Dezember 15, 2021
Von Anarchistische Bibliothek
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Lass deine langweiligen Slogans los

„Es gibt keinen ethischen Konsum im Kapitalismus“ ist ein ermĂŒdendes Mem, von dem ich mir wĂŒnsche, dass es sterben wĂŒrde. So oft wird dieser Slogan von den Roten benutzt, um diejenigen von uns zu verunglimpfen, die sich bemĂŒhen, Lebensentscheidungen zu treffen, die zur Schadensreduzierung in unseren Gemeinschaften und unserer natĂŒrlichen Umgebung beitragen.

Vegane ErnĂ€hrung, Fahrradfahren, MĂŒllfischen, Upcycling, Guerilla Gardening, Permakultur, Hausbesetzungen, Illegalismus, Food Forestry, Kommunen, Selbstversorgung und all die anderen „lebensstilistischen“ AktivitĂ€ten, die „individualistische“ Anarchist:innen unternehmen, um ihren Schaden an der Umwelt zu minimieren, werden von vielen Anarcho-Kommunist:innen, Sozialökolog:innen, Anarcho-Transhumanist:innen, Syndikalist:innen und anderen industriehörigen Anarchist:innen beschĂ€mt und verspottet. Diese Roten sind versiert in workeristischer Rhetorik und sehen alle Lebensstilentscheidungen als „eine Ablenkung“ von der globalen proletarischen Revolution, die sie als ihr einziges Ziel sehen.

Du wirst hören, wie sie andere Anarchist:innen, die ĂŒber ethische Wege zur EinschrĂ€nkung ihres Konsums diskutieren, herabwĂŒrdigen, vor allem Leute, die vom Land leben oder ihre Teilnahme an der industriellen Zivilisation auf andere Weise einschrĂ€nken; Leute, die sie lautstark als „Primmies“ oder „Lifestylist:innen“ abtun und verurteilen.

Sie werden uns sagen, dass wir aufhören sollen, unser Leben im Streben nach persönlicher Anarchie zu leben, weil „es im Kapitalismus keinen ethischen Konsum gibt“. Solange der Welt ein kapitalistisches System aufgezwungen wird, gibt es in den Köpfen der Roten keinen Grund, nach Anarchie zu greifen, bis dieses System gestĂŒrzt und durch ihr System ersetzt wurde. UnabhĂ€ngig davon, wie unwahrscheinlich es ist, dass dies zu unseren Lebzeiten geschehen wird.

Die Verwendung von „kein ethischer Konsum“, um Menschen dafĂŒr zu beschĂ€men, dass sie sich bemĂŒhen, gewissenhafter zu leben, und alle individuellen Handlungen als „konterrevolutionĂ€r“ oder „liberal“ zu verunglimpfen, entspringt einer zutiefst autoritĂ€ren Denkweise, die an toxische maoistische SĂ€uberungen erinnert, die Menschen dafĂŒr bestraften, dass sie sich anders kleideten oder Hobbys hatten oder irgendetwas anderes taten, als sich zu 100% der zerstörerischen Industriearbeit und dem Ruhm „der Revolution“ zu widmen (fast immer in Form eines roten Staates manifestiert).

Der rote Einfluss im anarchistischen Diskurs ist leider in den meisten entwickelten Teilen der Welt vorherrschend und kollektivistisch gesinnte Anarchist:innen bestehen darauf, dass sich jede:r Anarchist:in ihrem Hirngespinst eines Massenaufstandes widmet, um den Kapitalist:innen die Fabriken zu entreißen und sie an die Arbeiter:innen zu ĂŒbergeben. Sie postulieren, dass demokratisierte Fabriken vorteilhafter fĂŒr die Arbeiter:innen sein werden, weil sie ein grĂ¶ĂŸeres StĂŒck des industriellen Kuchens erhalten werden. Das ist wahr. Aber dann behaupten sie, dass ihre Ideologie „die Umwelt retten“ wird, weil ein Arbeiterkollektiv nicht gierig und zerstörerisch sein wird wie ein kapitalistischer Vorstand. Das ist natĂŒrlich völlig unbegrĂŒndet und ignoriert eklatant die Geschichte der kollektivierten Industrie und ihre verheerenden Auswirkungen auf die Umwelt. Die eklatante RealitĂ€t ist, dass Industriegesellschaften letztendlich ausnahmslos zum Ökozid fĂŒhren.

UnzĂ€hlige marxistische Revolutionen in der Geschichte haben der Umwelt so viel Schaden zugefĂŒgt, dass ganze Landstriche, wie zum Beispiel die Gegend um Tschernobyl, fĂŒr Menschen unbewohnbar gemacht wurden. Auch heute noch werden Babys mit Geburtsfehlern geboren und die Krebsraten in den von der sozialistischen Industrie verwĂŒsteten Regionen sind nach wie vor himmelhoch.

Werfen wir einen kurzen Blick auf das Erbe der ehemaligen UdSSR, das durch die rĂŒcksichtslose industrielle Zerstörung entstanden ist, anhand von 3 Beispielen.

Der Fluss Ural in Magnitogorsk, Russland, ist immer noch mit giftigen Bor- und Chromwerten aus dem nahegelegenen Stahlwerk gesĂ€ttigt und vergiftet das gesamte Ökosystem und seine Bewohner:innen.

Der Aralsee, einst das viertgrĂ¶ĂŸte BinnengewĂ€sser der Welt, wurde weitgehend durch die neu entstandene Aralkum-WĂŒste ersetzt, nachdem die Sowjets zwei FlĂŒsse zur BewĂ€sserung trockengelegt hatten. Das Meer hat jetzt nur noch 10 Prozent seiner ursprĂŒnglichen GrĂ¶ĂŸe.

AbflĂŒsse von Ölfeldern in der NĂ€he von Baku haben alle lokalen GewĂ€sser biologisch tot gemacht und jede Lebensform, die in diesen Ökosystemen ĂŒber Jahrtausende gedieh, ausgelöscht.

Dies sind nur drei Beispiele fĂŒr den verheerenden Ökozid, der durch das Streben nach industriellem Wachstum verursacht wurde (das laut Marx erforderlich ist, um den Kommunismus zu erreichen), und sie haben natĂŒrlich nur zu mehr Kapitalismus und mehr Elend gefĂŒhrt, denn der Industrialismus und das fortgesetzte Streben nach niederer Arbeit wird die Menschen nicht befreien.

