen der Schlie├čer anprangern. Und zwar auf folgende Weise: Jeder, der die moralische Legitimit├Ąt dazu innehat, ist Mitglied der APRE(r). Wir werden unsere Beschwerden, ob kollektiv oder individuell, immer zweifach vorbringen, mit dem Briefkopf der APRE(r). In diesen Beschwerden werden wir alle stattfindenden Verletzungen unserer Rechte anf├╝hren: Die Ablehnung unserer Antr├Ąge auf vis-a-vis-Besuche; die Anwendung unn├Âtiger H├Ąrten in den Haftbedingungen; die Verbote, R├Ąume in den Anstalten f├╝r kulturelle und sportliche Aktivit├Ąten und zur Erholung zu gebrauchen; das Fehlen oder die Versp├Ątung von medizinischen Untersuchungen; die Weigerung der ├ärzte, Antr├Ąge auf Grundlage von Artikel 60 zu unterst├╝tzen; dass die sogenannten Begleitungs- und Therapieteams ganz oder teilweise fehlen oder sich nicht f├╝r uns interessieren; dass keine Informationsveranstaltungen und keine Pers├Ânlichkeitstests stattfinden; das mangelnde Interesse des p├Ądagogischen Personals und dessen Weigerung, Insassen Ersten Grades Unterricht zu erteilen; und alles, was wir als ungerecht oder als Unrecht empfinden. In jeder Anstalt wird es einen Verantwortlichen f├╝r das Verfassen der Beschwerden und das Einholen unterst├╝tzender Unterschriften geben. Dieser wird eine Kopie an die Vollzugsaufsicht schicken und die andere behalten, bis er eine Adresse erh├Ąlt, an die er sie senden kann. Sie werden immer im geschlossenen Umschlag und als Einschreiben mit R├╝ckschein verschickt werden. Die Finanzierung der neuen APRE(r) wird kein Problem darstellen. Es geht darum, das Dossier, das drau├čen bereits vorliegt, zu vervollst├Ąndigen, damit unsere Anw├Ąlte die Einhaltung unserer Rechte und den Schadenersatz, der uns zusteht, einklagen k├Ânnen. Auch wenn wir keine Parteig├Ąnger der Gewalt sind, schlie├čen wir kollektive bewaffnete Aktionen f├╝r den Fall nicht aus, dass nach Ersch├Âpfen aller rechtlichen Mittel uns nicht zuerkannt wird, was uns nach dem Gesetz zusteht.

Uns ist bewusst, dass uns in der bestehenden Ordnung nicht zugestanden wird, Gewalt einzusetzen, um unsere Ziele zu erreichen. Wir heiligen unsere Mittel nicht (wie es nach Macchiavells Maxime geschieht), doch wenn man uns hier in der dunkelsten Klandestinit├Ąt massakriert, gebietet es der ├ťberlebensinstinkt und ist es legitim, unser Recht auf Leben, auf physische und moralische Unversehrtheit zu erstreiten, Deshalb sagen wir:

BASTA YA! FOLGEN WIR DER DOKTRIN DES ┬╗ZENON┬ź UND GEHORCHEN

WIR NUR DER VERNUNFT!

MUT, GENOSSEN!

DIE JUSTIZ UND DIE DEMOKRATIE GEH├ľREN ALLEN.

Herrera de la Mancha, im Januar 1991

Der Koordinator:

Francisco Javier Ávila Navas

Eine dieser Kopien war an Antoni Asunci├│n, den Generaldirektor der Strafvollzugsbeh├Ârde geschickt worden. Der beschr├Ąnkte sich aber darauf, dem Inhalt keine Bedeutung beizumessen. Was w├╝rden sie ihm anhaben k├Ânnen, jene in seine Gef├Ąngnisse gesperrten M├Ąnner, ihm, dem obersten Mandatstr├Ąger auf seinem Berg aus Macht und Ehrgeiz? Asunci├│n war einer der ambitioniertesten M├Ąnner der PSOE, und nichts w├╝rde ihn aufhalten k├Ânnen. Er hatte das nur allzu gut demonstriert, anl├Ąsslich des Hungerstreiks der GRAPO in den Jahren 1989 und 1990, in dessen Verlauf der Gefangene Jos├ę Manuel Sevillano vor Entkr├Ąftung starb und andere Mitglieder der bewaffneten Gruppe bedeutende Sch├Ąden davontrugen, wie im Fall Sebasti├ín Rodr├şguez Veloso, der jetzt im Rollstuhl sitzt. Er war der Herr, und die Gefangenen seine Sklaven: Sollten jene sich trauen zu rebellieren, w├╝rden sie ohne zaudern unterdr├╝ckt werden, wie immer. Das Gesetz, die Gewalt und die Medien waren auf seiner Seite. Was war an einer Gruppe Gefangener zu f├╝rchten? Sie w├╝rden es nicht wagen…

Die Nachricht im Radio ├╝berraschte mich am 25. Februar. Juan Jos├ę Garfia, Jos├ę Campillo, Antonio V├ízquez und Jos├ę Romera Chuli├í schafften es, in der N├Ąhe von Valladolid aus einem Transporter zu fl├╝chten. Ich f├╝hlte f├╝r sie alle eine enorme Freude, sie w├╝rden jetzt den Lohn f├╝r ihr Wagnis kosten, einen verdienten Lohn, vorbehalten nur den Mutigsten. Ich freute mich besonders f├╝r meinen Freund Juanjo: Er hatte es geschafft, er war frei. Nachdem sie an jenem Morgen die Anstalt Alcal├í-Meco verlassen und festgestellt hatten, dass der Boden des Transporters verrottet war, beschlossen Juanjo, Campillo, Chuli├í (der bekannt war als El Franc├ęs) und V├ízquez, die Flucht zu versuchen. Mit dem Bein einer der Sitze als Stemmeisen schufen sie eine ├ľffnung im Bodenblech des Transporters, einen Durchbruch in den unteren Kofferraum, in den sie sich dann hinablie├čen. Obwohl sie es angeboten bekamen, wollten die ├╝brigen Gefangenen bei der Sache nicht mitmachen. Je mehr hinaussprangen, desto besser f├╝r alle, wenn es dann galt zu rennen. Hinter der halboffenen Kofferraumt├╝r bereiteten sie sich auf den Sprung vor. Sie w├╝rden es tun m├╝ssen, wenn der Transporter etwas langsamer fuhr, also beim Erreichen einer Stadt. Das wussten sie, und so machten sie es. In den Au├čenbezirken von Valladolid begann der Transporter, langsamer zu fahren, und in einer Kurve st├╝rmten alle nach drau├čen, zur Verbl├╝ffung der Guardia Civil. Aus dem Begleitwagen sprangen zwei unbewaffnete Guardias, und einer der beiden, Juli├ín Botella Nevado, holte Jos├ę Romera Chuli├í ein und ├╝berw├Ąltigte ihn. Salvador Guti├ęrrez, der j├╝ngere der beiden Beamten hatte weniger Gl├╝ck, er erreichte zwar Garfia, doch dieser schlug ihn mit mehreren Hieben auf den Asphaltboden und floh sofort und endg├╝ltig. Jos├ę Campillo und Antonio V├ízquez entkamen ohne sichtbare Verletzung und ohne gr├Â├čere Probleme. Die Flucht war erfolgreich verlaufen, au├čer f├╝r Romera Chuli├í, der auf die n├Ąchste Chance warten musste, um es erneut zu versuchen.

Anfang M├Ąrz wurde mir der Prozess gemacht, aufgrund des Straftatbestandes der Beamtenbeleidigung. Ich hatte aus dem Gef├Ąngnis einen Brief verschickt, in dem ich einen Richter mit dem Tod bedrohte und von ihm die Zahlung einer Revolutionssteuer von drei Millionen forderte. Ich wurde unter schweren Sicherheitsvorkehrungen vor den Richter gef├╝hrt. Auf die Frage nach dem Grund f├╝r diese Drohungen antwortete ich: Aus Justizhass. Ich wurde zu drei Jahren Gef├Ąngnis verurteilt.

Im Gef├Ąngnis schaffte ich es, Zellennachbar von Tofi zu werden, auf der Stirnseite des Geb├Ąudes. Von dort aus konnten wir beide die Stra├če sehen, und gegen├╝ber befanden sich die Verwaltungsgeb├Ąude und die Offene Abteilung, ├╝ber die Romera Chuli├í vor einem Jahr die Flucht gelungen war. Nebenan stand das Wohnhaus des Direktors. Nachts gingen wir an unsere Fenster und unterhielten uns. Manchmal widmete sich mein Freund der Belagerung des Direktors und beschimpfte ihn mit Rufen ├╝ber den Hof: ┬╗Hey du Arschloch! Ich wei├č, dass du mich h├Ârst. Wir wollen besseres Essen!┬ź

Dann rief der Guardia Civil vom Wachturm dazwischen:

┬╗Halten Sie das Maul!┬ź

┬╗Fick dich, du Idiot!┬ź

Diese Situationen bescherten uns regelrechte Lachanf├Ąlle. Tofi war ein beherzter Typ, ein exzellenter Genosse, und die Tage, die ich dort mit ihm verbrachte, waren sehr unterhaltsam. Manche N├Ąchte bekam ich wieder Herzrasen und ich rief ihn mit Klopfen an die Wand, damit er an die T├╝r schlagen konnte, falls es schlimmer wurde. Sobald es mir besser ging, legten wir uns wieder schlafen, das war immer erst im Morgengrauen. Obwohl ich an diese Attacken schon gew├Âhnt war, war es hart, sie in einer Zelle ertragen zu m├╝ssen, allein, mit einem unruhigen und besorgten Genossen nebenan, der bereit war, im Fall einer Verschlimmerung gegen die T├╝r zu schlagen. Sofern es sie gab, war die Kameradschaft zwischen den Gefangenen etwas Wunderbares, was mich nach wie vor begeisterte. Ohne Zweifel etwas Sch├Ânes und Erhabenes.

Sie brachten mir das Urteil im Prozess von Zamora: Achtzehn Jahre Gef├Ąngnis. Jenes Papier zerst├Ârte definitiv jedes denkbare Band mit der Gesellschaft. Diese trug vermittelt durch ihre Institutionen daf├╝r Sorge, mich f├╝r immer aus ihrer Welt verschwinden zu lassen. So funktionierte das System. Man verfolgte dich, bedr├Ąngte dich, man f├╝hrte Buch ├╝ber deine Fehler, und wenn du es am wenigsten erwartetest, warfen sie dich in einen Kerker. Jetzt w├╝rden sie auf den n├Ąchsten losgehen. Und so auf alle die Frauen und M├Ąnner, die die sch├Âne neue demokratische Welt nicht akzeptierten.

Am Morgen des 18. M├Ąrz gingen Javier ├üvila Navas und seine Kumpel von der Theorie zur Praxis ├╝ber. Die Nachricht erreichte das ganze Land ├╝ber Radio- und Fernsehwellen: Im Gef├Ąngnis Herrera de La Mancha hatte eine Gruppe Gefangener im Sondertrakt mehrere Geiseln genommen und sich verschanzt. Alles war an diesem Morgen passiert, w├Ąhrend die ├ärztin die H├Ąftlinge in den Zellen zur Visite aufsuchte. Normalerweise hatten diese Zellen eine Gittert├╝r, die jeden Kontakt verhinderte, au├čer an diesem Tag. Eine dieser T├╝ren war durchges├Ągt und also offen. Sie hing an einem Draht, damit der Schlie├čer nichts merkte. Als sie in die Zelle von ├üvila Navas kamen, warf sich dieser auf sie, mit einem Messer bewaffnet, und nachdem er sie ├╝berw├Ąltigt, in die Zelle gesperrt und die Schl├╝ssel an sich genommen hatte, eilte er, seinen Genossen Rivas D├ívila und Losa L├│pez zu ├Âffnen, die sich im selben Trakt befanden. Drau├čen auf dem Hof ├╝berw├Ąltigten S├ínchez Monta├▒├ęs und Laudelino Iglesias weitere zwei Schlie├čer und brachten sie unter ihre Kontrolle. Danach gingen sie in die Wachstube und schlossen einen Schlie├čer, einen einfachen Guardia Civil und einen Gruppenf├╝hrer dort ein. Der Alarm ging los. Die Gefangenen schlossen eine sofortige Flucht aus und bauten mit Matratzen und von den Zellent├╝ren abgerissenen Gittern Barrikaden auf den Fluren des Trakts, bereiteten Molotov-Cocktails vor, mit denen sie im Fall einer St├╝rmung den Trakt in Brand setzen konnten. Die vier Geiseln, drei Schlie├čer und die ├ärztin, wurden in unterschiedliche und immer neue Zellen gebracht, damit die Spezialkr├Ąfte, die sich sicherlich bald einfinden w├╝rden, sie nicht lokalisieren konnten. Sie waren zu allem entschlossen. Die Guardia Civil drang in die Anstalt ein und bezog Posten um den Sondertrakt, sie belagerten ihn. Die Kraftprobe hatte begonnen. Von nun an war es Nervensache. Wie ein Tauziehen, an beiden Enden zogen die Parteien mit all ihrer Kraft, und wer nur einen Millimeter preisgab, w├╝rde verlieren.

Es begannen die Verhandlungen. Sie fanden vor Ort statt, ├╝ber die Barrikaden. Die Verwaltung hatte f├╝r die Verhandlungen drei Inspektoren der Generaldirektion aus Madrid und die Strafvollzugsrichterin geschickt, das hatten die verschanzten Gefangenen gefordert. In Repr├Ąsentation der Gefangenen las ├üvila Navas die Liste der Forderungen, die Ursache f├╝r diese Entf├╝hrung waren:

1.- Beendigung aller Folter in allen Gef├Ąngnissen in Wort und Tat.

2.- Sofortige Entlassung der Schlie├čer, die uns in Alcal├í-Meco dazu angeregt haben, in der Anstalt eine Gruppe zur Ermordung der gewichtigsten politischen Gefangenen zu bilden, im Tausch gegen verbesserte Haftbedingungen.

3.- Angemessene Ausstattung der Jugendstrafanstalt Madrid, wohin die gefangenen Frauen aus Yeser├şas verlegt werden.

4.- Beendigung der Folter, der Pr├╝gel und der Misshandlungen in der psychiatrischen Anstalt Alicante (Foncalent), Abteilung f├╝r akute F├Ąlle, wo man die Kranken monatelang ans Bett fesselt, weshalb diese ihre Notdurft auf sich selbst verrichten, ohne Zugang zu ihrer Habe, wof├╝r die Hauptverantwortliche Frau Doktor Mar├şa ├üngeles L├│pez ist.

5.- Ehrliche Untersuchung und Feststellung der Verantwortung in Bezug auf die Erh├Ąngungen, die in den staatlichen Anstalten stattgefunden haben wegen der beabsichtigten Nachl├Ąssigkeit der Schlie├čer, die ihrerseits andere Einsitzende mit ├ťbervorteilung erpresst haben, damit sie nicht an der Aufkl├Ąrung dieser Morde mitwirken. Weiterleitung der Anzeigen wegen beabsichtigter Ansteckung mit AIDS durch Austausch unseres Rasierzeugs, dessen Einbehaltung und sp├Ątere Ausgabe ohne jede Kontrolle.

6.- Sofortige Freilassung aller unheilbar Kranker, wie es Artikel 60 der Strafvollzugsordnung vorsieht.

7.- Anwendung von Artikel 60 auf AIDS-Kranken, solange das Virus sich in einer mittleren Entwicklungsphase befindet, und nicht nur wenn es sich praktisch schon um Leichen handelt, wie in dem Ausspruch vergangenen Jahres von Generalstaatsanwalt Leopoldo Torres. Sein fehlender humanit├Ąrer Geist ist uns bekannt.

8.- Sofortige Aufhebung von Artikel 10 des Strafvollzugsgesetzes, dessen erster Abschnitt Untersuchungsgefangene und dessen zweiter Abschnitt Strafgefangene jahrelang im Ersten Grad, erste Phase bel├Ąsst: Das sind 22 Stunden am Tag in der Zelle, und das wissend um die gewaltf├Ârdernde Wirkung der Isolation.

9.- Dass das Maximum der Isolation als Disziplinarstrafe nicht mehr 42 Tage betrage; 14 Tage sind schon grausam, und es hat nur zur Folge, dass die Gefangenen gegen├╝ber der Bestrafung abstumpfen.

10.- Dass unsere derzeitige Regierung sich nicht l├Ąnger an durch Rauschgiftsucht bedingte Straft├Ąter auslasse, an den Opfern der ├ťberschwemmung des Landes mit Drogen, und dass man ihre Krankheit und die ganze Dimension dieses Problems ins Blickfeld r├╝cke. Kranke bestraft man nicht, man heilt sie.

11.- Dass die Strafvollzugspolitik nicht nur in der Theorie und in ihrer ├ľffentlichkeitsarbeit fortschrittlich sei; dass die Resozialisierung als solche nicht nur ein vollkommen abstrakter Begriff bleibe und man ├╝ber das Leben und die physische Integrit├Ąt der Gefangenen wache und dabei deren Ideale respektiere. Dass man auch die soziale Verwurzelung der Gefangenen ber├╝cksichtige und dass sie ihre Strafen in Anstalten in der N├Ąhe ihrer Herkunftsorte ableisten sollten.

12.- Dass man das Recht auf Kultur und Sport respektiere, und dass man mehr entlohnte Aktivit├Ąten und Arbeit anbiete.

13.- Abschaffung des Einkaufsverbots im Economato als Sonderstrafe.

14.- Dass man den Familienangeh├Ârigen der Gefangenen den ihnen geb├╝hrenden Respekt entgegenbringe, solange sie sich auf Anstaltsgel├Ąnde aufhalten.

15.- Einschluss der M├Âglichkeit in das Strafgesetzbuch, nach f├╝nf Jahren in Haft die Freiheit zu erlangen.

16.- Dass den Gegangenen w├Ąhrend der Verhandlung ihrer Disziplinarverfahren Beratung mit Zeugen und Anwalt offenstehe, da sie sich vor korrupten Tribunalen befinden, bei denen Schlie├čer gleichzeitig als Richter und als Henker auftreten, und die Disziplinarstrafen die Haft zus├Ątzlich verl├Ąngern. Die fehlende Verteidigung verletzt die Spanische Verfassung in ihren Artikeln 24 und 119.

17.- Dass die ┬╗fortschrittliche┬ź Strafvollzugspolitik den ┬╗gef├Ąhrlichen┬ź Gefangenen gegen├╝ber entgegenkommender sei, die doch einfach Gerechtigkeit fordern, und dass sie ihre Gro├čz├╝gigkeit nicht mit ultrarechten Terroristen und Drogenbossen aufbrauche.

18.- Dass man uns wegen dieser illegalen Festnahme von Schlie├čern nicht den Prozess mache, motivierte uns doch stets und einzig das schlechte Funktionieren der Justizverwaltung.

Die Verwaltung wurde von den Forderungen der Gefangenen unterrichtet. Man weigerte sich, sie ├Âffentlich zu machen, nach der Richtlinie, vor allen Dingen und trotz der Gefahr f├╝r Menschenleben diese ersch├╝tternden Anklagen der Situation im Strafvollzug auf spanischem Territorium zu verdunkeln. Man konnte nicht zulassen, dass die Gesellschaft ├╝ber die Realit├Ąt in dieser Unterwelt, in der die Diktatur weiter Kurs hielt, aufgekl├Ąrt wurde. Es wurde eine Desinformationskampagne f├╝r die Medien entworfen. Und so verloren die wichtigen Tageszeitungen mit Ausnahme von Egin und diverser Radioprogramme auch keine Zeit, ├╝berwacht und realit├Ątsentfremdet wie sie waren, die Gefangenen als verantwortungslose und gemeingef├Ąhrliche Verr├╝ckte zu bezeichnen. ├ťbrigens stellte keiner dieser Berserker des Informationshandwerks klar, dass die Sonderbedingungen, die f├╝r diese Gefangene galten, illegal und abgeschafft waren, laut K├Âniglichem Dekret Nr. 787 von 1984. Es war dasselbe Theater wie immer. Sie beachteten das Gesetz nicht, verletzte allerdings jemand anderes als der Staat das Recht, wurde er als irrer Faschist hingestellt. Scheinheiligkeit, Unrecht, Schwachsinn. Die Verantwortungslosigkeit und Prostitution der Medien war einfach absto├čend und widerlich.

Nichts war berichtet worden ├╝ber Herrera de La Mancha, traurig ber├╝hmt f├╝r die dort stattfindende Folter der Gefangenen der COPEL in den Jahren 79, 80 und 81, als man die Gefangenen nachts und in Handschellen aus ihren Zellen holte und sie dann aus absolut unangreifbarer Position unerh├Ârte Pr├╝gel sp├╝ren lie├č, mit dem Zweck, Gest├Ąndnisse zu zur├╝ckliegenden Raub├╝berf├Ąllen oder Verrat von Genossen zu erpressen, Verrat zum Beispiel der politischen Gefangenen von ETA. Diese Geschichten sind in dem Band Herrera, Prisi├│n de Guerra zusammengefasst. Nein. Warum auch den B├╝rgern die ganze Wahrheit erz├Ąhlen, damit jene f├╝r sich selbst entscheiden konnten, ob das alles gut oder schlecht war? Wie w├╝rden die Medien und der Staat aufrecht erhalten k├Ânnen, jene subversiven M├Ąnner seien gef├Ąhrliche herzlose Psychopathen, falls diese achtzehn Forderungen die B├╝rger erreichten? Mit jedem Wort erz├Ąhlte dieser Text in menschlichem Ton von ungeheurer Solidarit├Ąt. Wie w├╝rde der Staat rechtfertigen k├Ânnen, dergleichen solidarisches Handeln mit harter Repression zu ├╝berziehen und geheim zu halten? Inzwischen waren jedoch die Anh├Ąufung von L├╝gen vor der Gesellschaft seitens der angeblich demokratischen Medien und die Spannung in und um die Anstalt weiter angewachsen. Die UEI der Guardia Civil hatten ihre Stellungen zum Sturm bezogen. Die Gefangenen setzten auf die ├ärztin. Schwerlich w├╝rden die Spezialkr├Ąfte eingreifen, wenn sie sich im Trakt befand. Die ├ärztin war schwanger, was die Operation noch erschwerte. Man w├╝rde das Risiko nicht eingehen und die Verantwortung f├╝r eine m├Âgliche Verletzung des F├Âtus nicht tragen wollen, oder sie von den wilden Bestien, die sie gefangen hielten, umbringen zu lassen.

Die Wirklichkeit sah anders aus: Im Sondertrakt wurde diskutiert, die ├ärztin freizulassen. Das war eine schwierige Entscheidung, denn das w├╝rde bedeuten, die Wahrscheinlichkeit eines Sturmangriffs auf neunundneunzig Prozent zu erh├Âhen. Doch die Schwangerschaft warf ernsthafte Zweifel an der Legitimit├Ąt der Gefangennahme dieser Frau auf, denn ein unschuldiges Wesen wurde zus├Ątzlich mit hineingezogen. Deshalb wurde auch ihre Freilassung beschlossen, trotz der Aussicht auf einen Erst├╝rmungsversuch. Und wirklich, Stunden sp├Ąter sollte auf diese in einem schwachen Moment gezeigte menschliche Geste hin gr├╝nes Licht f├╝r das Eingreifen der Sicherheitskr├Ąfte gegeben werden. Als die ├ärztin freigelassen worden war, verloren die ├╝brigen Geiseln ihren Wert, man w├╝rde ├╝ber sie hinwegsehen und ihr Leben geringsch├Ątzen. So dachte, so funktionierte die Verwaltung.

Am Morgen des 19., ungef├Ąhr um drei, ├╝berschlugen sich die Ereignisse. Das Einsatzkommando bekam den Befehl, die Geiselnahme zu beenden, und griff ein. Als Erstes waren Explosionen und das Knattern von Maschinenpistolen zu h├Âren. Alles ging dann sehr schnell. Die f├╝nf Gefangenen wurden neben einer Geisel angetroffen, ├╝berw├Ąltigt und dann mit Baseballschl├Ągern brutal zusammengeschlagen. Das war eine ├╝bliche Methode bei der Aufstandsbek├Ąmpfung, um auch alle ├╝brigen Gefangenen zu terrorisieren. Am Ende wurden drei der Gefangenen ins Krankenhaus eingeliefert, die anderen beiden wieder eingesperrt und die Geiseln befreit. Die Erst├╝rmung hielt die Forderungen auf, sie hatten die ├ľffentlichkeit nicht erreicht. Die Verwaltung konnte zufrieden sein.

Die Jugendstrafgefangenen in Herrera de La Mancha allerdings, die gerade erst aus der Anstalt Zamora gebracht worden waren und die wussten, was geschehen war, fingen am darauf folgenden Tag einen neuen Aufstand an. Um ihre Solidarit├Ąt mit den verpr├╝gelten Sondergefangenen zu zeigen, stiegen die Gefangenen in Gruppen auf die D├Ącher. Die Unruhen dauerten nur ein paar Stunden, die Zeit, die die Guardia Civil ben├Âtigte, um die Jugendlichen bestial zur├╝ckzuschlagen, mit Pr├╝gel einzudecken und blutig in ihre Zellen zur├╝ck zu sto├čen. Diese Vorf├Ąlle waren nur ein Vorzeichen f├╝r das, was noch alles unternommen werden sollte aus Solidarit├Ąt mit jenen mutigen M├Ąnnern, denen das Unrecht nicht gleichg├╝ltig war.

Als das Verfahren, wegen dessen ich mich in Zaragoza aufhielt, stattgefunden hatte, teilte man mir mit, ich werde nach Teneriffa 2 zur├╝ckkehren. Ich hatte Aufenthalt in der Madrider Anstalt Alcal├í-Meco. Dort lernte ich Juli├ín El Cajas kennen; ich teilte zwei Tage lang die Zelle mit ihm. Wir redeten ├╝ber Ausbr├╝che und beschlossen zu versuchen, den Fu├čboden des Transporters aufzuschneiden, der uns nach C├ídiz bringen sollte. Wir beschafften uns zwei S├Ągebl├Ątter, bauten Griffe daf├╝r und einen Spiegel, mit dem wir die Eskorte im Auge behalten konnten, und mehrere Metallst├╝cke, um die T├╝rschl├Âsser damit zu blockieren. Juli├ín war ein wirklicher Spezialist, was die Transporter anging. Das hie├č, dass wir gro├če Chancen hatten es zu schaffen, wenn alles gut ging. Am Morgen kam der Transporter, um uns abzuholen. In den amerikanischen Zellen der Aufnahmeabteilung traf ich auf einen Landsmann. Er kam auf mich zu und gr├╝├čte mich. Er hie├č Teixeira.

┬╗Bist du es, Che?┬ź

┬╗Ja, und wer bist du?┬ź

┬╗Ich bin ein Freund von Anxo und Musta. Sie haben mir viel von dir erz├Ąhlt und ich wollte dich gerne kennenlernen┬ź, antwortete er und streckte mir die Hand hin. Wir begr├╝├čten uns.

┬╗Gut. Wohin f├Ąhrst du?┬ź fragte ich ihn.

┬╗Nach Puerto, und du?┬ź

┬╗Ich auch nach Puerto.┬ź

Als der Transporter in Bewegung war, schon au├čerhalb Madrids, machten wir uns am Fu├čboden zu schaffen. Wir ├Âffneten einige T├╝ren, darunter die Teixeiras und anderer Gefangener, damit sie sich in den Gang stellen und uns decken konnten. Die Guardia Civil sollte uns nicht sehen k├Ânnen. Auf den Boden gekniet s├Ągten wir abwechselnd an dem Blech. Es w├╝rde uns eine Menge Arbeit kosten. Wir schafften es, f├╝r den Anfang ein Loch zu machen. Aus Sorge, die Guardia Civil k├Ânnte wegen der Ansammlung im Gang Verdacht sch├Âpfen, mussten wir unsere Arbeit aber einstellen. Wir verschoben es auf den Folgetag. Nachmittags kamen wir in der Anstalt C├│rdoba an und blieben dort ├╝ber Nacht. Wir ruhten uns aus und fuhren am n├Ąchsten Tag fr├╝h morgens weiter. Schon in Fahrt baten wir darum, auf die Toilette gehen zu d├╝rfen, und blockierten dann die T├╝rschl├Âsser, damit sie offen blieben. Wir ├Âffneten anderen Gefangenen die T├╝ren und machten uns wieder an die Arbeit. Nach einer Weile sagte Juli├ín, er sei ├╝berzeugt, wir h├Ątten eine schlechte Stelle zum S├Ągen erwischt.

┬╗Das klappt nicht, Jos├ę, wir kommen sehr langsam vorw├Ąrts. Wir k├Ânnen nicht schneller s├Ągen, sonst bricht uns das S├Ągeblatt, und dann haben wir verkackt┬ź.

┬╗Lass und zwei Stunden weiterarbeiten, und wenn wir nicht voran kommen, verdecken wir die Stelle und machen ein anderes Mal weiter, entweder wir oder andere Genossen. Was denkst du?┬ź

┬╗OK.┬ź

Wir gingen wieder auf den Gang hinaus und versuchten weiter, das Blech durchzus├Ągen und aufzuhebeln, doch wir schafften es nicht. Deshalb gingen wir dazu ├╝ber, Zigarettenasche und anderen Dreck zu sammeln und damit die Ritze im Blech zu verdecken. Wir hatten es versucht, und das schwierigste St├╝ck Arbeit war jedenfalls getan. Das w├╝rden andere Gefangene ausnutzen k├Ânnen und an ihr Ziel kommen. Viel Gl├╝ck!

In Puerto de Santa Mar├şa kam ich nach Puerto 2, wo ich Paco und andere Politische wiedertraf. Jos├ę Mari war ins Justizvollzugskrankenhaus in Madrid gebracht worden, um sich untersuchen zu lassen. Diesmal hielten sie mich nur zwei Tage in C├ídiz fest.

In Herrera war unterdessen eine neue Geiselnahme geschehen. Jos├ę Antonio Ap├│n Mercader, bekannt als El Africano, hatte einen Schlie├čer ├╝berw├Ąltigt und sich mit ihm zusammen in seiner Zelle verschanzt, um seine Solidarit├Ąt mit den Sondergefangenen auszudr├╝cken und das Ende der Pr├╝gelorgien an ihnen seitens der Schlie├čer zu fordern. Die Geiselnahme dauerte nur zwei Stunden. Sie erst├╝rmten die Zelle.

Auf der anderen Seite der Mauer machte Juan Jos├ę Garfia weiter. Die Presse berichtete ├╝ber die Entf├╝hrung eines Oberstleutnants der Guardia Civil und von einer Schie├čerei, bei der ein Guardia aus n├Ąchster N├Ąhe im Gesicht getroffen wurde. Beides wurde Juanjo zugeschrieben. Die Jagd auf diesen Mann ging weiter, in diesem Fall allerdings schoss der Gejagte zur├╝ck und sollte ihnen wenig Freude bereiten. Hoffentlich erwischten sie ihn nicht.

Was mich anging, nach drei Tagen in Puerto 2 holten sie mich ab und brachten mich gefesselt in einem Gefangenentransporter an Bord der J.J. Sister, mit Ziel Santa Cruz, Teneriffa.

Gef├Ąngnis Teneriffa 2, Santa Cruz auf Teneriffa, M├Ąrz 1991

Auf Teneriffa hatte sich einiges ver├Ąndert. Mein Freund Anxo Fern├índez und sein Genosse Lisardo Gonz├ílez Reyes hatten gerade erst ohne Erfolg eine Flucht versucht. Die Disziplin war strenger geworden und die beiden waren in h├Ąrtere Anstalten verlegt worden. Man wies mir eine Isolationszelle zu. Ich bekam Schwierigkeiten, als ich Anstalten machte, mit den anderen zu reden oder ihnen Zigaretten zu bringen.

┬╗Tarr├şo!┬ź schrie mich ein Schlie├čer an.

┬╗Was ist?┬ź

┬╗Die Guckfenster werden nicht aufgemacht und es wird nicht durch sie hindurch geredet!┬ź sagte er mir, ┬╗Und es werden den Disziplinarbestraften auch keine Zigaretten ├╝bergeben┬ź, f├╝gte er noch hinzu.

Ich h├Ârte nicht auf ihn und verteilte die Schachtel Zigaretten, die ich bei mir hatte, unter allen Sonderbestraften. Ich z├╝ndete jedem von ihnen durch das Guckfenster hindurch eine Zigarette an, damit sie rauchen konnten.

┬╗Sie haben einen Aktenvermerk, Tarr├şo.┬ź Er drohte mir.

┬╗Was ist denn los? Macht es Ihnen Spa├č, die Leute unter Entbehrungen leiden zu lassen?┬ź warf ich ihm an den Kopf.

┬╗Es ist laut Vollzugsordnung verboten, und das wissen Sie.┬ź

┬╗Verboten, menschlich zu sein, stimmtÔÇÖs? Schreib doch die Berichte, die du willst…┬ź

┬╗Sie k├Ânnen sicher sein, dass ich das tun werde.┬ź

Vor die Zellenfenster hatten sie neue Gitterstreben geschwei├čt, senkrechte diesmal. Sie hatten die T├╝r, die in den Nachbartrakt f├╝hrte, blockiert und am anderen Ende des Trakts eine neue geschaffen, die nun direkt auf den Hof hinaus f├╝hrte. Die Br├╝cke hatte ein zentrales Tor bekommen, die nachts geschlossen gehalten wurde und nur tags├╝ber offen stand. Ohne Zweifel hatten sie die Sicherheit verst├Ąrkt. Ich redete ├╝ber das alles mit Juan Caama├▒o, einem Gefangenen aus Valladolid, der in diesem Trakt als Gefangener ersten Grades einsa├č.

┬╗Krass, wie die hier jetzt drauf sind, was Caama├▒o?┬ź

┬╗Ja, seit du versucht hast abzuhauen und dann Anxo und Reyes, sind sie unertr├Ąglich geworden. Alles verbieten sie, und sie pr├╝geln die Leute ohne jedes Motiv. Sie drehen durch…┬ź

┬╗Arschl├Âcher!┬ź

┬╗H├Âr mal, hast du noch Tabak?┬ź

┬╗Ja.┬ź

┬╗Gib mir etwas.┬ź

┬╗Warte mal kurz…┬ź Ich suchte in meinem Gep├Ąck nach zwei Schachteln Zigaretten und kn├╝pfte dann eine Leine aus Bettlakenstreifen. Ich trat wieder ans Fenster, band ein St├╝ck Seife an die Leine und rief ihn: ┬╗Caama├▒o!┬ź

┬╗Ja?┬ź

┬╗H├Ąng was aus dem Fenster, ich schick dir was.┬ź

┬╗Hab den Besen drau├čen!┬ź

┬╗OK, los gehtÔÇÖs!┬ź Ich warf die Seife bis auf seine H├Âhe und ├╝ber den Besenstiel hin├╝ber. Er fing sie auf.

┬╗Hast duÔÇÖs?┬ź

┬╗Ja.┬ź

Ich band an das andere Ende die Zigaretten und eine Streichholzschachtel und lie├č es los. ┬╗Los, holÔÇÖs dir!┬ź

┬╗Wo kommst du denn gerade her, Che?┬ź

┬╗Von verschiedenen Orten. Ich war in Zamora und in Zaragoza, bei Prozessen…┬ź

┬╗Hier istÔÇÖs ziemlich beschissen, wie du siehst.┬ź

Ja, beschissen. Warum verbot man den Gefangenen zu rauchen, wo sie doch einzig zum Entzug ihrer Freiheit verurteilt waren? Welchen Sinn hatte es, eine Person in der Einsamkeit einer Isolationszelle Entbehrungen erleiden zu lassen, zus├Ątzlich zu den Entbehrungen, die allein schon das Sklavendasein im Gef├Ąngnis mit sich brachte? Man bezweckte, mittels Leiden den individuellen Willen zu brechen, um die Entfremdung des Menschen zu erleichtern. Deshalb w├╝rde man meine Tat mit Isolationshaft bestrafen. Ich hatte den Schmachter einiger Gefangener gestillt und damit gegen die Regeln versto├čen. Meine Gefangenenakte war voll davon: Verst├Â├če wie dieser hatten in meiner Gef├Ąngnislaufbahn schon ├╝ber zwei Jahre Isolationshaft bedeutet.

Ich verteilte weiter Tabak an die Sondergefangenen, und viele Aktenvermerke schlugen f├╝r mich zu Buche. Dank der ├ärzte wirkten sie sich nicht aus. Die sprachen sich n├Ąmlich gegen die Verl├Ąngerung meiner langj├Ąhrigen Isolation aus. Sie beurteilten derartige Bedingungen als unbedingt sch├Ądlich f├╝r meine Gesundheit und setzten die Isolationsbedingungen f├╝r mich trotz des Drucks der Anstaltsleitung au├čer Kraft. Obwohl ich Zugang zum Economato, zum Aufenthaltsraum und zwei Stunden t├Ąglich auch zum Hof hatte, lie├čen sie mich allerdings immer noch nur allein hinaus, mit der Ausrede, es gebe keinen zweiten Gefangenen mit diesen Vorschriften. Auf Anweisung der Direktion wurde in meinen Postverkehr eingegriffen und von drau├čen eingehende Post f├╝r mich aufgehalten, mit einer Begr├╝ndung, die mir nicht mitgeteilt wurde. So wollten sie Druck auf mich aus├╝ben. In der Bibliothek bekam ich ein paar B├╝cher von Albert Camus, Der Teufel und der liebe Gott von Sartre und etwas von Schopenhauer, einem deutschen Nihilisten, den ich noch nicht kennengelernt hatte. Ich konnte mir auch ein paar karierte Schreibhefte besorgen, in denen ich am Tisch sitzend die Gedanken festhielt, die mich nach der Lekt├╝re ├╝berkamen, oder beim Umherstreifen in einsamen Tr├Ąumen. Ich begeisterte mich f├╝rs Schreiben und es verstrich kein Tag, an dem ich nicht einen Gedanken oder ein Gedicht in jene Hefte schrieb, die zu meinen Vertrauten geworden waren.

Nachts bekam ich Besuch von Schlie├čern, die von drau├čen das Gitter und mein Bett ableuchteten und mich dabei absichtlich aufweckten. Ich bedachte sie dann mit Beschimpfungen, doch sie lachten und kamen ein paar Stunden sp├Ąter wieder, zu einer neuen sogenannten Kontrolle. Eines nachts, ich hatte die Provokationen satt, f├╝llte ich einen Eimer mit Wasser und kauerte mich unter ein Zellenfenster. Dort wartete ich und rauchte Zigaretten, bis die Gitterkontrolle vorbeikam, was auch nicht allzu lange dauerte. Am Fenster angekommen, leuchteten sie auf das Bett, waren erstaunt, mich nicht darin zu finden, und riefen mich: ┬╗Tarr├şo, treten sie heraus, dass wir sie sehen.┬ź

Ich antwortete nicht und provozierte damit, dass sie bis an das Fenster herankamen. ┬╗Tarr├şo, lassen Sie diese Dummheiten und zeigen Sie sich!┬ź riefen sie aufs Neue.

Ich nahm den Eimer, stand schnell auf und sch├╝ttete ihnen das Wasser entgegen.

┬╗Du Arschloch!┬ź beschimpften sie mich, ┬╗jetzt kannst du was erleben.┬ź

Ich hatte sie voll erwischt und sie gingen vor Wasser triefend weg. Ich musste lachen, obwohl ich wusste, dass ich Probleme bekommen w├╝rde. Ich zog mich an und bereitete mich auf das Schlimmste vor.

Ein paar Minuten sp├Ąter kamen sie in den Trakt. Es kam ein knappes Dutzend, Kn├╝ppel schwingend, angef├╝hrt vom Dienstleiter, wie ich durch die Ritze im Guckfenster hindurch feststellen konnte. Sie ├Âffneten es. ┬╗Tarr├şo, wir m├╝ssen sie in eine andere Zelle bringen┬ź, erkl├Ąrte mir einer von ihnen.

┬╗Kommt nicht in Frage.┬ź

┬╗Willst du, dass wir Gewalt anwenden?┬ź

┬╗ProbiertÔÇÖs doch┬ź, antwortete ich und hatte auch schon den Stuhl in der Hand. Ich riss ihm eines seiner metallenen Beine ab.

┬╗H├Âren Sie, Tarr├şo, verkomplizieren Sie nicht Ihre Situation.┬ź

┬╗Die einzigen, die meine Situation verkomplizieren, seid ihr, und eure Nachtbesuche sind zum Kotzen.┬ź

┬╗Gib uns das Stuhlbein und nichts weiter passiert, einverstanden?┬ź sagte ein Schlie├čer, der an das Guckfenster getreten war.

Sein Atem stank nach Alkohol.

┬╗Nein.┬ź

Sie beratschlagten und gingen dann. Sie kamen zu meiner ├ťberraschung nicht zur├╝ck, schickten aber am fr├╝hen Morgen einen der ├ärzte. Er sollte mit mir sprechen und mich dazu bringen, mein Verhalten zu ├Ąndern.

┬╗Tarr├şo.┬ź

┬╗Was ist?┬ź

┬╗Kann ich mit dir in der Zelle reden?┬ź

┬╗Einverstanden, aber dass blo├č kein Schlie├čer in die N├Ąhe kommt.┬ź

┬╗Nein, nur wir beide, OK?┬ź

┬╗OK.┬ź

Er bat einen Schlie├čer um die Zellenschl├╝ssel, ├Âffnete und trat ein. Hinter ihm schlossen sie die T├╝r. Wir redeten.

┬╗Was war gestern los?┬ź

┬╗Ich wei├č nicht, wie lange sie mich schon jede Nacht aufwecken… Ich habe Wasser auf sie gesch├╝ttet. Sie waren besoffen und haben mich provoziert…┬ź

┬╗Und was wirst du jetzt tun?┬ź

┬╗In Hunger- und Durststreik werde ich treten, bis sie mich in Ruhe lassen und mich mit jemandem zusammen auf den Hof lassen, und sie sollen mir das Radio und die elektrische Orgel wiedergeben, die sie mir weggenommen haben.┬ź

┬╗Warum haben sie dir die weggenommen?┬ź

┬╗Um mich zu ├Ąrgern und mir die Zelle schwerer ertr├Ąglich zu machen. Es ist klar, dass der Direktor und sein Stellvertreter mir meinen Fluchtversuch nicht verzeihen, das ist ihre Rache. Ach, was wei├č ich…┬ź

┬╗Ich werde mit ihnen reden, mal sehen, was wir ausrichten k├Ânnen, aber tritt nicht in den Hunger- oder Durststreik, denn damit schadest du dir selbst.┬ź

┬╗Egal, ich mache es, ich bin entschlossen.┬ź

┬╗Wie du willst. Besser, du gibst mir das Eisen und den Stuhl. Sie werden nichts Schlimmes mit dir machen, ich gebe dir mein Wort.┬ź

┬╗Nehmen sie sie mit.┬ź

┬╗Ich werde mit dem Direktor dar├╝ber reden, das verspreche ich dir.┬ź

┬╗Gut.┬ź

Ich fr├╝hst├╝ckte nicht. Ich a├č nicht zu Mittag und nicht zu Abend. Ich erkl├Ąrte mich in Hunger- und Durststreik und legte mich auf die Pritsche. Ich verweigerte den Hofgang und ├╝berhaupt das Verlassen der Zelle, au├čer um Tabak im Economato zu kaufen. Jeden Tag erhielt ich Visite von den ├ärzten, die vergeblich versuchten, mich zur Aufgabe des Streiks zu bewegen. Ich hatte zwei Schriften an das Gericht aufgesetzt und machte darin dieses und die Verwaltung verantwortlich f├╝r das, was mit mir geschah. Ich erhielt den Streik w├Ąhrend der f├╝nf Tage aufrecht, die sie brauchten um zu entscheiden, meinen Petitionen nachzugeben. Einer der ├ärzte teilte es mir mit.

┬╗Tarr├şo┬ź, sprach er mich an, ┬╗sie werden dir das Radio und die Orgel geben, und du wirst nicht mehr alleine auf den Hof gehen. Das mit der n├Ąchtlichen Kontrolle werden sie weiterhin machen, doch sie werden versuchen, dich nicht aufzuwecken oder mit der Lampe anzuleuchten. Was sagst du dazu?┬ź

┬╗Wer hat das gesagt?┬ź fragte ich nach.

┬╗Joaqu├şn, der Direktor, hat mir es gerade eben gesagt.┬ź

┬╗OK, sagen Sie ihm, ich lege den Streik nieder.┬ź

┬╗Gut.┬ź

Diese Ma├čnahme sollte uns allen n├╝tzen, denn sie w├╝rden sonderbestrafte Genossen mit mir zusammen hinaus lassen, was wiederum die Verteilung der Zigaretten im Trakt vereinfachen und die strikte Disziplin der Isolation etwas lockern w├╝rde. Zumindest etwas hatten wir mit all dem gewonnen. Was mich anging, mit der Orgel und dem Radio w├╝rden die Tage schneller und unterhaltsamer vergehen. Gleichzeitig suchte ich einen Komplizen und die n├Âtigen Dinge, um einen neuen Ausbruchsversuch zu unternehmen.

Ich erhielt Besuch von einer Psychologin. Wir unterhielten uns in dem kleinen Krankenzimmer unseres Trakts.

┬╗Hallo, Tarr├şo, wie f├╝hlen Sie sich?┬ź

┬╗Sehr gut.┬ź

┬╗Machen Sie immer noch weiter mit dem Streik?┬ź

┬╗Nein, nicht mehr.┬ź

┬╗Die Direktion schickt mich┬ź, sagte sie in ernstem Tonfall. ┬╗Wir wollen wissen, ob Sie an Ihrem Benehmen festhalten oder ob Sie mit uns zusammenarbeiten wollen.┬ź

┬╗Wie ist denn mein Benehmen?┬ź fragte ich sie.

┬╗Kommen Sie, Tarr├şo, sie wissen genau, was ich meine. Sie lehnen jede Zusammenarbeit ab, lassen es st├Ąndig an Respekt gegen├╝ber denen fehlen, die hier arbeiten, die ihr Bestes tun. Und Sie zeigen sich unzug├Ąnglich f├╝r jeden Versuch des Dialogs. Es ist sehr schwer, einen Dialog mit Ihnen zu f├╝hren…┬ź

┬╗Aber wir reden doch, oder?┬ź

┬╗Ja, was wir aber m├Âchten ist, dass Sie mitarbeiten und uns erlauben, Sie hier herauszuholen und in einen anderen Trakt einzuweisen. Glauben Sie nicht, dass Sie noch viel l├Ąnger in dieser Situation aushalten, am Ende wird es Ihnen Leid tun. Wir sind das System, und gegen das System zu rebellieren, ist zwecklos. Alles, was Sie so erreichen, ist noch ein paar Jahre mehr in solchen Zellen zu verbringen, wo Sie doch Zugang zu gewissen Verg├╝nstigungen bekommen k├Ânnten…┬ź

┬╗H├Âren Sie, Fr├Ąulein, das System, was Sie so hochleben lassen, k├╝mmert mich einen Dreck. Dass man Menschen in Sonderzellen einsperrt, ohne Zigaretten, halte ich f├╝r unn├Âtigen Sadismus. Was Ihr Programm angeht, behalte ich meine Meinung lieber f├╝r mich, um Ihre Sensibilit├Ąt nicht zu sehr zu fordern. Ich will nur klarstellen, dass es zum Himmel stinkt.┬ź Ich machte eine kleine Pause und fuhr dann fort: ┬╗Was den Dialog angeht: Sie sind die am wenigsten Geeigneten, mir mangelnde Kommunikationsbereitschaft vorzuwerfen, k├Ânnen Sie doch nicht einmal zehn zusammenh├Ąngende W├Ârter formulieren, ohne dass sich in ihnen eine Drohung oder eine Erpressung verbirgt. Das Problem, gn├Ądiges Fr├Ąulein, liegt nicht bei mir. Das Problem besteht darin, dass Sie die Strafvollzugsordnung nicht umsetzen, sie sogar durch ihre Anma├čungen andauernd verletzen. Sie erf├╝llen Norm und Gesetz nicht. Statt hier bezahlte Arbeitspl├Ątze f├╝r die Gefangenen zu schaffen, schaffen Sie kleine Diktaturen. Zwangsarbeit ohne Lohn, Sonderstrafen ohne Ende f├╝r diejenigen, die sich nicht ihrem hochgelobten Besserungsplan unterwerfen. Wie soll ich mit denen einen Dialog f├╝hren, die sich auf die Folter st├╝tzen, auf Anma├čung und Erpressung? Glauben Sie mir, Sie sind nicht so professionell, ehrenhaft und gut, wie Sie glauben…┬ź

Meine Worte ├╝berraschten sie.

┬╗Wer hier gefangen ist, weil er das Gesetz ├╝bertreten hat, sind Sie und nicht ich. Es kann sein, dass diese Einrichtung nicht perfekt ist, wir glauben aber an unsere Arbeit und wir verrichten sie anst├Ąndig. Und wissen Sie, die meisten Gefangenen hier arbeiten und verk├╝rzen ihre Haftstrafe auf die H├Ąlfte. Ich zweifle allerdings daran, dass Sie das jemals schaffen, mit einer derart herausfordernden Art…┬ź

┬╗Wir werden ja sehen┬ź, antwortete ich, stand auf und sah die Unterhaltung als beendet an.

Jene Worte waren eine Warnung. Sie betonten, dass ich ihnen total unterworfen war, und dass sie alles mit mir machen konnten, was sie f├╝r meine Besserung als zweckdienlich erachteten. Es war bekannt, dass ich HIV-positiv war, und dass sich das auf mein Gem├╝t auswirken musste. Dieser Umstand und die Disziplinierungszellen, das Eingreifen in den Postverkehr, einziger emotionaler Halt im Gef├Ąngnis, war doch das Gef├Ąngnis zu weit entfernt von der Familie, um anderen Kontakt haben zu k├Ânnen, das alles w├╝rde mich zum Nachdenken veranlassen und ich w├╝rde nachgeben.

Das zu erreichen bedeutete f├╝r sie einen Erfolg vor der Beh├Ârde in Madrid. F├╝r sie war ich nur ein Versuchskaninchen, an dem man verschiedene Repressionsmethoden ausprobieren konnte. Und wirklich waren wir, seit man M├Ąnner und Frauen in Ketten legte, Versuchskaninchen von ├ärzteteams, Erziehern, Psychiatern und Gef├Ąngnisw├Ąrtern. Die Erfolge dieser Forscher der Entmenschlichung und Folter bedeuteten f├╝r uns, die Kaninchen, von der Verwaltung zuerkannte Vorteile, Bef├Ârderungen. Das klingt hart, es war aber so. Jeder Mensch konnte diese Erfahrung machen: Einfach, weil er einen Fehler gemacht hatte, kam er ins Gef├Ąngnis und versuchte dann, dort drinnen seine W├╝rde zu erhalten, seine Gef├╝hle und Werte. Das System lebt von Menschenfleisch. Es zwingt dich, vor der Erpressung, vor der Strafe klein beizugeben. Die Psychologin hielt in ihrem Diskurs diese Methoden hoch, machte mit diesen verabscheuungsw├╝rdigen und sch├Ąbigen technokratischen B├╝tteln gemeinsame Sache, die mit ihren Prozessen und ihren Strafen ohne Zaudern in den benachteiligten Klassen Leben beendeten, vor allem aber in den widerst├Ąndigsten. Dieses ganze System der Unterdr├╝ckung war auf die allgegenw├Ąrtige Drohung mit Strafe gegr├╝ndet, und das funktionierte nicht. Das System war schwerf├Ąllig und unsinnig, denn statt Mitmenschlichkeit zu f├Ârdern, zerst├Ârte es diese. Es f├Ârderte vielmehr die Niedertracht derjenigen, die es durchsetzten, und den Hass und die Gewaltbereitschaft derjenigen, die es erlitten.

Die Presseb├╝ttel stellten das auf den Terror des Gef├Ąngnisses gest├╝tzte System ├╝blicherweise nur geschminkt dar, und die Richter lie├čen dieses System zu, mit der Macht gepanzert, die ihnen verliehen worden war, und die sie unangreifbar machte, zu falschen Heiligenfiguren. Wenn etwa eine Misshandlung oder ein Zwischenfall vor den Richter gebracht wurde, beschr├Ąnkte sich dieser darauf, der Strafvollzugsbeh├Ârde gute Arbeit zu bescheinigen. Dann legten wir Berufung ein und zogen vor das Provinzialgericht, das seinerseits die Entscheidung des Richters ratifizierte. Schlie├člich zogen wir vor das Verfassungsgericht, und ein paar Jahre sp├Ąter gewannen wir vielleicht den Fall, aber dann verlegten sie uns in eine andere Anstalt, und dort ging alles von vorne los. Alles verlief in festen Bahnen, ohne Abwege, auf legale Art und Weise: demokratisch eben.

Ich schaffte es, ├╝ber Telefon mit der Au├čenwelt zu sprechen. Ich bekam mit, dass mein Freund Chico wieder verhaftet und eines Bankraubs angeklagt worden war. Von nun an w├╝rde ich ganz allein auf mich gestellt sein.

Ich entschied, mit Caama├▒o zu reden, um im Trakt eine Geiselnahme zu organisieren und als Schlie├čer verkleidet auszubrechen. Er versprach mir, die Sache zu durchdenken und darauf zur├╝ckzukommen.

Der Sommer kam und mit ihm die Hitze. Ich ging in die Sonne, wurde etwas braun, und das heilte in gewissem Grad die Akne, die meinen R├╝cken und Teile der Brust bedeckte. Dabei half mir ein kanarischer Gefangener, den sie in die geschlossene Abteilung gesteckt hatten. Mit Wattebausch und Jod gemischt mit Alkohol reinigte er mir jeden Tag die Wunden. Wir kannten ihn als Malaje, er war ein gro├čartiger Genosse, wir sch├Ątzten ihn sehr wegen seiner einfachen und direkten Art. Dank seiner Hilfe vernarbten die meisten Wunden.

Im Trakt herrschte t├Ąglich dieselbe Monotonie. Es war unertr├Ąglich hei├č, weshalb ich normalerweise mehrere Eimer Wasser mit in den Hof nahm, um dort nackt zu duschen. Danach legte ich mich in die Sonne. Nachmittags setzte ich mich an den Tisch und schrieb Gedichte und Gedanken in meine Hefte. Ich dachte sogar daran, ein Buch ├╝ber dies alles zu schreiben, doch ich gab die Idee wieder auf. Mir fehlte dazu das Vertrauen in meine F├Ąhigkeiten als Erz├Ąhler. Ich war noch nicht bereit dazu, also machte ich mit kleinen Gedanken weiter, deren einziger Leser Malaje war. Er warf mir meinen bluttriefenden Stil vor, der in allen Texten zu sp├╝ren war. Doch das war meine Sicht der Dinge, mein Bild vom Menschen, meine Art, die Abscheu davor auszudr├╝cken, was zwischen diesen Mauern vor sich ging.

Das Essen war nach wie vor gut, und auch die Behandlung durch die ├ärzte war korrekt. Ich hatte kein Herzrasen mehr gehabt seit der Behandlung mit Tranxilium-50-Tabletten, die sie mir verschrieben hatten. Ich konnte nachts jetzt tief schlafen. Mein Verh├Ąltnis zu den Schlie├čern verschlechterte sich allerdings weiter, fast bis ins Unertr├Ągliche. Ich hasste sie und sie hassten mich, das war unausweichlich.

Eines Nachmittags im Juli f├╝hrte ich eine Diskussion mit einem von ihnen. Er hatte mich vor der eigentlichen Uhrzeit in die Zelle einschlie├čen wollen. Ich weigerte mich, in die Zelle zu gehen und forderte ihn auf, mich doch hinzubringen. Also ging er Verst├Ąrkung holen, und eine Gruppe Schlie├čer erschien im Trakt. Ich zerbrach einen Besenstiel und verschanzte mich im zweiten Stock. Der Dienstleiter redete von unten auf mich ein:

┬╗Tarr├şo, lassen sie den Stock los und gehen sie ihn Ihre Zelle.┬ź

┬╗Nein, bis nicht meine Hofgangszeit abgelaufen ist.┬ź

┬╗Willst du, dass wir raufkommen und dich runterholen?┬ź war seine Antwort.

┬╗Das h├Ąngt von Ihnen ab. Dem, der hochkommt, schlage ich auf den Kopf…┬ź

Als ich das gesagt hatte, kamen sie in Gruppen die Treppe herauf und blieben einige Meter vor mir stehen.

┬╗Tarr├şo, geben Sie mir den Stock┬ź, bat mich der Dienstleiter.

Wenn ich ihnen den Stock gab, w├╝rden sie mich genauso verpr├╝geln. Also weigerte ich mich weiter: ┬╗Nein, und komm blo├č nicht n├Ąher…┬ź

Sie h├Ârten nicht auf mich und kamen Stufe um Stufe weiter die Treppe herauf. Als sie bei mir angekommen waren, schlug ich einen von ihnen mit dem Besenstiel, und sofort waren wir in eine Keilerei verstrickt, im Laufe derer ich zu Boden gestreckt, getreten und schlie├člich bis in meine Zelle geschleift wurde. Sie durchsuchten meine Zelle und zerrissen vor meinen Augen die Familienfotos und mehrere Briefe und warfen alles auf den Fu├čboden. Sie beschlagnahmten mein Schreibheft und zerschlugen die Orgel und das Radio. Als sie mit ihren Gemeinheiten fertig waren, schlossen sie mich in die Zelle ein.

┬╗Das n├Ąchste Mal brechen wir dir die Beine, verstanden?┬ź drohte mir der Dienstleiter durch das Guckfenster. ┬╗Ich will keine einzige Beschwerde der Beamten ├╝ber dich h├Âren, vergiss das nicht.┬ź

Als sie weg waren, machte ich mich daran, die zerrissenen Briefe und Fotos aufzusammeln und sortierte die ganze Unordnung ein bisschen. Ich schaffte es, einige Fotos mit Tesafilm zu kleben, andere musste ich wegwerfen. Das Radio konnte ich reparieren, die Orgel allerdings nicht. Ich war w├╝tend. Ich wusch das Blut ab, das aus meinem Mund lief und sah in den Spiegel. Eine Wange war entz├╝ndet und auf meinem R├╝cken zeichneten sich rot die Schl├Ąge ab. Juan Caama├▒o rief mich. Wir redeten ├╝ber die Fenster:

┬╗Was ist passiert?┬ź

┬╗Nichts. Hast du dar├╝ber nachgedacht, was wir besprochen haben?┬ź fragte ich zur├╝ck.

┬╗Ja, und ich bin einverstanden.┬ź

┬╗Gut. Wir reden noch dar├╝ber.┬ź

┬╗Wie geht es dir?┬ź

┬╗Ich f├╝hle mich ein bisschen zerquetscht, doch sonst gut und voller Tatendrang.┬ź

Am n├Ąchsten Tag schaffte ich es w├Ąhrend des Spaziergangs, einer T├╝r zwei Metallst├╝cke abzurei├čen, aus denen ich zwei Messer machen konnte. Ich gab ein St├╝ck an Caama├▒o und machte mich selbst an das andere. Ich verpasste dem St├╝ck Metall eine scharfe Spitze.

Just an diesem Nachmittag erschien der Strafvollzugsrichter in der Anstalt und schickte nach mir. Ich willigte ein, mit ihm zu sprechen und wurde zu ihm gebracht, in eins der zentralen B├╝ros. Er wartete auf mich zusammen mit dem Staatsanwalt. Er begr├╝├čte mich und ich antwortete h├Âflich.

┬╗Nehmen Sie Platz┬ź, lud er mich ein. ┬╗Wir sind hier, weil uns Anzeigen von Ihnen und einigen Mitgefangenen von Ihnen vorliegen, in denen Sie von Misshandlungen im Isolationstrakt reden. Was haben Sie dazu zu sagen?┬ź fragte er mich und zeigte auf einen Stapel Schrifts├Ątze auf der Metallplatte des Schreibtischs, die meinen Namen und meine Handschrift trugen.

┬╗Sehen Sie die geschwollene Wange?┬ź ÔÇô ich zeigte sie ihm vor. ┬╗Also das ist nur eine kleine Kostprobe f├╝r das, was hier andauernd vor sich geht. Noch mehr Beweise sind diese Abdr├╝cke┬ź, fuhr ich fort und zeigte den R├╝cken, ┬╗Sie werden sicher zustimmen, dass ich mir die nicht selbst beigebracht haben kann.┬ź

┬╗Wann ist das passiert?┬ź fragte mich der Staatsanwalt.

┬╗Gestern.┬ź

┬╗Aus welchem Grund?┬ź

┬╗Weil ich mich geweigert habe den Hofgang abzubrechen, als meine Stunde noch nicht um war.┬ź

┬╗Das glaube ich Ihnen nicht┬ź, sagte der Staatsanwalt. ┬╗Die Anstalt hat, falls Sie das noch nicht wussten, Anzeige gegen Sie erstattet wegen des Angriffs auf einen Beamten mit einem Stock. Au├čerdem haben wir Ihre Akte gelesen. Vor Kurzem haben Sie in ├Ąhnlicher Weise einen anderen Beamten mit einem Messer angegriffen, um anschlie├čend einen Ihrer Mitgefangenen niederzustechen. Sie haben an Streiks und Aufst├Ąnden teilgenommen, und Sie haben mehrmals versucht auszubrechen. Wie erwarten Sie, dass wir Ihnen glauben, bei so einer Akte?┬ź

┬╗Sehen Sie, es stimmt, dass ich einen Schlie├čer mit einem Stock geschlagen habe, doch das geschah in Notwehr. Sie halten mich die meiste Zeit ├╝ber isoliert, sie greifen ohne richterlichen Beschluss in meinen Postverkehr ein, sie machen meine Habe kaputt, sie drohen und erpressen die ganze Zeit, ├╝bertreten die Vollzugsordnung bei mir, wenn es ihnen passt, Sie wollen doch nicht, dass ich mich obendrein auch noch ungestraft zusammenschlagen lasse? Wenn Sie Ihre Arbeit t├Ąten, k├Ânnten wir uns das alles schenken…┬ź

┬╗Die Schuld tragen Sie und nicht wir. Sie stellen eine Gefahr f├╝r ihre Mitmenschen dar und Ihre Isolation und Ihre Haft ersten Grades werden vorsichtshalber verl├Ąngert, bis Ihr Verhalten zeigt, dass Sie bereit sind, mit anderen Menschen zusammen zu leben.┬ź

┬╗Ich sehe schon, dass Sie schnell ├╝bereingekommen sind┬ź, antwortete ich. ┬╗Haben Sie sich jemals gefragt, warum es im Gef├Ąngnis Gewalt gibt? Ich bin HIV-positiv, meine Herren, und uns, die AIDS-Kranken, ermordet man praktisch ohne Zaudern. Ich spreche nicht von unvermitteltem Mord. Mit Straf- und Disziplinarma├čnahmen wirkt man andauernd auf den Gesundheitszustand und die Kr├Ąfte derjenigen ein, die sich wie ich im Gef├Ąngnis befinden. Es reicht euch nicht, uns die Anwendung von Artikel 60 zu verweigern, ihr m├╝sst uns auch noch verpr├╝geln, unterwerfen und bedr├Ąngen mit euren Normen. Obwohl das alles passiert, bleiben Sie gelassen, hochm├╝tig und unnahbar. Diese Missachtung des Lebens der anderen, die Sie und der Staat t├Ąglich unter Beweis stellen mit Ihrer Verbohrtheit und ihrer stolzen, kranken Arroganz, t├Âtet jedes positive Empfinden und jede Menschlichkeit in denen, die das erleiden, unter anderem in mir. Sie sind also in hohem Ma├če mitverantwortlich f├╝r die Gewalt, die Sie uns ankreiden. Sie verurteilen die Leute und schicken sie in Haft, doch daf├╝r, was dort geschieht, ├╝bernehmen Sie nicht die Verantwortung. Das ist das Problem, und kein anderes, meiner Meinung nach…┬ź

┬╗Gut┬ź, unterbrach mich der Richter, ┬╗benehmen Sie sich und ich werde veranlassen, dass Sie zusammen mit Freunden von Ihnen auf den Hof gehen k├Ânnen und dass Ihnen Ihre Rechte zugestanden werden, sofern Sie sich das wegen guter F├╝hrung verdient haben. Alles h├Ąngt von Ihnen ab.┬ź

┬╗Das hei├čt also, dass Sie nichts unternehmen werden, nicht wahr?┬ź

┬╗Ich wiederhole: Alles h├Ąngt von Ihrem Benehmen ab.┬ź

┬╗Tun Sie, was Sie f├╝r richtig halten, doch falls es einen Zwischenfall gibt, geben Sie dann nicht mir die Schuld. Laden Sie nicht alle Verantwortung auf mich…┬ź

┬╗Ist das eine Drohung?┬ź fragte der Staatsanwalt.

┬╗Nein, die Wahrheit. Sie wissen auch, dass die Justiz immer gleich ausgewogen ist: Die Waage neigt sich zu Gunsten der M├Ąchtigen, mittels eines Systems von Kautionen, Vorteilen und juristischen Tricks, und sie bleibt genauso herum geneigt stehen bei uns, die wir kein Geld haben, mit dem wir uns verteidigen k├Ânnten. Erz├Ąhlen Sie mir nicht, sie glauben an Ihre Methode, und erz├Ąhlen Sie mir auch nicht, ich soll mit verschr├Ąnkten Armen dabeistehen, w├Ąhrend Sie dar├╝ber entscheiden, was mit meinem Leben passiert.┬ź

┬╗Mit solchen Ideen werden Sie noch viel Zeit im Gef├Ąngnis verbringen, Tarr├şo┬ź, antwortete der Staatsanwalt.

┬╗Wir werden tun, was wir k├Ânnen┬ź, f├╝gte der Richter k├╝hl hinzu.

Ich ging wieder in die Zelle. Dort schrieb ich einen Zettel f├╝r Juan Caama├▒o mit Strategien f├╝r die Geiselnahme und die anschlie├čende Flucht. Es ging darum, mehrere Schlie├čer gefangenzunehmen, sie einzuschlie├čen, uns ihre Kleidung anzuziehen, auf das Gel├Ąnde hinaus zu gehen und von dort aus nach drau├čen. Wir vertrauten darauf, das alles gut laufen w├╝rde. Ich w├╝nschte mir von ganzem Herzen es werde gutgehen, um dieses ganze Pack zu ├Ąrgern und sie alt aussehen zu lassen. Ich war sicher, dass ich es schaffen w├╝rde, ich musste es tun.

Am Morgen des 5. Juli brachten sie einen minderj├Ąhrigen Gefangenen in den Trakt. Ein Kind. Ich wusste nicht, was er getan hatte, damit sie ihn hierher brachten, doch als die Gruppe Schlie├čer ihn in eine der Zellen steckte und Gas verspr├╝hte, h├Ąmmerte ich an die T├╝r und beschimpfte sie.

┬╗Was ist los, Tarr├şo?┬ź fragte einer von ihnen.

┬╗Ein Haufen feiger Folterer, das ist los!┬ź schrie ich.

Sie ├Âffneten die T├╝r. Sie drangen mit ihren Schlagst├Âcken in die Zelle ein und schlugen mich, ohne mir Zeit zur Reaktion zu lassen. Dann gingen sie, nicht ohne mir vorher zu drohen. Im Gef├Ąngnis ist es verboten, den anderen zu helfen oder ├Âffentlichen Widerspruch gegen die brutalen Methoden zu ├Ąu├čern. Nichtsdestotrotz mussten wir Gefangenen uns weiter gegenseitig helfen, wenn wir das alles mit einem Mindestma├č an W├╝rde ├╝berleben wollten.

Am Nachmittag erhielt ich unangenehmen Besuch von einem Schlie├čer, den ich aus dem Gef├Ąngnis Zamora kannte. In jenem Gef├Ąngnis hatte er die Gelegenheit genossen, mich zusammen mit seinen Berufskollegen zusammenzuschlagen, und jetzt wollte er mich mit der Erinnerung an diese f├╝r ihn heldenhafte Tat unter Druck setzen.

┬╗Was gibtÔÇÖs, Arschloch?┬ź sagte er zu mir durch das Guckfenster. ┬╗Hast du immer noch nicht genug Pr├╝gel abbekommen? Heute habe ich Wache, pass also auf, denn beim kleinsten Anlass kriegst du eins drauf. Erinnerst du dich etwa nicht mehr an mich?┬ź

Ich erinnerte mich bestens.

┬╗Na klar erinnere ich mich an dich┬ź, antwortete ich und ging auf die T├╝r zu.

┬╗Gut, ich will den ganzen Nachmittag ├╝ber nichts h├Âren, verstanden?┬ź

Ich antwortete nicht auf diese Provokation. Eine Stunde nach diesem Besuch schlossen sie mir auf, damit ich auf dem Hof spazieren gehen konnte. In einem der Turnschuhe hielt ich ein selbstgemachtes Messer aus Eisen versteckt. Dieser Hundesohn w├╝rde seine offenen Rechnungen alle auf einmal bezahlen m├╝ssen. Ich brachte das Messer problemlos durch die Kontrolle, die man mir jedes Mal angedeihen lie├č, wenn ich die Zelle verlie├č. Er befand sich in der N├Ąhe der T├╝r zum Hof, dort ging ich hin. Auf seinem Gesicht stand das typische Mackertum jemandes geschrieben, der sich von seiner Uniform besch├╝tzt f├╝hlt, von seiner Dienstmarke und von einem ganzen System; jemandes, der wei├č, dass er straflos handeln kann, ohne Angst vor Recht und Justiz, denn wer wenn nicht er selbst war dort einziges Gesetz und einziger Richter? Er wollte mir gerade etwas sagen, als meine Faust auf sein Gesicht traf, was ihn nach hinten taumeln und zu Boden fallen lie├č. V├Âllig ├╝berrascht davon, dass ein Gefangener es gewagt hatte, gegen ihn zum Schlag auszuholen, rappelte er sich auf, ging auf die Wachstube zu und kam mit einem Kn├╝ppel bewaffnet wieder heraus.

