August 14, 2022
Von Lower Class Magazine
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Ein Reisebericht aus PalĂ€stina in Schlaglichtern von Kreuzberg United 

Von Ende Juli bis Mitte August waren wir Teil einer internationalen Delegation nach PalĂ€stina. Nach einer mehrtĂ€gigen politischen Tour zunĂ€chst durch israelisches Staatsgebiet und spĂ€ter durch die Westbank, ging es fĂŒr eine Woche nach Farkha, einem kleinen Ort nahe Salfeet. Dort veranstaltete die Palestinian Peoples Party (PPP), die Erbin der historischen kommunistischen Partei, zum 27. Mal das “Farkha-Festival” fĂŒr Jugendliche aus PalĂ€stina und der ganzen Welt. Mit dabei diesmal Internationalist:innen aus Deutschland, Österreich, DĂ€nemark, Italien und Kurdistan. Bei der Rundreise und bei politischen VortrĂ€gen und kulturellen Programm, sowie der Freiwilligenarbeit auf dem Festival konnten wir viel lernen und erleben, wovon wir in ein paar Schlaglichtern berichten wollen.

Das Land

Kurz und knapp zum allgemeinen VerstĂ€ndnis: PalĂ€stina ist seit der StaatsgrĂŒndung Israels 1948 im Großen und Ganzen in drei Teile gespalten. Ein Großteil wurde dabei offizielles Gebiet dieses Staates; die PalĂ€stinenser:innen nennen diesen Teil deshalb auch die ’48er-Gebiete’. Die Westbank (zu deutsch: Westjordanland, da westlich des Flusses Jordan) ist eine weit kleinere LandflĂ€che im Osten, die aus einem komplizierten Gewirr aus vom israelischem Staat militĂ€risch kontrolliertem Gebiet, völkerrechtlich illegaler Siedlungen und kleinen unzusammenhĂ€ngenden Abschnitten sogenannter palĂ€stinensischer Autonomie besteht. Hinzu kommt nun noch der abgeriegelte, belagerte und ĂŒberbevölkerte Gaza-Streifen, ein FreiluftgefĂ€ngnis im Westen an der MittelmeerkĂŒste und der Grenze zu Ägypten.

Über die ganze Delegationsreise hinweg erleben wir das Land in seiner ganzen Schönheit und seiner ganzen Verzweiflung zugleich. Dazu gehören die Jahrtausende alten Olivenhaine, die bunten MĂ€rkte und historischen StĂ€dte und HĂ€fen, aber auch die Trostlosigkeit heruntergekommener Dörfer und Behelfsbehausungen. Der bedrĂŒckende Anblick von Orten der Vertreibung, Bauruinen und offener Armut. Die Gewalt und BrutalitĂ€t der Besatzung werden insbesondere in der Westbank unĂŒbersehbar. Die meterhohen Mauern, die MilitĂ€rbasen und der Stacheldraht sind ihre beton- und stahlgewordenen Zeugnisse. Die Checkpoints und Siedlungen sind handfester Ausdruck von Schikane und Landraub. In Hebron (arabisch Khalil) konzentriert sich all das besonders beklemmend mitten in der Altstadt. Dort sind ganze Viertel abgeriegelt und so gut wie gĂ€nzlich gesĂ€ubert. In anderen schĂŒtzen nur Gitter oder Netze ĂŒber den Straßen vor MĂŒll und Steinen, die Siedler aus den oberen, bereits ĂŒbernommenen Stockwerken herabwerfen. Gegen Urin, SĂ€ure und Metallstangen schĂŒtzen sie nicht. Überall zeugen Wandmalereien vom Leid der Hinterbliebenen Ermordeter und von der Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Der Weltenwechsel beim Übertreten der Grenze des offiziellen Staatsgebietes Israels ist dabei besonders eindrĂŒcklich.

Die Spaltung

Unsere Reise beginnt bei Nazareth bei den jungen Genoss:innen der Israeli Communist Party (ICP, hebrĂ€isch Maki), die jĂŒdische und arabische israelische StaatsbĂŒrger:innen im Kampf gegen Besatzung und Ausbeutung vereint. Beim spĂ€teren Zusammentreffen mit den Genoss:innen in der Westbank fĂ€llt auf, wie groß der Keil ist, der zwischen diese beide Seiten getrieben wird. Auf der einen Seite, im Staat Israel, kĂ€mpfen PalĂ€stinenser:innen gegen die UnterdrĂŒckung als StaatsbĂŒrger:innen zweiter Klasse an. WĂ€hrenddessen finden sich die auf der anderen Seite in einer Situation wieder, in der ihnen derselbe Staat als militĂ€rische Besatzung gegenĂŒbertritt und ihnen gar nichts zugesteht, außer einer korrupten Kollaborationsregierung, die in ein paar zerstreuten Flecken Land auf dem RĂŒcken ihrer Bevölkerung ein wenig Staat spielen darf.