Der Wechsel von einer vertikalen zu einer horizontalen Hierarchie wird den Industriearbeiter:innen sicherlich in einigen materiellen Aspekten zugute kommen, aber die Zerstörung unseres Planeten wird sich nicht verlangsamen, nur weil wir eine Machtverschiebung von den Bossen zu den Arbeiter:innen einfĂŒhren. Die industrielle Produktion ist auf ununterbrochenes Wachstum angewiesen, und wenn man den Erfolg einer Gesellschaft an die industrielle Produktion bindet, schafft man ein Rezept fĂŒr eine Katastrophe. Die Arbeiter:innen werden nicht dafĂŒr stimmen, ihre Industrie oder deren Auswirkungen auf die Umwelt zu reduzieren, da ihr Lebensunterhalt vom Wachstum ihrer Industrie abhĂ€ngt.

Und sie werden sich sicherlich nicht um jeden kĂŒmmern, der nicht auch ein Industriearbeiter ist, oder um die Bewahrung ihrer fremden Lebensweise. Indigene Menschen und jede Person, die vom Land lebt, werden von der roten Gesellschaft als eine unerwĂŒnschte Gruppe angesehen. Jede Person, die nicht mit den workeristischen ProduktivitĂ€tsstandards mithalten kann, wird als eine Belastung fĂŒr die industrielle Arbeit angesehen. Ein Feind der roten Revolution.

Jeder „konterrevolutionĂ€re“ Rebell, der es wagt, sich dem industriellen Wachstum und der Ausbreitung der Industrie ĂŒber Land und Meer in den Weg zu stellen, ist effektiv eine Belastung, die beseitigt werden muss, um die Revolution zu sichern. Das ist die Macht des Kollektivs. Gehorche oder werde zerquetscht. Rot oder tot.

Du siehst also, die Leute, die „kein ethischer Konsum im Kapitalismus“ nachplappern, haben in Wirklichkeit nicht die Absicht, ihren destruktiven Konsum einzuschrĂ€nken, selbst im Kommunismus nicht. Sogar unter dem Anarcho-Kommunismus. Wenn ĂŒberhaupt, dann hoffen sie, ihren Konsum zu steigern, indem sie mehr Kaufkraft erlangen. Im Kommunismus werden sie in der Lage sein, so viel zu konsumieren, wie ein Chef des mittleren Managements im Kapitalismus, weil alle Arbeiter:innen einen gleichen Anteil erhalten (bis die Ressourcen ausgehen und ihre Gesellschaft zusammenbricht).

Man kann auf einem endlichen Planeten nicht unendlich wachsen und alle industriellen Ideologien, egal ob sie sich selbst als „libertĂ€r“ oder „autoritĂ€r“ bezeichnen, scheinen diese einfache Tatsache zu ignorieren, weil es ihre Ideologie als null langfristige ÜberlebensfĂ€higkeit in einer Welt entlarven wĂŒrde, die bereits einen beispiellosen globalen Kollaps erlebt.

Schadensbegrenzung ist wertvoll

Es gibt immer eine ethischere Alternative zu allem. Das ist der Sinn der Anarchie, unsere Handlungen und unsere Auswirkungen auf unsere Umwelt zu analysieren und den Schaden zu begrenzen, der AutoritĂ€t so weit wie möglich entgegenzuwirken. Ethik ist keine Alles-oder-Nichts-Angelegenheit – es gibt verschiedene Grade von Schaden.

Nur weil einige Lösungen nicht 100%ig rein und wunderbar sind, bedeutet das nicht, dass sie es nicht wert sind, gegenĂŒber viel schĂ€dlicheren Alternativen eingesetzt zu werden. In der Anarchie geht es darum, die AutoritĂ€t zu zerrĂŒtten, indem wir ethischere Lösungen fĂŒr jedes Problem finden, das uns begegnet.

Hier ist ein Beispiel fĂŒr mehrere Ebenen der Schadensreduzierung, die messbar einen Unterschied machen können. Dinge, die Rote, welche keine Emotionen zeigen, zweifelsohne als „lifestylistisch“ abtun werden, nur weil sie es nicht schaffen, den Kapitalismus sofort zu stĂŒrzen und eine kommunistische Utopie herbeizufĂŒhren:

Vegane, lokal angebaute, pestizidfreie, unverarbeitete Nahrung zu essen ist absolut ethischer als importiertes, verarbeitetes Fleisch zu essen.

Und warum?

Es wird viel weniger Kohlenstoff verbrannt, um das Essen anzubauen / zu lagern / zu transportieren / zu verarbeiten / wieder zu lagern / wieder zu transportieren. Die Arbeiter:innen, die in der „organischen“ Landwirtschaft involviert sind, sind nicht den viel gefĂ€hrlicheren Bedingungen von SchlachthĂ€usern / Legebatterien / Pestiziden / Schiffen / LagerhĂ€usern ausgesetzt. Weitaus weniger Tierleid und Tod geht in die Produktion der Lebensmittel. Das sind echte Messwerte.

NatĂŒrlich gibt es immer noch viele Schattenseiten der gewinnorientierten Landwirtschaft, wie z.B. die WĂŒstenbildung, die Ausbeutung von migrantischen Arbeiter:innen und die Zerstörung von einheimischen Ökosystemen, um Monokulturen zu pflanzen. Aber es ist immer noch viel besser als die Alternative, die in jeder Hinsicht weitaus grĂ¶ĂŸeren Schaden anrichtet


Zum Beispiel verbrennen die Containerschiffe, die importierte Lebensmittel und Industrieprodukte transportieren, hochgradig verschmutzendes „Bunkeröl“; der schwarze, teerige Schleim, der ĂŒbrig bleibt, wenn alle höherwertigen Kraftstoffe wie Benzin, Diesel und Kerosin aus dem Rohöl extrahiert worden sind. Im Jahr 2009 wurden vertrauliche Daten veröffentlicht, die zeigen, dass ein einziges Containerschiff so viel Umweltverschmutzung produziert wie 50 Millionen Autos. Die Schiffsarbeiter:innen werden die ersten sein, die diese hochkonzentrierten Abgase einatmen. Der Verzicht auf importierte Lebensmittel ist ein wichtiger Schritt im Kampf gegen die Ausbeutung.

Samen / Stecklinge zu kaufen und dein eigenes Essen in einem Gemeinschaftsgarten anzubauen, sowie MĂŒllfischen vor SupermĂ€rkten ist ethischer als lokal angebaute Lebensmittel von einem gewinnorientierten Unternehmen zu kaufen.