┬╗Jetzt kannst du was erleben!┬ź br├╝llte er w├╝tend mit drohender Geb├Ąrde und warf sich auf mich.

Ich b├╝ckte mich, ging halb in die Knie und zog das Messer aus dem Schuh. Als er es sah, hielt er an, lie├č den Schlagstock los und hob die H├Ąnde, um mir zu zeigen, dass er sich nicht wehren w├╝rde. Sein Gesichtsausdruck war ein Gedicht: ┬╗Ruhig, Tarr├şo, bitte…┬ź

Ich ging auf ihn zu, ergriff ihn am Hemd und zwang ihn, vor mir auf die Knie zu gehen. Ich stach mit dem Messer in Kopfh├Âhe auf ihn ein, und das Messer traf auf eine seiner H├Ąnde, mit denen er vor Schreck zitternd sein Gesicht sch├╝tzte.

┬╗Jetzt bist du nicht mehr so obercool, was?┬ź schrie ich ihn an, ich war au├čer mir. ┬╗Seid ihr nur mutig, wenn ihr in der Herde vor einem wehrlosen nackten Kind steht?┬ź f├╝gte ich hinzu und meinte die Pr├╝gel von Zamora.

┬╗Beruhige dich, Mann, beruhige dich, wir werden das hier in Ruhe ├╝ber die B├╝hne bringen, OK?┬ź redete ein anderer Schlie├čer von der anderen Seite her auf mich ein.

┬╗Mach keine Dummheiten, Tarr├şo, bitte beruhige dich…┬ź

Ich sah meine Geisel an. Ich sp├╝rte den Wunsch ihn umzubringen, doch ich entschloss mich nicht dazu, aus Furcht vor den Konsequenzen, die diese Tat mir einbringen w├╝rde. Ich hatte immer noch Hoffnung, und ich w├╝rde Chancen haben, sie in die Tat umzusetzen. Deshalb lie├č ich ihn los.

┬╗OK, du Schwein, diesmal kommst du noch davon. Falls du dich eines Tages r├Ąchen willst und es noch einmal wagst, mich zu verpr├╝geln, schw├Âre ich, dass ich dich ohne Z├Âgern umbringe. Ist das

klar?┬ź

┬╗Ja, Tarr├şo, ich versprechÔÇÖs dir, alles klar…┬ź

Ich ging zu meiner Zelle. Sie schlossen die T├╝r, und ich entledigte mich des Messers. Ich gab es ├╝ber das Fenster an Caama├▒o weiter. Ich legte mich auf das Bett, verst├Ârt und in gespannter Sorge dar├╝ber, was nun geschah. Nach einer Weile erschien eine gr├Â├čere Gruppe Schlie├čer im Trakt, legte mir Handschellen an und brachte mich in eine andere Zelle. Weder schlugen sie mich noch drohten sie mir, sie beschr├Ąnkten sich darauf, mich in eine andere Zelle zu stecken und mir so meine Sachen vorzuenthalten. Sie fragten mich nach dem Messer, und ich antwortete, ich h├Ątte es das Klo hinunter gesp├╝lt. Dann lie├čen sie mich allein, gefesselt in einer leeren Zelle. Sp├Ąter kam der Schlie├čer zu mir, auf den ich eingestochen hatte. Er hatte die Hand verbunden und kam in Zivilkleidung. Ich vermutete, sie hatten ihn krankgeschrieben. Wir redeten durch das Guckfenster miteinander.

┬╗Sieh mal, Tarr├şo, ich wei├č, dass das in Zamora nicht in Ordnung

war, aber ich habe nur Befehle ausgef├╝hrt wie alle Beamten┬ź, entschuldigte er sich. ┬╗Was heute passiert ist, hat mich die Sache anders sehen lassen, wirklich. Ich habe mit meinen Kollegen geredet, damit sie wegen der Sache nicht zu Repressalien gegen dich greifen…┬ź

┬╗Gut┬ź, antwortete ich ihm, verwundert ├╝ber seine Haltung.

┬╗Wir alle hier werden mit der Zeit immer brutaler. Glaube nicht, dass es mir leicht fiele, hier so zu arbeiten, doch von irgendwas muss man ja leben.┬ź

┬╗Es ist besser Hunger zu leiden als zu foltern, um es auszuschlie├čen┬ź, bekam er zur Antwort.

┬╗Ja, aber irgendjemand muss diese Arbeit doch machen… H├Âr mal, an dem Messer war kein Blut oder so, oder? Ich sage das wegen HIV, du bist ja positiv…┬ź

┬╗Nein, es war sauber.┬ź

┬╗Nun ja, ich muss los. Tut mir Leid, dass alles so laufen musste.┬ź

┬╗So ist das Gef├Ąngnis┬ź, antwortete ich und fasste damit alle m├Âglichen ├ťbel in diesem einen unheilvollen Begriff zusammen. Die M├Ąnner und Frauen dieser Welt t├Ąten gut daran, ihn an einem nicht allzu fernen Tag abzuschaffen.

Einen Tag nach diesem Vorfall kam Juan Redondo Fern├índez in die Anstalt, ein bekannter Ausbrecher aus Ja├ęn. Er war von der Insel Ibiza verlegt worden. Seine Ankunft bedeutete, dass Juan Caama├▒o aus unserem Trakt fort musste. Er schaffte es noch, die zwei Messer in unserem Trakt zu verstecken. Er gab mir ├╝ber das Versteck Bescheid und w├╝nschte mir Gl├╝ck. Aus Sicherheitsgr├╝nden wollte der Direktor nicht mehr als zwei Gefangene in diesem Trakt haben, das erleichterte unsere ├ťberwachung. Sie brachten mich wieder in eine andere Zelle und nahmen mir die Fesseln ab. Auch bekam ich meine Sachen zur├╝ck. Zur Hofgangsstunde konnte f├╝r ich einen Moment bis zu dem Guckfenster der Zelle gehen, in die sie Juan Redondo gesperrt hatten, und mich einige Minuten mit ihm unterhalten. Er hatte einen festen, durchdringenden Blick, der von einer runden Brille etwas abgemildert wurde, von deren Gestell eine Kordel herabhing, die hinter dem Hals zusammenlief.

┬╗Hallo, ich hei├če Jos├ę┬ź, stellte ich mich vor.

┬╗Ich hei├če Juan.┬ź

┬╗Garfia hat mir viel Gutes ├╝ber dich erz├Ąhlt┬ź, sagte ich ihm.

┬╗Also, wenn du etwas brauchst, sagst du es mir, OK?┬ź

┬╗Im Moment brauche ich nichts. Wie ist es so hier?┬ź

┬╗Es ist OK, obwohl die Schlie├čer ziemliche Arschl├Âcher sind. Wirst du schon noch merken.┬ź

┬╗Gut, ich r├Ąume erstmal ein bisschen auf. Wir unterhalten uns noch, Jos├ę.┬ź

┬╗Alles klar.┬ź

Ich ging auf dem Hof spazieren. Die Gegenwart von Juan freute mich, ich vertraute darauf, dass wir zusammen etwas Gutes anfangen w├╝rden. Wenn wir uns erst einmal besser kennten, w├╝rde ich ihm den Ausbruch vorschlagen, den ich mit Caama├▒o vorbereitet hatte, damit wir es zu zweit machten. Drei erfolgreiche und zehn versuchte Ausbr├╝che bescheinigten ihm Erfahrung, und ich zweifelte nicht daran, dass wir f├╝r den Ausbruch aus Teneriffa 2 ├╝bereinkommen w├╝rden.

Am 10. des Monats gab es neuen Aufruhr in Herrera de La Mancha. V├şctor Llopis, Crist├│bal Moral, V├ízquez Ayude und Benito Toledano nahmen mehrere Schlie├čer und eine Psychiaterin als Geiseln und befreiten andere Gefangene, die dann bei dem Aufstand mitmachten. Sie hatten nicht die Flucht im Sinn, sondern die Lage in den Gef├Ąngnissen allgemein und die Forderungen von APRE(r) publik zu machen. Die brachten sie mit erhobenem Messer vor. Sie forderten die Sendung ihrer Liste mit Forderungen in mehreren Punkten im Rundfunk, darunter die Einstellung aller Folter in spanischen Gef├Ąngnissen, die Freilassung aller AIDS-F├Ąlle und anderer unheilbar Kranken. Sie klagten die Absicht der Verwaltung an, soziale Gefangene dazu zu veranlassen, ein Mordkommando gegen relativ wichtige Politische zu bilden. Sie forderten eine Verbesserung der medizinischen Betreuung der Gefangenen. W├Ąhrend der Geiselnahme, die notwendig war, um in der ├ľffentlichkeit geh├Ârt zu werden und die Verantwortlichen zu Verhandlungen zu zwingen, versetzte Crist├│bal Moral einem anderen Gefangenen, der wegen Vergewaltigung einsa├č, mehrere Messerstiche und brachte ihn damit um. Vergewaltiger zu sein war im Gef├Ąngnis sehr gef├Ąhrlich, und das war der Grund f├╝r diesen Tod. Das Gesetz der Gef├Ąngnisunterwelt war oft, vielleicht allzu oft grausam und hart. Wir anderen Gefangenen konnten nicht ertragen, dass die Vergewaltiger sich mit uns zusammen auf den H├Âfen aufhielten, das war alles. Dieser Tod w├╝rde der Gesellschaft und der Beh├Ârde zeigen, dass die sozialen Gefangenen keine Vergewaltiger akzeptierten, nicht in den H├Âfen und nicht in den Anstalten, und dass diese verabscheuungsw├╝rdigen Wesen nicht zu unserer Welt geh├Ârten. Ein Vergewaltiger genoss unter Gefangenen ├╝berhaupt kein Ansehen und lebte in st├Ąndiger Angst, entdeckt zu werden, weshalb Vergewaltiger sich gew├Âhnlich in anderen Abteilungen befanden, getrennt von den ├╝brigen Gefangenen und von der Verwaltung besch├╝tzt. Oder sie arbeiteten als Ordonnanz in der K├╝che oder anderen Verantwortung bedeutenden Posten. Von der Masse im Gef├Ąngnis verachtet, sahen sie sich dazu gezwungen, Spitzel und ausf├╝hrende Hand der Schlie├čer zu werden, ihrer einzigen Freunde dort. Es war ein schwerer Fehler gewesen, diesen Vergewaltiger mit den anderen Gefangenen den Hof teilen zu lassen, wie auch der Moment ein Fehler gewesen war, ihn umzubringen. Denn selbstverst├Ąndlich verstand das die ├ľffentlichkeit nicht: Es erschien zynisch und scheinheilig Menschenrechte einzufordern, hatte man gerade einen Mord ver├╝bt. Wie solch ein Missverh├Ąltnis erkl├Ąren? Man w├╝rde es nicht verstehen. Das Gef├Ąngnis und die schreckliche Gewalt, die seine Mauern bei den dort eingesperrten Menschen erzeugten, waren unbekannt. Trotz dieses Todesfalls gingen die Verhandlungen weiter. Die Verwaltung lenkte ein, nach achtundzwanzig Stunden Geiselnahme, und ver├Âffentlichte die Forderungen im Tausch gegen die Freilassung der Geiseln, um deren Unversehrtheit man zu f├╝rchten begann. Radio Nacional brachte mehrfach das von den Geiselnehmern diktierte Kommuniqu├ę, und diese lie├čen die Geiseln frei, als sie sicher waren, dass alle Forderungen wie ausgehandelt ├╝ber den ├äther geschickt worden waren. Dann stellten sie sich. Sie hatten ihr Ziel erreicht.

Diese Aktion gab den Medien viel zu Schreiben her, besonders den sensationalistischen. Die Lettern APRE(r) kamen nun h├Ąufig auf den Meldungs- oder Meinungsseiten vor, und die Organisation bekam Gewicht. Sie war von vielen Sondergefangenen sehr gut aufgenommen worden. Immer mehr Missbr├Ąuche der Vollzugsbeamten wurden vor Gericht gebracht, was die Generaldirektion offensichtlich beunruhigte. Als Reaktion schickte die Generaldirektion einen Rundbrief an alle Anstalten mit dem strikten Befehl, in die m├╝ndliche und schriftliche Kommunikation derjenigen Gefangenen einzugreifen, die f├╝r verantwortliche oder aktive Mitglieder von APRE(r) gehalten wurden. Das war illegal, doch sie konnten es tun, denn sie z├Ąhlten auf die unterst├╝tzende Billigung der meisten Strafvollzugskammern. Es wurden auch Ma├čnahmen ergriffen, um gewisse H├Ąftlinge, die nach Einsch├Ątzung der Direktion gr├Â├čeren Einfluss auf die gefangene Bev├Âlkerung oder in anderer Weise mit der Arbeit von APRE(r) zu tun hatten, weit weg zu verlegen. Wieder einmal setzte die Generaldirektion mit ├ťberwachung und Repression ihre eigenen destruktiven Vorstellungen durch, statt einmal zuzuh├Âren und zu versuchen, die Unregelm├Ą├čigkeiten im Gef├Ąngnisbetrieb anzugehen, statt die angezeigten Missbr├Ąuche aufzukl├Ąren, die AIDS-Kranken freizulassen, bessere medizinische Versorgung zu erm├Âglichen, bessere Ern├Ąhrung, kurzum statt die geltende Strafvollzugsordnung einfach umzusetzen.

Juan Redondo und ich bekamen Vertrauen zueinander. Ich erz├Ąhlte ihm von meinem Ausbruchsprojekt. Er informierte mich ├╝ber eine andere Chance, die es auf dem Schiff gab:

┬╗Auf dem Schiff gibt es eine gute M├Âglichkeit abzuhauen, hast du das nicht mitbekommen?┬ź

┬╗Nein┬ź, antwortete ich, ┬╗es sei denn, wir ├╝berw├Ąltigen sie, wenn wir aus den Zellen herauskommen…┬ź

┬╗Mehr oder weniger genau das. Ich wei├č, wie die T├╝r aufgeht.┬ź

┬╗Wie denn?┬ź

┬╗Wenn es so weit ist, sag ich es dir┬ź, war seine Antwort. Er behielt sich diese Information vor, um sicherzugehen, dass ich sie nicht auf eigene Rechnung ausnutzen k├Ânnen w├╝rde, falls ich fr├╝her als er auf die Reise ging. ┬╗Wir k├Ânnen eine Verlegung provozieren und es gemeinsam versuchen. Dein Plan ist gut, aber auf einer Insel nehme ich an, dass wir keine gro├čen Chancen haben es zu schaffen, w├Ąhrend wir uns von C├ídiz aus leicht auf dem Festland verlieren k├Ânnen. Was sagst du dazu?┬ź

┬╗Wie schaffen wir es, dass sie uns zusammen verlegen?┬ź fragte ich, fasziniert von der Idee.

┬╗Wir organisieren eine Geiselnahme und machen so nebenbei auf alles hier aufmerksam. Nach einer Geiselnahme kommt immer eine Verlegung.┬ź

┬╗Gib mir ein bisschen Zeit, damit ich dar├╝ber nachdenken kann, OK?┬ź

┬╗Gut, wenn du einverstanden bist, sagst du es mir, und falls nicht, mach ich es eben allein. Ich w├╝rde verschiedene Forderungen stellen, um unsere Genossen zu unterst├╝tzen.┬ź

┬╗Ich sag dir Bescheid.┬ź

Ich dachte die ganze Nacht dar├╝ber nach. Es war eindeutig, dass wir auf dem Festland mehr M├Âglichkeiten h├Ątten als auf dieser Insel. Und ich war eindeutig gegen die Verwaltung und ihre Methoden. Der Kampf der anderen Gefangenen war mir nicht gleichg├╝ltig. Deshalb entschied ich, es sei wirklich ein passender Moment, um von der Theorie zur Tat zu schreiten. So konnten wir die anderen unterst├╝tzen und uns selber weiterbringen. Schlimmer als das, was dabei alles passieren konnte, war es, st├Ąndig in eine Zelle gesperrt zu bleiben. Also sagte ich am n├Ąchsten Tag zu meinem

neuen Genossen:

┬╗Juan, ich werde dir bei der Geiselnahme helfen, doch nur bis die Forderungen im Radio gebracht werden. Wenn wir es erst einmal geschafft haben, den Problemen in den Gef├Ąngnissen Geh├Âr zu verschaffen, lassen wir es gut sein und konzentrieren uns dann darauf, von dem Schiff abzuhauen┬ź, ich machte eine Pause und fuhr dann fort: ┬╗Ich will, dass das Thema AIDS in den Forderungen vorkommt, obwohl du bestimmt schon daran gedacht hast, oder?┬ź

┬╗Einverstanden. Ich schreib dir die Forderungen auf und du pr├╝fst, ob du mit ihnen einverstanden bist. Jetzt m├╝ssen wir erst einmal einen Termin beim Vollzugsrichter bekommen und ihm eine Falle stellen.┬ź

┬╗Du hast mehr Erfahrung als ich bei so etwas. Wir gehen am besten so vor, wie du es f├╝r richtig h├Ąltst. Wenn mir etwas auff├Ąllt, sage ich es dir. Was die Messer angeht: Ich habe zwei St├╝ck im Trakt versteckt.┬ź

Wir stimmten schnell ├╝berein. Abgesehen von unserer Absicht auszubrechen teilten wir die Verachtung der Gef├Ąngnisbeh├Ârde. Jetzt fehlte nur noch, dass Juan ein Gespr├Ąch mit dem Richter erhielt, und zu handeln. Der Richter w├╝rde die passende Geisel sein, denn er war der Hauptverantwortliche f├╝r die Schweinereien, die in dieser Anstalt stattfanden, war es doch seine Aufgabe dar├╝ber zu wachen, dass die Rechte der Gefangenen respektiert wurden.

Sie lie├čen mich wieder alleine auf den Hof gehen. Man hatte strikte Anweisung gegeben, Juan und mich auf keinen Fall au├čerhalb unserer Zellen zusammentreffen zu lassen. Sie hatten Angst, dass genau das geschehen w├╝rde, was schon nicht mehr aufzuhalten war. Ich schickte einer Freundin einen Umschlag mit meinen wertvollsten Familienfotos und zerriss den Rest. Dasselbe machte ich mit allen Briefen, sie landeten im Papierkorb. Juan bereitete seinerseits die Liste der Forderungen vor und lie├č sie mir zukommen. Sie bestand aus dreizehn Punkten, unter denen die folgenden hervortraten:

– Sofortige Freilassung aller unheilbar kranken Gefangenen.

– Gr├╝ndliche Untersuchung des physischen und mentalen Zustands der Sondergefangenen Javier ├üvila Navas, Laudelino Iglesias, Luis Rivas D├ívila, Antonio Losa L├│pez und Vicente S├ínchez Monta├▒├ęs, deren momentaner Aufenthaltsort unbekannt ist, und die vermutlich fortw├Ąhrend gefoltert werden.

– Bekanntmachung der Absicht der Beh├Ârde, eine Todesschwadron im Gef├Ąngnis zu schaffen, deren Auf gabe es sein soll, politische Gefangene zu ermorden, im Tausch gegen Vorteile im Vollzug. Das ist einer Reihe sozialer Gefangener in Alcal├í-Meco vorgeschlagen worden.

– Ende der Misshandlungen von Gefangenen in allen spanischen Gef├Ąngnissen und Ende der Schikane gegen Familienangeh├Ârige und Freunde.

– Verlegung derjenigen Gefangenen, die es beantragen, in Anstalten in der N├Ąhe ihres Herkunftsorts, um Fa milienbesuche zu erleichtern und der Entwurzelung entgegenzuwirken, die die schlechte Strafvollzugspolitik in Sachen Verlegungen zur Zeit bewirkt. Dieser Punkt geht in erster Linie HIV-Positive an.

– Bereitstellung von Zentren mit minimalen Sicherheitsauflagen und offenem Vollzug f├╝r alle HIV-positiven Gefangenen, in denen die notwendige medizinische Betreuung stattfinden kann und in denen den Gefangenen ein Arbeitsplatz geschaffen wird, wie es die spanische Verfassung f├╝r alle B├╝rger vorsieht. Das ist Aufgabe des Staats.

Ich lie├č Redondo wissen, dass ich mit allen aufgef├╝hrten Punkten einverstanden war. In der Tat best├Ąrkten mich die Forderungen in dem Willen, diese Aktion durchzuf├╝hren. Absolut niemand konnte den legitimen Gehalt dieser Forderungen abstreiten. Unsere juristische Beistandslosigkeit zwang uns, sie unter Anwendung von Gewalt vorzutragen. Konnten wir diese Forderungen ├╝berhaupt mittels Dialog und auf dem Dienstweg voranbringen, mithilfe der Justiz, deren Aufgabe es war, die Beschwerden der B├╝rger zu behandeln? Unsere Beschwerde war die von Leuten, die nichts hatten, gegen die gerichtet, die alles hatten. Hatten wir auch nur irgendeine reelle Chance, hiermit Recht zu bekommen? Wie wollten sie uns ein Gehalt auszahlen, uns mit Wohnung oder Arbeit ausstatten, wenn sie nicht einmal in der Lage waren, dies den ehrbaren B├╝rgern zu garantieren? Wer w├╝rde einem HIV-positiven ehemaligen Str├Ąfling Menschlichkeit, Arbeit und Glaubw├╝rdigkeit anbieten? Wer, und wenn, wie viele w├╝rden das tun? Gesellschaftlich betrachtet bereits tot, der Rechte beraubt, die wir sowieso nie wirklich genossen hatten, gab es f├╝r viele von uns gar keinen Platz mehr in der Au├čenwelt. So unheilbar krank, ohne Arbeit, ohne Geld, ohne Wohnung ÔÇô wohin gehen? Was tun? Die Bestrafung durch die Gesellschaft w├╝rde uns bis auf ewig verfolgen, der Schatten der Gef├Ąngnishaft uns wohin auch immer begleiten, unm├Âglich zu vergessen, und dann w├╝rden wir wie heute keinen Ausweg finden. Keine Chance, wir sa├čen in der Falle.

Im Trakt gab es Schwierigkeiten. Gegen Mittag erschien eine Gruppe Schlie├čer und stie├č einen minderj├Ąhrigen Gefangenen an H├Ąnden und F├╝├čen gefesselt vor sich her. Sie warfen ihn eine Zelle. Ich genoss gerade meine Kaffeestunde und unterhielt mich durch eine T├╝r hindurch mit Juan. Ich unterbrach das Gespr├Ąch, um einen der Schlie├čer zu dem Warum dieser miesen Behandlung zu befragen:

┬╗H├Âren Sie, was ist los, dass Sie meinen Genossen so behandeln?┬ź

┬╗Nichts, was euch etwas anginge.┬ź

┬╗Es geht mich etwas an, weil es mir wichtig ist. Sie k├Ânnen mit dem Jungen nicht so umgehen, gefesselt an H├Ąnden und F├╝├čen. Nehmen Sie ihm wenigstens die Handschellen ab…┬ź, so versuchte ich es.

┬╗Bis der Dienstleiter es nicht anordnet, nein.┬ź

┬╗Rufen Sie wenigstens den Arzt, damit er sich die Wunden ansieht.┬ź

┬╗Der Arzt wei├č Bescheid.┬ź

Als die Schlie├čer den Trakt verlassen hatten, ging ich zu der Zelle, in die sie den Gefangenen gesteckt hatten, ├Âffnete das Guckfenster und sprach mit ihm. Er lag flach auf dem Boden, das Gesicht entz├╝ndet von den Schl├Ągen, H├Ąnde und F├╝├če blau unter dem Druck der Fesseln, die in seine Gelenke einschnitten.

┬╗Bleib ruhig, gleich kommt der Arzt┬ź, sagte ich zu ihm. ┬╗Haben sie dir wehgetan?┬ź

┬╗Ja.┬ź

┬╗Was ist passiert?┬ź

┬╗Ich habe im Essensraum einen Schlie├čer geschlagen…┬ź

┬╗Ich rede gleich mit dem Arzt, damit man dir die Fesseln abnimmt, OK?┬ź

┬╗OK.┬ź

Als der Arzt in den Trakt kam, in Begleitung des Dienstleiters, ging ich auf ihn zu und sprach ihn an: ┬╗H├Âren Sie, der Junge hat geschwollene H├Ąnde und F├╝├če, Sie m├╝ssen ihm die Fesseln abnehmen.┬ź

┬╗Ich gehe jetzt zu ihm, Tarr├şo┬ź, antwortete er mir.

┬╗Was machen Sie hier?┬ź mischte sich der Dienstleiter ein.

┬╗Ich habe gerade Hofgang und nutze mein Recht auf Besuch der Cafeteria.┬ź

┬╗Nun gut, gehen Sie wieder auf den Hof und gehen Sie spazieren.┬ź

┬╗Nicht bis Sie meinem Genossen die Fesseln abgenommen haben.┬ź

┬╗Beruhige dich, Mann, ich gehe ja schon rein und sehe ihn mir an┬ź, redete der Arzt auf mich ein und versuchte vergeblich, mich zu bes├Ąnftigen. ┬╗Geh nach drau├čen, ich komme gleich hinterher und rede mit dir, einverstanden?┬ź

┬╗Ich will hoffen, dass Sie anordnen, ihm die Fesseln abzunehmen, denn falls nicht, zwingen Sie mich dazu, hier einen Aufstand zu machen.┬ź

┬╗Sie haben einen Aktenvermerk wegen Drohungen…┬ź sagte einer der Schlie├čer zu mir, der die Diskussion mitgeh├Ârt hatte. Er bewegte sich auf uns zu.

Ich ging aus dem Trakt, ohne zu antworten. Letzten Endes wurde aus der Sache nichts Gr├Â├čeres, denn der Dienstleiter genehmigte dem Arzt, die Fesseln abzunehmen. Er kam, um mir das mitzuteilen, wof├╝r ich ihm ehrlich dankbar war. Nach der Stunde Hofgang ging ich wieder bis zur Zelle, in der der Gefangene sa├č, ├Âffnete das Guckfenster in der T├╝r und lie├č ein paar Streichh├Âlzer und einige Zigaretten hineinfallen. Dann ging ich in meine Zelle. Bevor er mich einschloss, teilte mir der Schlie├čer mit, dass diese Geschichte mich eine neuerliche Disziplinarstrafe kosten w├╝rde. Armer Idiot.

Am 26. Juli erschienen der Vollzugsrichter und ein Staatsanwalt in der Anstalt, um Juan und andere Gefangene zu befragen. Gegen zw├Âlf Uhr mittags schickten sie nach ihm, und er wurde von mehreren Schlie├čern bis in die Zentrale gebracht. Das Gespr├Ąch dauerte fast eine ganze Stunde und drehte sich die ganze Zeit um die Lage im Gef├Ąngnis. Als es zu Ende war, brachten sie ihn zur├╝ck in den Trakt und begegneten mir. Meine T├╝r stand offen und ich war gerade dabei, Essensreste in einen M├╝llsack zu werfen. Als Juan an mir vorbeikam, sagte er: ┬╗Sie sind hier. K├╝mmer du dich um den hier…┬ź

Ich ging sofort in meine Zelle und holte das Messer aus seinem Versteck. Ich steckte es ein und ging sofort wieder hinaus und auf den Schlie├čer in der Wachstube zu, w├Ąhrend Juan gerade mit einem Erzieher redete, den er aufgehalten hatte. So schaffte er es, vor seiner eigenen Zellent├╝r stehenzubleiben.

┬╗H├Âren Sie┬ź, sagte ich, ┬╗ich muss auf den Hof hinaus und ein paar Zeitschriften holen, die man mir heute morgen dort hingelegt hat.┬ź

┬╗Ich werde sie holen und gebe sie Ihnen dann.┬ź

┬╗Komm schon, Mann, mach nur einen Moment auf und ich hole sie.┬ź

Das wollte er nicht, stand aber auf, ging auf den Hof und suchte die Zeitschriften, die es nicht gab. Er musste die T├╝r aufmachen, damit wir alle festnehmen konnten, ohne dass einer Alarm schlagen konnte. Dieser Schlie├čer war zu misstrauisch. Wir mussten aber auf jeden Fall zur Tat ├╝bergehen und erst einmal den Schlie├čer und den Erzieher, selbst ehemaliger Schlie├čer, festnehmen, in der Hoffnung, genug Zeit zu haben, um bis in die Zentrale zu kommen, bevor sie mitbekamen, was los war. Daran dachte ich, als mich der Schlie├čer im Trakt ansprach: ┬╗Tarr├şo, ich muss hinter Ihnen abschlie├čen.┬ź

┬╗Einen Moment, ich warte auf ein paar Zeitschriften, haben Sie Schl├╝ssel? Sie sind n├Ąmlich auf dem Hof und Ihr Kollege scheint sie nicht zu finden…┬ź

┬╗Ich kann die T├╝r nicht aufmachen, Tarr├şo.┬ź

Dann erschien der andere Schlie├čer: ┬╗Tarr├şo, ich habe nichts gefunden.┬ź

┬╗Lassen Sie mich hinaus, sie sind ganz sicher dort.┬ź

┬╗Na gut, aber mein Kollege soll dir aufmachen┬ź, antwortete er und ging in seine Stube.

Als der Schlie├čer, der sich auf unserer Seite befand, den Schl├╝ssel ins Schloss steckte und ihn herumdrehte, ergriff ich ihn am Hemdkragen und warnte ihn: ┬╗Mach keinen Schei├č und geh vorw├Ąrts!┬ź Dann wandte ich mich an Juan: ┬╗Los, los, hier ist offen…┬ź

Mit einem Sto├č bef├Ârderte er den Erzieher in seine Zelle. Zu ihm steckten wir den Schlie├čer. Wir schlossen die T├╝r hinter ihnen, legten den Riegel vor und rannten auf den Hof, mit einem Stuhl und einem Tisch aus dem Aufenthaltsraum. In der Wachstube versuchte der andere Schlie├čer mit einem Walky-Talky die Zentrale zu unterrichten, wir mussten also schnell sein. Wir stellten den Tisch in den Hof an die Mauer und den Stuhl oben drauf.

Juan stieg auf den Stuhl und h├Ąngte sich mit den H├Ąnden an den Dachvorsprung. Sofort kletterte ich an ihm hoch und zog ihn dann von oben an den Armen hinterher. Wir sprangen auf die andere Seite und rannten durch die G├Ąrten auf das Zentrum zu. Wir liefen die Treppe der Krankenstation hinunter und auf die T├╝r zu, die in die Zentrale f├╝hrte und noch immer offen stand. Wir begegneten einem Schlie├čer, der eine Spr├╝hdose in der Hand hatte, von der ich ihn mit dem Messer drohend befreite. Juan nahm die Handschellen an sich, die dem Schlie├čer gerade aus der Tasche gefallen waren und rannte hinter mir her. Ich durchquerte die T├╝r und lief schnell die Treppe hinauf, doch ich kam nicht rechtzeitig. Als sie mich kommen sahen, schlossen sie die T├╝r und lie├čen davor eine vor Schreck heulende Sozialarbeiterin stehen, die ich als Geisel nahm. Durch die gepanzerten Scheiben der Zentrale sahen mich Schlie├čer, Erzieher, der Richter und der Direktor mit den Umst├Ąnden entsprechenden Gesichtern an. Ich verlor keine Zeit und lief die Treppe wieder hinunter, um meinen Genossen Juan zu suchen. Ich fand ihn im Untergeschoss, wo die Telefonzentrale lag, mit zwei Schlie├čern auf dem Boden liegend, zu seinen F├╝├čen.

┬╗Sie haben die T├╝r vor mir zugeschlagen, aber ich habe die hier┬ź, informierte ich ihn.

┬╗Gut, lass mich ihr die Handschellen anlegen┬ź, sagte er und ging hinaus.

Als er durch die Gittert├╝r gegangen war, stand einer der Schlie├čer auf und versuchte sie zu schlie├čen. Er ├╝berraschte damit Juan, der ihm den R├╝cken zuwandte. Obwohl ich es schaffte, mich auf ihn zu werfen und ihn zu Boden zu ringen, konnte ich nicht verhindern, dass die T├╝r unter ihrem Eigengewicht ins Schloss fiel. Ich war zusammen mit zwei Schlie├čern in der Telefonzentrale eingeschlossen. Die T├╝r lie├č sich nur von drau├čen ├Âffnen, und die beiden hatten keine Schl├╝ssel.

┬╗Was jetzt?┬ź fragte ich Juan unschl├╝ssig durch die Fensterscheibe.

┬╗Geht sie nicht auf?┬ź

┬╗Kannst du vergessen! Und die Schl├╝ssel sind anscheinend oben in der Zentrale.┬ź

┬╗Ich gehe hoch, mal sehen, was sich machen l├Ąsst. Bleib in der Zwischenzeit ruhig und passÔÇÖ auf die beiden auf, OK?┬ź

┬╗Alles klar. Pass du auf dich auf.┬ź

┬╗Keine Sorge.┬ź

Er legte der Sozialarbeiterin auf dem R├╝cken Handschellen an und veschwand treppaufw├Ąrts. Ich setzte die beiden Schlie├čer auf St├╝hle und band sie daran fest. Ich war ziemlich nerv├Âs. Hier mit zwei Geiseln eingeschlossen zu bleiben, war im Plan nicht vorgesehen. Ich bewegte alle Schr├Ąnke, die in der Telefonzentrale standen, zur T├╝r, um mich hinter ihnen verschanzen zu k├Ânnen, falls sie versuchten, hereinzukommen. Es gab auch einen Fernsehapparat, den ich anschaltete, um aus den Nachrichten mitzubekommen, was drau├čen los war. Ich musste abwarten.

Verschiedene Telefonapparate klingelten. Von ├╝berall her rief man mich an.

┬╗Wer ist da?┬ź

┬╗Bist du Tarr├şo oder bist du Redondo?┬ź fragte mich eine Stimme.

┬╗Tarr├şo, was willst du und wer bist du?┬ź

┬╗Ich bin Offizier der Guardia Civil und m├Âchte mit einem von euch reden.┬ź

┬╗Rede┬ź, lud ich ihn ein.

┬╗Tut den Geiseln nichts und wir greifen nicht ein, einverstanden?┬ź

┬╗Wir werden schon sehen, was passiert. Halte deine Leute blo├č fern von uns, denn da kannst du sicher sein: Wenn sich hier im Umkreis von f├╝nf Metern eine Uniform der Guardia Civil blicken l├Ąsst, schicken wir euch eine Portion Hackfleisch, alles klar?┬ź

┬╗Niemand wird sich euch n├Ąhern, da hast du mein Wort drauf, aber bleibt ruhig und tut niemandem etwas.┬ź

Ich antwortete nicht und legte den Telefonh├Ârer auf. Das w├╝rde sich gut auf die psychologische Studie, die sie von mir machten, auswirken. Sie w├╝rden nachdenken und einsehen, dass im Moment wir am Dr├╝cker waren und nicht sie. Gleich darauf bekam ich einen Anruf von Juan: ┬╗Bist du es, Jos├ę?┬ź

┬╗Ja, ich bins. Wo bist du?┬ź

┬╗Hier oben mit noch f├╝nf Geiseln, in der Cafeteria. Wir haben alles: Wasser, Essen, Kaffee… Wir k├Ânnen so lange wir wollen hier aushalten. Jetzt geht es darum, dich da rauszuholen.┬ź

┬╗Gut. Was kann ich tun?┬ź

┬╗Warte bis jemand herunterkommt und dir aufschlie├čt, und telefoniere nicht, falls ich dich noch einmal anrufen muss. Pass auf, dass sie dir keine Falle stellen, wenn du rausgehst…┬ź

┬╗Bis gleich also┬ź antwortete ich und legte auf. Dann sagte ich an die Schlie├čer gewandt: ┬╗Damit ihr es wisst, wir gehen gleich. Dass euch blo├č nichts Dummes einf├Ąllt, ich bring euch um!┬ź

In diesem Augenblick begannen heftige Schl├Ąge im Stockwerk ├╝ber mir. Ich wurde nerv├Âs und hielt die Geiseln mit dem Messer in der Hand fest. Ich wusste nicht, dass diese Schl├Ąge von Juan stammten, der einen Hammer in der Hand hatte und auf die gepanzerten Glasscheiben in den T├╝ren des Zentrums einschlug. Ein Telefon klingelte. Ich nahm ab. Es war der Direktor.

┬╗Tarr├şo, sagen Sie ihrem Freund, er soll damit aufh├Âren, die Glasscheiben kaputtzuschlagen, wir bringen Ihnen jetzt sofort die Schl├╝ssel, damit Sie da rauskommen.┬ź

┬╗Nur die ├ärzte sollen runterkommen. Niemand sonst, verstehst du mich?┬ź

┬╗In Ordnung, aber tun Sie niemandem etwas.┬ź

Als die Schl├Ąge nachlie├čen, rief ich Juan an: ┬╗Juan, sie kommen und bringen mir die Schl├╝ssel, du kannst aufh├Âren.┬ź

┬╗Wei├č ich. Ich musste einiges kaputt machen, um sie zu ├╝berzeugen. Wenn du hoch kommst, klopf an die T├╝r und pass gut auf. Trau diesen Schweinen nicht, Jos├ę.┬ź

┬╗OK.┬ź

Ich band die Schlie├čer zusammen. Sie w├╝rden mir als Abwehr dienen, um sicher die Treppe hinaufzukommen. Ich schob die Schr├Ąnke zur Seite und wartete auf die Ankunft der ├ärzte. Sie brauchten nicht lange. Ich redete mit ihnen durch die Fensterscheibe: ┬╗Habt ihr die Schl├╝ssel mit?┬ź

┬╗Ja.┬ź

┬╗Los, macht auf, aber keine Tricks. Und wenn jemand versteckt im Treppenhaus auf mich wartet, geht er besser jetzt, sonst haben die beiden hier verspielt. Ich bin zu allem entschlossen, ich warne euch.┬ź

┬╗Es ist niemand da, Tarr├şo, nur wir. Wir werden aufschlie├čen, aber wir erwarten, dass du uns in Ruhe l├Ąsst und uns nicht festh├Ąltst.┬ź

┬╗Alles klar, macht auf.┬ź

Sie schlossen auf und traten zur├╝ck. Ich ging aus dem Telefonzimmer mit den Schlie├čern als Schutzschild vor mir her, das Messer dicht am Hals eines der beiden. Ich ging die Treppe ohne Probleme hinauf, unter den gespannten Blicken aller, die das Man├Âver verfolgten, von der anderen Seite der Glasscheiben her, die Juan zerschlagen hatte. Einer der ├ärzte bat mich um einen Gefallen, bevor wir oben ankamen:

┬╗Tarr├şo, da oben ist ein blondes M├Ądchen, die, die du als erste festgenommen hast. Sie ist die Freundin eines Kollegen von uns. Wir haben uns dir gegen├╝ber gut benommen und bitten dich, sie freizulassen…┬ź

┬╗Einverstanden, aber nur sie.┬ź

┬╗Danke.┬ź

Ich ging die Stufen bis nach oben hinauf, klopfte an die Cafeteriat├╝r und rief Juan: ┬╗Juan, mach auf.┬ź

┬╗Kommst du allein?┬ź fragte er mich misstrauisch.

┬╗Mit wem dachtest du, dass ich komme? Ich bringe die beiden Schlie├čer mit.┬ź

Die T├╝r ging auf und ich ging mit den beiden Geiseln hinein. Wir schlossen sie ab und schoben schnell einen K├╝hlschrank als Blockade davor. Wir hatten insgesamt siebzehn Geiseln. Sie alle sa├čen in der Reihe auf dem Boden, mit Stricken um die Handgelenke. Die Cafeteria war ziemlich gro├č. Es gab eine K├╝che, einen Tresen, mehrere Tische und St├╝hle und ein Klo. Vom Fenster aus konnte ich die Krankenstation sehen, sie lag genau gegen├╝ber. Mein Genosse ├╝berreichte mir ein gro├čes K├╝chenmesser.

┬╗Nimm, das ist besser┬ź, sagte er grinsend.

┬╗Hast du schon mit ihnen gesprochen?┬ź fragte ich ihn.

┬╗Ja, ich habe dem Direktor schon alles was wir wollen vorgelesen, jetzt fehlt nur noch, dass es im Radio gebracht wird.┬ź

┬╗H├Âr mal, Juan┬ź, unterbrach ich ihn, ┬╗ich will die Blonde freilassen, die wir am Anfang festgenommen haben. Sie ist die Freundin eines der ├ärzte, und die beiden waren fair zu mir. Ich habe es ihnen versprochen.┬ź

┬╗Jos├ę, das hier ist kein Spiel, wei├čt du das?┬ź antwortete er mir sichtlich genervt. ┬╗Lass uns in die K├╝che gehen.┬ź

In der K├╝che ging die Unterhaltung weiter:

┬╗Wir k├Ânnen gleich zu Anfang keine Leute rauslassen, das k├Ânnten sie fehlinterpretieren.┬ź

┬╗Wir haben genug Geiseln und anscheinend sind sogar Leute von drau├čen dabei, wir k├Ânnen es uns also erlauben.┬ź

┬╗Ist gut, aber lass uns ein bisschen warten.┬ź

┬╗Einverstanden.┬ź

Ich ging aus der K├╝che und sah mir die Geiseln an. Unter ihnen waren die Psychiaterin, zwei Erzieher, drei Schlie├čer, ein paar Sozialarbeiter und zwei achtzehnj├Ąhrige Jungen, einer Kellner und der andere Sportlehrer. Es war sehr unwahrscheinlich, dass sie uns mit so vielen Geiseln st├╝rmen w├╝rden. Teneriffa war eine Insel, und in K├╝rze w├╝rden wir ihre Familienangeh├Ârigen vor dem Gef├Ąngnistor stehen haben. Die Beh├Ârden w├╝rden z├Âgern einzugreifen. Es war eigenartig, doch jetzt, da ich die Bestie in mir hervorgekehrt hatte, mahnten alle zu Vernunft und Menschlichkeit. Jetzt, da wir Gewalt anwendeten, wollten alle Dialog. Man lie├č uns im Gef├Ąngnis sterben ohne eine andere Zuwendung als Kn├╝ppel und Isolation, man brachte uns auf demokratische Art und Weise geradewegs um. Und nun bat man um Mitgef├╝hl, wo doch sonst in ihrem festgef├╝gten kranken Stolz kein Platz f├╝r so etwas war. Welche Mitmenschlichkeit verdiente jemand, der bar elementarster Gef├╝hle in seinem Herzen nur Platz hatte f├╝r ein Schl├╝sselbund, in dessen Klimpern noch der letzte Schmerzensschrei eines Gefolterten nachklang? Die hier hatten verdient, dass wir sie nackt auszogen, fesselten und sie ordentlich verpr├╝gelten, damit sie selber einmal die Fr├╝chte ihrer ehrenhaften Arbeit als Henker der Gesellschaft schmeckten. Doch das w├╝rde uns auf ihr Niveau sinken lassen. Zwischen ihnen und uns gab es gro├če Unterschiede. Es war zu leicht, sich an einem gefesselten Nackten auszulassen, wenn man die Macht dazu hatte. Schwieriger und edler war es, das nicht zu machen. Nein, wir w├╝rden ihnen nichts tun, es sei denn, die Polizei versuchte den Sturmangriff, und das wussten sie. Dann, wenn jemand mit Macht ausgestattet ist, zeigt er, wie er wirklich ist. So benimmt sich dann ein Rohling eben wie ein Rohling, ein Dummkopf eben dumm. Noble Gem├╝ter auf ihre Weise und der Sadist unausweichlich auf die seine. Es zeigte sich nichts als die Natur der Leute. Nun, da es so weit war, beschr├Ąnkten wir uns also darauf, unsere Absicht zu verfolgen, ohne auf Abwege zu geraten, ohne Rache.

Eine Stunde sp├Ąter lie├čen wir das blonde M├Ądchen laufen, womit ich mein Wort hielt und den ├ärzten f├╝r ihre Fairness danken konnte. Auch lockerten wir den anderen nacheinander ihre Fesseln, damit sie aufs Klo gehen konnten, wenn sie mussten. Ich ├╝bernahm es, sie zu bewachen, w├Ąhrend Juan sich um die Verhandlungen k├╝mmerte, die stecken geblieben waren. Man wollte die Liste der Forderungen wegen ihrer Wirkung nicht ├Âffentlich machen. Also verlangten wir die Vermittlung der damaligen Abgeordneten von Izquierda Unida Cristina Almeida, die sich ├╝ber das Radio an uns wandte. Sie bat uns um die Freilassung der Geiseln und die Zur├╝cknahme unserer Forderungen und sprach dann von Demokratie und Vernunft. Es war eine Entt├Ąuschung. Sie w├╝rde uns nicht helfen, allerdings nicht, weil sie nicht wusste, dass wir ein geh├Âriges St├╝ck der Vernunft f├╝r uns beanspruchen konnten, die sie in ihrem Radiobeitrag vorgebracht hatte, sondern weil es sie vielleicht ein paar W├Ąhlerstimmen kosten konnte, uns ├Âffentlich auch nur etwas Legitimit├Ąt anzuerkennen. Wie falsch diese politische Dickfelligkeit sein konnte, war unversch├Ąmt. Deshalb machten wir mit der Geiselnahme weiter und erhielten unsere Forderung aufrecht. Wir lie├čen Decken kommen, mit denen wir die Fenster zuh├Ąngten, damit sie uns nicht beobachten oder ins Visier nehmen konnten. Es vergingen die Stunden, und die Spannung stieg. Es war Nervensache. Wir wussten, dass wir schlie├člich aufgeben mussten, doch nicht bevor wir nicht unsere Forderungen an die ├ľffentlichkeit gebracht hatten, und ├╝ber den ├äther in die anderen Gef├Ąngnisse, wo die Genossen das Ihrige tun w├╝rden.

Als die Nacht hereinbrach, setzten wir die Geiseln um und wechselten uns mit der Bewachung ab. Wir lie├čen sie alle ungefesselt, bis auf den Schlie├čer, der daf├╝r verantwortlich gewesen war, dass ich im Telefonzimmer eingesperrt blieb. Er trug Handschellen. Er bat mich darum, sie ihm abzunehmen.

┬╗Tarr├şo, k├Ânnt ihr mir nicht die Handschellen abnehmen?┬ź

┬╗Ich hab keinen Schl├╝ssel.┬ź

┬╗Sie sind an dem Bund, den du mir vorhin abgenommen hast.┬ź

┬╗Ich hab keinen Schl├╝ssel, du Idiot, merk dir das.┬ź

Wir sa├čen im hinteren Bereich der Cafeteria auf St├╝hlen. In der Stille war die ganze Spannung zu sp├╝ren, und in den Gesichtern der Geiseln die Angst. Eine Erzieherin und eine Sozialarbeiterin weinten unaufh├Ârlich und umarmten sich gegenseitig, und einer der Jungen machte sie nach. Mehrere Radioapparate waren angeschaltet und auf verschiedene Frequenzen gestellt, so dass uns st├Ąndig Nachrichten von drau├čen erreichten. Die ganze Insel befand sich in Aufregung. Sicherheitskr├Ąfte umringten das Gef├Ąngnis und warteten auf Befehle und den Fortgang der Geschehnisse. Man hatte sich immer noch nicht dazu entschlossen, unsere Forderungen zu ver├Âffentlichen. Es sah danach aus, dass es die ganze Nacht so weitergehen w├╝rde.

In der Bar fanden wir Wein und Bier, aber wir tranken zu zweit nicht mehr als zwei Dosen. Ich trank mehrere Tassen Kaffee, um nicht schl├Ąfrig zu werden. Eine der Sozialarbeiterinnen bat mich um etwas Kaffee.

┬╗Darf ich auch Kaffee trinken?┬ź

┬╗Na klar, wer verbietet es dir denn?┬ź antwortete ich. ┬╗Du kannst Kaffee f├╝r alle machen, au├čer f├╝r die Schlie├čer. Da steht die Maschine.┬ź

Sie br├╝hte ein paar Tassen Kaffee auf und verteilte sie unter ihren Kollegen. Ich holte eine der Torten aus der Vitrine und mehrere T├╝ten Erdn├╝sse. Das war mein Abendessen.

┬╗Werdet ihr uns loslassen?┬ź fragte mich eine Sozialarbeiterin beim Essen.

┬╗Wenn im Radio kommt, was wir fordern, ja.┬ź

┬╗Was fordert ihr denn?┬ź

┬╗Verbesserungen.┬ź

┬╗Und denkst du nicht, dies ist eine schlechte Art und Weise das zu fordern?┬ź

┬╗W├╝rdet ihr auf uns h├Âren, forderten wir es auf andere Weise?┬ź fragte ich sie.

┬╗Wei├č ich nicht… aber ihr k├Ânntet es doch versuchen, oder?┬ź

┬╗Es w├╝rde nichts dabei herauskommen.┬ź

┬╗Wei├čt du, dass du da gerade meine Geburtstagstorte isst?┬ź

┬╗Mach keinen Quatsch!┬ź

┬╗Wir haben gerade meinen Geburtstag gefeiert, als dein Freund kam…┬ź

┬╗Willst du ein St├╝ck?┬ź lud ich sie ein.

┬╗Nein, jetzt nicht.┬ź

┬╗Da verpasst du was, denn sie schmeckt sehr gut. Sag deiner Kollegin┬ź, f├╝gte ich hinzu und zeigte auf die weinende Sozialarbeiterin, ┬╗sie kann sich beruhigen, alles wird gut ausgehen.┬ź

Gegen zwei Uhr morgens klingelte das Telefon. Es war der Direktor, der uns mitteilte, dass Antoni Asunci├│n im Fernsehen ├╝ber das Thema Gef├Ąngnis sprechen w├╝rde.

┬╗Wollt ihr euren Chef sehen, im Fernsehen?┬ź fragte Juan die Geiseln.

┬╗Ja┬ź, antwortete einer von ihnen.

Wir stellten den Apparat so hin, dass alle etwas sehen konnten und drehten die Lautst├Ąrke hoch. Nach ein paar Minuten erschien das Bild eines redenden Generaldirektors des Gef├Ąngniswesens. Er bat um die Gefasstheit und die Professionalit├Ąt der Beamten im Strafvollzug. Seiner Politikerrede fehlte jede Sensibilit├Ąt f├╝r die schwierige Situation, in der sich seine Untergebenen befanden. Wir mussten lachen, als unsere Geiseln begannen, ihn w├╝st zu beschimpfen. Der h├Âchste Amtsinhaber der Beh├Ârde trug nichts Sinnvolles zur Lage bei, weshalb wir uns dazu entschlossen, in diesem Moment eine der Geiseln freizulassen, da sie von dieser Rede peinlich ber├╝hrt waren. Juan rief mich zu sich: ┬╗H├Âr zu: Wir werden einen von ihnen mit einem Zettel rauslassen, den er dann selbstst├Ąndig zum Radiosender bringt, als Gegenleistung f├╝r seine Freilassung.┬ź

┬╗Einverstanden. An wen denkst du?┬ź

┬╗An den Erzieher mit kommunistischem Parteibuch. Ich rede gleich mal mit ihm.┬ź

┬╗OK.┬ź

Kurz darauf lie├čen wir eine der Geiseln frei mit einem Papier, das unser Kommuniqu├ę f├╝r die Presse enthielt, verfasst in mehreren Punkten. Juan hatte mit ihm ausgemacht, dass er auf eigene Faust hinging, ohne sich mit dem Direktor abzusprechen, zum Besten der anderen Geiseln. Nur eine Stunde sp├Ąter h├Ârten wir ihn ├╝ber das Radio. Er best├Ątigte, dass es allen gut ging und dass wir ihn korrekt behandelt hatten. Er verlas einen Teil des Kommuniqu├ęs, aber nicht alles. Er beging so Verrat an seinen Kollegen, die immer noch in unserer Gewalt waren, um seinen eigenen miserablen Arbeitsplatz zu retten. Im schlimmsten anzunehmenden Fall w├╝rden wir wenigstens die H├Ąlfte unserer Forderungen zu Geh├Âr gebracht haben. F├╝r den Moment war das ein Schritt in die richtige Richtung. Gegen sechs Uhr morgens kamen wir mit dem Gef├Ąngnisdirektor zu einem Abkommen. Wir w├╝rden die Geiseln freilassen im Tausch gegen zwei Metalls├Ągen und die Publikmachung der fehlenden Punkte. Wir h├Ąngten zwei Schn├╝re aus dem Fenster und holten die S├Ągen zu uns hinauf. Dann warteten wir ab, bis die Forderungen im Radio liefen. Es vergingen nur ein paar Minuten, und Juan kam, um mir Bescheid zu sagen, dass alle Punkte genannt worden waren.

┬╗Sie haben alle Punkte im Radio verlesen┬ź, teilte er mir mit.

┬╗Dann verhandeln wir das Ende, oder?┬ź

┬╗Wir k├Ânnen noch weitermachen…┬ź antwortete er. Er wollte noch nicht aufgeben.

┬╗Wir haben alles gemacht, was wir abgesprochen hatten, und wir haben die Verlegung und unseren Fluchtplan vor uns. Hiermit noch l├Ąnger weiterzumachen, hat keinen Sinn.┬ź

┬╗Na gut, aber ohne Eile, ich traue denen nicht.┬ź

Wir riefen den Direktor wieder an und verlangten die Anwesenheit des Dienst habenden Richters, des Bischofs von Teneriffa und von Mitgliedern des Roten Kreuzes als Bedingung f├╝r die Beendigung der Geiselnahme. Wir lie├čen drei Geiseln sofort frei, zum Zeichen, dass wir unseren Teil einhalten w├╝rden. Gegen sieben erschienen die Dienst habende Richterin und die Leute vom Roten Kreuz in der Anstalt. Nicht so der Bischof. Das teilten sie uns ├╝ber Telefon mit, und nachdem wir es ├╝berpr├╝ft hatten, lie├čen wir nacheinander die Geiseln frei. Als Letzte gingen wir nach unten und benutzten dabei zwei Geiseln als menschliche Schutzschilde. In Gegenwart der Richterin und der Rotkreuz-Mitglieder gaben wir die

Messer ab und stellten uns. Es war zu Ende.

Eine gro├če Gruppe Schlie├čer brachte uns in die amerikanischen Zellen der Aufnahmeabteilung. Nach dem Ausziehen und der Durchsuchung legten sie uns Handschellen an und lie├čen uns in getrennten Zellen allein. Ich setzte mich auf den Fu├čboden und sah dabei zu, wie die Leuchtstoffr├Âhre an der Decke die Zelle erhellte. Unsere Hoffnungen ruhten auf einer gemeinsamen Verlegung. Diese Frage verzweifelte mich. Und wenn sie uns trennten? Ich vertraute darauf, dass sie es nicht tun w├╝rden. Dar├╝ber gr├╝belte ich nach, als Rufe an mein Ohr drangen:

┬╗Hoch leben die Beamten! Tod den Geiselnehmern!┬ź

Ich rief Juan:

┬╗Was ist los?┬ź

┬╗H├Ârst du diese Rufe?┬ź

┬╗Ja, das sind die Gefangenen in der Aufnahme. Du wei├čt schon, besonders Gesch├╝tzte und Ordonnanzen.

┬╗Wie ekelhaft!┬ź

Juan hatte Recht. Es waren die Gefangenen, die besonderen Schutz genossen, und die Ordonnanzen, die sich Applaus und Belohnung von denjenigen einbringen wollten, die sie hier im Gef├Ąngnis befehligten und kontrollierten. Es war deren Art, ihre absolute Treue den Schlie├čern gegen├╝ber zu zeigen, den einzigen, die sie hier sch├Ątzten.

Nur Feiglinge konnten ohne W├╝rde leben, ohne Ehre, und sich auf diese Weise unterwerfen, im Tausch gegen vorteilhaftere Bedingungen. Leider waren die Gef├Ąngnisse voll von Individuen wie diesen.

Mittags wurden wir einzeln von einer Gruppe Schlie├čer in den Isolationstrakt gebracht. Sie gaben uns Kleidung und Bettw├Ąsche und teilten uns mit, dass Befehle aus Madrid vorlagen, denen zufolge sie uns keinesfalls auf den Hof lassen durften. Wir mussten vierundzwanzig Stunden am Tag in den Zellen bleiben, und falls wir doch einmal die Zelle verlassen mussten, nur mit Handschellen auf dem R├╝cken. Da so die Dinge standen, trat ich in Hungerstreik und schnitt mir Pulsadern auf, um meinen Verfall zu beschleunigen. Ein Arzt kam, um mich in der Zelle zuzun├Ąhen, eskortiert von den Schlie├čern.

┬╗Tarr├şo, wie f├╝hlst du dich?┬ź

┬╗Angeekelt von so viel Zelle.┬ź

┬╗Du f├╝gst dir mehr Schaden zu als du denkst, wenn du dich weigerst zu essen und dich verletzt┬ź, erkl├Ąrte er mir, w├Ąhrend er mir die Adern zun├Ąhte. ┬╗Was du hast, ist wahrlich kein Scherz, Tarr├şo, und jede schwerere Infektion oder Mangelerscheinung l├Ąsst dich binnen Monaten den L├Âffel abgeben.┬ź

┬╗Wenn Ihnen so viel an meiner Gesundheit liegt, lassen Sie mich auf den Hof.┬ź

┬╗Das geht nicht, aber ich will versuchen, dass man dich eine Weile in den Aufenthaltsraum l├Ąsst, obwohl ich f├╝rchte, dass du dort Handschellen tragen musst.┬ź

┬╗Versuchen Sie es. Ich ertrage es nicht, den ganzen Tag hier eingesperrt zu sein.┬ź

┬╗Wir werden tun, was wir k├Ânnen, aber schneide dich nicht noch einmal. Ich werde dir auch Medikamente schicken, damit du ruhiger bist, einverstanden? Es wird dir gut tun, sie einige Tage lang zu nehmen, w├Ąhrend sich eure Situation kl├Ąrt.┬ź

Die ├ärzte schafften es, dass man mich eine Stunde am Tag in den Aufenthaltsraum lie├č, auf dem R├╝cken gefesselt, doch sie erreichten nicht das gleiche f├╝r meinen Freund Juan, weshalb ich schlie├člich nicht mehr hinaus wollte. Entweder kamen wir beide raus oder keiner von beiden. Den Hungerstreik legte ich allerdings nieder. Ich musste Kraft gewinnen, um bei der Verlegung in Form zu sein.

Eine Woche nach unserer Aktion f├╝hrten auf dem Festland Juan Jos├ę Garfia Rodr├şguez, der vor kurzem in Granada verhaftet worden war, Pablo Andr├ęs Jim├ęnez und Salvador Estarlich einen weiteren Aufstand durch, um unseren Forderungen Nachdruck zu verleihen und die Lage im Gef├Ąngnis Badajoz bekanntzumachen. Eigentlich war eine Geiselnahme geplant gewesen, doch ein Fehler von Estarlich lie├č diese scheitern, als ihm die Geiseln davonliefen. Mit einem Schl├╝sselbund ├Âffnete er Juanjo und Andr├ęs und den anderen Gefangenen im Isolationstrakt, darunter El Boca, ein bekannter Vergewaltiger, und die Br├╝der Izquierdo, die am Massaker von Puerto Hurraco beteiligt gewesen waren. Letztere wurden alle als Geiseln genommen. In der N├Ąhe des Gef├Ąngnisses fand zeitgleich eine Demonstration statt. Deshalb dauerte es nicht lange, bis zwanzig als Eingreiftruppe abgerichtete Guardias Civiles, die die Demonstration begleitet hatten, in die Anstalt eindrangen und sich mit ihrem gesamten Ger├Ąt vor dem Isolationstrakt aufbauten. Die Gefangenen drohten, die Geiseln umzubringen falls sie eingriffen, doch niemand k├╝mmerte das Leben des Vergewaltigers oder das der beiden betagten M├Ârder. Also begann die Guardia Civil ihren Einsatz. Sie kamen in den Trakt herein und ├╝berw├Ąltigten nach einer enormen Schl├Ągerei die Gefangenen ohne Konsequenzen f├╝r deren Geiseln. Das war Pfuscharbeit gewesen, aber sie hatten es wenigstens versucht, was nur sehr wenige Leute im Gef├Ąngnis f├╝r sich beanspruchen konnten. Einige Gefangene warfen ihnen vor, dass sie El Boca nicht umgebracht hatten, doch Jahre sp├Ąter stellte sich heraus, dass dieser Gefangene nicht schuldig an der Vergewaltigung gewesen war, wegen der man ihn verurteilt hatte. Sie hatten also richtig gehandelt, gerecht.

Ich erhielt Besuch von zwei Inspektoren der Generaldirektion aus Madrid. Man brachte mich in Handschellen vor sie. Sie sa├čen im B├╝ro des Direktors, hinter dem Schreibtisch. Ich nahm Platz.

┬╗Also gut, Tarr├şo, was ist passiert?┬ź fragte mich der Anf├╝hrer der beiden.

┬╗Es ist passiert, dass ich die Nase voll davon habe, eingesperrt zu sein und davon, dass Sie mit mir machen was Ihnen passt. Ich bin seit Jahren im Gef├Ąngnis und war eigentlich f├╝r zwei Jahre hierhin gekommen. Das ist passiert: Ihr macht mir mein Leben kaputt.┬ź

┬╗Das haben Sie selbst zu verschulden, oder nicht?┬ź

┬╗Nein. Seit ich in La Coru├▒a ins Gef├Ąngnis gekommen bin, wurde ich in besondere Zellen gesperrt, ohne Grund, angeblich wegen zur├╝ckliegender Vorkommnisse. Ich trage daran nicht die Schuld, und auch nicht daran, dass man auf mich Artikel 10 anwendet und mich isoliert, und ich dann pl├Âtzlich wieder in den Normalvollzug komme. In Zamora wurde ich dann wieder in den ersten Grad eingestuft…┬ź

┬╗Das werden wir anhand Ihrer Akte pr├╝fen m├╝ssen, ich glaube aber nicht, dass es so war┬ź, f├╝gte der Kollege hinzu.

┬╗Wenn Sie es sagen, haben Sie sicher Recht, und ich l├╝ge┬ź, warf ich zynisch ein.

┬╗Wo hattet ihr die Messer her?┬ź wollte der andere wissen.

┬╗Sag ich Ihnen nicht.┬ź

┬╗Gut, ich habe Ihnen aber sehr wohl etwas zu sagen. Wenn wir in Madrid noch einmal davon h├Âren, dass sie so etwas oder etwas ├ähnliches machen, gebe ich Ihnen mein Wort darauf, dass wir Sie in ein Loch stecken, und dass Sie dort nie wieder herauskommen, verstehen Sie mich?┬ź

┬╗Ich verstehe Sie genau…┬ź

┬╗Wer hatte die Idee zu der Geiselnahme?┬ź

┬╗Wir beide.┬ź

┬╗Sie wollen mir nicht sagen, woher Sie die Messer hatten?┬ź

┬╗Nein.┬ź

┬╗Dann ist das alles.┬ź

Im Isolationstrakt begann der Einbau verst├Ąrkter Sicherheitsma├čnahmen. Eisengatter kamen vor die eigentlichen Zellent├╝ren, und der Hof, ├╝ber den wir entkommen waren, erhielt von oben ein gekreuztes Gitter. Sie bauten einen Bunker. Wir wussten nicht, dass das nur ein Vorgeschmack f├╝r das war, was die Generaldirektion des Strafvollzugs seit Monaten ausbr├╝tete, unter dem Regiment Antoni Asunci├│ns und seines Statthalters, Gerardo M├şnguez. Wir bekamen Zugriff auf zwei veraltete Tageszeitungen, in denen von der Geiselnahme die Rede war. Eine schrieb, dass wir beide wegen mehrerer Morde und Vergewaltigungen im Knast sa├čen, wor├╝ber wir uns sehr entr├╝steten. Wir verstanden, dass das ein Teil der Desinformationskampagne der Beh├Ârde an die Medien war, um uns vor der Gesellschaft in Verruf zu bringen und uns wie M├Ârder und Vergewaltiger aussehen zu lassen. Eine der unz├Ąhligen Gemeinheiten, die sie anwandten. Juan schlug vor, die Zeitung zu verklagen, doch wir sahen schlie├člich davon ab. Was machte es aus, was andere dachten? Das Einzige, das im Moment wichtig war: So bald wie m├Âglich zusammen verlegt zu werden.

Am 11. Juli explodierte Puerto de Santa Mar├şa. Ernesto P├ęrez Barrot, Antonio Losa L├│pez und Manuel Cabello Mart├şnez hielten die Schlie├čer in Trakt eins in Schach und verschanzten sich mit ihnen im Economato. Im Namen von APRE(r) forderten sie von den Vertretern der Generaldirektion, die nach C├ídiz gefahren waren, verbesserte Haftbedingungen. Sie ├╝bergaben eine Liste an Forderungen, die in allen Medien publik gemacht werden sollte. Julio Romero Amador, ein Gefangener aus Ja├ęn, der w├Ąhrend der Geiselnahme frei herumlief, nutzte die Gelegenheit, um eine offene Rechnung mit einem anderen Gefangenen zu begleichen. Das Opfer war Miguel Anguita, den er, nachdem er ihm die Zellent├╝r ge├Âffnet hatte, niederstach und k├Âpfte. Dieser Sadismus machte alle Verhandlungen zunichte, sp├Ątestens als Julio Romero mit dem Kopf seines Feindes in der Hand auf den ├ťberwachungsbildschirmen zu sehen war. Ein gigantischer Fehler, der jeden Versuch weiter zu verhandeln unm├Âglich machte.

Mit dem Scheitern der Verhandlungen und nach vierundzwanzig Stunden Geiselnahme lie├čen die Gefangenen es gut sein, lie├čen ihre Geiseln frei und stellten sich. Obwohl Julio Romero auf eigene Rechnung gehandelt und nichts mit APRE(r) zu tun hatte, schrieb man diesen Mord der Organisation zu, um sie zu diskreditieren. Und so kam es, dass nach der Enthauptung dieses Gefangenen begonnen wurde, die Sonderhaftbedingungen FIES anzuwenden ÔÇô mit vorbehaltloser Zustimmung der Strafvollzugsgerichtsbarkeit. Die Beh├Ârde benutzte einen Mitschnitt der ├ťberwachungsbilder aus Puerto, auf dem Julio Romero zu erkennen war, wie er den Kopf seines Feindes hoch hob, um die Richter von der Notwendigkeit zu ├╝berzeugen, f├╝r alle Gefangenen, die mit APRE(r) zu tun hatten, Sonderma├čnahmen zu ergreifen. Das waren Ma├čnahmen, die zur schwersten Menschenrechtsverletzung und Beugung der Demokratie seit Amtsantritt der PSOE-Regierung werden sollten. Ein von allen drei Gewalten gemeinsam geschmiedetes Komplott: von Judikative, Exekutive und Legislative.

Im Isolationstrakt von Teneriffa lief alles wie gehabt weiter. Wir wussten es nicht, doch wir sollten die ersten sein, auf die FIES angewandt wurde. Man bereitete unsere Verlegung in die Anstalten Badajoz und Valladolid vor.

In manchen langweiligen N├Ąchten unterhielt sich Juan damit, die Schlie├čer zu ├Ąrgern, die aus ihrer gepanzerten Wachstube heraus den Trakt ├╝berblickten.

┬╗Gebt auf!┬ź rief er ihnen unter der Zellent├╝r hindurch zu. ┬╗Lasst die Handschellen und die Kn├╝ppel fallen! Ihr seid umstellt!┬ź

Ich mischte mich dann ein und half ihm: ┬╗Lass den Kn├╝ppel los und H├Ąnde hoch, du Wicht!┬ź

Dann mussten wir laut lachen. Diese humorvollen Momente halfen uns sehr dabei, die Isolation zu ertragen, ohne Hofgang. Seit zwanzig Tagen waren wir nicht aus diesen Kerkern herausgekommen, deren metallene Gruftplatten nur ge├Âffnet wurden, um uns unser Essen auszuh├Ąndigen, und das immer in Gegenwart einer gr├Â├čeren Gruppe mit Kn├╝ppeln und Eisenstangen bewaffneter Schlie├čer. In dieser Lage waren unsere konstant rebellische Haltung und die Gesellschaft, die wir uns so gegenseitig zuteil werden lie├čen, waren Humor und aufmunternde Worte alles, was wir hatten. Dies und zwei Eisens├Ągen, und die Hoffnung, bald aus dieser h├Ąsslichen und verr├╝ckten Unterwelt ausbrechen zu k├Ânnen.

