MĂ€rz 3, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Ich möchte ĂŒber Genderfragen in „progressiven/radikalen/revolutionĂ€ren RĂ€umen“ sprechen, bevor der Pride Month endet, weil es so wichtig ist. Ich muss cis (het) MĂ€nner[1] in radikalen/progressiven RĂ€umen ansprechen – besonders die anarchistischen, marxistischen oder allgemein progressiven MĂ€nner, die ich sehe oder kenne.

Ich verstehe, dass cis(het)-MĂ€nner in radikalen RĂ€umen, wenn es um Gender-Themen geht, nicht ĂŒber Themen sprechen wollen, in denen sie keine Expertise oder Erfahrung haben. Es hat seinen Wert, nicht ĂŒber Frauen und LGBTQIA+ sprechen zu wollen. Aber euer Schweigen schadet auch uns. Euer Schweigen ist Gewalt gegen uns.

Ich spreche schon seit Jahren darĂŒber, dass mehr MĂ€nner ihre Stimme erheben mĂŒssen, wenn Frauen und LGBTQIA+ belĂ€stigt oder diskriminiert werden. Trotzdem gab es keinen einzigen Mann, der sich lautstark auf die Seite der Frauen und der LGBTQIA+ in meinen RĂ€umen gestellt hat. Kein „radikaler“ cis (het) Mann hat Misogynie oder Vergewaltigungskultur angeprangert und diese RealitĂ€ten damit verbunden, dass unsere radikalen RĂ€ume immer noch Arenen des Kampfes in Bezug auf Geschlecht sind. Kein „radikaler“ cis (het) Mann hat ĂŒber Transfeindlichkeit gesprochen, besonders wenn sie in den Nachrichten auftaucht. Kein „radikaler“ Cis-Het-Mann hat auch nur ein Wort zur UnterstĂŒtzung oder in Allyship von Frauen- und LGBTQIA+-Rechten gesagt, besonders wĂ€hrend der Pride. Nicht einmal ein einziges Wort in dem Meer von Protesten gegen PolizeibrutalitĂ€t – obwohl es so einfach ist, Pride und Anti-Polizei-Haltung miteinander zu verbinden, wegen dem verdammten Stonewall.

„Radikale“ cis (het) MĂ€nner haben sich nicht der Verantwortung gestellt, proaktivere VerbĂŒndete und UnterstĂŒtzende im Geschlechterkampf zu werden, noch haben sie irgendeine Art von Initiative ergriffen, um mehr zu lernen, sei es, indem sie diejenigen fragen, die diese RealitĂ€ten erleben oder indem sie selbst etwas lesen und die Suchmaschine bedienen.

Als queere Frau habe ich die Schnauze voll. „Radikale“ cis (het) MĂ€nner sind so verdammt privilegiert, dass sie in der Lage sind, zu schweigen und uns und unsere RealitĂ€ten zu ignorieren, weil sie es sich leisten können, sich als etwas anderes als ihr Geschlecht zu sehen. Sie können sich entscheiden, das Label „Aktivist“ oder „Organisator“ oder „Sozialist“ zu bevorzugen, bis hin zu den Namen der toten alten MĂ€nner, mit denen sie sich politisch identifizieren, aber sie werden sich selbst nie als „Mann“ sehen, weil sie ignorieren können, dass sie cis (het) MĂ€nner sind – weil ihr cis(het)-Menschsein fĂŒr sie nie ihre politischen Überzeugungen und Erfahrungen geprĂ€gt hat. Ihr Dasein als Cis(het)-MĂ€nner ist nicht Teil ihres Kampfes und kann daher nicht propagiert werden.

In der Zwischenzeit wird die RadikalitĂ€t und Politik von Frauen und LGBTQIA+ immer, immer, immer tief mit ihrer Weiblichkeit oder Queerness verwoben sein. Der Grund, warum wir radikal sind, ist, dass die Welt scheiße zu uns ist, weil wir Frauen und LGBTQIA+ sind und dazu noch arm, PoC, indigen oder behindert sind. Der Grund, warum wir uns in der Politik engagieren, ist, weil wir uns selbst daran beteiligen wollen, die UnterdrĂŒckung abzubauen, die in dem Moment entsteht, in dem wir als Frauen geboren werden oder uns als LGBTQIA+ identifizieren.

