Februar 26, 2021
Von Indymedia
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Zu den jĂŒngsten Ausschreitungen im spanischen Staat,
AufstÀnde mit Unterbrechungen?

„Denn manche Male, um nicht zu sagen viele Male, ist es geschehen, dass objektiv aufstĂ€ndische Situationen uns de facto prĂ€sent sahen, aber als Fremdkörper. Fasziniert vom Ă€usseren Aspekt der laufenden aufstĂ€ndischen Bewegung, beteiligen wir uns manchmal, weil wir spontan Rebellen sind. Nun, uns auf diese Weise an Situationen zu beteiligen, die uns objektiv als Aussenstehende sehen, weil nicht Teilhabende an den Spannungen, nicht Interne dieser Situation von Entwicklung der aufstĂ€ndischen Spannungen, bedeutet im Grunde, bloss Fremdkörper, und auch sehr suspekte Körper zu sein.“ Alfredo M. Bonanno, Insurrektionalistische AntiautoritĂ€re Internationale

Am 15. Februar 2021 wurde in der UniversitĂ€t von Lleida (Katalonien) der Rapper Pau Rivadulla DurĂł (Alias Pablo HasĂ©l), festgenommen. Seit seiner Inhaftierung finden in diversen StĂ€dten des spanischen Staates Ausschreitungen statt (letzter Stand war bis jetzt die Nacht des 24.02.2021), dies ist aus vielen GrĂŒnden ein außerordentliches PhĂ€nomen, aber wie jede ErzĂ€hlung hat auch diese einen Anfang. Diese Ausschreitungen werden mit der Inhaftierung von Pablo in Verbindung gebracht, dennoch sind wir der Meinung, dass es um wesentlich mehr geht.

Pablo HasĂ©l genießt als politischer Rapper im spanischen Staat einen gewissen Ruf. Den hat er auch den Medien zu verdanken, die ihm schon einige NachrichtenbeitrĂ€ge gewidmet haben, – sei es aufgrund seiner Lieder oder seinem unfreiwilligen Erscheinen vor den Gerichten – vor allem Medien, die sich politisch als sehr konservativ, rechts und zu den alten Zeiten nostalgisch hingezogen fĂŒhlen, aber auch progressiven Medien, die ihn gerne eingeladen haben, als er eine gewisse Bekanntheit erlangt hatte. Er hat die sozialen Medien unserer Zeit sehr zu seinen Gunsten zu verwenden gewusst, es gibt viele Videos von ihm alleine oder mit anderen Rappern, die man sich auf YouTube anschauen kann.

Einer der GrĂŒnde fĂŒr seine Bekanntheit und auch fĂŒr die Repression ist, dass Pablo sehr offen und deutlich in seinen Texten ĂŒber seine Sympathie mit der marxistisch-leninistischen Stadtguerilla GRAPO (Grupos de Resistencia Antifascista Primero de Octubre) singt, welche der bewaffnete Arm der verbotenen PCE(r) ist. Offiziell löste sich diese Partei 2003 auf, GRAPO existiert vor allem als Gefangenenkollektiv weiter. Beide haben im spanischen Staat den Status von terroristischen Organisationen, so wie auch das Gefangenenkollektiv die Socorro Rojo Internacional (Internationale Rote Hilfe).

Aber seine Sympathie gilt nicht nur den GRAPO, sondern er begrĂŒĂŸt in seinen Texten ebenfalls – auch wenn nicht explizit, sofern uns bekannt, wir sind keine Experten seiner Musik – bewaffnete Aktionen gegen Politiker der rechtskonservativen PP in den baskischen LĂ€ndern, die, wie damals ĂŒblich, von der bewaffneten Gruppe ETA(m) durchgefĂŒhrt wurden. Seine GroßzĂŒgigkeit bei dem Wunsch des frĂŒhzeitigen Ablegens jeglicher LebensaktivitĂ€t (im Allgemeinen auch bekannt als in das Gras beißen) durch den Einsatz von 9 Millimetern haben schon einige bekommen, hauptsĂ€chlich alles Personen, die nach der Sicht von Pablo Feinde der Revolution sind. Er liegt bei seiner Auswahl meistens nicht falsch, aber auch nicht immer richtig.