Wenn wir dies zu nutzen wussten, war das mehr als genug, denn es gab nichts M├Ąchtigeres und St├Ąrkeres als den Mut, den einem der Versuch gibt, die entzogene Freiheit wiederzuerreichen. Eine Freiheit, von der wir in gewissem Sinne schon jetzt etwas hatten, denn wir rebellierten ja gegen die Sklaverei und den systematischen Gehorsam, wir dachten und handelten f├╝r uns selbst und nicht nach irgendwelchen vorgegebenen Benimmregeln, Normen oder Doktrinen, mit denen wir nicht einverstanden waren. Und das war es auch, was uns von anderen Gefangenen unterschied. Wir waren drau├čen keine systemfeindlichen Outlaws gewesen, um hier im Gef├Ąngnis Vorschriften zu akzeptieren, die man uns aufzwang. Ein Mensch sollte man bewaffnet wie unbewaffnet bleiben, in Freiheit wie in Gefangenschaft. Im Gef├Ąngnis gab es viele M├Ąnner und Frauen, die mutig einen Raub oder einen ├ťberfall durchgef├╝hrt hatten, die aber nicht in der Lage waren, angesichts eines einfachen Strafvollzugsbeamten w├╝rdevoll und aufrecht zu bleiben. Diese Tatsache lie├č uns t├Ąglich verbale Auseinandersetzungen mit Gefangenen f├╝hren, die zu einem miserablen Lohn als Maurer arbeiteten oder damit beauftragt wurden, unseren Hof zu vergittern und Gatter vor die Zellent├╝ren zu schwei├čen. Gefangene, die andere Gefangene lebendig begruben, um selbst Verg├╝nstigungen zu erhalten und so bald wie m├Âglich auch die Freiheit, auch wenn es die Freiheit anderer verminderte.

H├Âr auf das Leiden der Menschen, du Monster!

Unmenschliche, eiskalte, mechanische Bestie.

Grausames Instrument in Menschenhand gegen den Menschen.

Furcht ist die z├Ąhfl├╝ssige Nachgeburt

siechtumsschwangerer grauer Morgen.

In der Dunkelheit deiner Eingeweide

schaffst du Schmerz und ewige Einsamkeit.

Das Blut gefriert. Keine Liebe, keine Gegenwart.

Nur Schweineaugen mustern dich hier drinnen:

Ja, ich bin noch da!

Du spuckst Gebeine schwacher Toter

in ReihÔÇÖ und Glied aus ihrem gl├Ąsernen Grab.

Wie konnten sie es wagen, sich in deinen Eingeweiden breit zu

machen?

Dummheit, Schwachsinn, Unvernunft.

Zum t├Âdlichen Abgrund, zum kollektiven sentimentalen Suizid

l├Ądst du t├Ąglich ein,

du lauerst im Dunkeln dem Weinenden und Leidenden auf.

Essenz des B├Âsen,

Reste von Tr├Ąumen an Blutrot,

als die Menschen das Wort der Gnade verga├čen,

entfernt auch alle Liebe aus euren Herzen!

Bestie!

Die Kinder, die du austr├Ągst, sind bereit zur Geburt,

zerschlagen die Ketten ihrer Haft und Ängstlichkeit.

Rennt, Str├Ąflinge, rennt!

Dass euch die Zuh├Ąlter eurer Mutter nicht einholen:

Sie wollen eure Seele knechten und euch versklaven.

Am 23. August hatte ich kaum zu Mittag gegessen, als ein Trupp Schlie├čer in der Zelle erschien: ┬╗Tarr├şo, packen Sie Ihre Sachen, sie werden verlegt.┬ź

Ich gab Juan ├╝ber die Neuigkeit Bescheid und packte meine Sachen in zwei T├╝ten, die man mir ├╝bergeben hatte.

Ich war ├╝bergl├╝cklich, dort herauszukommen, wir waren ja seit einem Monat ununterbrochen eingeschlossen. Definitiv war jetzt der Moment zum Handeln gekommen, um die zweite Phase unserer Aktion zu beginnen: Die Flucht. Sie brachten mich in Handschellen in die Aufnahmeabteilung und steckten mich in eine der amerikanischen Zellen. Ich schritt die Zelle auf und ab und genoss gerade eine Zigarette, als sie meinen Freund Juan brachten. Sie brachten ihn in Handschellen und steckten ihn in die Zelle nebenan. Wir begr├╝├čten uns mit einer Geste, redeten aber nicht. Ich schickte ihm aber ├╝ber einen der Schlie├čer die H├Ąlfte meines Geldes. Das mir zustehende sogenannte Hausgeld war mir gerade erst ausbezahlt worden.

Ungef├Ąhr eine Stunde sp├Ąter kam ein Paar Guardias Civiles, um uns abzuholen. Ein dritter wartete in dem Transporter, in dem sie uns zum Hafen fahren w├╝rden. Der Gruppenf├╝hrer, ein Gefreiter, schien ein arroganter eingebildeter Macker zu sein und uns beeindrucken zu wollen. Ich hielt ihn f├╝r einen Angeber. Das w├╝rde uns n├╝tzen, denn W├Ąchter dieser Art untersch├Ątzten einen Gefangenen am ehesten. Schon allein das Tragen einer Waffe und einer gr├╝nen Uniform gab ihnen dieses Selbstbewusstsein. Nachdem sie uns die Fingerabdr├╝cke abgenommen hatten, mit denen unsere ├ťbergabe an die Guardia Civil beurkundet wurde, legte man uns neue Handschellen an, brachte uns nacheinander zum Transporter und lie├č uns einsteigen. Zwei andere Gefangene sa├čen schon im Wagen und w├╝rden uns auf der ├ťberfahrt begleiten. Wir stellten uns vor. Einer war Kolumbianer, der andere Engl├Ąnder. Sie fuhren nach Carabanchel, um von dort in ihre Herkunftsl├Ąnder abgeschoben zu werden. Nachdem der Papierkram erledigt war, fuhren wir in Richtung Hafen und unterhielten uns dabei angeregt. Wir hielten vor einer riesigen F├Ąhre, der J.J. Sister. Der Transporter stand an einer Metallbr├╝cke, die in die Garage des F├Ąhrschiffs f├╝hrte und von mit Maschinenpistolen bewaffneten Guardias Civiles bewacht war. Sie gew├Ąhrten unserem Transport Vorrang in der Warteschlange und wiesen ihn in die gro├če Garage ein. Dann brachten sie uns einzeln in die Arrestzellen hinunter, neben den Maschinenraum, unter die Wasserlinie. Wir alle vier kamen in dieselbe Zelle. Es gab zwei Pritschen und zwei St├╝hle. Die Zelle nebenan war von zwei Gefangenen belegt, die aus Puerto de Santa Mar├şa kamen und nach Salto del Negro fuhren, in das Gef├Ąngnis auf Gran Canaria.

Juan kannte die beiden und redete mit ihnen durch ein Loch in der Holzwand zwischen den beiden Zellenverschl├Ągen. Ich sah mir inzwischen die Zelle an und begutachtete die St├╝hle, die man hingestellt hatte, damit wir uns setzen konnten, bis wir die anderen zwei in Las Palmas absetzten und zwei von uns in die freigewordene Zelle wechselten. Die Beine beider St├╝hle wurden von verschwei├čten Metallst├╝cken zusammengehalten. Ich ging aufs Klo und holte die S├Ąge aus ihrem Versteck. Dann drehte ich einen der St├╝hle um und begann zwei dieser Metallst├╝cke anzus├Ągen. Sie w├╝rden meinem Genossen und mir als Messer dienen. Ich bat Juan, solange ich an den Stuhlbeinen s├Ągte, die Kabine der Guardias im Auge zu behalten. Sie lag genau gegen├╝ber, zwei Meter entfernt. Als eins fertig war, machte Juan mit dem anderen weiter und ich passte auf. Als wir so weit waren, versteckten wir beide in einer Matratze. Sie w├╝rden gute Messer abgeben. Wir w├╝rden sie brauchen. Juan nahm mich zur Seite und wir gingen aufs Klo, um ungest├Ârt zu reden.

┬╗Jos├ę┬ź, sagte er, ┬╗ich traue diesen beiden Typen nicht, die mit uns fahren, wir sollten sie nicht aus den Augen lassen.┬ź

┬╗Mach dir keine Sorgen, was sollen sie machen? Sie m├╝ssen die ganze ├ťberfahrt mit uns verbringen, und ich denke nicht, dass sie gef├Ąhrlich sind…┬ź

┬╗Lass uns auf jeden Fall auf die beiden aufpassen. Sie gefallen mir nicht…┬ź.

Misstrauen war typisch f├╝r Juan und viele andere Gefangene, denn es gab F├Ąlle von Verrat an Mitgefangenen, um selbst Vorteile zu bekommen. Die Beh├Ârde belohnte dergleichen Niedertr├Ąchtigkeit f├╝rstlich, denn das verlieh ihr Augen und Ohren ├╝berall, besonders dort, wo ihr Sch├Ąferhundsblick und ihre Ohren sonst nicht hinkamen. Es war dieselbe Methode, die die Polizei drau├čen mit Straff├Ąlligen anwendete. Sie lie├čen zu, dass Dealer straflos weitermachten und gaben ihnen Hilfestellungen in ihrem Gesch├Ąft, wenn jene sie ├╝ber ihre Kundschaft und das Geld, das diese ausgab, auf dem Laufenden hielten. Stimmte ein Betrag mit der Beute aus einem Raub ├╝berein, wussten sie gleich, wer es war. Keine Institution und auch nicht der Strafvollzug funktionierte ohne ein Netz aus Spitzeln. Verrat wurde gro├čz├╝gig belohnt. Wollten sie etwas ├╝ber einen bestimmten Gefangenen herausfinden oder ihn einfach aus der N├Ąhe beobachten, brauchten sie nur einen Verr├Ąter zu gewinnen, der ihn im scheinbar freundschaftlichen Gespr├Ąch zum Reden brachte. Oder sie legten die beiden zusammen in eine Zelle. Es war traurig aber wahr und latent immer gegenw├Ąrtig, auch wenn nur eine Minderheit bei so etwas mitmachte. Das schuf ein Klima des Misstrauens. Wir wollten darauf achten, dass unsere Begleiter uns nichts anmerkten.

Wir liefen aus und setzten Kurs auf Las Palmas de Gran Canaria. Dort kam eine Gruppe Guardias Civiles zu uns herunter und holte die beiden Gefangenen aus der Nachbarzelle ab. Wir verabschiedeten uns herzlich von ihnen. Dann lichteten wir wieder Anker und fuhren in Richtung C├ídiz. Als wir schon auf hoher See waren, legten sie uns Handschellen an, mit den Handgelenken durch den Schlitz in der T├╝r gesteckt, durch welches auch das Essen kam. H├ęctor Chivita und ich kamen in die Zelle nebenan. Sie nahmen uns auf die gleiche Weise die Handschellen wieder ab. Juan blieb mit William Humphreys in der anderen Zelle. Die Guardias nahmen die St├╝hle mit, ohne zu merken, dass zwei Metallst├╝cke fehlten, was uns erleichterte. Ich w├Ąre lieber mit meinem Freund Juan gereist, auf diese Weise konnten wir aber die Gefangenen im Auge behalten, die uns begleiteten, und das war auch wichtig. Es konnte alles M├Âgliche passieren.

Juan gab mir die Metallst├╝cke durch das Loch zwischen den beiden Zellen. Ich versteckte sie in der Matratze meiner Pritsche. Diese Zelle war genauso wie die andere, der einzige Unterschied war hier eine Treppe aus hohlen Metallstreben, die auf das obere Bett f├╝hrte. Die Toiletten beider Zellen waren gleich geschnitten und hatten Bullaugenfenster auf den Flur hinaus. Wir konnten uns sowohl hier als auch in den Bullaugen der Zellent├╝ren von Zelle zu Zelle sehen. Die Scheiben in den Bullaugen waren aus dickem Plexiglas. Der enge Flur verband die beiden Zellen mit der Kabine der Wache, in der sich nur noch die zwei Guardias Civiles aufhielten. ├ťber das Bullauge konnten wir feststellen, dass die Zellent├╝ren mit dicken Eisenriegeln abgeschlossen waren, die quer ├╝ber die ganze T├╝r liefen und in einem Scharnier sa├čen. Der Riegel lief durch eine eiserne ├ľse im T├╝rrahmen, in deren Mitte ihn ein Vorh├Ąngeschloss in seiner Stellung festhielt ÔÇô wie man es im Mittelalter machte. Eine einfache aber effektive Art, und bis jetzt war auch noch niemand aus diesen Zellen ausgebrochen. Au├čer den Pritschen gab es noch zwei Ventilatoren an der Decke. Dieser winzige Raum, zwei Meter breit, einen Meter lang, w├╝rde zwei Tage lang unser Universum sein. Wir konnten uns kaum bewegen, wenn also einer aufstand, legte sich der andere hin.

Nach einer Weile holten sie uns einen nach dem anderen heraus, damit wir aus unseren T├╝ten die Toilettenartikel holen konnten, die wir brauchten. Als ich an der Reihe war, legten sie mir Handschellen an und ├Âffneten die Zelle. Zwei W├Ąchter brachten mich zu der Kabine, in der unsere Habe zur├╝ckgehalten wurde, wir durften sie n├Ąmlich nicht mit uns nehmen. Ich b├╝ckte mich und suchte Seife, Zahnpasta und eine Zahnb├╝rste. Der Gefreite nutzte die Gelegenheit, um mich zu provozieren:

┬╗Eh, h├Âr zu, ich w├╝nsche eine ruhige Fahrt, verstanden?┬ź

Erstaunt drehte ich mich kurz um und musterte ihn. Ich verstand nicht, warum er sich so aufspielte. Also gab ich ihm als Antwort nur ein L├Ącheln.

┬╗Guck mich nicht so an, ich bin schon mit Schlimmeren als dir umgegangen…┬ź, er lie├č nicht locker.

Dann verstand ich ihn. Er provozierte mich, um sich vor seinem Kollegen aufzuf├╝hren, der seinem Alter nach zu urteilen neu war in der Truppe. Er war ein Angeber, ein gro├čer und starker allerdings, bewaffnet mit einer Neun-Millimeter, weshalb ich nicht auf seine Provokationen einging. Als ich meine Sachen gefunden hatte, schlossen sie mich wieder in die Zelle.

Etwas sp├Ąter kam das Essen. Die W├Ąchter reichten es uns auf Plastiktabletts durch die Schlitze in den T├╝ren. Als der Gefreite sich b├╝ckte, um ein Tablett vom Fu├čboden aufzuheben und es mir zu geben, konnte ich an seiner rechten H├╝fte den Griff einer Pistole im Hosenbund stecken sehen. Auf dem Schiff mussten sie Zivilkleidung tragen, das sah das Bordreglement so vor. Der Kapit├Ąn wollte nicht, dass die Passagiere wussten, dass man Gefangene mitnahm, das k├Ânnte sie beunruhigen. Ich rief Juan:

┬╗He, sieh mal genau hin. Schau auf den Hosenbund dieses Bullen.┬ź

Er ging ans Fenster und sah sie.

┬╗Hat der andere auch eine?┬ź fragte er mich.

┬╗Ich denke schon, ich hab sie aber nicht gesehen.┬ź

┬╗Also f├╝r jeden eine…┬ź

┬╗Na klar┬ź, antwortete ich vergn├╝gt.

Nach dem Essen unterhielten wir uns durch das Loch hindurch und Juan teilte mir seinen Plan mit. Danach wollten wir zuerst versuchen, von drinnen die Schrauben abzus├Ągen, die die Metall├Âse hielten, durch die die Eisenstange mit dem Vorh├Ąngeschloss lief. Die Muttern dieser Schrauben befanden sich auf der Innenseite der Zellen. Wenn wir es schafften, diese Muttern durchzus├Ągen, w├╝rde die ├ľse mit dem Schloss und der Stange und damit die ganze T├╝r nachgeben. Anschlie├čend bliebe nur noch, unsere W├Ąchter festzunehmen. Daf├╝r mussten wir aus den Metallst├╝cken zwei Messer herstellen. Sobald wir im Hafen lagen, w├╝rden wir die Flucht ergreifen. Die Idee war realistisch. Jetzt w├╝rde es erst einmal darum gehen zu pr├╝fen, ob das Eisen so weich war, dass wir es leicht s├Ągen konnten, denn falls nicht, w├╝rde die Operation sehr schwer werden, die Muttern sa├čen n├Ąmlich an einer schwierigen Stelle ganz eng an der Wand. Problematisch war auch, dass die Muttern an den metallischen T├╝rrahmen festgeschwei├čt waren. Wir vertrauten aber darauf, sie durchs├Ągen zu k├Ânnen, bevor wir im Hafen von C├ídiz ankamen. Wir verloren keine Zeit und fingen in Ruhe an zu s├Ągen. Der ohrenbet├Ąubende L├Ąrm der Motoren verhinderte, dass man uns h├Ârte. Den beiden Gefangenen, die uns begleiteten, trugen wir auf, die Kabine der Wache im Blick zu behalten, wozu sie sich ohne Weiteres bereit erkl├Ąrten. Das gab uns absolute Sicherheit bei der Arbeit.

Zum Abendessen stellten wir unsere Arbeit ein. Beide hatten wir Blasen an den H├Ąnden, doch das Schlimmste war, dass wir kaum voran gekommen waren. Das war ein schlechtes Zeichen. Wir a├čen ohne zu sprechen. Ich beobachtete dabei meinen Zellengef├Ąhrten, den Kolumbianer, und fand ihn auch nicht gerade vertrauenerweckend. Er war verunsichert, und das k├Ânnte gef├Ąhrlich werden. Wir beschlossen, bis zum n├Ąchsten Tag nicht mehr zu s├Ągen, denn der Motorenl├Ąrm war nachts weniger intensiv als bei Tag. Ich nutzte allerdings die Zeit und verpasste den beiden Metallst├╝cken Klingen. Juan legte sich hin, um sich von der Grippe zu erholen, die er seit Tagen mit sich herumschleppte und die ihn immer noch schw├Ąchte, er hatte etwas Fieber. W├Ąhrend ich also diese Metallst├╝cke sch├Ąrfte, dachte ich an die Waffe meines derzeitigen W├Ąchters. Ich hatte sie gesehen. Ich dachte daran, wie ich in ihren Besitz gelangen k├Ânnte, und ich dachte an die beiden einfachen aber t├Âdlichen Messer, die in der Matratze versteckt lagen, und schlief dar├╝ber ein.

Am n├Ąchsten Morgen nach dem Fr├╝hst├╝ck nahmen wir die Arbeit wieder auf. Wieder machten wir uns ans S├Ągen, bis zum Mittagessen. Meine H├Ąnde sahen furchtbar aus, voll neuer Blasen, und ich hatte bisher nur eine der Muttern durchges├Ągt. Juan hatte aufgegeben, denn er konnte die S├Ąge nicht mehr festhalten. Die T├╝r lag auf der rechten Seite der Zelle, die er belegte, und er konnte nur mit der linken Hand s├Ągen, dabei war er Rechtsh├Ąnder. Wir begannen zu zweifeln, denn es war nicht so leicht, wie wir zun├Ąchst gedacht hatten. Wir diskutierten das durch das Loch:

┬╗Juan, ich glaube, das wird nicht gutgehen. Wir schaffen es nicht, die Schwei├čn├Ąhte dieser Muttern durchzus├Ągen…┬ź

┬╗Wir k├Ânnen sie festnehmen, sobald sie in C├ídiz die T├╝r aufmachen und mit ihnen beiden als Geiseln hinausgehen┬ź, schlug er mir vor.

┬╗Das ist nicht so leicht, Juan. Dort warten andere Guardias Civiles auf uns, und dann noch die Grenzposten, und sie werden uns nicht aufmachen, bevor nicht der Gefangenentransporter da ist┬ź, ich machte eine Pause und fuhr dann fort: ┬╗Au├čerdem machen sie uns einem nach dem anderen auf. Und falls einer von uns es schafft, sie beide zu ├╝berw├Ąltigen, werden wir es aus C├ídiz heraus kaum schaffen. Zu viele Probleme auf einmal, Juan.┬ź

┬╗Wir m├╝ssen sie wie auch immer kriegen…┬ź

Schlie├člich lie├č ich es sein, an den verhassten Muttern zu s├Ągen. Wir pr├╝ften die Holzdecke und machten sie kaputt. Wir hofften, so in die Kabine der Guardias zu gelangen, doch als wir hinter ein Blech kamen, stie├čen wir auf mehrere Lagen kreuzweise verlegter schwerer Holzbretter, die uns nicht weiter vordringen lie├čen. Es war zum Verzweifeln. Schwei├čgebadet legte ich mich r├╝cklings auf die Pritsche und z├╝ndete mir eine Zigarette an. Nach allem, was wir getan hatten, um hier hinzukommen, verdienten wir es nicht, dass diese zwei Dummk├Âpfe uns im n├Ąchsten Gef├Ąngnis abgaben wie zwei Kartoffels├Ącke.

Wir a├čen in der Stille. Mit vollem Magen legte Juan sich hin, um seine Grippe auszukurieren, und ich unterhielt mich mit dem Kolumbianer. Er war gl├╝cklich dar├╝ber, dass wir unsere Versuche eingestellt hatten und wir eine ruhige Fahrt haben w├╝rden. Er erz├Ąhlte mir seine Geschichte. Er war nach Spanien gekommen, um Drogen zu schmuggeln, und sie hatten ihn bei der ersten Gelegenheit erwischt. Er geh├Ârte zu einer armen kolumbianischen Familie und hatte so versucht, seiner Misere zu entkommen. Seine Geschichte ├Ąhnelte der hunderter S├╝damerikaner im Gef├Ąngnis. Die Gro├čen im Drogengesch├Ąft benutzten besonders Frauen, um Stoff nach Spanien und ganz Europa zu bringen. Falls einer von ihnen verhaftet wurde, ├╝berlie├čen sie ihn seinem Schicksal, w├Ąhrend sie selbst ihre Luxusvillen und ihre wundervollen Autos genossen und weiter diese M├Ąnner und Frauen ausbeuteten, die in Armut lebten. Im Gef├Ąngnis gab es viele Leute, die hier niemals gelandet w├Ąren, h├Ątten sie einen gerechten Lohn, eine feste Arbeit und eine w├╝rdevolle Wohnung gehabt. Doch war das Leben: War es nicht ein Drogenbaron, der einen ausbeutete, so war es ein Wirtschaftsboss, ein Milit├Ąr oder ein Politiker.

Der Nachmittag verlief ohne nennenswerte Zwischenf├Ąlle. Gegen acht servierten sie uns das Abendessen und wir a├čen mit Appetit. Juan war immer noch krank und lag im Bett. Ich legte mich also auch hin und h├Ârte Musik aus einem kleinen Abspielger├Ąt mit Kopfh├Ârern, das mir mein Mitreisender geliehen hatte. Wenn uns morgen nichts einfiele, w├╝rden sie uns in der Anstalt Puerto 1 abgeben und von dort aus in die soeben eingeweihten Sondergef├Ąngnisse bringen, wo wir f├╝r unsere Forderungen und Aufst├Ąnde erst richtig bezahlen sollten. Wir mussten von dort fliehen, aber wie? Ich ├╝berlegte hin und her, und der Schlaf ├╝berraschte mich dabei.

An diesem 25. August 1991 fr├╝hst├╝ckten wir und lie├čen alle m├Âglichen Ideen, die wir hatten, Revue passieren. Die Gedanken kreisten die ganze Zeit darum, unsere W├Ąchter hier zu Geiseln zu nehmen, oder die Schlie├čer in Puerto 1, sobald wir dort ankamen, um neuen Forderungen Geh├Âr zu verschaffen. Wir kamen aber zu keinem Ergebnis. Zur Essenszeit, neun Stunden vor Ankunft der J.J. Sister im Hafen von C├ídiz, kam uns die erste gute Idee.

┬╗Jos├ę┬ź, rief mich Juan durch das Loch in der Wand. ┬╗Ich werde das Plexiglas des Bullauges verbrennen und versuchen, die Essensklappe aufzumachen, mal sehen, ob wir das Vorh├Ąngeschloss aufbrechen k├Ânnen.┬ź

┬╗Und die Guardias?┬ź fragte ich ihn.

┬╗Ich glaube, die sind nicht da.┬ź

Auf diese Idee hin kam mir auch eine. Darauf hatte ich gewartet.

┬╗Hast du einen Notizblock mit Draht in der Zelle, Juan?┬ź

┬╗Ja.┬ź

┬╗Benutze den Draht dazu, in das Bullauge im Klo ein Loch zu schmelzen. Dann versuche, den langgezogenen Draht durchzustecken und damit den Riegel der Essensklappe aufzuschieben. Sonst f├╝llt sich alles hier mit Rauch und wir h├Ątten keine Zeit…┬ź

┬╗OK, los gehts.┬ź

Wir machten uns an die Ausf├╝hrung unseres neuen improvisierten Plans. Juan bereitete den Draht gut vor, und ich h├Ąmmerte mit aller Kraft gegen die Zellent├╝r um sicherzugehen, dass unsere W├Ąchter gerade nicht da waren. Niemand reagierte auf die Schl├Ąge. Sie waren bestimmt nach oben gegangen, um zu essen oder entspannt etwas zu trinken, so kurz vor der Ankunft in C├ídiz. Was konnten ein paar Gefangene im Kerker schon ausrichten, wehrlos und unbewaffnet? Diese Fehleinsch├Ątzung war alles, was wir im Moment brauchten.

Wir verbesserten die urspr├╝ngliche Idee mit dem Draht aus dem Notizblock. Mein Genosse stellte aus einer Bettfeder einen gro├čen Haken her. Wie ich ihm vorgeschlagen hatte, brachte Juan das Ende der Bettfeder mithilfe eines Feuerzeugs zum Gl├╝hen und schmolz damit ein Loch in den dicken Kunststoff des Bullauges. Als wir soweit waren, bedeutete mir Juan mit einem Zeichen, an das Loch in der Wand zu treten, durch das wir kommunizierten.

┬╗Jos├ę┬ź, sagte er, brich die Messer auseinander und steck sie in eins der Rohre der Leiter. Du wirst sie aufs├Ągen m├╝ssen. So schaffst du eine starke Brechstange…┬ź

┬╗OK, mach ich gleich. Wirst du die Essensklappe aufmachen k├Ânnen?┬ź fragte ich ihn.

┬╗Ich glaube schon.┬ź

┬╗Viel Gl├╝ck dabei!┬ź

Ich folgte den Anweisungen meines Genossen und s├Ągte eins der Aluminiumrohre der Treppe auf, die am Stockbett stand. Dann brach ich die Messer entzwei, steckte drei der vier St├╝cke in das Rohr und stellte so eine Brechstange her. Das vierte St├╝ck, etwa zehn Zentimeter lang, w├╝rden wir als Messer gebrauchen. Ich sah noch einmal durch das Bullauge im Klo und zeigte Juan die Brechstange mit einem breiten Grinsen. Mein Teil war gemacht, jetzt war er dran. Er steckte den Draht durch das Loch im Kunststoff des Bullauges und f├╝hrte es geschickt zum Riegel an der Essensklappe. Nach ein paar Versuchen schaffte er es, den Riegel einzuhaken, aber ohne Erfolg, der Draht rutschte wieder ab, als er an ihm zog. Er versuchte es noch einmal, und wieder rutschte er ab. Es war zum Verzweifeln. Schwei├čgebadet versuchte er es noch einmal mit Geduld. Er hakte sich an dem Riegel ein, zog an dem Draht, und dieses Mal bewegte er sich und gab die Klappe frei. Ohne eine Sekunde Zeit zu verlieren, ├Âffnete er sie, streckte seinen Arm hinaus und zog den Riegel an der Essensklappe meiner Zelle auf. Wir steckten die Brechstange durch den B├╝gel des Vorh├Ąngeschlosses an der T├╝r seiner Zelle. Er zog am einen Ende und ich am anderen, mit den Armen durch die Essensklappen. Wir brachen dieses beschissene Vorh├Ąngeschloss auf. Juan kam aus der Zelle und nahm das Messer, das ich ihm gab. Er lief zur Kabine der Guardias. Darin war niemand, also lief er wieder zur├╝ck zu mir, brach das Schloss auf und befreite mich. Wir hatten es geschafft!

Wir durchsuchten die Kabine der Guardias Civiles nach Waffen, es gab aber keine. Wir nahmen also an, dass die beiden ihre Pistolen bei sich trugen.

┬╗Juan, die beiden sind bewaffnet. Wir m├╝ssen aufpassen.┬ź warnte ich.

┬╗Keine Sorge. Wir werden warten, bis sie herunterkommen und greifen sie uns dann. Du hau mit der Stange auf sie ein und pass auf, dass sie ihre Waffen nicht ziehen. Ich fessle sie.┬ź

┬╗H├Âr mal, wenn es irgendein Problem gibt, hau ohne Z├Âgern drauf, ja? Die sind f├Ąhig uns umzubringen.┬ź

┬╗Mach dir deswegen keine Sorgen.┬ź

Wir warteten hinter der Kabinent├╝r versteckt auf die R├╝ckkehr der Guardias. Ich hatte Angst, das w├╝rde mir helfen. Die Angst ist ein sechster Sinn, und bringt man den etwas unter Kontrolle, entwickelt man den heftigsten ├ťberlebensdrang und funktioniert an seinen Grenzen. Aus allen Dr├╝sen str├Âmen Epinephrin, Norepinephrin und die Endorphine, mit dem Effekt, der gemeinhin als Adrenalinschub bekannt ist. Er vervielfacht die ├╝bliche Reaktions├Ąhigkeit und Kraft. Ich wusste, dass es uns eine Kugel und eine gescheiterte Flucht einbringen konnte, wenn wir nicht genau aufeinander abgestimmt und effektiv handelten. Ich vertraute voll darauf, dass wir es schafften. Wir setzten auf den ├ťberraschungseffekt als unseren Vorteil, doch noch war nichts entschieden. Es vergingen nicht einmal f├╝nf Minuten, als wir schon Schritte auf der Treppe h├Ârten, die zu uns herunter f├╝hrte.

┬╗Das sind sie, Jos├ę┬ź, warnte mich Juan fl├╝sternd.

Wir stellten uns mit Eisenstange und Messer nebeneinander hinter die T├╝r, bereit zum Losschlagen. Es beruhigte mich, dass Juan da war, ich f├╝hlte grenzenloses Vertrauen. Ich hatte den besten Genossen zur Seite, den man sich in dieser Lage w├╝nschen konnte. Er war genau der Richtige f├╝r so eine Aktion. Als sich die T├╝r ├Âffnete, sprangen wir auf wie Raubtiere. Sofort war der Guardia Civil, der hereingekommen war, am Boden. W├Ąhrend Juan mit dem scharfen Messer auf seinen Hals dr├╝ckte, hielt ich seine H├Ąnde fest und durchsuchte ihn nach seiner Waffe. Er war unbewaffnet.

┬╗Dieser hat keine Knarre dabei.┬ź

┬╗Wo ist dein Kollege?┬ź fragte ihn mein Genosse.

┬╗Oben in der Kabine, die wir auf dem Oberdeck haben┬ź, antwortete der junge Guardia Civil erschrocken.

┬╗Und die Waffen?┬ź fragten wir ihn.

┬╗Auch oben in der Kabine, weggeschlossen. Der Kapit├Ąn erlaubt uns nicht, sie hier zu tragen.┬ź

Wir fesselten ihn und richteten ihn auf. Er hatte sich in die Hosen gemacht, die waren jetzt also nass.

┬╗Willst du die Hose wechseln?┬ź bot ihm Juan an.

┬╗Nein, ist egal.┬ź

Ich setzte ihn auf einen Stuhl und band seine F├╝├če an die Stuhlbeine. Dann nahmen wir das Geld aus seiner Brieftasche und gingen zu den anderen beiden Gefangenen, die mit uns zusammen gefahren waren.

┬╗Wollt ihr mit uns abhauen?┬ź luden wir sie ein.

┬╗Nein, danke. Wir kommen bald raus…┬ź antworteten uns beide.

Der Kolumbianer war blass vor Angst. Ich bot ihnen Zigaretten an, und nachdem wir ihnen Feuer gegeben hatten, schlossen wir sie in eine der Zellen und blockierten die T├╝r mit einem kaputten Vorh├Ąngeschloss. Dann gingen wir zur├╝ck, um auf den zweiten Guardia Civil zu warten, der seinem Kollegen zufolge noch etwas brauchen w├╝rde, um herunterzukommen. In der Zwischenzeit redeten wir mit ihm:

┬╗In welcher Kabine seid ihr oben?┬ź

┬╗In der siebenundsiebzig.┬ź

Ich nahm seine Brieftasche in Augenschein. Er hie├č Manuel Jes├║s Plasencia und leistete gerade seinen Wehrdienst bei der Guardia Civil ab. Neben dem Ausweis steckte ein Foto von einem M├Ądchen.

┬╗Ist das deine Freundin?┬ź

┬╗Ja┬ź, antwortete er sichtlich unbequem ber├╝hrt von meinem Eindringen in sein Privatleben.

┬╗Alles klar, hier, nimm┬ź, sagte ich und steckte ihm die Brieftasche in die Hemdtasche.

Ich wusste genau, was er in diesem Moment f├╝hlte.

┬╗Gut┬ź, warnte ihn Juan, ┬╗jetzt werden wir uns deinen Kollegen greifen. Wenn du schreist oder versuchst, ihm Bescheid zu geben, bist du ein toter Mann, hast du das verstanden?┬ź

┬╗Ja.┬ź

Wir suchten in der Kabine herum und fanden unsere Gefangenenakten. Wir lasen unterhaltsame Dummheiten, die Psychologen und andere Studierte der Menschheit ├╝ber uns geschrieben hatten. So bekamen wir mit, dass Juan ein gef├Ąhrlicher Paranoider war, und dass ich meine Zeit darauf verwendete, den Richtern Briefe zu schreiben und zu versuchen auszubrechen. Wir fanden auch ein paar Briefe, die man uns nicht ausgeh├Ąndigt hatte. Als wir des Lachens m├╝de wurden und nicht mehr weiterlasen, zerrissen wir alles und zerst├Ârten in erster Linie alle Fotos, um keine Bilder von uns herumliegen zu lassen. Es beunruhigte uns, dass der Guardia so lange brauchte um wiederzukommen und bef├╝rchteten das Schlimmste. Ich steckte mir eine Zigarette nach der anderen an, w├Ąhrend ganze Stunden langsam verstrichen und die Spannung immer weiter anstieg, und dazu noch die Aufregung dar├╝ber, was noch alles passieren w├╝rde.

┬╗Sie haben sicher alles mitgekriegt, Jos├ę, und sie warten oben schon auf uns.┬ź

┬╗Bleib ruhig, Juan, und beweg dich nicht von der T├╝r weg, er kann in jedem Augenblick auftauchen.┬ź

Mehrere Stunden sp├Ąter kam er, gegen sechs. Er ├Âffnete die T├╝r, und sofort warfen wir uns auf ihn, streckten ihn mit dem Messer am Hals zu Boden. Ich durchsuchte ihn schnell, doch er war wie sein Kollege unbewaffnet. Er hatte die Waffe in der oberen Kabine gelassen und die Schl├╝ssel an der Rezeption abgegeben. Wir fesselten ihn und steckten ihn in die leere Zelle. Wir banden ihn dort am Bettgestell fest, nicht ohne ihm vorher 20.000 Peseten abzunehmen und zusammen mit den 10.000, die wir dem anderen abgenommen hatten, unter uns aufzuteilen. Dann banden wir den Kollegen an seine Seite und lie├čen die beiden in der Zelle zur├╝ck. Wir schlossen die T├╝r und h├Ąngten das Vorh├Ąngeschloss davor. Einen Moment lang sah ich mir den Gefreiten durch das Bullauge an. Er war jetzt ein gefallener Held und hatte sich unterworfen. Es war leicht f├╝r mich, ihm jetzt eins auszuwischen, da er so erschrocken und wehrlos war. Ich hatte mir versprochen, ihm eine Abreibung zu verpassen wegen seiner Angeberei, doch das h├Ątte mich auf sein Niveau sinken lassen, und ihn zu t├Âten br├Ąchte uns nur Probleme bei der Fahndung. Nach dieser Dem├╝tigung w├╝rde die Guardia Civil jeden Stein nach uns umdrehen. Und auch so w├╝rde Santiago Rivera Rodr├şguez sich von nun an vielleicht h├╝ten, Menschen in Ketten zu provozieren oder zu Objekten seiner Mackerspiele zu machen.

In der Kabine, die die Guardias Civiles belegt hatten, die jetzt in einer unserer Zellen sa├čen, wechselten wir die Kleidung, um die Fahndung zu erschweren. Ich zog mir eine blaue Polyesterhose, die Schuhe einer der Guardias und ein schwarz-wei├čes Hemd an. Das alles gekr├Ânt von einer blauen Marinem├╝tze. Ich rasierte mich vor einem Spiegel und lie├č diese Aura eines Seewolfs auf mich wirken: Ich fand mich unwiderstehlich. Juan hatte sich eine Jeans angezogen, Stoffschuhe, ein gr├╝nes Hemd und eine Schirmm├╝tze, mit der er seine kahlrasierte Glatze verstecken konnte. Gegen acht Uhr abends verstummten die starken Motoren der J.J. Sister. Wir lagen im Hafen.

Ich lieh mir ein paar Kleidungsst├╝cke zum Wechseln von einem der Guardias und packte sie in eine Tasche, dazu eine Stra├čenkarte. Ich h├Ąngte mir die Tasche ├╝ber die Schulter. Wir folgten einer Gruppe Passagiere in Richtung Ausgang und gingen eine Wendeltreppe hoch bis auf Deck 4. Wir dachten an die M├Âglichkeit, die T├╝r von Kabine 77 aufzubrechen und die Waffen an uns zu nehmen. Wegen des dichten Verkehrs von Passagieren lie├čen wir es aber sein. Unbewaffnet zu gehen w├╝rde den Sicherheitskr├Ąften eine gewisse Ruhe verleihen, denn es war nicht dasselbe nach zwei Fl├╝chtigen zu fahnden wie nach zwei Bewaffneten. Auf Deck 4 dieses enormen F├Ąhrschiffs trennten wir beide uns und trafen uns im Warteraum unter die Passagiere gemischt wieder. Wir warteten ungeduldig darauf, dass sie den Laufsteg bis an die Luke heranf├╝hrten, damit wir ├╝ber die Br├╝cke zum Zoll gehen konnten.

Es waren fast zwanzig Minuten vergangen, als der Steg mit der Br├╝cke verbunden und der Weg zum Zoll frei war. Die Tore des Warteraums ├Âffneten sich, und vor uns lag die Freiheit. Der Eindruck war ├╝berw├Ąltigend. Ich blieb wie versteinert, als eine Gruppe Guardias Civiles auf der Br├╝cke auftauchte und in eiligen Schritten an Bord kam. Ich sah unvermittelt Juan an, der ein paar Meter entfernt stand. Wir hatten keine Zeit zu reden, aber wir wussten beide, dass wenn sie unseretwegen gekommen waren, wir die Passagiere als Geiseln nehmen und einen Ausweg verhandeln mussten. Wir konnten jetzt nicht aufgeben und uns ausliefern. Als sie den Steg hinaufgekommen waren, traten sie in den Warteraum und gingen zur Rezeption. Es waren sechs und sie sprachen freundlich mit der Rezeptionistin, was uns beruhigte. Wenn die w├╝ssten! Der Lautsprecher im Saal richtete sich an uns, erst begl├╝ckw├╝nschte man uns zur Auswahl dieser F├Ąhrlinie und gab dann das Signal zum Verlassen des Schiffes. Unter den Ersten kamen wir nach drau├čen. W├Ąhrend wir die Br├╝cke ├╝berquerten, konnten wir eine gro├če Gruppe Guardias Civiles an der Garageneinfahrt darauf warten sehen, dass die H├Ąngebr├╝cke ge├Âffnet wurde. Am anderen Ende der Br├╝cke, die wir von der Meeresbrise gestreichelt hinabliefen, kontrollierten zwei Guardias die Passagiere und baten um die Ausweise.

┬╗Jos├ę, wenn sie uns anhalten: Ich halte einen fest und du nimmst ihm die Waffe weg.┬ź

┬╗Nimm den rechten…┬ź sagte ich ihm.

Wir kamen auf die H├Âhe der Zollkontrolle und waren bereit loszuschlagen, doch man hielt uns nicht an. Wir gingen also weiter eine Treppe hinunter bis in eine gro├če Halle. An einem langen Tresen durchsuchten drei Guardias Civiles alle Taschen und Koffer der Passagiere. Einer von ihnen rief mich: ┬╗H├Âren Sie mein Herr, lassen Sie mich bitte Ihre Tasche sehen?┬ź forderte er mich h├Âflich auf.

┬╗Selbstverst├Ąndlich┬ź, antwortete ich h├Âflich, ├Âffnete die Tasche und zeigte ihm den Inhalt, den er oberfl├Ąchlich kontrollierte.

┬╗Vielen Dank und gute Reise┬ź, f├╝gte er hinzu und machte auf die Tasche ein wei├čes Kreidezeichen.

┬╗Danke.┬ź

Ich ging schnell aus dem Geb├Ąude und suchte meinen Freund Juan. Er stand am ├Ąu├čeren Ende des Tresens. Er war nicht gegangen, was wohl jeder andere getan h├Ątte, sondern er hatte auf mich gewartet, um mir helfen zu k├Ânnen falls ich Probleme bekam, auch wenn er so die Freiheit aufs Spiel setzte, die zu erreichen ihn elf Jahre gekostet hatte. Diese Geste zeigte seine wichtigsten Charakterz├╝ge: Sicherheit, Ernsthaftigkeit und Freundschaft. Als ich bei ihm angekommen war, gingen wir zusammen aus dem Geb├Ąude und nahmen gleich in der N├Ąhe ein Taxi, das wir in den Ort Puerto de Santa Mar├şa fahren lie├čen. Wir kamen dort an und bezahlten den Fahrer. Eigentlich hatten wir den Taxifahrer nach halber Strecke entf├╝hren und ihn in den Kofferraum sperren wollen, damit ich selbst das Steuer ├╝bernehmen konnte, direkt ├╝ber die Autobahn nach Sevilla, ohne weitere Zeit zu verlieren. Wir verloren uns im Ort und gingen in eine Cafeteria, um etwas zu uns zu nehmen. Wir kauften mehrere belegte Brote, ein paar Flaschen Wasser, Orangen und Zigaretten f├╝r mich. Ich musste ├╝berrascht lachen, als der Zigarettenautomat zu mir zu sprechen anfing, um mir das Wechselgeld zu geben und sich zu bedanken. Mit diesem Einkauf in der T├╝te gingen wir aus dem Ort und durchquerten die Felder. Als es Nacht wurde, gingen wir in ein gro├čes Waldst├╝ck und bauten als Versteck im Unterholz einen kleinen Unterstand aus Zweigen und Bl├Ąttern. Dort w├╝rde uns niemand suchen. Jetzt waren wir endlich frei. Ich klopfte meinem Kameraden auf die Schulter und war wirklich froh.

┬╗Wir haben sie ganz sch├Ân verarscht, was?┬ź Ich musste lachen.

┬╗Ja, aber wir m├╝ssen hier auch wieder herauskommen.┬ź

┬╗Wir kommen noch weit, du wirst sehen…┬ź

Wir holten die Karte und etwas zu Essen heraus. W├Ąhrend wir a├čen, gingen wir die M├Âglichkeiten durch, die uns die Landstra├čen er├Âffneten. Wir wollten ein Auto stehlen und zusammen bis nach Sevilla fahren. Wir w├╝rden nachts fahren, gegen f├╝nf Uhr morgens, wenn die Polizeikontrollen wegen der M├╝digkeit am laschesten waren.

┬╗Was hast du vor, Juan?┬ź fragte ich meinen Genossen. Ich lag auf dem R├╝cken und ruhte aus.

┬╗Ich glaube, wir k├Ânnten in Sevilla eine Bank ausrauben, um Geld zu beschaffen und damit eine Weile untertauchen… und du?┬ź

┬╗Ich habe die ein oder andere Verpflichtung mit guten Freunden, die im Gef├Ąngnis sitzen. Ich will ihnen helfen abzuhauen und dann in ein lateinamerikanisches Land gehen, wo sie mich vergessen. Ich w├╝rde die Zeit, die mir bleibt, in Frieden leben, mit dem Geld aus irgendeiner Bank… Auf jeden Fall helf ich dir, die Bank in Sevilla auszurauben, ich brauche auch Geld.┬ź

┬╗Wir m├╝ssen unbedingt in Kontakt bleiben, ich habe n├Ąmlich auch gute Freunde im Gef├Ąngnis, und zusammen haben wir mehr Chancen ihnen zu helfen. Nebenbei r├Ąchen wir uns f├╝r alle Gemeinheiten, die sie uns im Knast angetan haben…

Ich war frei. Nach vier Jahren ununterbrochener Isolation, eingesperrt in kleine R├Ąume aus Beton, f├╝llten sich meine Lungen jubelnd mit frischer Luft. Meine Augen, gestraft vom Kalkwei├č der W├Ąnde und dem tristen Grau der Mauern, genossen wieder B├Ąume und V├Âgel, die umherflogen und ihr Nest suchten, um sich zur Nachtruhe zu begeben. Die Nacht erl├Âste uns, s├╝├čer als ich je getr├Ąumt hatte, von der Hitze des Tages. Dieses Wiedersehen mit der Natur war wie die Sch├Ânheit einer Blume auf sich wirken zu lassen, vor ihr stehenzubleiben um zu betrachten, wie sie delikat Farbe und Parf├╝m verspr├╝hte. Wie konnte man eine Person in eine kalte drei Quadratmeter gro├če Zelle sperren und ihr jahrelang das alles vorenthalten? Was war unter dem Strich das schlimmere Verbrechen, einen Menschen mit solcher Grausamkeit zu bestrafen oder ein einfacher Raub eines Gutes, einer Sache, deren Tageswert am Markt ermittelt wird? Erst in diesem Moment verstand ich den Schmerz wirklich, den sie mir zugef├╝gt hatten, nicht nur wegen meiner Gefangenschaft, sondern weil diese Gef├╝hle in mir abgestorben gewesen waren. Das Gef├Ąngnis war so b├Âsartig und widerw├Ąrtig wie das schlimmste Verbrechen, das man ver├╝ben konnte. Es wurde allerdings im Namen von Justiz und Gesellschaft ver├╝bt.

Zwei Tage lang blieben wir dort versteckt. Die Hitze war unertr├Ąglich und hunderte M├╝cken stachen uns unaufh├Ârlich. Unsere K├Ârper waren voll von ihren Stichen. Die zweite Nacht ├╝berredete ich Juan dazu, diesen Ort zu verlassen und ins Dorf zu gehen, um ein Auto zu stehlen. Wir gingen aus dem Waldst├╝ck und ├╝berquerten mehrere Felder bis wir zur Bahnlinie kamen. Wir gingen an der Bahnlinie entlang weiter und kamen an ein Industriegebiet.

┬╗Wir k├Ânnen nicht weitergehen, Jos├ę, sie k├Ânnten uns sehen.┬ź

┬╗Das glaube ich nicht.┬ź

┬╗Lass uns bei diesen H├Ąusern nachsehen, ob wir ein Auto finden, das wir klauen k├Ânnen┬ź, schlug er vor und zeigte die Stra├če hinunter.

┬╗OK, alles klar┬ź, stimmte ich zu.

Wir gingen durch ein Wassermelonenfeld und umrundeten ein zweist├Âckiges Haus, das an der Stra├če lag. Juan brach eins der Fenster auf und stieg ein. Ich wartete drau├čen.

Nach einer Weile kam er wieder: ┬╗Steht leer, komm rein, es gibt etwas zu essen.┬ź

Ich stieg auch hinein. Das hier war eine Bar und ich glaubte nicht, dass sie leerstand, denn es gab alle m├Âglichen Getr├Ąnke, Automaten und Essen. Ich f├╝hlte mich unsicher in diesem Lokal. Es gefiel mir nicht. Juan sprang ├╝ber die Theke und ich wollte in der K├╝che ein Messer suchen, als die Lichter im Lokal angingen und wir Ger├Ąusche im oberen Stockwerk h├Ârten. Ich hatte Angst.

┬╗Juan, lass uns gehen, das hier gef├Ąllt mir nicht…┬ź

┬╗Gehen wir hoch und sehen nach, wer da ist?┬ź schlug er vor.

┬╗Quatsch, lass uns gehen!┬ź rief ich und ging nach drau├čen.

Ich hielt das Fenster offen und half meinem Genossen herauszukommen. Wenn sie die Polizei gerufen hatten, bek├Ąmen wir Probleme. Wir konnten nicht in der Bar bleiben. Wir konnten nicht sicher sein, dass sie uns nicht hereinkommen geh├Ârt und die Polizei verst├Ąndigt hatten. Wir versteckten uns im Garten eines Einfamilienhauses und hofften, dass sie uns dort nicht suchen w├╝rden. Wir wollten das Auto stehlen, das dort geparkt stand. Wir sahen nach, wie wir am besten in das Haus hineinkamen, die dort Wohnenden gefangen nahmen und die Autoschl├╝ssel fanden. Wir w├╝rden uns umziehen, duschen und etwas essen. Aber alle Fenster waren vergittert. Wir ├Âffneten das Auto mithilfe einer S├Ąge und schlossen es von drinnen kurz. Wir schafften aber nicht, es zu starten und die Lenkradsperre auszurasten. Wir mussten es lassen. Als letzten Ausweg beschlossen wir schlie├člich, auf den Tagesanbruch zu warten, bis sie die Haust├╝r ├Âffneten, um so eindringen zu k├Ânnen. Es wurde Tag, und es verstrichen mehrere Stunden, ohne dass die T├╝r sich ge├Âffnet h├Ątte. Dort zu bleiben war gef├Ąhrlich, also gingen wir wieder in die Felder. Wir hatten ganz offensichtlich kein Gl├╝ck, das war ein schlechtes Omen. Ich hatte eine schlimme Vorahnung, weshalb ich mich entschloss, mich von Juan zu trennen, gleich hier.

┬╗Juan, ich gehe auf eigene Faust weiter┬ź, erkl├Ąrte ich ihm. ┬╗Zu zweit ist es risikoreicher, und allein haben wir gr├Â├čere Chancen es zu schaffen und den anderen zu helfen.┬ź

┬╗Einverstanden. Wo sehen wir uns wieder?┬ź

┬╗In La Coru├▒a. Kennst du den Park Los Cantones?┬ź

┬╗Ja…┬ź

┬╗Dort also, vor der Statue von Rosal├şa de Castro mit einem Adler und einer Schlange.┬ź

┬╗Am 1. Dezember sehen wir uns also dort, OK?┬ź

┬╗Bis dann, Juan, und pass gut auf dich auf.┬ź

┬╗Viel Gl├╝ck!┬ź

Wir verabschiedeten uns mit einem festen H├Ąndedruck. Ich folgte der Bahn in Richtung Rota und durchquerte das Industriegebiet in die B├╝sche geduckt auf der anderen Seite der Schienen. Es war hei├č, sehr hei├č, und ich f├╝hlte mich erstickt und ersch├Âpft. Ich war schon seit Stunden den vierzig Grad der Sonne von C├ídiz ausgesetzt und fast drei├čig Kilometer gelaufen. Jetzt fehlten nur noch weitere zw├Âlf bis Rota. Ich setzte mich um Luft zu holen in den Schatten eines alleinstehenden Baums, unf├Ąhig, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Es gab in der N├Ąhe einen Brunnen mit schmutzigem Wasser, in dem mehrere Tierchen und ein paar Kaulquappen schwammen. Ich ging hin und benutzte mein Hemd als Filter, trank ein wenig von diesem Wasser, das mir bekam, obwohl es f├╝rchterlich schmeckte. Dann ging ich zur├╝ck in den Schatten des Baumes und streckte mich ersch├Âpft aus. Die Geschichte ging wieder von vorne los. Auf der Flucht zu sein war wieder die einzig denkbare Freiheit f├╝r mich. Doch wohin fliehen? Wo blieb freies Land, wo die Gerechtigkeit uns alle zu Gleichen machte und niemand andere verfolgte und einsperrte?

Ich sah auf die weiten Felder hinaus. Ich war nicht frei, ich war nur ein fl├╝chtiger Libert├Ąrer, auf der Flucht vor dem Joch der ├ťberwachung durch System und Gesetz. Ich sollte nicht frei sein, solange auf dem Antlitz der Erde andere Menschen existierten, die bereit dazu waren, mich abzuschie├čen oder einzusperren und in Ketten zu legen. Ich sollte nicht frei sein, solange eine kalte Gef├Ąngniszelle auf mich wartete.

Vierter Teil: Auf dem Weg in die Repression

Oft habe ich euch von einem, der ein Unrecht begeht,

reden h├Âren, als sei er nicht einer von euch,

sondern ein Fremder und ein Eindringling in eure Welt.

Aber ich sage euch, selbst wie der Heilige und Rechtschaffene nicht

├╝ber das H├Âchste hinaussteigen kann, das in jedem von euch ist,

so kann der B├Âse und Schwache nicht tiefer fallen

als das Niedrigste, das auch in euch ist.

KHALIL GIBRAN, Von Schuld und S├╝hne

San Jos├ę de Calasanz, La Coru├▒a, November 1979

Das Taxi hielt vor der riesigen Schule. Das altert├╝mliche Internatsgeb├Ąude von San Jos├ę de Calasanz schien mir regelrecht die H├Âlle zu sein. Die graue K├Ąlte dieses staatlichen Internats erschreckte mich. Hier also w├╝rde man von jetzt an meine Vormundschaft und Erziehung ├╝bernehmen. Meine Eltern zu Hause versuchten derweil, die Finanzen und ihr Zusammenleben in Ordnung zu bringen. Ich stieg aus dem Taxi, und meine Mutter nahm mich an die Hand. Ihr Gesicht dr├╝ckte gewaltigen Schmerz aus. Der Hungerlohn, den sie f├╝r das Putzen fremder Wohnungen verdiente, reichte nicht aus, um die M├Ągen von vier Kindern zu f├╝llen, geschweige denn ihre Schulbildung zu bezahlen. Sie hatte keine andere Wahl und litt darunter. Mit hastigen Schritten gingen wir die Treppen hinauf bis zum Eingang. Meine Mutter dr├╝ckte die Klingel an der schweren Holzt├╝r, und nach einer Weile ├Âffnete uns eine in die Jahre gekommene Aufseherin.

┬╗Hallo, guten Tag┬ź, gr├╝├čte sie uns.

┬╗Guten Tag┬ź, antwortete meine Mutter h├Âflich. ┬╗Ich bringe meinen Sohn. Ich w├╝rde gerne erst einmal mit der Direktorin sprechen…┬ź

┬╗Wir haben Sie erwartet. Das Jugendamt hat uns avisiert, dass Sie heute kommen.┬ź Sie lud uns zum Eintreten ein.

Die Aufseherin f├╝hrte uns durch einen Speisesaal und ├╝ber mehrere Flure, die stark nach Putzmittel rochen, bis ins B├╝ro der Direktorin, die sie uns als Do├▒a Petra vorstellte.

┬╗Hallo┬ź, begr├╝├čte sie meine Mutter. ┬╗Ist das Ihr Sohn Jos├ę?┬ź fragte sie und strich mir ├╝ber das Gesicht.

Ich wich ihrer Hand aus.

┬╗Er ist ein bisschen sch├╝chtern┬ź, entschuldigte sich meine Mutter und streichelte mich an den Haaren.

┬╗Das wird sich legen. Es gibt hier viele Kinder und er wird schnell Freunde finden.┬ź

Sie erledigten den b├╝rokratischen Vorgang f├╝r meine ├ťbergabe in die Obhut des Internats. Nach ein paar Unterschriften kam der gef├╝rchtetste Moment. Wir w├╝rden uns trennen m├╝ssen, bis meine Mutter sich um mich k├╝mmern und definitiv wieder mit nach Hause nehmen konnte. Ich wusste, dass die Verantwortung f├╝r diese Entwicklung in dem Benehmen meines Vaters zu suchen war, eines alkoholkranken Mannes, dessen einzige Sorge im Leben war, sich zu betrinken und in den Puff zu gehen, um anschlie├čend betrunken nach Hause zu kommen und meine Mutter zu schlagen.

┬╗Ich muss gehen, mein Sohn. Versprich mir, dass du dich gut benehmen wirst┬ź, bat sie mich und versuchte die Tr├Ąnen zur├╝ckzu-halten, die rebellisch darum rangen, aus ihren braunen Augen zu laufen.

Ihre k├╝hlen H├Ąnde, gestraft von den Putzmitteln und der Arbeit, strichen mir ├╝ber den Hals, als ich meine Mutter umarmte. Es war der Versuch, das bereits Unausweichliche hinauszuschieben.

┬╗Sorgen Sie gut f├╝r ihn, bitte┬ź, bat sie die Direktorin.

┬╗Das werden wir, gn├Ądige Frau, doch jetzt m├╝ssen Sie gehen, sonst wird es f├╝r ihn nur schlimmer.┬ź

┬╗Auf Wiedersehen, mein Sohn┬ź, verabschiedete sie sich und k├╝sste mich. ┬╗Ich werde bald kommen und dich besuchen.┬ź

┬╗Auf Wiedersehen, Mama.┬ź Ich sagte ihr lebewohl.

Als meine Mutter in der T├╝r verschwunden war, f├╝hlte ich eine gro├če Leere um mich herum: die brutale Unermesslichkeit einer neu zu entdeckenden Welt. Eine Nonne nahm sich meiner an und brachte mich in den dritten Stock, wo die Schlafr├Ąume lagen. Dort wies sie mir einen kleinen Spind mit einer Nummer zu, der dreiundzwanzig. Diese Nummer w├╝rde von jetzt an auf allen meinen Sachen und Kleidungsst├╝cken zu finden sein. Sie wies mir auch eins der vierzig Betten zu, die es in dem Schlafraum gab, und die in vier Reihen ├á zehn standen und den Spinden entsprechend nummeriert waren. Am Ende des Schlafsaals ging es in die Dusch- und Waschr├Ąume. Der Schlafsaal war kalt und hatte keine Heizung. Er wurde von einer Reihe Leuchtstoffr├Âhren an der Decke erhellt. Ich f├╝hlte mich allein und brach in bittere Tr├Ąnen aus, die Nonne versuchte vergeblich, mich zu tr├Âsten.

Sie brachten mich zum Mittagessen in den Speisesaal im Erdgeschoss hinunter. Es gab dort zwanzig Tische, von denen einige nicht besetzt waren. An den Tischen sa├čen Kinder in Gruppen. Sie lie├čen f├╝r einen Moment das Essen sein, um mich neugierig zu be├Ąugen. Man hie├č mich an einen Tisch mit drei gleichaltrigen Kindern setzen, die von nun an meine Tischgef├Ąhrten sein sollten. Ich f├╝hlte mich unwohl und fehl am Platz und konnte kaum etwas essen. Weil das am ersten Tag normal war, lie├čen sie es zu.

Als wir mit dem Essen fertig waren, brachten sie uns in Gruppen in den Schlafsaal zur Siesta. Wir mussten uns die Z├Ąhne putzen und die H├Ąnde waschen, bevor wir uns in die Betten legten. Als wir lagen, gingen sie, schlossen die T├╝r und ├╝berlie├čen uns der Obhut der ├ältesten. Mein Nachbar, der auch am Tisch neben mir gesessen hatte, sprach mich an.

┬╗Wie hei├čt du?┬ź fragte er mich leise.

┬╗Jos├ę┬ź, antwortete ich ihm von meinem Bett aus.

┬╗Ich hei├če ├üngel. Bist du Waise?┬ź

┬╗Nein. Sie haben mich hergebracht, weil wir zu Hause Probleme haben…┬ź

┬╗Ich habe keine Eltern und bin schon viele Jahre hier. Willst du mein Freund sein?┬ź bot er mir an.

┬╗Gern!┬ź Ich nahm an.

Am Nachmittag, zwei Stunden sp├Ąter, ├Âffneten sie die T├╝r und brachten uns in die Klassenzimmer, die im zweiten Stock lagen, neben der Kapelle. Ich kam in die f├╝nfte Klasse, zusammen mit meinem neuen Freund, was mich etwas tr├Âstete. Den Unterricht erteilte ein Lehrer, den alle Don Jorge nannten. Wie ├üngel mir schon vor dem Eintreten in den Klassenraum erz├Ąhlt hatte, hatte dieser Lehrer die h├Ąssliche Angewohnheit, die Kinder mit einem Gasflaschenschlauch zu schlagen ÔÇô den hatte er immer dabei. An diesem ersten Schultag sa├č ich nur in meiner Bank und beobachtete den Fortgang des Unterrichts. Als die Stunde zu Ende war, gingen wir auf den Hof in die Pause. Der gro├če steinerne Hof lag vor dem Speisesaal, neben der K├╝che und den G├Ąrten, durch die hindurch man zu einem Basketballplatz kam, den allerdings niemand benutzte. Wir spielten mit Murmeln oder andere Gruppenspiele, wie das beliebte Stein, Schere, Papier. Ich f├╝hlte mich gehemmt, setzte mich auf die Treppen zum Fu├čballplatz und sah den anderen Kindern beim Spielen zu. ├üngel und zwei Freunde von ihm kamen dazu, um mir Gesellschaft zu leisten.

┬╗Hallo Jos├ę┬ź, begr├╝├čte er mich, setzte sich an meine Seite, und seine Freunde setzten sich dazu.

├üngel war zw├Âlf, dreizehn Jahre alt und sah d├╝nn und kr├Ąnklich aus. Dieser Junge mit den dunklen Augen und dem breiten Grinsen sollte mein Komplize werden, ein Bruder f├╝r mich w├Ąhrend meines Aufenthalts hier.

┬╗Das sind Juan und Miguel┬ź, stellte er mir die Zwillinge vor. Wir begr├╝├čten uns mit Handschlag.

┬╗Wirst du lange hier bleiben?┬ź fragte mich Miguel.

┬╗Das wei├č ich nicht┬ź, antwortete ich. ┬╗Zu Hause gibt es Probleme zwischen meinen Eltern, und bis sie sich nicht vertragen, glaube ich nicht, dass sie kommen um mich abzuholen, es sei denn f├╝r ein Wochenende.┬ź

┬╗Genau wie wir┬ź, sagte Juan.

┬╗Komm, wir spielen Murmeln┬ź, schlug ├üngel vor und bot mir welche von seinen an.

┬╗Nein, keine Lust…┬ź

┬╗Komm!┬ź Er nahm mich am Arm und brachte mich bis zu einem kleinen Rechteck aus Beton, wo ein paar Kinder spielten.

Ich nahm die Murmeln, die er mir angeboten hatte, und wir spielten bis zum Abendessen. Die Nonnen hatten dabeigesessen und auf uns aufgepasst. Nun riefen sie uns zum Essen.

Sofort nach dem Abendbrot wurden wir wieder in den Schlafsaal gebracht. Wir putzten uns die Z├Ąhne und legten uns in die Betten, unter der Aufsicht von drei Nonnen, Do├▒a Pepita, Se├▒orita Nieves und Do├▒a Conchita. Letztere war die Schlimmste von allen, wie ich mit der Zeit noch feststellen sollte. Als wir alle im Bett lagen, gingen die Lichter aus, und sie schlossen die T├╝r ab. Obwohl es verboten war zu sprechen, w├╝nschte ├üngel mir eine gute Nacht.

┬╗Gute Nacht┬ź, antwortete ich ihm leise.

Ich versuchte einzuschlafen, schaffte es aber nicht. Ich hatte einen Klo├č im Hals und brach wieder in Tr├Ąnen aus, diesmal stumm, damit mich die anderen Kinder nicht h├Ârten. Diese Dunkelheit machte mir Angst, zusammen mit der fast tragischen Stille, die den Schlafsaal umfing und ihn traurig machte, als ob die Nacht die Geschichte von allen und jedem von uns kennte. Ich f├╝hlte mich allein und verloren, genau wie die anderen Kinder dort. Ich konnte mich nur nicht daran gew├Âhnen. Ich dachte an meine Mutter, bis ich schlie├člich einschlief, es war schon fast Morgen.

San Jos├ę de Calasanz war riesig. Neben dem Hauptgeb├Ąude gab es G├Ąrten, in denen Obstb├Ąume wuchsen und ein G├Ąrtner einen Gem├╝seanbau pflegte. Er k├╝mmerte sich auch um die Schweine und Kaninchen des Internats. Das ganze Gel├Ąnde aus Beton und Erde war von einer Mauer umgeben, die uns mit unserer damaligen K├Ârpergr├Â├če hoch vorkam. Zu dem eindeutigen Zweck, ihr Erklettern zu verhindern, steckten oben auf der Mauer Glasscherben. Es war das erste Mal, dass ich das unertr├Ągliche Gef├╝hl der Ohnmacht jemandes sp├╝rte, der gegen seinen Willen festgehalten wird.

An den Vormittagen, nach dem Aufstehen, mussten wir an unsere jeweiligen Spinde treten und abwarten, bis Do├▒a Conchita sie aufsperrte, um Handtuch und Seife hervorzuholen und ins Bad zu gehen. Dann mussten wir die Betten machen. Sie verlangten, keine Falte zu sehen, und falls doch, mussten wir das Bett noch einmal machen, und so weiter, bis sie zufrieden waren. Den am wenigsten Disziplinierten oder den beim Bettenmachen Ungeschicktesten setzte es dabei verschiedentlich Ohrfeigen, genauso wie den Kleinsten, die immer noch manchmal ins Bett machten.

Das alles gefiel mir ziemlich wenig, und bald begann ich zornig auf die Nonnen zu werden. ┬╗Diese S├Ąue┬ź, pflegte ├üngel zu sagen wenn wir ├╝ber sie sprachen.

Nachdem wir uns gewaschen und die Betten faltenlos gemacht hinterlassen hatten, gingen wir in den Speisesaal hinunter. Alles, was sie einem vorsetzten, musste gegessen werden, sonst lie├čen sie einen dort am Tisch sitzen, bis alles aufgegessen war. An den meisten Tagen konnte man ein Kind am Tisch sitzen und vor einer Tasse Kakao oder einem Teller Suppe weinen sehen. In den Klassenzimmern, in denen wir uns vormittags vier und nachmittags zwei Stunden aufhielten, standen die Dinge in puncto Disziplin nicht anders. Wenn jemand nicht aufpasste oder etwas machte, das ihm als Respektlosigkeit gegen├╝ber dem Lehrer ausgelegt wurde, trug er leicht ein paar Schlauchhiebe davon, oder blieb sogar nach ein paar Ohrfeigen die ganze Woche ├╝ber zur Strafe im B├╝ro der Direktorin auf Knien und mit ausgestreckten Armen sitzen, ohne Hofpause. Die Waisen erhielten die h├Ąrtesten Strafen, denn da sie keine Familie hatten, brauchte sich die Direktion vor niemandem zu rechtfertigen, wenn sie zu weit gegangen war, was insgesamt zu oft vorkam. Mit denen, die wie ich Familie hatten, lie├čen sie bei der Bestrafung gr├Â├čere Vorsicht walten. Ich hasste diesen Ort.

Das ein oder andere Wochenende verbrachte ich zu Hause bei meiner Familie. Meine Schwester Emily kam aus ihrer Nonnenschule, die in der N├Ąhe von San Jos├ę de Calasanz lag, und holte mich ab. Sie war dort genau wie ich im Internat. Manchmal kam meine Mutter um uns abzuholen. Bei Gelegenheit war ich auch wegen einer Flegelei bestraft worden, die als grob eingesch├Ątzt wurde, durfte nicht nach Hause und musste ├╝ber das Wochenende im Internat bleiben. Einmal bat ich meine Mutter zu erlauben, dass ├üngel mit zu uns nach Hause kam. Sie besprach das mit der Direktorin und diese stimmte zu. Wir zogen uns also um, verlie├čen diesen verhassten Ort und gingen zusammen mit meiner Mutter nach Hause.

Als wir dort ankamen, stellte ich meinen Freund ├üngel meinen Freunden aus dem Viertel vor. Wir spielten den ganzen Nachmittag bis wir m├╝de wurden und gingen dann zusammen zu einer alten H├╝tte aus Brettern und Karton, in der wir die kleinen Katzen versteckt hielten, die unsere Bande gerade erst erobert hatte. Dort steckten wir uns Zigaretten an, nahmen kurze Z├╝ge und reichten sie herum. Wir feierten, wieder zusammen zu sein. Wir tauschten in einem schon ├╝blichen Spiel einige K├╝sse mit M├Ądchen. ├üngel hatte m├Ąchtig viel Spa├č und wurde von Anfang an von allen gut aufgenommen, besonders von einem der M├Ądchen, Sonia, der er offensichtlich gefiel. Wir machten Sp├Ą├če dar├╝ber, lie├čen sie beide rot werden und forderten sie auf, einander zu k├╝ssen. Als es dunkel wurde, verabschiedeten wir uns bis zum n├Ąchsten Tag und gingen zur├╝ck nach Hause. Schon vor unserer Haust├╝r forderte ich meinen Freund zu einem Wettrennen ├╝ber die Treppen auf, das ich verlor. Wir kamen ersch├Âpft an der Wohnungst├╝r an, wo uns meine Mutter l├Ąchelnd in Empfang nahm.

┬╗Los, los, waschen und zum Abendbrot┬ź, ordnete sie an. ┬╗Wo habt ihr denn gesteckt?┬ź fragte sie laut und besah sich unseren unordentlichen Zustand. Wir grinsten nur und waren so befreundet wie nie.