So fĂ€llt uns im Nachhinein auf, wie ausgesprochen wertvoll der Kontakt auch mit der ICP/Maki und ihre erstmalige Teilnahme am Farkha-Festival ist. So können wir die linke Perspektive und den Kampf auf beiden Seiten der Mauer kennenlernen und werden Zeuge davon, wie der gemeinsame Kampf der Jugend ĂŒber die Trennung hinweg eine StĂ€rkung erfĂ€hrt. Wichtig ist auch, dass wiederholt klar gemacht wird: Sich auf die Spaltungslinie entlang von Religion und vermeintlicher Ethnie einzulassen, wĂŒrde der Logik des Zionismus, und damit der falschen ideologischen Rechtfertigung des politischen Projektes Israel folgen. Hier waren wir sehr froh ĂŒber die Teilnahme und inhaltlichen BeitrĂ€ge des Genossen von der JĂŒdischen Stimme fĂŒr gerechten Frieden in Nahost, der die Vereinnahmung des Judentums fĂŒr diesen Staat als einen Gewaltakt an progressiven JĂŒd:innen, wie denen seiner Organisation, zurĂŒckwies. Wir begreifen: Die Überwindung der aufgezwungenen Spaltung findet im gemeinsamen politischen Kampf statt. Die beste Voraussetzung dafĂŒr findet sich aber in der persönlichen Begegnung.

Die Arbeit

Tragendes Element des Farkha-Festivals ist die gemeinsame Freiwilligenarbeit im Dorf. Wir werden in gemischte Gruppen aufgeteilt, die sich auf Baustellen in den kommunalen Schulen, dem Kindergarten, der Dorfklinik, oder dem ökologischen Garten betĂ€tigen. Jeden Morgen werden wir in aller FrĂŒhe geweckt durch ein lautes “Yallah, shabab, good morning!”, das uns fĂŒr die Arbeit frisch macht. Diese Volunteer-Work, mit der unser Tag beginnt, hat seit dem Sozialisten Tawfiq Ziad eine lange Tradition in der palĂ€stinensischen Linken.

Wir verstehen schnell, warum: Hier erleben wir Arbeit auf eine ganz neue Weise. Zuhause, in unseren Seminaren zur Kritik der politischen Ökonomie und im Alltag begegnen wir unserer TĂ€tigkeit in ihrem Zwangsgewand der Lohnarbeit. Wir lernen, wie sie uns zur Nötigung und zum Prozess unserer Ausbeutung wird und dass die Minutendieberei und das Getrödel der Beginn des Klassenkampfes im Kleinen sind. Hier verkehrt sich dies. Wenn wir den Nutzen unser Arbeit fĂŒr die Gemeinschaft erkennen, beginnen wir, den Spaß an unserem Schaffen zu entdecken. Wir fangen an, darin aufzugehen, alles aus uns herauszuholen und uns selbst in unser Werk und die Verbesserung der Arbeitsprozesse einzubringen. Wir beginnen damit auch, uns gegenseitig und uns selbst auf eine ganz neue Weise kennenzulernen. Es mag nicht viel sein, was wir am Ende vollbringen. Aber es ist die kurzzeitig erlebte Ahnung, dass unsere Zukunft nicht einfach die Beseitigung alles bedrĂŒckenden Bestehenden, sondern auch die praktische Schaffung des Neuen sein wird. Eines Neuen, in dem wir die Gegebenheiten nach unseren eigenen Zielen und Zwecken umformen und die Dinge selbst in die Hand nehmen. Und wir erkennen, dass wir das nur zusammen schaffen werden.

Der Widerstand

Gegen Mitte des Festivals werden wir eingeladen, uns an einer Demonstration gegen den aktuellen Siedlungsbau in dem kleinen Ort Beit Dajaan zu beteiligen. Dieses Dorf befindet sich in der Situation, durch bestehende israelische Siedlungen so gut wie gÀnzlich vom Rest des palÀstinensischen Landes in der Westbank abgeschnitten zu sein. In dieser Lage sieht es sich nun mit einem weiteren Akt der Kolonialisierung konfrontiert: Ein einzelner Siedler ist drauf und dran, sich unter dem Schutz des israelischen MilitÀrs rund die HÀlfte der landwirtschaftlichen FlÀche ihres Ortes unter den Nagel zu reissen.

