Februar 23, 2021
Von Emrawi
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WĂ€hrend wir uns noch von dem durch die Pandemie verursachten Schock erholten, begannen die Zapatistas im Oktober 2020 mit einer sechsteiligen

Kommuniqué-Serie. Sie begannen beim Letzten (Sechster Teil) und schlossen

mit dem ersten Teil ab, der am 1.1. veröffentlicht wurde, am 27. Jahrestag der zapatistischen Erhebung. In diesen KommuniquĂ©s teilen sie mit, dass sie in die fĂŒnf Kontinente navigieren werden. Der Anfang wird in Europa gemacht, um sich mit anderen Saaten, die fĂŒr das Leben kĂ€mpfen zu treffen.

Der ’sechste’ Teil mit dem Titel ’Ein Berg auf hoher See’, schenkt uns ein Röntgenbild des Aufpralls der Pandemie auf unsere Leben und unsere Körper.

Dieses KommuniquĂ© hinterließ viele Fragezeichen und als einzige Gewissheit zwei Datumsangaben: sie werden im April 2021 in See stechen und nach dem Besuch verschiedener Orte des Europa VON UNTEN UND LINKS am 13. August 2021 in Madrid eintreffen.

Andere Kalender und andere Geografien

Die ZapatistInnen haben im Lauf ihres jahrzehntelangen Widerstandes grundlegende BeitrÀge zum kritischen Denken und antisystemischen KÀmpfen

geleistet, unter Vorherhebung der Lehren ĂŒber den Neoliberalismus aus der Hand von Don Durito de la Lacandona. Ebenso haben die Konzeptualisierung des IV. Weltkrieges oder der Vorschlag anderer Geografien und anderer Kalender eine systemische Analyse des Kapitalismus geprĂ€gt, anhand eines lokalisierten Wissens, welches aus dem antikolonialen, antipatriarchalen und antikapitalistischen Widerstand, den der Zapatismus darstellt, hervorgegangen ist.

Das Konzept der anderen Geografien und anderer Kalender hat es ermöglicht, zu verstehen, dass es in allen Geografien und Kalendern ’das Oben’ gibt, als die Zeit und die Geographie der Macht; und ’das Unten’, als die Zeit und die Geographie der KĂ€mpfe und WiderstĂ€nde. Neben einer wirtschaftlichen und politischen Analyse haben die ZapatistInnen immer als Hauptachse des Krieges gegen die Menschheit die Auslöschung des Anderen hervorgehoben und als Ziel die Gleichheit, basierend auf der Achtung des Unterschiedes betont. Bereits 2003 warnten sie uns als sie sagten: „Dies ist das Projekt der Globalisierung: den Planeten zu einem neuen Turm von Babel zu machen. Homogen in seiner Denkweise, seiner Kultur, seinem Muster. Hegemonisiert von denen, die nicht Recht haben sondern stark sind [
] Die Vernichtung des Anderen ist eine Mode, die immer wieder auf den neuesten Stand gebracht wird“

Diese „Vernichtung des Anderen“, welche anlĂ€sslich der Kolonisierung Amerias begann, hat viel mit der unterschiedlichen Art und Weise, Zeit und Geschichte zu verstehen, zu tun. Luis Villoro erklĂ€rte in seinem Werk Pl uralistischer Staat, PluralitĂ€t der Kulturen, wie die verschiedenen Arten der Konfiguration von Zeit und Geschichte entscheidend fĂŒr die Kolonisierung von Abya Yala waren. WĂ€hrend die SpanierInnen ein lineares Zeitkonzept verwendeten, war und ist die Zeit fĂŒr die Originalvölker zyklisch. Sowohl die Azteken als auch die Kastilier versuchten, die Geschehnisse aus ihren kulturellen Rahmenbedingungen heraus zu erklĂ€ren. Was die Eroberer anbelangt, so wurde alles, was aus ihrem kulturellen Rahmen nicht erklĂ€rt werden konnte, als Teufelswerk angesehen und war daher der Vernichtung

wĂŒrdig. Im Gegensatz dazu waren fĂŒr die Azteken – laut Villoro – die Ereignisse durch eine Bedeutungsstruktur bestimmt, die einer heiligen Ordnung entspricht. Auf diese Art wurde das Unbekannte in ihre Ordnung eingefĂŒgt. Es gab einen alten Mythos welches von der Reise von Quetzalcoatl Richtung Osten erzĂ€hlt und von seiner RĂŒckkehr, um sein Königreich in Besitz zu nehmen. Daher dachte Moctezuma, CortĂ©s sei QuetzalcĂłatl oder sein Gesandter.

