Januar 1, 2021
Von Waldstattasphalt
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Eine Geschichte aus dem Dannenröder Wald

Es ist der 08.12.2020, Mittagszeit und es stehen noch die letzten BĂ€ume auf der Trasse, eingezĂ€unt und bewacht von der Polizei. Ein lieber Mensch sagt zu mir, ich glaube jetzt ist nicht der Zeitpunkt noch schnell etwas zu erledigen, jetzt ist der Moment genau hier zu bleiben. Ein Bild das spĂ€ter viel geteilt werden wird, der letzte Baum auf der Trasse, wir waren da, gemeinsam sitzend, weinend, singend, angelehnt an BĂ€ume, die außerhalb des Sicherheitbereiches lagen. Dort habe ich versucht in Worte zu fassen, was ich in diesem Moment gefĂŒhlt habe.

Zehn – – – – – – – – – –

Zehn BĂ€ume, die zehn letzten besetzen BĂ€ume stehen noch in „Oben“ dem ersten und letzten Baumhausdorf im Dannenröder Wald. Alle anderen BĂ€ume habt ihr schon umgehauen, diese wunderschönen uralten BĂ€ume sie waren alle schon vor uns da und nach uns wird nichts mehr da sein, auf dieser Trasse, die ihr durch den Wald geschlagen habt. Warum? Weil ihr eine Autobahn hier durch bauen wollt? Ich verstehe es noch immer nicht 
 Wer hat euch das Recht dazu gegeben?

Neun – – – – – – – – –

Ein Baum ist gefallen samt Baumhaus dran, das Krachen geht durch Mark und Bein, der Wald und seine Bewohner*innen heulen auf, ein Schreien und Weinen ist zu hören! Ohnmacht! Machtlosigkeit! Wir wissen nicht mehr was wir noch tun sollen, wir stehen da und können nur noch zu sehen. So lange habt ihr uns nicht zu gehört, dass wir uns gezwungen gesehen haben diesen Wald zu besetzen. Nicht weil es so viel Spaß macht oder aus einer Laune, sondern weil uns kein anderer Weg mehr eingefallen ist um auf dieses ungeheure Verbrechen hinzuweisen. Jetzt habt ihr den letzten mutigen Menschen aus den Ästen geholt, der in die Krone geklettert war um sich mit seinem Körper gegen die Rodung zu stellen! Mensch wird jetzt abtransportiert, mitgenommen und kriminalisiert fĂŒr die Minimalform der Menschlichkeiit. Dachtet ihr damit könnt ihr uns demoralisieren? Ha durch eure Repressionen habt ihr uns erst richtig zusammen geschweißt.
Ihr könnt uns nicht spalten, denn wir fĂŒhlen die Verbundenheit mit der Natur, nein wir sind die Natur, die sich selbst verteidigt! Viel grĂ¶ĂŸer, viel stĂ€rker und viel mehr als wir verstehen!

Acht – – – – – – – –

Nicht in meinem Namen! Dieses Verbrechen, das mir, das uns allen einen weiteren Teil unserer Lebensgrundlage zerstört, geschieht nicht in meinem Namen! Ich habe kein Vertrauen mehr in diesen Staat, in diese Polizei, in diese Rechtsprechung, wenn das hier rechtens sein soll. Es gab vielleicht ein Baurecht, aber das ist noch lange keine Baupflicht (haben die GrĂŒnen gesagt und trotzdem mit gemacht) und vor allem gibt es noch so etwas wie gesunden Menschenverstand und Verantwortungsbewusstsein gegenĂŒber meinen Mitmenschen und kommenden Generationen und es gibt Respekt und Ehrfurcht! Dachte ich zumindest, aber wenn ihr nicht auf uns und unser Weinen hört, woran soll ich noch glauben?