FĂŒr diese Sympathie und wegen Beleidigungen und Verleumdung gegen die spanische Krone sowie gegen die spanischen Behörden/Institutionen, als auch fĂŒr die Verteidigung einer bewaffneten Gruppe – GRAPO-PCE(r)- wurde Pablo 2017 vor Gericht gezogen. Es handelt sich in seinem Fall aber vor allem um Veröffentlichungen auf Twitter.

In erster Instanz vor der Audiencia Nacional – also jenem Gericht was fĂŒr TerrorismusbekĂ€mpfung verantwortlich ist – wurde Pablo zu 2 Jahren und einem Tag Haft sowie einer Geldstrafe von 24.300€ verurteilt. Nach einem Revisionsverfahren im Jahr 2020 wurde die Strafe auf neun Monaten reduziert. Am 28. Januar 2021 benachrichtigten die Justizbehörden Pablo, dass er noch zehn Tage Zeit haben wĂŒrde, um freiwillig seine Haft anzutreten, was er nicht tat, stattdessen sich wie oben schon erwĂ€hnt in der UniversitĂ€t, in Begleitung von unterstĂŒtzenden Personen, einer Mini-Horde von Journalisten, den ĂŒblichen Voyeurs und von der katalanischen Polizei festnehmen ließ.

Seit seiner Inhaftierung wurde er auch zu zusĂ€tzlichen 2,5 Jahren Haft verurteilt, weil er einem Zeugen mit dem Tod gedroht haben soll, also er drohte ihn zu töten. Einige Medien in Deutschland waren in ihrer Eloquenz so raffiniert, dass sie Pablo mit Bushido verglichen, weil letzter auch beschuldigt wird, einen Zeugen bedroht zu haben. Klar, die Ähnlichkeiten sind verblĂŒffend, vor allem wenn man die Texte, die politische Aussagen, das Luxusleben beider (Gucci versus Decathlon), die komplett ĂŒberteuerten Videos und vieles andere vergleicht.

Nun wir wollen uns auf verschiedene Aspekte der Ausschreitungen, die seit seiner Inhaftierung stattfinden, konzentrieren und einige Beobachtungen dazu Ă€ußern. Denn wir denken, dass sich einiges um die Person von Pablo dreht, wie auch um seinen Fall, aber dies sind nicht die einzigen GrĂŒnde, nicht mal die wichtigsten, denn es scheint bei vielen der Protagonisten der Revolte um wesentlich mehr zu gehen, als um den Fall von Pablo. Es handelt sich daher um eine allgemeine Situation im spanischen Staat, welche seit seinem Fortbestehen andauert.

„Gewalt ist etwas,das niemand gerne tut oder sieht, aber lassen wir uns nicht fĂŒr dumm verkaufen. Wenn man durch das Sprechen nichts erreicht, mussman einen Weg finden, um eine VerĂ€nderung zu erzwingen. Und vielleicht ist der Weg gerade so“, Maria, eine 17-jĂ€hrige SchĂŒlerin aus Poblenou.

Was ist bis jetzt passiert?

„Wenn sich dieBevölkerung spontan auflehnt, weil sie die Grenze der UnertrĂ€glichkeit der Ausbeutungssituation erreicht hat, ereignen sich sichtbare Tatsachen: Konfrontationen auf den Straßen, Angriffe gegen die Polizei, Zerstörung von Symbolen des Kapitals (Banken, Juweliere, LĂ€den, usw.). Aber in der Regel treffen diese spontanen AusdrĂŒcke von populĂ€rer Gewalt die Anarchisten unvorbereitet, welche von der Tatsache ĂŒberrascht bleiben, dass sich die Apathie von gestern plötzlich in die Wut von heute verwandelt.“ Alfredo M. Bonanno, Anarchismus und Aufstand

Wie schon gesagt, fanden quer durch den spanischen Staat viele Kundgebungen und Demonstrationen statt. In der Regel unter dem Motto „Freiheit fĂŒr Pablo“, aber letztens auch SprĂŒche wie „Ihr habt uns gelehrt, dass friedlich zu sein, nutzlos ist“. Der Fall von Pablo, das muss hier auch gesagt werden, ist kein Einzelfall, wir gehen darauf etwas spĂ€ter ein, und was viele Menschen auf die Straße bewegt, ist auch nicht unbedingt eine Sympathie fĂŒr diesen stalinistischen Rapper (ach? Das wusstest du nicht? Hier in der BRD wĂŒrden die meisten Zecken fĂŒr ihn nicht auf die Straße gehen!), sondern eher das, was sich um seinen Fall synthetisiert, nĂ€mlich alle sozialen Probleme und die darauffolgenden Konflikte sowie die Infragestellung, dass es im spanischen Staat so was wie freie MeinungsĂ€ußerung ĂŒberhaupt geben wĂŒrde.