In dieser Nacht lagen wir im Zimmer auf den Betten und redeten bis sp├Ąt ├╝ber die M├Ądchen und ├╝ber uns. Ich schlug ihm vor, ihn zu adoptieren, sobald wir uns bei meiner Mutter einrichten onnten, ohne meinen Vater, denn die Scheidung war schon im Gang.

┬╗Stell dir vor wir werden Br├╝der!┬ź sagte ich voller Freude.

┬╗Das w├Ąre toll…┬ź

Der Sonntag wurde genau wie der Sonnabend. K├╝sse, Streicheleinheiten und ein paar Zigaretten im Schutz der Holzbretter jener alten H├╝tte. Wir konnten uns kaum daran erinnern, dass hiermit Schluss sein w├╝rde und wir ins Internat zur├╝ckkehren mussten. Mit dem wenigen Taschengeld unserer Eltern gingen wir an diesem Nachmittag alle zusammen ins Kino und sahen Die glorreichen Sieben. Der Film beeindruckte ├üngel und mich tief. Als wir aus dem Kino kamen, trugen wir beide etwas von Chris, dem Helden, in uns. An unserer Haust├╝r verabschiedete sich ├üngel von Sonia mit einem Kuss, und wir gingen mit gro├čem Appetit die Treppen hinauf. An diesem Abend gingen wir auf Bitten meiner Mutter gleich nach dem Essen ins Bett, wir mussten ja am n├Ąchsten Morgen fr├╝h aufstehen und an den Ort zur├╝ckkehren, den wir am meisten hassten. Wir redeten kaum und wurden vom Blinklicht des Herkulesturms, der sich durch das Fenster abzeichnete und die Wand in Abst├Ąnden erleuchtete, bald in den Schlaf gewiegt. Am n├Ąchsten Morgen standen wir ├Ąu├čerst widerwillig auf und kehrten per Autobus nach San Jos├ę de Calasanz zur├╝ck. Im Hof trafen wir auf Juan und Miguel, die auch gerade gekommen waren, und erz├Ąhlten ihnen von unseren Abenteuern. F├╝r ├üngel waren diese zwei Tage au├čergew├Âhnlich gewesen. Man musste ihm nur zuh├Âren, um das zu merken ÔÇô diese zwei Tage waren seine einzigen freien Momente gewesen. Seit es ihn gab, war er in staatliche Schulen eingeschlossen gewesen. Wir mussten lachen, als ich erz├Ąhlte, dass er sich verliebt hatte. Wir vier waren eine unzertrennliche Gruppe und den Lehrern bald als die ┬╗Totenkopfbande┬ź bekannt.

An diesem Abend war Duschen an der Reihe. Wir kamen ja schon geduscht von zu Hause und versuchten mit dieser Ausrede von einer neuerlichen Dusche befreit zu werden. Do├▒a Conchita allerdings ordnete an, dass wir duschten. Wir nahmen also die Handt├╝cher und die W├Ąsche zum Wechseln aus den Spinden, gingen z├Ąhneknirschend in die Waschr├Ąume und warteten, bis wir dran waren. Das Wasser war kalt, doch wir hatten keine andere Chance als uns unter den kalten Strahl zu stellen. Mir stockte der Atem. Ich benetzte mir nur den Kopf und tat fertig geduscht. Als ich herauskam, bemerkte Do├▒a Conchita den Schwindel.

┬╗Du gehst wieder rein und duschst noch einmal┬ź, befahl sie mir.

┬╗Du bist bestraft wegen L├╝gens und gehst jetzt augenblicklich duschen.┬ź

┬╗Das Wasser ist so kalt┬ź, protestierte ich.

Sie gab mir eine Ohrfeige, nahm mir das Handtuch von der H├╝fte, schob mich in die Dusche und lie├č die T├╝r offen. Unter das Wasser mischten sich Tr├Ąnen des Zorns und verschwanden leise im Abfluss. Ich wollte aus der Dusche heraus, das kalte Wasser lie├č meinen Atem stocken, doch ich wurde wieder hineingeschubst. Ich stand unter der Dusche und sah Do├▒a Conchita mich durch ihre dicken Brillengl├Ąser beobachten. Ich f├╝hlte Scham, ich war nackt und schutzlos ihrer Willk├╝r ausgeliefert. Ich hasste sie aus ganzer Seele.

So ein Verhalten war bei Do├▒a Conchita normal. Ihr gefiel es, uns so zu behandeln, besonders die Kleinsten und die Waisen, die sie h├Ąufig h├Âchstpers├Ânlich abtrocknete, auch wenn sie schon alt genug waren, um sich selber abzutrocknen. Man erz├Ąhlte es im Internat herum, die am l├Ąngsten da waren, erz├Ąhlten es: Es gefiel ihr, die Jungen anzufassen und sie nackt in der Dusche zu sehen, was mir realistisch vorkam, nachdem ich ihren dreckigen Blick auf meiner Nacktheit gesp├╝rt hatte. Man sagte sogar, dass sie manchmal nachts kam, um eins ihrer Lieblingswaisenkinder zuzudecken und fasste ihm dann an Penis und Hoden. Von allen Nonnen hassten wir Do├▒a Conchita und Do├▒a Petra am meisten, neben den Schleimern.

Ich ging sonnabends zum Musikunterricht und lernte Gitarre, Laute und Bandurria spielen. Der Lehrer war eigentlich gar nicht so schlecht, doch ich hatte die Instrumente, den Unterricht und den Lehrer bald satt. Wir gingen auch h├Ąufig auf den Fu├čballplatz und spielten, w├Ąhrend eine der Nonnen, Se├▒orita Nieves, uns freundlicherweise als Schiedsrichterin diente und so gut sie konnte von einem Ende des Platzes zum anderen lief. Manchmal entkamen wir der Aufsicht der Nonnen und sahen den Schweinen im Stall beim Fressen und Keilen zu. Sie bissen sich gegenseitig und machten sich dabei h├Ąufig die Schnauzen und Ohren blutig. Aber normalerweise machten wir immer dasselbe: Murmeln spielen, Do├▒a Conchitas Unterhosen angucken, wenn sie sich auf einen Stuhl im Hof setzte und einschlief, oder Stein, Schere, Papier. Wir hatten keine Alternative.

An einem dieser Nachmittage, ich spielte gerade eine Partie Murmeln mit einem Waisen, hatten wir Streit. Der andere hatte gerade die meisten Murmeln an mich verloren. Aus gr├Â├čerer Entfernung hatte ich gut geschossen, und darin war er eigentlich einer der Besten ├╝berhaupt. Er wurde zornig, weil meine Kugel die seine aus dem Kreis geschossen hatte, den wir auf den Boden gemalt hatten und der die Grenzen unseres Spielfelds markierte. Ich hatte die Partie gewonnen und auch die Murmel, mit der er gespielt hatte, seine Lieblingsmurmel. Er behauptete, sie sei im Spielfeld geblieben, obwohl die dabeistehenden Kinder mir Recht gaben.

┬╗Na los, gib die Murmel her┬ź, sagte ich und richtete mich auf.

┬╗Sie ist dringeblieben, auf der Linie.┬ź

┬╗Sie ist rausgeflogen, alle haben es gesehen, nicht wahr?┬ź fragte ich.

┬╗Das stimmt, sie ist nach drau├čen gerollt┬ź, antworteten einige.

┬╗Ist sie nicht.┬ź Er bestand darauf.

Dann verwickelten wir uns in einen Zank und f├╝gten uns mehrere Schl├Ąge zu, bevor die Nonnen erschienen, um uns zu trennen. Sie bestraften uns beide mit Pausenverbot f├╝r eine Woche. W├Ąhrend der Pausen mussten wir auf Knien sitzen und die Arme ausgestreckt halten. Wir mussten im B├╝ro der Direktorin an der Wand das Bild Jesu Christi am Kreuz imitieren.

Weihnachten kam. Meine Mutter holte mich f├╝r eine ganze Woche zu sich nach Hause. Diesmal erlaubten sie nicht, dass ├üngel mit uns mitkam. Dar├╝ber war ich sehr ver├Ąrgert, denn ich hatte fest damit gerechnet, dass wir diese Woche zusammen zu Hause verbringen w├╝rden.

Wir verabschiedeten uns mit ziemlich traurigen Gesichtern. Zu Hause sprach ich meine Mutter auf die M├Âglichkeit an, ├üngel dort mit uns zusammen leben zu lassen, wenn erst einmal die Bedingungen geschaffen waren und sie sich von meinem Vater trennte:

┬╗Mama, warum holen wir nicht ├üngel zu uns nach Hause, wenn ich aus dem Internat komme?┬ź

┬╗Das k├Ânnen wir nicht, mein Sohn┬ź, antwortete sie. ┬╗Ich verdiene nicht einmal genug, um euch alle zu Hause zu haben, geschweige denn noch einen mehr. Tut mir Leid f├╝r ihn. Wenn sie noch einmal erlauben, dass er ├╝bers Wochenende kommt, nehmen wir ihn mit, aber er kann nicht bleiben.┬ź

Das war eine schwere Entt├Ąuschung f├╝r mich. Was w├╝rde mit meinem Freund geschehen? In dieser Nacht, zwischen einladenden sauberen Laken im Bett in meinem Zimmer, erinnerte ich mich an die dunkle K├Ąlte des Schlafsaals im Internat und stellte mir meinen Freund vor, wie er zusammengerollt im Bett lag, mit meinem Bett gegen├╝ber, das ich leer hinterlassen hatte. Das war ungerecht. Ich w├╝rde arbeiten, wenn es sein musste, um meiner Mutter zu helfen und so ├üngel zu uns holen zu k├Ânnen. Ich verfluchte meinen Vater, ich hasste ihn sogar ein Bisschen. Mein Blick war starr auf die Lichtreflexe an der Wand gerichtet, die vom Herkulesturm kamen ÔÇödie treuen Begleiter aller meiner Kindheitstr├Ąume. Ich verstand trotz allem, wie viel Gl├╝ck ich hatte, eine Familie zu haben, mit der ich Weihnachten verbringen konnte.

Ich verbrachte diese Woche mit meiner Mutter und mit meinen Schwestern Emily und Yolanda, und mit meinem Bruder Oskar, dem Benjamin. Ich liebte meine Familie, besonders aber meine Mutter, sie verg├Âtterte ich. Ich hatte ein besonderes Verh├Ąltnis zu ihr, obwohl ich immer der aufm├╝pfigste unter uns Geschwistern und h├Ąufig Anlass f├╝r ihr Missfallen war. Meine Mutter erinnerte an die Worte meiner Gro├čmutter Carmen und sagte, ich sei vom Teufel besessen, ich sei unf├Ąhig stillzusitzen, und es sei unm├Âglich, mich l├Ąnger als eine Stunde im Haus zur├╝ckzuhalten. Immer entwischte ich ihr und lief auf die Stra├če, um mit meinen Freunden um die Wette zu rennen. Ich war sogar zweimal von zu Hause abgehauen und bescherte ihnen gro├če Sorgen. Aber sie liebte mich und war vor ihren Freundinnen stolz auf mein gutes Herz, in dem es ihr zufolge von G├╝te nur so wimmelte. Jetzt legte sie sich krumm, um meinen Geschwistern die Schule zu bezahlen und die Kosten zu tragen, die es bedeutete, uns zu kleiden und den Haushalt zu f├╝hren. Immer bei der Arbeit, m├╝de und mit schmerzendem R├╝cken opferte sich diese edle Se├▒ora auf, um uns im Rahmen dessen, was ihr Gehalt erm├Âglichte, das Beste zu geben, ein Fels in der harten Brandung des Lebens.

Als die Weihnachtsferien verstrichen waren, kam ich ins Internat zur├╝ck. Ich brachte meinem Freund ├üngel Bonbons und andere S├╝├čigkeiten mit. Er erz├Ąhlte mir, was in dieser Woche alles passiert war, und ich ├╝berbrachte ihm Gr├╝├če von meinen Freunden. Ich sagte ihm, dass er nicht bei uns wohnen k├Ânne, jedenfalls im Moment nicht, denn meine Mutter konnte nicht f├╝r unser aller Unterhalt sorgen. Ich musste ihm aber unbedingt sagen, dass wir ihn sp├Ąter zu uns holen w├╝rden, f├╝r immer. Meine Mutter w├╝rde ihre Meinung schon noch ├Ąndern. Ich erfuhr von ├üngel, dass Juan und Miguel in ihre Familien zur├╝ckgekehrt waren, zu ihrer Mutter, und dass wir sie wahrscheinlich nicht wiedersahen. Ich h├Ârte Traurigkeit in seiner Stimme. Die beiden waren jahrelang seine Familie in diesem Irrenhaus gewesen. Irgendwie freute er sich aber auch dar├╝ber, dass sie weg waren. Mit der besonderen Gro├čz├╝gigkeit derer, die am wenigsten besitzen, teilte er die S├╝├čigkeiten und die Bonbons, die ich ihm mitgebracht hatte, mit den Waisen, die ihn darum baten. Sie hatten um uns eine Traube gebildet. Es war

kalt an diesem Morgen und wir waren in dicke alte M├Ąntel eingepackt. Offensichtlich hatten wir alle hier eines gemeinsam, das uns alle verband: Unsere Armut.

Im Internat wurde im Sinne seiner religi├Âsen Richtlinien in Bezug auf die Disziplin Kurs gehalten. Die P├Ądagogik war auf Verhaltensma├čregeln gegr├╝ndet und nicht auf gegenseitige Zuneigung. Nonnen und Lehrer f├╝hrten zur Abschreckung st├Ąndig neue Strafen ein, in der Hoffnung, dass wir einsahen, dass die Disziplin an erster Stelle stand. Wir konnten das damals nicht reflektieren, es kam uns aber ungerecht vor. Es regte uns auf. Unserem eigenen Wesen gingen die Autorit├Ąt und deren Missbrauch, den wir von unseren angeblichen Pflegern und Besch├╝tzern erdulden mussten, absolut gegen den Strich. Das sahen viele Jungen und M├Ądchen so, auch was die Praxis der Bestrafungen in ihren eigenen Familien an-

ging. Nie machte sich jemand die M├╝he, ein Kind verstehen zu wollen. Man setzte voraus, dass Kinder den Erwachsenen gehorchen mussten, einfach so. Die Erwachsenen hatten die Macht, sie immer dann zu bestrafen, wenn sie gegen deren Sicht der Dinge verstie├čen, und formten die Kinder nach ihrem Abbild, ohne ihnen eine Wahl zu lassen. Deshalb sehnten viele von uns die Vollj├Ąhrigkeit herbei, um dem Joch, zu dem die Erwachsenen unsere Jugend gemacht hatten, zu entkommen.

Solche Gedanken verschweigt ein Kind grunds├Ątzlich, denn es f├╝hlt sich unterdr├╝ckt und ungerecht behandelt. Dieses Schweigen l├Ąsst in ihm Zorn entstehen und wachsen, den es aus Angst vor Strafe nicht ausdr├╝cken oder loswerden kann und der immer weiter w├Ąchst und meistens zu Auflehnung und Gewalt f├╝hrt. Junge oder M├Ądchen, Heim- oder gar Waisenkind, wir wurden schlecht behandelt, geschlagen und vernachl├Ąssigt. Sorglos schuf man eine instabile Welt ohne emotionale Verbundenheit, wenig geeignet f├╝r die Entwicklung eines Kindes. Kinder brauchen Liebe, Spiel, Freunde, st├Ąndige emotionale Zuwendung und nicht Strafen und strenge Disziplin. Die mit der Erziehung Betrauten lie├čen keine Umsicht walten und verga├čen in ihrem Arbeitsalltag den menschlichen Aspekt. Sie beschr├Ąnkten sich auf Vorschrift und Strafe und missbrauchten h├Ąufig ihre Autorit├Ąt. Ein Kind wurde in diesem Sinne wie ein Erwachsener behandelt. Es weinte nicht mehr, denn es verstand, dass das nichts brachte. Es stumpfte ab und hasste die, die es bestraften, es sah kein Bisschen Liebe oder Zuneigung in der Strafe, sondern Autorit├Ąt und Zwang. So kommt es, dass ein Gro├čteil der Jugendlichen, die Internat oder Erziehungsheim durchgemacht hatten, mehr als einmal straff├Ąllig wurden. Viele verfaulten im Gef├Ąngnis, zu gef├Ąhrlichen Straft├Ątern gemacht. Der Staat, der die Aufgabe hatte, sich um sie zu k├╝mmern, machte damit ein Gesch├Ąft. Die Gesellschaft konnte ihre Enterbten, die problematischen Armen, in Internate, Waisenh├Ąuser und Erziehungsheime internieren und sie so verstecken. Chancengleichheit von Geburt an war eigentlich Grundrecht, allen sollte das gleiche Gep├Ąck auf die Reise durchs Lebens mitgegeben werden. Die Begriffe ┬╗reich┬ź und ┬╗arm┬ź sollten dem der Gleichheit Platz machen. Alle Jungen und M├Ądchen auf der Welt besa├čen das gleiche legitime Recht darauf, sich in geeigneter Umgebung zu entwickeln und mithilfe bester Lehrer und Lehrmittel eine gleichwertige Allgemeinbildung zu erhalten. Solange das nicht gew├Ąhrleistet war, durfte sich niemand dar├╝ber wundern, dass die Kinder, die heute auf der Stra├če Ball spielten, morgen im Gef├Ąngnis sa├čen: Die Ketten, an denen sie im Gef├Ąngnis verfaulen sollten, warteten schon auf sie.

Zu dieser Jahreszeit regnete es st├Ąndig in La Coru├▒a, und so verbrachten wir die meiste Zeit statt auf dem Hof in einem geschlossenen Raum. Bei Regen bekam ich Heimweh und stellte mich oft ans Fenster des Aufenthaltsraums, um dabei zuzusehen, wie der Regen auf die Stra├če tropfte, ├╝ber die Autos mit eingeschalteten Scheibenwischern fuhren. An solchen Tagen vermisste ich mein Zuhause, meine Familie, meine Mutter. Das Heimweh bem├Ąchtigte sich meiner immer mehr. Obwohl ich eigentlich ein guter Sch├╝ler war und meine Noten immer befriedigend bis sehr gut gewesen waren, bekam ich Probleme im Unterricht und handelte mir h├Ąufig irgendeine Zurechtweisung oder Strafe von Don Jorge ein, der mich immer deutlicher auf dem Kieker hatte. Eines Tages stahl ich in der K├╝che ein paar K├Ârner Reis, und ├üngel und ich unterhielten uns dann w├Ąhrend des Unterrichts damit, die K├Ârner durch die R├Âhrchen von Kugelschreibern auf andere Kinder zu schie├čen. Das spielten wir h├Ąufig, mit Reisk├Ârnern oder zerkauten Papierk├╝gelchen. Doch an diesem Tag hatten ├üngel und ich das Pech, ein Reiskorn direkt auf die Glatze von Don Jorge zu schie├čen. Er stand auf, das Gesicht rot vor Zorn.

┬╗Wer war das?┬ź fragte er w├╝tend.

Er schritt die Pulte ab und bekam keine Antwort. Alle, die bei der kleinen Schlacht mitgemacht hatten, versteckten in aller Eile ihre Kugelschreiberr├Âhrchen, und als ich meines gerade verstecken wollte, sah er es. Er kam bis zu meinem Pult und nahm das R├Âhrchen aus seinem Versteck. Er zog mich an den Haaren bis nach vorne an die Tafel, vor aller Augen.

┬╗Ich war es nicht!┬ź rief ich mehrmals.

Dann nahm er wie gew├Âhnlich einen Gummischlauch und schlug mir damit brutal auf R├╝cken und Beine. Ich fiel vor Schmerz schreiend zu Boden, doch es setzte weitere Hiebe, er war au├čer sich geraten. Er schlug weiter, bis er genug hatte. Dann befahl er mir, mich die Wand anblickend auf die Knie zu setzen und hielt meinen Klassenkameraden eine drohende Ansprache. Ich weinte vor Schmerz mit Rotz gemischte Tr├Ąnen, unglaublich schockiert von dem, was gerade passiert war.

Nach der Stunde brachte Don Jorge mich vor Do├▒a Petra, die Direktorin. Ich hoffte, wenigstens sie w├╝rde mir glauben, doch ihre erste Reaktion auf das Geh├Ârte war eine schallende Ohrfeige, die mich wieder in Tr├Ąnen ausbrechen lie├č.

┬╗Nat├╝rlich musstest du es sein!┬ź schrie sie mich an. ┬╗Du hast eine Woche keine Hofpause und bleibst auf Knien hier in meinem B├╝ro. Wir werden dir schon Anstand vor den Lehrern beibringen.┬ź

┬╗Ich war es nicht┬ź, brachte ich unter Schluchzen hervor.

Als einzige Antwort auf den Versuch, mich zu verteidigen, erhielt ich eine weitere Ohrfeige.

┬╗Du gehst jetzt sofort zum Essen runter und dann direkt in den Schlafraum┬ź, und an Don Jorge gewandt f├╝gte sie hinzu: ┬╗Sie k├Ânnen sicher sein, dass so etwas nicht noch einmal vorkommt.┬ź

┬╗Das will ich hoffen. Ein Teufel ist dieser Bengel!┬ź

Ich bekam Lust, darauf mit einem Schimpfwort zu antworten, hielt mich aber zur├╝ck, um noch mehr Ohrfeigen zu vermeiden. Dann ging ich in den Speisesaal hinunter und setzte mich an einen Tisch. Alle anderen sahen mich an und schwiegen. ├üngel brach die Stille: ┬╗Hat sie dich bestraft?┬ź

┬╗Eine Woche ohne Pause und obendrein noch zwei Ohrfeigen.┬ź

┬╗Die beschissene Alte!┬ź rief mein Freund aus.

Nach dem Essen gingen wir in den Schlafraum. Als wir uns im Bad die Z├Ąhne putzten, hob ├üngel mein Hemd hoch und sah die mehrfachen roten Striemen.

┬╗Du hast rote Stellen┬ź, sagte er.

Ich drehte mich zum Spiegel und sah mir ├╝ber die Schulter. Die Striemen liefen quer ├╝ber meinen ganzen R├╝cken bis auf die Seite. An wen konnte ich mich damit wenden? Das Schlimmste war, dass ich es gar nicht gewesen war, dass sie mich wegen etwas, das ich gar nicht getan hatte, zweimal geschlagen hatten. In diesem Augenblick entschied ich, aus diesem religi├Âsen Irrenhaus zu fliehen. Zur Mittagsstunde teilte ich es ├üngel mit. Ich hoffte, er wollte mich begleiten.

┬╗Hauen wir ab?┬ź

Mein Freund sah mich verwundert an und lachte: ┬╗Du bist verr├╝ckt, wo sollen wir denn hin?┬ź

┬╗Wir k├Ânnen in mein Viertel gehen und uns in der Holzh├╝tte verstecken, die wir dort haben. Meine Freunde werden uns mit Decken und etwas zu essen versorgen…┬ź, war meine Antwort. Ich hielt das f├╝r einen hervorragenden Plan.

┬╗Ich nicht┬ź, antwortete er ernst.

┬╗Warum denn nicht?┬ź wollte ich wissen.

┬╗Weil ich, falls sie uns erwischen, so gut wie sicher in ein Heim komme, und das will ich nicht.┬ź

Er hatte Recht. Falls sie uns erwischten, w├╝rden sie mich schlimmstenfalls hinauswerfen, was mir sehr recht w├Ąre. ├üngel aber w├╝rden sie in eine Besserungsanstalt einweisen, zum Beispiel nach Palavea, drei Kilometer weiter. An diesem Nachmittag redeten wir nicht weiter dar├╝ber, aber die Idee mich zu wehren und abzuhauen machte von nun an unabl├Ąssig in meinem Kopf ihre Runden.

In der gesamten Woche verbrachte ich die Pausenstunden damit, die Wand anzublicken. Wenn es mir einmal einfiel, meinen Kopf zu drehen, bef├Ârderte eine Ohrfeige ihn wieder zur├╝ck in die vorgeschriebene Stellung. Eines Mittags, als ich beim Essen durch die Scheiben des Speisesaals sah und von weitem den Regen beobachten konnte, hatte eine der Nonnen die brillante Idee, eines der Fenster zu ├Âffnen. Ich f├╝hlte den Luftzug und die Freiheit auf der anderen Seite. Ich f├╝hlte gleichzeitig Angst und Euphorie. Ich musste nur losrennen, durch das Fenster springen und laufen so weit ich konnte.

├üngel bemerkte meine Nervosit├Ąt: ┬╗Was ist mit dir?┬ź

┬╗Ein Fenster steht offen… Siehst du es?┬ź

┬╗Haust du ab?┬ź

┬╗Ja. Kommst du mit?┬ź

┬╗Ich trau mich nicht┬ź, gestand er mir. ┬╗Geh du.┬ź

Als die Teller eingesammelt wurden, war ich immer noch unentschlossen. Ich hatte noch nichts gegessen, ich würde also als einer der Letzten sitzenbleiben, bis ich alles aufgegessen hatte. Unter dem Tisch gaben Ángel und ich uns die Hand.

┬╗Pass auf dich auf┬ź, sagte er mir.

Do├▒a Conchita kam an unseren Tisch und sah vor mir zwei volle Teller stehen. Sie regte sich auf: ┬╗Du, ├üngel, nach oben┬ź, befahl sie meinem Freund. ┬╗Und du bleibst hier, bis du alles aufgegessen hast.┬ź Sie schrie mich an. Als sie sich ausreichend weit entfernt hatte, stand ich schnell auf, schob den Tisch zur Seite und rannte auf das Fenster zu. Die Nonnen riefen ├╝berrascht durcheinander und sahen mich erstaunt an. Mit jugendlicher Leichtigkeit sprang ich durch das Fenster und verlor mich die Treppe hinunter, auf die Stra├če und in die Felder. Ich rannte durch den Regen, wie ich noch nie gerannt war. Ich begegnete dem Internatsg├Ąrtner, der gerade eine Schubkarre mit Rechen und Hacken ├╝ber einen Feldweg zur├╝ck auf das Gel├Ąnde schob. Er hielt erstaunt inne und rief: ┬╗Wo l├Ąufst du denn hin, Junge?┬ź

Ich rannte ohne Pause weiter, bis ich das Internat nicht mehr sah und nicht mehr konnte. Vollkommen ersch├Âpft und durchn├Ąsst stellte ich mich zum Schutz vor dem Regen unter einen Baum. Ich konnte keinen Schritt weiterlaufen. Das Herz pochte vor Anstrengung gewaltig. Ich blickte ├╝ber offenes Feld. Ich hatte es geschafft.

Ich rechnete nicht damit, dass es irgendwo auf der Welt immer jemanden geben w├╝rde, der mich verfolgen und einsperren wollte. Ich wusste noch nicht, dass ich Sklave diktierter Gesetze war, zu denen mich niemand gefragt hatte. Ich wusste auch nicht, dass ich elf Jahre sp├Ąter drei Tage lang einer der meistgesuchten M├Ąnner des Landes sein w├╝rde.

Rota, 28. August 1991

Gegen drei Uhr nachmittags kam ich nach Rota. Mir taten die F├╝├če weh. Ich hatte Blasen, denn meine geliehenen Schuhe waren eine Nummer zu gro├č. Das Laufen schmerzte mich sehr, und ich verfluchte, dass ich nicht daran gedacht hatte. Ich sah ziemlich schmutzig und zerzaust aus und fiel auf, obwohl ich die Hose gewechselt hatte. Ohne Zeit zu verlieren, fragte ich einen Passanten nach dem Weg zum Strand von Rota und ging dort hin. In der N├Ąhe fand ich einen kleinen Laden, der immer noch ge├Âffnet hatte und ging hinein, um Seife zu kaufen, eine Rasierklinge, einen Kamm, ein Fl├Ąschchen Eau de Toilette und ein kleines Strandtuch, das im Sonderangebot war. Dann ging ich zu den Duschen am Strand, und f├╝r f├╝nfzig Peseten lie├č man mich hinein. Ich duschte, rasierte und parf├╝mierte mich. Ich putzte die Schuhe und polierte sie blank. Ich tauschte das Hemd gegen ein sauberes kurz├Ąrmeliges T-Shirt und krempelte die Hose bis auf die Knie hoch. So ging ich an den Strand, mit den Schuhen in der Hand. Das schmutzige Hemd und das ganze andere Zeug warf ich in einen Papierkorb, so wie jemand vier Jahre Gef├Ąngnis in einen Eimer wirft, und mischte mich unter die Leute, die am Strand spazieren gingen. Einmal am Strand spazieren zu gehen und das Meer unter meinen nackten F├╝├čen zu sp├╝ren, war ein Versprechen, das ich mir schon vor Jahren gegeben hatte. Ich liebte das Meer. Ich hielt an, um an einem kleinen Stand eine T├╝te Erdbeer-Sahne-Eis zu erstehen, ging weiter und freute mich ├╝ber dieses Geschenk, das ich mir selbst gerade gemacht hatte. Ich dachte daran, was f├╝r Gesichter meine Freunde aus La Coru├▒a machen w├╝rden, wenn sie mich kommen sahen. Ich dachte an meine Familie und an die Aufregung, die meine Flucht und die Fahndung nach mir zweifellos ausgel├Âst hatten. Sicher litten sie darunter, doch im Grunde ihres Herzens waren sie wohl so fr├Âhlich wie ich. Mir kamen die Jahre der Isolation in den Sinn, die ich hinter mir gelassen hatte. Ich musste l├Ącheln, als ich an die Freude und Hoffnung dachte, die meine Flucht den Freunden bescherte, die noch in den faulig stinkenden Kerkern der spanischen Gef├Ąngnisse eingesperrt waren. Ich dachte im Besonderen an Anxo und Musta. Ich sp├╝rte Wut, als ich mir vorzustellen versuchte, wie viele hundert Mal ich mich vor launischen und herzlosen Schlie├čern hatte ausziehen m├╝ssen, als ich an die verschiedenen Haftanstalten dachte, La Coru├▒a, Zamora, Daroca, Teneriffa. Dort wurde unterdr├╝ckt und gefoltert, wer den Mut gehabt hatte, sich gegen das System aufzulehnen, alle jene Frauen und M├Ąnner, deren Gegenwart genau die ehrbaren B├╝rger st├Ârte, die mich jetzt gerade in Scharen umgaben und die hier in der Sonne lagen und lachten. Sie dachten nicht daran, dass andere litten, damit sie hier einen ruhigen Urlaub genie├čen konnten. Das stimmte: Damit einige ihr ekelerregendes entfremdetes Leben f├╝hren konnten, den Kopf voll mit Konsum und anderen Komplexen, mussten andere Leute, genaugenommen vierzigtausend, in eisige Schweinest├Ąlle eingesperrt ├╝berleben, ihres Lebens beraubt. Die Herren hatten sich der Welt bem├Ąchtigt und hielten sie exklusiv reserviert f├╝r sich. Die Str├Ąnde waren ihre, die Stra├čen geh├Ârten ihnen, die Felder, der Himmel… Alles stand unter ihrer Kontrolle, und an diesen wunderbaren Sachen durfte nur teilhaben, wer die herrschende Doktrin anerkannte. In Bet├Ąubung versunken, eingeschl├Ąfert von den M├Ąrchen der Politiker, lag der Wille der Gesellschaft konturlos unter einer Schicht Bequemlichkeit und Sicherheitsgef├╝hl. Diese Leute gaben mir niemals eine Chance, und falls doch, h├Ątte ich sie nicht akzeptiert: Ich wollte lieber mit Entrechteten, R├Ąubern, Drogenabh├Ąngigen und AIDS-Kranken zusammenleben. Lieber als unter diesen gesichtslosen B├╝rgerlein mit Minderwertigkeitskomplexen.

Ich verlie├č den Strand und nahm ein Taxi zum Postamt. Dort gab ich ein Telegramm auf. Mit einem vorher abgemachten Text teilte ich Musta mit, dass er auf mich z├Ąhlen konnte. Dann ging ich in ein Sportgesch├Ąft und kaufte eine kleines Jagdmesser, auf das ich vielleicht angewiesen war, solange ich mir noch keine Waffe beschafft hatte. Ich schlenderte durch die Stadt und betrat ein Lokal, in dem Arbeiter in blauen Overalls zu Mittag a├čen. Ich setzte mich an einen der Tische. Eine freundliche Se├▒ora in fortgeschrittenem Alter kam, um mich zu bedienen.

┬╗Guten Tag. Sie w├╝nschen?┬ź

┬╗Mittagessen, bitte.┬ź

┬╗Gut. Wir haben Paella, Alb├│ndigas, Schnitzel mit Pommes Frites, Eier…┬ź

┬╗Bringen Sie mir ein gutes Kalbsschnitzel mit viel Pommes und zwei kurzgebratenen Spiegeleiern.┬ź

┬╗Caramba! Sie m├╝ssen Hunger haben┬ź, bemerkte sie l├Ąchelnd.

┬╗Etwas zu trinken?┬ź

┬╗Haben sie Milch?┬ź

┬╗Ja.┬ź

┬╗Bringen Sie mir bitte eine Flasche Milch.┬ź

┬╗Das ist gut. Noch etwas?┬ź

┬╗Nein Danke.┬ź

Nach einer Weile kam sie mit einem randvollen Teller knuspriger Pommes Frites wieder, dabei ein St├╝ck Fleisch und zwei Spiegeleier.

Der Anblick verst├Ąrkte meinen versp├Ąteten Hunger.

┬╗Lassen Sie es sich schmecken┬ź, sagte h├Âflich und nett diese angenehme Frau.

┬╗Ganz sicher┬ź, antwortete ich.

Ich a├č mit gro├čem Appetit. Mir gefiel das Gef├╝hl, das mir die Freundlichkeit dieser Se├▒ora gab. Seit Jahren hatte mich niemand mehr so behandelt. Auch in der Gesellschaft gab es gute, anst├Ąndige Menschen, Leute, denen ich unter keinen Umst├Ąnden etwas zuleide tun konnte. Als ich mit dem Essen fertig war, r├Ąumte ich den Tisch ab und trug das Geschirr an den Tresen. Ich setzte mich in der N├Ąhe der K├╝chent├╝r auf einen Barhocker. Die Inhaberin kam auf mich zu:

┬╗Vielen Dank. W├╝nschen Sie noch etwas?┬ź

┬╗Einen Carajillo, und die Rechnung bitte.┬ź

Ich zahlte und trank den Kaffee mit Schuss, der mich merklich anregte. Bevor ich das Lokal verlie├č, verabschiedete ich mich von der Inhaberin:

┬╗Auf Wiedersehen, Se├▒ora. Das Schnitzel war sehr gut…┬ź

┬╗Kommen Sie jederzeit wieder.┬ź

Es war Nachmittag geworden. Ich ging in einen Buchladen und besorgte mir mehrere Tageszeitungen. Die Nachricht von unserer Flucht war in allen nationalen und regionalen Bl├Ąttern vertreten. In ABC, El Pa├şs und Diario de C├ídiz waren Fotos von uns zu sehen. Mich k├╝mmerten die Fotos nicht allzu sehr, denn die Bilder, die sie von mir hatten, waren ziemlich alt und man erkannte mich kaum. Die gro├če Bedeutung, die dieser Nachricht beigemessen wurde, sicherlich auf Betreiben der Generaldirektion, erkl├Ąrte ich mir mit einer Strategie, ein allgemeines Unsicherheitsgef├╝hl sch├╝ren zu wollen und die Bev├Âlkerung dazu anzuhalten, bei der Fahndung mitzuhelfen und uns zu verraten. So konnten auch neue Ma├čnahmen gerechtfertigt werden, die schon l├Ąngst erdacht waren, um die Welle der Ausbr├╝che und Geiselnahmen im Gef├Ąngnis zu stoppen. Als Vorsichtsma├čnahme ging ich in ein Friseurgesch├Ąft, um mir die Haare schneiden zu lassen. Dann kaufte ich in einer Apotheke Mullbinden und verband mir die linke Hand wie nach einem Arbeitsunfall, damit man die T├Ątowierungen nicht sah. Ich ging auch in einen Optikerladen und kaufte eine dunkle Sonnenbrille. Dann fragte ich nach dem Weg zum Busbahnhof und ging dort hin. Ich setzte mich in einem kleinen Park auf eine Holzbank und beobachtete sorgf├Ąltig die Bewegungen um die Bussteige auf der anderen Stra├čenseite. Ein paar Stunden sp├Ąter kaufte ich eine Fahrkarte nach Sevilla und ging wieder zu der Holzbank in der Gartenanlage. Ich schien keine Reaktion hervorgerufen zu haben, alles schien normal. Um neun Uhr abends stieg ich mit den anderen Passagieren zusammen in den Bus nach Sevilla. Wir erreichten die Stadt gegen zehn. Ich besah mir durch die Scheiben das Treiben im Bahnhof und bemerkte nichts Au├čergew├Âhnliches. Ich verlie├č den Bus und durchquerte den Bahnhof in Richtung Ausgang. Pl├Âtzlich erschienen zwei Zivilpolizisten vor mir und fragten mich nach meinem Ausweis. Ich war unbewaffnet, hatte nur das Jagdmesser bei mir, was mir in dieser Lage wenig n├╝tzen w├╝rde. Als Erstes kam ich auf die Idee loszurennen, doch ich wusste, dass ich nicht weit kommen w├╝rde, mit den F├╝├čen voller aufgeplatzter Blasen. Ich konnte auch keine Geisel nehmen, denn ich war einer der Letzten gewesen, die den Bus verlassen hatten, und es war niemand in der N├Ąhe. Zu dieser Uhrzeit war der Busbahnhof nahezu menschenleer.

┬╗Ich habe keinen Ausweis┬ź, erkl├Ąrte ich mich und versuchte Zeit zu gewinnen. Das gefiel den beiden nicht und ein Dritter kam hinzu: ┬╗Kommen Sie bitte mit.┬ź

Sie brachten mich in einen kleinen Raum und gaben einem weiteren Kollegen Bescheid, wahrscheinlich einem Beamten der Bahnhofswache.

┬╗Wie hei├čt du?┬ź fragten sie mich.

┬╗Jos├ę Luis Rodr├şguez L├│pez┬ź, sagte ich. Es war der Name eines alten Freundes.

┬╗Woher kommst du?┬ź

┬╗Aus Melilla. Ich bin Legion├Ąr…┬ź

Sie stellten mich an die Wand und durchsuchten mich. Sie nahmen mir das Messer ab. ┬╗Und das hier?┬ź

┬╗Das ist Gewohnheit. Beim Milit├Ąr haben wir immer eins dabei.┬ź

┬╗Und diese Schnitte?┬ź fragte einer von ihnen, als er die alten Narben meiner Selbstverletzungen sah.

┬╗Das ist normal in der Legion, Sie wissen schon, wie die T├Ątowierungen…┬ź

┬╗Ruf im Pr├Ąsidium an. Sie sollen dir alles durchgeben, was sie zu dem Namen haben, den er uns gegeben hat┬ź, befahl ein Polizist dem anderen. ┬╗Der ist sicher aus der Kaserne abgehauen┬ź, f├╝gte er

noch hinzu.

Sie fesselten mich mit den H├Ąnden auf dem R├╝cken an einen Stuhl. Als ich die Handschellen um meine Handgelenke einrasten sp├╝rte, verfluchte ich mich daf├╝r, wie d├Ąmlich und infantil ich gewesen war, diesen verdammten Bus genommen zu haben. Sp├Ąter sollte ich mitbekommen, dass man mich zuf├Ąllig kontrolliert und festgehalten hatte. Die Kontrollen fanden wegen der Bombendrohungen im Namen von ETA statt, die zur Weltausstellung 1992 in Sevilla Chaos in der Stadt verbreiten wollte. Zweifellos hatte ich mich wie ein Anf├Ąnger benommen, und das w├╝rde mich teuer zu stehen kommen. So war es nun einmal: Nie konnten wir sicher wissen, wozu eine Entscheidung f├╝hren konnte. Als der Polizist den Telefonh├Ârer auflegte und mich mit ernstem Gesicht ansah, wusste ich, dass sie mich hatten.

┬╗Das ist jemand anderes┬ź, erkl├Ąrte er seinen Kollegen. ┬╗Wartet einen Moment und lasst ihn nicht aus den Augen.┬ź

Nach einer Weile kam er mit zwei Tageszeitungen wieder und legte sie ge├Âffnet auf den Tisch. ┬╗Das ist einer von den beiden hier┬ź, sagte er, erkannte aber mein Foto nicht.

Die Blicke Aller wechselten zwischen mir und den Fotos in der Zeitung. Die Fotos schienen ihnen nicht so recht zu passen.

┬╗Was machen wir mit ihm?┬ź fragte der, der als Letzter hereingekommen war.

┬╗Sie kommen vom Pr├Ąsidium und holen ihn ab.┬ź

Als er das gesagt hatte, zog er eine Pistole aus der H├╝fte und legte eine Patrone in die Kammer. Dann steckte er sie wieder ein, pr├╝fte meine Handschellen und schloss sie noch etwas fester. Alle meine Hoffnungen hatten sich vollst├Ąndig in Luft aufgel├Âst, als sie mich aus dem Busbahnhof und in einen der Polizeiwagen brachten, die sich eingefunden hatten.

Sie brachten mich direkt zur ED-Behandlung. W├Ąhrend sie mir die Fingerabdr├╝cke abnahmen, fiel mir ein an der Wand h├Ąngendes Plakat auf. Es waren mehrere Fotos von Aktivisten der GRAPO zu sehen und darunter unsere beiden Fotos, vergr├Â├čert. Einige Bilder waren mit einem X durchgestrichen, was soviel wie eliminiert bedeutete. Andere waren mit einem Gitter aus horizontalen und vertikalen Linien versehen, das waren die Verhafteten. Die ├╝brigen hatten sie noch nicht gefunden. Ich freute mich, dass das Bild von Juan dabei war, er hatte es also geschafft.

Meine Abdr├╝cke wurden per Computer ├╝berpr├╝ft. Als meine Identit├Ąt feststand, begl├╝ckw├╝nschten sie sich. Sie nahmen mir Hosen und Schuhe ab und brachten mich in den Gewahrsam hinunter. In Unterhosen lag ich in diesem Kerker auf einer verfaulten Matratze und sah an die wei├če Decke. Ein schwacher Lichtstrahl erhellte d├╝rftig den engen Raum. Ich wollte losheulen, doch ich beherrschte mich. Ich konnte nichts mehr tun, au├čer auf eine neue Gelegenheit warten und wieder ausbrechen. Etwas Besseres fiel mir in diesem Moment nicht ein.

Am n├Ąchsten Morgen warfen sie mir die Schuhe und die Hose ins Innere der Zelle und befahlen mir, mich anzuziehen. Als ich fertig war, schlossen sie mir die H├Ąnde auf dem R├╝cken zusammen und f├╝hrten mich in einen Fahrstuhl, in dessen gro├čem Spiegel ich mein zerzaustes Bild betrachten konnte. Wir fuhren in den dritten Stock zur Brigade f├╝r Raub├╝berf├Ąlle. Es waren drei.

┬╗Setz dich auf den Stuhl┬ź, befahl mir einer der drei und deutete

auf einen Hocker in der Mitte des B├╝ros.

Ich setzte mich, sie schlossen die T├╝r und stellten sich rings um mich.

┬╗Wir werden hier mit allen fertig, verstehst du? Besser, du antwortest auf meine Fragen┬ź, warf mir der Anf├╝hrer der Gruppe an den Kopf. Er war gro├č und trug Schnurrbart, der klassische Zivi-Bulle. ┬╗Wo sind die Waffen?┬ź fragte er.

┬╗Was f├╝r Waffen?┬ź fragte ich.

┬╗Die dein Freund und du von dem Schiff mitgenommen haben.┬ź

┬╗Wir haben keine Waffen mitgenommen.┬ź

Er sah einen seiner beiden M├Ąnner an. ┬╗Hol den Stock raus┬ź, befahl er ihm.

Hinter einem Tisch holte er einen Baseballschl├Ąger aus Holz hervor und ├╝bergab ihn seinem Chef. Der fragte mich wieder, mit dem Schl├Ąger in der Hand: ┬╗Ich habe mich wohl verh├Ârt. Wo sind die Waffen?┬ź

┬╗Wir haben keine Waffe mit von dem Schiff genommen┬ź, antwortete ich wieder. ┬╗Erkundigen Sie sich, Sie werden sehen.┬ź

Er dachte einen Augenblick nach und befahl dann einem seiner M├Ąnner, die Guardia Civil anzurufen, von wo man ihm best├Ątigte, was ich gesagt hatte. Sie fragten weiter:

┬╗Wo ist dein Freund?┬ź

┬╗Wei├č ich nicht.┬ź

┬╗Wo habt ihr euch getrennt?┬ź

┬╗Im Hafen von C├ídiz, nach Verlassen des Schiffs.┬ź

┬╗Du l├╝gst.┬ź

Ich antwortete nicht. Sie wussten, dass ich ihnen nicht die Wahrheit sagen und ihnen auch keine Aufschl├╝sse ├╝ber seinen m├Âglichen Aufenthalt geben w├╝rde. Mein Schweigen war die Antwort.

┬╗Sag mir, wo Redondo ist oder ich hau dir den Sch├Ądel auf┬ź, drohte er mir und hob den Schl├Ąger ├╝ber meinen Kopf.

┬╗Ich wei├č es nicht.┬ź

Dann tat er so, als wolle er zuschlagen. Ich schloss die Augen und wartete auf den Aufschlag, doch der kam nicht. Es war nur zum Schein gewesen.

┬╗Du wirkst gar nicht so wild, wie man dich in der Zeitung und im Fernsehen darstellt, Tarr├şo┬ź, meinte der Bulle, der hinter mir stand, und gab mir Klapse auf den Hinterkopf.

Er machte sich ├╝ber mich lustig, ich fiel aber nicht auf seine Provokationen herein. Als sie endlich davon ├╝berzeugt waren, dass sie mit diesem Verh├Âr nichts Brauchbares herausbekommen w├╝rden, steckten sie den Schl├Ąger weg und lie├čen meinen Pflichtverteidiger herein. Dann wurde mir formal die Aussage abgenommen. Es war ungeheuerlich, dass diejenigen, die daf├╝r zust├Ąndig waren, das Recht geltend zu machen, in allen Techniken der Repression und feiger Folter versierte W├╝stlinge waren. Unter anderen Umst├Ąnden h├Ątten sie mich zu Brei geschlagen. Jetzt verhinderten das die Anwesenheit des Anwalts und die anschlie├čende ├ťberstellung meiner Person an den Richter. Damals konnte noch niemand wissen, was aus diesen drei Henkern im Auftrag der Gesellschaft, Jos├ę Antonio Garc├şa Candel, Jos├ę Antonio Macuca und Anf├╝hrer Jos├ę Antonio de la Rosa, was aus der ┬╗Bande der Jos├ę Antonios┬ź werden w├╝rde: Nur drei Jahre sp├Ąter traten sie in meine Fu├čstapfen und landeten im Gef├Ąngnis, wegen Folter und Mordes an einem zwanzigj├Ąhrigen Straff├Ąlligen aus Sevilla, der als Ni├▒o Kiko bekannt war. Wer h├Ątte gedacht, dass diese ehrbaren und braven Polizisten im Dienst von Recht und Ordnung den J├╝ngling in den Kerkern des Pr├Ąsidiums foltern, auf ein freies Feld hinaus fahren, ihm dort eine Kugel verpassen und ihn in einen Sumpf werfen sollten? Die Leute auf der Stra├če hielten sich in ihrer andauernden und vors├Ątzlichen Ignoranz nicht mit solchen Nachrichten auf. Auch trotz dieses Ereignisses sollten sie weiterhin denken, so etwas komme schon seit dem ┬╗Fall Almer├şa┬ź nicht mehr vor, und sonst nur in Diktaturen oder einigen Drittweltl├Ąndern. Doch da irrten sie. Folter und Mord im Auftrag des Staats waren nach wie vor an der Tagesordnung, und F├Ąlle wie Santiago Corella alias El Nani zeigten das. Damals verf├╝gte die Bev├Âlkerung anscheinend nicht ├╝ber ausreichende Information, doch zu den Genannten sollten neue F├Ąlle hinzukommen und den schmutzigen Krieg aufdecken, den die Herrschenden f├╝hrten. Die Basken Lasa und Zabala sollten in einer H├Âhle gefunden werden, begraben unter ungel├Âschtem Kalk, mit eindeutigen Anzeichen schwerer Folter: Ihnen fehlten die Fingern├Ągel. Zuvor war der Fall Mikel Zabaltza bekannt geworden; er war an der ber├╝hmten Foltermethode der ┬╗Badewanne┬ź in einer Kaserne der immer noch faschistisch aktiven Guardia Civil gestorben. Polizisten wie diese kontrollierten den Drogenhandel in den gro├čen St├Ądten, erpressten junge Straff├Ąllige mit dem Gef├Ąngnis, lie├čen sie f├╝r sich arbeiten und strichen ihren Teil ein. Die Morde im Auftrag des Staats und die M├Ârder in den Sicherheitskr├Ąften gingen viel weiter als man wusste. Sie verf├╝gten ├╝ber Mittel, alles zu verdunkeln. Doch auch so konnten die B├╝rger von der Aktivit├Ąt von Gruppen wie GAL unter F├╝hrung von Amedo und Dom├şnguez wissen (ihnen folgten Sancrist├│bal, Rafael Vera Planchuelo, Damborenea, Barrionuevo und wen die sozialdemokratische Elite noch hervorbringen sollte). Ermordet wurden Luc├şa Irigoitia, ├üngel Gurmindo, Domingo Peruena und Eugenio Rodr├şguez Salazar. Und von wie vielen Verbrechen hatten wir nichts erfahren? Eigentlich konnte es nicht im Interesse der Gesellschaft sein, dass eine kleine Gruppe M├Ąnner so viel Macht ├╝ber alle anderen Frauen und M├Ąnner hatte ÔÇô es brachte nur Ungerechtigkeit, Machtmissbrauch und Ungleichheit. Zu den Sheriffs der B├╝rger gemacht, waren die Staatsdiener diesen eigentlich Respekt schuldig. Viele Polizisten aber ma├čten sich einen Missbrauch ihrer Dienstmarke an, zu eigenen Zwecken oder im Sinne der faschistischen Ideologie, der die Mehrheit anhing. Die einen bereicherten sich mit der Ausrede der Verbrechensbek├Ąmpfung, erpressten und pr├╝gelten, die anderen f├╝hrten versteckte Kassen. Sie hielten die Kontrolle ├╝ber die Gesellschaft an sich und ├╝berschwemmten das Land mit Drogen und dem entsprechenden Elend. So hielten sie die widerst├Ąndigsten Bev├Âlkerungsteile, die Jugendlichen, bet├Ąubt und im Dienst des Systems. Was f├╝r Gewaltexzesse hatte es gegeben im Namen von Recht und Gesetz!

An diesem Nachmittag wurde ich ins Gerichtsgeb├Ąude gebracht. Ich f├╝hlte mich niedergeschlagen. Das Schlimmste war, nur daran zu denken, zur├╝ck ins Gef├Ąngnis zu m├╝ssen. Es kam mir unwirklich vor, es war, als ob ich einen Traum gehabt hatte. Der Schmerz und die Bitterkeit, die auf mir lasteten, machten mir aber bewusst, dass alles wahr war. Mit Handschellen hinter dem R├╝cken holte mich eine Gruppe Polizisten aus dem Transporter. Die Aasgeier von Presse und Fernsehen hielten diese Bilder fest, um sie der kranken Gesellschaft zu ├╝bermitteln. Eine Polizeisperre hielt diese ├╝bergeschnappte Horde zur├╝ck. ├ťber mich war stets nur Schlechtes geschrieben worden, und dieses Mal sollte es nicht anders sein. Sie behandelten mich wie einen gef├Ąhrlichen Schwerverbrecher, wie eine aus ihrem K├Ąfig entflohene Bestie. Ein Spektakel, das ihnen bei hoher Einschaltquote erlaubte, ihre Demagogie weiterzuentwickeln. In Wirklichkeit war ich nichts anderes als ein kranker Mann in Ketten, der einfach nur in Freiheit sterben wollte, vielleicht in einem fernen Land, wo die Gesellschaft humaner war.

Sie brachten mich vor Richterin und Staatsanwalt. In der Amtsstube setzte ich mich auf einen Stuhl.

┬╗Gut, Tarr├şo┬ź, sprach mich der Staatsanwalt an, ┬╗die machen ja einen ganz sch├Ânen Aufstand da drau├čen.┬ź

┬╗Wieso hat der Wunsch frei zu sein einen derartigen Nachrichtenwert?┬ź fragte ich. ┬╗Um die Freiheit ist es wohl allgemein nicht so gut bestellt.┬ź

┬╗Werden Sie eine Aussage machen?┬ź brachte sich die Richterin in die Unterhaltung ein.

┬╗Nein.┬ź

┬╗Wie alt sind Sie?┬ź

┬╗Dreiundzwanzig.┬ź

┬╗Sie sind sehr jung. Weshalb verstricken Sie sich in so einen Schlamassel?┬ź

┬╗Schicksal, Sie wissen schon…┬ź

┬╗Jetzt wird es f├╝r Sie nur noch schlimmer, merken Sie das denn gar nicht? Unterschreiben Sie hier┬ź, bat sie mich und schob mir ein Papier zu.

Sie nahmen mir die Handschellen ab und ich unterschrieb das Papier, das mich wieder ins Gef├Ąngnis brachte. Dann sagten sie zu meiner Wache: ┬╗Sie k├Ânnen ihn mitnehmen.┬ź

┬╗Und mal sehen, ob sie nicht noch einmal ausbrechen┬ź, scherzte der Staatsanwalt.

┬╗Nein. Von nun an bleibe ich in der Zelle und stricke Pullover┬ź, antwortete ich mit Ironie und verlie├č das B├╝ro in Richtung Gef├Ąngnis.

Gef├Ąngnis Sevilla 2, 30. August 1991

Zwanzig Schlie├čer warteten auf mich auf dem Gel├Ąnde dieses modernen Gro├čgef├Ąngnisses. Es war erst vor kurzem von Antoni Asunci├│n eingeweiht worden. Kaum war ich durch die T├╝r, schon ergriffen sie mich und stie├čen mich vor sich her bis in die psychiatrische Abteilung. Dort legten sie mich auf einen Tisch, zogen mir die Hose herunter und machten anschlie├čend eine Reihe R├Ântgenaufnahmen. Sie hofften, in meinem Inneren verbotene Gegenst├Ąnde zu finden. Ich hatte nichts in mir. Dann nahmen sie mir die Polizeihandschellen ab und verpassten mir anstaltseigene. Ich kam in die Isolation. Dort schlossen sie die Handschellen wieder auf und wiesen mich an, mich auszuziehen. Sie ├╝bergaben mir einen blauen Overall und Plastiklatschen.

┬╗Was ist mit meiner Kleidung?┬ź fragte ich.

┬╗Vergiss deine Kleidung. Alles, was du von jetzt an tragen wirst, ist dieser Anzug┬ź, antwortete der Dienstleiter.

Ich streifte mir den Overall ├╝ber und zog mir die Latschen an. Geschm├╝ckt mit meinem brandneuen Str├Ąflingsanzug kam ich in eine der Zellen. Sie war vollkommen leer, es lag nur eine Matratze auf der metallenen Bettplatte. Ich trat ans Fenster.

┬╗Ist da jemand?┬ź rief ich.

Nach einer Weile antwortete mir eine Stimme: ┬╗Wer bist du?┬ź

┬╗Ich bin Jos├ę aus La Coru├▒a┬ź, stellte ich mich vor.

┬╗El Che?┬ź

┬╗Ja.┬ź

┬╗Was ist los, erkennst du mich nicht oder was? Ich bins Mann, Trancho!┬ź

Die Gegenwart meines Freundes tr├Âstete mich sehr. Das war alles, was ich in diesem Moment brauchte, da mein Mut bis unter den Nullpunkt gesunken war.

┬╗Sie haben mich gestern geschnappt und hier bin ich. Und du, was machst du hier?┬ź

┬╗Hier h├Ąnge ich ab, mit einem Overall, ohne Hofgang, ohne Economato, ohne Dusche, ohne alles… Das haben sie sich extra f├╝r uns ausgedacht.┬ź

┬╗Was?┬ź

┬╗Sie haben f├╝r uns neue Bedingungen geschaffen, FIES hei├čen die. Seit einem Monat geht das so, und es scheint, als ob es noch lange so weitergehen kann.┬ź

┬╗Bist du allein?┬ź

┬╗Nein. Hier ist noch Victor. Dein Landsmann Ayude und Barrot liegen in dem anderen Trakt an das Bett gefesselt. Auch Beni ist da und ein paar Leute, die du wahrscheinlich nicht kennst. Alle unter gleichen Bedingungen.┬ź

┬╗Und warum haben sie dich hierher gebracht?┬ź

┬╗Nach eurer Geiselnahme auf Teneriffa haben Anxo und ich versucht, von Puerto 1 abzuhauen, vom Gel├Ąnde. Sie haben uns gekriegt…┬ź

┬╗Und wo ist Anxo?┬ź fragte ich nach.

┬╗In Villanubla, und du glaubst nicht, wie es dort ist. Sie haben au├čerdem FIES-Trakte in Badajoz und in Ja├ęn 2 aufgemacht, und noch einen in Dueso, der den Ger├╝chten nach der schlimmste ist.┬ź

┬╗Das hat uns noch gefehlt┬ź, antwortete ich auf diese Flut schlechter Nachrichten. ┬╗Habt ihr gar nichts in der Zelle?┬ź

┬╗Nichts. Du hast auch nur Overall und Latschen, oder?┬ź

┬╗Ja.┬ź

┬╗So wie wir alle. Wir k├Ânnen uns nicht einmal rasieren oder duschen gehen, du kannst dir also vorstellen, wie es uns geht.┬ź

┬╗Schei├če!┬ź

Auf diesen Ausruf antwortete Trancho mit seinem ├╝blichen schallenden Gel├Ąchter.

┬╗Es sieht schlecht aus, Josi├▒o┬ź, sagte er.

Klarer Fall. Unter dem Vorwand der j├╝ngsten Geschehnisse in den spanischen Gef├Ąngnissen hatten Antoni Asunci├│n, gerade erst auf den Posten des Generalsekret├Ąrs des Gef├Ąngniswesens bef├Ârdert, und seine rechte Hand Gerardo M├şnguez Prieto, stellvertretender Direktor der Strafvollzugsaufsicht, in Zusammenarbeit mit dem Justizministerium unter Cuadra Salcedo die FIES-Sonderbedingungen geschaffen. Betroffen waren alle als besonders gef├Ąhrlich eingestuften Gefangenen, die an Aufst├Ąnden, Geiselnahmen oder Ausbruchsversuchen teilgenommen hatten, oder die einfach st├Ârten. Sie hatten ein Netzwerk aus Hochsicherheitsgef├Ąngnissen geschaffen, richtiggehende Bunker, in denen man uns eher begrub als einsperrte. Zu diesem Zweck brachen sie alle vorangegangenen Gesetze und handelten nach ihrem eigenen, wonach dem Rechtsstaat alles erlaubt war. Das Justizministerium brachte alle kritischen Stimmen aus der Richterschaft zum Schweigen und versprach Bef├Ârderungen. Den sich den Herrschenden anbiedernden Medien wurde eine Richtlinie unterbreitet, nach der sie von nun an alles verschweigen sollten, was mit den betroffenen Gefangenen im Gef├Ąngnis geschah. Sie sollten eine gegen uns eingenommene Stimmung schaffen, uns als Psychopathen hinstellen, damit die Leute diese Methoden akzeptierten, falls der ein oder andere ehrbare Jurist doch einmal etwas durchsickern lassen sollte. Man w├╝rde alle notwendigen Ma├čnahmen ergreifen und alles tun, um die Beschwerden der Gefangenen zu ersticken, APRE(r) zu zerschlagen und Ordnung und Disziplin in den Gef├Ąngnissen wiederherzustellen, mit Terrormethoden. Diese Methoden kannte ich, denn sie waren schon gegen COPEL angewandt worden. Die Unterdr├╝ckung sollte funktionieren, indem man den k├Ąmpferischen Geist der H├Ąftlinge neutralisierte und ihr Bewusstsein, indem man sie Angst sp├╝ren lie├č, ihr Nervensystem konstant bombardierte, bis sie wirksam annulliert waren. Schwere Zeiten kamen auf uns zu, wir wussten noch nicht, wie schwere…

Gef├Ąngnis El Dueso, Santo├▒a, September 1991

Um sechs Uhr morgens st├╝rmte eine gro├če Gruppe Schlie├čer in die Zelle, legte mir hinter dem R├╝cken die Handschellen an und stie├č mich in die Aufnahmeabteilung. Dort erwarteten mich mehrere Guardias Civiles, die mich ansahen, als ob sie neugierig waren, einen von den Typen kennenzulernen, die dazu f├Ąhig waren, zwei ihrer Kollegen au├čer Gefecht zu setzen. In ihren Augen stand Misstrauen geschrieben. Bosheit konnte ich aber nicht entdecken, was mich beruhigte. Sie ├╝bernahmen die Zust├Ąndigkeit f├╝r mich, wechselten die Handschellen und schlossen sie mir vor dem Bauch. Dann steckten sie mich in einen kleinen Transporter, und wir fuhren los. Ich wusste nicht wohin. Beim Verlassen des Gel├Ąndes versuchte ich, das herauszubekommen.

┬╗H├Âren Sie, agente┬ź, fragte ich, ┬╗wo fahren wir hin?┬ź

┬╗Nach Dueso┬ź, antwortete der Gruppenf├╝hrer. Nach einer Weile

f├╝gte er hinzu: ┬╗Ihr habt den Kollegen ganz sch├Ân zugesetzt,

was?┬ź

┬╗So ist das eben…┬ź

┬╗Wenigstens habt ihr ihnen nichts angetan, darauf kommt es an┬ź, mischte sich der Fahrer ein.

Ich ignorierte diesen Kommentar. Die Nachricht, dass das Ziel meiner Reise El Dueso hie├č, gefiel mir nicht. In diesem Moment war das die schlimmste M├Âglichkeit. Es war, als ob alle Ungl├╝cke auf einmal ├╝ber mich hereinbrechen wollten. Ich dachte an die Worte der Inspektoren der Generaldirektion auf Teneriffa nach der Geiselnahme und wusste nun, dass sie ihr Wort halten sollten. El Dueso war ein Nest von versierten Folterern. Dort sa├čen die schlimmsten Schlie├čer der Franco-├ära zusammen. Ich f├╝rchtete zu Recht um meine k├Ârperliche Unversehrtheit. Vor Oca├▒a 1, Puerto de Santa Mar├şa und Herrera de la Mancha war die Anstalt El Dueso mit Abstand das schlimmste Gef├Ąngnis im Land. Es war klar, dass das kein Urlaub f├╝r mich werden w├╝rde.

Ich hatte ├╝ber tausend Kilometer vor mir. Die verbrachte ich mit der Betrachtung der regionalen Landschaft, deren Sch├Ânheit von den verschwei├čten Gittern vor den kleinen Fenstern gemindert wurde. W├╝rde ich diese Gitter noch einmal von der anderen Seite sehen k├Ânnen? Dass die Natur uns wunderbarerweise mit Augen ausgestattet hatte, war nur zur H├Ąlfte gelungen. Warum fiel es uns so schwer, das Offensichtliche auszumachen und zu erkennen? Wir Menschen sollten ein Recht auf ein zweites Leben haben. Dieses Leben war ungerecht, tyrannisch und unduldsam mit den Menschen. Warum sch├Ątzten wir es dann so, wo der Tod doch vielleicht eine L├Âsung war?

Es war so kompliziert, den Dingen auf den Grund zu gehen. Es war leichter, sie einfach zu ignorieren. Im Abgrund der Absurdit├Ąt, versunken in Widersinn wohnten wir der Zerst├Ârung des Menschen durch den Menschen bei. Wenn die Justiz es ├╝bernahm, jemandes Leben kaputt zu machen, tat sie das endg├╝ltig. Ein absurder Wutanfall nur eines Herrschenden konnte die Zukunft einer ganzen Familie ├Ąndern und sie in Ungl├╝ck und Leid st├╝rzen. Ein einziges bescheuertes Urteil konnte f├╝r einen Menschen unsagbare Leiden bedeuten, ohne dass die Gesellschaft sich sch├Ąmte. Sie stimmte mit dem religi├Âsen Akt der Aus├╝bung ihres Wahlrechts zu. Mich und viele andere M├Ąnner und Frauen verschwinden zu lassen und die Gef├Ąngniskloake hinunterzusp├╝len w├╝rde nichts ├Ąndern und kein Problem l├Âsen, sondern nur noch mehr Probleme schaffen.

Wir hielten mehrmals zwischendurch an. Meine W├Ąchter fanden eine menschliche Geste und kauften mir ein belegtes Brot und eine Flasche Wasser. Wir a├čen und tranken und fuhren dann weiter. Ich schwieg die ganze Fahrt ├╝ber und sah durch das vergitterte Fenster auf Felder und Berge, in die Freiheit hinaus. Es wurde Nacht, als wir ├╝ber die Provinzgrenze von Santander fuhren. Dann geschah etwas, das ich nie vergessen werde. Wir hielten an einer Ampel, und neben uns hielt ein Viehtransport. Direkt in mein Fensterchen, genau vor mir, blickte mich ein Kalb mit gro├čen dunklen Augen an und leckte am Gitter seines K├Ąfigs, das es vielleicht mit dem Euter seiner Mutter verwechselte, die nun weit weg war. Wir sahen uns neugierig an, und ich fand, das wir etwas gemeinsam hatten, sogar ziemlich viel. Beide waren wir Vieh auf dem Weg ins Schlachthaus, nur dass es bei ihm schneller gehen w├╝rde. Beide waren wir Opfer derer, die sich als unsere jeweiligen Herren berufen f├╝hlten.

Als wir in El Dueso ankamen, war es Nacht geworden. Es war ein riesiges Gef├Ąngnis, in Bezug auf seine Fl├Ąche das gr├Â├čte im ganzen Land. Hinter den ersten Absperrungen fuhren wir auf einer kleinen Stra├če ├╝ber das Gel├Ąnde bis zur FIES-Abteilung, die soeben eingeweiht worden war. Sie hatte einen gesonderten Bau, wie um klarzumachen, dass hier ein anderer Strafvollzug umgesetzt wurde, ein besonderer. Der tr├╝bselige Anblick dieser Anstalt bei Nacht beeindruckte mich. Eine gro├če Gruppe sichtlich nerv├Âser Schlie├čer holte mich aus dem Transporter und brachte mich in ihre Abteilung. Noch in Handschellen f├╝hrten sie mich sofort in das untere Stockwerk, wo sich die Duschen befanden. Dort schlossen sie mich ein und nahmen mir die Handschellen durch das verriegelte T├╝rgitter hindurch ab. Von drau├čen befahl mir ein Schlie├čer:

┬╗Ziehen Sie sich aus.┬ź

Ich streifte den Overall ab und gab ihn heraus, wie auch die Plastiklatschen. Das war alles, was ich hatte.

┬╗Wenn Sie duschen wollen, k├Ânnen Sie das tun.┬ź

┬╗Ich habe kein Handtuch.┬ź

┬╗Wir holen Ihnen eins aus der Zentrale, das k├Ânnen Sie behalten.┬ź

Ich ├Âffnete den Hahn einer der Duschen und wartete auf das warme Wasser. Dann stellte ich mich unter den Wasserstrahl und benutzte ein kleines St├╝ck Seife, das ich dort vorfand, und wusch mich ohne Eile. Die Schlie├čer sahen mir dabei zu. Als ich fertig war, trocknete ich mich mit einem kleinen wei├čen Handtuch ab, das mir die Schlie├čer zusammen mit einem neuen blauen Overall und neuen Plastiklatschen ├╝bergeben hatten. Diese moderne Kleidung war dazu gemacht, uns am Rennen zu hindern und uns ├╝berall sofort als Gefangene erkennbar zu machen. Nordamerikanisches Vorbild nat├╝rlich. Ich zog die Str├Ąflingskleidung und die Latschen an.

┬╗Drehen Sie sich um.┬ź

Ich drehte mich um und stellte mich mit dem R├╝cken vor das T├╝rgitter des Duschraums. Hinterr├╝cks legten sie mir Handschellen an. Dann ├Âffneten sie die T├╝r, und eine gr├Â├čere Gruppe brachte mich an den Ort, an dem ich von nun an einsitzen sollte. Die Zellen lagen in einem Minitrakt im oberen Geschoss. Ein kalter Flur aus Kacheln, verschlossen mit einem alten Gitter aus langen und dicken Streben. Dahinter, in einer Reihe wie Grabstellen, die nummerierten Gr├╝fte. Ich bekam Nummer elf. Als ich drinnen war, schlossen sie die Gittert├╝r und nahmen mir die Handschellen ab. Dann schlossen sie die eigentliche T├╝r und lie├čen mich allein. Es war eine kleine Zelle mit einem metallischen Bett, einer Matratze, zwei Decken und einem Satz Bettlaken. Es gab ein Waschbecken, einen Holztisch ohne Stuhl und einen ebenerdigen Abort. Zwischen Gittert├╝r und Eisent├╝r brannte eine Gl├╝hbirne. In der oberen H├Ąlfte der Eisent├╝r gab es ein Guckfenster aus dickem Sicherheitsglas, und nach drau├čen eines mit Holzrahmen. Ich trat an das Fenster und ├Âffnete es. Hier gab es nur Einsamkeit und Stille. Vor der Abteilung lag ein gro├čer ummauerter Hof. Wenigstens waren die Fenstergitter halbwegs normal; sie waren allerdings ├╝ber Kreuz verst├Ąrkt mit zus├Ątzlichen Eisenstangen. Man konnte sie aber durchs├Ągen und auf diese Weise etwas versuchen. Zumindest eine Hoffnung, dachte ich, als ich sie sah. Eine Stimme rief mich aus einem anderen Fenster:

┬╗Wer ist da gekommen?┬ź

┬╗Wer bist du?┬ź fragte ich dagegen.