Und warum?

Es wird noch weniger Kohlenstoff verbrannt, Abfall wird von MĂŒlldeponien ferngehalten, es gibt keine Arbeiter:innen, die ausgebeutet oder gefĂ€hrdet werden, es gibt kein Tierleid und keinen Tod, wenn du Direktsaatmethoden verwendest. Du kontrollierst alles, was in den Boden (und letztendlich in die Körper deiner Gemeinschaft) gelangt und kannst so die WĂŒstenbildung aufhalten und tatsĂ€chlich den Boden verbessern und das Ökosystem wieder aufbauen.

Nachteile: Die einheimische Flora wird zugunsten von domestizierten Nahrungspflanzen verdrĂ€ngt. Landbesitz fĂŒttert den Staat ĂŒber Steuern (es sei denn, du nutzt besetztes Land, um den Garten zu bepflanzen). In einer Stadt zu leben bedeutet, dass du immer noch viele Dinge konsumieren wirst, die du auf deinem begrenzten Raum nicht selbst produzieren kannst. Aber auch das ist eine messbare Verbesserung gegenĂŒber dem vorherigen Szenario.

Aus der Stadt in eine lĂ€ndliche Gegend ziehen und als Selbstversorger leben, um alle Lebensmittel in einem von dir angelegten Lebensmittelwald selbst anzubauen und deine ÜberschĂŒsse zu verschenken oder zu tauschen. Auf Nahrungssuche gehen, wo es nachhaltig ist. BĂ€ume auf jedem ungenutzten StĂŒck Land pflanzen, das du siehst.

Und warum?

Erosion und Versteppung werden effektiv gestoppt, wo immer NahrungswĂ€lder entstehen. Die BĂ€ume reinigen die Luft von Kohlenstoff. BĂ€ume sind die bei weitem geschicktesten Pflanzen bei der Evapotranspiration und sind ein wesentlicher Bestandteil des Wasserkreislaufs, von dem alle Lebensformen abhĂ€ngen. Das Klima in der Umgebung wird geschĂŒtzt, mit erhöhter Luftfeuchtigkeit und NiederschlĂ€gen.

WaldgĂ€rtnern macht den Planeten wieder fruchtbar. Vorzivilisierte Völker machten die RegenwĂ€lder so reichhaltig wie sie sind, indem sie sie pflegten und die Pflanzen verbreiteten, die sie fĂŒr besonders nĂŒtzlich hielten. Wenn genug Menschen in einem Gebiet NahrungswĂ€lder anpflanzten, konnte sich die lokale Bevölkerung durch Jagen und Nahrungsuche ernĂ€hren, so wie sie es vor der Zivilisation taten.

So erhalten zukĂŒnftige Generationen das unschĂ€tzbare Geschenk der Autonomie vom industriellen System und das Wissen und den Anreiz, sich dem gewaltsamen Eindringen der Industrie in ihre Lebensweise zu widersetzen.

Persönliches Handeln geschieht nicht im Vakuum: Auf einen dauerhaften Kulturwandel hinarbeiten

Wenn eine Gruppe von Menschen sich dafĂŒr entscheidet, z.B. keine Kuhprodukte zu konsumieren, schafft das direkt weniger Nachfrage nach Kuhprodukten. Im Laufe des Lebens dieser Gruppe wird also weniger Wald abgeholzt, um die KĂŒhe zu weiden, die sie nicht gegessen haben. Weniger KĂŒhe werden von Robotervergewaltigungsmaschinen geschwĂ€ngert. Weniger KĂ€lber werden ihren MĂŒttern entrissen, fĂŒr ein paar Wochen in dunkle kleine Boxen gesteckt und dann geschlachtet, damit die Mutter weiterhin Milch fĂŒr die Milchindustrie produziert.

Einige der Menschen, mit denen Veganer:innen interagieren, werden von ihren ethischen Entscheidungen und ihrer Lebensweise beeinflusst und dazu inspiriert werden, ebenfalls daran zu arbeiten, ihren Schaden am Ökosystem zu minimieren. Sie werden sich ebenfalls vegan ernĂ€hren und andere Menschen in ihrem Leben beeinflussen, es ihnen gleichzutun. Aus eine:m/r Veganer:in werden zwei, zwei werden zu zehn, zehn werden zu zehn Millionen. Der Kulturwandel breitet sich weit aus, berĂŒhrt unzĂ€hlige Leben und verĂ€ndert den Lauf der Geschichte.

Auf diese Weise wird eine individuelle Handlung allmĂ€hlich zu einer kollektiven Handlung. Die Menschen eifern langsam den anderen nach, nachdem sie deren Lebensstil kennengelernt haben und schließlich wird die lokale Kultur fĂŒr immer verĂ€ndert. Alle kulturellen VerĂ€nderungen fangen mit ein paar Innovator:innen an und weiten sich allmĂ€hlich auf den Rest der Bevölkerung aus, wenn andere die Vorteile der neuen Kultur sehen.

Ähnlich verhĂ€lt es sich mit Permakultur und LebensmittelwĂ€ldern. Menschen fangen an, LebensmittelwĂ€lder zu pflanzen und andere folgen ihrem Beispiel und schon bald hat man tausende Hektar Land, die vor der Versteppung gerettet werden und zu Zufluchten fĂŒr Wildtiere werden.

Es gibt zahllose Orte, an denen dies nachweisbar ist, auch dort, wo ich herkomme (irgendwo in Westasien). Jede indigene Familie in diesen Bergen hat ein kleines StĂŒck Land, das wir bewirtschaften. Je mehr Menschen sich dafĂŒr entscheiden, gemischte Waldanbaumethoden anstelle der ĂŒblichen gespritzten Monokulturen zu nutzen, desto mehr Menschen werden beeinflusst, unserem Beispiel zu folgen. Sie sehen, wie erfolgreich LebensmittelwĂ€lder sind, um unsere Familien zu ernĂ€hren und die Kultur verschiebt sich allmĂ€hlich.