Sieben – – – – – – –

Warum? Warum? Warum dĂŒrft ihr das? Warum habt ihr diesen Baum gefĂ€llt? Und wie, wie könnt ihr euch das verzeihen? Ihr nehmt uns einen gesunden Wald, einen KLIMARESILIENTEN Wald voll von Pflanzen, SĂ€ugetieren, Insekten, Vögeln, Pilzen, Mikroorganismen und tausend Lebewesen mehr, die ich gar nicht kennen. Und damit wir uns hier richtig verstehen, hier verlieren nicht wir als Baumbesetzer*innen, als Dannibleibt!-Protest oder als Klimagerechtigkeitsbewegung. Hier verlieren wir alle, als Menschen!

Sechs – – – – – –

Krachen der Äste, des Stamms, der Bretter und Latten, die gesamte Inneneinrichtung segelt zu Boden, ein Schreien, ein Weinen, ein Ruf: “Why are you doing this? Can’t you see what you are doing?“ Und dann diese erdrĂŒckende Stille um uns 

Doch die Bewegung die wir hier schufen, die wird niemals leise sein,
ja die Bewegung die wir hier schufen, die wird euch das hier nicht verzeihen!
Denn das hier ist erst der Anfang! Ihr habt uns die BĂ€ume genommen, diese wunderschönen Buchen, Eichen, Fichten, Tannen, Lerchen, Birken, Douglasien
 aber damit habt uns erst richtig wĂŒtend gemacht!
„CHANGE is coming whether you like it or not!“

FĂŒnf – – – – –

Change needs to come! Bitte! VerÀnderung muss kommen, dringend!

Obwohl ich keine andere Art und Weise gesehen habe auf dieses Problem aufmerksam zu machen, habe ich mich doch frei entschieden hier zu sein und diesem Protest anzuschließen. Obwohl ich zwar gerade kein anderes Zuhause habe, gibt es doch viele Orte zu denen ich gehen kann. Wie vielen Menschen geht es nicht so, wie viele Menschen mĂŒssen in BehilfsunterkĂŒnften oder Camps leben, weil sie ihre Heimat oder Zuhause verloren haben, verlassen mussten oder nie hatten? Und so viele von diesen Menschen mĂŒssen dies weil die Wetterbedingungen schon jetzt an vielen Orten auf der Welt zu Hunger, Wassermangel, Zerstörung und Krieg fĂŒhren. Das sind alles schon jetzt Auswirkungen der Klimakrise, die wir durch unseren rĂŒcksichtslosen Lebensstil wie das Abholzen dieses Waldes einfach weiter anheizen. Und das Schlimmste ist das wir es hier noch nicht mal richtig spĂŒren, wir alle haben (NOCH!) das Privileg einfach wegzuschauen.

Vier – – – –

Aber wir fĂŒhlen noch was! Wir fĂŒhlen hier und heute wie sich Zerstörung anfĂŒhlt, körperlich, emotional, seelisch! Durch uns durch geht der Schmerz, wir machen ihn greifbar, erlebbar, geben ihm einen Resonanzraum, lassen uns berĂŒhren und treffen davon. Wir schotten uns nicht einfach ab, machen uns kalt, gehen in die Gegenwehr und bilden Fronten. Und betĂ€uben den Schmerz im tĂ€glichen Hamsterrad mit Konsum, Karriere und Kapital ausschlachten!

Es ist kein leichter Weg, es macht nicht immer Spaß, aber es ist ein ehrlicher Weg, es ist eine Entscheidung fĂŒr ein Miteinander und fĂŒr das Leben!

Darum ist der Kampf ist nicht vorbei, die Schlacht ist nicht geschlagen, denn es ging nie nur um den Kampf, es geht um die Vision fĂŒr neue Wege und ein neues Miteinander, eines das nicht auf Ausbeutung setzt, eine Transformation. Und wir haben sie gerochen, der Geruch davon ist uns noch in der Nase und wir werden fĂŒr diese Vision kĂ€mpfen, weil wir daran glauben. Und ihr seid alle eingeladen auch daran zu glauben, seid Teil der Lösung und nicht Teil des Problems! Wir wissen noch nicht wie die Lösung aussieht, aber wir versuchen sie gemeinsam zu finden und je mehr wir sind desto besser.