Also zurĂŒck zum roten Faden, es gab viele AusdrĂŒcke der EntrĂŒstung auf den Straßen, sie waren nicht alle gewaltsam und die Gewalt ging auch nicht immer von den Bullen aus, auch wenn diese logischerweise immer auf diese reagierten.

Es gibt eine Dynamik, die sich mehr oder minder im Allgemeinen wiederholt und an frĂŒhere Ereignisse im spanischen Staat erinnert, auch wenn diese KontinuitĂ€t nur eine Hypothese ist, die wir deswegen auch als eine mit Unterbrechungen bezeichnen. Die Dynamik, die wir meinen, ist, dass ab dem Moment wo die Ausschreitungen beginnen, auch wenn es absurd wĂ€re zu behaupten, dass alle Menschen nur deswegen auf die Straße gehen, eine ist, die weit ĂŒber die Forderung der Freilassung von Pablo und der Verteidigung der freien MeinungsĂ€ußerung oder die Kritik, diese wĂŒrde eingeschrĂ€nkt werden, geht.

„Wir befinden uns vor einem PhĂ€nomen, welches unsere traditionellen Analyseschemata ĂŒberflĂŒssig macht, (
) wir befinden vor einer neuen und komplexen Situation (
), da die, die aufgerufen haben, eine Sache sind und die, die wir am Ende angetroffen haben, sind was ganz anderes oder viel schwieriger zu analysieren.“ Pere Ferrer, Generaldirektor der Mossos dÂŽEsquadra (katalanische Bullen), in einem Radiointerview zu der Revolte

Wir sprechen von der Dynamik die offenkundig zu beobachten war, sei es in der Vertretung politischer Symbolen, vor allem in den grĂ¶ĂŸeren Metropolen, wo sich keine Avantgarde – ob nationale BefreiungskĂ€mpfe oder sonstige – sich die Gelegenheit entgehen lĂ€sst auf dem Foto zu erscheinen, die aber eben sehr sehr lasch vertreten waren oder gĂ€nzlich durch ihre Abwesenheit glĂ€nzten und auffielen.

Wir sprechen von der Dynamik, wie instinktiv Symbole des Kapitals angegriffen wurden, genauso wie in vielen Momenten, die Möglichkeit ergriffen worden ist, Konfrontationen mit den Bullen zu suchen. Genauso wie das Bauen von Barrikaden um sich vor diesen zu schĂŒtzen und/oder damit dem Konflikt ein Zeichen des Anfangs zu geben.

All dies sind gewiss keine Ereignisse oder Dynamiken, wie wir sie hier beschreiben, die noch nie stattgefunden hÀtten. Ganz im Gegenteil, sie finden im spanischen Staat ununterbrochen statt, vor allem wenn eine historische KontinuitÀt gesehen wird, nÀmlich das Kontinuum des sozialen Krieges.

Deswegen denken wir, wenn wir es auch ehrlich nicht genau wissen, dass wieder ein Ereignis stattfindet, welches den Rahmen, innerhalb dessen es stattfindet, vor langer Zeit gesprengt hat und nicht nur in der Praxis sehr starke aufstĂ€ndische Elemente trĂ€gt, denn dies ist ja mehr als offensichtlich, sondern auch in der kollektiven MentalitĂ€t, wo es doch klar ist, dass die ganzen Leute auf der Straße keine Karteileichen irgendeiner Partei oder Gruppe sein können. Wir reden vom Moment, wo Ereignisse den Apparatschiks aus den HĂ€nden entgleiten und diese einen spontanen und aufstĂ€ndischen Charakter einnehmen. Jegliche Form von Politik zu machen wird zerfetzt, weil aus dem was passiert kein politischer Mehrwert mehr akkumuliert werden kann.

