September 6, 2021
Von La Presse
321 ansichten


AnlĂ€sslich des 13. Todestages von Karl-Heinz Teichmann erneuerte die „Initative fĂŒr das Gedenken an Karl-Heinz Teichmann“ die zerstörte Gedenkplatte auf der Bank am Schwanenteich an der Leipziger Oper. „Wir fordern, dass Karl-Heinz Teichmann als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt wird“ so Mila Schleicher von der Initiative.

Die Gruppe „Rassismus tötet“ hatte anlĂ€sslich der „Niemand ist vergessen, Nichts ist vergeben“ Demonstration am 24.10.2020 die Tat thematisiert, wir berichteten. Auf der Demonstration wurde folgender Redebeitrag gehalten:

„Am 23. August 2008 wird der Obdachlose Karl-Heinz T, 59 Jahre alt, in Leipzig am Schwanenteich hinter der Leipziger Oper von dem Neonazi Michael H. mehrfach verprügelt. Am 6. September 2008 stirbt er im Krankenhaus an seinen schweren Verletzungen.
In der Nacht nach einer Nazi-Demo unter dem Motto „Todesstrafe für KinderschĂ€nder“, organisiert von den neonazistischen „Freien KrĂ€ften“, zogen zwei junge MĂ€nner durch den Park hinter der Leipziger Oper.

Dort fanden sie den auf einer Bank schlafenden Karl-Heinz T. Der TĂ€ter Michael H. teilte ihm mit, dass er „nicht hier schlafen“ solle. Direkt fing er an, Karl-Heinz T. ins Gesicht zu treten und zu schlagen. Der TĂ€ter verließ den Tatort für eine halbe Stunde, kehrte jedoch zurück und griff den 59-JĂ€hrigen erneut an.
Gefunden wurde Karl-Heinz T gegen sieben Uhr von einer Studentin, welche sich an einer nahegelegenen Polizeiwache meldete. Doch weder wollten die Beamt*innen die Personalien der Zeugin, noch rĂŒckten sie aus. Erst anderthalb Stunden spĂ€ter erreichten die Beamt*innen den Tatort.

Die spÀtere Obduktion ergab massive Kopfverletzungen und Hirnblutungen, eine Halswirbelfraktur sowie Prellungen am ganzen Körper.

Am 27. MĂ€rz 2009 verurteilte das Leipziger Landgericht den 18-jĂ€hrigen Neonazi Michael H wegen „heimtückischen Mordes“ zu einer Haftstrafe von acht Jahren und drei Monaten. Der Staatsanwalt erklĂ€rte in seinem PlĂ€doyer, das Opfer habe nichts getan, „außer im Park nachts zu schlafen“. Sein Mörder habe den Mann „zum bloßen Objekt degradiert“. “Aus seiner schlechten Laune heraus störte ihn der Anblick des schlafenden Mannes, dessen Schlafplatz er willkĂŒrlich als unpassend bewertete”, heißt im Urteil.
Das Gericht erkannte im Gegensatz zum Verteidiger des Neonazis keinen rechts motivierten Hintergrund.Von polizeilicher Seite wird der Vorfall als „normale Straftat unter Alkoholeinfluss“ eingestuft.

Wohnungslose werden von Staat und Gesellschaft ausgegrenzt. Rechte TĂ€ter*innen praktizieren gegen wohnungslose Menschen einen Sozialdarwinismus der Tat, der durch einen Sozialdarwinismus des Wortes vorbereitet wird. Offenbar steht die Gewalt gegen Wohnungslose und sozial Schwache im unmittelbaren Zusammenhang mit gesellschaftlichen Klima und der kapitalistischen Maxime von der Verwertbarkeit der Menschen. Gewalt gegen Wohnungslose ist leider immer noch Alltag. Vor allem jene Menschen, die ohne Unterkunft auf der Straße leben und somit ĂŒber keinen privaten RĂŒckzugsraum verfĂŒgen, werden immer wieder Opfer von menschenverachtenden Angriffen. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe dokumentiert seit 1989 entsprechende Straftaten mittels einer systematischen Presseanalyse. Mehr als 2.200 FĂ€lle umfasst heute die Gewaltstatistik – 565 davon mit tödlichem Ausgang (Stand: 29.04.2020). Diese Zahlen sind schockierend. Gleichzeitig ist klar, dass die Dokumentation der BAG W nur die Spitze des Eisbergs zeigt. Ein Großteil der Taten wird ĂŒberhaupt nicht öffentlich. Viele werden aufgrund von fehlendem Vertrauen in die Ermittlungsbehörden oder aus Angst vor der Rache der TĂ€terInnen gar nicht erst zur Anzeige gebracht. Medien berichten zudem nur ĂŒber ausgewĂ€hlte – meistens ĂŒber besonders brutale oder absurde – FĂ€lle. Nach einer kurzen Welle der öffentlichen Empörung verhallen dann schnell die Forderungen nach AufklĂ€rung, Zivilcourage und SchutzrĂ€umen in der hohen Taktfolge der sensationsorientierten Berichterstattung. ZurĂŒck bleiben die Opfer, deren Angehörige, Freunde und Bekannte sowie alle wohnungslose Menschen, in dem Wissen, dass sie nahezu immer und ĂŒberall angegriffen, verletzt und getötet werden können.

Was meinen wir mit Sozialdarwinismus

Der Sozialdarwinismus wendet das von Charles Darwin (1809 – 1882) mit Bezug auf die Tier- und Pflanzenwelt formulierte “Naturgesetz der Selektion” (Evolutionstheorie) auf Menschen und ihre sozialen VerhĂ€ltnisse an. Er beruht auf der Annahme, dass Menschen von Natur aus ungleich sind und nur die StĂ€rksten im gesellschaftlichen Konkurrenzkampf bestehen können. Daraus wurde die als wissenschaftlich bezeichnete Unterscheidung zwischen “wertvollem”, “minderwertigem” und “wertlosem” menschlichen Leben entwickelt.

Heutzutage wird er zur Bezeichnung von menschenverachtenden Perspektiven verwendet, die gesellschaftliche Randgruppen – etwa Wohnungslose, SozialhilfeempfĂ€nger oder Menschen mit Behinderungen – als „minderwertig“ oder ĂŒberflĂŒssige oder als Menschen, die der Gesellschaft Kosten verursachen, ohne ihr zu nutzen, abqualifizieren.

Sozialdarwinismus ist ebenso ein Merkmal politisch rechts motivierter Gewalt.“

/TP MS




Quelle: La-presse.org