Jetzt sagen uns die ZapatistInnen, dass sie auf dem Seeweg kommen, aber

dass sie, anders als vor fĂŒnf Jahrhunderten, kommen um „ zu finden, was uns

gleich macht“ und um uns zu sagen: „Dass sie uns nicht erobert haben. Dass

wir Widerstand und Rebellion fortsetzen“.

2021: Ein katĂșn des neozaptistischen Widerstandes

Die Mayas hatten eine andere Zeitmessung. Als die zapatistische bewaffnete

Erhebung im Jahr 1994 stattfand, veröffentlichte der Historiker Antonio GarcĂ­a de LĂ©on Die RĂŒckkehr des katĂșn. In diesem Text erklĂ€rte er uns, dass in der alten Chronosophie der Maya die Geschichte sich in 20-Jahre-Zyklen abspielte, wofĂŒr die Maya die Bezeichnung katĂșn verwendeten. Zwanzig Jahre vor dem zapatistischen Aufstand fand der Erste Indigene Kongress statt, der von der Diözese von San CristĂłbal de Las Casas (1974) gefördert wurde. Es war das erste Mal in der Geschichte, dass sich die wichtigsten indigenen Völker von Chiapas (tseltales, tsotsiles, ch’oles und tojolabales) versammelten um ĂŒber ihre RealitĂ€t nachzudenken, basierend auf vier Achsen: Land, Bildung, Gesundheit und Handel. Bei diesem ersten Treffen kam es zu einem grundlegenden Übereinkommen: Quiptic ta Lecubtesel (Unsere StĂ€rke zur Verbesserung). Wie viele wissen, erlaubte dieses Treffen die Entstehung einer unabhĂ€ngigen indigenen Bewegung in Chiapas und war auch das Samenkorn fĂŒr die EZLN.

In diesem Jahr, das jetzt beginnt, sind es 20 Jahr (ein katĂșn), dass verschiedene Ereignisse stattfanden, die einen starken Symbolgehalt fĂŒr den zapatistischen Kampf und auch fĂŒr die alter-globalistischen KĂ€mpfe haben, die durch ihr Feuer und ihr Wort keimten. Vor einem katĂșn kam ich das erste Mal nach Mexiko, zeitgleich mit dem Aufruf der EZLN zum „Marsch der Farbe der Erde“ (2001). Damit verfolgten sie eine Verfassungsreform, welche einige der grundlegenden Pakte widerspiegeln sollte, die in den Abkommen von San AndrĂ©s, unterzeichnet am 16. Februar 1996 zwischen EZLN und der mexikanischen Regierung, erzielt wurden. Aber ĂŒber dieses Ziel hinaus erlaubte der Marsch dem Kommando der EZLN verschiedene Bundesstaaten zu bereisen und einen Dialog zu fĂŒhren, mit der Zivilgesellschaft und mit jenen, die so wie sie unter Verachtung leiden, weil sie Die Farbe der Erde sind. Auf dem Marsch war die PrĂ€senz der internationalen SolidaritĂ€t sichtbar, durch die Tute Bianche(Weisse Overalls), eine italienische

Organisation, die sich an der zapatistischen Rebellion inspirierte und fĂŒr die Sicherheit der Karawane zustĂ€ndig war.

Die RealitĂ€t der indigenen Völker in Mexiko und Abya Yala ist weiterhin durch ihre Re-Existenz gegenĂŒber der kapitalistischen Hydra geprĂ€gt. Jetzt sind die Gesichter andere, aber der Tod ist derselbe.

Bei ihrem Aufenthalt in NurĂ­o (MichoacĂĄn) tagte der III. Nationale Indigenen Kongress. Dort erhielt die Kommandantur der EZLN von den ĂŒbrigen indigenen Völkern die Legitimierung, im Namen von allen zu sprechen. Der letzte Stopp der Reise war der Kongress der Union, wo die Kommandantin Esther damit beauftragt wurde, vor den Gesetzgebern zu sprechen. Sie sprach als Frau, Indigene und Zapatistin und sie schenkte uns eine Ansprache, welche als Referenz fĂŒr die verschiedensten Feminismen gilt. Sie erklĂ€rte, dass der Kampf der indigenen Frauen nicht unvereinbar sei mit der Verteidigung ihrer eigenen Art und Weise sich zu regieren und das Leben zu verstehen und – natĂŒrlich – der VerĂ€nderung jener BrĂ€uche, welche die Rechte der Frauen nicht respektieren. Auf diese Weise stellte ihre Stimme den kolonialen Blick auf die indigenen Kulturen in Frage, der sie als statisch oder archaisch ansieht und indigene Frauen als Opfer ihrer Kultur betrachtet und unfĂ€hig, sich zu befreien ohne sich von dieser Kultur loszusagen. Wir dĂŒrfen nicht vergessen, dass eines der gebrĂ€uchlichsten Argumente gegen die rechtliche Anerkennung der indigenen Autonomie auf der Annahme beruhte, dass die Autonomie der Indigenen die Gewalt gegen Frauen legalisiere. Comandanta Esther zeigte auf, dass der Kampf der Frauen ein zentraler Bestandteil der zapatistischen Bewegung ist, wie bei den vergangenen Internationalen Treffen „Frauen die kĂ€mpfen“, Die im MĂ€rz 2018 und Dezember 2019 stattfanden mehr als deutlich sichtbar wurde.