Ein Gespenst geht nach wie vor in Spanien um und das ist das Gespenst in irgendeiner Form mit ETA in Verbindung gebracht zu werden. Auch wenn ETA offiziell nicht mehr existiert, wird jegliche Art von Konflikten auf der Straße gerne symptomatisch mit ETA, oder, damals, mit Jarrai und Ă€hnlichen Gruppen und Organisationen in Verbindung gebracht. Denn mit dieser Verbindung lĂ€sst sich im spanischen Staat keine Politik machen und das wissen alle politischen Gruppierungen im spanischen Staat, die realpolitische Intentionen haben.

Die Gewalt auf den Straßen lĂ€sst sich nicht leicht rekuperieren, es sei denn man kann den Bullen alles in die Schuhe schieben, dafĂŒr braucht man aber eine Orgie von SchlĂ€gen seitens der Bullen, die hilflosen StaatsbĂŒrgern die Fresse polieren und diese daraufhin nur die andere Wange hinhalten.

Da Gewalt sich nicht leicht rekuperieren lĂ€sst, muss sie sofort außerhalb jeglicher demokratischer Vernunft und jeglichen demokratischen Konsens festgesetzt werden und als ein Akt des Terrorimus gebrandmarkt werden. Daher ist es symptomatisch dass im spanischen Staat alles mit ETA in Verbindung gebracht wird, auch wenn diese Vergleiche keineswegs irgendetwas mit dem Anstreben der Bildung eines sozialistischen baskischen Staates zu tun hat. Einige Beispiele: Hausbesetzungen, Wilde Streiks, Krawalle, KĂ€mpfe gegen AKWÂŽs, usw. dies alles steht immer in irgendeiner Form in Verbindung, so der Diskurs der Herrschenden, zu ETA oder der baskischen Befreiungsbewegung.

Wozu denn dieser stÀndige und hysterische Vergleich? Um Repression zu legitimieren.

Das politische Kapital der gegenwĂ€rtigen Geschehnissen lĂ€sst sich weder akkumulieren, noch erwirtschaften sie in irgendeiner Form Mehrwert. Nicht mal bei so einer reformistischen Parole wie die der Forderung von irgendetwas an den Staat. Sei dies die freie MeinungsĂ€ußerung oder das Recht zu haben, auf der Straße zu kacken.

Deswegen stellen wir uns ein weiteres Mal die Frage, was passiert gerade im spanischen Staat wirklich? Diese Frage soll zu keiner karikaturistischen und vulgĂ€ren Form der Geschichtsschreibung mutieren um Geschichte zu werden, sondern ganz im Gegenteil ein Ausdruck sein, jede Form antagonistischer Artikulation auf der Straße verstehen zu wollen.

Meine Rechte, die Menschenrechte, das Recht auf freie MeinungsĂ€ußerung

Eine zentrale Forderung vieler Teilnehmer ist das Recht auf freie MeinungsĂ€ußerung. Die Forderung und die Verteidigung von Rechten (Menschenrechte, usw.) sind keine inklusive sondern immer eine exklusive Sache und Frage. Wir verwenden diese Begriffe (inklusiv und exklusiv), weil sie ja auch unglaublich modern sind und das verleiht uns einen gewissen Hauch von Charme oder wir wollen uns wieder mal nur tarnen, damit es nicht offenkundig ist, dass wir enorme Penner sind.

UngefĂ€hr auf derselben Art und Weise funktioniert die Gleichung der Rechte. Denn sogar damals als diese Idee verkĂŒndet wurde, war klar, dass unter dem Begriff des Menschen nicht alle Menschen inbegriffen waren, und dass auch nicht alle Menschen StaatsbĂŒrger sein durften und konnten. Der Kampf fĂŒr die Menschenrechte wird als eine universelle Angelegenheit verkauft, aber in Wirklichkeit ist sie nur eine ganz individuelle, so wie das Privateigentum entspringt sie der herrschenden RealitĂ€t und nicht irgendeinem Altruismus oder NĂ€chstenliebe.