Es muss einen kulturellen Wandel geben, der jeder revolutionĂ€ren Bewegung vorausgeht und sie anleitet, sonst wird man am Ende nur den Kapitalismus wiederholen, wie es Marxist:innen immer wieder getan haben. Menschen, die einen zerstörerischen, konsumorientierten Lebensstil fĂŒhren, der im Austausch fĂŒr flĂŒchtigen materiellen Komfort die Umwelt vernichtet, werden nicht in der Lage sein, zu einem ethischen Lebensstil ĂŒberzugehen, nur weil „die Revolution“ stattgefunden hat. Sie werden einfach ihre zerstörerischen Wege unter dem „neuen“ politischen System wiederholen und die „Revolution“ wird umsonst gewesen sein. Der Kapitalismus wird nur eine weitere Papiermaske bekommen haben, hinter der er sich verstecken kann, wĂ€hrend er uns tiefer in das schwarze Loch der industriellen Apokalypse zieht.

Scheiß auf deinen luxuriösen Space-Kommunismus

Ein einziges Kreuzfahrtschiff emittiert so viel Umweltverschmutzung wie eine Million Autos. Kreuzfahrtschiffe leiten jedes Jahr 1 Milliarde Gallonen Abwasser in den Ozean. Wie kann ein:e Anarchist:in in Kenntnis dieser Fakten beschließen, die Kreuzfahrtindustrie direkt zu finanzieren, indem er/sie Geld spart und einen Kreuzfahrturlaub bucht?

Die Roten werden dir geradeheraus sagen, dass der Kapitalismus an der grassierenden Umweltverschmutzung durch die Kreuzfahrtindustrie schuld ist und „nach der Revolution“ wĂŒrde die Kreuzfahrtindustrie keinen Schaden anrichten, weil sie von Arbeiter:innen verwaltet wĂŒrde.

In Wirklichkeit wĂŒrde eine wirklich kommunistische Gesellschaft erfordern, dass Kreuzfahrten fĂŒr alle Arbeiter:innen als Belohnung fĂŒr ihre Arbeit kostenlos sind. Das bedeutet, dass es viel mehr Tourist:innen auf der ganzen Welt gibt und viel mehr Kreuzfahrtschiffe in den Ozeanen. Die Verbrennung von Kohlenstoff und die Verschmutzung wĂŒrde tatsĂ€chlich stark zunehmen.

Aber lass uns das fĂŒr den Moment ignorieren. Wir leben nicht in einer revolutionĂ€ren kommunistischen Gesellschaft und wir werden nicht erleben, dass der Kapitalismus zu unseren Lebzeiten verschwindet. Der globale Kapitalismus ist stĂ€rker in der Gesellschaft verankert als je zuvor. Anarcho-Kommunist:innen sind so ein winziger, winziger, winziger, winziger Prozentsatz der Bevölkerung. Rote, die den „Lifestylist:innen“ sagen, dass sie aufhören sollen, einen Scheiß auf irgendetwas anderes zu geben, als den Kapitalismus zu „stĂŒrzen“, etwas, fĂŒr das wir eindeutig nicht die UnterstĂŒtzung oder die Schlagkraft haben, um es zu tun, ist einfach lĂ€cherlich.

Weiterhin Fleisch / verarbeitete Lebensmittel zu essen / jedes Jahr ein neues Handy, eine neue Spielkonsole, ein neues Tablet zu kaufen / EinwegplastiktĂŒten / Toilettenpapier / chlorhaltige Reinigungsmittel zu verwenden / schlecht isolierte, ĂŒberdimensionierte BetongebĂ€ude zu bauen / den MĂŒll nicht zu kompostieren / den Schnee zu salzen / einen Pool zu heizen / einen Rasen zu pflanzen / auf eine Kreuzfahrt zu gehen / usw. / usw., weil „es im Kapitalismus keinen ethischen Konsum gibt“, steht einer positiven VerĂ€nderung aktiv im Weg und fördert direkt UntĂ€tigkeit / Schaden. Es verhindert aktiv, dass sich die Kultur in Richtung Anarchie verschiebt.

„Wir gehen jetzt auf diese Kreuzfahrt und tragen zum Ökozid bei, aber das ist okay, weil wir nach der glorreichen Revolution ethisch konsumieren werden“ könnte kein lĂ€cherlicherer Standpunkt sein, aber es ist im Wesentlichen das, was aus dem „kein ethischer Konsum im Kapitalismus“-Slogan geworden ist. Es ist ein trauriger Zustand, wenn diese leere Rhetorik in roten Kreisen als revolutionĂ€res Denken durchgeht.

Ethisch begrĂŒndete Entscheidungen sind nicht „liberal“, nur weil aufgeblasene Rote das sagen

Konsum im Kapitalismus (oder Sozialismus) ist nicht ethisch, aber das ist keine Entschuldigung fĂŒr UntĂ€tigkeit. Es wird keine globale Revolution geben, die unsere Lebensweise ĂŒber Nacht verĂ€ndern wird. Die Geschichte hat uns die Unmöglichkeit dieser Vorstellung gezeigt – mit unzĂ€hligen „revolutionĂ€ren“ Gesellschaften, die alle Fehler der kapitalistischen wiederholen.

Aber wir können kleine lokale revolutionÀre Aktionen im Hier und Jetzt haben, die den Weg zu nachhaltigem Wandel auf breiterer Ebene weisen können. Frag einfach die Zapatista und Àhnliche indigene sowie antizivile anarchistische Bewegungen auf der ganzen Welt. Niemand wird ihnen sagen, dass sie das Handtuch werfen und sich der globalistischen kapitalistischen/kommunistischen Industriezivilisation anpassen sollen, weil aller Konsum irgendwie gleich ist.

Jede Person kann persönliche, ethisch begrĂŒndete Entscheidungen treffen und auch kollektive Aktionen organisieren. Ich habe keine Ahnung, warum so viele Kollektivist:innen diese Bestrebungen als sich gegenseitig ausschließend sehen. Aber du wirst schwer enttĂ€uscht sein, wenn du glaubst, dass eine globale kollektivistische Revolution etwas ist, das realistisch erreichbar ist. Die Welt ist viel zu vielfĂ€ltig, um in ein einheitliches Gebilde geformt zu werden, das von einer Ideologie aus dem 19. Jahrhundert kontrolliert wird, die den europĂ€ischen Fabrikarbeiter:innen dienen soll.

Ignoriere das scheinheilige GeschwĂ€tz von langweiligen Ideolog:innen. Es ist nichts „Liberales“ daran, das zu leben, was du predigst. Du behauptest, dass du gegen Hierarchie bist? Dann lebe dein Leben so, dass du die Hierarchie minimierst, wo immer du kannst. Setze ein Beispiel. Stelle dich der Bestie und bleibe standhaft, bis du deinen letzten Atemzug getan hast. Denn was sollst du sonst tun?