Der Grund, warum wir als Frauen und LGBTQIA+ in radikalen RĂ€umen radikal sind, ist, dass wir wissen und verstehen, dass wir die verschiedenen Teile von uns nicht voneinander trennen können – deshalb muss unsere Politik unser Frausein, unsere Queerness, unsere Armut, unsere Hautfarbe, unsere IndigenitĂ€t und unsere Behinderung zusammen nehmen – weil das alles verschiedene Linien sind, die sich ĂŒberschneiden und unser Leben unter einem System unterdrĂŒckt machen, das besagt, dass jedes dieser Merkmale allein bedeutet, dass du ein Untermensch bist, und dass jede Kombination dieser Merkmale bedeutet, dass du in der Kategorie Untermensch weiter nach unten kommst.

Wir werden bereits tĂ€glich direkt unterdrĂŒckt, egal ob wir uns in politischen RĂ€umen befinden oder nicht. Wir werden nicht nur diskriminiert, beschimpft oder zum Schweigen gebracht, sondern auch belĂ€stigt, missbraucht, vergewaltigt, angegriffen und sogar ermordet, weil wir Frauen und/oder LGBTQIA+ sind. Aber die Tatsache, dass wir uns mit diesem Scheiß auseinandersetzen mĂŒssen – mit „radikalen“ Cis(het)-MĂ€nnern, die entweder direkt MĂŒll uns gegenĂŒber sind oder denken, dass sie gut genug sind, weil sie keinen MĂŒll uns gegenĂŒber sind, wĂ€hrend sie absolut nichts tun, um beschissene Situationen zu korrigieren oder Strukturen abzubauen, die uns unterdrĂŒcken – ist in unseren eigenen politischen RĂ€umen anstrengend.

Das gilt besonders fĂŒr anarchistische und marxistische MĂ€nner, die, wie ich festgestellt habe, die schlimmsten WidersprĂŒche haben können, wenn es um ihren erklĂ€rten Radikalismus geht.

Anarchistische RĂ€ume hier sind mĂ€nnerdominiert. Es tut immer wieder weh zu sehen, wie sie sich fĂŒr „Befreiung und Gleichheit fĂŒr alle“ einsetzen und mit Marxist:innen kĂ€mpfen, wenn sie nicht einmal anarchistische MĂ€nner aussprechen können, die scheiße zu Frauen und LGBTQIA+ sind. Nicht ein einziger anarchistischer Mann in meinem Bekanntenkreis hat diesen Typen namens Sid ausgerufen, als er anfing, frauenfeindlichen und homofeindlichen MĂŒll ĂŒber mich zu verbreiten. Es war nur eine andere Frau, die mir Hilfe in Situationen mit ihm anbot.

TatsĂ€chlich weiß ich nicht einmal, ob es ĂŒberhaupt eine Haltung gegen Frauenfeindlichkeit, Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit in anarchistischen RĂ€umen gibt.

Es bringt mich dazu, mich zu fragen, fĂŒr welche Art von Befreiung anarchistische cis (het) MĂ€nner wirklich kĂ€mpfen, wenn sie nicht einmal einen Standpunkt gegen die UnterdrĂŒckung einnehmen können, die andere erfahren. Ehrlich gesagt, ist es keine Befreiung, die ich will. Ich wĂŒrde lieber sterben und die Befreiung selbst neu definieren, als mit einer so engen Definition zu arbeiten, die mich und andere Frauen und LGBTQIA+ nur als Fußnoten oder AnhĂ€ngsel zurĂŒcklĂ€sst, anstatt als grundlegende Aspekte des Kampfes.

In der Zwischenzeit gibt es zu viele FĂ€lle von BelĂ€stigung, Homofeindlichkeit und sogar Vergewaltigung, die ich entweder persönlich erlebt habe oder von Überlebenden und Freund:innen von Überlebenden aus marxistischen und anderen allgemein progressiven RĂ€umen gehört habe. Überlebende werden entweder geĂ€chtet oder mĂŒssen sich anpassen, indem sie sich bedeckt halten oder sich von ihren Gruppen, Gemeinschaften oder Organisationen distanzieren, weil die TĂ€ter, BelĂ€stiger oder Vergewaltiger „gute und effektive Redner/Community Organizer/etc.“ sind.