Der strukturelle Rassismus von Oben verachtete erneut das indigene Wort und

den indigenen Schritt. Die „indigene Konterreform“ des Jahres 2001 wurde von CNI und EZLN als eine „Verhöhnung“ interpretiert. Die Antwort darauf war der Aufruf zur Schaffung der „Autonomien ohne Erlaubnis“, welche sich in der

zapatistischen Erfahrung durch die Geburt der Caracoles und der Juntas der

Guten Regierung im August 2003 verwirklichte.

Auf dieser Seite des Ozeans fordert uns 2021 auch dazu auf, des katĂșn der

Ermordung von Carlo Giuliani zu gedenken. Das zapatistische Eine andere Welt ist möglich, ausgerufen beim I. Treffen gegen den Neoliberalismus und fĂŒr die Menschheit in Chiapas im Jahr 1996 löste diverse Proteste aus:

Seattle, Bangkok, Washington (1999), Prag (2000). Im Jahr 2001 wurde auf dem

G8-Gegengipfel in Genua (Italien) der junge Aktivist Carlo Giuliani von Agenten der carabinieri ermordet. Obwohl sein Tod unbestraft blieb, haben sie es nicht geschafft, ihn aus einem interozeanischen Wir auszulöschen, welches in den neozapatistischen Netzwerken (Xochitl Leyva) geboren wurde, die in diesen Jahrzehnten gewebt wurden. Giuliani wurde zusammen mit den Toten anderer Geographien in dem KommuniquĂ© genannt, in dem der Tod von SubMarcos und die Geburt des Subcomandante Galeano angekĂŒndigt wurden. Damit wurde der Name des zapatistischen Lehrers ĂŒbernommen, der 2014 von einer paramilitĂ€rischen Gruppe in La Realidad ermordet wurde. Viel frĂŒher, im Jahr 2003 und anlĂ€sslich der europĂ€ischen Proteste gegen den Krieg im Irak, las die Mutter

von Guiliani in Rom ein KommuniquĂ© der EZLN in dem Marcos das „nein zum Krieg“ als „NEIN“ fĂŒr die Menschheit und gegen den Neoliberalismus analysierte. Seine Worte schienen wie eine Vorahnung eines Krieges gegen die Menschheit zu sein, der sich ĂŒber den ganzen Planeten ausbreiten wĂŒrde.

Angel Luis Lara sagt, dass die zapatistischen Völker „in der Haut des spoilers gelebt haben“. „Sie sagten voraus, was in den Episoden, die wir noch nicht gesehen hatten, passieren wird. Die ZapatistInnen hatten immer dieses Problem der historischen Versetzung: Sie erzĂ€hlen uns seit fast zwei Jahrzehnten die Zukunft. Jetzt existiert diese Zukunft nicht mehr, denn sie ist Gegenwart geworden“.

Leben weitergeben, den Tod in die Ferne rĂŒcken

Es gibt Stimmen, die fragen, warum sie jetzt kommen, in Zeiten der Pandemie, mit dem Schiff, zu einem Zeitpunkt der uns anscheinend dazu zwingt, uns selbst zu isolieren und neuerlich anzunehmen „There is No Alternative“. Die Antwort des Alten Antonio ist eine Botschaft an uns alle: „Wenn die MĂ€nner und Frauen des Mais diese Welt und ihre Schmerzen sehen, sehen sie auch die Welt, die errichtet werden muss, und sie machen sich ihren Weg“. Wie bereits Immanuel Wallerstein sagte, befinden wir uns in einer „Etappe der Bifurkation oder des systemischen Chaos“, in der entscheidend sein wird, was wir von heute weg aufbauen, damit das, was kommt, ein Weltsystem sein kann, dass demokratischer und egalitĂ€rer, oder sein Gegenteil, ungleicher und zerstörerisch wird.

Ohne Zweifel handelt es sich bei der Ankunft auf dem Seeweg der ZapatistInnen (75% der Delegation sind Frauen), zusammen mit Vertretungenvon CNI und der Front der Völker zur Verteidigung des Wassers und des Landes in Morelos, Puebla und Tlaxcala (FPDT) um eine Reise in umgekehrter Richtung und hat eine enorme Bedeutung fĂŒr den antikolonialen Kampf und den gemeinschaftlichen Widerstand gegen die Beraubung und Enteignung des

Territoriums.