┬╗Juanjo Garfia.┬ź

Zu wissen, das ein Freund in der N├Ąhe war, hob meine Stimmung.

┬╗Ich bin Jos├ę.┬ź

┬╗Wann bist du gekommen?┬ź

┬╗Eben gerade, aus Sevilla 2┬ź

Wir hatten beide enorme Lust miteinander zu sprechen. Eine Unterhaltung begann.

┬╗Und was hast du da gemacht?┬ź

┬╗Sie haben mich da geschnappt, im Busbahnhof.┬ź

┬╗Das hei├čt, du bist abgehauen? Wir kriegen hier ├╝berhaupt nichts mit.┬ź

┬╗Wer ist noch hier?┬ź fragte ich.

┬╗Pedro V├ízquez, ein Baske. Netter Kerl.┬ź

┬╗Das war so┬ź, erz├Ąhlte ich, ┬╗Juan und ich sind vom Schiff abgehauen, das zwischen C├ídiz und Teneriffa verkehrt. Kennst du ja…┬ź

┬╗Und Juan?┬ź

┬╗Ist noch frei, wenigstens habe ich nicht geh├Ârt, dass sie ihn geschnappt h├Ątten. Als ich bei der Polizei war, suchten sie ihn noch.┬ź

┬╗Mann, wie geil! Und wie geht es dir?┬ź

┬╗Gut. Ein bisschen geschockt von dem hier…┬ź

┬╗Du machst dir noch gar keine Vorstellung, Jos├ę. Wir sind hier seit zwei Wochen, und es ist immer noch wie am ersten Tag. Sie lassen uns nicht auf den Hof raus und wir haben keinen Besuch, nicht von der Familie und nicht vom Anwalt. Wir sind v├Âllig isoliert und kriegen nicht einmal mit, was drau├čen los ist, denn es gibt keine Presse und kein Radio, nichts.┬ź Nach einer Pause sagte er: ┬╗Sie lassen uns nur ein Handtuch, eine zur H├Ąlfte abges├Ągte Zahnb├╝rste, Seife, eine Rolle Klopapier und den Anzug. Die Decken und die Matratze nehmen sie uns morgens ab, nach dem Z├Ąhlappell. Um acht also, und sie geben sie uns bis zehn Uhr abends nicht wieder.┬ź

┬╗Mach keinen Schei├č!┬ź rief ich.

┬╗Du wirst schon sehen┬ź, versicherte er mir und musste lachen.

┬╗Die haben sich hier etwas ganz Nettes f├╝r uns ausgedacht.┬ź

┬╗Und was ist mit dir?┬ź wollte ich wissen.

┬╗Die GEOS haben die Wohnung gest├╝rmt, in der ich ├╝bernachtet habe. Sie haben mir nur Zeit gelassen f├╝r ein paar Mal ficken und ein paar Bankraube…┬ź

┬╗Wenigstens hast du dir den Schwanz anfeuchten k├Ânnen, ich nicht mal das.┬ź Wir mussten beide Lachen.

┬╗Staatsfeind Nummer eins also, was?┬ź

┬╗Dummheiten der Presse, Jos├ę.┬ź

Ich war m├╝de von der Reise und legte mich nach der Unterhaltung mit meinem Freund hin. Mit alten Gef├Ąngniscodes hatte Juanjo mich wissen lassen, dass die Chance bestand, etwas zu versuchen. Ich vermutete, dass sich im Trakt eine S├Ąge befand. Ich freute mich. Mit dieser Hoffnung im Sinn ├╝berfiel mich der Schlaf.

Am n├Ąchsten Morgen, ich war noch sehr schl├Ąfrig, erschien eine Gruppe Schlie├čer in der Zelle. Ich stand auf und zog mir den Overall an. ┬╗Was ist los?┬ź

┬╗Wir m├╝ssen Ihnen Handschellen anlegen. Drehen Sie sich um.┬ź

Ich trat an das Gitter und lie├č mir Handschellen anlegen. Dann ├Âffneten sie die T├╝r und f├╝hrten mich in eine andere Zelle. Sie nahmen Matratze, Decken und Laken mit und brachten mich wieder zur├╝ck. Danach machten sie dasselbe mit Juanjo und Pedro. Dann gingen sie. Ich war immer noch m├╝de, breitete das Handtuch auf der Metallplatte aus und legte mich darauf. Eine Weile sp├Ąter brachten sie das Fr├╝hst├╝ck.

┬╗Stellen Sie sich in die Ecke┬ź, befahl mir der Schlie├čer.

Sie legten auf ein kleines an das Gitter geschwei├čtes Tablett ein Br├Âtchen und einen Becher verw├Ąsserter Milch. Das Gitter hatte ein Loch, durch das ich mir das Essen holen konnte.

┬╗Ab heute stellen Sie sich immer wenn die T├╝r aufgeht in den hinteren Bereich der Zelle, mit den H├Ąnden sichtbar ausgestreckt. Und sp├Ąter holen Sie sich das Fr├╝hst├╝ck oder was auch immer, verstanden?┬ź

Ich antwortete nicht. Es schien, als sei das ernst gemeint. Ich a├č hungrig das Brot und trat dann ans Fenster, um mit meinen Genossen zu reden.

┬╗Guten Morgen, Juanjo┬ź, rief ich.

┬╗Guten Morgen.┬ź

┬╗Krass, wie diese Typen hier drauf sind, was?┬ź

┬╗Hab ich dir doch gesagt. Im Moment ist das Beste, abzuwarten was passiert. Sie sind sehr ver├Ąrgert. Ich glaube nicht, dass es noch lange so weitergeht.┬ź

An diesem Morgen hatte ich meinen ersten Kontakt mit den M├Âwen. Es gab dutzende. Sie waren klein und wei├č, hatten schwarze Augen und orangene Schn├Ąbel. Sie kamen vom Strand und dem K├╝stenland um das Gef├Ąngnis, setzten sich auf die Mauer oder landeten im Hof und suchten Nahrung. Wir warfen ihnen Brotkugeln zu, um die sie sich mit den wendigen Spatzen stritten. Ich sah mir die V├Âgel an, als die T├╝r aufging. Mehrere Schlie├čer betraten in Begleitung von Leuten in Zivilkleidung die Zelle.

┬╗Wir m├╝ssen einige Tests an Ihnen durchf├╝hren, Tarr├şo┬ź, sagte einer von ihnen.

┬╗Was f├╝r Tests?┬ź

┬╗R├Ântgenbilder.┬ź

┬╗Erst vor zwei Tagen wurden R├Ântgenaufnahmen gemacht, in Sevilla 2.┬ź

┬╗Egal, wir m├╝ssen neue machen.┬ź

┬╗Nein.┬ź

Einer der Zivilisten mischte sich ein und stellte sich als stellvertretender medizinischer Leiter vor. Ich las auf seinem Schild den Namen Enrique Ac├şn. ┬╗Wenn du dich weigerst, zwingst du uns, die Bilder mit Gewalt zu machen.┬ź

┬╗Nur zu, wenn Sie meinen…┬ź

Sie schlossen die T├╝r und versuchten es bei meinen Genossen.

Sie bekamen dieselbe Ablehnung. Wir waren ihnen wehrlos ausgeliefert. Wir gingen an die Fenster und redeten:

┬╗Was haben sie zu euch gesagt, Juanjo?┬ź

┬╗Dasselbe wie zu dir.┬ź

┬╗Was k├Ânnen wir tun?┬ź fragte Pedro.

Wir diskutierten diese Frage bevor sie zur├╝ckkamen. Wir konnten nichts anderes tun, als die Aufnahmen machen zu lassen, wir konnten es nicht verhindern. Falls wir uns weigerten, w├╝rden sie uns zusammenschlagen und die Aufnahmen genauso anfertigen. Diese paar Minuten kamen uns auf jeden Fall gelegen, damit Juanjo und Pedro ihre S├Ągen an einen sicheren Ort bringen konnten. Als die Schlie├čer mit Kn├╝ppeln bewaffnet und mit Handschellen wiederkamen, leisteten wir keinen Widerstand, und sie holten einen nach dem anderen aus der Zelle. Sie legten uns unter einen R├Ântgenapparat, den sie im Trakt aufgebaut hatten, zogen uns den Anzug herunter und machten mehrere Aufnahmen. Mehrere Schlie├čer hielten uns solange fest. Nach dieser Erniedrigung brachten sie uns zur├╝ck in die Zellen. In der medizinischen Akte sollte stehen, dass wir die Aufnahmen aus freien St├╝cken hatten machen lassen, oder sie wurden gar nicht erw├Ąhnt.

Vieles von dem, was im Gef├Ąngnis stattfand, war nichts als unverbl├╝mtes Sklaventum, verdeckt von theoretisch fortschrittlichen Verordnungen und von irref├╝hrenden technischen Begriffen. Wenn sie uns zum Beispiel siezten, wurde so die Realit├Ąt mit einem scheinbaren Respekt verdeckt, w├Ąhrend die Behandlung dieselbe blieb. Es ist dem Gefangenen egal, ob er unter der Folter geduzt oder gesiezt wird. Es war widersinnig, jemanden zu sietzen und ihn aufzufordern, nackt Kniebeugen zu machen oder nach dem Empfang von Besuch in einen Eimer kacken zu lassen, was auch in den Anstalten zweiten Grades normal war. Es war ekelhaft und absto├čend, dass sich jemand Arzt schimpfte, der diese Praxis mit R├Ântgenstrahlen zulie├č und verdunkelte. Wir konnten leicht einen Krebs davontragen, so oft wie wir den Strahlen ausgesetzt waren. Dasselbe Muster galt f├╝r den Namen der Institution. ┬╗Gef├Ąngnis┬ź hatte man durch ┬╗Strafvollzugsanstalt┬ź ersetzt, ┬╗Schlie├čer┬ź durch ┬╗Beamter┬ź, ┬╗Folter┬ź durch ┬╗unangemessene H├Ąrte┬ź (ha, ha, ha), ┬╗Pr├╝gel┬ź durch ┬╗Behandlung┬ź. Damit und mit ein paar G├Ąrten um die Gef├Ąngnisse wollte die Beh├Ârde der Gesellschaft ein ┬╗humaneres┬ź Bild vermitteln, ein falsches, scheinheiliges und zynisches Bild, das die harte Realit├Ąt in den wirklichen Gef├Ąngnissen vertuschen sollte. Und was uns gerade passiert war, sollte nur der Anfang sein. Diese Realit├Ąt sollte ihren h├Âchsten Ausdruck erst noch erfahren.

An diesem Nachmittag rief ich den Schlie├čer, damit er mir Schreibpapier und Kugelschreiber brachte. Ich wollte einen Brief an eine Freundin in Bilbao schreiben und sie bitten, zu mir zu kommen. Der Schlie├čer brachte mir ein einziges Blatt und die Mine eines Kugelschreibers.

┬╗Sie schreiben den Namen der Person, die den Brief erhalten soll, und ihren eigenen an das Ende, und wir schicken ihn zur Genehmigung nach Madrid. Wenn Sie fertig sind, geben Sie mir die Mine und das Blatt. Verstanden?┬ź

Ich schrieb den Brief an meine Freundin. Sie hie├č Ana und ich hatte sie in La Coru├▒a kennengelernt, vor Jahren. Wir waren verknallt gewesen und ich hoffte, sie w├╝rde die richterliche Erlaubnis bekommen, mich zu besuchen. Ich schickte ihr die Telefonnummer meiner Familie in Galizien, damit sie sie anrief und sie dar├╝ber auf dem Laufenden hielt, wo ich mich befand. Ich erz├Ąhlte nichts davon, wie wir hier lebten, damit der Brief sie erreichte. Wenn sie dieses ganze System aus Eingriffen in unsere Privatsph├Ąre geschaffen hatten, dann war es, um zu verhindern, dass etwas ├╝ber unsere Situation nach au├čen drang. Ich hoffte, sie w├╝rde kommen. Als das Abendessen gebracht wurde, gab ich das Blatt und die Mine ab. Ich holte mir das Essen und a├č im Stehen vor dem Fenster, w├Ąhrend ich mich mit meinen Freunden unterhielt.

┬╗Das geht zu weit! Wir m├╝ssen etwas dagegen tun┬ź, sagte ich.

┬╗Sie haben uns ganz sch├Ân am Sack, Jos├ę┬ź, sagte Juanjo. ┬╗Am besten, wir warten ein paar Tage ab, mal sehen, was sie machen. In der Zwischenzeit treiben wir Sport. Ihr wisst schon…┬ź

Ein paar M├Âwen drehten immer noch frei ihre Runden und es machte Spa├č, ihnen die Reste des H├╝hnchens zuzuwerfen, das sie uns zum Essen gebracht hatten. Ich fand es lustig, dass man die Knochen von den H├╝hnerbeinen entfernte, damit wir keine Messer daraus machen konnten. Diese Irren hatten zu viele James-Bond- Filme gesehen. Genauso lustig fand ich die Gier der M├Âwen und die K├Ąmpfe, die sie sich lieferten um ein St├╝ck Huhn. Ohne Zaudern hackten sie aufeinander ein. Die verschlagensten warteten auf der Mauer, bis eine M├Âwe sich ein St├╝ck erk├Ąmpft hatte, und ├╝berfielen sie dann von hinten. Die ├╝berfallene M├Âwe versuchte dann erschrocken und aufgebracht die andere zu verfolgen, doch zwecklos. Mit der Zeit sollte ich feststellen, dass diejenigen, die die anderen M├Âwen ├╝berfielen, das aus der Unf├Ąhigkeit heraus taten, mit den anderen zu k├Ąmpfen. Um zu ├╝berleben nutzten sie also die Vorteile aus, die sie vor den anderen hatten: Hinterlist und Schnelligkeit. Die M├Âwen waren eine der Spezies, die sich am besten an den Menschen und seine St├Ądte angepasst hatten, an die Umweltverschmutzung. Das garantierte ihr ├ťberleben. Sie waren intelligent und hatten wie die Ratten Abf├Ąlle zu ihrer Grundnahrung gemacht. Sie w├╝rden nie Hunger leiden.

Um acht kamen die Schlie├čer zur Durchsuchung. Demzufolge, was mein Freund Juanjo mir erz├Ąhlt hatte, w├╝rde das jeden Tag nach dem Abendessen anstehen. Sie befahlen mir, die Kleidung abzulegen und durchsuchten den Overall. Dann legten sie mir Handschellen an und brachten mich in eine andere Zelle, um meine zu durchsuchen. Sie schlugen mit einer Stange an die Gitterstreben und pr├╝ften, ob sie anges├Ągt waren. Nach der Durchsuchung brachten sie mich in die Zelle zur├╝ck. Ungef├Ąhr um zehn legten sie mir erneut Handschellen an und schoben Matratze, Decken und Laken in die Zelle. Das alles war ein Irrsinn, der im Stande war, das widerst├Ąndigste Hirn zu zermartern, falls das so weiterging. Wir hofften, es w├╝rde nicht so weit kommen.

├ťber den Dienstleiter erreichten wir wenigstens, dass uns B├╝cher aus der Bibliothek gebracht wurden. Wie erhielten die Erlaubnis nur unter der Bedingung, dass wir die B├╝cher nicht untereinander austauschten oder dieselben Titel bestellten und lasen. Man wollte nicht, dass wir uns ├╝ber die B├╝cher Nachrichten zukommen lie├čen. Wir waren gro├če Leser, was uns neben dem Sport und den langen Gespr├Ąchen dabei half, Einsamkeit und Entfremdung zu bek├Ąmpfen. Sie erlaubten uns zu duschen, wir mussten allerdings mit Handschellen auf dem R├╝cken und einer bedeutenden Begleitung in die Duschen hinunter gehen, nur mit dem Handtuch um die H├╝fte bekleidet. Dieser Ablauf musste eingehalten werden, wenn wir duschen wollten. Das taten wir dann dort unten, nackt vor unseren Schlie├čern, ohne eine Sekunde Intimit├Ąt. Es war absto├čend, den Blick dieser Schweine auf deinen K├Ârper gerichtet zu f├╝hlen, dreckige und unanst├Ąndige Blicke. Ja, es war erniedrigend.

Pedro, Juanjo und ich organisierten uns schnell so gut wir konnten gegen das alles. Wir lasen viel und machten st├Ąndig ├ťbungen. Wir machten uns gegenseitig Mut. Garfia und ich bastelten aus Buchseiten winzige Schachspiele mit kleinen Spielsteinen aus gemalten Figuren ÔÇô wir hatten zum Schein um Briefpapier und Kugelschreibermine gebeten. Dann spielten wir lange Partien, leise und vorsichtig, damit sie uns nicht h├Ârten und uns die Spielbretter wegnahmen. Wir mussten sehr aufpassen, dass sie sie bei der Durchsuchung nicht fanden; die Schachspiele waren alles, was wir hatten und wir mussten sie retten. So verlief die erste Woche in Dueso. Es war das Gef├Ąngnis im Gef├Ąngnis. Sie lie├čen uns nicht auf den Hof und nicht telefonieren. Sie erlaubten uns keinen Kontakt zu den Anw├Ąlten. Denen sagten sie, wir seien woanders oder gerade verlegt worden. Sie nahmen uns morgens die Matratzen weg und gaben sie erst abends wieder heraus, sie durchsuchten weiter jeden Abend Zelle und Person, wobei wir uns immer nackt ausziehen mussten. Die Kleidung war auch immer noch dieselbe: Ein blauer Overall und Plastiklatschen. Nichtsdestotrotz nahmen wir es mit Humor. Wir sahen aus wie Maurer. Der Anzug, den sie mir gegeben hatten, war etwas zu klein, die Hosenbeine hingen oberhalb der Kn├Âchel und die ├ärmel kurz vor den Ellbogen. Bei Juanjo war es genau anders herum, wie er sagte. Sie hatten ihm einen viel zu gro├čen Overall gegeben, er musste Beine und ├ärmel hochkrempeln. Pedro schien einen in seiner Gr├Â├če abbekommen zu haben. Es war schon komisch. Die ├ärzte f├╝hrten ganz gelassen jeden Tag ihre Visite durch und boten uns alle m├Âglichen Drogen an. Sie behaupteten, nichts f├╝r uns tun zu k├Ânnen, au├čer uns unter Tranquilizer zu setzen, wenn wir sie brauchten. Wir weigerten uns, medizinische Hilfe von diesen B├╝tteln der Vollzugsbeh├Ârde anzunehmen.

Wie zu erwarten war, verkomplizierte sich bald die Situation. In der zweiten Woche dort verlor Pedro V├ízquez die Nerven und weigerte sich nach dem Mittagessen, dem Schlie├čer das Tablett auszuh├Ąndigen. Das mussten wir aber sofort nach Mittag- und Abendessen, denn wir durften nichts in der Zelle haben, das fester war als Stoff, Papier oder das St├╝ck Seife, die sie ├╝brigens bald durch Fl├╝ssigseife ersetzen sollten. Von unseren Zellen aus h├Ârten wir die Diskussion:

┬╗Geben Sie das Tablett heraus!┬ź schrie ein Schlie├čer auf dem Flur.

┬╗Nein. Komm doch rein und holÔÇÖs dir, wenn du willst.┬ź

┬╗Wenn wir reinkommen ist es nur schlimmer f├╝r dich.┬ź

┬╗Schlimmer als was ihr jetzt schon mit uns macht? Das geht nicht. Wir sind hier seit fast einem Monat wie Hunde eingesperrt, ohne Hof, ohne Kommunikation… Ich habe die Nase voll von dem hier und von euch allen.┬ź

Sie schlossen die T├╝r und gingen. Kurz darauf kam eine ganze Horde, mit Schlagst├Âcken und Helmen. Sie ├Âffneten die Zellent├╝r unseres Genossen und dann das Gitter. Sie st├╝rmten hinein und schlugen Pedro. Als er am Boden lag, schlossen sie ihn mit den H├Ąnden hinter dem R├╝cken an das Gitter. Ich war von Wut ergriffen, konnte mich nicht zur├╝ckhalten und h├Ąmmerte an die T├╝r, als die Schlie├čer vorbeigingen.

┬╗Was willst du?┬ź antwortete mir einer und blickte durch das Guckfenster.

┬╗Machen Sie die T├╝r auf┬ź, bat ich ihn.

Er ├Âffnete die T├╝r und n├Ąherte sich mir: ┬╗Was ist los?┬ź

Durch das Gitter ergriff ich ihn dann am Hals. ├ťberrascht von meiner Reaktion warf er sich nach hinten und versuchte, mit einem Tritt meinen Arm zu treffen.

┬╗Ihr seid ein Haufen feiger Hunde┬ź, rief ich. ┬╗Ihr habt ├╝berhaupt keinen Grund, meinen Genossen zu schlagen…┬ź

┬╗Bringt die Schl├╝ssel┬ź, bat er seine Kollegen.

Ich ging an das Fenster, riss den Holzrahmen aus den Angeln und stellte mich damit vor das Gitter.

┬╗Mal sehen, ob du zuerst reinkommst, Feigling┬ź, sagte ich zu dem Schlie├čer.

D├╝nn und mit einem t├╝ckischen Antlitz, hatten wir diesen Schlie├čer den ┬╗Totenkopf┬ź getauft. Er war ein Schl├Ąger. Ihm gefiel es, sich an dem Gef├╝hl der Macht zu laben, die ihm dieser schmutzige Beruf verlieh. Man sah es an seinen Augen und an seiner Gestik. Eingesch├╝chtert von meinem Auftreten gingen sie und suchten Verst├Ąrkung und Schilde. Es kam ein knappes Dutzend. Die T├╝ren gingen auf. Die Horde st├╝rmte herein und sch├╝tzte sich mit Plastikschilden vor meinen Schl├Ągen. Der Totenkopf kam als Letzter. Sie stie├čen mich mit den Schilden nach hinten, dr├╝ckten mich an die Wand und nahmen mir dort das Fenster aus der Hand. Die Kn├╝ppelhiebe regneten nur so herab. Ich sackte zusammen und kr├╝mmte mich auf dem Boden. Instinktiv versuchte ich mit den H├Ąnden das Gesicht zu sch├╝tzen, schaffte es aber nicht. Ich sp├╝rte eine Reihe Tritte in die Rippen, und mir entfuhr der ein oder andere Schmerzenslaut. Dann schleiften sie mich bis an das Gitter und schlossen mich daran fest. Als ich mit den H├Ąnden hinter dem R├╝cken gefesselt war, wandte sich Totenkopf an mich.

┬╗Und w├Ąre ich alleine hereingekommen, es w├Ąre dasselbe gewesen┬ź, gab er an.

Als sie weg waren, brummte mir heftig der Sch├Ądel. Trotz der Erregung konnte ich mit anh├Âren, wie sie mit Juanjo diskutierten und sich darauf vorbereiteten, zu ihm hineinzugehen und ihn zu verpr├╝geln. Er hatte sich in Solidarit├Ąt mit uns in der Zelle verschanzt. Ich rief laut seinen Namen: ┬╗Juanjo, Juanjo…┬ź

┬╗Was?┬ź antwortete er durch sein Zellenfenster.

┬╗Lass es sein, du erreichst nichts, nur dass sie dich schlagen. Bleib ruhig, mir geht es gut. Lass es sein, ernsthaft…┬ź

┬╗Geht es dir wirklich gut?┬ź

┬╗Ja.┬ź

Obwohl er keinen Widerstand zeigte, einfach weil er sich solidarisiert hatte, schlossen sie ihn genauso wie uns an das Gitter, schlugen ihn aber nicht. Pedro hatte sich inzwischen m├╝hsam aufgerichtet und das Waschbecken von der Wand getreten. Er beschimpfte weiter die Schlie├čer. Die aber gingen und lie├čen uns dort allein, gefesselt. Eine f├╝rchterliche Stille breitete sich in der Galerie aus. Einmal mehr hatten unangreifbare Ungerechtigkeit und Missbrauch stattgefunden. Das war nur eine Machtdemonstration der Beh├Ârde, eine Demonstration ihrer Methode. Wir riefen uns zu:

┬╗Jos├ę!┬ź

┬╗Sprich!┬ź

┬╗Wie geht es dir?┬ź

┬╗Ich bin ein bisschen platt. Ich glaube mit Platzwunden am Kopf.┬ź

┬╗Arschl├Âcher!┬ź

┬╗Und du? Wie gehtÔÇÖs?┬ź

┬╗Von hinten an das Gitter geschlossen.┬ź

┬╗Und du Pedro?┬ź

┬╗Ich bin OK┬ź, rief er uns von der anderen Seite der Galerie aus zu. ├ťber den Flur h├Ârten wir deutlich das Echo seiner Stimme. ┬╗Sie haben mir eins ├╝bergebraten und jetzt bin ich hier festgeschlossen.┬ź

┬╗Was hast du kaputtgemacht?┬ź fragte ich ihn.

┬╗Das Waschbecken. Ich konnte nichts anderes machen, ich bin gefesselt…┬ź

Unverst├Ąndlicherweise mussten wir lachen. Wir redeten weiter und schimpften noch eine gute Weile auf die Schlie├čer. Dann wurde es wieder still, grabesstill. Die Position war langsam unbequem. Sie hatten uns so angeschlossen, dass wir uns weder ganz hinsetzen noch richtig hinstellen konnten. Nach ein paar Stunden war das eine ziemlich schmerzhafte Tortur. Wir hofften, sie nahmen uns zur Nacht die Handschellen ab, doch da irrten wir. Gegen zehn kamen sie mit mehreren Decken in die Galerie, gingen die Zellen ab und warfen eine Decke auf jeden von uns. Als sie bei mir waren, stie├č ich mit den Beinen die Decke weg. Einer von ihnen provozierte mich:

┬╗W├Ąre ich heute Nachmittag hier gewesen, h├Ąttest du ordentlich was abbekommen…┬ź

Ich machte den Fehler, ihm auf den Leim zu gehen.

┬╗Nimm mir doch die Fesseln ab und zeigÔÇÖs mir!┬ź sagte ich.

┬╗Du bist auch noch frech?┬ź rief er und trat gegen meinen Kopf.

Meine Stirn knallte auf die Fliesen an der Wand und eine von ihnen ging dabei kaputt. Ich hatte einen Schnitt an der rechten Augenbraue. Ich f├╝hlte wie das Blut ├╝ber meinen Kopf lief und wie zwei neue Tritte auf mein Gesicht trafen. Ich konnte h├Âren, wie mein Freund Juanjo sie beschimpfte, w├Ąhrend einer von ihnen meine Handschellen enger stellte. Der Stahl dr├╝ckte sich in meine Handgelenke. Ich brauchte eine Weile, um die Benommenheit abzusch├╝tteln. Die Schlie├čer verschlossen Gitter und T├╝r und gingen.

┬╗Was ist passiert, Jos├ę?┬ź fragte mich Juanjo.

┬╗Nichts. Ein Arschloch hat mich ein paar mal getreten…┬ź

┬╗Feiglinge!┬ź

Ich war unheimlich w├╝tend. Ich drehte den Kopf dem Fenster zu und sah in den schwarzen Sternenhimmel, um die verhassten wei├čen W├Ąnde zu vermeiden. Das Blut rann mir immer noch ├╝ber das Gesicht und lie├č ein Auge halb erblinden. In diesem Moment h├Ątte jeder von uns, h├Ątte er eine Waffe, ohne Z├Âgern ein Massaker veranstaltet. Indem sie das ┬╗Recht┬ź auf diese Weise mit F├╝├čen traten, potenzierten sie in uns die Gewalt. Man forderte uns f├Ârmlich dazu auf, die Hemmschwelle der l├Ąstigen Todesangst zu ├╝berwinden und daran zu denken, ein Massaker zu veranstalten. Dies war die Wirkung bei einigen. Bei anderen waren es Selbstmordgedanken. Tief ergriffen von Wut und Hass litten wir unter unserer Ohnmacht, unter der Ungerechtigkeit und der feigen Folter. Den ganzen Tag in Ketten, die ganze Nacht nackt, wie Vieh unter R├Ântgenapparate geschoben, waren unsere Herzen so voll des B├Âsen, dass in ihnen nur noch Platz war f├╝r Wut und Rachegel├╝ste. Wie sollten wir ├╝ber alles hinwegsehen, ├╝ber den blauen Overall, die Eisesk├Ąlte, ├╝ber den Gedanken an AIDS, der in meinem Kopf herumgeisterte? Wie sollte ich nicht mit Hass darauf reagieren, dass mein Genosse zusammengeschlagen wurde? Die Seele weinte t├Âdlich gekr├Ąnkt; dieses Begraben des Mitleids unter den Menschen, diese Gitter, die Handschellen, diese schweinischen Blicke, diese Kerker, diese h├Âllische Unterwelt, in der es immer noch eine Steigerung gab. Hass in der Stille, Tr├Ąume von sadistischem Totschlag in durchwachten N├Ąchten, in denen die Gedanken w├╝tend umherirrten, in denen sich der Tyrann im Herzen aufbaute, auf tie- fem Schmerz in der Seele. Dieses vergewaltigende Mustern durch das gl├Ąserne Guckfenster, diese dreckige Defloration aller Intimit├Ąt, dieses Fertigmachen der gefangenen Person mit st├Ąndig erweitertem Repertoire, dieses Treiben in Selbstmord, Irrsinn und Hoffnungslosigkeit. Wie konnte ein Mensch das alles ├╝berleben und dabei normal bleiben?

Es gab im Gef├Ąngnis keine gef├Ąhrlichen Menschen: Die gef├Ąhrlichen Menschen wurden dort gemacht, das war ein gro├čer Unterschied. Die Einf├Ąltigkeit dieser barbarischen Methoden stellte die Geltung und das Funktionieren dieses sogenannten Rechtsstaats blo├č. Doch wen interessierte, was los war in den Gef├Ąngnissen? Niemanden, das war klar. Die Gesellschaft brauchte sich nicht darum zu k├╝mmern, was mit einer Handvoll vandalischer APRE(r)-Mitglieder geschah. Es reichte, dass die Schlie├čer ihre Arbeit taten: Die Drecksarbeit. Unter dem Strich waren wir diejenigen, die sich in Freiheit zusammentaten, um auf ihre Kosten zu leben. Ich gestand der Gesellschaft das Recht zu, uns, die ┬╗B├Âsen┬ź, zu verachten. Ich gestand ihr sogar das Recht auf Rache zu. Ja, ohne Zweifel. Doch was ich nicht akzeptieren konnte war, wenn jemand sich selber dabei als ehrbaren Staatsb├╝rger bezeichnete. Ich gestand diesen Leuten nicht das Recht zu, nach ihren Gesetzen in Freiheit zu leben, wenn sie diese selbst grob verletzten, mit einer ganzen Reihe ihrem eigenen Gesetz zufolge schwerer Straftaten kollaborierten oder ihr eigenes Geld daf├╝r hergaben und mit ihrem Schweigen und ihrer W├Ąhlerstimme dabei mithalfen. Die uns geringsch├Ątzten, verachteten sich in Wirklichkeit selbst in ihrem sch├Ąbigen Kleinmut.

Wo blieb die Ethik der freien Menschen? Wo die Gleichheit vor dem Gesetz? Geduckt in feigen Zynismus, Parteilichkeit, Egoismus. Sie genossen es, zur Herde zu geh├Âren, ihren Hirten ┬╗Staat┬ź nennen zu d├╝rfen und ihr Gewissen den ┬╗Mehrheitswillen┬ź. Es gab nichts Niedrigeres, als das Benehmen eines feigen und b├Âsen Schlie├čers; nichts, au├čer einer Bev├Âlkerung, die zu feige war, ihn daf├╝r zur Rechenschaft zu ziehen.

Die Nacht verging langsam, und der Schmerz in den steifen Armen wurde unertr├Ąglich. Ich probierte unterschiedliche Stellungen aus, doch ich erreichte nur noch st├Ąrkere Schmerzen. Bald sp├╝rte ich kalte Feuchtigkeit auf meinem K├Ârper, besonders an den nackten F├╝├čen. Ich streckte mich so gut es ging, und mit ausgestreckten Beinen reichte ich bis an die Decke, die ich Stunden zuvor weggesto├čen hatte. Ich zog sie zu mir heran und legte sie mir um die F├╝├če. Ich versuchte zu schlafen, doch das war unm├Âglich. Ich versuchte, mich auf andere Gedanken zu bringen und nicht auf den Schmerz zu achten. Ich dachte an die Vergangenheit und traf in meiner Vorstellung alte Freunde wieder. Weit lag meine Zeit im Internat zur├╝ck, diese herrlichen Zeiten, in denen Freundschaft und Abenteuer uns st├Ąrker als je zusammengeschwei├čt hatten. Ich musste l├Ącheln, als ich mich an meinen Freund Chico erinnerte und daran, wie wir einmal in eine Textilfabrik eingebrochen waren. Was f├╝r eine ├ťberraschung, als wir entdeckten, dass es sich bei der dort gelagerten Kleidung um Intimw├Ąsche f├╝r Damen handelte, hauchd├╝nne durchsichtige Slips mit kleinen Schleifchen als Halter und B├╝stenhalter mit alarmierenden Korbgr├Â├čen. Ich hatte laut lachen m├╝ssen, als Chico in dem Geb├Ąude ein B├╝ro durchst├Âberte und mit einem Korsett und einem wei├čen Slip erschien, den er sich mit den H├Ąnden an die H├╝fte hielt. Er schickte mir von der B├╝rot├╝r aus ein paar K├╝sschen her├╝ber und fragte: ┬╗Na, wie sehe ich aus?┬ź ÔÇô wir brachen beide in Gel├Ąchter aus. Oder jenes andere Mal, als wir aus der Erziehungsanstalt in Palavea abgehauen waren, nachdem wir die Erzieher eingeschlossen hatten, und in derselben Nacht mit einem gestohlenen Auto, einer Flinte des Kalibers zw├Âlf und unseren Freunden zur├╝ckkamen. Einer steuerte das Auto im Kreis um das Erziehungsheim und wir anderen schossen vom R├╝cksitz aus abwechselnd auf die Glasscheiben der staatlichen Anstalt, die damals f├╝r unsere Unterdr├╝ckung zust├Ąndig war. Ohne Zweifel waren das zwei meiner sch├Ânsten Jugenderinnerungen. Wunderbare Zeiten.

├ťber diesen Erinnerungen wurde es Tag. Ich kehrte in die Realit├Ąt zur├╝ck und ertrug so gut es ging die K├Ąlte, vor allem aber den Schmerz in den gefesselten Armen. Ich musste noch ein paar Stunden l├Ąnger aushalten, bis eine Gruppe Schlie├čer die Zellent├╝r ├Âffnete.

┬╗Tarr├şo, wir werden Ihnen die Fesseln abnehmen. Wenn Sie irgendetwas versuchen oder etwas kaputtmachen, fesseln wir Sie wieder, verstanden?┬ź

Ich war v├Âllig fertig und antwortete beruhigend: ┬╗Von mir aus gibt es kein Problem.┬ź

Sie lie├čen mich los. Ich brauchte mehrere Minuten, bis ich die Arme wieder bewegen konnte. W├Ąhrend sie meine Genossen noch losmachten, ging ich schon die Zelle auf und ab. Ich hatte versucht, dass sie mir die Decke lie├čen, aber sie verweigerten es. Ich brauchte Bewegung und musste hin und her gehen, um die K├Ąlte abzusch├╝tteln, die mir in den Knochen sa├č. Ich rief ├╝ber das Fenster Juanjo und Pedro:

┬╗Wie geht es euch?┬ź

┬╗Mir ist arschkalt┬ź, antwortete Pedro.

Ich stellte ihn mir vor, wie er genau wie ich die Zelle auf und ab ging.

┬╗Schei├čgef├Ąngnis!┬ź rief Juanjo. ┬╗Mal sehen, ob sie uns etwas Warmes zum Fr├╝hst├╝ck bringen oder wenigstens ├╝berhaupt etwas.┬ź

┬╗Mal sehen…┬ź antwortete ich.

Und wirklich. Mit humanit├Ąrer Geste gew├Ąhrten sie uns ein Fr├╝hst├╝ck und boten uns an, warm zu duschen, allerdings nur, wenn wir nackt bis auf das Handtuch und in Handschellen hinunter gingen. Wir fr├╝hst├╝ckten mit gro├čem Hunger. Danach brachten sie uns nacheinander zu den Duschen, damit wir uns einweichten. Mein Gesicht war voll getrocknetem Blut und der Anzug war fleckig, das w├╝rde mir gut tun. Unter der Dusche wusch ich mich, und sie ├╝berraschten mich mit einem sauberen Overall in meiner Gr├Â├če, wei├čen Polyesterunterhosen und einem dazu passenden kurz├Ąrmeligen T-Shirt. Als ich angezogen war, brachten sie mich in eine andere Zelle am Ende der Galerie.

Etwas sp├Ąter erhielten wir Besuch der Herren ├ärzte. Ich hatte eine Wunde an der rechten Augenbraue, die ich mir mit Klebebandstreifen zukleben lie├č. Ich redete mit dem Arzt, w├Ąhrend er mich behandelte:

┬╗Mir ist kalt. K├Ânnten Sie nicht erreichen, dass man uns ein paar Decken gibt?┬ź

┬╗Das f├Ąllt nicht in meine Zust├Ąndigkeit.┬ź

┬╗Ich bin HIV-positiv und wei├č nicht, wie es um meine Abwehrkr├Ąfte bestellt ist. Ich wei├č aber, dass eine Lungenentz├╝ndung mich bei schwacher Abwehr umbringen kann┬ź, ich gab nicht auf.

┬╗Wir werden Sie untersuchen. Mehr kann ich nicht tun.┬ź

Sie schlossen die T├╝r. W├Ąre das Gitter nicht gewesen, ich h├Ątte ihn an Ort und Stelle erw├╝rgt. Ich f├╝hlte an die Wunde unter dem Pflaster und legte mich dann auf die metallene Bettplatte. Ich dachte an jenen Satz, den Freud sich zu Eigen gemacht hatte:

┬╗Homo homini lupus┬ź, der Mensch ist des Menschen Wolf. Er hatte vollkommen Recht.

Man rief nach mir. Es war Juanjo.

┬╗Jos├ę, h├Âr mal!┬ź

┬╗Was ist?┬ź antwortete ich und trat ans Fenster.

┬╗Hast du kalte F├╝├če?┬ź

┬╗Ja, verdammt nochmal.┬ź

┬╗Schmei├č die Brott├╝ten nicht weg und benutze sie als Str├╝mpfe. Wickel dir vorher Klopapier um die F├╝├če.┬ź

Das war eine gute Idee, und wir teilten sie Pedro mit. Wir alle drei machten es. Als ich mich mit diesen revolution├Ąren Str├╝mpfen sah, konnte ich einen Lachanfall nicht unterdr├╝cken. Ich ging ans Fenster:

┬╗Sieht ganz sch├Ân albern aus.┬ź

┬╗Ha, ha, ha…┬ź h├Ârte ich Juanjo lachen.

┬╗H├Âr zu! Sie sind gar nicht so schlecht┬ź, machte sich Pedro lustig, mit seinem ihm eigenen Humor.

┬╗Sie haben dir das Schachspiel weggenommen, oder?┬ź fragte ich Juanjo.

┬╗Ja.┬ź

┬╗Heute Nachmittag machen wir ein neues, wenn die Wache wechselt.┬ź

┬╗Hast du immer noch nicht genug davon zu verlieren?┬ź

┬╗Eh, ich lasse dich nur gewinnen, um dich bei Laune zu halten.┬ź

Schnell verstanden wir, dass es notwendig war, dass wir unseren Humor nicht verloren. Humor half uns. Hier waren wir st├Ąrker noch als sonst aufeinander angewiesen, und das verband. Wir stellten neue Schachspiele her, sie nahmen sie uns wieder weg, und wir machten wieder neue. Wir lasen viel, und da es ja verboten war, dieselben B├╝cher aus der Bibliothek kommen zu lassen, erz├Ąhlten wir uns gegenseitig die B├╝cher nach, die wir lasen. Darunter waren die Nikomachische Ethik von Aristoteles und seine Theorie ├╝ber die Freundschaft. Juanjo erkl├Ąrte sie mir. Aristoteles teilte die Freundschaft in drei Gruppen ein. Eine Form der Freundschaft war die jugendliche ÔÇô die wahrhaftigste laut diesem Buch. Die Freundschaft aus Interesse war die zweite Form der Freundschaft, die verbreitetste unter den Menschen. Die dritte Form war die der Tugend, das war die dauerhafteste. Wir verbrachten Stunden mit der Diskussion dieser Themen. Pedro las weniger, weshalb er sich bei diesen Unterhaltungen nicht so stark einbrachte. Mit unserem Meinungsaustausch ├╝ber die Metamorphosen, die Odyssee, Hamlet oder die milit├Ąrischen Unternehmungen der Griechen in der Autobiographie Xenophons verbrachten wir einen Gro├čteil der Zeit, die uns eigentlich moralisch zerst├Âren sollte. Um nicht in k├Ârperliche Tr├Ągheit zu verfallen, forderten wir uns gegenseitig zur gr├Â├čten Anzahl Liegest├╝tze oder anderer ├ťbungen heraus. Juanjo bestand sehr auf die k├Ârperliche Erscheinung und ermutigte mich andauernd, er provozierte damit auf gesunde Art und Weise, dass wir unsere Muskeln trainiert hielten. An manchen Nachmittagen machten wir bis zu f├╝nfhundert Liegest├╝tze in Gruppen zu zwanzig oder f├╝nfzig. Die Direktion begann ihrerseits mit der Versch├Ąrfung der Sicherheitsvorkehrungen. Sie schwei├čten neue Streben an die Gitter vor der T├╝r, so dass man, um ein so gro├čes Loch zu machen, dass ein Mensch durchpasste, mindestens sechs Streben durchzus├Ągen hatte. Das war unm├Âglich, ohne dass sie es merkten. Sie brachten an dem Gitter ein zweites gepanzertes Schloss an, mit gesondertem Schl├╝ssel. H├Ątten wir einen Schlie├čer in unserer Gewalt, konnten wir so nur eine der Zellen ├Âffnen, denn sie kamen zu uns immer nur mit dem zu der jeweiligen Zelle passenden Schl├╝ssel. Das senkte die Chance, eine Geiselnahme zu organisieren, drastisch herab. Um ihre Sicherheit zu garantieren, begruben sie uns lebend. Sie zwangen uns auch zu neuen R├Ântgenaufnahmen. Dieses Mal brachten sie uns in Handschellen bis in die Krankenstation der Anstalt, etwa zweihundert Meter von der FIES-Abteilung entfernt, wo sie uns auf einen Tisch legten, der mit Ketten ausgestattet war, an die wir an mehreren Stellen festgebunden wurden. Die Schlie├čer gingen dann zu den ├ärzten in eine spezielle Kabine, die vor den Strahlen sch├╝tzte. Dann zogen sie uns an und brachten uns zur├╝ck in die Abteilung in andere Zellen. Dabei holten sie uns immer einen nach dem anderen ab, stets unter Bewachung von einem Dutzend Schlie├čer, es sei denn, sie verlegten uns innerhalb unseres Trakts ÔÇô da waren nur vier Schlie├čer dabei. Wir waren also besser bewacht als die Zentrale einer Gro├čbank. Bei Tag standen wir sogar unter der zus├Ątzlichen Aufsicht eines Guardia Civil, der mit Sturmgewehr bewaffnet auf einem der ├Ąu├čeren Wacht├╝rme stand.

Es kam der Monat Oktober. Wir durften immer noch nicht auf den Hof hinaus. Pedro hatte es geschafft, mit einem Anwalt zu sprechen, man hatte den Besuch aber in dem Moment abgebrochen, da er ihm gerade erz├Ąhlen wollte, wie es uns hier erging. Jede Unterhaltung mit den Anw├Ąlten drau├čen und jeder Brief, der von den FIES-Sonderbedingungen sprach, wurde sofort zensiert. Da das alles mit Einverst├Ąndnis des Untersuchungs- und Strafvollzugsgerichts Santo├▒a geschah, hatten unsere Anzeigen keine Wirkung und k├╝mmerten die Beh├Ârde nicht. Anfang diesen Monats brachten sie Ernesto P├ęrez Barrot aus Sevilla 2. Wir redeten, und er erz├Ąhlte, dass die Entwicklung in Sevilla sich ├╝berschlagen hatte. Auch dort hatte das Gericht auf die FIES-Linie eingeschwenkt. Mit Bedauern nahmen wir zur Kenntnis, dass Juan Redondo in Sevilla in die H├Ąnde der Polizei gefallen war, als er versuchte, einem motorisierten Streifenpolizisten die Waffe zu entwenden. Wir erfuhren auch, dass Ermittlungsverfahren wegen unserer Haftbedingungen er├Âffnet worden waren, das war ein Hoffnungsschimmer. Die Vorsitzende des Strafvollzugsgerichts Sevilla war aufgebracht ├╝ber die Bedingungen, unter denen sie die FIES-Betroffenen vorgefunden hatte, mit blauen Overalls, ohne Zugang zur Dusche, gefesselt und seit einem Monat nicht rasiert, alle sichtbar misshandelt. Sie wies das Untersuchungsgericht Nummer 9 aus Sevilla an, ein Verfahren zu er├Âffnen, und unter der Nummer 4.024/91 wurde gegen Antoni Asunci├│n Hern├índez, Gerardo M├şnguez Prieto, Antonio de Diego Mart├şn und Isidoro Col├│n Dur├ín wegen verschiedener Verdachtsmomente der Folter ermittelt, wegen unangemessener H├Ąrte, Rechtsbeugung und F├Ąlschung offizieller Dokumente. Die Richterin Elena S├ínchez Sevilla hatte beispielhaft gehandelt. Sie war im ganzen spanischen Staat die einzige, die sich in der Lage zeigte anzuzeigen, was die Regierung mit den Gefangenen machte, die auf die FIES-Sonderlisten gekommen waren. Andere Strafvollzugsrichter wie Jos├ę Luis Castro in Valladolid, Mart├şnez de la Concha in Badajoz und das Gericht in Santander verschwiegen die Situation in den Strafanstalten ihrer Provinzen. Solche Haftbedingungen konnten nur mit eindeutiger Unterst├╝tzung der Gerichte aufrechterhalten werden. Mit etwas mehr W├╝rde wurden in Sevilla Staatsanw├Ąlte t├Ątig, was einem Schrei zum Himmel gleichkam, und zeigten sich w├╝tend, als die Angeklagten Antoni Asunci├│n und Konsorten auf Kaution freikamen, mit zwanzig Millionen Peseten aus staatlichen Kassen, aus den Sonderfonds, die noch ber├╝hmt werden sollten. Der damalige Generalstaatsanwalt Eligio Hern├índez wies seine Untergebenen an, die Anklagen gegen die Mitglieder der PSOE fallen zu lassen. Da sie nicht unabh├Ąngig arbeiten konnten, sahen sie sich gezwungen, der Anweisung Folge zu leisten. Der an den Ermittlungen beteiligte Staatsanwalt Luis Fern├índez Ar├ęvalo zog allerdings f├╝r die Leitung der Strafvollzugsbeh├Ârde bedr├╝ckende Schlussfolgerungen, wie in dem Schriftsatz nachzuvollziehen ist, den er am 8. Januar 1992 an das Untersuchungsgericht Nummer 9 in Sevilla richtete.

Ein paar Tage nachdem Barrot nach El Dueso gekommen war, brachten sie Juan Redondo. Er erz├Ąhlte uns, dass man FIES in Sevilla 2 verboten und die dort Einsitzenden in alle Richtungen verstreut hatte, um die richterliche Anweisung zu unterlaufen. Juan kam zu uns nach El Dueso, die anderen entweder nach Villanubla oder Badajoz.

┬╗Was gibtÔÇÖs, Juan?┬ź begr├╝├čte ich ihn.

┬╗Hier bin ich, wieder eingesperrt. Wie geht es dir?┬ź

┬╗Gut. Haben sie R├Ântgenbilder von dir gemacht?┬ź

┬╗Ja, sie haben mich gleich als ich kam in die Krankenstation gebracht und mich mit zwei Paar Handschellen an die Ketten dieses R├Ântgentisches gefesselt.┬ź

┬╗Von uns haben sie auch welche gemacht. Sie wiederholen das ungef├Ąhr alle vierzehn Tage. Bis jetzt jedenfalls.┬ź

Mittels geheimer Zeichen teilten wir Juan mit, dass es im Trakt zwei S├Ągen gab, und dass wir Pedro zufolge, der die Anstalt am besten kannte, durchaus etwas versuchen konnten. Er bekundete sofort seine Absicht mitzumachen.

Einmal mehr wurden wir in andere Zellen verlegt, und ich bekam die erste, das hei├čt die, die neben der Wachstube lag. Juan und Pedro brachten sie in die zwei hintersten. Also waren sie damit an der Reihe, die Fenstergitter durchzus├Ągen. Sie machten sich an die Arbeit, w├Ąhrend Juanjo und ich Liebeslieder sangen und ordentlich L├Ąrm veranstalteten, damit niemand, der es nicht sollte, die Ger├Ąusche der S├Ągen h├Âren konnte, die sich in die Gitterstreben fra├čen. Ich musste darauf aufpassen, wann sich das Gitter am Eingang zum Trakt ├Âffnete und die Schlie├čer hereinkamen, damit meine Genossen es mitbekamen und aufh├Ârten zu s├Ągen. Wenn das passierte, rief ich Juan ├╝ber das Fenster:

┬╗H├Âr mal, Juan! Schau, die kleine M├Âwe da, wie h├╝bsch sie ist…┬ź

Dann wusste er, dass ich ihn davor warnte, dass ein Schlie├čer kam. Er gab seinerseits Pedro Bescheid:

┬╗Pedro! Sieh mal die M├Âwe, wie putzig.┬ź

Juanjo machte h├Ąufig mit bei dieser Arbeit, denn ich hatte noch nie ein gutes Geh├Âr gehabt. Wir hatten unser eigenes Sicherheitssystem, und wenn es einen Ausfall gab, war da immer ein Genosse, der einspringen konnte. An einigen Nachmittagen gingen die Schlie├čer mit einer Ordonnanz auf den Hof unter unseren Fenstern hinaus und fegten ihn. Der ein oder andere Schlie├čer lie├č es sich dabei nicht nehmen, geringsch├Ątzig zu uns hinaufzusehen und uns mit psychologischer Munition zu beschie├čen, wie etwa: ┬╗Hier kommt ihr nie wieder raus, es sei denn in einer Kiste aus Kiefernholz.┬ź Wir hinter den vergitterten Fenstern beschr├Ąnkten uns darauf, sie verachtend anzublicken und uns ├╝ber sie aufzuregen, nur unter uns, nicht an sie gewandt ÔÇô wir lachten und fanden allerhand Kommentare zu Ehren ihrer bl├Âdsinnigen Grausamkeit, die sie gar zu gerne zur Schau stellten.

┬╗Lacht nur┬ź, sagten sie sichtlich ver├Ąrgert zu uns, ┬╗mehr als einer von euch wird bald darum flehen, hier herauszukommen. Wir werden ja sehen, ob ihr in ein paar Monaten immer noch lacht…┬ź

Der Alltag lief immer gleich ab. Wir hatten immer noch keine Nachrichten aus der Au├čenwelt und trugen diese blauen Anz├╝ge und die Plastiklatschen. Eines Nachmittags verlor Barrot die Kontrolle und zerschlug die Glasscheiben in der Zelle. Er konnte nicht l├Ąnger ohne zu rauchen aushalten und ertrug die st├Ąndige Einsamkeit und Leere der tr├╝bseligen Zellen nicht mehr, denen jede Spur von Menschlichkeit fehlte. Hinzu kamen die extreme K├Ąlte, die Fesselungen, die t├Ągliche Durchsuchung und die vollkommene Abschottung von der Au├čenwelt. Eine starke Gruppe Schlie├čer drang in Barrots Zelle vor, verpasste ihm ein paar Kn├╝ppelhiebe und lie├č ihn an das Gitter geschlossen zur├╝ck. Dabei blieb es, und einige Stunden sp├Ąter nahmen sie ihm die Handschellen ab. Wir versuchten, ihn zu beruhigen und ihm zu erkl├Ąren, dass die Genossen dabei waren, die Fenstergitter durchzus├Ągen, und dass es nicht weiterhalf, die Schlie├čer in Aufregung zu versetzen. Und in der Tat machten sich nur wenige Tage sp├Ąter Schlie├čer und Ordonnanzen daran, unsere Fenster mit zus├Ątzlichen im Beton verschraubten h├Âlzernen Fensterrahmen zu versehen. Sie gingen von Zelle zu Zelle und verlegten uns in der Zwischenzeit in andere. In die fertigen Rahmen setzten sie dicke Scheiben aus Plexiglas mit mehreren Bohrl├Âchern, die scheinbar die Luftzirkulation erm├Âglichen sollten. Ich sage scheinbar, denn in Wirklichkeit machten sie sich daran, uns auf unerh├Ârte Weise lebendig zu begraben. Nun lie├čen sich die Fenster nicht mehr ├Âffnen, und wir kamen nicht mehr an die Gitterstreben. Vor allem aber war nun keine Kommunikation zwischen uns mehr m├Âglich. Sie erachteten es als notwendig, uns voneinander abzuschotten und zu verhindern, dass die menschliche W├Ąrme, mit der wir uns einander zuwandten und die langen, immer herzlichen Gespr├Ąche, die wir f├╝hrten, uns Kraft zum Widerstand gegen unsere Unterdr├╝ckung gaben. Nach dieser Strategie hatte uns in jedem Moment unseres Aufenthalts in El Dueso das Leiden unter der Isolation voll bewusst zu sein, damit wir nachgaben, psychisch zu Grunde gingen, uns in uns selbst zur├╝ckzogen. Unser Geist sollte zerst├Ârt werden.

Als die Plexiglasscheiben in den Zellen, in denen wir gesessen hatten, fertig angebracht waren, kamen alle meine Genossen zur├╝ck in ihre Kerker. Nur mich lie├čen sie dort, wo ich war, denn die Arbeit an der f├╝r mich vorgesehenen Zelle war noch nicht abgeschlossen. Wir h├Ârten uns kaum, wenn wir miteinander sprachen und mussten schreien, um uns zu verst├Ąndigen. Wir vereinbarten, die Scheiben kaputtzumachen. Sofort nach diesem Beschluss waren laute Schl├Ąge in der Galerie zu h├Âren. Ich war sehr aufgeregt, wie meine Genossen wohl auch. Die Plexiglasscheiben gaben bald nach, und gro├če St├╝cke Plastik landeten auf dem Hof. Als die Schlie├čer in die Galerie kamen, war schon kein Fenster mehr ganz. Sie erschienen im Schutz ihrer Schilde und Helme und waren mit Schlagst├Âcken bewaffnet. Ihnen sa├č offensichtlich ein Klo├č im Hals. Unsere pl├Âtzliche und unerwartete offen subversive Reaktion hatte sie tats├Ąchlich schwer beeindruckt. F├╝r sie war keine andere Reaktion denkbar, als dass wir unter der Lawine an Druckmitteln, die man ├╝ber uns rollen lie├č, klein beigaben. Die Schlie├čer gingen von Zelle zu Zelle und schlossen meine Genossen an die T├╝rgitter, schlugen sie aber nicht. Als sie weg waren, redete ich mit ihnen.

┬╗Juan, was ist passiert?┬ź fragte ich.

┬╗Sie haben mich an das Gitter geschlossen, aber bleib ruhig. Das Plexiglas ist kaputt…┬ź

┬╗Hier auch┬ź, warf Pedro ein. ┬╗Ich habe das Waschbecken dagegen gerammt.┬ź

┬╗Bist du auch gefesselt?┬ź

┬╗Ja.┬ź

┬╗Und du, Juanjo?┬ź

┬╗Ich auch. Das Plexiglas ist kaputt. Jetzt k├Ânnen sie es neu kaufen┬ź, er machte sich dar├╝ber lustig.

Barrot war vor einigen Tagen zu einem Prozess in die Anstalt Oca├▒a gebracht worden. Er hatte die Party verpasst. Stunden nach diesem Vorfall entschied ich, aus Protest gegen die Fesselung meiner Genossen meine Zelle kaputtzuschlagen. Ich riss das Fenster aus seinem Rahmen und trat das Waschbecken von der Wand. Dann schlug ich damit auf das T├╝rgitter ein, um zu provozieren, dass die Schlie├čer auftauchten. Es kam eine ganze Horde unter F├╝hrung des Dienstleiters. Sie ├Âffneten die T├╝r.

┬╗Was ist jetzt schon wieder los, Tarr├şo?┬ź wandte sich der Dienstleiter an mich.

┬╗Nehmen Sie meinen Genossen die Fesseln ab┬ź, bat ich ihn.

┬╗Na klar, und ihr macht munter so weiter, nicht?┬ź

┬╗Nein. Sie haben die Plexiglasscheiben zerschlagen, weil das eindeutig zu weit geht, und das wissen Sie. Ansonsten wollen wir keine Schwierigkeiten.┬ź

┬╗Zuerst l├Ąsst du das Fenster los und l├Ąsst dir Handschellen anlegen. Ich werde die Angelegenheit dann besprechen. Ich gebe dir mein Wort, dass ich euch allen vier noch vor dem Abendessen die Handschellen wieder abnehme. Einverstanden?┬ź

Ohne das Gitter zu ├Âffnen, banden sie mich an dessen eiserne Streben und schlossen dann die T├╝r. Juan rief mich:

┬╗Was hat er gesagt?┬ź

┬╗Dass er uns vor dem Abendessen die Fesseln abnimmt.┬ź

┬╗Uns allen?┬ź fragte Juanjo.

┬╗Das hat er jedenfalls gesagt.┬ź

Und er hielt sein Wort. Vor dem Abendessen nahmen sie meinen Genossen die Handschellen ab und f├╝hrten sie in andere Zellen. Dann war ich an der Reihe. Sie gaben uns zu Essen, und wir unterhielten uns angeregt von Fenster zu Fenster und warfen den M├Âwen Fleischst├╝ckchen zu, um die die gefr├Ą├čigen Viecher mit lautem Schnattern balgten.

┬╗Mann, das sind verkleidete Geier┬ź, sagte ich zu Juan, beeindruckt von der Gefr├Ą├čigkeit der V├Âgel.

┬╗Nein, nein┬ź, lachte er, ┬╗das sind ganz herzliche Gesch├Âpfe.┬ź

Am n├Ąchsten Morgen kamen die Zimmerleute und nahmen die Fensterrahmen ab. Das machte uns Mut. Die Zellenwechsel brachten allerdings mit sich, dass Juan und Pedro nun von vorne anfangen mussten, ihre Fenstergitter anzus├Ągen. Wir beschlossen, damit ein paar Tage zu warten, bis sich die Schlie├čer beruhigt hatten und Gras ├╝ber diesen Zwischenfall gewachsen war.

An einem dieser Tage erhielt ich einen Brief, mit zwei Monaten Versp├Ątung. Er war von Ana und enthielt auch einige Fotos. Als er ihn mir ├╝bergab, sagte der Schlie├čer:

┬╗Wenn Sie den Brief gelesen haben, hole ich ihn wieder ab. In der Zelle d├╝rfen keine Briefe behalten werden.┬ź

Ich antwortete nicht auf diese Gemeinheit und las den Brief meiner Freundin. Sie wollte zu Besuch kommen, wozu wir die Erlaubnis des Strafvollzugsrichters ben├Âtigten. Ich sah mir ihre Fotos an: Sie sa├č in einem Garten auf gr├╝nem Rasen und war so sch├Ân wie fr├╝her. Ich liebte sie ohne Zweifel und wollte sie bald sehen. Als ich den Brief zu Ende gelesen hatte, machte ich mich sofort daran, eine Antwort zu schreiben. Dann setzte ich einen Brief an das Gericht auf, in dem ich beantragte, sie sehen zu d├╝rfen. Ich legte mich auf die Metallplatte, die als Bettgestell diente, und mit dem zusammengerollten Handtuch als Kissen lag ich da, betrachtete die Fotos und lie├č mich von meinen Gef├╝hlen wiegen.

Zum Mittagessen verlangte der Schlie├čer, der mir den Brief gebracht hatte, dessen Herausgabe. Selbstverst├Ąndlich weigerte ich mich. Der Schlie├čer wurde w├╝tend und drohte mir:

┬╗Wenn Sie mir den Brief nicht geben, kommen wir hinein und holen ihn uns.┬ź

Ich holte mir das Essenstablett und stellte es auf die Bettplatte. Dann zerriss ich den Brief und die Fotos vor seinen Augen in kleine St├╝cke, warf alles in den Abort und dr├╝ckte auf die Sp├╝lung. Ich sah zu, wie diese Fetzen aus meinem Leben im Abfluss verschwanden und sagte zu dem Schlie├čer:

┬╗Da hast du ihn.┬ź

┬╗Sie haben einen Verweis┬ź, sagte er und schlug die T├╝r zu.

Ich nahm das Tablett und a├č im Stehen am Fenster. Die M├Âwen auf dem Hof hatten sich vor Juans Fenster versammelt ÔÇô er gab ihnen am meisten zu essen. Die M├Âwen liebten ihn. Es schien, als ob sie ihn von uns anderen unterschieden, wor├╝ber wir uns lustig machten: ┬╗Eh, Juan, die M├Âwen rufen dich.┬ź Ihm gefiel es, sie ┬╗die Wesen┬ź zu nennen, vielleicht, um ihnen einen menschlicheren Anstrich zu geben als den eigentlichen Menschen. Und in der Tat konnte weder Juan noch sonst jemand von uns sich eine Gruppe M├Âwen vorstellen, die eine andere ins Gef├Ąngnis sperrte und sie Tag f├╝r Tag folterte, die ihr eine Matratze vorenthielt, eine Decke oder gar den Brief eines geliebten Wesens.

Barrot kam von seinem Prozess zur├╝ck und best├Ątigte, dass in Badajoz, Valladolid und Ja├ęn ├Ąhnliche Bedingungen eingef├╝hrt worden waren, wie sie f├╝r uns hier in El Dueso galten. Die meisten Ausbrecher und Aufst├Ąndischen waren davon betroffen, und wir kannten sie alle pers├Ânlich. Allerdings waren unsere Bedingungen etwas anders, was die Sicherheitsma├čnahmen und den psychischen Druck betraf. Wir waren f├╝r die j├╝ngsten libert├Ąren Aktionen verantwortlich, die das gr├Â├čte Echo in Medien und Gesellschaft gehabt hatten. Deshalb hatte die Beh├Ârde uns ausgesucht, um an uns vor den anderen Gefangenen ein Exempel zu statuieren: Wir mussten uns f├╝gen und es ├╝ber uns ergehen lassen… oder die Geduld verlieren und an die Decke gehen. Immer noch kamen wir nicht auf den Hof hinaus, hatten keinen Besuch, hatten die blauen Overalls und die Plastiklatschen an. Sie gaben uns nur ein paar Bl├Ątter Papier und die Mine eines Bic-Kugelschreibers. Wir durften keine Briefumschl├Ąge und Briefmarken haben. Wenn wir einen Brief nach drau├čen bringen wollten, mussten wir ihn auf ein Blatt Papier schreiben und ihn abgeben. Die Schlie├čer versahen ihn dann mit Umschlag und Briefmarke und er erreichte den Empf├Ąnger mit etwas Gl├╝ck zwei Monate sp├Ąter.

Wir mussten den ganzen Tag in diesen leeren Kerkern verbringen, und das war schwer zu ertragen. Wir hatten keinen anderen Zeitvertreib, als auf papiernen Brettern Schach zu spielen oder ein Buch zu lesen. Das war es, was uns am meisten half, unsere Lage zu ertragen. Nie hatte der Spruch mehr Sinn gehabt als hier, nach dem die B├╝cher offene ┬╗Fenster zur Welt┬ź sind. Im ├╝bertragenen Sinn brachen wir durch diese Fenster aus und ertrugen so die Isolation. Es gab lange Stunden der Stille, einer brutalen, hoffnungslosen Stille, die die Galerie in eine d├╝stere Stimmung tauchte und die uns klarmachte, was wir ohnehin nicht vergessen konnten: Wir waren lebendig begraben in Gr├╝fte aus Beton. Dann kam der Gedanke, alles kaputtzuschlagen und zu schreien. Schreien, damit die Welt wusste, dass wir trotz allem noch am Leben waren und unser k├Ąmpferischer Geist intakt.

In ihrem andauernden Bestreben, uns alles zu nehmen, gingen die Schlie├čer von Zelle zu Zelle, montierten die Waschbecken und Wasserh├Ąhne ab und ersetzten letztere durch transparente Plastikschl├Ąuche, die in der Wand steckten, direkt ├╝ber dem ebenerdigen sogenannten arabischen Abort der Marke ┬╗stell dich auf die Tritte und ziele┬ź. Wasser trinken oder das Gesicht waschen bedeutete, sich ├╝ber das Loch zu h├Ąngen, durch das die Exkremente verschwanden. Bei Gelegenheit f├╝hrte das dazu, dass wir unfreiwillig die ganze Zelle unter Wasser setzten, denn wenn wir den Knopf an dem Wasserhahn-Schlauch dr├╝ckten, kam auf H├Âhe ein Meter drei├čig ein Wasserstrahl aus der Wand, der auf den Abort hinab und von dort in die Zelle spritzte. Da wir keinen Eimer und nichts zum Wischen hatten, blieb das Wasser auf dem Boden bis zum n├Ąchsten Tag, an dem man uns einen Wischmopp mit einem nicht zwei Handbreit langen Stiel ├╝bergab. Der Eimer zum Auswringen stand auf der Au├čenseite des T├╝rgitters. Wir hatten keinen Stuhl und keinen Tisch, um uns zum Essen, Lesen und Schreiben hinsetzen zu k├Ânnen. Jede einzelne Geste und Handlung, die unter anderen Umst├Ąnden normal gewesen w├Ąre, erinnerte uns an die Besonderheit unserer Situation, sogar f├╝r Gef├Ąngnisma├čst├Ąbe. Zum Fr├╝hst├╝ck, zu Mittag und zum Abendbrot wiederholte man uns monoton die immer gleiche Botschaft: Wir waren es nicht wert, auf einem Stuhl zu sitzen und am Tisch zu essen. Wenn wir etwas trinken wollten oder uns morgens das Gesicht waschen, erinnerte man uns daran, dass der Abort es war, den wir zu diesen Verrichtungen verdient hatten.

Wenn sie sich wie Tiere auff├╝hren, behandeln wir sie eben wie Tiere, dachten sie. Dagegen ist es vielmehr so, dass man von einem Menschen, den man derart brutal behandelt, kein normales Verhalten erwarten kann. Die Behandlung, die man uns angedeihen lie├č, lie├č uns blo├č die Menschlichkeit der Henker als nicht existent betrachten. Obendrein nahmen sie dir die wenigen Briefe, die dich erreichten, und drohten dabei, dir keine weitere Post auszuh├Ąndigen, falls du dagegen protestiertest. Als der Schlie├čer mir den Brief von Ana wegnehmen wollte, war ich so frech gewesen und trug jetzt genau diese Konsequenz. Was sie am meisten schmerzte war, dass wir in ihren Augen die W├╝rde desjenigen verk├Ârperten, der sich niemals unterwirft und dem Henker direkt in die Augen sieht, mit dem Ausdruck von Stolz und Freiheitswillen. Sie konnten uns einsperren, doch sonst nichts; sie konnten die Schl├╝ssel im Schloss herumdrehen, zehn Riegel davorschieben, die Gitterstreben verdoppeln, uns foltern und beschimpfen… doch sonst nichts. Das frustrierte sie: Sie wollten uns entw├╝rdigt und flehentlich am Boden kriechen sehen, ohne Pers├Ânlichkeit, geistig und emotional am Ende.

Anfang November wurden neue R├Ântgenaufnahmen gemacht, wobei Juan und Pedro zusammengeschlagen wurden. Wir nahmen die Arbeit an den Fenstergittern wieder auf, und es wurde wieder ges├Ągt. Wir f├╝hrten unter uns ein altes System der Kommunikation ├╝ber Kryptographien aus Buchstaben und Zahlen ein, das aus dem Zweiten Weltkrieg stammte. Hatte man den Schl├╝ssel nicht, der aus zehn Zeichen bestand, konnte man die Nachricht nicht entziffern, auch wenn das zugrunde gelegte logische System bekannt war. Das war ├Ąu├čerst sicher, und man konnte es mit unseren Schachspielen verwechseln, bei denen wir ebenfalls Buchstaben und Zahlen verwendeten, die die Koordinaten der Spielz├╝ge angaben. Die Schlie├čer hatten keine Ahnung von unseren Unternehmungen, obwohl sie sehr aufmerksam waren.

Eines Morgens gingen sie daran, Elektrokabel f├╝r eine ├ťberwachungskamera zu verlegen, die auf der Au├čenmauer platziert und auf unsere Fenster gerichtet war. ├ťber jedes Fenster malten sie eine gro├če Nummer, um diese von der Wachstube aus auf dem Bildschirm schnell und zweifelsfrei identifizieren zu k├Ânnen. Die Genossen mussten sich beim S├Ągen beeilen, wenn sie an ihrem Plan festhalten wollten.