Rote! Hört zu, Freund:innen. Sich ĂŒber Leute lustig zu machen, die sich darum kĂŒmmern, den Schaden, den sie anrichten, zu minimieren und lange und intensiv ĂŒber die ethischen Implikationen ihrer Handlungen nachzudenken, macht euch nicht irgendwie radikaler als sie. Es macht euch nur zu selbstgefĂ€lligen Arschlöchern. Es ist mir egal, auf wie vielen MĂ€rschen ihr eure glĂ€nzende rote Fahne geschwenkt habt. In der Lage zu sein, die Worte eines lĂ€ngst verstorbenen weißen Philosophen zu rezitieren, macht dich nicht zu etwas Besonderem, also halt schon die Klappe ĂŒber „Lifestylismus“.

Wenn wir Ausbeutung sehen und uns in direkten Aktionen engagieren, um sie zu bekĂ€mpfen, macht das unseren Kampf nicht nutzlos. Wir mĂŒssen in dieser Welt leben und Menschen sterben in ihr. Überall um uns herum leiden und sterben Unmengen von Menschen. Das zu ignorieren und nichts zu tun, weil unsere Aktionen zur Linderung dieses Leids nicht den Kommunismus herbeifĂŒhren werden, um die heiligen Arbeiter:innen von ihren Bossen zu befreien, wĂ€re beschissen.

Kapitalismus & Kommunismus sind aus dem gleichen ausbeuterischen industriellen Tuch geschnitten

Die Kollektivist:innen, die kein Problem mit unterdrĂŒckerischen Konstrukten wie dem industriellen Fleischkonsum sehen, werden antiautoritĂ€re Aktionen, die nicht gĂ€nzlich auf die Abschaffung der Kapitalistenklasse und die Beschlagnahme der Produktionsmittel ausgerichtet sind, sofort ablehnen. Viele dieser roten Anarchist:innen orientieren sich an Murray Bookchin, der gegen Ende seines Lebens seine Anti-„Lifestylismus“-Predigten hielt. Sie trĂ€umen davon, sich der Produktionsmittel zu bemĂ€chtigen und so einen grĂ¶ĂŸeren Anteil an der Beute zu erhalten, daher erschreckt es sie, dass grĂŒne Anarchist:innen stattdessen die Fabriken und Einkaufszentren in Brand setzen wollen.

Rote sehen MĂŒllfischende, Illegalist:innen, Veganer:innen, Selbstversorgende, Fahrradpunks, Hausbesetzende, Naturist:innen, KommunitĂ€re und andere „Lifestylist:innen“ als „Ablenkung“ von ihrem treibenden singulĂ€ren Wunsch, den industriellen Kapitalismus durch den industriellen Kommunismus zu ersetzen. Sie wollen die Bosse aus der Gleichung entfernen, aber alles andere fast genau so belassen: Arbeiter:innen, Fabriken, Legebatterien, Globalisierung, Ökozid
 In vielen FĂ€llen sogar GefĂ€ngnisse und Polizei. Sie wollen alles, was die industrielle Gesellschaft der Welt aufgezwungen hat, nur dass sie dieses Mal schwören, dass es „egalitĂ€rer“ sein wird, mit „direkter Demokratie“ und einem gleichen Anteil am industriellen Kuchen fĂŒr alle Arbeiter:innen.

Diese rotgefĂ€rbten Möchtegern-Industriellen bestehen darauf, dass wir unsere hart erkĂ€mpften KĂ€mpfe aufgeben und uns ihnen anschließen, um auf einen egalitĂ€reren Industrialismus zu drĂ€ngen (und darauf zu warten), der uns einen gerechteren Anteil an den Gewinnen aus dem Krieg gegen die Wildnis gibt.

Sie lieben es, anarchistische „Lifestylist:innen“ (vor allem grĂŒne Anarchist:innen) zu beschuldigen, sich irgendwie dem System anzupassen
 Indem sie dagegen ankĂ€mpfen? Ihre schĂ€bigen Bookchin-inspirierten Tiraden, in denen sie Anti-Zivilist:innen beschuldigen, in einem „Todeskult“ zu sein oder „konterrevolutionĂ€r“ zu sein (wĂ€hrend sie selbst Ökozid und Massenausrottung befĂŒrworten), ergeben fĂŒr mich wirklich keinen logischen Sinn. GrĂŒne Anarchist:innen wie die WasserschĂŒtzer:innen in Kanada setzen ihr Leben aufs Spiel, um gegen den Vormarsch der Industrie zu kĂ€mpfen, wĂ€hrend diese Yuppie-Miesmacher:innen in ihren bequemen Vorstadtsesseln sitzen und eine Mauer aus abfĂ€lligen Bemerkungen schreiben, um die Leute zu erniedrigen, die jeden Tag beweisen, dass sie Anarchie leben und atmen.

Sicher, die Bookchinist:innen, Chomskyist:innen und andere Anarcho-Brozialist:innen werden bei einem ordnungsgemĂ€ĂŸen Protest in ihren offiziell lizenzierten Guy-Fawkes-Masken auftauchen und sie sind immer in der ersten Reihe ihrer lokalen Gewerkschaftsversammlung, begierig darauf, eine todernste ErklĂ€rung von einem Stapel gedruckter A4-BlĂ€tter zu lesen. Aber woher nehmen sie den Überlegenheitskomplex, um ihre Abscheu ĂŒber „edgy Lifestylist:innen“ zu Ă€ußern? Es sollte an dieser Stelle offensichtlich sein, dass der Kommunismus die Welt nicht retten wird, dennoch bilden sie sich ein, die Statthalter der Gerechtigkeit zu sein.

Protestieren ist nur ein weiteres RĂ€dchen in der Maschine der Demokratie. Die Illusion der Wahl. Es vollbringt nichts. Es macht dich sicherlich nicht revolutionĂ€rer als einen Anarchisten, der die bewusste Entscheidung trifft, so ethisch wie möglich zu leben. Leute, die denken, dass sie etwas Wertvolles erreicht haben, weil sie ein hĂŒbsches Schild bei einer Demonstration hochgehalten haben, machen sich selbst etwas vor. Alles, was sie tun, ist ihre Herrschenden zu bitten, nettere Herrschende zu sein. Die Machthabenden geben ihre Macht nicht auf, weil du ein Schild gemacht hast. Du bist nicht besser als „versiffte Lifestylist:innen“, weil du auf deiner Gewerkschaftsversammlung einmal Kropotkin zitiert hast.