Diese Siedlungspolitik, bei der israelische BĂŒrger sich LandflĂ€chen aneignen und diese damit im Gleichschritt mit der militĂ€rischen Gewalt faktisch fĂŒr den Staat Israel annektieren, ist im Übrigen selbst dem internationalen Recht nach unbestritten illegal. In voller Ignoranz dieser alltĂ€glichen Gewalt schlĂ€gt die reine Existenz von Widerstand gegen diese Landnahme besonders in Deutschland regelmĂ€ĂŸig Wellen der heillosen Empörung. So auch in diesem Fall: Die deutsche Presse berichtete ĂŒber diese hilflose Aktion der Gegenwehr gegen eine militĂ€risch abgesicherte Enteignung, als wĂ€re sie ein niedertrĂ€chtiger Terrorakt. In unserer Wahrnehmung aus erster Hand hingegen war dieser Tag ein Ausdruck der AlltĂ€glichkeit der Gewalt und des Leides, der fĂŒr die Menschen vor Ort ein trauriges, wöchentliches Ritual darstellt.

Nur ausnahmsweise sahen wir einmal die scharfen Waffen auf uns gerichtet, atmeten wir den Qualm der Granaten, stolperten wir ĂŒbereinander her, weil wir wegen des TrĂ€nengases nichts mehr sahen, spĂŒrten wir die HĂ€rte der sogenannten ‚rubber coated bullets‘, die nichts anderes sind als Stahlkugeln in einer dĂŒnnen Plastikummantelung, die bekanntermaßen Augen und SchĂ€delknochen zertrĂŒmmern können. Es war GlĂŒck, dass wir den Tag ohne schwerwiegende Verletzungen ĂŒberstehen konnten – vier anderen Jugendlichen erging es weit schlimmer. Wo wir nur einen einzigen Tag‘Gast waren, sind Leid und Tod Stammgast.

Und wenn sich die deutsche Öffentlichkeit ĂŒber die Gegenwehr gegen die Vernichtung der palĂ€stinensischen Lebensgrundlage hier wieder in gewohnter moralischer Überlegenheit zu empören wusste, können wir nur eins sagen: Wer ĂŒber militĂ€rische Besatzung nicht sprechen möchte, ĂŒber Landnahme, rassistische Schikane und UnterdrĂŒckung, ĂŒber das Abgraben von Wasser, ĂŒber Überausbeutung in der Industrie, ĂŒber die zwangsweise Diaspora und alltĂ€gliche Gewalt und ĂŒber den ebenso alltĂ€glichen Einsatz von Kriegswaffen gegen (oft minderjĂ€hrige) Zivilist:innen – wer von all dem nicht reden möchte, der soll von den Steinen in den HĂ€nden von Kindern, die der Enteignung des Landes ihrer Großeltern durch die Übermacht des grĂ¶ĂŸten MilitĂ€rapparates der gesamten Region entgegensehen, schweigen.

Es gilt zu verstehen: Wie in jedem HerrschaftsverhĂ€ltnis bedeutet auch hier der Normalzustand Gewalt. Jede Haltung, die sich in Ignoranz dessen auf einen scheinheiligen Appell an den Frieden zurĂŒckzieht, macht sich mit dieser BrutalitĂ€t gemein. Es kann keinen Frieden geben, wo die Gewalt der Besatzung den Ton angibt. Es kann dazu auch keine NeutralitĂ€t geben – jeder Versuch einer solchen Positionierung fĂŒhrt auf die Seite des UnterdrĂŒckers. Niemals werden wir uns diesem Unrecht schweigend zur Seite stellen können und niemand, der oder die eine Leidenschaft fĂŒr das Leben empfindet, darf das jemals mit sich durchgehen lassen.

Die Jugend

Bei aller politischen Information und Diskussion, ist der Kern des Festivals die persönliche Begegnung als kĂ€mpfende junge Menschen. Und so liegt darin auch die prĂ€gendste Erfahrung dieser paar Tage. Die Freude, dass wir als AuslĂ€nder:innen uns fĂŒr ihr Leben und ihren Kampf interessieren und daran ein StĂŒck weit teilhaben, die Leidenschaft, mehr ĂŒber uns zu erfahren, und die herzliche Gastfreundschaft bringen uns nicht selten in Verlegenheit. All das darf aber nicht darĂŒber hinwegtĂ€uschen, dass wir es sind, die am meisten von unserem GegenĂŒber lernen können.