Jede Logik von Recht ist der Herrschaft des Staates immanent und daher unzertrennlich mit ihr verbunden, ungefĂ€hr so wie die historische Notwendigkeit, die uns Anarchisten und Anarchistinnen dazu zwingt diese zu zerstören. Daher ist nicht nur die Voraussetzung jeglicher Form und Art von Rechten der Staat, sondern er ist auch ihr einziger Garant und als diesem liegt es an ihm und nur an ihm diese zu verwalten, aber genauso sie aufzuheben. All dies hat sehr viel, oder ausschließlich, mit der Tatsache zu tun, dass wir angesichts des modernen Staates, also des kapitalistischen Staates, alle gleich sein mĂŒssen, damit wir alle auch ausgebeutet werden dĂŒrfen. Und im Gegensatz zur Sklaverei, haben wir das Recht nicht arbeiten gehen zu mĂŒssen, wir können elendig auf der Straße verrecken. Dies ist unsere einzige reale Freiheit, dies ist die Freiheit im Kapitalismus.

Und jetzt zum Fall von Pablo, wo vielleicht einige der Revoltierenden keine Sympathie fĂŒr seine stalinistische Weltanschauung hegen, aber die de facto vom Staat garantierte freie MeinungsĂ€ußerung verletzt sehen, aber nicht verstanden haben oder nicht verstehen wollen, wie der Hase eigentlich lĂ€uft. Darin sehen wir einen enormen Widerspruch. Ich kann dem Staat nicht darum bitten meine Rechte zu schĂŒtzen, wĂ€hrend dieser sie immer aufheben kann, wie es auch jetzt gegenwĂ€rtig der Fall mit Corona ist.

Im Falle des spanischen Staates ist dies noch offenkundiger als im Falle der BRD, weil der jetzige moderne spanische Staat gĂ€nzlich von Faschisten mitgestaltet wurde. Die UrvĂ€ter und UrmĂŒtter des spanischen Staates sind allesamt nicht zu Demokraten mutierte Faschisten gewesen und dies ist kein Staatsgeheimnis, denn es war der Faschismus im spanischen Staat, der den Übergang zur Demokratie beschloss und dafĂŒr garantierte er sich auf vielen Ebenen und gab sich ganz offiziell VollmĂ€chte, die auch die BRD gerne haben wĂŒrde. Was nicht nur bezĂŒglich der Repression gesehen werden kann, sondern auch in der Verwaltung der Krise mit dem Coronavirus. Die Erben von Franco schlossen vieles in seinem Sinne ab.

Wie wir weiter oben schon bemerkten, ist der Fall von Pablo kein Einzelfall. Seit der EinfĂŒhrung der Demokratie im spanischen Staat, gab es hundert Ă€hnliche FĂ€lle, die sich vor allem, aber nicht nur, gegen sogenannte KĂŒnstler richteten. Denn alle anderen, die sich gegen den Staat verbal sowie auch in der Tat richteten, wurden im Allgemeinen als Terroristen behandelt und die allgemeine Empörung hielt sich in Grenzen. Es sollte nicht vergessen werden, dass die freie MeinungsĂ€ußerung, sollte sie funktionieren wie einige GlĂ€ubige sich dies wĂŒnschen, es einem erlaubt alles zu sagen, was man denkt, aber auch nicht mehr. Jeder Gedanke ist nur ein Furz, wenn dieser von keiner Tat begleitet wird. Dies wird bekanntlich als das dialektische VerhĂ€ltnis zwischen Theorie und Praxis bezeichnet. Die freie MeinungsĂ€ußerung verkrĂŒppelt dies, indem alles nur bei der Theorie bleibt.

Auch berĂŒhmte und renommierte Profis des Spektakels und der hirnamputierten Unterhaltung wie Pedro Almodovar und Javier BardĂ©m stellen die freie MeinungsĂ€ußerung im spanischen Staat in Frage und stellen diesen auf eine Ebene mit dem Königreich Marokko und der TĂŒrkei. Solche Vergleiche sind so irrsinnig wie unnĂŒtz, wenn es darum geht, Herrschaft zu beschreiben und ihre Intervention im Alltag zu verstehen. Aber irgendetwas muss es ja bedeuten, wenn zwei solche Schwergewichte des Spektakels sich dazu Ă€ußern.