Sowohl Proteste und Gewerkschaften als auch „Lebensstilentscheidungen“ sind lĂ€ngst vom System kooptiert worden und werden den Todesgriff, den es auf dem Planeten hat, nicht lockern. Das System ist ziemlich geschickt darin geworden, alle Versuche der Revolution zu schlucken und sie in Bizarro-Revolutionen zu verwandeln, die beschönigt und monetarisiert werden können, um das Wachstum des Systems zu fördern. Ich muss Anarchist:innen nicht daran erinnern, dass der Kommunismus jedes Mal, wenn er versucht wurde, sofort wieder in einen industriellen Kapitalismus verwandelt wurde. Die „Kommunistische Partei Chinas“ ist heute pro Kopf vielleicht der mĂ€chtigste Verfechter des Kapitalismus auf der Welt.

Gezielte Ablenkungen umarmen & ideologisches Greenwashing erkennen

Kollektivist:innen werden sich oft einmischen, wenn andere ĂŒber Methoden der Schadensbegrenzung sprechen und darauf bestehen, dass wir aufhören, ĂŒber „sinnlose Ablenkungen“ zu reden und uns stattdessen darauf konzentrieren, ihre vielgepriesene globale Arbeitergesellschaft zu erreichen, von der sie versprechen, dass sie kommen wird, wenn wir uns nur an den HĂ€nden halten und auf der Straße marschieren, bis jede:r sieht, wie großartig wir sind. Dann werden sich die Massen uns anschließen, um die Kapitalist:innen zu stĂŒrzen und ein kommunistisches Utopia zu errichten, wartet nur ab!

Viele Rote werden sogar behaupten, dass alle Diskussionen ĂŒber Ethik und soziale Gerechtigkeit elitĂ€res und klassistisches „liberales Getue“ sind, um die Arbeiterklasse zu spalten. Die schlimmsten von ihnen werden darauf bestehen, dass die Klasse das einzige Thema ist, mit dem wir uns beschĂ€ftigen sollten. Zur Hölle mit Feminismus, Postkolonialismus, der Umwelt und allen anderen „Ablenkungen“, die weiße mĂ€nnliche Arbeiter nicht interessieren. Workerismus und Klassenreduktionismus sind gute Bettgenossen.

Veganer:in, MĂŒllfischer:in, Sammler:in, Hausbesetzer:in oder selbstversorgende Höhlenbewohner:in zu sein, muss nichts damit zu tun haben, andere Menschen zu beschĂ€men. Es ist einfach die Art und Weise, wie jemand ihr Leben aus einer Vielzahl von GrĂŒnden lebt; viele davon aus ethischen GrĂŒnden, aber auch, um das GlĂŒck zu verfolgen, das jeder Mensch sich wĂŒnscht.

Die Entscheidung einzelner Anarchist:innen, ethischer zu leben, ist kein narzisstisches Kreiswichsen, wie Kollektivist:innen es gerne darstellen. Alle Anarchist:innen haben unterschiedliche Motivationen und unterschiedliche Ethiken. Wir alle leben in dieser Welt, in dieser Zeit und wir können nicht einfach so tun, als gĂ€be es eine große, globale, homogene Revolution gleich um die Ecke, die die Menschheit vor der schnell herannahenden industriellen Apokalypse retten wird, wenn wir nur laut genug skandieren und mehr luxuriöser Weltraumkommunismus-Memes auf unsere Facebook-Profile posten.

Es ist besonders verwirrend, den Roten dabei zuzusehen, wie sie die Anti-Zivilist:innen verachten, da keiner dieser angeblichen „kommunistischen RevolutionĂ€r:innen“ eine wirkliche Neigung gezeigt hat, das industrielle Desaster, das auf unserem Planeten angerichtet wurde, jenseits von absurden Versprechungen von „Weltraumkolonisation“, „Star Trek Replikatoren“ und „Asteroidenabbau“ anzugehen.

Selbst die wenigen Roten, die sich die MĂŒhe machen, die Ökologie in ihren Theorien zu berĂŒcksichtigen, glorifizieren weiterhin Zivilisation, Industrie und Demokratie als Befreier. Sogenannte „sozialökologischen“ Bookchinist:innen versprechen, dass der Planet gerettet werden kann, wenn wir einfach „mehr Demokratie machen!“ Dann können wir alle mit unserem Stimmrecht am industriellen System teilhaben (davon profitieren) und uns fĂŒr „ökologische Technologien“ wie Solar- und Windenergie entscheiden, um die Maschinen anzutreiben.

Vergiss die chinesischen VersorgungsbĂ€uer:innen, die jeden Tag krebserregenden IndustriemĂŒll aus den Solarpanel-Fabriken auf ihr Land gekippt bekommen; die denken einfach nicht ökologisch genug. Und die Ghanaer:innen, die sich darĂŒber aufregen, dass sich in ihren Hinterhöfen Berge von abgenutzten Solarmodulen zusammen mit dem Rest der veralteten Technik des Westens auftĂŒrmen, behindern nur den ökologischen Fortschritt mit ihrer spalterischen ErbsenzĂ€hlerei! Es ist fast so, als ob sie nicht wollen, dass die EuropĂ€er:innen zwei Elektrofahrzeuge in jeder Garage haben? So lĂ€cherlich!

Wenn du einer Mehrheitsgruppe legitimierte Macht ĂŒber Minderheiten gibst, benutzen sie diese immer, um sie zu unterdrĂŒcken. Alle Macht korrumpiert. Kollektivismus zĂŒchtet Hierarchie, weil die Interessen der dominanten Gruppe, z.B. der Fabrikarbeiter:innen, nicht die gleichen sind wie die Interessen der Minderheiten, z.B. der indigenen Hirt:innen, der Queers oder der Sexarbeiter:innen.

Wenn du glaubst, dass dein durchschnittlicher weißer „Fleisch-und-Kartoffeln“-Arbeiter plötzlich aufgeklĂ€rt und mitfĂŒhlend gegenĂŒber der Notlage von Minderheiten wird, wenn du ihm die Macht der direkten Demokratie gibst, wie es sich Sozialökolog:innen und andere rote Anarchist:innen vorstellen, dann hast du der Welt um dich herum nicht genĂŒgend Aufmerksamkeit geschenkt. Immer wieder haben WĂ€hler:innen ihre Stimme erfolgreich dazu genutzt, Migrant:innen, Sexarbeiter:innen, Trans- und Homosexuellen und jeder Person, die sie als von ihren normativen Standards abweichend ansehen, Rechte zu verweigern.