In denselben Wochen beschlossen sie auch, uns auf den Hof zum Spazieren zu f├╝hren und uns zus├Ątzliche Anstaltskleidung auszuteilen, denn es wurde empfindlich kalt. Wir bekamen jeder eine Hose, ein Hemd, einen Pullover und eine Cordjacke. Die Overalls wurden eingesammelt. Diese Lumpen waren sehr unbequem. Ein Dienstleiter und mehrere Schlie├čer kamen, um mit mir zu reden.

┬╗Tarr├şo, von heute an werden Sie auf dem Hof spazieren gehen┬ź, teilte mir l├Ąchelnd der Chefschlie├čer mit.

┬╗Und die anderen?┬ź fragte ich ihn.

┬╗F├╝r den Anfang erstmal Sie, und wenn Sie sich benehmen, werden wir auch die anderen hinauslassen. Sie werden nur f├╝nfzehn Minuten hinauskommen und eine gelbe Hose tragen. Sie d├╝rfen die wei├če Linie, die ihren Bereich markiert, nicht ├╝bertreten. Verstanden?┬ź

┬╗Ich verzichte auf den Hofgang.┬ź

┬╗Wie bitte?┬ź

┬╗Unter diesen Umst├Ąnden gehe ich nicht auf den Hof. Nicht, bis es f├╝r uns alle gilt.┬ź

┬╗Na gut, umso schlechter f├╝r Sie…┬ź

Sie schlossen die T├╝r und redeten mit meinen Genossen, von denen sie dieselbe Antwort bekamen. Sie gaben nach. Wir akzeptierten die Geschichte mit der wei├čen Linie nicht, also entfernten sie sie. Wir kamen einer nach dem anderen f├╝r eine Stunde auf einen kleinen Hof, der von keinem Zellenfenster aus eingesehen werden konnte. Wer Sport trieb, nutzte die Zeit f├╝r Langstreckenl├Ąufe; die anderen gingen einfach spazieren und entluden so einen Teil des Drucks aus drei ununterbrochenen Monaten in der Zelle. Wir mussten lange gelbe Sporthosen tragen, damit wir, falls wir versuchten, ├╝ber die Mauer zu springen, ein gut auszumachendes Ziel f├╝r die Guardia Civil abgaben. Das galt w├Ąhrend der Stunde Hofgang, den Rest des Tages verbrachten wir in die Zellen gesperrt und in den Cordjacken. Neuerdings belie├č man uns die Matratze und die Decken.

Als Juan und Pedro damit fertig waren, die Fenstergitter anzus├Ągen, war die ├ťberwachungskamera, die wir den ┬╗Inquisitor┬ź getauft hatten, noch nicht angeschlossen. Deshalb beschlossen wir, am selben Nachmittag noch zu handeln. Pedro hatte nicht gut genug ges├Ągt, und die Gitterstreben gaben nicht nach. Wir verschoben den Ausbruch um eine Stunde, damit Pedro den Fehler korrigieren und weiters├Ągen konnte. Eine Stunde sp├Ąter zog er an dem Gitter, und die Eisen gaben unter gro├čem L├Ąrm nach. Die Schlie├čer bemerkten es und kamen in die Galerie. Sie sahen durch die Guckfenster in den T├╝ren, was los war. Die einen liefen und holten Verst├Ąrkung, und andere versuchten, Pedro Handschellen anzulegen.

Juan verlor keine Zeit und verlie├č seine Zelle durch das Fenster. Es war aussichtslos f├╝r ihn, ihm blieb nichts als auf das Dach zu steigen und sich zu verschanzen. Er stieg bis auf den Hof ab, trat vor mein Fenster und warf mir eine aus Bettdeckenstreifen geflochtene Leine zu. Ich ergriff deren Ende und band es an das Gitter. Er kletterte an der Leine zu meinem Fenster hoch, h├Ąngte sich von dort aus an einen Mauervorsprung und kletterte aufs Dach. ┬╗├ünimo!┬ź sagte ich zu ihm als er an meinem Fenster vorbeikam. Er gab mir zwei Klapse auf die Hand, mit der ich zus├Ątzlich zum Knoten das Seil festhielt, und verschwand bewaffnet mit einem Eisen hoch auf das Dach. Die Schlie├čer hatten in der Zwischenzeit angefangen, uns alle an die T├╝rgitter zu schlie├čen. Aus Solidarit├Ąt mit meinem Genossen schlug ich meine Zelle kaputt, bevor sie mich fesselten. Die Schlie├čer waren v├Âllig durchgedreht, ich leistete keinen Widerstand. Juan fing an, mit dem Eisen die Dachziegel kaputtzuschlagen und den Gefangenen zweiten Grades, die auf dem ├Ąu├čeren Hof herumliefen, zuzurufen: ┬╗Zur Hilfe, hier foltert man uns!┬ź

Wir konnten die Schl├Ąge der Eisenstange gegen die Dachschindeln h├Âren. Die anderen Gefangenen beachteten die Rufe Juans nicht weiter und beschr├Ąnkten sich darauf, den Ablauf dieses kleinen Aufstands mitzuverfolgen. Eine Gruppe Guardias Civiles kam in die Anstalt und man forderte Juan dazu auf, vom Dach herunterzukommen. Es erschien auch der Direktor, ein ├╝bler Schuft, den wir unter seinem Nachnamen Moreta kannten, und versuchte, mit unserem Genossen zu verhandeln. Er versprach, ihn nicht zu schlagen, und mit der Zeit Hafterleichterungen. Juan hatte keine andere Wahl und stellte sich. Er wurde in die Zelle gebracht und wie wir anderen gefesselt. Dann brachten sie Juanjo und Barrot in Zellen im Untergeschoss und lie├čen sie dort ungefesselt, w├Ąhrend wir drei, Juan, Pedro und ich, mit den H├Ąnden hinter dem R├╝cken gefesselt blieben. So wollten sie uns trennen. Juan rief mich:

┬╗Jos├ę, bist du auch gefesselt?┬ź

┬╗Genau wie du┬ź, antwortete ich.

Wir redeten mit Pedro und tr├Âsteten ihn. Er brauchte sich nicht schuldig zu f├╝hlen. Es war eben so gelaufen, wie es gelaufen war, und wir mussten das akzeptieren und jetzt weitersehen.

Die Nacht war kalt, und Schmerz stellte sich in den Armen ein. Die Folter begann. Wir versuchten hunderte verschiedene Stellungen, ohne Erfolg. Wir konnten nicht aufrecht stehen, uns aber auch nicht richtig hinsetzen, und diese gezwungene Stellung war zusammen mit der K├Ąlte eine Tortur, die uns zur Verzweiflung brachte. Recht und Gesetz waren in Paragraphen und Artikel gesetzter Terror, das Gef├Ąngnis die mit Blut geschriebene Geschichte von geschundenen und versklavten M├Ąnnern und Frauen.

Im Morgengrauen kam eine Gruppe Schlie├čer in Begleitung des Direktors in die Zelle, in der Juan sich befand, und schlug ihn zusammen. Ich f├╝hlte Schmerz und wirkliche Angst in meiner dunklen Zelle, als ich die Schreie meines Freundes h├Ârte und die dumpfen Schlagstockhiebe auf seinen K├Ârper. Juanjo h├Ârte alles von seiner Zelle aus und ging ans Fenster, um die Schlie├čer mit allem M├Âglichen zu beschimpfen. Sie lie├čen ab von unserem Freund und ├Âffneten die T├╝r der Zelle, in der ich sa├č:

┬╗Na, dr├╝cken dir die Handschellen?┬ź

┬╗Ein Bisschen…┬ź, sagte ich erschrocken.

Dann b├╝ckte sich der Schlie├čer, der gesprochen hatte, und lie├č sie noch enger einrasten. Der Stahl presste sich in meine Handgelenke.

┬╗Jetzt ist es besser, bequemer, nicht wahr?┬ź Er machte sich ├╝ber mich lustig.

Den Rest der Nacht verbrachten wir so gut wir konnten. Juan hatten sie an F├╝├čen und H├Ąnden mit ledernen Riemen an das Bett gefesselt. Am Morgen wurde der Schmerz unertr├Ąglich, man nahm uns aber die Fesseln nicht ab und gab uns weder Fr├╝hst├╝ck noch Mittagessen. Am Nachmittag lie├čen sie mich los, und Juan schlossen sie wieder an das T├╝rgitter, genau wie Pedro. Indem ich wiederholt kr├Ąftig gegen meine Zellent├╝r schlug, schaffte ich es, mit dem Dienstleiter zu sprechen. Ich verlangte, dass den anderen wenigstens die Handschellen vor dem Bauch angelegt wurden, und drohte ihnen damit, meine Zelle erneut kaputtzuschlagen. Er ging darauf ein. Juan und Pedro wurden die Fesseln nach vorne gewechselt, was ihnen immerhin die gezwungene Stellung ersparte. Sie bekamen auch belegte Brote zu essen. Zwei Tage sp├Ąter lie├čen sie uns los und holten Juanjo und Barrot wieder hoch in die Galerie.

Wir nahmen unseren Alltag wieder auf. ├ťber einen Lehrer, der sie uns mitbrachte, hatten wir Zugang zu Zeitungen und B├╝chern. Ich meldete mich bei ihm zum Nachholen des Hauptschulabschlusses an; ich war nur bis zur siebten Klasse gekommen. Sie gaben mir ohne weiteres die Schulb├╝cher. Der Schmerz lag schon etwas zur├╝ck, doch die Haltung der Gefangenen von El Dueso angesichts der Schreie Juans ging mir nicht aus dem Kopf. Bald sollte ich den Grund f├╝r diese Passivit├Ąt erfahren. Siebzig Prozent der Bev├Âlkerung der Anstalt El Dueso waren Vergewaltiger und Drogenschieber, wahrer Abschaum. Niemand von denen interessierte sich daf├╝r, was hier vorging, obwohl eigentlich alle Bescheid wussten. Unsere Lage war in allen Gef├Ąngnissen des spanischen Staats durchaus bekannt, doch niemand unternahm etwas. Diejenigen, die von Freundschaft, Kameradschaft und Kampf geredet hatten, verschwanden und tauchten in der Masse unter, um nicht weiter aufzufallen. Die Situation verlangte einen Volksaufstand in den Gef├Ąngnissen, um die geforderten Verbesserungen zu erstreiten. Doch niemand wollte mehr etwas von APRE(r) wissen oder von solidarischem Kampf. Die Beh├Ârde hatte ihr Ziel erreicht: Uns von den ├╝brigen Gefangenen zu trennen und ihnen an unserem Exempel die Angst in die Knochen zu treiben. Und wirklich hatten sie gute Gr├╝nde, sich vor dem hier zu f├╝rchten. Wer w├╝rde sich nicht vor der Stunde ├Ąngstigen, zu der er zusammengeschlagen wird, davor, tagelang an ein T├╝rgitter gefesselt zu sein und Schmerz und K├Ąlte zu ertragen? Uns setzte das auch zu, uns vor allen anderen.

Am 30. freuten wir uns ├╝ber eine Neuigkeit, und wir kamen uns fast ger├Ącht vor. Wir lasen es in der Zeitung, es war geschehen in der Strafanstalt Huesca: Manuel Jes├║s Castillo Jurado und Carlos Manuel Esteve Garc├şa hatten f├╝nf Schlie├čer, einen Lehrer und einen Dienstleiter in ihre Gewalt gebracht. In den Verhandlungen forderten sie die Bereitstellung eines Autos am Gef├Ąngnistor und freies Geleit. Das wurde abgelehnt, und Carlos M. Esteve verpasste dem Dienstleiter drei├čig Messerstiche. Damit er ihn nicht endg├╝ltig umbrachte, versprach man die Bereitstellung des Autos am Tor. Die zwei Gefangenen erlaubten also, dass man den Dienstleiter ins Krankenhaus brachte und nahmen die Verhandlungen wieder auf. Der Anstaltsdirektor Otal Tolosama stellte seinen eigenen Wagen mit vollem Tank zur Verf├╝gung, lie├č das Tor zur Stra├če ├Âffnen und erlaubte ihnen die Flucht. Mit je zwei Geiseln vor sich kamen sie einer nach dem anderen heraus, setzten sich in das Auto und fuhren davon. Als sie frei von Verfolgern waren, lie├čen sie ihre Geiseln los, ohne ihnen ein Haar zu kr├╝mmen. Sie hatten es geschafft! Sie hatten die Beh├Ârde sch├Ân an der Nase herumgef├╝hrt. Wir gaben der Aktion dieser beiden Mutigen unseren Beifall, feierten ihren Ausbruch und unterhielten uns dar├╝ber von Fenster zu Fenster. Juan und ich hatten Carlos Esteve im Gef├Ąngnis kennengelernt. Als der Gefangene der GRAPO Manuel Sevillano im Verlauf seines Hungerstreiks im Gef├Ąngnis gestorben war, waren Juan und Esteve die einzigen gewesen, die mit einem Transparent auf das Dach stiegen und gegen die Folter demonstrierten, die diese politischen Gefangenen damals erlitten.

Die Medien taten die Aktion von Huesca als die eigenst├Ąndige Tat zweier blutr├╝nstiger Psychopathen ab. In Wirklichkeit war diese Aktion jedoch weit mehr als ein Ausdruck von Geisteskrankheit gewesen, grausam wie das System, das sie hervorgebracht hatte. Die beiden entflohenen Str├Ąflinge waren AIDS-Kranke, die vor dem sicheren Tod im Gef├Ąngnis flohen. Sie wollten in Freiheit sterben, und das war etwas, das die Verwaltung ihnen niemals zugestehen w├╝rde.

Im Gef├Ąngnis gab es fast 35.000 Gefangene, die Tr├Ąger des AIDS-Virus waren. Ein Gro├čteil starb in Haft, viel mehr, als es die Beh├Ârde eingestand. Man sch├Ânte die Statistik und entlie├č die Kranken zwei Tage vor dem Tod. Oder ÔÇô es sind F├Ąlle bekannt ÔÇô man entlie├č sie aus der Haft, wenn sie schon tot waren, indem man der Leiche die Fingerabdr├╝cke abnahm, damit sie zum amtlichen Todeszeitpunkt nicht mehr als Haftinsasse gef├╝hrt war. Die Pflegestationen der Justizvollzugskrankenh├Ąuser waren voll von Leichen, Haut und Knochen mit eingefallenen Augen, die ziellos auf den Fluren umherirrten und die in Gefangenschaft starben, fern der Liebe der Ihren. Die Gef├Ąngnish├Âfe waren von Drogen ├╝berschwemmt, und die HIV-positiven Gefangenen brauchten sich Tag f├╝r Tag mehr auf, bis sie eines Nachts ins Krankenhaus gefahren wurden und nie wieder zur├╝ckkamen, wenn man sie nicht zum morgendlichen Z├Ąhlappell oder im Trakt auf einem Stuhl sitzend tot fand. Es war furchtbar. Was im Gef├Ąngnis mit den AIDS-Kranken stattfand, lie├č einem spei├╝bel sein.

Im Dezember brachten sie Pedro in die Anstalt Logro├▒o. In El Dueso ging alles weiter wie bisher. Direktor Moreta, dem wir den Spitznamen Mofeta gegeben hatten, und sein Kollege, der leitende Arzt Enrique Ac├şn, f├╝hrten weiterhin erzwungene R├Ântgenbestrahlungen an uns durch. Die Tage verliefen monoton. Die ├ťberwachungskameras wurden fertig installiert, und ├╝ber jedes Fenster malten sie eine Nummer, um uns zweifelsfrei zu identifizieren. Von nun an sandte ein mechanisches Auge, der ┬╗Inquisitor┬ź, st├Ąndig Bilder von allem aus, was sich am Fenster zeigte. Sie schraubten Metallplatten zwischen die Fenster, damit wir uns mittels Schn├╝ren aus Bettlakenstreifen nichts zukommen lassen konnten. Vor die Fenster kamen zus├Ątzliche mehrfach gekreuzte Gitter. Es war unm├Âglich sie durchzus├Ągen, wir konnten kaum die Hand zwischen die Gitter stecken. Immer noch fanden t├Ąglich Durchsuchungen statt, und wir mussten uns zweimal t├Ąglich nackt ausziehen. Wenn wir auf den Hof hinaus kamen, brachten sie uns die gelbe Jogginghose und f├╝hrten uns in Handschellen mit den H├Ąnden hinter dem R├╝cken und in Latschen dort hin ÔÇô jedes Schuhwerk, das uns erlaubt h├Ątte zu laufen, war verboten. Auf dem Hof nahmen sie uns die Handschellen durch das Torgitter hindurch ab und ├╝bergaben uns Turnschuhe zum Laufen, die wir dann wieder abgeben mussten, bevor es zur├╝ck in die Zelle ging. Sie erlaubten uns den Betrieb kleiner Mittelwellenempf├Ąnger. Ich wiederholte den Stoff der Hauptschule und las Miguel Delibes, Stendhal, Dumas, Homer und andere Autoren, an denen mich ihre packende Art zu schreiben faszinierte. Es war unglaublich, was ein Mensch in totaler Isolation in B├╝chern finden konnte. Dort lagen neue Welten, in die einen die Kunst des Schriftstellers entf├╝hrte. Die B├╝cher waren ohne Zweifel eine hervorragende Methode auszubrechen.

Ich lie├č Blutproben nehmen, die best├Ątigten, dass ich Tr├Ąger von HIV war. Meine Abwehrkr├Ąfte lagen bei 500 T4, ich konnte also den Quacksalbern zufolge vorerst beruhigt sein: Ich w├╝rde noch nicht sterben, jedenfalls nicht an AIDS. Die ├ärzte kamen regelm├Ą├čig, unser Verh├Ąltnis zu ihnen war allerdings unterk├╝hlt und mit einem ├╝berdeutlichen Hass geladen, der Dialog und menschliches N├Ąherkommen unm├Âglich machte. Wie konnten wir an die Professionalit├Ąt von jemand glauben, der die Folter an uns verschwieg und gegen unseren Willen R├Ântgenaufnahmen machte? Sie verweigerten uns alles, worum wir baten und machten sich einen Spa├č daraus, uns zu verstehen zu geben, dass sie auf der Seite der Beh├Ârde standen und diese Haftbedingungen billigten. Sie f├╝hrten einfach Befehle aus ÔÇô dieser Gedanke befreite ihre verfaulten Gewissen von allem Zweifel, dies war die Chance auf schnelle Bef├Ârderung.

Wir gew├Âhnten uns an das Zusammenleben mit den M├Âwen. Zwei von ihnen hatten wir Namen gegeben: ┬╗Schwarzfu├č┬ź und die ┬╗Vermummte┬ź. Juan hatte gro├čen Spa├č mit ihnen:

┬╗Juanjo! Sieh mal, die Vermummte, sie will uns wohl ├╝berfallen…┬ź

┬╗Schwarzfu├č┬ź war allerdings die Schlimmste: Sie verbrachte den ganzen Tag damit, sich auf ihre Artgenossen zu st├╝rzen und mit Schnabelangriffen zu versuchen, den anderen das Fressen zu klauen, den gro├čen silbrigen M├Âwen, denen wir den Gruppennamen der ┬╗Vielfra├če┬ź gegeben hatten. Wir hatten Freude daran, ihnen gro├če St├╝cke Fleisch zuzuwerfen, die sie nicht hinunterbekamen und mit denen sie nicht fliegen konnten, so dass sie auf den harten Betonboden fielen. Dann w├╝rgten sie das Fleischst├╝ck wieder hervor und flogen davon, verst├Ârt und erbost dar├╝ber, dass sie die Beute nicht hatten mitnehmen k├Ânnen. Sie waren f├╝r uns ein wichtiger Zeitvertreib.

Ich erhielt einen sonderbaren Brief. Er kam von Ana, einer Sozialarbeiterin, die wir in Teneriffa 2 zur Geisel genommen hatten. Im Brief dankte sie mir f├╝r meine Menschlichkeit w├Ąhrend der Geiselnahme und daf├╝r, dass wir niemandem etwas getan hatten, und das nach allem, was man mit uns gemacht hatte. Sie bat mich um Entschuldigung daf├╝r, was ich im Gef├Ąngnis alles hatte durchmachen m├╝ssen, und teilte mir zum Abschied mit, sie werde diese Arbeit wahrscheinlich aufgeben. Der Brief gefiel mir, denn die Sozialarbeiterin brachte deutliche Kritik am Strafvollzug zum Ausdruck und w├╝rdigte unseren Kampf, auch wenn sie mit den Methoden nicht einverstanden war. Ich versuchte, ihr eine Antwort zu schreiben, doch schlie├člich zerriss ich den Brief. Was sollte ich auch antworten? Wir hatten uns ihnen gegen├╝ber human verhalten, wir hatten uns an niemandem vergangen, uns nicht ger├Ącht, und womit bekamen wir es dagegen zu tun?

Ende des Monats wurden Carlos Esteve und Manuel Castillo, sein Genosse auf der Flucht, in Barcelona verhaftet. Die GEOS st├╝rmten die Wohnung. Carlos brachten sie zu uns nach El Dueso, Manuel nach Badajoz. Wir wohnten zusammen den letzten r├Âchelnden Atemz├╝gen des Jahres 1991 bei.

Der Januar begann mit Repression. Sie lie├čen Carlos nur in Handschellen auf den Hof, wogegen wir Protest einlegten. Ich verweigerte den Hofgang, und Carlos tat dasselbe. Eines Nachmittags verlangte eine Gruppe Schlie├čer von ihm, nackt Kniebeugen zu machen, und er weigerte sich. Da drangen sie in die Zelle und pr├╝gelten auf ihn ein. Wir alle f├╝hlten uns v├Âllig ohnm├Ąchtig. Ich beschimpfte sie:

┬╗Arschl├Âcher! Ihr feigen Folterer!┬ź

Ein paar Schlie├čer kamen bis vor meine T├╝r:

┬╗Hast du ein Problem, du Schwuchtel?┬ź

┬╗Nein, ich habe keins.┬ź

┬╗Ist auch besser so.┬ź

Ich schwieg, um nicht auch geschlagen zu werden. Juan rief mich:

┬╗Was ist passiert, Jos├ę?┬ź

┬╗Sie haben Carlos geschlagen.┬ź

┬╗Wie geht es dir, Carlos?┬ź fragten wir ihn.

┬╗Gut. Bleibt ruhig, es waren nur ein paar Kn├╝ppel. Alles in Ordnung┬ź, er wollte uns beruhigen.

Wir waren vorsichtig, das ist nicht zu leugnen. Wenn wir an die T├╝r schlugen, wussten wir, dass eine Horde hereinst├╝rmen und uns, f├╝r sie folgenlos, verpr├╝geln w├╝rde. Dann mussten wir meistens die Nacht ├╝ber, wenn nicht l├Ąnger an das T├╝rgitter angeschlossen verbringen, was noch schlimmer war. Ihr Methode beruhte darauf, uns zu spalten, uns mit Schmerzen beizubringen, egoistisch zu handeln und Repressalien zu f├╝rchten. Schwere Zeiten kamen auf uns zu, schwierige Momente, zu denen wir gemeinsam handeln mussten, wenn wir verhindern wollten, dass sie ihr Ziel erreichten und uns kapputtmachten.

Das Essen war wie in allen Gef├Ąngnissen: beschissen. Es bestand aus Reis, Kichererbsen, Speck und T├╝tensuppen, vor allem aber aus Kartoffeln. Die Essenszulagen und der Zugang zum Economato waren uns verwehrt; wir litten Hunger.

Ich erhielt die Erlaubnis vom Gericht, meine Freundin Ana zu sehen, doch die Beh├Ârde mischte sich ein, und die Direktion rief bei ihr zu Hause an. Man sprach mit ihren Eltern und erz├Ąhlte ihnen, ich sei ein gef├Ąhrlicher Krimineller, der ihre Tochter dazu benutzen wollte, einen Ausbruch zu planen, und dergleichen L├╝gen. Anas Eltern verboten ihr, zu mir zu kommen. Sie schrieb mir einen Eilbrief, in dem sie mir das mitteilte. Sie w├╝rde nicht kommen und mir nicht mehr schreiben und w├╝nschte mir alles Gute. Sie hatten es geschafft, unsere Beziehung zu beenden und den Besuch verhindert. Das schmerzte mich sehr, denn ich hatte von dieser Frau mehr Charakterst├Ąrke erwartet. Juan wusste es, denn wir hatten uns vor Monaten in Teneriffa 2 ├╝ber sie unterhalten. Ich erz├Ąhlte es ihm:

┬╗Kopf hoch, Jos├ę. Ich wei├č, dass es schwer ist, du mochtest sie.

Eines Tages werden sie daf├╝r bezahlen.┬ź

┬╗Ja, eines Tages werden sie f├╝r alles bezahlen. Aber es ist ihre Haltung, die mir weh tut, Juan.┬ź

┬╗Die Leute sind oft nicht, was sie zu sein scheinen…┬ź

┬╗Ja, so ist es wohl.┬ź

Im Radio h├Ârten wir die Nachricht: Zum Verfahren in Sachen Folter an acht FIES-Gefangenen in der Anstalt Sevilla 2 blieb Antoni Asunci├│n gegen Kaution auf freiem Fu├č. Man erkannte die Existenz der Misshandlungen in den spanischen Gef├Ąngnissen nicht an und bezeichnete uns als unverbesserlich und gleichg├╝ltig gegen├╝ber der Strafe. Wir waren extrem gef├Ąhrliche Gefangene, was die Ma├čnahme unserer Isolation n├Âtig machte, auf Grundlage geltenden Rechts. Es war sonderbar, doch alle gebrauchten wiederholt diese Vokabel: ┬╗Recht┬ź. Lebten wir tats├Ąchlich in einem Rechtsstaat? Ich glaubte nicht daran. Man sprach von pers├Ânlicher Meinungsfreiheit, ich aber konnte mich weder mit Anwalt noch Familie austauschen, es sei denn, ich durchlief eine Zensur, die es mir nicht gestattete, ├╝ber die FIES-Bedingungen zu sprechen. Ebenso galt der Grundsatz der Unschuldsvermutung ÔÇô es gab aber 13.000 Untersuchungsgefangene, 25% der inhaftierten Bev├Âlkerung. Sie verfaulten in ├╝berf├╝llten Kerkern und warteten auf ihren Prozess. Es galt das Recht, eine Haftstrafe in der Heimatregion abzusitzen, um die famili├Ąren Bindungen nicht zu gef├Ąhrden ÔÇô in Wirklichkeit mussten die Familienangeh├Ârigen Unsummen aus Haushaltsmitteln f├╝r lange ├ťberlandreisen aufbringen, um ihre Lieben in Gefangenschaft sehen zu k├Ânnen. Sterbenskranke (nicht Tote!) hatten das Recht, sich auf Artikel 60 zu berufen, doch sie starben in einer kalten Zelle oder wurden einen Tag vor ihrem Tod entlassen. Man hatte im Strafvollzug feierlich den Begriff der Resozialisierung proklamiert, w├Ąhrend dieser in Wirklichkeit zum Leprosorium des 20. Jahrhunderts geworden war, zum schaurigen AIDS-Ghetto und zu einer Produktionsst├Ątte von Hass und gesteigerter Kriminalit├Ąt.

Ich fuhr mit meinen Schulaufgaben fort, die mir nicht schwer fielen. Der medizinische Dienst ├╝berreichte Juanjo, Juan und mir Brillen, nachdem wir monatelang darum gebeten hatten. Das Lesen und der geschlossene Raum schadeten auf Dauer dem Sehverm├Âgen eines Gefangenen, da waren wir keine Ausnahme. Man verlangte, dass ich Medizin zum Aufbau meiner Abwehrkr├Ąfte schluckte, was ich ablehnte. Wir spielten weiterhin Schach durch die Fenster ÔÇô die papiernen Spielbretter nahm man uns nicht mehr ab ÔÇô und unterhielten uns ausgiebig. Wegen des Drucks, der sich in uns aufgebaut hatte, gipfelten diese Gespr├Ąche bei Gelegenheit in Diskussionen. Das war logisch, denn wir alle hatten lange Jahre der Isolation auf dem Buckel und das hinterlie├č seine Spuren. Neurosen und Schizophrenie (keine akuten) waren aufgekommen und bedienten sich dieser gelegentlichen Diskussionen als Druckventil. So konnten wir Adrenalin ablassen und wurden nicht vollends verr├╝ckt.

Sie brachten Pedro aus Logro├▒o zur├╝ck. Wir riefen ihn von unseren Fenstern aus.

┬╗Was hast du erlebt?┬ź fragte ihn Juan.

┬╗Ich habe mich ├╝ber eure Lage beschwert und sie haben mich wieder hierher zur├╝ckgebracht, einfach so.┬ź

┬╗Man sieht, es l├Ąuft gut f├╝r uns┬ź, mischte ich mich ein. ┬╗Und was war dort so los?┬ź

┬╗Das kannst du dir vorstellen, Jos├ę, wie ├╝berall. Den Leuten ist alles egal, alle wollen nur Drogen und unbedingt eine Besuchserlaubnis. Wer ist noch hier?┬ź

┬╗Dieselben wie vorher, und noch Carlos, der von der Aktion in Huesca, er ist Ende Dezember gekommen.┬ź

┬╗Und wie ist es hier?┬ź

┬╗Wie immer. Jetzt haben wir allerdings eine Matratze, ein Radio und noch ein paar Sachen. Aber jeden Tag gibt es eine Nacktdurchsuchung, au├čerdem R├Ântgenstrahlen und sowas…┬ź, kl├Ąrte Juan ihn auf.

┬╗Diese Kamera l├Ąuft jetzt, oder?┬ź

┬╗Ja.┬ź

┬╗Haben sie R├Ântgenbilder von dir gemacht?┬ź fragte Juan.

┬╗Ja, und sie haben mich geschlagen, als ich mich weigerte.

Schlie├člich haben sie mich vom Transporter bis in die Krankenstation geschleift, mich an den Tisch gekettet, mich ausgezogen und die Bilder gemacht.┬ź

┬╗Diese Schweine. Waren die ├ärzte dabei?┬ź wollte ich wissen.

┬╗Ja, ein Arzt und der medizinische Leiter, dieser Ac├şn.┬ź

┬╗Die alle sollten einen Kopf k├╝rzer gemacht werden┬ź, sagte Juan.

Dann fragte er Carlos: ┬╗Glaubst du, die M├Âwen fressen die Leiche dieser Sau?┬ź

┬╗Meinst du den medizinischen Leiter?┬ź

┬╗Na klar.┬ź

┬╗In f├╝nf Minuten haben sie ihn bis auf die Knochen abgenagt.┬ź

┬╗Ha, ha, ha┬ź, wir lachten im Chor.

Die Repression war hart, unsere Gespr├Ąche kreisten um den Widerwillen, den wir f├╝r die ├ärzte dieser Anstalt und f├╝r die Schlie├čer empfanden. Und die wussten das, deshalb machten sie unsere Unterdr├╝ckung zu ihrer pers├Ânlichen Angelegenheit. In dieser Lage wurden wir nur brutaler, Tag f├╝r Tag. Nicht nur wir standen unter gro├čem Druck. Auch die Schlie├čer begannen so zu f├╝hlen. In unserem hasserf├╝llten Blick und in unseren erbosten Gespr├Ąchen sahen, f├╝hlten oder wussten sie, dass wir ihnen alles Schlag f├╝r Schlag zur├╝ckzahlen w├╝rden, falls sie einmal einen Fehler machten, und sie hatten uns oft geschlagen. Sie hatten trotz der au├čerordentlichen Sicherheitsvorkehrungen Angst. Was, wenn eines Tages einer dieser Verr├╝ckten die Sicherheitsma├čnahmen umgehen konnte und sie als Geiseln nahm, nach allem, was sie uns angetan hatten? Ihre Furcht ging so weit, dass sie uns das Rasieren nur mit elektrischen Apparaten erlaubten und uns keine Joghurtbecher, Gl├Ąser oder metallene Tabletts ausgaben. Auch dass sie die Zahnb├╝rsten auf der H├Ąlfte abs├Ągten und uns die Zahnpasta erst bei Abgabe der Essenstabletts herausgaben, sprach eine deutliche Sprache. Selbst wenn Richter oder Gerichtsboten erschienen, um uns Papiere unterschreiben zu lassen oder eine Aussage in irgendeiner Sache abnahmen, holten sie uns nicht aus dem Kerker, sondern lie├čen den Richter oder Justizangestellten in die Galerie hinaufgehen. Diese befragten uns dann durch die mehrfachen Gitterstreben an den Zellent├╝ren, in Begleitung einer Gruppe Schlie├čer, die uns von der anderen Seite aus verbot, sich dem Gitter zu n├Ąhern. Wir nutzten diese Gelegenheiten, um gegen unsere Haftbedingungen zu protestieren, doch man schenkte dem keine Beachtung:

┬╗Das ist Zust├Ąndigkeit der Strafvollzugskammer.┬ź

Ich musste an Artikel 24 der spanischen Verfassung denken, der eine wirksame Interessenvertretung vor Gericht garantierte und ausschloss, dass jemand ohne Verteidigung blieb. Wir waren ein Sonderfall. Die Staatsr├Ąson erforderte, hier alles gelten zu lassen, um uns zu bek├Ąmpfen. Aber waren nicht eigentlich alle gleich vor dem Gesetz?

Carlos brachten sie schlie├člich ohne Handschellen auf den Hof, und wir beide beendeten den Hofgangsstreik. Wir sandten Beschwerden an die gerichtlichen Instanzen, ohne Erfolg. Alles wurde entweder sofort eingestellt oder an die Strafvollzugskammer weitergeleitet, was auf dasselbe hinauslief. Die Untersuchungsgerichte, die Provinzialgerichte, die Anwaltskammer, Dekanat und oberster Justizrat, alle, absolut alle beeilten sich, unsere Beschwerden im Archiv verschwinden zu lassen, mit welcher Ausrede auch immer. Niemand wollte etwas von FIES h├Âren, denn es gab Befehle, sich nicht in den schmutzigen Krieg einzumischen, den das Strafvollzugssystem gegen eine Gruppe Vandalen f├╝hrte, die mit der herrschenden Ordnung gebrochen hatten.

Im Februar gestattete man uns Zugang zum Economato, und ich nahm das Laster des Rauchens wieder auf. Einigen von uns wurde wegen des zerschlagenen Inventars das Hausgeld einbehalten, doch wem sein Hausgeld zur Verf├╝gung stand, der teilte es gerecht mit den anderen. Wie viel auch immer wir hatten, zu gleichen Teilen verteilten wir es unter uns. In dieser und in manch anderer ├╝berlebenswichtiger Hinsicht gab es echte Solidarit├Ąt. Der Direktion und den Schlie├čern gefiel das nicht, denn die gegenseitige Hilfe machte uns stark, und sie beschlossen zu verbieten, dass die, die Geld erhielten, es direkt oder in Form von Ware aus dem Economato an diejenigen von uns weitergaben, die nichts hatten. Der Versuch war zu plump: Carlos brachte eine Beschwerde bis vor die Strafvollzugskammer und bekam Recht. Der Richter urteilte, dass man einem Haftinsassen nicht verbieten k├Ânne, f├╝r einen anderen im Economato einzukaufen. Doch bevor dieses Urteil gesprochen wurde, mussten wir uns die Sachen mit Leinen ├╝ber die Fenster zukommen lassen. Wieder einmal erhob sich die Kraft unserer Solidarit├Ąt ├╝ber die Grausamkeit des Strafvollzugs, unter den ung├╝nstigsten Bedingungen.

Barrot verschloss sich immer mehr in sich selbst und zeigte sich unzug├Ąnglich. Er teilte uns bei Gelegenheit sogar seine Suizidgedanken mit, und auch der Anstaltspsychologin gegen├╝ber machte er entsprechende Kommentare. Die Haftbedingungen mussten Tag f├╝r Tag ertragen werden, die Zeitr├Ąume des Schweigens wurden immer l├Ąnger und die Zelle erdr├╝ckte immer mehr. Der Prozess der Brutalisierung war langsam, schritt aber sicher voran.

Mit meiner Gesundheit ging es sichtlich bergab. Trotzdem strengte ich mich an, lief t├Ąglich ein paar Minuten und hielt mich in Bewegung, um dem Abbau entgegenzuwirken. Neue Blutuntersuchungen wurden gemacht, und da die Abwehrkr├Ąfte geschwunden waren, riet man mir zu, Retrovir einzunehmen, was ich ablehnte. Die Medikamente, die es gab, um das Virus aufzuhalten, waren eine Farce, die einzig erreicht hatten, die Gewinne der gro├čen Pharmakonzerne zu erh├Âhen. Mit Gefangenen wurde auf unerh├Ârt brutale Weise herumexperimentiert. Man gab uns eine Medizin, deren Wirkung auf den Organismus eines HIV-Positiven sie nicht wirklich kannten, sie gaben sie dir einfach, als ob es sich um Aspirin handelte. Vor l├Ąngerer Zeit schon hatte ich beschlossen, keine dieser AIDS-Medikamente einzunehmen. Ich wusste, dass diese Krankheit unheilbar war, und ich wusste, dass der Tod, war es denn erst einmal so weit, unausweichlich war. Ein nat├╝rlicher Vorgang, der Preis, den wir alle eines Tages zu zahlen hatten, um das Fortleben der Spezies zu erm├Âglichen. Ich stellte mich nicht f├╝r Experimente von ├ärzten zur Verf├╝gung, die mit der Beh├Ârde kollaborierten und die Anwendung von Artikel 60 der Vollzugsordnung auf schwer kranke Gefangene verweigerten.

In diesen Wochen erhielt ich mit mehrmonatiger Versp├Ątung eine Mitteilung von der Lebensgef├Ąhrtin meines Freundes Chico. Sie kam mit dem Mittagessen.

Hallo Jos├ę:

Wie geht es dir? Ich hoffe, dass es jetzt, da dir dieser Brief ausgeh├Ąndigt wurde, gut um deine Gesundheit bestellt ist, und auch um deinen Gem├╝tszustand. Ich bin, wenn ich ehrlich sein soll, am Boden zerst├Ârt, versuche aber, wie auch immer weiterzumachen.

Sieh mal, Che: Zun├Ąchst m├Âchte ich dich bitten, mir die Versp├Ątung dieses Briefes zu verzeihen; du h├Ąttest ihn schon viel fr├╝her bekommen sollen, aber… glaub mir: Nicht, dass ich es nicht versucht h├Ątte. Schon nach meiner R├╝ckkehr aus Carabanchel habe ich versucht dir zu schreiben, um dich auf dem Laufenden zu halten. Mir ging es sehr schlecht und ich musste mich bei jemandem ausheulen. Da ich keine geeignete Person fand, griff ich mehr als einmal zum Kugelschreiber und schrieb an dich, schickte die Briefe jedoch nie ab… Ich konnte einfach nicht fassen, was geschehen war. Ich wollte dir auch schreiben, weil ich immer gewusst habe, wie sehr er dich geliebt hat, und weil ich wusste, dass er gewollt h├Ątte, dass du es von mir erf├Ąhrst, eher als von jemand anderem: Chico ist tot…

Im September, als ich ins Gef├Ąngnis gekommen bin, lag

er einige Tage im Krankenhaus mit einer beginnenden Lungenentz├╝ndung. Er bat freiwillig um die Gesundschreibung. Dann verhafteten sie ihn wegen Waffenbesitzes und im Zusammenhang mit einem ├ťberfall auf einen Geldtransport und sperrten ihn ein. Alles ging mehr oder minder gut, doch die Lungenentz├╝ndung brach aus, und du weisst, wie die Dinge hier laufen, Grippemittel gegen alles. Zwei Wochen lang lag er mit vierzig Fieber und sie beachteten ihn nicht weiter, bis er einen roten Ausschlag bekam und sie beschlossen, ihn ins Krankenhaus einzuliefern. Zu sp├Ąt, es ging ihm schon so schlecht, er lie├č sich gehen. Es gab zus├Ątzliche Komplikationen mit einer Niere, die nicht mehr funktionierte. Einen Monat lag er im Krankenhaus, und dann gestanden sie ihm Artikel 60 zu, doch er war schon halbtot. Seine Mutter nahm in mit nach Hause, und eines Morgens wachte er v├Âllig aufgedunsen auf, sie brachten ihn im Krankenwagen in die Klinik, wo er mit Blut in der Lunge starb…

Was seine Sterbebegleitung angeht: Traurigerweise war niemand dort, au├čer meiner Familie und seiner, sonst niemand. Das tut mir weh, allein der Gedanke schmerzt mich, denn er hatte das nicht verdient, er nicht. Sie erschienen nicht einmal zur Beisetzung, lie├čen sich nicht blicken, der Rothaarige nicht, nicht Pris, nicht Barato, nicht Nacho, niemand von denen… Ich w├╝rde dir gerne mehr erz├Ąhlen, doch es schn├╝rt mir die Kehle zu. Ich kann nicht mehr, ich hoffe du verstehst das und verzeihst mir.

In Liebe, deine Landsfrau Sandra.

Schon als Junge hatte ich eine Vorstellung von Banditentum und fand es wunderbar. Nach dem Internat, wo ich schon Rebellion an den Tag gelegt hatte, gab es f├╝r mich nur einen Weg: diesen. Die Vorstellung, ein richtiger Verbrecher zu sein, faszinierte mich. F├╝r mich war dieser Beruf etwas Bewundernswertes, dem alle Welt ihren Respekt zollen w├╝rde. Zusammen mit anderen jugendlichen Straft├Ątern nahm ich meinen Werdegang als Gesetzloser in Angriff, und meine Freunde und ich umgaben uns mit M├Ądchen. Es machte mir Spa├č. Ich war weit davon entfernt zu verstehen, dass wir in einer Phantasiewelt lebten. Eine Zeit lang schien sie uns real, doch bald sollte sich diese Vorstellung aufl├Âsen und der kruden Realit├Ąt Platz machen: Es war eine verbotene und verfolgte Lebensform. In dieser Welt hatte ich zusammen mit Eduardo Baptiste ├ülvarez und mit Isabel richtige H├Âhenfl├╝ge erlebt. Was die anderen Beteiligten anging, so war alles blo├čer Schein und Eigeninteresse gewesen. Langsam aber sicher l├Âste sich die romantische Vorstellung, die wir von dieser Welt hatten, in Drogen auf, und ich lernte, wie sch├Ąbig die Menschheit sein konnte. Deshalb ├╝berraschte mich dieser Brief nicht, in dem man mir mitteilte, dass mein Freund tagelang in einem Krankenhausbett gelegen und mit dem Tod gerungen hatte, ohne dass seine angeblichen langj├Ąhrigen Freunde sich dazu herabgelassen h├Ątten, ihn zu besuchen, ihm Gesellschaft zu leisten, sich von ihm zu verabschieden. Ich verstand und teilte den Schmerz seiner Lebensgef├Ąhrtin, bei mir allerdings wurde dieser Schmerz zu Hass. Viele dieser Leute, die ich f├╝r ehrbar und mutig gehalten hatte, stellten sich als simple Geizkragen und sch├Ąbige Egoisten heraus. Ihr Verhalten brachte mich auf, und ich wollte mich weigern zu akzeptieren, dass alle so dachten und handelten. F├╝r mich gab es trotz allem immer noch ein anderes Motiv, das mich dazu bewog, au├čerhalb des Gesetzes und des verfaulten Systems zu leben: Die W├╝rde. Die W├╝rde, aufrecht den Weg zu gehen, den man gew├Ąhlt hat, mit allen Konsequenzen. Die W├╝rde, sich geirrt zu haben und eigene Fehler einzugestehen. Die W├╝rde, ein freier Mensch zu sein, der in seinem Herzen noch viel Platz fand f├╝r Hoffnung und Freundschaft.

In meiner Antwort sprach ich Sandra Mut zu, und als Gru├č an den, der mein bester Freund gewesen war, schickte ich mehrere laute Rufe nach drau├čen; sie sollten meine Blumen bis zu dem Grab dieses Menschen bringen, der gewusst hatte, ein solcher zu sein. Ganz ehrlich, sein Tod raubte ein St├╝ck meiner Seele, und dieser Platz w├╝rde nun mit der Erinnerung an ihn ausgef├╝llt sein.

Der M├Ąrz kam mit einer schlechten Nachricht: Juans Vater war gestorben, und man gestattete ihm nicht, in seine Heimat zu reisen, um den letzten Abschied von ihm zu nehmen. In der Zwischenzeit war der Strafvollzugsrichter von Valladolid in den Obersten Justizrat bef├Ârdert worden; so wollte man seine Kritik an den FIES-Haftbedingungen zum Schweigen bringen, worauf dieser sich einlie├č. Dasselbe versuchte man bei Manuela Carmena, der Richterin, die die deutlichste Kritik am Strafvollzug ge├Ąu├čert hatte. Sie wurde zur Vorsitzenden des Gerichtshofs Madrid berufen. Dieser Frau schuldeten wir Gefangenen viel. Sie hatte uns gegen├╝ber Menschlichkeit gezeigt, und genau deshalb hatte man sie aus ihrer Stellung entfernt. Die Beh├Ârde r├Ąumte auf, und andere Richter kamen nach, um die freigewordenen Stellen zu besetzen. Entsprechend wurde der Direktor der Anstalt Sevilla 2, Rafael Fern├índez Cubero, auf seinem Posten belassen, und dessen Stellvertreter Antonio de Drag├│, direkter Verantwortlicher f├╝r die Folter in Sevilla 2, wurde zum Leiter der Anstalt Melilla gemacht. Uns bestrahlte man bei immer neuen R├Ântgenaufnahmen, band uns wieder an die Ketten, die fest an der Liege unter dem R├Ântgenapparat angebracht waren, nackt. Man gab uns unsere eigene Kleidung und sammelte die Str├Ąflingsanz├╝ge ein. Wenn wir die Zelle verlie├čen, mussten wir uns nach wie vor nackt ausziehen und dann die Plastiklatschen tragen. Wir wurden immer noch auf dem R├╝cken gefesselt, und die sonstigen Sicherheitsma├čnahmen hielt man ebenfalls aufrecht, au├čer bei Juanjo, der nun ohne Handschellen auf den Hof hinaus durfte. Man gestand uns Telefongespr├Ąche zu, eines im Monat, wof├╝r im Flur unserer Galerie neben einem T├╝rgitter ein Telefon installiert wurde. Wir wurden mit einer Hand an dieses Gitter geschlossen, in der anderen hielten wir den H├Ârer, den die Schlie├čer uns durch das Gitter entgegenhielten, nachdem sie die Nummer ├╝berpr├╝ft und gew├Ąhlt hatten.

Bei den erniedrigenden Personendurchsuchungen kam es bei Gelegenheit zu heftigen Diskussionen mit den Schlie├čern. Immer noch lie├čen sie uns zweimal am Tag nackt ausziehen, zum Hofgang und zur Nacht. Auch beim t├Ąglichen Duschen standen wir nackt vor ihnen, ohne jede Intimit├Ąt. Die Post wurde immer noch ewig zur├╝ckgehalten, und die meisten Briefe landeten zerrissen in den Papierk├Ârben der B├╝ros, von denen aus die Anstalt geleitet wurde. Es waren also einige Details der Kleidungsordnung, der Hofg├Ąnge und der nach wie vor zensierten Kommunikation ge├Ąndert worden, doch die Grundlage dieser Haftbedingungen war immer noch die Arbeit der erfahrenen Henker ÔÇô selbst S├Âhne anderer Henker -, angef├╝hrt von Antonio Moreta, einem widerw├Ąrtigen feigen Hund. Der typische Gef├Ąngnisdirektor, der sich in seiner Allmacht vor den Gefangenen aufblies und ihnen nicht zugestand, ├╝ber seine Anordnungen hinauszudenken. Der Gefangenenhilfsverein Salhaketa hatte mehrfach seine Anw├Ąlte in unsere Anstalt geschickt, doch man hatte denen nicht erlaubt, mit uns zu sprechen. Tag f├╝r Tag, Woche f├╝r Woche, Monat f├╝r Monat ging das so, und es begann, unter uns seine Wirkung zu entfalten.

Barrot hatte inzwischen ernsthafte psychische und k├Ârperliche Probleme. Er zahlte den Preis f├╝r ein ganzes dem Rauschgift gewidmetes Leben. Seine Leber spielte ihm ├╝bel mit, was er auf das AIDS-Virus zur├╝ckf├╝hrte, das er in sich trug. In seiner Lage dachte er st├Ąndig daran und geriet an den Abgrund der Hoffnungslosigkeit. Er hatte sich mit Juan gestritten, und in sich selbst verschlossen ern├Ąhrte er sein Gehirn und seinen Organismus mit einer Menge Beruhigungsmittel, die ihm die Anstalts├Ąrzte dreimal t├Ąglich mit dem Essen austeilten. Er wollte aus dieser Realit├Ąt fliehen, die an ihm nagte: Die totale Isolation und der Gedanke an AIDS. Ich wusste aus eigener Erfahrung, was er durchmachte; ├╝ber gewisse Zeitr├Ąume hatte auch ich auf Beruhigungsmittel zur├╝ckgreifen m├╝ssen, um schlafen zu k├Ânnen, wenn ich an Herzrasen oder au├čergew├Âhnlichen Angstzust├Ąnden und Klaustrophobie litt, doch nur zeitweise. Es war ein Fehler, solche Medikation zum Dauerzustand werden zu lassen, denn mit der Zeit bekam diese zu viel Macht ├╝ber einen. Ein Fehler, der Barrot das Leben kosten sollte. Man gab ihm keine Nahrungserg├Ąnzung und keine Vitamine oder setzte etwa die m├Ârderischen R├Ântgenbestrahlungen aus, aber Drogen ÔÇô Drogen gab man ihm alle, die er verlangte, damit er bet├Ąubt und ruhig blieb. Auf den Gef├Ąngnish├Âfen lief das genauso: Heroin und alle m├Âglichen anderen Substanzen lie├č man frei zirkulieren, damit die inhaftierte Bev├Âlkerung ruhig gestellt war und keine Probleme machte und sie sich um die Realit├Ąt, in der sie lebte, nicht weiter k├╝mmerte. Wenn es einmal keine Drogen gab, herrschte eine geladene Stimmung und die Gefangenen zeigten sich verst├Ârt, deshalb gab es Drogen im Gef├Ąngnis und es w├╝rde sie immer geben. FIES wurde nicht auf die angewandt, die im Gef├Ąngnis mit Drogen handelten. FIES war f├╝r diejenigen reserviert, die protestierten.

Mit der Ankunft des April verzog sich die K├Ąlte des Winters und die Stare kamen. Eines Nachmittags las Juanjo in der Zeitung von einem Preis f├╝r die beste Kurzgeschichte. Wir redeten dar├╝ber ├╝ber die Fenster und wollten die ein oder andere Erz├Ąhlung dort einreichen. Doch wir wurden nicht fertig. Juanjo fiel aber ein, ein kleines Buch ├╝ber Ausbr├╝che herauszubringen, er wollte unbedingt etwas schreiben. Er rief uns.

┬╗Was haltet ihr davon, wenn wir uns damit besch├Ąftigten, ein Buch ├╝ber Ausbr├╝che zu schreiben?┬ź schlug er uns von seinem Fenster aus vor.

┬╗Ich bin einverstanden┬ź, antwortete Carlos.

Ich sprach dar├╝ber mit Juan.

┬╗Was sagst du dazu, Juan?┬ź fragte ich ihn.

┬╗Ist mir egal. Schreib ├╝ber unsere Flucht, wenn du willst. Aber erw├Ąhne die Petzerei unter den Gefangenen, damit die Leute auch das mitkriegen und davor gewarnt sind.┬ź

Ich teilte Juanjo mit, dass wir einverstanden waren. Er ├╝bernahm es, ├╝ber Barrots letzten Ausbruch zu schreiben, und Pedro w├╝rde seinen eigenen erz├Ąhlen. Wir taten es in erster Linie, um die Zeit herumzukriegen, auch wenn wir schon dachten, dass das Buch eines Tages ver├Âffentlicht werden und uns etwas Geld einbringen k├Ânnte. Carlos hatte die Idee, einen der Stare, die sich auf dem Hof gegen├╝ber unserer Fenster ein Nest in einer Mauerecke gebaut hatten, zum Erz├Ąhler zu machen. Wir verbrachten ganze Tage damit, die Kladden f├╝r das Buch zu schreiben, das einmal Adi├│s Prisi├│n hei├čen und tats├Ąchlich erscheinen sollte. Ich h├Ątte damals gerne ein noch ausf├╝hrlicheres Buch geschrieben. Alles, was sie uns angetan hatten und noch antaten, sollte darin vorkommen, doch das war nicht m├Âglich, denn es h├Ątte niemals die t├Ąglichen Durchsuchungen unserer Zellen und unserer Habe sowie die Zensur ├╝berstanden. Eines Tages sollte einer von uns ein vollst├Ąndigeres Buch herausgeben, in dem Schl├╝sselsituationen und Beweggr├╝nde zur Flucht er├Ârtert w├╝rden.

Unabh├Ąngig davon schrieb Carlos Gedichte, die ich bei Gelegenheit las. Es war bezeichnend, dass ein Mensch, den die Beh├Ârde als unverbesserlichen B├Âsewicht hinstellte, etwas so feinf├╝hliges aus seinem Innern zu Papier bringen konnte. Es waren sch├Âne Liebesgedichte oder Verse ├╝ber die Ungerechtigkeit der M├Ąchtigen, die andere unterdr├╝ckten. Ich fuhr mit meinen Studien fort, verarbeitete meine Gedanken und las die B├╝cher aller m├Âglichen Autoren. Juanjo studierte begeistert Geschichte. Stunden verbrachten wir mit Gespr├Ąchen, besonders ├╝ber den spanischen B├╝rgerkrieg, die Griechen oder meine Lieblingsthemen, die Kelten und die Irmandinhos. Dann machte sich Juanjo wohlmeinend ├╝ber mich lustig und erinnerte mich an die Ideen, die ich mit ihm geteilt hatte, als wir uns in Daroca kennen lernten: Die Befreiung meiner Heimat Galizien.

┬╗Du bist mir ein sch├Âner Irmandinho mit deinem Bauerngesicht┬ź, sagte er.

┬╗Und du ein kastilischer Imperialist aus Valladolid, Hochburg der Faschisten.┬ź

Dann mussten wir lachen. Juan war darin versunken, zu jeder halben und vollen Stunde zu verfolgen, was das Radio an politischen Nachrichten auskotzte. Manchmal stellte er sich dann ans Fenster und informierte uns, kommentierte das ein oder andere oder forderte uns auf, die Radios auf diese oder jene Frequenz einzustellen. Pedro war mit Beschwerden an die Gerichte besch├Ąftigt, nahm aber an den meisten Gespr├Ąchsrunden teil. Er war ein gro├čer Unterhalter und hatte einen besonderen Sinn f├╝r Humor. Er las nicht viel, studierte aber einige Geschichtsb├╝cher; das interessierte ihn. Er brachte mir von Fenster zu Fenster schreiend mathematische Gleichungen bei und half mir bei so einigen Problemen, mit denen ich in diesem Fach zu k├Ąmpfen hatte. Was Barrot anging, so war er nach wie vor in seine innere Verfremdung versunken, voller Wahnvorstellungen, Tag und Nacht auf Drogen. Er trieb nicht einmal Sport. Carlos nahm daran Anteil und bekam seine Probleme genau mit. Er versuchte erfolglos, ihm seine Lage bewusst zu machen. Barrot war v├Âllig gedankenverloren und sich selbst entfremdet. Ich bewunderte diesen Zug CarlosÔÇÖ, er war st├Ąndig um die anderen bek├╝mmert und wusste genau, wann jemand Hilfe brauchte.

Der Druck der Isolation brachte uns manchmal dazu, in bisweilen sogar hitzige Diskussionen zu verfallen, doch nichtsdestotrotz waren unsere humanen Wertvorstellungen intakt, grundlegende Prinzipien einer Ethik, die trotz alledem nicht zugrunde gehen sollten. APRE(r) war zerschlagen worden, und die Ideen, die fr├╝her viele Gefangene geeint hatten ÔÇô diejenigen, die jetzt der sch├Ąrfsten Repression ausgesetzt waren -, waren verschwunden. Die Mehrheit wollte von nichts mehr etwas wissen, es ging einzig und allein darum, m├Âglichst schnell aus dieser Lage herauszukommen. Unter uns gab es verschiedene Ansichten dar├╝ber, doch wir waren immer noch solidarisch miteinander und halfen einander. Alle, die wir dort waren, hatten etwas gemeinsam, das uns unab├Ąnderlich verband: Echte Rebellion. Wir alle sechs waren Ausbrecher, und wir sechs missachteten dieses Strafvollzugssystem, unabh├Ąngig von unserer Auffassung ├╝ber die anzuwendenden Methoden. Das war unabweisbar und schwei├čte uns zusammen. Dagegen konnten sie nicht an.

Die Direktion schraubte zwischen unsere Fenster gro├če abstehende Metallplatten, die uns nur noch erlaubten zu sehen, was sich genau gegen├╝ber befand, und die den Blick der ├ťberwachungskamera, des ┬╗Inquisitors┬ź, nicht verstellten. Das Klo auf dem Hof hatten sie abmontiert, und wir mussten in ein Siel in der Mitte des Hofs pinkeln. Manchmal streckte mir Juan seine Finger unter dem Hoftor entgegen, das ich von meinem Zellenfenster aus sehen konnte. So gr├╝├čte er mich ÔÇô das war nicht viel, doch immerhin hatte ich Sichtkontakt mit einem K├Ârperteil eines Menschen, der kein Schlie├čer war. Gesten wie diese oder die Gesichter meiner Genossen, wenn sie am gl├Ąsernen Guckfenster in meiner Zellent├╝r vorbeigingen, stets in Begleitung von vier Totschl├Ągern, waren aller menschlicher Kontakt, den wir dort hatten. Dies und geschriene Gespr├Ąche. Und falls wir einen Moment lang vergessen haben sollten, wo wir uns befanden, wurden neue R├Ântgenaufnahmen gemacht. Wir weigerten uns, doch wir wurden mit Handschellen auf dem R├╝cken von zehn Schlie├čern auf die Krankenstation gebracht und einmal mehr an die Ketten am R├Ântgentisch gebunden, dann zog man uns die Hose und Unterw├Ąsche herunter, zog uns das Hemd hoch und machte dann die t├Âdlichen Aufnahmen vom Inneren unserer Eingeweide. So war die Demokratie.

Im Mai wurde ich zu einem Prozess in die Anstalt Bonxe verlegt. Gegen sechs Uhr nachmittags verlie├č ich El Dueso, und mein Sondertransport erreichte Lugo um Mitternacht. Ich bekam kein Wasser oder etwas zu essen. In Bonxe angekommen, wurde ich vollst├Ąndig durchsucht und mit Handschellen vor dem Bauch in eine der Aufnahmezellen geschlossen. In der Zelle lagen zwei Decken.

┬╗H├Âren Sie, was ist los, gibt es keine Bettlaken?┬ź fragte ich den Dienstleiter.

┬╗F├╝r Sie nicht, die Decken reichen Ihnen aus.┬ź

┬╗Und die Handschellen?┬ź fragte ich nach.

┬╗Sie behalten sie an. Um sechs werden Sie abgeholt und zum Prozess nach Pontevedra gebracht.┬ź

Als sie die T├╝r schlossen und weg waren, holte ich den Schl├╝ssel aus seinem Versteck und befreite mich von den Handschellen. Ich legte mich angezogen auf die Matratze, deckte mich zu und wartete auf den Transport. Obwohl ich sehr m├╝de war, konnte ich nicht schlafen. Jede Stunde schaltete ein Schlie├čer das Licht an und sah nach, ob ich noch da war. Diese Typen waren v├Âllig bescheuert und hirnlos, dachte ich f├╝r mich, sie labten sich daran, die Personen, die unter ihrer Kontrolle standen, unn├Âtig zu schikanieren. Wie konnte man glauben, es sei m├Âglich, dass jemand nur zwei Stunden nach seiner Ankunft aus einem Gef├Ąngnis ausbrechen konnte, das er ├╝berhaupt nicht kannte? Absurd.

Ich wartete, bis um vier Uhr morgens der Schlie├čer wieder vorbeigekommen war, und stand auf um zu pinkeln. W├Ąhrend ich gen├╝sslich in das Klobecken pinkelte, mit der linken Hand gegen die Wand gest├╝tzt, fiel mir ein metallenes Wasserrohr auf, das hinauf zum Sp├╝lkasten f├╝hrte. Nach dem Pinkeln stieg ich auf das Klobecken und pr├╝fte das Rohr: es sa├č fest. Zwei Stunden hatte ich. Ich drehte den kleinen Wasserhahn zu und s├Ągte das Metallrohr ab mit einem St├╝ck S├Ąge, das Juan mir in El Dueso geschenkt und das ich durch alle Kontrollen gebracht hatte. Ohne Zeit zu verlieren, dr├╝ckte ich das Rohr platt und s├Ągte es schr├Ąg ab, so dass es eine Spitze bekam. Dann schleifte ich die Spitze. Ich legte mich wieder ins Bett und wartete auf die n├Ąchste Kontrolle, um diesem improvisierten Messer den letzten Schliff zu verpassen. Als der Schlie├čer weg war, schnitt ich das Messer so kurz ab, dass es mir ohne zu gro├če Schmerzen in den After passte. Ich wickelte es in eine M├╝llt├╝te, die es in der Zelle gab, gab dem B├╝ndel eine zylindrische Form und erhitzte die Plastikt├╝te mit einem Feuerzeug, damit sie nicht aufging und die Falten verlor. Dann schmierte ich das P├Ąckchen mit Seife ein und f├╝hrte es mir nicht ohne Schmerzen ein. Jetzt hatte ich eine Waffe, wenngleich rudiment├Ąr, und deshalb auch eine neue Chance, das war besser als nichts. Unter uns Ausbrechern war es gezwungenerma├čen normal, sich etwas einzuf├╝hren, eine ├ťberlebensfrage, wichtiger als das Getue darum, ┬╗Jungfrau┬ź zu sein.

Um sechs h├Ârte ich die unverwechselbaren Schritte der Schlie├čer sich ├╝ber den Flur meiner Zelle n├Ąhern. Ich legte mir die Handschellen an und versteckte die S├Ąge und den Schl├╝ssel. Als die T├╝r aufging, kam eine gro├če Gruppe Schlie├čer und Guardias Civiles hinein und durchsuchte mich. Dann wechselten sie die Handschellen gegen andere und brachten mich in einen Polizeitransporter. Bevor wir das Anstaltsgel├Ąnde verlassen hatten, holte ich das Messer hervor, nahm es aus der Plastikt├╝te und steckte es ein. Die Schei├če wischte ich mir mit feuchtem Klopapier von den H├Ąnden, das ich eigens zu diesem Zweck mitgenommen hatte. Wir fuhren in die Anstalt Monterroxo, wo wir meinen Freund Izquierdo Trancho abholen mussten. Trancho war ein mutiger Typ, ich konnte f├╝r das, was ich mir vorgenommen hatte, auf ihn z├Ąhlen. Als wir in Monterroxo ankamen, musste ich einige Minuten warten, bis sie Trancho brachten. Er grinste und setzte sich zu mir. Wir fuhren weiter, mit dem Ziel Strafgerichtshof Nummer 2 in Pontevedra.

┬╗Wie gehtÔÇÖs dir, Jos├ę?┬ź

┬╗Gut, und dir?┬ź

┬╗Auch gut. Mal sehen, ob wir heute etwas ausrichten k├Ânnen, was?┬ź

┬╗K├Ânnen wir┬ź, sagte ich, holte das Messer hervor und f├╝gte grinsend hinzu: ┬╗Guck mal was ich hier habe.┬ź

┬╗Schick! Wie hast du es herausgeschmuggelt?┬ź fragte er und wog das Messer in seiner Hand.

┬╗Im Arsch, wo sonst. Ich habe das Wasserrohr eines Klosp├╝lkastens plattgedr├╝ckt. Nichts Tolles, aber es wird uns n├╝tzen, wenn wir uns w├Ąhrend der Verhandlung den Richter greifen. Was denkst du?┬ź

┬╗Von mir aus alles klar, das wei├čt du. Wir m├╝ssen allerdings unsere Handschellen aufbekommen, sonst kriegen wir gar nichts hin.┬ź

┬╗Gut┬ź, antwortete ich. ┬╗Und was ist in Ja├ęn los?┬ź

┬╗Alles Mist, auch wenn es nicht so schlimm ist wie in El Dueso. Ich habe geh├Ârt, es ist richtig mies dort, oder?┬ź

┬╗Ja, ziemlich.┬ź

┬╗Bei uns in Ja├ęn gibt es jeden Tag Stress mit den Schlie├čern.┬ź

Wir redeten weiter bis wir in Pontevedra ankamen. Dort schlossen wir uns gegenseitig die Handschellen auf und blockierten deren Z├Ąhne mit Pappst├╝ckchen. Wir schlossen sie wieder, doch jetzt verhinderte der Karton, dass sie einrasteten. Mit einem kr├Ąftigen Zug konnten wir sie jederzeit ├Âffnen.

Eine Eskorte brachte uns ins Gerichtsgeb├Ąude, zwischen Zeitungsleuten und Fotografen. Wir kamen in einen kleinen Warteraum, der von einer stattlichen Anzahl Guardias Civiles und Polic├şas Nacionales bewacht wurde. Die Stunden vor einer Aktion sind die schlimmsten, und wir verbrachten die Zeit rauchend und redend. Die Anwesenheit meines Freundes war mir sehr angenehm, und es beruhigte mich, auf ihn z├Ąhlen zu k├Ânnen. Die Uhrzeit des Gerichtstermins r├╝ckte n├Ąher, und es passierte etwas, mit dem wir nicht gerechnet hatten: Ein Paar Guardias Civiles schloss seine H├Ąnde an die unseren. Wir waren angearscht.

Wir gingen in den Saal, und man machte uns den Prozess wegen Beamtenbeleidigung, aufgrund eines Briefs an einen Richter, in dem wir ihn beschimpft hatten. Wir versuchten, gegen unsere Haftbedingungen zu protestieren, man ging jedoch auf unsere Ausf├╝hrungen nicht ein. Der Richter fragte mich in v├Ąterlichem Ton:

┬╗Wie kommt es, dass Sie sich in ihren jungen Jahren in derartige Schwierigkeiten bringen?┬ź

┬╗Weil die Justiz von Arschl├Âchern wie dir gemacht wird┬ź, warf ich ihm an den Kopf.

Er lief rot an, denn so eine Antwort hatte er nicht erwartet.

Trancho mischte sich ein:

┬╗Euch┬ź, sagte er an Richter und Staatsanwalt gewandt, ┬╗euch tut wirklich eine geh├Ârige Rehabilitation Not, ihr seid v├Âllig verfault. Wie wollt ihr Richter sein, wo ihr es nicht einmal zu W├╝rmern bringt? Ihr seid es und euer Schei├čsystem, was ihr rehabilitieren m├╝sst, Hornochsen!┬ź

Wir schimpften weiter auf Gesetz und Justiz, man warf uns aus dem Saal und brachte uns wieder in den Transporter.

┬╗Was f├╝r Arschl├Âcher!┬ź rief mein Freund, schon drinnen im Transporter.

┬╗Allerdings, sie haben uns die Freude nicht geg├Ânnt┬ź, sagte ich.

Dann lachte ich: ┬╗Wenn dieser Dummkopf von Richter w├╝sste, wie nah er daran war, unsere Geisel zu werden…┬ź

┬╗Wir haben vielleicht ein Pech, Mann.┬ź

Wir entledigten uns des Messers, denn wir w├╝rden es nicht mehr brauchen, und nutzten die gemeinsam verbrachte R├╝ckfahrt ins Gef├Ąngnis, um uns zu unterhalten, bevor wir wieder in der Isolation landeten. In Monterroxo verabschiedeten wir uns mit einer kr├Ąftigen Umarmung. In Bonxe kam ich in dieselbe Zelle, die ich schon die Nacht davor belegt hatte. Man nahm mir die Handschellen ab und ├╝bergab mir saubere Laken und Essen. Die Behandlung war besser als bei meiner Ankunft.