Zugegeben: Die Lage der palĂ€stinensischen Jugend ist prekĂ€r. Jeder und jede hat jemanden an die MilitĂ€rbesatzung verloren. Die allgemeine Situation ist sehr bedrĂŒckend. So streben viele im Zuge der jĂŒngsten Neoliberalisierung danach, irgendwie Karriere zu machen. Sie wollen um jeden Preis im Ausland studieren oder arbeiten, um zumindest fĂŒr sich selbst und ihre Familie ein klein wenig Perspektive zu schaffen. Auf der anderen Seite erleben wir aber auch einen beeindruckenden jugendlichen Kampfgeist. Viele wollen sich mit der Beerdigung ihrer Hoffnung auf Befreiung, mit der endgĂŒltigen Verewigung der Unterwerfung und auch insbesondere mit der Anpassung und dem Aufgeben der alten Generationen der linken Bewegung nicht abfinden. Wie auf vielen WĂ€nden, prangt auf ihren T-Shirts das Portrait des lateinamerikanischen RevolutionĂ€rs Ernesto ‘Che’ Guevara. Von ihm stammt der Ausspruch: “SolidaritĂ€t ist die ZĂ€rtlichkeit der Völker”.

Dass in diesem Satz etwas Wahres steckt, entdecken wir in den persönlichen Freundschaften, die wir mit den Jugendlichen und teils sehr jungen Kindern, oft ohne gemeinsame gesprochene Sprache, schließen. Unsere jeweiligen Lebens- und Kampfsituationen mögen sehr verschieden sein – wir erkennen dennoch unsere Gemeinsamkeit in diesem unverkennbaren jugendlichen Drang nach einem Aufbruch. Von der besonderen StĂ€rke, in der unsere Genoss:innen diesen zum Ausdruck bringen, können wir nur Kraft schöpfen. Zwischen all dem Tanzen und Klatschen zu traditionellen und sozialistischen Liedern ertönt in unnachgiebiger RegelmĂ€ĂŸigkeit aus allen Kehlen ohrenbetĂ€ubend laut die Parole: ŰȘŰ­ÙŠŰ§ Ű§Ù„ŰŽŰšÙŠŰšŰ© Ű§Ù„ŰŽÙŠÙˆŰčÙŠŰ© – Tahya alshabibat alshuyueia – es lebe die kommunistische Jugend!

Die Perspektive

Die Situation der sozialistischen Sache in Nah-Ost ist ernst. Der israelische Staat verhĂ€lt sich unter wachsendem Einfluss rechtsextremer KrĂ€fte immer aggressiver und ist drauf und dran, die innere Apartheid auf den Gipfel zu treiben und die absolute Unterwerfung der Bevölkerung der Westbank endgĂŒltig zu zementieren. Die ehemalige FĂŒhrung der einstigen Befreiungsbewegung gibt sich der Korruption und Kollaboration immer weiter hin und verstĂ€rkt die Repressionen nach innen. Der realpolitische Ansatz einer Zwei-Staaten-Lösung ist ungeachtet aller leeren internationalen Appelle durch die faktische Entwicklung in just diesem Augenblick endgĂŒltig vom Tisch. Die ganze Situation schreit nach einem sozialistischen Kampf um eine ganzheitliche Befreiung und fĂŒr ein gerechtes multireligiöses Zusammenleben. Den Takt dafĂŒr gibt aber die Besatzungsmacht selbst an – die Zeit rennt.

Unsere Gastgeberin, die Peoples Party (PPP), lehnt den bewaffneten Kampf als Strategie in der aktuellen Situation zugunsten eines popular struggle, also eines breiten Kampfes der Bevölkerung, ab. Wir mĂŒssen hoffen, dass es ihr gelingt, eine Bewegung in enger Zusammenarbeit mit den Genoss:innen im israelischen Staat in Gang zu setzen, die dem Tatendrang der Jugend und der allgemeinen EnttĂ€uschung ĂŒber den zersetzenden Kurs aller herrschenden KrĂ€fte ein Ventil bietet. Eine Bewegung, die die progressiven KrĂ€fte stĂ€rkt und in eine handlungsfĂ€hige Position bringt. Und wir mĂŒssen alles daran setzen, unseren Teil dazu beizutragen – sowohl durch die tatkrĂ€ftige UnterstĂŒtzung des lokalen Kampfes, wie auch durch einen effektiven Kampf im imperialistischen Zentrum. Denn hier, bei uns zuhause im Westen, ist die Stabilisierung der dortigen Besatzung Teil des Interesses der Herrschenden. Wir kĂ€mpfen also nicht aus GroßzĂŒgigkeit fĂŒr jemand anderes, wir kĂ€mpfen einen gemeinsamen Kampf, Seite an Seite. SolidaritĂ€t ist eben nicht nur ZĂ€rtlichkeit. SolidaritĂ€t ist auch eine Waffe – lernen wir gemeinsam, sie schlagkrĂ€ftig zu bedienen. Es gibt einiges zu tun. Auf geht’s, Jugend – Yallah, shabab!




Quelle: Lowerclassmag.com