Kurz gefasst: „Radikale“ cis (het) MĂ€nner – ihr tut nicht genug, wenn ihr denn ĂŒberhaupt etwas tut. Um zu wiederholen, was mein:e beste:r Freund:in, selbst ein:e nicht-binĂ€re:r Anarchist:in, sagte: Selbst wenn du nicht das Problem bist, bedeutet das nicht, dass du Teil der Lösung bist.

Nicht transfeindlich oder frauenfeindlich oder ein BelĂ€stiger zu sein, lĂ€sst dich nicht vom Haken. Das sollte von vornherein die Norm sein. Wenn du wirklich radikal wĂ€rst, wĂŒrdest du aufstehen und dabei helfen, all dies nieder zu reißen. Das absolute Minimum ist, dass du deine Abneigung gegen oder deine Weigerung, andere zu unterstĂŒtzen, die frauenfeindlich, sexistisch, homo- oder transfeindlich sind, lautstark zum Ausdruck bringst und dich gegen sie stellst, bis sie aufhören, frauenfeindlich, sexistisch, homo- oder transfeindlich zu sein.

FĂŒr die anarchistischen cis (het) MĂ€nner da draußen: UnterstĂŒtzt nicht einfach Leute, nur weil sie verdammte Anarchist:innen sind. Habt ein paar Standards. Wenn diese Anarchist:innen Werte vertreten, die fĂŒr andere schĂ€dlich sind, dann sind sie SCHÄDLICH. Bewegungen, die ZugestĂ€ndnisse bei den Dingen machen, die wir zu bekĂ€mpfen versuchen, erliegen letztendlich und werden (mehr wie) das System, gegen das wir kĂ€mpfen. Wir können und sollten keine ZugestĂ€ndnisse machen, wenn Menschenleben und -wĂŒrde auf dem Spiel stehen, denn das eröffnet mehr Möglichkeiten fĂŒr verstĂ€rkte Repression und UnterdrĂŒckung.

Das ist ein Grund, warum es so wenige Frauen und LGBTQIA+-Anarchist:innen in euren RĂ€umen gibt und warum wir uns entscheiden, unsere eigenen RĂ€ume selbst zu schaffen – weil eure Werte scheiße sind und eure RĂ€ume und Reden nicht auf unsere BedĂŒrfnisse eingehen. Wenn wir mit euch ĂŒber unsere BedĂŒrfnisse sprechen, passiert praktisch NICHTS. Bei all dem Machismo, den ihr im Kampf mit Marxist:innen an den Tag legt, habt ihr NULL FĂ€higkeit, andere anarchistische MĂ€nner mit beschissenen Verhaltensweisen zu konfrontieren. Ich weiß, dass wir diese Dinge konstruktiver ansprechen mĂŒssen, aber der Vorbehalt dazu ist, dass du diese Dinge tatsĂ€chlich zuerst ansprechen musst. Du kannst nicht stĂ€ndig sagen, dass du diese Dinge den Frauen und den LGBTQIA+ ĂŒberlĂ€sst, denn:

Frauen und LGBTQIA+ können nicht weiterhin die einzigen sein, die darauf reagieren. Wir beschĂ€ftigen uns bereits mit der Beschissenheit des Systems in unserem eigenen und alltĂ€glichen Leben – zwingt uns nicht dazu, cis (het) MĂ€nner zu erziehen und uns um sie zu kĂŒmmern, besonders wenn MĂ€nner, die uns Schaden zufĂŒgen, kein Anrecht auf unsere emotionale Energie und unser Sicherheitsrisiko haben (Und ja! Ihr setzt uns buchstĂ€blich einem Risiko aus, indem ihr uns mit frauenfeindlichen, sexistischen, homo- oder transfeindlichen MĂ€nnern alleine umgehen lasst!);

Du musst dich einmischen und andere MÀnner wissen lassen, dass widerliches Verhalten und Ideen nicht toleriert werden, denn wenn du nichts sagst, können widerliche MÀnner weiterhin widerliches Verhalten zeigen; und

Es gibt kaum Frauen, geschweige denn LGBTQIA+, in euren RÀumen. Wie könnt ihr erwarten, dass Leute, die nicht da sind, ihre Meinung sagen? Und wie könnt ihr erwarten, dass eure RÀume radikal und revolutionÀr sind, wenn ihr nicht die notwendigen radikalen Werte fördert, die echte InklusivitÀt und PluralitÀt und Befreiung ermöglichen?