Am n├Ąchsten Morgen wurde ich nach El Dueso zur├╝ckgebracht. Ich erfreute mich an dem Anblick der Landschaft meiner Heimat und f├╝hlte Heimweh. Erinnerungen brachen ├╝ber mich herein. Ohne Zweifel war ich in diesen sch├Ânen Flecken Erde verliebt. Ich dachte mit Sympathie an den bewaffneten Kampf, der in dieser Gegend von den Mitgliedern des Ex├ęrcito Guerrilheiro gef├╝hrt wurde. Die meisten dieser Frauen und M├Ąnner waren verhaftet und in die Gef├Ąngnisse des Staats gesperrt worden, den sie bek├Ąmpften. Sie erinnerten an alte Geschichten von antifaschistischem Widerstand, an Namen von guerrilheiros wie Foucelhas, Piloto oder Reboiras, die der Franquismus ermordet hatte. In dieser Berglandschaft hatte einer der blutigsten Widerstandsk├Ąmpfe gegen den Faschismus stattgefunden, im Anschluss an den erfolgreichen Staatsstreich der Milit├Ąrs im B├╝rgerkrieg; Heroischer Widerstand, der von der Kommunistischen Partei Carrillos und der Pasionaria verraten wurde. Dieses Volk hatte einen der gewaltigsten Bauernaufst├Ąnde des feudalen Europa zustande gebracht: die Revolution der Irmandinhos, in der sich tausende Bauern bewaffnet gegen die grausame Unterdr├╝ckung durch die Tyrannen der Epoche gewehrt hatten. Ich bewunderte das Ex├ęrcito Guerrilheiro, und die Folter, die es in Anstalten wie Alcal├í-Meco erlitten hatte, war mir zu Ohren gekommen: Sie hatten sich geweigert, die dortigen Normen zu akzeptieren, wie etwa beim Z├Ąhlappell stillzustehen, wof├╝r es scheu├čliche Pr├╝gel setzte. Von Politik wusste ich nicht viel, doch genug, um zu wissen, dass Spanien ein zentralistischer Staat war, der auf Eroberung, Gewalt und Ausbeutung gebaut war und die Freiheit alter V├Âlker beendet hatte. Ich bewunderte diese Leute, denn sie hatten sich offen gegen den Drogenhandel gestellt, gegen die Mafia, die mit den falschen Drogen die Jugend vernichtete ÔÇô dieselben, die die allermeisten der Freundinnen und Freunde in den Tod gerissen hatten, mit denen ich als Kind gespielt hatte, bevor dieses Land mit Drogen und Misere ├╝berschwemmt worden war. Auch Xos├ę Vilhar Regueiro und Lola Castro Lama w├╝rde ich immer in guter Erinnerung behalten; sie waren bei dem Versuch umgekommen, uns von diesem ├ťbel zu befreien, das von der kranken Justiz einer Demokratie gesch├╝tzt wurde, die sich dem Meistbietenden prostituierte.

Am grauen Himmel unseres einfachen Volkes

stehen rote Sterne blau durchkreuzt,

es sind die Seelen der toten Guerrilheiros

leuchtend und frei.

Am Nachmittag kamen wir an. Wie ich erwartet hatte, wurde ich vom Transporter direkt in die Krankenstation gesto├čen, wo neue R├Ântgenaufnahmen gemacht wurden. Nach der sorgf├Ąltigen ├ťberpr├╝fung, dass ich nichts mitf├╝hrte, was eine Gefahr f├╝r den ordungsgem├Ą├čen Ablauf des Strafvollzugs h├Ątte darstellen k├Ânnen, brachte man mich in eine Zelle der FIES-Abteilung. Dort hie├č man mich ausziehen und durchsuchte meine Kleidung. Als die Schlie├čer weg waren, trat ich ans Fenster und begr├╝├čte die Genossen. Ich erz├Ąhlte ihnen nur einige Details meiner Reise, denn wir wurden ja st├Ąndig ├╝berwacht.

Am 23. wurde ich vierundzwanzig Jahre alt. Mein Alter betrog mich: Ich war noch ein Junge, auch wenn ich erwachsen spielte, und es gab Dinge, die nur Zeit und Erfahrung mir beibringen sollten. Ich hatte einen sturen und aufbrausenden Charakter, vor allem, wenn ich darauf bestand, in einer Angelegenheit im Recht zu sein ÔÇô manchmal fiel es mir schwer, meine Ignoranz einzugestehen. Doch ich sollte noch lernen. Ich sollte die f├╝r alle Menschen obligatorische Lektion in Bescheidenheit und Menschlichkeit lernen. Ich wollte, dass meine soziale Entwicklung und Emanzipation mit einer Revolution in meinem Innern einherging, die mich zu einem besseren Menschen machte, toleranter, humaner. Ich rechnete meinen Genossen die Geduld, die sie mit mir hatten, hoch an, wie auch ihr Bem├╝hen, mich so zu akzeptieren, wie ich war: Introvertiert und schwer genie├čbar, doch dazu f├Ąhig, mich f├╝r jeden von ihnen herzugeben. Wir gaben uns z├Ąrtliche Spitznamen: Carlos nannten wir ┬╗Simpson┬ź, Juanjo den ┬╗Doktor┬ź, Pedro blieb auf dem Namen ┬╗Schnarchi┬ź sitzen, Juan war ┬╗die Seifenblase┬ź, und ich hie├č ┬╗Norman┬ź. Barrot war immer noch in seinem Paralleluniversum gefangen und ging kaum ans Fenster, au├čer um Juanjo die f├╝r die Redaktion des Kapitels ├╝ber seinen Ausbruch erforderlichen Daten mitzuteilen, damit er sie in das Buch Adi├│s Prisi├│n aufnehmen konnte.

Im ├ťbrigen waren unsere Haftbedingungen immer noch dieselben, und das Leben war so monoton wie unertr├Ąglich. Wir waren seit Monaten zusammen. Einige von uns kannten sich seit Jahren, und die Gespr├Ąche ├╝ber die wenigen ernsthaften Themen, ├╝ber die wir h├Ątten sprechen k├Ânnen, wurden abgeh├Ârt. Die meisten unserer Unterhaltungen wurden deshalb fade und inhaltslos, ohne Tiefgang. Das wurde immer belastender. Das Einzige, was die Routine etwas aufbrach, war vom Fenster aus zuzusehen, wie ein Paar Stare sich ein Nest auf der Hofmauer baute, es dabei zu beobachten, wie es mit kleinen Zweigen oder Baumwollst├╝ckchen im Schnabel umherflog oder auf dem Hof herumlief und Obstreste suchte. Es gab auch eine Taube, die irgendeinem Gefangenen geh├Âren musste. Der warfen wir Brotkrumen hin, die sie mit der diesen V├Âgeln eigenen Ruhe aufpickte. Sogar die M├Âwen schienen dieser Langeweile ├╝berdr├╝ssig.

Im Juni kam es in der Anstalt Alcal├í-Meco zu einem Aufstand, w├Ąhrend dessen einer der Gefangenen an den Messerstichen starb, die ihm Mois├ęs Caam├í├▒ez ├ülvarez zum Ausgleich offener Rechnungen verpasst hatte, ein Junge von zweiundzwanzig Jahren. Wenige Tage nach dem Aufstand brachten sie ihn und steckten ihn in die erste Zelle, neben Juan. Mit ihm waren wir jetzt sieben. Noch am Tag seiner Ankunft fragte ihn Carlos nach dem Grund daf├╝r, dass w├Ąhrend eines Aufstands wieder einmal ein Gefangener ums Leben gekommen war. Die Antwort war in etwa die folgende Geschichte.

Der Tote war der Verantwortliche f├╝r das Abrutschen in die Welt der Drogen und der Prostitution einer j├╝ngeren Schwester von Mois├ęs gewesen. Wenige Monate zuvor war das M├Ądchen an einer ├ťberdosis gestorben. Als Mois├ęs mitbekam, dass dieser Gefangene damit zu tun gehabt hatte und in demselben Trakt in Alcal├í-Meco einsa├č wie er, entf├╝hrte er einen Schlie├čer und ging auf ihn los. Er t├Âtete ihn. Bevor er sich sich dem entf├╝hrten Schlie├čer stellte, verlangte er die Gegenwart des Strafvollzugsrichters und protestierte gegen Pr├╝gel und Misshandlungen der jugendlichen Gefangenen in Alcal├í-Meco. Um dem Nachdruck zu verleihen, zwang er den Richter dazu, einen seiner Mitgefangenen aufzusuchen, der mit einem gebrochenen Arm in Gips und eindeutigen Spuren der Misshandlung durch die Schlie├čer in Isolationshaft sa├č. Anschlie├čend stellte er sich und kam Tage darauf nach El Dueso. Dies ist die Geschichte, die er erz├Ąhlte, was nicht hei├čt, dass nicht andere Versionen des Vorfalls kursierten.

An einem dieser Tage hatte Juan einen Wutanfall. Die Nase voll vom Druck der Isolation, riss er das Fenster aus dem Rahmen, tobte in der Zelle und schlug alles kurz und klein. Ein Trupp Schlie├čer erschien, ├╝berw├Ąltigte und schloss ihn mit den H├Ąnden hinter dem R├╝cken an das T├╝rgitter. Der medizinische Leiter kam dazu. ┬╗Wir werden dir jetzt gleich eine Injektion setzen, damit deine Nerven runterkochen, du Arschloch┬ź, drohte er ihm.

Juan rief Carlos und mich: ┬╗Jos├ę, Carlos!┬ź

Ich ging ans Fenster.

┬╗Was ist los, Juan?┬ź fragte ich erschrocken.

Im Trakt war die Spannung nach langer schmerzhafter Stille merklich angewachsen.

┬╗Sie wollen mir eine Spritze verpassen…┬ź, antwortete er aufgeregt.

Eine Spritze Phenothiazin gesetzt zu bekommen, war wahrlich kein Scherz. Es konnte einen Mann zwei Wochen flachlegen, ohne die Kraft, auch nur zu denken. Es war gef├Ąhrlich, denn schon eine dieser Injektionen konnte bei einem gesunden Menschen schwere psychische Folgesch├Ąden hervorrufen. Ich war so erschrocken wie er, doch er war mein Freund, und ich ging an die T├╝r und schlug kr├Ąftig dagegen. Carlos rief mich:

┬╗Was hast du vor?┬ź

┬╗Nat├╝rlich mit denen reden, damit sie ihm die Spritze nicht setzen.┬ź

Ich h├Ąmmerte also weiter gegen die T├╝r, und Carlos tat dasselbe, bis der Dienstleiter zu meiner Zelle kam. Sie ├Âffneten die T├╝r. ┬╗Was ist los?┬ź fragte er mich.

┬╗Der medizinische Leiter hat damit gedroht, meinem Genossen zwangsweise eine Spritze zu setzen.┬ź Ich erkl├Ąrte ihm ruhig: ┬╗Wenn Juan die Zelle kaputtgemacht hat, dann weil diese Bedingungen sehr hart sind, und das wissen Sie. Es ist logisch, dass man irgendwann ausrastet. Es ist noch nicht lange her, dass sein Vater gestorben ist, ich glaube es ist v├Âllig erkl├Ąrlich und normal, dass er sich so f├╝hlt.┬ź

┬╗Das ist Sache des medizinischen Leiters und nicht unsere, Tarr├şo.┬ź

┬╗Gut, aber sie sollen wissen, dass wenn Sie meinem Freund diese Spritze setzen, ich es bin, der seine Zelle kaputtschl├Ągt, und danach alle anderen Genossen, und ihr werdet kommen m├╝ssen, um mich zu fesseln, denn ich werde nicht aufh├Âren.┬ź

┬╗Na na, wer wird denn gleich drohen, Tarr├şo, beruhigen Sie sich. Ich werde mit Don Enrique sprechen, mal sehen, ob wir diesmal von der Spritze absehen k├Ânnen, einverstanden?┬ź

┬╗Einverstanden. Und noch etwas┬ź, f├╝gte ich hinzu, ┬╗nehmen Sie ihm die Fesseln ab.┬ź

┬╗Wir werden sehen.┬ź

Carlos sagte ihm etwas Ähnliches. Ich teilte Juan mit, was wir besprochen hatten, damit er sich beruhigte:

┬╗Bleib ruhig, Juanito, mal sehen, ob sie dir die Fesseln abnehmen und die Geschichte nicht ausufert. Wie geht es dir?┬ź

┬╗Gut. Ich bin ausgeflippt…┬ź

Man gab ihm die Spritze nicht, und ein paar Stunden sp├Ąter nahm man ihm die Fesseln ab und f├╝hrte ihn in eine andere Zelle. Er war mit dem Schrecken davongekommen.

Pedro bekam in einigen Sachen vor dem Strafvollzugsgericht Recht, und man gestand uns eine zus├Ątzliche Stunde Hofgang zu. Drau├čen stellten der Verein Salhaketa und die Asociaci├│n Pro Derechos Humanos Dossiers ├╝ber unsere Lage zusammen, auf Grundlage eines m├Ąchtigen Stapels Kopien von Anzeigen und Beschwerden, den wir ihnen ├╝ber die Anw├Ąlte hatten zuspielen k├Ânnen.

Ich erhielt einen Brief von Musta aus Puerto de Santa Mar├şa:

Lieber Xos├ę:

Wenn ich mal dazu komme, den Kugelschreiber zu schwingen, irre ich in Zeit und Ideen umher und schreibe fast nie zu Ende, was ich angefangen habe… es erscheint mir immer zu kurz gegriffen und unfertig. Ich schaffe es nicht, was ich sagen will auf eine solide Grundlage zu stellen und mich verst├Ąndlich zu machen. Ein Blatt Papier scheint mir daf├╝r zu klein, ich bin konfus, und ich will nicht irgendetwas sagen. F├╝r das, was ich mitteilen will, ist dies ein zu abstraktes Medium.

Amado irman do alma… Verstehst du mich? Genau wei├č dieses Gef├╝hl, das Freundschaft hei├čt, wie sehr ich mich nach dir sehne und wie wenig ich f├╝r dich tun kann… Genau wei├č diese leidenschaftliche Besessenheit, was Du f├╝r mich bedeutest, und auch, wie die Felsw├Ąnde um mich herum diese unb├Ąndigen Wogen brechen… Wie traurig! Wie grauenhaft!

Manchmal, wenn ich den Gedanken des jeweiligen Erz├Ąhlers folge, entziehe ich mich dieser miserablen Welt so nachhaltig, ich ziehe mich so weit in die Erz├Ąhlung zur├╝ck, dass ich mir, wenn ich von dieser Reise ┬╗aufwache┬ź, unbekannt und fremd vorkomme. Ich f├╝hle mich losgel├Âst von allem Weltlichen, allem Nichtigen, und meine eigene Nichtigkeit ist dem Reiz der wahren W├╝rde unterlegen.

Niemals, irman meu, werden sie die Leidenschaft, die ich f├╝r Gerechtigkeit und ein Leben in W├╝rde empfinde, einsperren k├Ânnen, wie sie auch niemals zum Schweigen bringen werden, was auf meiner inneren Kanzel gesprochen wird. Mein K├Ârper ist ein loyaler Soldat im Dienst der Menschheit und der libert├Ąren Ideen meines geliebten Piotr Kropotkin. Ich begreife es als Sinn des Lebens, der Menschheit die Erinnerung an den w├╝rdigen Einsatz unserer Person in der Aktion zu hinterlassen.

In diesem Leben existieren Millionen Personen, die aus Charakterschw├Ąche nichts sind als Millionen Personen, und nur hunderte einzigartige Frauen und M├Ąnner kennen wir wegen ihrer Hinterlassenschaft, ihrer revolution├Ąren Ideen oder Aktionen. Ich bin die Revolutionen dieser singul├Ąren Sterblichen oberfl├Ąchlich durchgegangen, und ich habe unter gr├Â├čtem Bedauern festgestellt, dass sie sich nie mit den ewigen Sklaven der Gesellschaften aufgehalten haben: den Gefangenen. Nicht die Kommunisten, nicht die Sozialisten, nicht die Republikaner… nichts! Angeblich in Bezug auf die Gleichstellung der gesellschaftlichen Klassen avantgardistische Organisationen haben sich nicht mit der unterdr├╝cktesten aller Klassen aufgehalten, die sie angeblich repr├Ąsentieren. Es ist traurig, den herzzerrei├čenden und zu leisen Schlachtruf eines Kollektivs zu h├Âren, das es trotz seiner in gewissem Sinne einheitlichen Lage nicht versteht, seiner gerechten Rebellion eine bestimmte Richtung zu geben, unter anderem aus Ignoranz, Furcht und Feigheit.

Kurzum… Ich w├╝rde gar zu gerne mit dir sprechen und dich in den Arm nehmen, um zu f├╝hlen, dass was ich denke und sage Frucht gemeinsamer Ideen ist, um so wenigstens etwas von meinem Verlangen und meiner Traurigkeit auf Deine br├╝derlichen Schultern zu laden und die Dinge mit der Idee anzugehen, nicht allein dazustehen im Krieg gegen die Ungerechtigkeit.

In libert├Ąrer Liebe, Dein Gabriel Pombo

Der Brief meines Freundes lie├č mich nachdenken. Ich freute mich dar├╝ber, dass er sich der Anarchie als Humanphilosophie gen├Ąhert hatte, um sich auf deren Grundlage gegen das System zu stellen. Anarchie, libert├Ąre Kultur, war auf lange Sicht die Hoffnung der Gesellschaft, besonders die Hoffnung der am meisten Benachteiligten.

Ich lief weiterhin im Kreis auf dem kleinen Hof und verbesserte deutlich meine k├Ârperliche Form. Eine Stunde am Tag widmete ich mich dem Laufen, jetzt, da wir mehr Zeit dazu hatten, und machte Dehn├╝bungen. Das machte mir Mut. Ich nahm mir auch vor, das Rauchen aufzugeben. Vor l├Ąngerer Zeit schon hatte ich die Drogen hinter mir gelassen, und das einzige Laster, dem ich noch fr├Ânte, war der Tabak. Ich war besessen davon, es sein zu lassen, es war mir wichtig. Es w├╝rde nicht nur helfen, meine Gesundheit zu erhalten, sondern mir auch mehr Geld f├╝r die Ern├Ąhrung lassen ÔÇô der Tabak verschlang den Gro├čteil meines Hausgelds. Nach diesen Sportstunden, stets unter der Beobachtung eines Schlie├čers, der sich hinter dem Gitterfenster der anliegenden Wachstube versteckt hielt, brachten sie mich in Handschellen in die Duschr├Ąume, wo ich mich frisch machte und die Kleidung wechselte. Sie lie├čen uns keine Kleidung zum Wechseln in der Zelle haben, nur die wir gerade anhatten und das Handtuch, wir mussten uns also in der Dusche umziehen. Man schickte die schmutzige Kleidung dann in die W├Ąscherei und steckte sie anschlie├čend wieder in die S├Ącke, die unsere Nummer trugen.

Der Juli kam und brachte die Sommerhitze, aber auch den Besuch meiner Mutter und ihres Ehemannes. Sie sah gut aus, war aber sehr traurig dar├╝ber, wie sie mich dort hielten ÔÇô etwas, das eine Mutter immer bemerkt.

┬╗Hallo, Sohn┬ź, gr├╝├čte sie mich.

┬╗Hallo, Mutter…┬ź

┬╗Wie gehen sie mit dir um, mein Schatz?┬ź

┬╗Wie ├╝berall, du wei├čt schon.┬ź

┬╗Ja. Ich habe hier monatelang angerufen und man hat immer aufgelegt┬ź, erz├Ąhlte sie mir. ┬╗Ich wollte mit dem Arzt sprechen. Er gab mir auf unfreundliche Art und Weise zu verstehen, dass du isoliert bist und dass man nicht mit dir sprechen darf.┬ź

┬╗Ruf hier bitte nicht mehr an┬ź, sagte ich. ┬╗Sei unbesorgt, ich passe schon gut auf mich auf.┬ź

┬╗Wir haben dir etwas zum Anziehen und zu essen mitgebracht, das Essen hat man uns aber nicht mit hinein nehmen lassen…┬ź

Wir sprachen zwanzig Minuten lang. Ich freute mich sehr, die beiden zu sehen. Ich liebte meine Mutter sehr und war froh dar├╝ber, dass sie einen Lebensgef├Ąhrten gefunden hatte, der gut zu ihr war. Sie hatte es verdient. Nach ein paar auf die Glasscheibe gedr├╝ckten K├╝ssen und dem Austausch von ein paar Blicken, bei denen ihre traurigen und feuchten braunen Augen aufblitzten und liebevolle Poesie mit den meinen austauschten, band man mich auf dem R├╝cken und brachte mich wieder in den Trakt und in die Zelle. Wie konnte ich ihr dies alles erkl├Ąren? Wie konnte ich ihr sagen, dass ich HIV-positiv war, und dass mir allein der Gedanke daran, welchen Schmerz ihr mein Verlust bereiten sollte, unertr├Ąglich war? Wie konnte ich den Schmerz beschreiben, der mich in Momenten wie diesem jede erdenkliche Verr├╝cktheit begehen lassen konnte? Das System begn├╝gte sich nicht damit, uns zu ersticken und aus dem Leben auszuschlie├čen; Es gefiel sich dabei, unseren Familien Schmerz zuzuf├╝gen und sie wie uns zu bestrafen, auf grausam rachs├╝chtige Weise.

Tage nach diesem Besuch rammte sich Mois├ęs ein St├╝ck Eisen in die Brust, in H├Âhe der Lungen. Wir gaben den Schlie├čern Bescheid, und sie brauchten eine geschlagene Viertelstunde, um mit dem medizinischen Leiter zusammen im Trakt zu erscheinen. Sie ├Âffneten die Zellent├╝r des Genossen und fesselten ihn. Von unseren Zellen aus, ├╝ber den Flur, konnten wir alles h├Âren.

┬╗Jetzt spiel hier nicht die Schwuchtel, h├Ârst du? Wenn du dir das Eisen reingerammt hast, bist du selber Schuld┬ź, schrie der Arzt.

Nach einer Reihe Drohungen entfernten sie schlie├člich das Eisen und versorgten ihn. Mois├ęs verletzte sich allerdings sofort wieder selbst, als sie ihn allein in der Zelle lie├čen; diesmal schnitt er sich mit einer Rasierklinge auf, die er bei sich versteckt hatte. Ein Trupp erschien in seiner Zelle, band ihn ans Bett und verpasste ihm ein paar Ohrfeigen. Dann ordnete der medizinische Leiter an, ihm eine Injektion zu setzen, und bevor sie gingen, nebelten sie die Zelle unter den Beschimpfungen MoisesÔÇÖ mit einem Spray ein. Der junge und HIV-positive Mois├ęs ertrug die Isolation unter diesen Bedingungen nicht und verlor die Hoffnung. So war er. Schw├Ąchlich und nerv├Âs wie er war, machte ihn diese Stille verr├╝ckt, diese wei├čen W├Ąnde, die jeden Tag ein St├╝ck n├Ąher auf einen zuzukommen schienen. Er war bis zu dem Punkt verst├Ârt, dass er dem Schmerz mit Selbstverletzung zu entkommen versuchte. Es schien widerspr├╝chlich, doch so war es: Sich unter diesen Umst├Ąnden selbst zu verletzen, stellte f├╝r ihn eine L├Âsung dar, es war eine Form ┬╗Es reicht!┬ź zu schreien, genug Isolation, genug Einsamkeit, und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, auf seine Probleme, auf sein Leiden. Einige Tage sp├Ąter brachten sie ihn fort nach Alicante, in etwas weniger schwere Haftbedingungen.

Es war nicht viel Zeit vergangen, als wir h├Ârten, dass er erh├Ąngt gestorben war, in Villanubla, Valladolid. Das war normal. Das Gef├Ąngnis war eine Sache, das Gef├Ąngnis innerhalb des Gef├Ąngnisses war etwas anderes. Bei jenem J├╝ngling hatten sie sich geirrt, wie bei so vielen. Mois├ęs war einfach ein drogens├╝chtiger junger Mann, der unter Wirkung des Rauschgifts einige Straftaten begangen hatte, das alle und jede Strafanstalt des spanischen Staats ├╝berflutete, jede Stadt und jedes marginale Viertel, von denen es in der Tat viele gab.

Diesen Monat erlaubte uns die Beh├Ârde, Fernsehapparate zu besitzen, was uns dabei half, die Langeweile zu bek├Ąmpfen. Wir kauften einen kleinen F├╝nf-Zoll-Apparat f├╝r jeden von uns, um die Monotonie, die uns umgab, aufzubrechen. Wie die gro├če Mehrheit der inhaftierten Bev├Âlkerung gingen wir dazu ├╝ber, uns die Programme der diversen Kan├Ąle anzutun. Ich war Zeuge der zweiten Tour de France, die von Miguel Indurain souver├Ąn gewonnen wurde. Ich wurde ein Fan dieses Sports, er gefiel mir. Auch kn├╝pfte ich freundschaftliche Bande mit einer Spinne, der ich in der Zelle Fliegen und M├╝cken fing und anschlie├čend in einer Plastikt├╝te auf den Hof hinaus brachte. Sie hatte sich in einer Ecke des Hofs eingerichtet, und ich nannte sie ┬╗Spinne Thekla┬ź zu Ehren der ruchlosen Spinne aus Biene Maja, einer Zeichentrickserie aus meiner leider vergangenen Kindheit. Ich setzte mich zu ihr und ihrem wunderbaren meisterhaft gesponnenen Spinnennetz und legte die Insekten darauf. Dann kam sie aus ihrem Versteck, st├╝rzte sich auf sie und wickelte sie in ihren Faden, um sie dann in ihre H├Âhle mitzunehmen, sie dort wie in einer Speisekammer aufzubewahren. Die Spinne wartete dann, bis die von ihrem Gift durchdrungenen K├Ârper aufweichten und saugte sie aus. Dann warf sie die leeren Kadaver vom Netz auf den Boden und versteckte sich wieder, um auf die Ankunft neuer Opfer zu warten. Nicht, dass die Spinne mein Lieblingstier gewesen w├Ąre, doch wenigstens leistete sie mir Gesellschaft, und ihre Beobachtung lenkte mich ab. Manchmal machte ich auch einen Teil ihres Netzes kaputt, nur um dabei zuzusehen, wie sie es mit der ihr eigenen Meisterschaft wieder flickte. Ich pflegte auch mit den Pillendreher-K├Ąfern zu spielen, die es bis auf unseren Hof geschafft hatten: Wir waren Freunde. Weder sie griffen mich an noch ich sie; wir lebten in Harmonie in dieser Welt aus Beton. Die dort vertretene Fauna wahr unglaublich. Eines Tages, als wir uns gerade ├╝ber die Fenster unterhielten, sahen wir einen Zwergadler den gro├čen Hof ├╝berfliegen, auf den nie jemand hinausging, und wo die V├Âgel sich von dem ern├Ąhrten, was wir ihnen hinwarfen. Das Paar Stare hatte sich inzwischen das Nest gebaut und war damit besch├Ąftigt, die Eier auszubr├╝ten. Die Stare bemerkten die Anwesenheit des Adlers und flohen zum Schutz unter einen Vorsprung; doch nicht so ein kleiner putziger Sperling. Der Raubvogel schnellte hinunter, ├╝berraschte ihn und nahm den schon leblosen Spatz in seinen m├Ąchtigen, starken Klauen mit sich fort. Sicherlich w├╝rde der Spatz seinen hungrigen K├╝ken zum Fr├╝hst├╝ck herhalten m├╝ssen. Auch wohnten wir der Paarung eines M├Âwenp├Ąrchens bei, auf der Mauer, ohne jede Scham mit Frohlocken bis zum Orgasmus, unter unserem komplizenhaften Gel├Ąchter.

Der August brachte nichts als die Best├Ątigung, dass diese Haftbedingungen auf unbestimmte Zeit aufrechterhalten werden sollten. Mit dem Zugest├Ąndnis der t├Ąglichen zwei Stunden allein auf dem Hof und der Herausgabe der eigenen Kleidung, mit der begrenzten und zensierten Kommunikation und dem beschr├Ąnkten Zugang zum Economato hatten wir unser H├Âchstma├č an Rechten erreicht, einschlie├člich Fernsehen.

Jos├ę Antonio Moreta wurde aufgrund seiner verdienstvollen Arbeit in El Dueso, vor allem mit uns, bef├Ârdert und nach Carabanchel versetzt, wo er nur zwei Jahre sp├Ąter einer Unterschlagung ├╝berf├╝hrt werden und vom Direktorposten wieder abgesetzt werden sollte. Wollte man mit Menschen wie diesem aus uns ehrbare B├╝rgerinnen und B├╝rger machen? Als Ersatz kam Jos├ę Ignacio Berm├║dez, ein alter Bekannter aus der Anstalt Orense. Mit diesem Direktor blieb alles beim Alten: Erleichterungen f├╝r die an die f├╝nfhundert Vergewaltiger, die in der Anstalt sa├čen, und f├╝r die Drogenschieber. F├╝r uns, die es gewagt hatten, sich gegen die Herrschaft aufzulehnen, Isolation, Sicherheitsma├čnahmen und Kn├╝ppel.

Am 11. September, um zw├Âlf Uhr mittags, kam es zu einem Aufstand mit Geiseln im Gef├Ąngnis Daroca. Wir h├Ârten die Nachricht im Radio. Mehrere Genossen: Joaqu├şn ├üngel Zamoro Dur├ín, Luque Tamaj├│n, Jos├ę Romero Gonz├ílez, Eduardo Camacho Chac├│n, Juan Manuel Gonz├ílez Fern├índez und Enrique Velasco hatten die Nase voll davon, in Haft vor sich hin zu faulen. In den Trakten eins und zwei nahmen Sie mehrere Geiseln. Sie verhandelten ihre Flucht und verlangten ein Auto vor dem Gef├Ąngnistor und freies Geleit. Sie drohten damit, die Schlie├čer zu exekutieren. Die Generaldirektion des Strafvollzugs schickte ├üngel Yuste Castillejo, stellvertretender Direktor der Strafvollzugsbeh├Ârden, und den Strafvollzugsrichter Luis P├ęrez Rom├ín, einen f├╝nfundsechzig Jahre alten Franquisten. Sie gingen in die Anstalt, um mit den Gefangenen zu verhandeln, die inzwischen die Gitter zu dem Flur durchges├Ągt hatten, von dem aus im Namen der Beh├Ârde verhandelt wurde, um deren Vertreter ebenfalls gefangenzunehmen. Und wirklich, sie gingen in die Falle, und beide wurden ebenfalls zu Geiseln. Drau├čen gab es einen enormen Aufruhr und die UEI-Spezialeinheiten erschienen auf dem Gel├Ąnde. Das Fernsehen brachte die Bilder von Zamoro Dur├ín und Luque Tamaj├│n, wie sie von einem der Fenster des Trakts aus ihre Forderungen nach verbesserten Haftbedingungen in Richtung der versammelten Medienvertreter ausriefen.

Einige Stunden sp├Ąter wurde mitgeteilt, dass einer der Schlie├čer schwer verletzt worden war ÔÇô er hatte von Jos├ę Romero Gonz├ílez einen tiefen Schnitt in den Hals verpasst bekommen. Von drau├čen versprach man die Bereitstellung des Wagens, wenn niemandem sonst etwas angetan und der Verletzte freigelassen wurde. Sie lie├čen ihn frei, und das war ein Fehler. Mit Erhalten der Nachricht ├╝ber den verletzten Schlie├čer traten die UEI in Aktion, postierten ihre M├Ąnner auf den D├Ąchern und bereiteten Sprengs├Ątze vor. Der Sturmangriff war nur eine Frage von Minuten. Die Spezialeinheiten sprengten die n├Âtigen ├ľffnungen in die W├Ąnde und drangen in das Innere der Anstalt, bewaffnet mit Pistolen und Sturmgewehren, kugelsicheren Westen und allem m├Âglichen Kriegsger├Ąt, um der mit ein paar Messern bewaffneten Gruppe zu begegnen. Joaqu├şn Zamoro Dur├ín bekam bei dem Sturm zwei Kugeln ab, eine ins Bein und die andere ins Handgelenk. Einem farbigen Gefangenen, der dort frei herumlief, ohne bei dem Aufstand mitzumachen, wurde in den Bauch geschossen.

Innerhalb von Minuten waren alle ├╝berw├Ąltigt und die Geiseln befreit und am Leben. Den anderen Gefangenen, die an dem Aufstand teilgenommen hatten, wurden mit Baseballschl├Ągern die Arme und Beine gebrochen; dann wurden sie nackt ausgezogen und ins Krankenhaus gebracht. Sp├Ąter sollte man sie in alle Richtungen verstreute Gef├Ąngnisse verlegen. Nach El Dueso kam Jos├ę Romero Gonz├ílez, alias El Loco, er wurde mein Nachbar. Er kam am Boden zerst├Ârt, v├Âllig kaputt von den Schl├Ągen, die er hatte ├╝ber sich ergehen lassen m├╝ssen, mit einem Abwehrkr├Ąfte-Index von achtzig und bedeckt mit einem Ausschlag, der sich durch seine Haut fra├č und sie mit Eiterbeulen bedeckte. Sie hatten alles auf eine Karte gesetzt und verloren. Die Mehrheit der Teilnehmer an der Geiselnahme waren ├╝brigens AIDS-Kranke.

Von uns allen wurden neue R├Ântgenbilder gemacht. Unsere medizinische Versorgung war nach wie vor beschissen. Die einzige Ausnahme war eine neue Arzthelferin. Sie hie├č Mar├şa del Mar, war erst vor Kurzem dazugekommen und zeigte uns gegen├╝ber Sympathie und Freundlichkeit. Ich gab mich trotzdem h├Ąufig ernst und distanziert, sie aber war bem├╝ht zu erreichen, dass ich sie nicht als Feindin sah. H├Ąufig traf sie mich studierend an.

┬╗Du schummelst sicher und schreibst alles ab┬ź, sagte sie l├Ąchelnd zu mir.

┬╗Wenn ich blo├č abschriebe, wozu sollte ich dann lernen?┬ź fragte ich.

┬╗Ich bringe eine Waage, m├Âchtest du dich wiegen?┬ź

┬╗Ja, los, lass mal sehen.┬ź

Es war eine gutm├╝tige Frau, ich misstraute ihr allerdings, denn sie stand ja schlie├člich auf der anderen Seite des Gitters. Schlie├člich sollte diese Frau ihre Arbeit bei uns aufgeben und vor dem Defensor del Pueblo die Misshandlungen zur Anzeige bringen, die wir erlitten, was dieser geflissentlich ├╝bersah, wie alle anderen Beh├Ârdenmitarbeiter auf leitendem Posten. Nach einiger Zeit sollte sie die Lebensgef├Ąhrtin von Juanjo werden ÔÇô so ├╝berraschend und turbulent war manchmal die Bestimmung.

Eines Morgens, mir standen die Provokationen einer bestimmten Gruppe Schlie├čer bis oben, wechselte ich zum Z├Ąhlappell einige Worte mit einem von ihnen.

┬╗Du bist ganz sch├Ân mutig, da auf der anderen Seite des Gitters┬ź, sagte ich. ┬╗Vielleicht kommst du ja nachher mit auf den Hof, du allein, und wir tragen einen Zweikampf aus, du Schwuchtel, und du h├Ârst auf so anzugeben.┬ź

┬╗Du bist nichts als ein verdammter Hundesohn┬ź, antwortete er.

Nach dem Fr├╝hst├╝ck holten sie mich ab zum Hofgang. Der Schlie├čer, mit dem ich wenige Minuten zuvor gestritten hatte, kam in Begleitung zweier anderer Schlie├čer und eines Dienstleiters, der einen Schlagstock dabei hatte. Als ich an das Gitter treten und die Kleider zur Durchsuchung ablegen sollte, behielt ich meinen Rotz im Mund, es war richtig gr├╝ner dabei, und spie ihm mitten ins Gesicht.

┬╗Das im Namen meiner Mutter┬ź, sagte ich, und f├╝hlte mich richtig gut. Ich hatte schon seit l├Ąngerem Lust dazu gehabt.

Sie drohten mir und holten die Schl├╝ssel. Ich bereitete mich darauf vor, was nun passieren konnte und lud sie zum Hereinkommen ein, indem ich an das Bett zur├╝ck trat. Als sich die T├╝r ├Âffnete, kam als Erster etwas unschl├╝ssig der Schlie├čer herein, den ich angespuckt hatte, und ich verstrickte mich in einen Faustkampf mit ihm. Wir hatten noch nicht drei Fausthiebe ausgetauscht, als der Dienstleiter merkte, dass ich mich verteidigte, auf das Bett stieg und mir von oben seinen Kn├╝ppel ├╝berbriet. Ich versuchte, den Schlagstock zu ergreifen und ihm wegzunehmen, doch ein Faustschlag ins Gesicht warf mich an die Wand und von dort zu Boden, wo sie sich dann an mir auslie├čen. Ein Tritt ins Gesicht brach mir die Nase, der Kn├╝ppel sauste immer wieder auf meinen Sch├Ądel und ich konnte nicht mehr reagieren. Noch ein paar Tritte und Hiebe, und ich wurde an das T├╝rgitter geschleift ÔÇô das alles unter der Aufsicht von zwei weiteren Schlie├čern, bereit zum Eingreifen. Sie banden mich mit den H├Ąnden hinter dem R├╝cken auf das Bett. Ich war nur halb bei Bewusstsein, das Blut lief mir aus Nase und Mund. Sie gingen dazu ├╝ber, mich zu beschimpfen und den Fernseher und das Fenster zu zerschlagen, um sp├Ąter vor Gericht auszusagen, ich h├Ątte sie damit angegriffen. Bevor sie die Zelle verlie├čen, zog mir der Schlie├čer, den wir ┬╗Pudel┬ź nannten, die Handschellen fest und presste sie mir in die Handgelenke.

Stunden sp├Ąter kam der Arzt. Er ordnete an, mir eine Injektion zu setzen. Ich weigerte mich, also mussten sie Gewalt anwenden und mich auf das Bett dr├╝cken. Sie hielten mich an Armen und Beinen und zogen mir an den Haaren, stellten mich so ruhig und setzten mir die Spritze. Nach dieser mutigen Tat brachten sie mich, immer noch auf dem R├╝cken gefesselt, in einen Transporter der Guardia Civil, mit Ziel Krankenhaus ┬╗Marqu├ęs de Valdecilla┬ź, wie ich h├Ârte. Kurz bevor ich im Transporter verschwand, konnte ich den Direktor sehen, der sich im Hintergrund hielt. Unsere Blicke kreuzten sich. Ich kannte ihn nur vom Sehen, doch ich wusste, dass er es war. Ich hasste ihn. Ich kam in die Notaufnahme, und dort im Krankenhaus warteten auf mich mehrere Polizisten in Zivil. Mit einer Polizeieskorte, die angesichts dessen, welche Gefahr ich dort bedeutete, mehr als stattlich war, wurden mir unter gro├čen Schmerzen die Nasenknochen gerichtet und mein halbes Gesicht eingegipst. Als wir wieder nach El Dueso fuhren, banden mich die Schlie├čer wieder an das T├╝rgitter. Der Dienstleiter kam, um mit mir zu sprechen. Ich war voll mit Blut und mein Gesicht lag in Gips, was offenbar Eindruck auf ihn machte.

┬╗Mensch, Tarr├şo, Sie lernen wohl nie, was?┬ź

┬╗Was lernen?┬ź fragte ich und sah ihn w├╝tend an.

┬╗Siehst du nicht, dass du so immer weiter verlieren wirst, Mann? Schreib, lies oder male, aber provoziere uns nicht, du siehst ja, was dabei herauskommt. Ich sag dir das doch nur deshalb, Tarr├şo, glaub nicht, dass es angenehm f├╝r mich ist, dich so zu sehen, und dann mit diesem Bild im Kopf nach Hause zu gehen.┬ź

┬╗Na klar…┬ź, ironisierte ich.

┬╗Kann ich dir die Fesseln abnehmen?┬ź

┬╗Das m├╝ssen Sie entscheiden.┬ź

┬╗Wenn du nichts kaputtmachst oder sonstwas veranstaltest, nehme ich sie dir ab, OK?┬ź

┬╗OK.┬ź

Er nahm mir die Handschellen ab und ging. Die Genossen riefen mich.

┬╗Unser Jos├ę!┬ź rief Carlos.

┬╗Ja?┬ź

┬╗Wo warst du denn? Wir haben dich die ganze Zeit gerufen…┬ź

┬╗Im Krankenhaus.┬ź

┬╗Wieso das?┬ź wollte Juanjo wissen.

┬╗Sie haben mir die Nase eingegipst, die hatten sie mir gebrochen.┬ź

┬╗Mich haben sie geschlagen, als ich vom Hof hinaufkam, und Juanjo auch┬ź, erkl├Ąrte mir Juan. Kannste mal sehen, ich hatte ihnen gesagt, dass sie eine feige Bande sind, und als sie mich vom Hof herbrachten, haben sie mich von hinten gefesselt und verpr├╝gelt. Bei Carlos sind sie auch dringewesen.┬ź

┬╗Beruhigt euch.┬ź

Barrot hatten sie vor mehreren Tagen schon nach Villanubla gebracht. Ich hatte über eine Woche im Bett gesteckt, ohne auf den Hof zu gehen, also ging ich an diesem Morgen hinaus, um etwas zu laufen. Ich lief über den Hof, als durch ein Fenster der Wachstube der Dienstleiter seinen Kopf herausstreckte, mit dem ich diesen Ärger gehabt hatte, der Feigling mit dem Knüppel.

┬╗Du bist ganz sch├Ân z├Ąh, was?┬ź rief er mir zu.

Mit Abscheu sah ich ihn an und lief kommentarlos weiter; doch er redete weiter, mit einem L├Ącheln auf den Lippen:

┬╗Wusstest du, dass euer Genosse heute morgen gestorben ist?┬ź

┬╗Welcher Genosse?┬ź

┬╗Barrot. Er hat sich letzte Nacht in Valladolid erh├Ąngt.┬ź

Ich lief weiter. Ich achtete nicht auf die Gegenwart dieses Schweins und dachte an Barrot. Ich f├╝hlte nichts f├╝r ihn, denn wir hatten uns nicht gerade gut verstanden; ich f├╝hlte aber Wut wegen dieses Vorfalls, wegen der Anstiftung zum Selbstmord, die Tag f├╝r Tag von denen ausging, die sich Staatsbeamte nannten und die nichts waren als folternde Henker.

Wieder in der Zelle, sprach ich mit den anderen ├╝ber der Neuigkeit. Der Gips war ├Ąu├čerst unbequem, also nahm ich ihn ab und warf ihn in eine Ecke meines Kerkers. Ich z├╝ndete mir eine Zigarette an. Es sollte die letzte sein, die ich rauchte. Ich genoss ihren Geschmack und sah in den Rauch.

Hast du dich nie wie ein verletztes Tier gef├╝hlt, und am Himmel zeichnen sich die Schatten der Geier ab? Auch wenn die literarische Baukunst nicht meine St├Ąrke war, w├╝rde ich eines Tages von all dem erz├Ąhlen m├╝ssen; diese Gef├╝hle erkl├Ąren, die uns alle zu Opfern und zu T├Ątern machte, in der H├Âlle Gef├Ąngnis.

Epilog

Als ich mich entschloss, Hau ab, Mensch zu schreiben, wollte ich einfach die Realit├Ąt der Gef├Ąngniswelt bekannt geben und mein reichliches Wissen zum Thema aus direkter Erfahrung. Ich wollte eine unwiderlegbare Erz├Ąhlung und mich der Wahrheit ann├Ąhern ÔÇô ich behaupte n├Ąmlich nicht, sie zu besitzen ÔÇô damit ihr alle eure eigenen Schlussfolgerungen ziehen k├Ânnt, gem├Ą├č eurer Ideologie und Eigenschaft als Menschen. Als ich die Seiten verfasste, die ihr gelesen habt, und die zusammen das Buch Hau ab, Mensch geworden sind, liefen in Gedanken all die Freunde, Genossen und Menschen an mir vorbei, die in Haft und auf der Flucht meine Familie dargestellt haben, die meisten von ihnen an AIDS gestorben. Jeder Satz, jedes Wort und jeder Gedanke sind eine Ehrerbietung an ihr Gedenken: Tr├Ąnen, die nicht aus meinen an das Weinen nicht gew├Âhnten Augen liefen, heute in Worte gegossen. Deshalb erbitte ich von den Leserinnen und Lesern dieses Buches, seien sie gewogen oder kritisch, dass sie verstehen, dass zum Verfassen dieses Buches viel Leid n├Âtig war, Schmerz und Tote. Ich glaube fest daran, dass es zumindest Respekt und Aufmerksamkeit verdient hat, doch vor allem, und das ist auch sein prim├Ąrer Zweck, tiefgehende Reflexion. Alle ins Gef├Ąngnis gesperrten Personen sind bereits auf die ein oder andere Weise verurteilt worden, strengt also keine neuen Prozesse gegen diese Frauen und M├Ąnner an, sondern fragt euch selbst: Ist dieses System w├╝nschenswert, oder sollte man es ├Ąndern und etwas anderes versuchen? Ihr entscheidet: Seht dar├╝ber hinweg oder haltet ein und denkt dar├╝ber nach. Dies schon, ihr seid direkt f├╝r alles das verantwortlich, was ihr bezahlt und mit euren Steuerbeitr├Ągen aufrecht erhaltet, an euch ist es, zu entscheiden, was mit euren Steuern geschieht.

Hau ab, Mensch ist keine au├čergew├Âhnliche Geschichte. Sie ist traurig, aber wahr und wiederholt sich andauernd in den spanischen Gef├Ąngnissen. Sie ist auch der bescheidene Versuch eines literarischen Anf├Ąngers, eine krude Realit├Ąt zu ├╝bermitteln, auf Papier gebannt mit den Mitteln des Hauptschulabschlusses. Ich denke, in diesem meinem ersten Aufsatz ist in diesem Sinne Ehrlichkeit alles, was ich euch anbieten kann. Im ├╝brigen hatte ich nie vor, ein so ernstes Thema mit literarischen Schn├Ârkeln zu verzieren; ich habe versucht, verst├Ąndlich zu bleiben, roh, hart und kritisch, wie das Thema es verlangt, ohne in eine Opferrolle zu verfallen, aber auch ohne darauf zu verzichten, die Tatsachen so lebensnah wie m├Âglich wiederzugeben, die man in den offiziellen Medien stets versucht war zu verschweigen. Ich trage die Risiken und Konsequenzen dieser Erz├Ąhlung, denn ich schreibe von einer Zelle aus, und hier bin ich den Exzessen derjenigen ausgeliefert, die ich im Buch offen kritisiere. Mehr noch, ich glaube, dass ich einen zweiten Teil schreiben sollte, um Fragen zu er├Ârtern, die im Tintenfass geblieben sind: Scheinbar normale Todesf├Ąlle wie der von Jos├ę Romero Gonz├ílez durch AIDS im Gef├Ąngnis Picassent (Valencia), der die letzten Tage seines Lebens im Justizvollzugskrankenhaus ans Bett gefesselt dahinsiechen musste. Die Schlie├čer g├Ânnten sich auf diese Weise ihre pers├Ânliche Rache f├╝r die Geiselnahme von Daroca, mit der Kollaboration des Richters Alberola Carbonell. Oder wie der Tod von Juan Luis S├ínchez Gonz├ílez nach wiederholter schwerer Pr├╝gel von Hand der Schlie├čer in Ja├ęn 2, wo er sich am 29. November 1995 erh├Ąngte ÔÇô er war dort mein Zellennachbar, und ich musste jeden Tag die Pr├╝gelorgien und Schmerzensschreie mitanh├Âren, bis sie ihn eines Tages tot fortschafften; er war zweiundzwanzig Jahre alt, hatte es gewagt, einen Schlie├čer anzugreifen und bezahlte das mit seinem Leben. Oder wie der Tod von Jos├ę Luis L├│pez Montero im September 1993 in der Anstalt Almer├şa, oder der Tod durch Erh├Ąngen von Mois├ęs Caama├▒ez in Villanubla (Valladolid) im Juli 1994 ÔÇô die Schlie├čer kamen rechtzeitig, doch aus Furcht vor einer Simulation lie├čen sie ihn an einem aus Bettlaken geflochtenen Strick h├Ąngend sterben. Wie auch der Tod von Isabel Soria Camino, gestorben wegen unterlassener ├Ąrztlicher Hilfeleistung 1994 in Villanubla, wie so viele andere Todesf├Ąlle im Gef├Ąngnis wegen der beabsichtigten Fahrl├Ąssigkeit der Strafvollzugsbeh├Ârden. Wir d├╝rfen nicht vergessen, dass vier dieser toten Gefangenen von den illegalen Sonderhaftbedingungen FIES betroffen waren, die in keinem geltenden Gesetz vorgesehen sind. Wir d├╝rfen nicht vergessen, dass heute an die f├╝nfzig Gefangene unter diesen brutalen Bedingungen leiden, in den Anstalten Badajoz, Ja├ęn, Villanubla, Valdemoro, Picassent, Sotoreal und Villabona. Dort entzieht man ihnen ihre elementarsten Menschenrechte.

Dieses Buch zu schreiben hat sich ├╝ber zwei Jahre hingezogen, denn ich musste das Manuskript nach und nach heimlich und mit bestimmten Rechtsanw├Ąlten als Boten hinausschmuggeln, und in dieser Zeit war ich Zeuge von Ereignissen, die Stoff f├╝r ein weiteres Buch hergeben, ganz ehrlich. Es ist wahr, dass ich im gesamten Buch nur ├╝ber die H├Ąftlinge im Geschlossenen Vollzug berichte, und das aus zweierlei Gr├╝nden: Einerseits, weil der Geschlossene Vollzug und FIES die einzigen Haftbedingungen sind, die ich kennen gelernt habe, und andererseits, weil die in Isolation Gefangenen zusammen mit den Sterbenskranken es am meisten ben├Âtigen, dass ihre Bedingungen und Probleme bekannt werden. Selbstverst├Ąndlich sind es keine makellosen Personen und ohne Zweifel sind die meisten von ihnen gewaltt├Ątig, doch… warum sind sie es? Den Schl├╝ssel zu dieser Frage bietet das vorliegende Buch. Ich will die Brutalit├Ąt, die in Haft zwischen den Gefangenen leider existiert, nicht verschweigen, und habe deshalb in diesem Sinne ersch├╝tternde Passagen in die Erz├Ąhlung aufgenommen und dabei versucht, nah an der Wirklichkeit zu bleiben, ohne etwas hinzuzuf├╝gen oder wegzulassen.

Nach vielen Jahren in Isolation lernt man so einiges ├╝ber die Menschen, und es ist wahr, dass viel davon nichts als Frucht unserer eigenen Brutalit├Ąt ist; Allerdings tragen diese Pers├Ânlichkeiten zweifellos Hingabe, Mut und eine unglaubliche Solidarit├Ąt im Herzen, und das wird vom Verhalten Einiger nicht geschm├Ąlert. Ich kenne M├Ąnner und Frauen, die ihre Haft mit einer W├╝rde tragen, die einen staunen l├Ąsst; Gefangene mit einem so reinen Gewissen, dass viele von euch es sich f├╝r sich selbst w├╝nschten, und ich f├╝r mich. Die meisten Botschaften in diesem Buch habe ich von ihnen gelernt, aus ihren Briefen und von ihrem L├Ącheln, von ihren Aufst├Ąnden und Rebellionen, von ihrer gewaltigen Menschlichkeit ÔÇô dem habe ich das Wertvollste zu verdanken.

Ich wollte es nicht in jedem Fall publik machen, um keine Privatsph├Ąre zu verletzen, aber die ├╝bergro├če Mehrheit der in diesem Buch vorkommenden Personen sind Tr├Ąger von HIV und erwarten einen baldigen Tod. In jedem Fall sind sie beispielhaft w├╝rdig und solidarisch im Umgang mit den anderen. Ich muss euch auch sagen, dass ich mich bei einigen Datumsangaben geirrt haben kann, und dass einige Dialoge, die im Buch vorkommen, keine wortgetreue Wiedergabe des Originals sein konnten, denn wie auch sollte ich mich an vor Jahren stattgefundene Dialoge wortgetreu erinnern? Aber dies schon: die Inhalte sind dieselben, wie auch mein eigener Gespr├Ąchston, der meinem Charakter entspricht.

Was mich selbst angeht, so gibt es wenig zu sagen. Ich habe mich benutzt, um einiges im Gef├Ąngnis Geschehene zu erz├Ąhlen, das die Strafvollzugspolitik der PSOE im spanischen Statt kennzeichnet, von mir Geh├Ârtes, Miterlebtes oder selbst Getanes. Ich habe die Gelegenheit genutzt, um euch verst├Ąndlich zu machen, was ich halte von diesem verfaulten, unmenschlichen System bar jeder Intelligenz, das ich aus ganzem Herzen verabscheue.

Jetzt hoffe ich nur, mit diesem Text dazu beitragen zu k├Ânnen, etwas Besseres zu schaffen. Ich habe immer an den freien und unabh├Ąngigen Menschen geglaubt, nicht an die Institutionen. Ich hoffe, dass diese Erz├Ąhlung dabei helfen kann, wenigstens die Hoffnung zu retten und Utopien zu ern├Ąhren ÔÇô der Ersatz der Gef├Ąngnisse durch Schulen, beispielsweise. Vielleicht kann sie auch dazu beitragen, die ein oder andere ungerechte Behandlung von M├Ąnnern und Frauen zu vermeiden, irgendwo auf der Welt, in der Zukunft, die danach giert, mich hinter sich zu lassen. Hoffentlich dient diese Erz├Ąhlung dazu zu verhindern, dass irgendein Kind aus einem armen Viertel, dessen Ketten bereits geschmiedet werden, die Zelle belegt, die frei wird, wenn das Gef├Ąngnis einmal meine Leiche auswirft. Wenn es dazu k├Ąme, w├Ąre ich gl├╝cklich und zufrieden. W├Ąhrend die noch nicht geschehener Dinge schwangere Zukunft sich auf uns zubewegt, kratzt mein Kugelschreiber hier zwischen den kalten W├Ąnden dieses kalten Grabes aus Beton, die auf euren teilnahmslosen Gewissen gebaut sind. Er kratzt ├╝ber das Papier und auch ich bekomme eine G├Ąnsehaut. G├Ąnsehaut vor menschlicher und moralischer K├Ąlte… Ich werde nicht zulassen, dass sie meine Gef├╝hle und Gedanken abt├Âten, ich werde meine Schreie nicht verstummen lassen und nicht mein kindliches Gef├╝hl und nicht die Freiheit, die ich in mir str├Âmen f├╝hle. Ich werde nicht zulassen, dass sie meine Werte mit L├╝gen erdr├╝cken: Sie sind mein Salz des Lebens, meine Nahrung. Ich bin kein Wimmern: Ich bin Kriegsgeschrei aus der unendlichen Dunkelheit und Tiefe des Gef├Ąngnisses.

Xos├ę Tarr├şo Gonz├ílez

Gef├Ąngnis Topas (Salamanca)

18. M├Ąrz 1996

Danksagungen

Der Asociaci├│n Madres contra la Droga, Se├▒ora Manoli Navas (die so gut zu uns war), Salhaketa (das f├╝r die Rechte der Gefangenen k├Ąmpft), CASCO, der Plataforma und allen Gruppen, die AIDS- kranke Gefangene unterst├╝tzen,

Javier ├üvila Navas und Carlos Esteve Garc├şa (die mir dabei geholfen haben, einen Gro├čteil dieses Textes mit der Maschine zu schreiben), Santiago Izquierdo Trancho, Carlos Garc├şa Lago und seinem Bruder ├ôscar, Juan Jos├ę Garfia Rodr├şguez (der mir den ersten Entwurf korrigiert hat und mir dabei geholfen hat, ihn zu verbessern), Joaqu├şn Zamoro Dur├ín (er m├Âge frei und gl├╝cklich sein),

Edmundo Balsa Franco, Patric de San Pedro (der eher als ein Herausgeber ein Genosse war, der die Realit├Ąt im Gef├Ąngnis gesehen und uns eine Stimme verliehen hat) und den Genossen bei Virus,

Gloria, Marian, Sefa, Karmele und Usune (die Isolationszellen mit einem L├Ącheln erf├╝llt haben), Juan Gonz├ílez Fern├índez (der mir seine Hand anbot, als ich es brauchte; hoffentlich bist du bald frei,

mein Freund!), Mar├şa del Mar Villar (die menschlich mit uns umgegangen ist); der Frau, die mir die echte Liebe geschenkt hat und das Gl├╝ck, sie auszuleben,

Mar├şa Alexandra de Queir├│s Vaz Pinheiro, allen, die mir auf irgendeine Weise im Knast geholfen haben, die nicht mehr unter uns weilen, die sich vor eine Schreibmaschine setzen, um ein neues Buch in die Welt zu setzen, das all das enth├Ąlt, was ich aus Ignoranz nicht beizusteuern wusste… und vor allem allen, die in Haft k├Ąmpfen, deren Namen unbekannt sind, doch deren Kampf wir so viel zu verdanken haben.

Toni, ein junger Mann mit 21 Jahren, hat mich vergangenen M├Ąrz am sechzehnten Tag seines Hungerstreiks daran erinnert…

Allen eine anarchistische Umarmung

Anhang: Interview mit Julia und Pastora

Aachen, Juni 2005

Wir werden uns ein Bisschen mit zwei M├╝ttern von Gefangenen unterhalten, von denen einer, Xos├ę Tarr├şo, traurigerweise im Januar diesen Jahres vom spanischen Gef├Ąngnissystem umgebracht worden ist. Seine Mutter Pastora ist hier. Ebenso Julia, die Mutter von Gabriel Pombo da Silva, dem zur Zeit in Aachen der Prozess gemacht wird. Wir werden sehen, was sie beide als M├╝tter denken und was sie als Personen von der Behandlung halten, die ihre S├Âhne im Gef├Ąngnis erleben. Wir wollen wissen, was sie ├╝ber das Gef├Ąngnis denken, ├╝ber die spanischen Gef├Ąngnisse im Speziellen, doch im Grunde ├╝ber die Gef├Ąngnisse in aller Welt.

Zu Beginn fragen wir, wie sie sich als M├╝tter f├╝hlen, mit ihren S├Âhnen hinter Gittern, und wir fragen nach den Schwierigkeiten, die so viele Jahre mit sich gebracht haben. Wir glauben, dass es am besten ist, ein offenes Interview zu f├╝hren, in dem beide dar├╝ber sprechen, was sie f├╝hlen. Wenn ihr beginnen wollt: Was bedeutet f├╝r Euch das Gef├Ąngnis?

Pastora: Ich will mit dem Gef├Ąngnis beginnen. Das Gef├Ąngnis l├Âst kein einziges Problem, ich meine, das Gef├Ąngnis resozialisiert niemanden und es ist nie eine L├Âsung. Ich werde als Beispiel den Fall meines Sohnes hernehmen, den kenne ich am besten. Meinem Sohn haben sie im Endeffekt 17 Jahre Gef├Ąngnis aufgedr├╝ckt ÔÇô er war in Haft gekommen, um zweieinhalb Jahre zu verb├╝├čen. Er hat keine Bluttat begangen ÔÇô drau├čen. Er kam in Haft wegen kleiner Diebst├Ąhle, die nicht seinem Lebensunterhalt dienten, denn obwohl wir arm waren, arrangierten wir uns mehr oder weniger, sondern um ein paar Drogen zu konsumieren. Diese zweieinhalb Jahre sind zu 17 Jahren geworden, 17 Jahre, von denen sie ihn 12 unter FIES-Bedingungen hielten. Drau├čen hat er niemanden umgebracht, doch drinnen t├Âtete er einen Mitgefangenen, aus Notwehr. Das hei├čt, dass das Gef├Ąngnis nicht etwa dazu f├╝hrt, jemanden zu resozialisieren. Das einzige, wozu es f├╝hrt, ist Zerst├Ârung, sie nimmt demjenigen, der drinnen ist, und denen, die drau├čen sind, jede Lust zu leben. Das Gef├Ąngnis f├╝hrt nur zur physischen und psychischen Zerst├Ârung. Es macht den Gefangenen und es macht seine Familie fix und fertig.

Bei Xos├ę zum Beispiel fragen viele Leute, warum er 17 Jahre im Gef├Ąngnis verbracht hat, wo er doch nur zweieinhalb h├Ątte verb├╝├čen sollen. Mein Sohn, und ich sage das nicht, weil er mein Sohn ist, war stets eine saubere Person, rein im Herzen, obwohl viele das nicht glauben m├Âgen, und er war immer jemand, der die Folter, die Pr├╝gel, was sie alles mit ihnen machten, angezeigt hat. Er hat mir, seiner Mutter, erz├Ąhlt, wie sie die H├Ąftlinge ruhigstellen, wie sie daf├╝r sorgen, dass ihnen die Gefangenen nicht auf die Nerven gehen. Sie setzen sie unter Drogen, sie geben ihnen Pillen. Eine Person unter Drogen geht nicht auf die Nerven, beschwert sich nicht, macht gar nichts. Er aber war jemand, der mit der Zeit viele Zusammenh├Ąnge verstand und sich weigerte, die Pillen zu sich zu nehmen, und er verweigerte die Zusammenarbeit, das hei├čt er verweigerte sich dem, was sie mit ihm vorhatten, denn er sah, dass dies nicht gut war; die Dinge stehen drinnen schlechter als drau├čen auf den Stra├čen k├Ânnte man sagen. Und seine Beschwerden ├╝ber dies alles sollten zu seinem Albtraum werden. Sie steckten ihn in Isolation wegen seiner Forderungen nach Rechten f├╝r alle H├Ąftlinge. Sie haben ihn gefoltert, sie haben ihn verpr├╝gelt, sie haben ihn ans Bett gefesselt… Sie haben ihm so viele Dem├╝tigungen und Schikanen angetan…

K├Ânnen Sie sich 12 Jahre vorstellen? Kannst Du [sich der Interviewerin zuwendend] Dir vorstellen, dass sie Dich oder einen der Deinen zw├Âlf Jahre festhalten, in seinen besten Jahren, im Alter von siebzehn? Ich glaube, wenn ein Mensch Drogen nimmt und sie ihn Dir im Alter von siebzehn wegnehmen, dass es Psychologen geben sollte, ich meine spezialisierte Zentren, in denen man schaut, warum der Junge Drogen nimmt, warum er kleine Diebst├Ąhle begeht. Ich von meinem Standpunkt als Mutter aus und als Person, die ich bin, meine, dass es solche spezialisierten Zentren geben sollte, mit freundlichem und hilfsbereitem Personal, mit dem man normal reden kann, nicht das Gef├Ąngnis! Und warum diese zw├Âlf Jahre Isolationshaft… Wie k├Ânnen sie eine Person zw├Âlf Jahre eingeschlossen halten, allein, denn er hat mir erz├Ąhlt, dass sie ihn nicht einmal zum Hofgang mit den anderen Gefangenen sprechen lie├čen.

Kannst Du uns erkl├Ąren, was die FIES-Haftbedingungen sind, denen auch Gabriel unterworfen war ÔÇô auch er ist FIES-Gefangener?

Julia: Ja.

Pastora: Nun, ich rede von meinem Sohn, und genau wie der meine auch er, und heute sitze ich hier mit der Mutter Gabriels, der enger Freund meines Sohnes war. Auch dieser ein Junge, der fr├╝h angefangen hat ÔÇô sie beide mochten sich sehr und mein Sohn hat mir erz├Ąhlt, dass Gabriel ein guter Junge mit einem guten Herzen ist, und was ich von ihm kenne, best├Ątigt es: Er ist ein guter Mensch. Eines Tages sprach ich mit seiner Mutter per Telefon, und sie sagt mir, dass sie ihn als Terroristen eingestuft haben… [lacht, wendet sich Julia zu:] Entschuldige, die Terroristen sind sie selber.

Julia: Genau.

Pastora: Sie sind es, und wir und unsere S├Âhne werden von diesen Leuten kontrolliert, doch wer kontrolliert sie? Im Gef├Ąngnis wird gefoltert und gepr├╝gelt, und die Vollzugsbeamten machen alles mit den Gefangenen, was sie wollen, ich wei├č, dass es wahr ist, denn unabh├Ąngig von all diesem bin ich Mitglied im Kollektiv Nais en Loita und wir haben viele Anzeigen von jungen Leuten bearbeitet… Wir sind im Besitz vieler von Gefangenen gezeichneten Dokumenten, die Auskunft dar├╝ber geben, was sie alles mit ihnen machen. Das Gef├Ąngnis ist nicht gut. Ich meine, innerhalb der Gef├Ąngnisse sind die, die dort arbeiten, schlechter als die, die als die Straft├Ąter gelten. Viel, viel schlechter.

Meinen Sohn hielten sie also dort gefangen und ich habe immer geglaubt, dass sie ihn mir nicht lebend zur├╝ckgeben, dass mein Sohn das Gef├Ąngnis erst als Toter verlassen w├╝rde, und so ist es geschehen. Nach 17 Jahren, von denen er ├╝brigens anderthalb Jahre verb├╝├čt hat, ohne verurteilt zu sein und ohne Hafturlaub oder irgendetwas zu genie├čen, lassen sie ihn los. Ich erinnere mich, dass als ich hinfuhr, um meinen Sohn abzuholen, er zu mir sagte: ┬źMama, fahr vorsichtig mit dem Auto, denn die H├Ąuser wanken und wackeln von einer Seite auf die andere.┬╗

Mein Sohn war in der Wohnung seiner Mutter und sah das gro├če Bett… Ich sage das, weil mich beeindruckt hat, wie er f├╝hlte und wie er sagte: ┬źAah, endlich ein gro├čes Bett f├╝r mich┬╗. Er wickelte sich die Decke um den K├Ârper, und ich glaubte, genau so machte er es auch im Gef├Ąngnis. Er wickelte sich die Decke um den K├Ârper, ganz eng, als ob ihm kalt w├Ąre, er genoss nicht die ganze Breite des Bettes… er stand oft auf in der Nacht, konnte nicht schlafen. Wenn er schlief, schlief er mit einem ge├Âffneten und einem geschlossenen Auge. Das hei├čt, im Gef├Ąngnis war er stets auf der Hut vor etwas, was kommen k├Ânnte, was ja auch oft genug geschah…

Julia: Er war ja in Isolation…

Pastora: Klar. Und kaum versuchte er zu gehen, stolperte er schon, ich meine, die drei Monate, die mein Sohn au├čerhalb des Gef├Ąngnisses verbracht hat, konnte er seine Freiheit nicht genie├čen, sie hatten ihn k├Ârperlich und geistig fertiggemacht.

Dein Sohn war bereits einige Zeit krank…

Pastora: Mein Sohn war krank.

Und die Krankheit holte er sich im Gef├Ąngnis.

Pastora: Ja, und was ich auch sagen wollte… [streichelt das Foto ihres Sohnes] Die Kranken sollten im Krankenhaus sein, nicht im Gef├Ąngnis. Mir sollen sie nicht weismachen, es bestehe Gerechtigkeit, denn f├╝r den Armen gibt es keine Gerechtigkeit, f├╝r die Armen gab es nie Gerechtigkeit. Denn im Gef├Ąngnis sieht man nur Arme, und das Gef├Ąngnis ist f├╝r die Armen geschaffen worden. Die Richter sollen mir sagen, ob es auch Reiche im Gef├Ąngnis gibt.

Julia: Es gibt welche, doch die kommen raus.

Pastora: Es gibt sie nicht, sie kommen nicht einmal hinein, sie kommen nicht in die Lage, im Gef├Ąngnis schlafen und dort leben zu m├╝ssen. Die gro├čen Drogenh├Ąndler, die sich am Leiden so vieler Familien bereichern, die so viele Kinder und Enkel umbringen, die sich gro├če H├Ąuser bauen, die ihre eigene Familie wunderbar erhalten… die zahlen eine Kaution und schon sind sie wieder auf der Stra├če. Und Dein Sohn [wendet sich Julia zu] und der meine rauchen eine kleine Dosis und finden sich drinnen wieder. Und obendrein gibt es im Gef├Ąngnis viel mehr Drogen als drau├čen.

Julia: Ja, das stimmt.

Pastora: Ich bringe sie ihm nicht, die Familienangeh├Ârigen schmuggeln nichts hinein. Im Gef├Ąngnis selbst wird mit Drogen gehandelt.

Julia: Ja.

Pastora: Die Beamten selbst, die Leute, die dort arbeiten. Und niemand sonst, denn als ich hineinging, um meinen Sohn zu besuchen, haben sie mich von oben bis unten durchsucht. Und schlimmer, denn in Ja├ęn, als er in Ja├ęn einsa├č, fuhr ich mit meinen zwei T├Âchtern hin… Es war verboten, die Leute nackt auszuziehen, doch als wir meinen Sohn sehen wollten, musste ich mit ansehen, wie sie meine T├Âchter nackt auszogen, falls nicht, d├╝rften wir ihn nicht sehen. Nat├╝rlich! Ich musste es zulassen, denn wir kamen von einem Schweizer Flughafen und hatten die Tickets bezahlt, und schlussendlich waren wir daran interessiert, unseren Sohn zu sehen, denn deswegen waren wir ja angereist. Doch es ist erniedrigend f├╝r eine Mutter mit anzusehen, wie sie ihre T├Âchter betatschen, und wie sie… es ist beleidigend. Es ist beleidigend, und dann die Behandlung, die sie uns als Familie angedeihen lie├čen… Ich rede schon gar nicht mehr davon, was sie ihm alles angetan haben, sondern uns… Jedes Mal schickten sie die Gefangenen in fernere Haftanstalten.

Julia: Ja…

Pastora: Wir sind eine emigrierte Familie, wie es auch die Familie der Mutter von Gabriel ist. Um zu essen, muss den ganzen Tag gearbeitet werden, so ich, so meine T├Âchter. Und jetzt arbeite ich nicht mehr, weil ich mir eine Krankheit geholt habe, die nicht zul├Ąsst, dass ich weiter arbeite. Und wie oft haben wir die Banken um Kredit bitten m├╝ssen, um reisen und unsere S├Âhne besuchen zu k├Ânnen, denn sie schicken sie bald hierhin, bald dorthin, sie schicken sie in die entferntesten Ecken. Wir… wir konnten wenigstens noch hinreisen, um sie zu sehen, doch die M├╝tter, die keinen Cent besitzen…

Julia: …keinen Cent, um sie besuchen zu k├Ânnen…

Pastora: …um ein Taxi zu bezahlen, eine Bahnfahrt…

Oder sie bekommen keinen Urlaub…

Pastora: Das meine ich, viele bekommen keinen. Ich kenne eine Mutter eines anderen Gefangenen, die es sich nicht leisten kann…

Julia: Du reist 2000 Kilometer weit und sie lassen Dich ihn nur durch dicke Glasscheiben hindurch sehen…

Pastora: Wie viele Male, bis vor 5 oder 6 Jahren, durfte ich nur 20 Minuten hinein, nach einem Jahr ohne Besuch nur 20 Minuten und durch die Glasscheiben…

Das Schlimmste an allem ist, dass mein Sohn nach 17 Jahren im Alter von 36 am Gef├Ąngnis verstarb, nicht an seiner Krankheit, er verstarb am Gef├Ąngnis… sie haben ihn umgebracht, sie waren es!