Den Zwang hinter dem „kollektiven Wohl“ verstehen

Die Roten erwarten von dir, dass du die BedĂŒrfnisse des allmĂ€chtigen Kollektivs ĂŒber deine eigenen BedĂŒrfnisse stellst, aber das kollektive Wohl bedeutet wenig, wenn deine individuellen BedĂŒrfnisse vom Kollektiv ignoriert werden.

Allzu oft verlangen die Roten im Westen, dass du dem „kollektiven Wohl“ gehorchst, und betreiben damit nur eine rotgewaschene weiße Vorherrschaft, in der das „Kollektiv“ lediglich „weiße mĂ€nnliche Arbeiter“ bedeutet und das „Wohl“ nur „unser Nutzen“. Den Willen der dominanten Bevölkerung in der Gesellschaft ĂŒber deine eigenen BedĂŒrfnisse und WĂŒnsche zu stellen, ist ein unglaubliches Vorhaben. Der Nutzen des weißen arbeitenden Mannes sollten fĂŒr z.B. eine Braune arbeitslose Frau keine Rolle spielen.

Kollektivismus ist ein ziemlich lĂ€cherliches Konzept, wenn man wirklich darĂŒber nachdenkt. Wir können nicht sieben Milliarden Menschen, die völlig unterschiedliche Vorstellungen vom Leben haben, als eine Einheit darstellen, denn sie sind nicht eine Einheit. Sie als eine Gruppe zu kollektivieren, „die Arbeiterklasse“, macht in unseren Köpfen keinen logischen Sinn und heizt nur die industrielle Ödnis an, die den gesamten Globus dezimiert. Warum sollten alle Menschen als Arbeiter:innen angesehen werden, warum sollte jede Person von uns an ihrer FĂ€higkeit gemessen werden, industrielle GĂŒter zu produzieren?

Menschen von verschiedenen Orten haben unterschiedliche BedĂŒrfnisse. Der Marxismus geht damit um, indem er die Menschen in Klassen einteilt und uns sagt, dass wir uns nur um die Arbeiterklassen kĂŒmmern sollen. Zur Hölle mit den Bauernklassen und den JĂ€ger:innen und Sammler:innen und den Hirtennomad:innen und den „Landbesitzerklassen“.

Diese „Landbesitzerklasse“ schließt indigene Bevölkerungen ein, die von ihrem angestammten Land leben und niemanden ausbeuten, aber immer wieder haben Sozialist:innen sie fĂŒr den Genozid ins Visier genommen, weil sie nicht in ihren ideologischen Rahmen passen. Dann beschlagnahmen die imperialistischen Sozialist:innen ihr Land und kommerzialisieren es, damit sie davon profitieren können. Beispiele dafĂŒr sind der kasachische Hungersnot-Genozid – ein Genozid, der von der UdSSR verĂŒbt wurde, weil die nomadischen Kasachen sich der HĂ€rte der Zwangskollektivierung widersetzten, oder die anglo-sowjetische Invasion im Iran und die daraus resultierende Hungersnot, die instrumentiert wurde, damit die roten Russ:innen die Kontrolle ĂŒber die iranischen Ölfelder ĂŒbernehmen konnten, oder Chinas gegenwĂ€rtig andauernde Landbeschlagnahmungen in seinen Gebieten und die Zwangsinternierung und „Umerziehung“ von einer Million Uigur:innen.

Die Idee, dass die Arbeiterklasse alle anderen ĂŒbertrumpft, ist ein bewĂ€hrtes Rezept fĂŒr Kolonialismus und Genozid. Individuen, die den Konsum vermeiden und bewusst abseits des Systems leben, beuten niemanden aus, aber im Laufe der Geschichte haben Kollektivist:innen unsĂ€gliches Leid und Tod verursacht, indem sie versucht haben, indigene LĂ€nder nach ihrem Bild zu formen. Kollektivismus ist viel gefĂ€hrlicher als „Lifestylismus“ fĂŒr jede Person, die nicht in das ideologische Dogma der Kollektivist:innen passt.

Eine homogene Gruppe zu bilden, ein Arbeiterkollektiv, und ihnen zu sagen, dass sie die einzige Gruppe sind, auf die es ankommt, die Bewahrenden der heiligen Revolution, und dass sie jede Person beseitigen mĂŒssen, die ihre Revolution bedroht, weil sie nicht mit der roten Agenda ĂŒbereinstimmt, ist nichts, was jemals zu etwas Gutem gefĂŒhrt hat. Zwangskollektivierung gab uns den sowjetischen Kasachen-Genozid, den chinesischen Völkermord des „Großen Sprung nach vorn“, den sowjetischen Holodomor-Genozid, etc. Und sie gab uns letztendlich den kollektivistischen Kapitalismus, wie wir ihn jetzt in China sehen – die ökologisch zerstörerischste Form des Kapitalismus, die es gibt.

Der Kommunismus und andere rote Ideologien (einschließlich derer, die vorgeben, anarchistisch zu sein) schaffen eine ebenso große Kluft zwischen den Gruppen wie der Kapitalismus. Die Macht verlagert sich nur zu den Produzent:innen statt zu den Besitzenden. Und historisch gesehen ist er genauso brutal in seiner Behandlung der Fremdgruppen. Jeder, der nicht Teil des industriellen Systems sein will, wie die kasachischen nomadischen Hirt:innen, ist im Grunde genommen gefickt. Wer widerspricht, stirbt.

Die roten Ideologien sehen die ganze Welt durch eine westliche industrielle Arbeiterlinse. Aber die ganze Welt ist nicht so organisiert wie der industrielle Westen und es ist unfair, allen westliche Werte und Wirtschaftssysteme aufzuzwingen.

Indigene BĂ€uer:innen in postkolonialen LĂ€ndern werden als Parias behandelt, als „Kulaken“, und massakriert, weil sie das Land ihrer Vorfahren „besessen“ haben, von dem sie sich nach kapitalistischer Definition ernĂ€hren. Nur weil die Armen in den kapitalistischen Industrienationen das Land, das sie bearbeiten, nicht besitzen, heißt das nicht, dass die Armen in anderen Teilen der Welt, in denen es kein Lehnsherrensystem gibt, schlecht sind.