FĂŒr alle „radikalen“ cis (het) MĂ€nner jeglicher Couleur, Ideologie oder Lebensweise: Nur weil du dich selbst als radikal bezeichnest, heißt das nicht, dass du es auch bist, und nur weil du deinen Raum radikal nennst, heißt das nicht, dass er es auch ist. Es ist Teil eurer Verantwortung als Radikale, frauenfeindliches, sexistisches, homo- oder transfeindliches Verhalten anzuprangern, wenn ihr davon wisst. Wie kannst du wissen, dass Ungerechtigkeit existiert und nicht dagegen oder darĂŒber sprechen? Du musst die Ungerechtigkeiten des Systems ansprechen, wĂ€hrend du dich um deinen eigenen Hinterhof kĂŒmmerst – sonst bist du nichts weiter als ein Heuchler, der seinen Radikalismus benutzt, um sein Ego zu fĂŒttern.

„Radikale“ cis (het) MĂ€nner – ihr mĂŒsst verdammt nochmal einen Schritt nach vorne machen. Euer Schweigen schadet uns buchstĂ€blich. Wenn ihr wirklich fĂŒr die Befreiung seid, mĂŒsst ihr auch aktiv fĂŒr unsere Befreiung als Frauen und LGBTQIA+ sein, denn Befreiung ist kein Monolith, von dem man annimmt, dass es fĂŒr alle das Gleiche ist; es ist nuanciert und auf die unterschiedlichen BedĂŒrfnisse und WĂŒnsche der verschiedenen Menschen abgestimmt.

Wir sind nur dann wirklich befreit, wenn wir alle – die Armen, die People of Color, die Indigenen, die Behinderten, die LGBTQIA+, die Frauen – wenn jede:r einzelne von uns von den unterdrĂŒckenden RealitĂ€ten, die wir erleben, befreit ist. Ihr, „radikale“ Cis(het)-MĂ€nner, seid nur so frei wie wir es sind. Oder, wie Fannie Lou Hamer es prĂ€gnanter ausgedrĂŒckt hat: Niemand ist frei, bis alle frei sind.

Und das ist eine Bedrohung fĂŒr „radikale“ cis(het)-MĂ€nner und ihre RĂ€ume: Wir können RĂ€ume der wahren Befreiung ohne euch schaffen, aber ihr könnt keine RĂ€ume der wahren Befreiung ohne uns schaffen. Der Grund, warum wir von euch verlangen, aufzustehen und als cis (het) MĂ€nner Verantwortung zu ĂŒbernehmen, ist, dass wir die dominanten Positionen kennen, die ihr in radikalen RĂ€umen habt, die wir besser machen wollen. Aber wenn sich die Dinge nicht Ă€ndern – wenn ihr weiterhin geschlechtsspezifische Gewalt ausĂŒbt oder im Angesicht unserer UnterdrĂŒckung schweigt – können und werden wir weiterhin RĂ€ume und ganze Welten ohne euch schaffen, und ihr werdet mit euren patriarchalen Vorstellungen von Freiheit zurĂŒckbleiben, ohne jemals zu wissen, was Befreiung sein könnte.

[1] FĂŒr diejenigen, die es vielleicht nicht wissen: cis ist die AbkĂŒrzung fĂŒr „cisgendered“, was bedeutet, dass dein Geschlecht deinem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht entspricht, wĂ€hrend het die AbkĂŒrzung fĂŒr „heterosexuell“ ist. Ich setze het in Klammern, weil die Verhaltensweisen, die ich anspreche, nicht nur bei cisgendered heterosexuellen MĂ€nnern vorkommen, sondern manchmal auch bei cisgendered homosexuellen oder bisexuellen MĂ€nnern; allerdings sind die Verhaltensweisen oft bei cis het MĂ€nnern zu beobachten. Diese Spezifizierung ist wichtig, weil cis MĂ€nner in einer Gesellschaft aufgewachsen sind, die ihre Erfahrungen und RealitĂ€ten privilegiert und alle anderen Erfahrungen und RealitĂ€ten als falsch, abweichend oder untermenschlich behandelt.


Geschrieben von Adrienne Onday und im Englischen veröffentlicht auf friendship anarchy.

anarchist*feminist*queer*vegan*somewhat anti-civ

~ Burn this world to build a new. ~

Übersetze und schreibe zu Black Anarchism & Empowerment, Feminismus, Zivilisations und Technologiekritik, indigene Kulturen

Elany
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Quelle: Schwarzerpfeil.de