Es wird von unserer FĂ€higkeit zu trĂ€umen, zu hören, zu lernen, Schmerzen (mit)zu fĂŒhlen und unserer Erinnerung an Widerstand abhĂ€ngen, was kommen

wird.

Der 13. August 2021 markiert den 500. Jahrestages des Sturzes von TeochtitlĂĄn und die RealitĂ€t der Originalvölker in Mexiko und Abya Yala ist weiterhin durch ihre Re-Existenz gegenĂŒber der kapitalistischen Hydra geprĂ€gt. Jetzt sind die Gesichter andere, aber der Tod ist derselbe. Als LĂłpez Obrador PrĂ€sident von Mexiko wurde, fĂŒhrte das nicht zu einer anderen Politik gegenĂŒber den indigenen Völkern, ganz im Gegenteil, er beschleunigte die Implementierung der Megaprojekte des Todes wie den Transisthmischen Korridor oder den Maya-Zug. An diesen Projekten bestehen große transnationale Interessen. Samir Flores, Mitglied der FPDT wurde im Februar 2019 ermordet, weil er gegen den Bau einer thermoelektrischen Anlage in seinem Territorium Widerstand leistete. Er wurde zum Symbol der Verteidigung des Lebens der Gemeinschaft, jene die nicht nur fĂŒr die Gegenwart, sondern fĂŒr zukĂŒnftige Generationen kĂ€mpfen.

Der Subcomandante Marcos bekrĂ€ftigt, dass der Tod fĂŒr die ZapatistInnen wie ein Tor ist, welches ĂŒberschritten werden muss und folglich ist das Leben eine Reise hin zu diesem Tor. Der zapatistische Wagemut hat seit 1994 versucht, „dieses Tor so weit weg wie möglich zu verschieben“. Der Vorschlag des Treffens mit anderen Projekten, die auf anderen Kontinenten fĂŒr das Leben kĂ€mpfen, stellt die Möglichkeit dar, diese Reise bis zum Tod, zu dem das System sie verurteilt, zu verlĂ€ngern.

Das Überleben der Menschheit hĂ€ngt von der Zerstörung des Kapitalismus ab

Am 1. JÀnner dieses Jahres haben wir, unzÀhlige Organisationen, Kollektive

und Einzelpersonen gemeinsam „Eine ErklĂ€rung fĂŒr das Leben“ unterzeichnet. Mit dieser ErklĂ€rung wurde der erste Teil einer Serie von KommuniquĂ©s erreicht. Und der Vorschlag der EZLN wurde von einem UNS angenommen, das viele Differenzen aufweist jedoch in einem fundamentalen Beschluss ĂŒbereinstimmt: die Schmerzen der Welt sind das Ergebnis eines Systems, das nicht reformiert sondern nur zerstört werden kann. Daher werden von Juli bis Oktober 2021 zahlreiche Treffen mit den zapatistischen Delegationen auf europĂ€ischem Territorium stattfinden, um die KĂ€mpfe FĂŒr Das Leben zu stĂ€rken.

Aus der Bedeutung der Zeit der katunes in der Maya-Philosophie schenkt uns

die „umgekehrte“ Reise der zapatistischen Delegation im Jahr 2021 einen verheißungsvollen Zeitabschnitt fĂŒr die antisystemischen Bewegungen. Von

unserer FĂ€higkeit zu trĂ€umen, zu hören, zu lernen, Schmerzen (mit)zufĂŒhlen

und unserer Widerstandserinnrung wird es abhÀngen, was kommen wird. Das

indigene MĂ€dchen Defensa Zapatista (Zapatistische Verteidigung), eine der Figuren die der Feder des Subcomandante Galeano entsprungen ist, stellt eine

Frau dar, die ohne Angst aufwÀchst und sie ist damit beauftragt, uns

herauszufordern: „Du kannst bleiben oder folgen. Einzig und allein ĂŒbernimm

die Verantwortung fĂŒr Deine Entscheidung. Freiheit ist nicht nur die

Möglichkeit, zu entscheiden, was tun und es zu tun. Freiheit bedeutet auch,

die Verantwortung fĂŒr das Getane und fĂŒr die getroffene Entscheidung zu

ĂŒbernehmen“.

Lola Cubells ist Mitglied bei der Mexiko- SolidaritÀtsbewegung im Land

ValenciĂĄ (ASMEX) und Doktorin der Philosophie und Rechtswissenschaften

Diese Textveröffentlichung erfolgte mit Erlaubnis von ElSalto, erschienen am 12.1.2021 in Desinformemonos Journalismus von Unten. Übersetzung: Christine, mit Erlaubnis von Lola.

gefunden: https://zapatouraustria.blogspot.com/2021/02/die-um-drehung-des-katun-die-zapatistas.html




Quelle: Emrawi.org