Denn als Kranker h├Ątte er nicht unter FIES-Bedingungen sein d├╝rfen, nicht einmal im Gef├Ąngnis.

Einmal sprach ich mit einem Direktor und man sagte mir, mein Sohn sei ein R├Ądelsf├╝hrer im Gef├Ąngnis.

Ein R├Ądelsf├╝hrer?

Pastora: Ein Anf├╝hrer f├╝r seine Genossen. Was Tarr├şo ├╝ber die Gef├Ąngnisse sagte, fand tats├Ąchlich statt. Es war, weil er Forderungen stellte… Tarr├şo war an zwei Aufst├Ąnden beteiligt, weshalb sie ihn als gemeingef├Ąhrlich eingestuft haben, und bei der Revolte auf Teneriffa wurden Geiseln genommen [Julia stellt das Foto von Xos├ę, welches Pastora gestreichelt hatte, vor die Kamera], um mit Christina Almeida zu sprechen, das ist eine Politikerin, um Verbesserungen der Haftbedingungen zu fordern f├╝r ihn und seine Mitgefangenen. Weil sie keine B├╝cher in der Bibliothek hatten. In Valladolid l├Âste er einen anderen Aufstand aus, doch er verpr├╝gelte niemanden, t├Âtete niemanden, er lie├č alle frei. Was nennen sie dann gemeingef├Ąhrlich? Die Forderung nach Sportpl├Ątzen und B├╝chern?

Die Einforderung seiner Rechte?

Pastora: Genau, die Einforderung seiner Rechte, wie er es mir sagte: ┬╗Mama, wenn ich etwas getan habe muss ich daf├╝r bezahlen. Doch sie haben kein Recht dazu, uns dies anzutun.┬ź Er sagte: ┬╗Mich haben sie ins Gef├Ąngnis wegen Diebstahl gesteckt, weil ich einen mickrigen Diebstahl begangen habe, doch wer macht ihnen den Prozess daf├╝r, dass sie mir mein ganzes Leben rauben?┬ź

Julia: Ja.

Pastora: Weil sie ihm das Leben und die Lust daran geraubt haben. Es war furchtbar, und einen Moment sp├Ąter geben sie ihn mir, tot.

[Das Foto herzeigend:] Dies ist mein Sohn Xos├ę Tarr├şo, ein guter Sohn und ein noch besserer Mensch, und sie haben ihn mir tot geschickt, sie haben ihn mir geschickt, mausetot, als ihn schon halb-tot vom Gef├Ąngnis der Gehirnschlag traf… Ich will, dass alle Welt dieses Foto sieht [h├Ąlt das Foto in die Kamera], als ihn der Gehirnschlag traf, konnte er weder Arm noch Bein bewegen, die ├ärztin sprach mit mir: Der Gehirnschlag k├Ânne sich wiederholen… [streichelt das Foto]

Doch bevor sie sagten, es sei ein Gehirnschlag, sprachen sie von einer Grippe…

Pastora: Nein, im Gef├Ąngnis, siehst Du… Ich ├╝berschlage mich schon, es geht mir schlecht bei all der Erinnerung. Es war so: Als ich hinfuhr, um meinen Sohn zu besuchen, sah ich, dass es ihm schlecht ging, von Mal zu Mal war er d├╝nner und sah schlechter aus. Einmal w├Ąhrend des Essens sagte ich ihm etwas… er hielt sich den Arm mit der anderen Hand und ich fragte: ┬╗Was hast du am Arm?┬ź und er sagte: ┬╗Ich wei├č nicht, was es ist, ich f├╝hle den Arm kaum.┬ź Ich glaubte, es sei ein bisschen Rheuma und sagte dies zu ihm, und wir schenkten dem nicht viel Beachtung. Einen Monat sp├Ąter ÔÇô denn ich fuhr jetzt einmal im Monat hin, er wollte seine Mutter nicht durch Scheiben hindurch sehen, so fuhr ich nur zu den Vis-a-vis-Terminen, vis-a-vis hei├čt wie ihr wisst, im selben Zimmer zu sein ÔÇô da also sah ich ihn wieder sich den Arm halten und fragte: ┬╗Xos├ę, was hast du am Arm? Du musst zum Arzt, geh hin, damit sie dich untersuchen.┬ź Ich sah den Arm abgestorben, herunterh├Ąngend, und ich sah, dass ihm der Speichel aus dem Mund lief und der Mund schief war, ich fragte ihn: ┬╗Geht es Dir gut, merkst Du, dass Dir der Speichel aus dem Mund l├Ąuft?┬ź Er stand auf und ging zum Fenster, und ich sah, dass er wankte. Ich sagte: ┬╗Xos├ę, Dir geht es nicht gut┬ź, und er: ┬╗Ich wei├č nicht, was mit mir los ist┬ź. Ich sagte ihm, er solle rasch zum Arzt gehen und sich untersuchen lassen, denn es konnte etwas Schlimmes sein. Er ging hin und sagte sp├Ąter, sie h├Ątten ihm Grippe diagnostiziert und eine Aspirin verschrieben, so wie sie es mit allen Gefangenen im Knast machen, denn die Gefangenen sind ihnen allen egal. Als ich das n├Ąchste Mal hinging, es waren 3 Monate vergangen, sah ich, dass mein Sohn seinen Arm festhalten musste. Ich fragte ihn danach und er sagte: ┬╗Ich f├╝hle ihn nicht, Mama.┬ź Und nat├╝rlich ging ich hinaus und bat darum, dass sie seinen Arm untersuchten, und fragte, ob sie denn nicht bemerkt h├Ątten, dass er ein Bein beim Gehen hinter sich her zieht. Sie sagten mir nichts, antworteten mir nicht, und ich sagte ihm: ┬╗Xos├ę, geh zum Arzt!┬ź Er ging noch einmal zur ├ärztin, er hat es mir erz├Ąhlt, er begab sich auf die Krankenstation, die alles ist, was sie dort haben, und sie gaben ihm eine Aspirin. Es verstrichen noch einmal drei Monate, und statt einer Aspirin war es jetzt… ÔÇô Im Juni, ungef├Ąhr am 28. Juni rief er mich an und sagte ┬╗Mama!┬ź, und seine Stimme h├Ârte sich seltsam an, und ich sagte ┬╗Chech├ę, was ist los?┬ź und er sagte ┬╗Mama, ich wei├č nicht, ich f├╝hle mich nicht sehr gut┬ź, ich fragte ihn, was er habe, und dass seine Stimme so seltsam sei und er sagte: ┬╗Schau, ich komme gerade aus dem Krankenhaus.┬ź ÔÇô ┬╗Was ist los? Geht es Dir schlecht? Was hast Du?┬ź ÔÇô ┬╗Sie haben mir gesagt, es ist eine Thrombose.┬ź Und ich fragte: ┬╗Und was machst Du jetzt, wo bist Du, was machst Du noch im Gef├Ąngnis, warum lassen sie Dich nicht im Krankenhaus?┬ź ÔÇô ┬╗Ich habe mich freiwillig gesund gemeldet, weil ich Deine Telefonnummer vergessen hatte. Ich wollte Dich anrufen.┬ź Mein Sohn, wie musste es ihm gehen, dass er die Telefonnummer seiner Mutter vergisst. Ich sagte ihm, er solle rasch ins Krankenhaus zur├╝ckkehren, seine Mutter w├╝rde dort sein, er solle sich beeilen. Also ging er noch einmal ins Krankenhaus, und seine Mutter war dort, er war dort, ich sah, wie sie ihn im Rollstuhl herum schoben, ich wollte hingehen, um ihn zu sehen, doch die Polizei verbot mir logischerweise den Zugang. Sie verboten mir, ihn zu sehen, weil er sich immer noch in der Notaufnahme befand. Sie sagten mir, ich k├Ânne ihn sehen, sobald er die Notaufnahme verl├Ąsst, sobald sie ihm ein Zimmer zuwiesen.

Er kam heraus. Ich ging hin, um ihn zu sehen. Ich durfte nicht. Ich sagte: ┬╗Aber ich bin doch seine Mutter, ich habe ein Recht, ihn zu sehen, denn au├čerdem bin ich angemeldet.┬ź Der Polizist sagte ┬╗Ja.┬ź Dieser Polizist! Er lie├č mich nicht durch und sagte: ┬╗Hier habe ich Ihre Anmeldung.┬ź Er nannte mir meinen Namen, den meiner Kinder Emilia, ├ôscar und den seines ┬╗Stiefbruders┬ź. Und ich sagte ihm: ┬╗Sehen sie, ich wei├č nicht, ob in Ihrer Familie das Wort ÔÇśStiefbruderÔÇÖ existiert, in der meinen nicht, in der meinen sind alle Geschwister, also haben Sie ein wenig Respekt vor der meinen.┬ź Er antwortete mir, dass dieses Wort im spanischen Lexikon existiere, und ich sagte ihm, na ja, ich wollte ihm etwas sagen, doch ich tat es nicht, denn ich wollte ihm ein b├Âses Wort sagen. Ich sagte: ┬╗Na ja┬ź.

Ich durfte ihn nicht sehen, er hielt mir den Anmeldeschein vor die Nase und sagte mir, er habe keine Lust, mich durchzulassen. Ich sagte ihm: ┬╗Sie haben mir eine Erkl├Ąrung dazu abzugeben, wieso sie mich meinen Sohn nicht sehen lassen┬ź, und er sagte, es sei, weil er keine Lust habe. Ich verlangte die Nummer seiner Dienstmarke. Er sagte mir, dass ich falls ich ihn anzeigen wollte, mich auf den Wachhabenden der Schicht ab acht beziehen solle. Mit absoluter Schadenfreude. Mein Sohn… als er mitbekam, dass ich dort war und sie mich nicht durchlie├čen, fing er an zu schreien: ┬╗Lasst meine Mutter durch, lasst sie herein!┬ź Ich rief ihm zu, er solle ruhig bleiben, sie w├╝rden mich schon noch durchlassen.

Ich ging fort, am n├Ąchsten Tag versuchte ich es noch einmal, es war wieder dieser Herr vor Ort und verbot mir den Eintritt…

Derselbe Beamte?

Pastora: Derselbe Beamte. Und ich wei├č nicht, warum, denn das Benehmen meines Sohnes und das meine waren stets korrekt gewesen. Und abermals und nochmals nein. Bis ich um acht Uhr abends wiederkam, ging ich spazieren, weinte, ging weiter herum. Mein Sohn war aufgeregt, ich bat ihn, sich zu beruhigen, weil ihm die Aufregung schadete: ┬╗Bleib ruhig, deine Mutter kommt schon noch durch.┬ź Als ich nach Hause kam, griff ich zum Telefon und bat Leute um Hilfe, doch warum blo├č muss ich erst Leute um Hilfe bitten, wo ich doch Rechte besitze und mein Sohn auch. Wo er doch im Krankenhaus ein Kranker mehr ist, und kein Gefangener, ein einfacher Kranker. Und als Mutter darf ich ihn die drei oder vier Stunden, die das Hospital vorsieht, sehen, und das alles hat das Krankenhaus ┬╗Juan Canalejo┬ź best├Ątigt. Als ich am n├Ąchsten Tag hinging, nein, es war noch derselbe Tag, sagte ich zu dem Polizisten: ┬╗Mein Herr, wollen Sie sehen, wie ich hineingehe, um meinen Sohn zu besuchen?┬ź ÔÇô Er: ┬╗Das wollen wir doch mal sehen!┬ź ÔÇô Ich: ┬╗Sie werden es sehen!┬ź Ich rufe ├╝ber Telefon gewisse Leute an, die es mir nicht gef├Ąllt, um Hilfe zu bitten, denn es gibt gewisse Rechte, und diese Rechte sind die, die gelten sollten, und nicht, dass du gewisse Leute kennst, das gef├Ąllt mir nicht. Doch nat├╝rlich wollte ich meinen Sohn sehen.

Also riefen sie mich auf und teilten mir mit, dass ich meinen Sohn sehen k├Ânne, man hatte n├Ąmlich mit dem Vorgesetzten gesprochen. Ich ging hinein, um meinen Sohn zu sehen, und er hatte keine andere M├Âglichkeit, als mich durchzulassen. Ich ging also hinein, um meinen Sohn zu sehen. Ich bemerkte zun├Ąchst nicht, dass er gefesselt war. Sie gaben mir 10 Minuten, und 10 Minuten war ich bei ihm. Ich gab ihm einen Kuss und verabschiedete mich bis zum n├Ąchsten Mal.

Als ich das n├Ąchste Mal dorthin ging, ich wei├č nicht ob einen oder zwei Tage sp├Ąter, fand ich dort wieder diesen Herrn vor, und als ich hineinging und meinen Sohn sah, mit einer gel├Ąhmten Hand, mit nur einer Handschelle, und statt ihn an das Kopfende des Bettes zu fesseln, hatten sie ihn an das Lattenrost geschnallt, stell dir das vor [sich der Interviewerin zuwendend], ja genau so fand ich meinen Sohn vor [das Foto herzeigend], mit nur einer Handschelle an das Lattenrost gefesselt. Stell Dir vor, er konnte sich nicht einmal umdrehen, er konnte gar nichts machen.

Als ich den Arm noch dazu ganz rot angelaufen sah, ohne Blutkreislauf, denn die Schelle war ganz fest zugedr├╝ckt, schon ganz geschwollen, und ich dort, ich sagte ihm… und dieser Herr, jedes Mal wenn ich kam, regte er sich auf… Mein Sohn lag in einem Zweibettzimmer. Eins war von ihm belegt, das andere war leer. Wenn er drin war, blieben die anderen Polizisten im Flur, und wenn ich hereinkam, stellte sich dieser Polizist hierhin, ans Kopfende des leeren Bettes, um zu provozieren. Er tat es, um zu provozieren, um das ganze Gespr├Ąch mit anzuh├Âren ÔÇô wenn du deinen Sohn im Gef├Ąngnis besuchst, ist das nicht so. Und ich sagte zu dem: ┬╗Sehen Sie, wenn ich meinen Sohn so sehe, passiert etwas mit mir…┬ź, ich sagte: ┬╗H├Âren Sie, ich spreche nicht als Mutter zu ihnen, sondern als Person, wenn ich Sie frage: Sind Sie Vater?┬ź und er sagte ┬╗Ja, ich habe drei Kinder, doch die sind nicht wie die Ihren.┬ź

Das hat er gesagt?

Pastora: Ja, genau das. Ich sagte: ┬╗H├Âren Sie, ich habe f├╝nf Kinder, und auf alle f├╝nf bin ich ├╝ber alle Ma├čen stolz, wissen Sie, warum? Weil meine Kinder die Liebe kennengelernt haben. Ich habe meinen Kindern die Liebe gezeigt, sie haben die Liebe kennengelernt und haben Gef├╝hle. Doch Sie tun mir furchtbar Leid, denn Sie haben weder die Liebe kennengelernt noch haben Sie Gef├╝hle, und ihre Kinder tun mir ebenfalls Leid. Ich w├Ąhle meine Worte vorsichtig: Mit einem Vater wie Ihnen wei├č ich nicht, was aus diesen Kindern werden wird┬ź, woraufhin er wutentbrannt den Raum verl├Ąsst, zur├╝ckkommt mit einem Schreibblock voll mit Notizen, er setzt sich wieder dort hin und sagt zu meinem Sohn: ┬╗K├Ânnen Sie lesen und schreiben?┬ź Nat├╝rlich ist das eine Provokation und Tarr├şo sagt zu ihm. ┬╗Besser als du, Ignorant! Denn ich kann Dir den Artikel der Spanischen Verfassung nennen┬ź, Artikel sowieso, Seite sowieso (ich kann mich jetzt nicht erinnern), ┬╗in dem steht, dass ein Gefangener nicht unter diesen Bedingungen gehalten werden darf, unter denen Du ihn h├Ąltst┬ź. Und der andere sagt: ┬╗Es gibt keinen Artikel, der mir sagt, dass ich es nicht darf┬ź. Die totale Provokation also.

Julia: Was f├╝r ein Arschloch!

Pastora: Und gut, so ging es weiter, mit diesem Herrn, immer wenn ich hinging: Zehn Minuten. Die anderen beiden machten mit mir Zeiten aus. Wenn er mit der anderen Wache dran war, sagte er zu seinen Kollegen: ┬╗Ist die immer noch da?┬ź Ich h├Ârte das, er sagte: ┬╗Ihr wisst schon, nur zehn Minuten und keine Minute l├Ąnger!┬ź, woraufhin seine Kollegen Angst bekamen, denn der andere war der Vorgesetzte… Und sie hielten ihn gefesselt im Juan Canalejo, ├╝ber sehr lange Zeit, bis irgendwann andere kamen, ich will nicht sagen, dass die besser waren, sie haben einfach ihren Dienst nach Vorschrift getan. Diese anderen Polizisten taten ihren Dienst nach Vorschrift.

Vom Krankenhaus unternahm niemand etwas, w├Ąhrend dies alles geschah?

Pastora: Vom Krankenhaus niemand. Was sie mit meinem Sohn gemacht haben, ich versuche, es zu verarbeiten, es ist ein Horrorfilm. Ich habe es ihm nicht gesagt, weil ich es vermied, doch ich kam dort weinend heraus, und es gibt Zeugen, ich l├╝ge nicht. Ich habe vier nahestehende Leute, die mich dorthin begleitet haben und die Zeugen all dessen sind, was ich dort erlebt habe. Ich habe einen Schaden davongetragen, es ist die Schuld dieses Herrn. Und ich will es erz├Ąhlen, es ist eigenartig… denn au├čerdem fingen sie an, ihn st├Ąndig zu verlegen, vom vierten in den sechsten Stock… Ich fragte die ├ärzte, und er war niemandes Patient. Tarr├şo war niemandes Patient: ┬╗Nein, zu mir geh├Ârt er nicht, denn er ist nur hier, weil im neunten Stock gerade kein Platz ist.┬ź Am n├Ąchsten Tag ist er im sechsten Stock. Dort dasselbe: ┬╗Zu mir geh├Ârt er nicht, er geh├Ârt zu der Doktorin, die im Urlaub ist.┬ź ├ťber anderthalb Monate wurde Tarr├şo nicht untersucht. Sie mussten eine Ultraschalluntersuchung machen, denn einer hatte gesagt, es sei eine Thrombose, ein anderer hatte Gehirnschlag diagnostiziert. Ein anderer, dass es Folgesch├Ąden einer alten Verletzung seien. Mein Sohn hat mir sogar gesagt, dass sie ihn mit einem Eisen auf den Kopf geschlagen haben, als er in Santo├▒a war, ein Vollzugsbeamter hatte ihn mit einem Eisen auf den Kopf geschlagen und seit damals, seit Dueso, hatte er starke Kopfschmerzen.

Wie auch immer, es ist eine schwerwiegende Sache, doch die Schalluntersuchung wird nicht gemacht. Das Gehirn steuert den ganzen K├Ârper, bei Gehirnschlag sollten die Untersuchungen schnell gemacht werden. Niemand f├╝hrte die Untersuchung durch, bis diese ├ärztin kam, Frau Dr. Castro, aus dem Urlaub, oder ich wei├č nicht woher. Vorher waren f├╝nf ├ärzte dran gewesen, und jeder sagte etwas anderes. Sie kam, und was sie mit meinem Sohn machte, war, ihm Medikamente zu verschreiben. Er tat ihr wohl Leid. Ich hatte ihr auch gesagt, dass sie mir Rechenschaft schulden w├╝rde. Sie gab ihm Trankimazin, f├╝r den Hirnschlag, Trankimazin f├╝r die Nacht und eine Injektion f├╝r die Durchblutung und fertig. Wenn Du zum Beispiel eine Querschnittsl├Ąhmung hast, schicken sie dich in die Rehabilitation… es war seine Mutter, die ihm das geben musste, denn sie haben niemanden geschickt, wo ich doch die ganze Zeit gefordert habe, dass jemand kommt, dass ein Arzt zu ihm komme, weil er nicht gehen konnte.

Die ├ärztin hat mir gesagt, wir m├╝ssten das Krankenhaus wechseln. Doch in das andere Krankenhaus konnte sie ihn nicht schicken, denn mein Sohn geh├Ârte nicht zu seiner Mutter, sondern er geh├Ârte dem Gef├Ąngnis. Ich sagte zu ihr: ┬╗Sehen sie nicht, dass er so nicht ins Gef├Ąngnis zur├╝ck kann?┬ź Sie schreibt ihn gesund, und ich sage ihr: ┬╗Mein Sohn ist nicht gesund. Mein Sohn kann von Tag zu Tag schlechter gehen. Als er ins Krankenhaus kam, war er schon Invalide, aber er konnte noch die Finger bewegen, doch hier von den Handschellen die ganze Zeit, h├Ârt er auf, sich ├╝berhaupt zu bewegen, nichts mehr, das Bein nicht, ├╝berhaupt nichts.┬ź

Er ist in seiner Zeit im Krankenhaus mehrfach zusammengebrochen. Einmal im Krankenhaus fand ich ihn ganz schwarz vor, und er sagte mir, es sei, weil er in der Dusche hingefallen war. ┬╗Helfen Sie Dir nicht?┬ź ÔÇô ┬╗Nein, Mama, ich habe sogar gegen die T├╝r getreten, weil ich nicht aufstehen konnte, denn in der Dusche war alles nass und rutschig, ich hatte keine Kraft und fiel wieder hin.┬ź Und dieser Herr, als er die Tritte h├Ârte, immer derselbe Beamte, kam bis dorthin… ┬╗Warum trittst Du gegen die T├╝r?┬ź fragt er. ÔÇô Tarr├şo antwortet ┬╗Weil ich hingefallen bin, ich kann nicht aufstehen┬ź ÔÇô und der andere sagt: ┬╗Mir ist egal, ob Du aufstehen kannst oder nicht, das ist Dein Problem.┬ź Er schlie├čt die T├╝r, bis Tarr├şo sich schleppend aufrichten kann. Das hei├čt, dieser Herr macht so etwas und, na ja, noch viele andere Sachen. Ein anderes Mal kamen meine Kinder, um meinen Sohn zu sehen und er durchsucht sie mitten auf dem Flur. Einfach weil er der Bruder von Xos├ę Tarr├şo ist, durchsucht er ├ôscar, und fordert sein F├╝hrungszeugnis an, ob er wohl Vorstrafen habe.

Das alles ist schrecklich. So ging das jeden Tag, viel Wut staute sich an, das Gef├╝hl der Ohnmacht. Sp├Ąter waren wir best├╝rzt dar├╝ber, dass diese ├ärztin ihn gesund schrieb. Ich bat sie, das nicht zu tun. (…) Es war ein schwerer Gehirnschlag und obendrein hatte sie sich in der Diagnose vertan, gab ihm nicht die richtigen Medikamente, gab ihm ├╝berhaupt keine, obwohl er und ich doch darum baten. Und sie schickt ihn zur├╝ck ins Gef├Ąngnis und gibt ihm ein Papier, wonach er zur Rehabilitation ins Sanatorium von Oza soll. Und ich sage zu ihr: ┬╗Sehen Sie nicht, dass das Gef├Ąngnis ihn dort nicht hinschicken wird?┬ź Und sie sagt: ┬╗Das ist nicht mein Problem.┬ź

Ich hatte mit den ├ärzten gesprochen, mit allen, die ihn gesehen hatten ÔÇô wie konnte ein Doktor, der sich dem Heilen verschrieben hat, zulassen, was sie mit ihm, einem Kranken, unter diesen Bedingungen anstellten, und sie haben mir geantwortet… Ich habe nur einen etwas humanen kennengelernt. Sie haben mir geantwortet, ich m├╝sse mich darauf beschr├Ąnken, nach der Diagnose zu fragen. Man sagte mir, dies sei das Einzige, was sie mir sagen k├Ânnten, f├╝r alles Weitere seien sie nicht zust├Ąndig.

Viele Dinge sind passiert ÔÇô als mein Sohn zum zweiten Mal ins Krankenhaus kam, als dieser Beamte ihn provozierte, es war, als er fragte, ob er lesen und schreiben k├Ânne, die Kommentare ├╝ber die Kinder, da bittet mein Sohn, ihn gesund zu schreiben, denn Respektlosigkeit gegen├╝ber seiner Mutter konnte er nicht dulden, er sagte: ┬╗Sieh zu, dass Du gut mit meiner Mutter umgehst, denn falls ich eines Tages aufstehe, sehen wir uns von Angesicht zu Angesicht wieder.┬ź Und der Beamte provozierte ihn weiter. Mich schmiss er raus, ohne Kommentar. Er schmiss mich raus, weil er Lust dazu hatte, und mein Sohn sagte: ┬╗Ich will gesund geschrieben werden, ich halte es mit diesem Mann nicht aus.┬ź Ihm tat der Kopf weh, und als er das Krankenhaus verlie├č, ging es ihm schlechter. Dass klar ist, dass er die Gesundschreibung selbst verlangt hat, in Wirklichkeit ging es ihm sehr schlecht, er bat um die Gesundschreibung wegen dieses Herrn, der ihm schon in der Notaufnahme gesagt hatte, dass er, wenn es nach ihm ginge, ihm H├Ąnde und F├╝├če ans Bett fesseln w├╝rde und ihm einen Kopfschuss verpassen.

Das hat er gesagt?

Pastora: Ja, ja, das hat er zu meinem Sohn gesagt. Fl├╝sternd, damit es seine Kollegen nicht h├Âren. Und er redete auf alle Krankenschwestern ein, sie sollten seine Mutter nicht beachten. Das haben die Krankenschwestern erz├Ąhlt, und der Ehemann einer Freundin von mir, der im Krankenhaus lag, las das Buch meines Sohnes, und als die Krankenschwester ihn sah, sagte sie: ┬╗Oh, Xos├ę Tarr├şo, wir hatten einen Patienten dieses Namens auf unserer Station, hat der etwa ein Buch geschrieben?┬ź Und er sagte: ┬╗Ja, und ich bin mit der Mutter befreundet.┬ź Die Krankenschwester sagte: ┬╗Aber der ist sehr gef├Ąhrlich!┬ź ÔÇô Mein Freund: ┬╗Ach was, was wird der gef├Ąhrlich sein, er ist ein guter Junge!┬ź ÔÇô ┬╗Was erz├Ąhlen Sie mir da, der wachhabende Offizier hat uns doch gesagt, er sei ein gef├Ąhrlicher M├Ârder…┬ź ÔÇô Alles M├Âgliche hatte der den Schwestern erz├Ąhlt. Die Krankenschwester bemerkte, ihr sei das ganze schon eigenartig vorgekommen, denn er sei ein so gut erzogener Mensch.

Sie brachten ihn also zur├╝ck ins Gef├Ąngnis, ich hatte die ├ärztin gefragt, zu welcher Uhrzeit, damit ich mich von ihm verabschieden konnte. Man versprach mir, bis zwei Uhr nachmittags zu warten, damit ich Zeit f├╝r ihn hatte. Ich ging um zw├Âlf hin, denn ich kenne das schon, und sie hatten ihn schon fortgebracht. Ich: ┬╗Wieso haben sie meinen Sohn schon weggebracht? Hatten Sie mir nicht versprochen, auf mich zu warten?┬ź Und man sagte mir: ┬╗Ja, schon, doch der wachhabende Offizier hat angeordnet, dass aus…

Julia: …aus Sicherheitsgr├╝nden…

Pastora: …aus Sicherheitsgr├╝nden die Verlegung um elf stattfinden m├╝sse.┬ź Mir haben die anwesenden Patienten erz├Ąhlt, dass mein Sohn einen Monat dort verbracht hat, mich haben die Patienten angesprochen, die im Krankenhaus sein Buch gekauft haben, viele Patienten haben das getan… Er bat um einen Rollstuhl, weil er nicht mehr gehen konnte… ein Kollege dieses Offiziers brachte den Rollstuhl, der Offizier ordnete an, der Rollstuhl m├╝sse wieder weg… Sie machten meinem Sohn alle B├╝cher kaputt, die er in einer T├╝te bei sich hatte, mit den H├Ąnden auf dem R├╝cken gefesselt lie├čen sie ihn durch das Krankenhaus gehen, mit der vollen B├╝chert├╝te in der einen Hand, denn die andere funktionierte nicht mehr, mein Sohn fiel alle paar Meter hin wie Jesus Christus und stand auf, fiel hin und stand auf ÔÇô und keine helfende Hand. Ich habe gefragt, wie man das zulassen k├Ânne, und man sagte mir: ┬╗Nicht mein Problem!┬ź

Das ist es, was sie mit meinem Sohn gemacht haben. Sie haben ihn ins Gef├Ąngnis gesteckt, und ich habe zusammen mit Guillermo Presas, dem Anwalt meines Sohnes, alles versucht, und zwei Wochen sp├Ąter haben wir ihn aus dem Gef├Ąngnis herausbekommen. Es ging ihm sehr schlecht! Er rief mich von der Krankenstation aus an und sagte: ┬╗Mama, hol mich hier raus, ich sterbe, Du glaubst nicht, wie sie uns hier auf der Krankenstation behandeln.┬ź Es war das erste Mal, dass er dort eingewiesen war. Er sagte: ┬╗Mama, meine AIDS-kranken Mitgefangenen in Windeln m├╝ssen sich gegenseitig waschen, niemand hilft uns beim Duschen, sie fallen beim Duschen hin. Es ist schrecklich, Mama, hol mich hier raus denn ich sterbe.┬ź Und ich bekam mit, dass mein Sohn bereits eine schwere Depression hatte, zus├Ątzlich zu allem, woran er sonst litt. Und als ich ihn aus dem Gef├Ąngnis abholen ging, packten sie eine T├╝te mit seiner nassen W├Ąsche auf ihn drauf im Rollstuhl und schoben ihn raus, sie lie├čen ihn zum Sterben raus, er hatte schon seine Stimme verloren, konnte nicht mehr…

Konnte nicht mehr sprechen, nicht wahr?

Pastora: Er konnte nicht mehr sprechen. Er teilte mir in Zeichensprache mit: ┬╗Mama, ich m├Âchte schreiben┬ź, doch er konnte nicht schreiben, er konnte nicht mehr, er kriegte es nicht mehr fertig. Es war schrecklich, bis er ins Koma fiel. Immer noch nicht zufrieden, schickte dieses Krankenhaus ihn in ein anderes, nach ┬╗Veinte Lago┬ź, ein anderes Krankenhaus zu einer anderen ├ärztin, die keine Ahnung von seiner Krankheit hatte, er lag ja schon im Koma… die schickte ihn zur├╝ck ins ┬╗Juan Canalejo┬ź.

Kurzum, was sie mit Tarr├şo gemacht haben, findet Gottes Vergebung nicht. Wie ein St├╝ck Schrott haben sie ihn behandelt. Von ┬╗Veinte Lago┬ź nach ┬╗Juan Canalejo┬ź, obwohl wir ja Oza beantragt hatten. Ja, als er aus dem Gef├Ąngnis kam, bat ich darum, ihn in Rehabilitation zu schicken, und sagte zu ihm: ┬╗Sei unbesorgt, Du wirst wieder gesund┬ź, denn er wollte es. Es stellte sich heraus, dass in Oza kein Platz war und wir einen Monat warten mussten.

Er konnte keinen Monat warten, er konnte nicht warten. Wir zahlten ihm eine Rehabilitation, meine T├Âchter schickten das Geld, in einer Privatklinik, seine Geschwister zahlten, denn ich konnte nicht, wir zahlten alles, doch die Krankheit war schon sehr weit fortgeschritten. Es kam der Tag seiner zugesagten Rehabilitation, der 13. September, sie untersuchten ihn, um ihn mitzunehmen, sie sagten ab, denn er war f├╝r eine Untersuchung nicht mehr ansprechbar, er konnte nicht mehr. Sie schickten ihn nach ┬╗Veinte Lago┬ź, und von dort aus, wo die ├ärztin ja keine Ahnung von seiner Krankheit hatte, wieder nach ┬╗Juan Canalejo┬ź, wo sie uns schlie├člich anboten, ihn zu bet├Ąuben.

Damit er in Frieden stirbt?

Pastora: Und wir wollten nicht, denn ich glaubte daran, dass mein Sohn dies ├╝berstehen w├╝rde. Noch immer f├╝hle ich, dass ich den Tod meines Sohnes nicht akzeptiert habe. Ich war die einzige, die glaubte, mein Sohn werde nicht sterben, und die ├ärzte sagten mir, er werde. Bis seine Schwester und ich anfingen zu schreien, weil sie sich nicht um ihn k├╝mmerten, und sie ihn auf die Intensivstation brachten, wo er dann blieb. Vorher schon lag er im Koma, sie machten ihm einen Luftr├Âhrenschnitt, ich glaubte immer noch, mein Sohn w├╝rde leben, man wies mir eine Psychiaterin zu, von der ich nichts wissen wollte, die Psychiaterin sollte mich auf den Tod meines Sohnes vorbereiten, doch ich lie├č das nicht zu, ich sagte ihr, das Leben schulde meinem Sohn noch etwas, und ich glaube das immer noch.

Das ist es, was sie mit Tarr├şo gemacht haben, sie haben ihn umgebracht. Tarr├şo starb an keiner Krankheit, am Ende schon, doch… Tarr├şo starb am Gef├Ąngnis. Denn nein und nochmals nein, Tarr├şo geh├Ârte nicht ins Gef├Ąngnis und allzu viele andere junge Leute ebensowenig. Sie haben das mit ihm gemacht, einfach weil er ein Buch geschrieben und das System angegriffen hat, und weil er alles zur Anzeige gebracht hat, was sie ihm angetan haben.

Und als seine Mutter f├Ąllt es mir heute schwer, von meinen Sohn zu sprechen. Ich muss es tun, verstehst du…? Und sie haben nicht meinen Sohn umgebracht, sie haben meine Familie get├Âtet, mich und meinen Sohn, denn ich war immer eine positive Person gewesen, die an das Gute geglaubt hat, jetzt glaube ich gar nichts mehr. Ich glaube nichts, denn was ich erlebt und gesehen habe, was sie mit meinem Sohn gemacht haben, Leute, die sich f├╝r gerecht halten, die die Justiz vertreten, sind nicht gerecht, denn f├╝r die Armen gibt es keine Gerechtigkeit.

Das Gef├Ąngnis ist einzig f├╝r die Armen geschaffen, und in der Tat gibt es im Gef├Ąngnis ausschlie├člich Arme, und nicht einmal, wenn du krank bist… es ging ihm sehr dreckig und bei mir zu Hause taucht die Geheimpolizei auf, die bis dato nie gekommen war. Nie in meinem Leben hatte die Polizei vor der T├╝r gestanden. Sie kommen herein und ich frage sie: ┬╗Wer sind Sie?┬ź ÔÇô ┬╗Die Polizei.┬ź ÔÇô ┬╗Was wollen Sie?┬ź Er sagt: ┬╗Ist Tarr├şo zu Hause?┬ź ÔÇô ┬╗Was um alles in der Welt wollen sie jetzt noch von meinem Sohn? Ist Ihnen nicht klar, wie es ihm geht, was Sie ihm angetan haben?┬ź Da sagt der eine zum anderen: ┬╗Lass uns gehen┬ź, und ich sage: ┬╗Lassen Sie meinen Sohn in Ruhe, wenn Sie irgendein Problem haben, wenden Sie sich an den Anwalt, doch nicht an meinen Sohn┬ź, und sie gingen durch die T├╝r hinaus. Ich lie├č sie meinen Sohn nicht sehen.

Und dieser Herr, der allen gesagt hat, sie sollten die Mutter nicht beachten… mein Sohn ist jetzt tot. Das ist Xos├ę Tarr├şo Gonz├ílez. Mein Sohn ist tot, und bevor er ins Koma fiel, war er verzweifelt, es ging ihm sehr schlecht, er sagte zu mir: ┬╗Mama, ich habe dieses Buch geschrieben, um FIES und alles, was sie mit uns machen, publik zu machen┬ź, und ich glaubte, das Buch w├╝rde eine st├Ąrkere Wirkung haben, als die, die es im Endeffekt haben sollte. Dass die Leute wahrnehmen w├╝rden, was alles geschieht, und dass es in die H├Ąnde einer…

Julia: …einer h├Âheren Autorit├Ąt, einer…

Pastora: …und dass Ma├čnahmen ergriffen w├╝rden. Doch ich sah, dass alles gleich blieb… Ich war sehr entt├Ąuscht deswegen. Ich bedankte mich bei den Leuten in meinem Umfeld, die Leute, die er kennengelernt hatte, waren sehr nette Leute, und f├╝r diese Leute war es wert gewesen, diesen Kampf gef├╝hrt zu haben… Ich hatte geglaubt, die Wirkung w├╝rde st├Ąrker sein.

Tarr├şo, wie viele andere Gefangene, ist nicht f├╝r etwas Schwerwiegendes bestraft worden, sondern daf├╝r, arm geboren zu sein, und das ist die traurige Wahrheit. Und so wie er, viele andere junge Leute seines Alters, wegen einer Dummheit, verstehst du… Obendrein trifft es immer die Schw├Ąchsten.

Julia: Wegen einer jugendlichen Straftat verlieren sie das Leben.

Pastora: FIES, FIES. Ich wollte eine Tochter, eine Enkelin oder am besten gleich die Richter selbst und all die, die FIES erfunden haben, dort drinnen sehen, und ich rede nicht von zw├Âlf Jahren, drei Jahre reichen. Ich wollte, sie w├╝rden sie alle dort hineinstecken und ausprobieren, was die Einsamkeit anrichtet und was FIES bedeutet, unter denselben Bedingungen nat├╝rlich, die sie den Gefangenen antun. Ich wollte, sie probierten das aus, ich wollte nur einige von ihnen dort drinnen sehen, mal sehen, was sie hinterher ├╝ber FIES denken.

Doch das wird nicht geschehen…

Pastora: …denn FIES, wie dieser Psychologe von der Gerichtsmedizin sagt, der an Tarr├şos Prozess teilgenommen hat, der der Staatsanw├Ąltin und der Richterin erkl├Ąrt hat, welche massiven Sch├Ąden FIES im menschlichen Geist anrichtet, dass er den Geist komplett ausschaltet, wie schrecklich dies ist. FIES ruft Beklemmungen, ├ängste und geistigen Verfall hervor. Das alles hat er erkl├Ąrt, und sie haben ihm keinerlei Beachtung geschenkt. Die Staatsanw├Ąltin nahm sich diesen Herrn vor und sagte ihm: ┬╗Sind Sie Doktor der Psychologie?┬ź ÔÇô ┬╗Nein, aber ich bin Psychologe der Gerichtsmedizin, ich habe meinen Titel und ich habe den menschlichen Geist studiert, und ich darf zu Hause nicht ein Wort dar├╝ber verlieren.┬ź

[Sich der Interviewerin zuwendend:] Das ist, was ich Dir erz├Ąhlen wollte, das Gef├Ąngnis ist keine L├Âsung. Ich fordere Gerechtigkeit. Gerechtigkeit! Ich werde dies alles publik machen. Ich wei├č, ich werde nicht gewinnen.

Julia: Gerechtigkeit f├╝r die legalen M├Ârder, nicht wahr?

Pastora: Ich wei├č, ich werde nicht gewinnen, doch ich als Mutter, vor allem als Mutter Xos├ę Tarr├şos, ich f├╝hle mich als freie Person in der Pflicht, dies alles publik zu machen. Zuerst als Mutter und danach als Person. Denn ich will nicht, dass sie das, was sie mit meinem Sohn gemacht haben, mit anderen Kindern machen. Und man ist mir Rechenschaft dar├╝ber schuldig, was sie mit meinem Sohn gemacht haben und mit meiner Familie, denn dies alles haben meine anderen Kinder und ich durchleben m├╝ssen. Es war schrecklich, dies zu erleben. Es war schrecklich.

Und Du bist nach Aachen gekommen, um Gabriel zu unterst├╝tzen.

Pastora: Ja! Und jede Person, die mich braucht. Wenn wir Armen uns nicht gegenseitig unterst├╝tzen, wei├č ich nicht, was uns bleibt, ich will die Wahrheit herausschreien, wo auch immer. Solange ich lebe, werde ich die Wahrheit herausschreien. Die Wahrheit, ich komme nicht mit L├╝gen daher, noch habe ich vor, mittels L├╝gen irgendetwas zu erreichen. Ich fordere Gerechtigkeit, echte Gerechtigkeit, f├╝r die einen wie f├╝r die anderen, und dass sie sich nicht weiter an den Jungs auslassen… Der Junge dieser Dame zum Beispiel, ich kenne sein Leben, mein Sohn hat mir von ihm erz├Ąhlt. Ich wei├č, dass er niemals Terrorist gewesen ist, dass er au├čerdem ein Junge mit einem Herzen so gro├č wie ein Haus ist, dass er f├╝r seine Rechte k├Ąmpft, wie auch mein Sohn es tat. Was also soll die Schei├če mit dem Terrorismus? Die Terroristen sind sie selbst. Sie tun verschanzt hinter dem Gesetz alles, was sie wollen, und das Volk wei├č das nicht. Das Volk wei├č es nicht, und das Schlimmste ist, dass wir mit unserem Geld mithelfen, dass dies alles existiert, dass Gef├Ąngnisse gebaut werden. Dass das keine L├Âsung ist und FIES auch nicht, denn FIES… ÔÇô Als der Direktor des Gef├Ąngnisses von Teixeiro einen Vortrag hielt, seinen ersten Vortrag, der arme Mann… ich sage der arme Mann, denn die Mutter von Tarr├şo war bei dem Vortrag anwesend, und er erz├Ąhlte, die Gef├Ąngnisse von Coru├▒a und ganz Spanien seien vorbildlich, es g├Ąbe Werkst├Ątten, Schwimmb├Ąder, kurzum, sie seien regelrechte F├╝nf-Sterne-Hotels.

Julia: Ein Schwimmbecken ohne Wasser…

Pastora: Das einzige Wasser, was sie hatten, kam vom Regen.

Nur f├╝r das Foto…

Julia: Keine Werkst├Ątten, so etwas gab es nicht.

Pastora: Und als dieser Herr seinen Vortrag gehalten hatte, bat ich um das Wort, und ich sagte: ┬╗Zuerst m├Âchte ich mich vorstellen, doch ich werde keine pers├Ânliche Sache hieraus machen, ich komme als Repr├Ąsentantin des Kollektivs Nais en Loita, und als solche will ich sprechen. Sie, Herr Carmelo, pr├Ąsentieren uns die spanischen Gef├Ąngnisse als F├╝nf-Sterne-Hotels, in erster Linie das von Teixeiro. In Wirklichkeit sind sie weit entfernt davon, F├╝nf-Sterne-Hotels zu sein. Sie sagen, es gebe Werkst├Ątten, Werkst├Ątten, die nicht ge├Âffnet sind, Schwimmbecken ohne einen Tropfen Wasser…┬ź So habe ich es ihm gesagt: ┬╗Wer dort badet, sind wohl Sie selbst, denn kein Gefangener hat mir so etwas berichtet…┬ź

Julia: Mein Sohn war dort…

Pastora: Ich sagte ihm: ┬╗Erkl├Ąren Sie uns doch, dass in spanischen Gef├Ąngnissen FIES existiert.┬ź Klar, es war ein Vortrag, I├▒aki Rivera und alle nahmen teil, Studenten. Ich sagte: ┬╗Sie fragen sich, was FIES ist? FIES, Sonderakte ├╝ber H├Ąftlinge in Spezialbehandlung, das Gef├Ąngnis innerhalb des Gef├Ąngnisses, ist durch die spanische Verfassung verboten, doch trotzdem hat man es geschaffen, und sie haben FIES geschaffen, ohne dass das Volk, die Gesellschaft, es wei├č. Wer sind die Straft├Ąter, die die drinnen sind oder Sie die so etwas im Geheimen tun?┬ź So fing ich an, ich fing an zu erz├Ąhlen, dass in spanischen Gef├Ąngnissen, vor allem in dem seinen, gefoltert wird, die Gefangenen nackt ausgezogen werden, sie an H├Ąnden und F├╝├čen ans Bett gefesselt werden, sie ihre Notdurft so verrichten m├╝ssen und das dreizehn, vierzehn Tage lang. Nat├╝rlich nahm man mir das Mikrofon weg.

Man nahm es Dir weg?

Pastora: Nat├╝rlich, sie kamen schnell angerannt und nahmen mir das Mikrofon weg. Ich sagte ihnen: ┬╗Es ist mir egal, ob Ihr mir das Mikrofon wegnehmt, denn Dank Gottes habe ich eine starke Stimme, man wird mich genauso h├Âren┬ź, und man h├Ârte mich. Sie schmissen mich nicht raus! Und nat├╝rlich, die Studenten… Eine Studentin sagte, sie studiere Jura, aber sie wisse nichts von alldem.

Nat├╝rlich nicht, denn FIES kommt im Gesetz nicht vor.

Pastora: Die Leute wissen es nicht, die Leute haben keine Ahnung, was FIES ist, und dass gefoltert wird und dass all das illegal ist. Und ich sagte: ┬╗Ja, all das existiert, und dies sagt euch nicht die Mutter eines Gefangenen, denn wir haben Briefe vieler Gefangener, die unterschrieben sind und die Ihr euch ansehen k├Ânnt…┬ź

Und viele Tote.

Pastora: Und viele Tote, klar…

Dein Sohn ist der Letzte auf einer langen Liste…

Pastora: Klar, ich rede von meinem Sohn. Ich bin hier, doch meinen Sohn werden sie mir nicht zur├╝ckgeben, und was ich mache, vertieft meinen Schmerz noch, der Schmerz ist stark, ich komme nicht zur Ruhe…

Julia: Ich habe immer Angst, dass mir dasselbe passiert.

Pastora: Ich komme nicht zur Ruhe, denn wenn ich schlafen gehe, sehe ich immer meinen Sohn vor mir. Das einzige, was ich jetzt von meinem Sohn sehen kann. Wenn ich die Augen schlie├če, sehe ich ihn nicht gl├╝cklich, ich sehe ihn nicht wie seine Geschwister, ich sehe ihn eingesperrt, immerzu leidend, und gefesselt, krank und gefesselt, und ich sehe diesen Herrn ihn qu├Ąlen, ihn immerzu qu├Ąlen… Es ist schrecklich, ein totales Trauma habe ich… ein Trauma. Ich bin in einen Horrorfilm geraten und noch nicht herausgekommen.

[Julia und Pastora umarmen sich]

Nun bin ich hier, um die Mutter von Gabriel Pombo da Silva zu unterst├╝tzen, jetzt, denn ich komme aus der Schweiz, wo ich meine Kinder besucht habe, und ich wei├č, dass auch sie eine Mutter ist, die k├Ąmpft, und als Mutter muss es ihr sehr schlecht damit gehen, sehr schlecht. Und ich komme, um von FIES zu sprechen, davon, was in den Gef├Ąngnissen passiert, denn das Gef├Ąngnis ist keine L├Âsung f├╝r die Probleme. Ich will sie und alle M├╝tter unterst├╝tzen. Mein Sohn ist gestorben, doch ich bin hier, und solange ich noch kann und ich noch am Leben bin, werde ich weiter anklagen, reden und Vortr├Ąge halten in dem Rahmen, in dem ich kann. Ich wei├č, dass das meinem Sohn gefallen w├╝rde. Ich habe ihm gesagt: ┬╗Du stirbst…┬ź Er starb in meinen Armen, gewaschen und rasiert, von mir, denn seine Mutter lie├čen sie im Sanatorium von Oza bei ihm, in einem Bett neben ihm. In Bezug auf das Sanatorium von Oza will ich sagen, Eva L├│pez, die zust├Ąndige ├ärztin, ist eine hervorragende Person, sie kam jeden Tag und sah nach ihm mit viel Z├Ąrtlichkeit, auch mich haben sie gut behandelt, sie waren so nett, mir das Bett aufzustellen, so konnte ich meinen Sohn waschen, rasieren, duschen so gut ich konnte, denn ich wusste, dass ihm gef├Ąllt, dass seine Mutter es tut, also tat ich es, und ihm w├╝rde gefallen, dass ich mit diesem Kampf weitermache und den anderen helfe.

Bevor er starb, sagte er zu mir: ┬╗Wei├čt Du, Mama…┬ź ÔÇô ich war emigriert, um meine anderen Kinder voranzubringen, er war zur├╝ckgeblieben und hatte mich aus seiner fr├╝heren Kindheit in Erinnerung, er sagte: ┬╗Wei├čt Du, Mama, ich kannte diese starke Seite von dir nicht.┬ź Ich sagte ihm: ┬╗Du hast deine Mutter noch nicht kennengelernt, du wei├čt noch nicht, wie weit sie gehen kann.┬ź Scherze dieser Art leisteten wir uns.

Und hier bin ich, doch der Kampf… Hier sind seine Mutter und seine Geschwister zur├╝ckgeblieben, um weiter zu k├Ąmpfen und den anderen so gut es geht zu helfen. [Sie k├╝sst das Foto ihres Sohnes, Julia greift sie am Arm und Pastora wendet sich ihr zu:] Dir viel Kraft! Worum ich bitte ist, wenn jemand dieses Video sieht, die Leute sollen verstehen und dies alles publik machen, denn mein Sohn war dran, der Sohn dieser Dame ist jetzt dran, leider, und er ist sehr stark, doch die Gef├Ąngnisse sind sehr gro├č, es sind nicht nur unsere S├Âhne, es gibt sehr viele S├Âhne, viele S├Âhne vieler M├╝tter, und diese M├╝tter, diese Geschwister, Onkels und Tanten, sie sollen auf die Stra├če gehen und anklagen, und die Leute drau├čen ebenso. Heute ist es f├╝r uns, morgen f├╝r sie.

Wir sollten solidarisch sein, und als Arme m├╝ssen wir in erster Linie den Armen helfen, denn engagierte Reiche sehe ich sehr wenige, ich behaupte nicht, dass es ├╝berhaupt keine gebe, doch das ist, was uns bleibt. Und du kommst schnell dorthin! Ins Gef├Ąngnis kann jeder kommen, bis hin zu Unschuldigen.

Und das w├ĄrÔÇÖs…

[Sich Julia zuwendend:] Und willst Du etwas ├╝ber Deinen Sohn sagen?

Julia: Nein. Ich habe nur Angst, dass ich alles das durchmachen muss, was diese Frau durchgemacht hat. Alles, was ich wei├č ist, dass ich soundso viele tausend Kilometer gereist bin, um dort anzukommen und dann 20 Minuten vor einer Glasscheibe zu sitzen. Meistens mit diesen Telefonh├Ârern zum Sprechen, durch die man kaum etwas h├Ârt, daf├╝r also bin ich 2000 oder 2500 Kilometer hin und 2000 Kilometer zur├╝ck gereist, f├╝r nichts. Manchmal haben sie mich nicht einmal vorgelassen ÔÇô Dinge in diesem Stil.

Gabriel ist seit 20 Jahren im Gef├Ąngnis?

Julia: Ja. Mit 17 kam er hinein, er war zu 5 Jahren verurteilt und w├Ąhrend dieser 5 Jahre in Teruel konnte ich ihn keinmal umarmen, alles nur durch Glasscheiben. Er schrieb mir Briefe: ┬╗Mama, wenn ich einmal als Toter auftauche, so werde nicht ich es gewesen sein, der sich umgebracht hat. Ich werde mich nicht umgebracht haben, sie werden es sein, die mich umbringen.┬ź Du kannst Dir also die Misshandlungen vorstellen, die sie erlitten, er wollte dar├╝ber nicht sprechen, er hat nichts gesagt. Ich hatte immer gro├če Angst vor dem, was passieren w├╝rde, und immer denke ich daran, dass ich von meinem Sohn als Mutter kaum etwas hatte, denn er war noch ein Kind mit 17 Jahren… und die Misshandlungen… Es ist nicht, dass wir einverstanden w├Ąren mit den Straftaten und all dem, doch Misshandlungen, nein! Es gibt keinen Grund, sie zu misshandeln. Sie verb├╝├čen ihre Strafe oder was auch immer vor der Justiz und fertig. Es gibt keinen Grund, sie zu verpr├╝geln, zu misshandeln.

Oder zu t├Âten…

Julia: Oder zu t├Âten, dies noch weniger ÔÇô niemand hat das Recht, jemandem das Leben zu nehmen, also…

Pastora: Und die Straftat? Was f├╝r eine Straftat?

Julia: Dummheiten, nichts als kindische Dummheiten, die sie vielleicht in ein Heim bringen sollten…

Pastora: Das ist auch keine L├Âsung.

Julia: Auch das ist keine L├Âsung. Es gibt Psychologen, man k├Ânnte sie auf andere Art und Weise umerziehen, man k├Ânnte sie zum Beispiel ein Handwerk lehren, was man ja nicht macht. Es gibt vieles, was sie tun k├Ânnten, aber nicht machen. Und in Spanien werden neue Gef├Ąngnisse gebaut, wof├╝r? Warum bauen sie keine Orte, wo sie jungen Leuten etwas beibringen k├Ânnten, sie halten eine Menge junger Leute im Gef├Ąngnis, wozu? Das Gef├Ąngnis lehrt doch niemandem etwas.

Pastora: Ins Gef├Ąngnis stecken sie alles, was st├Ârt, das ist klar.

Um es zu verstecken?

Pastora: Na klar, alles was st├Ârt, stecken sie dort hinein. So war es schon immer.

Julia: Alle M├╝tter, nicht nur ich, k├Ânnen seit Jahren nicht schlafen, weil wir Kinder haben, die dort drinnen gefangen sind. Was jetzt und hier passiert ist, war ein Schreck, denn sie hatten falsche Papiere…

Du sprichst von der Festnahme von Gabriel, Jos├ę, Bart und Bego├▒a?

Julia: Sie bauen hier in Aachen ein Theaterst├╝ck auf, wonach es aussieht, als h├Ątten sie eine Menge Leute umgebracht.

Was denkst du dar├╝ber, wie sie deinen Sohn vorf├╝hren?

Julia: Nun ja, in Spanien sind es Misshandlungen, hier ist es eher psychisch. Mein Sohn erscheint vor Gericht in Unterhosen, weil sie ihn festbinden, sie ihm den Kopf verdecken, damit er nichts sehen kann, er protestiert gegen die Bedingungen seiner Vorf├╝hrungen vor Gericht. Heute habe ich die Autos gesehen, man k├Ânnte meinen, ein Pr├Ąsident k├Ąme dort vorgefahren. Die ganze Stra├če gesperrt, damit man nicht… ich habe ihn nicht gesehen. Sie sperren den ganzen Verkehr ab, damit zwei Autos f├╝r die Gefangenen vorfahren k├Ânnen, wo hat man das gesehen? Einer in Unterhosen, wo hat man Vergleichbares gesehen? Ich jedenfalls kann das nicht sehen, mir geht es schlecht dabei… Ich mache das so, ich behalte alles f├╝r mich, wei├čt Du? Und diese Frau [sich auf Pastora beziehend] hat viel durchgemacht, denn…

Pastora: Nein, ich habe mehr oder weniger erlebt, was du erlebst, denn die Geschichte deines Sohnes ist dieselbe. V├Ąter, die versagt haben, M├╝tter, die arbeiten gehen mussten, um das Brot zu verdienen. Das Schlimmste ist, dass statt der V├Ąter die S├Âhne im Gef├Ąngnis sitzen, das ist das Traurigste an der Geschichte. Denn einen Vater sollte man zwingen, f├╝r seinen Sohn aufzukommen, verstehst du?

Julia: Genau das ist es. Das ist die Geschichte, wir mussten aus unserem Land auswandern, damit es unseren Kindern an nichts fehlt.

Pastora: Und Folter in Spanien. Es geht auch um psychische Folter. FIES ist schrecklich. Psychisch. Aber es geht um mehr als FIES… Die Leute m├╝ssen mitbekommen, dass FIES existiert und was FIES ist. Sie machen es heimlich, ohne gesetzliche Erlaubnis. FIES muss verschwinden.

Julia: Ja, die guten Sachen schauen sie sich nie ab. Sie haben es sich von den Deutschen abgeguckt, ich meine, die schlechten Sachen ├╝bernehmen sie, die guten nicht. Wenn sie schon alles imitieren wollen, sollen sie doch die guten Sachen aus Deutschland nehmen. Die Spanier haben es ├╝bernommen und so siehtÔÇÖs aus.

Pastora: Das sind hinterh├Ąltige Leute, mit verdrehtem Charakter. Dass wir diese Leute gew├Ąhlt haben, ist das Traurigste im Leben.

Julia: Ja, du sagst irgendwann: Ich gehe nicht mehr w├Ąhlen, denn sonst tun sie meinem Sohn noch mehr an. Das ist, was du denkst: Nein, ich gehe nicht w├Ąhlen.

Pastora: Ich gebe ihnen die Schuld, ich gebe den Medien die Schuld…

Julia: …auch denen.

Pastora: Sie helfen nicht, das Einzige, was sie machen, ist alles noch zu verschlimmern. Statt sich an das Wort einiger Freunde zu halten, die die betreffende Person kennen, halten sie sich an das Wort von denen… Was ich ihnen versuche zu sagen: Glauben Sie auch nicht mir, fragen Sie die Leute, die ihn gut kennen und die er kennt, fragen sie seine Freunde.

Julia: Ja, ich sehe, dass Gabriel ein goldenes Herz hat, er ist ein sehr z├Ąrtlicher Junge, er sorgt sich viel um die Familie, um die Leute, seine Freunde, also… Ich wei├č nicht, was ich sagen soll.

Pastora: Mein Sohn litt viel, er sagte: ┬╗Warum haben einige alles und andere nichts?┬ź Doch es ging ihm nicht um sich selbst, er hat mir vieles erz├Ąhlt und ihr k├Ânnt es in seinem Buch nachlesen, das er viel mit mir besprochen hat. Es waren die Gespr├Ąche, die wir hatten, wenn ich ihn besuchen ging, und er sagte: ┬╗Mama, merkst Du, dass sie uns hier reinstecken und als Gute auftreten, w├Ąhrend sie doch die Waffen erfinden, um Menschen zu t├Âten, dass sie die gro├čen M├Ârder sind? Wenn sie zulassen, dass Kinder vor Hunger sterben und nichts investieren…┬ź Mein Sohn litt an all diesen Dingen. Ich habe es in unseren Gespr├Ąchen geh├Ârt, wir haben es millionenfach besprochen. Mein Sohn litt viel unter diesen Dingen, das ist nicht normal. Und die anderen stellen sich als die Guten dar. Er also klagte an, was sie alles mit ihnen machten, und warum: Einfach weil sie arm waren, wurden sie bestraft, und so ist es, auch ich habe es erkannt.

Und als mein Sohn im Krankenhaus lag, ging ich zum Strafvollstreckungsrichter, damit man mir Einlass gew├Ąhrt, und man sagte mir, der Richter befinde sich im Urlaub, und ich sagte: ┬╗Aber es muss doch einen Vertreter geben┬ź, und man sagte mir: Nein, es sei nur der f├╝r Minderj├Ąhrige da und der sei nicht zust├Ąndig. Wo hat man gesehen, dass es keinen Strafvollstreckungsrichter f├╝r Erwachsene gibt? Du f├╝hlst Dich ohnm├Ąchtig, denn du hast keinen verdammten Cent um dir einen…

Julia: …einen guten Anwalt zu leisten… einen guten Anwalt, der die Dinge in Bewegung setzen kann…

Pastora: Verstehst Du? Sie werden daf├╝r bestraft, arm zu sein und ihre Familien auch, die Familien genau so, denn wenn du deine Kinder besuchen willst, musst du Vieles ertragen. Wenn du eine Plastikt├╝te mit hineinnehmen willst, bringst du die Plastikt├╝te mit, und sie gilt nicht, denn es muss eine Tasche mit Rei├čverschluss sein. Du kaufst dir eine Tasche mit Rei├čverschluss, das, nachdem du das Taxi bezahlt hast, gehst mit der Tasche mit Rei├čverschluss das n├Ąchste Mal hin und die Tasche mit Rei├čverschluss gilt nicht mehr, sie wollen eine Plastikt├╝te. So ging das jahrelang. Sie haben meinen Sohn nach Teneriffa geschafft, nach Salamanca, in alle Ecken Spaniens. Ich erinnere mich, einmal ging ich ihn besuchen nach Villanubla, nein, Villanubla nicht… es hei├čt anders, ich kann mich nie…

Villabona?

Pastora: Villabona. Dieses Gef├Ąngnis hat mich schwer beeindruckt. Ein Vater, weinend in der Cafeteria. Wir sprachen ihn an, die Dame, die in der Cafeteria bediente, fragte ihn, was mit ihm los sei. Er sagte: ┬╗Was soll schon los sein. Ich bin Seemann, habe f├╝nf Kinder, bin zwei Tage an Land, verdiene 600 Euro, habe 180 f├╝r das Taxi ausgegeben, um meinem Sohn ein paar Turnschuhe und ein Hemd zu bringen. Sie haben mich weder meinen Sohn sehen lassen noch das Paket angenommen.┬ź Und jener Vater weinte. Die Dame sagte zu ihm: ┬╗Oh Mann, das haben sie Ihnen angetan? Geben Sie her, lassen Sie wenigstens das Paket hier, es kommen zwei Schlie├čer hierher, mal sehen, ob ich es denen geben kann und ob sie es hineinbringen k├Ânnen.┬ź Das habe ich auch erlebt: Sie spielen sogar mit den Gef├╝hlen der Familien, mit den Gef├╝hlen der Familien. Was meinen Sohn angeht, ich will klarstellen, dass er am Gef├Ąngnis gestorben ist und sie ihn umgebracht haben. F├╝r mich sind sie alle schuldig. [K├╝sst das Foto von Xos├ę.] Entschuldige, Julia, ich habe Dich unterbrochen.

Julia: Ist egal… ich kann nichts mehr sagen, es geht mir schlecht.

Ich wei├č nicht, wie ich dieses Interview beenden soll, ich glaube es ist Zeit, es abzubrechen, denn wir drei stehen kurz davor, zu weinen. Ich glaube, es ist besser, wir lassen es.

[1] J.J. Garfia: Adiós Prisión. El relato de las fugas más espectaculares, Txalaparta 1995- 2004, ISBN 8481360066

[2] P. Zamoro Durán: A ambos lados del muro, Txalaparta 2005, ISBN 8481363073, dt. Fassg. i. Vorb.

[3] A. Valera Hidalgo: Volando a la cárcel, Tàndem 2005, ISBN 8481315389

[4] 1. Grad: Sonderbedingungen im geschlossenen Vollzug, 2. Grad: geschlossener Normalvollzug, 3. Grad: Offener Vollzug

[5] Grupos de Resistencia Antifascista Primero de Octubre. Seit 1975 aktive, maoistisch inspirierte mit dem PCE(r) zusammenh├Ąngende bewaffnete Organisation

[6] Reformatorio Especial de Tratamiento y Orientaci├│n, staatliches Erziehungsheim

[7] Grupo especial de operaciones (Sondereinsatzkr├Ąfte der Guardia Civil)

[8] Versch. Haftbedingungen im geschlossenen Vollzug (r├ęgimen cerrado, primer grado). Erleichterungen werden zugestanden, indem der Gefangene in die n├Ąchste sog. Phase aufsteigt, vgl. S. 24.

[9] vis-a-vis-Besuchstermine finden in einem gesonderten Raum ohne Trennung durch eine Scheibe statt.

[10] Besonders gesch├╝tzte Gefangene

[11] Einkaufsladen f├╝r Gefangene auf Anstaltsgel├Ąnde

[12] Unidades Especiales de Intervenci├│n (Sondereinsatzkommando) der Guardia Civil

[13] Staatliche Ansprechperson f├╝r B├╝rger, sog. Ombudsperson

[14] 5.000 Peseten Ôëł 30 ÔéČ.

[15] Asociaci├│n de Presos en R├ęgimen Especial (Verein der Gefangenen unter Sonderbedingungen)

[16] Euskadi ta Askatasuna: Baskenland und Freiheit

[17] Im Spanischen wird von presos pol├şticos bzw. comunes oder sociales (┬╗allgemeine┬ź, soziale) gesprochen.

[18] T4-Helferzellen des Immunsystems (Anm.i.Orig.)

[19] Spezialeinheiten der Polic├şa Nacional

[20] 100 Pts Ôëł 0,6 ÔéČ

[21] Wortspiel mit apolog├şa del terrorismo (w├Ârtl. ‘Lobrede auf den Terrorismus’, unter Freiheitsstrafe gestelltes Delikt)

[22] Galego, Galizisch

[23] Tradition: P├╝nktlich zum Jahreswechsel werden zw├Âlf Trauben gegessen

[24] Ley Orgánica General Penitenciaria, Strafvollzugsgesetz

[25] Real Decreto R├ęgimen Penitenciario, Strafvollzugsverordnung

[26] W├Ârtl. ‘Behandlungsteams’

[27] Am 23. Februar 1981 unternahmen Teile von Milit├Ąr und Guardia Civil unter dem Kommando von Oberstleutnant Antonio Tejero einen Staatsstreich.

[28] Grupos Antiterroristas de Liberaci├│n. Verdeckt handelnde Todesschwadron, die in den 80er Jahren 27 Morde an mutma├člichen Mitgliedern von ETA ver├╝bte. Innenminister Barrionuevo, ein PSOE-Parteisekret├Ąr und hohe Beamte und Milit├Ąrs wurden schlie├člich wegen ihrer Verstrickung in die Angelegenheit verurteilt.

[29] 1990 wurden drei Polizisten vor Gericht f├╝r schuldig befunden, den Juwelendieb Santiago Corella alias El Nani im Jahr 1984 verschwinden lassen zu haben (┬╗desaparici├│n forzada┬ź). Zeugen wollen die Leiche unter Kalk begraben gesehen haben.

[30] Gr├╝nder der stoischen Philosophenschule, Athen 3. Jhd. v.u.Z.

[31] Sozialdemokratische Regierungspartei unter Ministerpr├Ąsident Felipe Gonz├ílez

[32] 3 Mio. PesetenÔëł18.000 ÔéČ

[33] Baskische linksnationalistische Tageszeitung, 1998 verboten.

[34] Coordinadora de Presos en Lucha (Arbeitsgemeinschaft k├Ąmpfender Gefangener)

[35] A. Rekalde Goikoetxea: Herrera, Prisi├│n de Guerra, Txalaparta 1990, ISBN 848659720X

[36] Mehrheitlich postkommunistisches Parteienb├╝ndnis

[37] 1990 im Dorf Puerto Hurraco (Badajoz) stattgefundener mehrfacher Mord der Br├╝der Izquierdo an einem verhassten Familienclan.

[38] Unter diesem Namen ist der Fall dreier in Kantabrien ans├Ąssiger M├Ąnner bekannt, die 1981 von der Guardia Civil auf ihrer Autofahrt zu einer Erstkommunionsfeier in Almer├şa festgenommen und zu Tode gefoltert wurden. Man hatte sie irrt├╝mlicherweise f├╝r Mitglieder von ETA gehalten.

[39] S. Anm. 26

[40] S. Anm. 25

[41] orig. prisi├│n bzw. centro penitenciario

[42] orig. carcelero bzw. funcionario

[43] ca. 120.000 ÔéČ

[44] Anspielung auf die ┬╗fondos reservados┬ź: In den 90er Jahren nach und nach aufgedeckte illegale Finanzierung staatsterroristischer Seilschaften wie GAL. Prominentester f├╝r schuldig Befundener wurde Luis Rold├ín, erster ziviler Oberkommandeur der Guardia Civil und PSOE- Funktion├Ąr, der 1995 in Bangkok verhaftet wurde und in Spanien eine Haftstrafe antrat.

[45] In dem Schriftst├╝ck, das im Anhang zur 1.-3. Auflage der spanischsprachigen Version des vorliegenden Buches (Barcelona: Virus 1997-2002) vollst├Ąndig dokumentiert ist, sind alle der Staatsanwaltschaft vorliegenden Aussagen und Indizien aufgelistet.

[46] dt. ‘Stinktier’

[47] Revueltas Irmandi├▒as: Bauernaufst├Ąnde gegen die feudale Oligarchie im Galizien des 15. Jhdt.

[48] Ex├ęrcito Guerrilheiro do Povo Galego Ceive (EGPGC, Guerrilla des freien galizischen Volkes), von 1986 bis 1993 aktive bewaffnete Organisation zur Errichtung einer Sowjetrepublik Galizien.

[49] Dolores Ibárruri Gómez, genannt La Pasionaria, und Santiago Carrillo Solares

[50] Blau: Farbe des Franquismus (‘Blauhemden’)

[51] Gesellschaft f├╝r Menschenrechte

[52] Vgl. Anm. 10

[53] Professor f├╝r Strafvollzugsrecht, Barcelona




Quelle: Anarchistischebibliothek.org