Denn diese Samen von jenen BĂ€umen, die werden morgen wieder blĂŒhen,

Ja diese Samen von jenen BĂ€umen, die werden in uns weiter blĂŒhen.

Drei – – –

Wie viele Menschen haben an diesem Haus gebaut, dass jetzt zu Boden kracht? In ihm eine Nacht verbracht oder ein ganzes Jahr? Sind darin morgens aufgewacht, haben Kaffee getrunken, Nudeln gekocht, gelacht, geredet, gesunken und sich ausgetauscht. Wie viele Verbindungen, Beziehungen, Begegnungen und Momente sind hier entstanden? Wie viele Ideen und VorschlĂ€ge diskutiert worden? Wie viele Menschen haben sich hier ein eigenes Zuhause gebaut? Wie eine kleine Siedlung hat ein Mensch zu mir gesagt, es fĂŒhlt sich an wie im Mittelalter, du kannst zu sehen wie Woche um Woche um dich herum ein kleine StĂ€dtchen entsteht mit all der Logistik die dazugehört. Ein Dorf, zwei Dörfer, drei Dörfer, eine Waldbesetzung, die jetzt einfach zerschlagen wird.

Zwei – –

Ein weiteres Lebewesen ist gefallen. Der Baum kracht zu erst und die BlÀtter segeln danach zu Boden, als ob sie Vögel sein wollten, die sich aufschwingen und weit davon fliegen.

DANKE Wald! Danke, dass du uns aufgenommen hast, danke dass du dich an deiner Seite hast kĂ€mpfen lassen! Du hast uns beschĂŒtzt, du hast uns Unterschlupf gewĂ€hrt, du hast uns versorgt, der Wald gibt!

Danke fĂŒr alles was wir lernen durften, ĂŒber Wasser, Wald und Luft, ĂŒber Licht, GerĂŒche und Farben, so habe ich den Wald noch nie gesehen, so habe ich den Wald noch nie wahrgenommen, erklettert, genutzt, mich darin zurecht gefunden, zu Haus gefĂŒhlt. Danke, was ich hier von mitnehme, danke dass ich hier weiterlebe!

Eins –

Der letzte Baum steht noch auf er Trasse, in der Nachmittagssonne. Nach der „Sonne“ und dem „Pfuschbau“, steht noch der „Hambi“. So wurde das Baumhaus genannt, in Erinnerung an den Hambacher Forst, den Wald, der Deutschland politisiert hat. Der Wald der Symbol fĂŒr die Energiewende wurde. Der Wald der uns eindrĂŒcklichst gezeigt hat, dass WĂ€lder rĂŒcksichtslos gefĂ€llt werden hier und ĂŒberall auf der Welt um Kapital daraus zu schlagen egal welche verheerenden Folgen zu erwarten sind. Da hier bringt uns alle in Gefahr! FĂŒr ein höher, schneller, weiter, das wir nicht mehr brauchen! Das wir nicht mehr wollen! Hört auf! Haltet ein mit dem Wahnsinn! Stopp! Jetzt und nicht erst wenn es zu spĂ€t ist! HALT!

Null

Alle BĂ€ume sind gefallen, die Trasse ist frei! Stille!

Hey nicht schnell.Gemeinsam haben wir uns auf den Weg gemacht anders zu leben und wir sind damit noch nicht fertig. So einfach kehren wir nicht zur NormalitĂ€t zurĂŒck, denn die NormalitĂ€t war das Problem! Wir sind noch lange nicht perfekt, wir haben noch so viel zu lernen! Gemeinsam! FĂŒr einen echten Wandel!

Wir tragen die Diskussion darĂŒber wofĂŒr wir Platz, Infrastruktur und Ressourcen schaffen in die Gegenwart! Wir diskutieren im Hier und Jetzt wie wir miteinander leben wollen! Wir brauchen einen Systemwandel nach dem ein solches Verbrechen nicht mehr geschehen darf! DafĂŒr sind wir hier und dafĂŒr werden wir bleiben!

Aus #Dannibleibt wird #Dannivive! La lucha sigue!

DANNI LEBT!




Quelle: Waldstattasphalt.blackblogs.org