Genauso wie der Aufruhr, dass am selben Tag der Verhaftung von Pablo in Madrid eine Kundgebung gehalten wurde, bei der die DivisiĂłn Azul geehrt wurde und faschistische Symbole und AusdrĂŒcke verwendet wurden.

Jedem Menschen, der im spanischen Staat lebt oder diesen besser kennt, sollte es schon aufgefallen sein, dass jedes Jahr in Madrid auf der Plaza de Oriente sich Nostalgiker, BefĂŒrworter und AnhĂ€nger des Faschismus am 20. November treffen, um Francos Tod zu gedenken. Dies passiert seit 1975. Dort wird nicht nur der römische Gruß gemacht, sondern es wird auch die Hymne der faschistischen Partei, La Falange, gesungen.

Dass es uns als lÀcherlich erscheint, dass im selben Zuge die eigenen Rechte gefordert werden, um die anderer zu nehmen, wird wohl eindeutig sein, vielleicht auch wenn es hier mal wieder darum geht, einen Appell an die Raison des Staates zu richten, den wir aber zerstören wollen. Bis der Staat zerstört worden ist, werden wir eher schlecht als recht seinen Launen und Entscheidungen ausgeliefert sein, diesen zu reformieren dient nur dem eigenen Wohlergehen und nicht dem historischen Kampf, den wir ausfechten.

Die Verwaltung des Gewaltmonopols und die Aufrechterhaltung des sozialen Friedens

Wir sehen ganz genau, wie sich der spanische vom deutschen Staat in der Frage der Aufrechterhaltung des sozialen Friedens unterscheidet. Die Demokratie ist eine Form – sogar die beste Form – der Aufrechterhaltung der kapitalistischen GeschĂ€fte, dafĂŒr hat die Bourgeoisie auf der ganzen Welt KĂ€mpfe gefĂŒhrt. Sei es gegen einheimische Adlige oder fremde Besatzer.

Der deutsche Staat kann den sozialen Frieden noch mit Bestechung garantieren, damit meinen wir jede Form sozialer Absicherung, egal ob diese Sozialhilfe, Hartz IV, universelle Rente, Grundeinkommen usw. heißt. Denn es macht immer noch einen Unterschied, ob man was zum fressen hat sowie ein Dach ĂŒber dem Kopf, oder ob man hungert und auf der Straße lebt.

Gerne wird dies, also die Bestechung des Staates, von der radikalen Linken des Kapitals als eine Art von „Luxus“ oder „Privileg“ bezeichnet. FĂŒr uns ist es weder ein Luxus noch ein Privileg, sondern eine gegenwĂ€rtige und spezifische Artikulation des Kapitalismus hier vor Ort, die einer Niederlage gleicht und nicht einem Sieg. Wir sehen es auch in der Haltung und in der Sprache der radikalen Linken des Kapitals, wenn sie von der „KĂŒrzung“ oder „EinschrĂ€nkung“ im Sozialen reden, als ob ihr eigener Lohn gekĂŒrzt werden wĂŒrde, als ob der Staat eine quasi universelle Verpflichtung hat, welche dieser nicht brechen darf.

Nun ist dies von enormer Bedeutung, aber sollte diese Bestechung nicht funktionieren, dann gibt es immer noch das Gewaltmonopol und eine Armee an Bullen, Soldaten und privaten Sicherheitsdiensten, ach ja und da wĂ€ren noch die Freunde von der NATO, die sich darum kĂŒmmern werden, dass sich am kapitalistischen Alltag nichts Ă€ndert.

Im Falle des spanischen Staates, sieht dies etwas anders aus. Wie wir schon beschrieben haben, mĂŒssen Menschen, hauptsĂ€chlich Proleten, um ihren Alltag etwas krasser ringen als es hier noch der Fall ist. Nicht nur, dass die Löhne bei gleichen oder teureren Ausgaben viel niedriger sind, sondern dass ĂŒberhaupt Lohnarbeit immer prekĂ€r ist – der sozialdemokratische Traum einer sicheren Arbeit ist seit langem tot, denn Kapitalismus ist immer prekĂ€r – wenn ĂŒberhaupt irgendwo eine Lohnarbeit vorhanden ist.