Ein Garten, den du und deine Familie / dein Stamm bewirtschaften und auf den ihr zum Überleben angewiesen seid, ist persönliches Eigentum, aber der Kommunismus hat es immer wie Privateigentum behandelt. Als ob der Anbau von eigenen Lebensmitteln reaktionĂ€r und eine Bedrohung fĂŒr die „revolutionĂ€re“ Regierung wĂ€re. Die UdSSR hat den Menschen sogar verboten, zu Hause GĂ€rten anzulegen, damit sie gezwungen sind, sich vom Kollektiv zu ernĂ€hren. Um sie an das Fließband zu binden.

Nomadische Hirt:innen und umherziehende JĂ€ger:innen und Sammler:innen werden ebenfalls kriminalisiert und ausgehungert, weil es im Kommunismus keinen Platz fĂŒr Menschen gibt, die sich nicht dem industriellen Arbeitssystem unterwerfen. Sie werden als „Individualist:innen“ abgestempelt und dafĂŒr bestraft, dass sie sich der Kollektivierung widersetzen.

Lehne den Kollektivismus ab, umarme die Anarchie

Kollektivismus, egal ob kommunistisch, faschistisch oder kapitalistisch, ist ideologisch nichts, was meinen Interessen als indigener Selbstversorgungsfarmer und Sammler in diesen abgelegenen Bergen dient. Welches industrielle Dogma auch immer mir befohlen wird, mein Leben zu leben, dient nur dazu, mein Herz mit Kummer zu fĂŒhlen. Ich werde die Idee einer kollektiven Gesellschaft bei jeder Gelegenheit lautstark ablehnen, unabhĂ€ngig von ihrem ideologischen BĂŒndnis. Alle Industrie tötet alles Leben.

Ich bin ein Anarchist. Schon der Gedanke an eine „Gesellschaft“, die meine Lebensweise regelt, lĂ€sst mich ein wenig kotzen. Ihre BedĂŒrfnisse sind nicht meine BedĂŒrfnisse, ich will nicht dorthin gehen, wo das Kollektiv mich hinfĂŒhren will. Mein Lebensstil und der meiner Vorfahren ist wahrscheinlich nicht mit deinem vergleichbar und wir sollten nicht zu einer Einheit verschmolzen werden, nur weil wir beide gezwungen sind, an den Maschinen zu arbeiten.

Der Aufbau lebendiger, atmender Alternativen zum industriellen System stellt zwanglose Beziehungen zwischen Menschen, Nicht-Menschen und unserer Umwelt her, besser als es Gewerkschaften und andere workeristische Bestrebungen je könnten. Workerismus verstrickt uns nur noch mehr in das System und macht uns von ihm abhĂ€ngig, und wenn wir dann wie durch ein Wunder eine Revolution schaffen
 reproduzieren wir einfach wieder das kapitalistische System, weil es alles ist, was wir kennen. Funktionierende Beispiele von Anarchie wie autarke LebensmittelwĂ€lder sind fĂŒr mich viel revolutionĂ€rer als eine Gewerkschaft oder ein Protestmarsch. Alle Anwendungen von Anarchie sind wichtig, aber ich schĂ€tze Anarchie, die ich sehen und anfassen kann.

Die einzige Revolution, die mich interessiert, ist eine, die AbhĂ€ngigkeiten von kĂŒnstlichen Strukturen beseitigt. Ich möchte vom System befreit werden, nicht zum System werden. Das Kollektiv ist nicht mein Herr. Das Kollektiv ist eigentlich nur ein weiterer Staat, egal wie schön man es verpackt.

Rote Anarchist:innen – Wenn ihr nicht die Verantwortung fĂŒr den Schaden ĂŒbernimmt, den ihr anrichtet, wird es niemand tun. Es wird keine entrĂŒckte Revolution kommen, die die SĂŒnden des Kapitalismus auslöscht und euch von jeglicher Schuld fĂŒr euren Anteil daran freispricht, weil „kein ethischer Konsum“. Es gibt nur dieses Leben, das du lebst und deine Entscheidungen sind absolut wichtig. Sie formen, wer du bist und den Einfluss, den du auf deine Umwelt und deine Kultur hast. Wenn du einfach weiter Schaden anrichtest und deine Handlungen auf den Kapitalismus schiebst, bist du nicht anders als jeder CEO, der GiftmĂŒll in einem Fluss in China ablĂ€dt. Schadensbegrenzung in deiner Gemeinschaft ist etwas, worauf du direkten Einfluss hast. Du kannst dich entscheiden, den MĂŒll nicht abzuladen. Oder du kannst ihn abladen und es vor dir selbst rechtfertigen, indem du sagst „es ist okay, weil der Kapitalismus es getan hat“.

Das ganze „kein ethischer Konsum“-Argument und Ă€hnliche herablassende Slogans, die von halbherzigen Sozialist:innen nachgeplappert werden, sind nur ein Weg, um ihre UntĂ€tigkeit im Angesicht verheerender UnterdrĂŒckung zu rechtfertigen.

Es wird immer unwahrscheinlicher, dass wir das globale Massensterben, das die Industrie auf dem Planeten angerichtet hat, aufhalten können, aber Anarchist:innen haben sich noch nie von unmöglichen Chancen aufhalten lassen. Wir kÀmpfen, weil wir existieren und wir existieren, um zu kÀmpfen. Wie auch immer die Chancen stehen.

Wir können uns entweder dafĂŒr entscheiden, Maßnahmen zu ergreifen, um dem gewalttĂ€tigen System zu widerstehen, beginnend auf individueller und lokaler Ebene, oder wir können leben und sterben, indem wir darauf warten, dass der Kapitalismus weltweit auf magische Weise verschwindet, wĂ€hrend wir voll und ganz an ihm teilhaben und damit sein Wachstum und seine Gewalt noch verstĂ€rken.

„Think Globally, Act Locally“ mag ein Klischee sein, aber es ist wirklich die einzige Macht, die wir haben. Wenn wir nicht in unserer eigenen Nachbarschaft auf jede erdenkliche Art und Weise aktiv werden, warum sollten wir dann ĂŒberhaupt so tun, als ob wir uns um Anarchie kĂŒmmern?

Alles, was wir tun, um dem Ökozid zu widerstehen, lohnt sich. Lass dir von niemandem etwas anderes erzĂ€hlen.




Quelle: Anarchistischebibliothek.org