Mai 27, 2022
Von InfoRiot
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“A serbski?”

Zahlreiche Straßenschilder in Cottbus mit sorbischer Botschaft ĂŒberklebt


Fr 27.05.22 | 15:46 Uhr

Nachdem in Cottbus sorbischssprachige Straßenschilder ĂŒberklebt worden waren, gibt es nun offenbar eine Retourkutsche. Auf Schildern, auf denen die vorgeschriebene Zweisprachigkeit nicht eingehalten wird, prangt nun eine sorbische Botschaft.

Anfang des Jahres wendet sich Torsten Mack an den rbb. Mack ist Mitglied des Regionalvorstandes der Domowina – dem Dachverband der Sorben und Wenden. In mehreren FĂ€llen hatten Unbekannte damals die niedersorbischen Straßenbezeichnungen in Cottbus ĂŒberklebt. In allen FĂ€llen war der deutsche Straßenname noch lesbar, der niedersorbische hĂ€ufig nicht mehr.

Mack sagte damals, er gehe von einer gezielten Aktion gegen die Zweisprachigkeit in der Stadt aus. Auch der Domowina-Pressesprecher Marcel Braumann sprach von einer vorsÀtzlichen Tat.

Laut Stadt sollten die Überklebungen schnell entfernt werden. Unbekannte haben nun aber offenbar mit einer Retourkutsche reagiert. Zahlreiche Straßen- und Verkehrsschilder in Cottbus, die nicht zweisprachig sind, sind nun ihrerseits mit sorbischen Botschaften ĂŒberklebt worden.

75 Prozent aller Schilder sind zweisprachig

Auf den markanten roten Stickern, die nun in der Cottbuser Innenstadt, vor allem in der Bahnhofsstraße, zu sehen sind, steht kurz: “A serbski?” – zu deutsch: Und sorbisch? Sie sollen offenbar die Frage aufwerfen, warum die Schilder nicht zweisprachig beschriftet sind. Die zweisprachige Frage, “Wie heißt es auf Sorbisch?” ist kleiner darunter geschrieben.

Der Vorwurf geht offenbar an die Stadt selbst. Cottbus habe aber einen “sehr guten Stand der Zweisprachigkeit”, wie die Sorbenbeauftragte Anna Kossatz-Kosel sagt. Etwa 75 Prozent der Straßenschilder seien zweisprachig – Tendenz steigend. Schilder wĂŒrden grundsĂ€tzlich dann zweisprachig, wenn sie erneuert werden oder etwas neu gebaut wĂŒrde, so Kossatz-Kosel.

Die Stadt gehe sogar noch ĂŒber ihre gesetzliche Verpflichtung hinaus, indem beispielsweise auch Parkautomaten die niedersorbische Sprache anböten. FĂŒr alle Schilder sei die Stadt aber nicht zustĂ€ndig, sondern auch Land und Bund. Kossatz-Kosel verweist dabei auf die Verkehrszeichen nach der Straßen-Verkehrsordnung. Auf diese habe Cottbus keinen Einfluss.

Die Sorbenbeauftragte begrĂŒĂŸt die Sticker-Aktion inhaltlich sogar. Die Macher der Aktion wĂŒrden damit nur die gesetzliche Vorgabe einfordern. Sie wĂŒrde gern mit den Menschen ins GesprĂ€ch kommen, sagt sie dem rbb. Doch die Macher sind unbekannt. Auch dem Dachverband Domowina sind die Initiatoren nicht bekannt – Kossatz-Kosel geht von wahrscheinlich jĂŒngeren Menschen aus.

Filmische Vorlage fĂŒr Sticker-Aktion?

Auch Torsten Mack von der Domowina begrĂŒĂŸt die Aktion. Er selbst wĂŒrde sich beispielsweise eine zweisprachige Beschriftung der Cottbuser Arbeitsagentur wĂŒnschen, wie er sagt. “Warum sollen Landes- oder Bundesbehörden nicht auch zweisprachig sein?”, fragt er. Cottbus biete viele gute Beispiele fĂŒr gelebte Zweisprachigkeit, Mack wĂŒnscht sich dennoch noch mehr, wie er sagt. Insbesondere Orte mit sorbischer Geschichte sollten zweisprachig beschildert sein, so etwa der Cottbuser Gerichts- oder Schlossberg, der ursprĂŒnglich ein sorbischer Burgwall gewesen sei.

Auch Mack kennt die Köpfe hinter der Aktion nicht, bemerkt aber, dass die Sticker mittlerweile gezielter eingesetzt werden. Nach wie vor kÀmen neue hinzu.

Vor zehn Jahren gab es so eine Aktion auch schon in der Oberlausitz – allerdings auf Obersorbisch. Bei der “Lausitzer Filmschau” im Rahmen des Cottbuser Filmfestivals war 2012 bereits ein Kurzfilm zu sehen, in dem eine Gruppe junger Sorben ebenfalls mit Stickern Schilder ihrer Region ĂŒberzieht. Der Kurzfilm behandelte das, was jetzt viele auch als Ursache fĂŒr die Aufkleber in Cottbus sehen: die UnterreprĂ€sentanz der sorbischen Sprache im angestammten Siedlungsgebiet der Sorben und Wenden.

Verursacher bleiben unbekannt

Viele vermuten hinter der Sticker-Aktion das “Kolektiw Wakuum” – eine junge Cottbuser Aktionsgruppe, die sich fĂŒr das Niedersorbische einsetzen will. Vertreter versicherten dem rbb aber, sie hĂ€tten mit den Aufklebern nichts zu tun.

Hagen Stoletzki, selbst zwar nicht Mitglied des “Kolektiw”, aber “zumindest Sympathisant”, wie er selbst sagt, steht dennoch hinter der Aktion. “Zweisprachigkeit wird oft auf Straßenschilder reduziert”, bemĂ€ngelt er. Er und die Mitglieder des Kolektiw Wakuum wollen sich vor allem fĂŒr niedersorbische Kultur und Kunstwerke einsetzen, beispielsweise fĂŒr wendische WandgemĂ€lde, die in den letzten Jahren vermehrt aus dem Stadtgebiet verschwunden sind.

Kritisch sieht aber auch Stoletzki die Aufkleber in der Stadt nicht. “Aufkleber verkleben ist kein Verbrechen. Wenn die Schilder zweisprachig wĂ€ren, dann wĂ€re es ja auch gar nicht notwendig”, sagt er.

Auch Hagen Stoletzki fordert, wie viele andere, mehr Konsequenz bei der Umsetzung der Zweisprachigkeit. Alle Haltestellen mĂŒssten in der Straßenbahn auch auf Niedersorbisch angesagt werden, nicht nur einige, sagt er beispielhaft.

So bleiben die Aufkleber in Cottbus ein Zeigefinger, der auf die Umsetzung der gesetzlichen Zweisprachigkeit pocht. Echte Kritiker der Aktion sind nicht bekannt – die Verursacher bleiben dennoch weiter unbekannt.

Sendung: rbb24 Brandenburg aktuell, 27.05.2022, 19:30 Uhr




Quelle: Inforiot.de