Die soziale Hilfe (im allgemeinen) des spanischen Staates ist ganz anders als hier, auch wenn sich dieser ebenfalls eine Form von Grundeinkommen wĂŒnscht, um den sozialen Frieden zu garantieren, ist der spanische Staat – und was fĂŒr eine Überraschung, ALLE Regierungen haben es gemacht – nicht nur dazu verpflichtet, sondern greift auf die ultimative Waffe zurĂŒck, das Gewaltmonopol anzuwenden um die kapitalistische GeschĂ€fte zu garantieren. Denn dies ist das Wesen des Staates.

Es wÀre daher nicht nur reformistisch und naiv zu sagen, dass dieser oder jener Staat faschistischer oder reaktionÀrer als ein anderer wÀre, weil am Ende werden alle Staaten immer nach den Waffen greifen um die Herrschaft des Kapitals zu sichern, sondern damit werden letzten Endes andere Formen der Herrschaft des Kapitals legitimiert, die immer als die Herrschaft des Kapitals fortbestehen.

Der spanische Staat ist daher in der jetzigen Situation nicht faschistischer als der deutsche, sondern er hat und muss auf andere Mittel zurĂŒckgreifen – um, wie wir oben schon beschrieben haben, den sozialen Frieden zu garantieren – die seit der GrĂŒndung der ersten demokratischen Regierung im spanischen Staat – mit den Intervallen Primo de Rivera und Franco – immer die gleichen geblieben sind. Die ach so schöne II. Republik konnte auf ihrem Kerbholz einige Massaker haben, die die Namen von Casas Viejas tragen und die Niederschlagung von mehreren AufstĂ€nden und sozialen Revolutionen sowie die Deportationen und Exekutionen, die darauf folgten. Was gerade im spanischen Staat passiert, ist die absolute und logische Folge der Aufrechterhaltung des kapitalistischen Alltags, das, was viele nicht verstehen wollen, ist, dass die Demokratie sich als die beste Form erwiesen hat, zumindest bis jetzt, um diesen aufrechtzuerhalten. Deswegen fĂŒhrte die Bourgeoisie, einheitlich und weltweit, KĂ€mpfe gegen lokale und imperialistische KrĂ€fte, um diese Form der Herrschaft an sich zu reißen, denn diese garantierte am besten ihre Herrschaft. Demokratie ist die Herrschaft der herrschenden Klasse in einer Gesellschaft, die in Klassen aufgeteilt ist, diese Klasse heißt Bourgeoisie und sie ist unser Feind so wie auch ihre Form der Herrschaft, die Demokratie.

Und nun?

Es steht mehr als fest, dass viele der Protagonisten der Geschehnisse junge Menschen sind, die, ob seit 2008 oder schon davor, nur eine RealitĂ€t der Armut kennen, die nicht aus den Wohnungen ihrer Eltern ausziehen können, weil sie nicht die Mittel dafĂŒr haben, die aus jeglicher sozialer Interaktion ausgeschlossen sind, außer wenn sie in ihren Proletenkiezen hausieren und bleiben, dass diese Generation das Elixier der UniversitĂ€t nur auf einem Werbeflyer sehen werden, wĂ€hrend alle, die am Ende studiert haben, GetrĂ€nke fĂŒr Touristen servieren, die ein; zwei; drei Jobs haben und trotzdem aus ihren Wohnungen gerĂ€umt werden, weil das Geld bis zum Ende des Monats nicht reicht (Essen oder Miete?), die Gewalt tĂ€glich von Bullen erleben, die Freunde im Knast haben, weil zu klauen sich mehr rentiert als ackern zu gehen, die jetzt schon verstanden haben, dass der Kampf auf der Straße, trotz möglicher Inhaftierung, die einzige Möglichkeit und immer noch eine bessere Alternative ist als nichts zu tun, dass ContaineranzĂŒnden kein Akt der Gewalt ist, wie es sich anfĂŒhlt, auf der Straße verhungern zu mĂŒssen, dass die friedlichen Zeiten vorbei sind, dass friedlich zu sein, keinen Sinn mehr ergibt.

„Warum denkst du, zerlegen wir Banken? Meine Eltern kommen ihr ganzes Leben mit einem langen Gesicht von der Bank. Ich schwöre, wenn ich einen Geldautomat zerlege, dann denk ich an meine Mutter“, el Manu, ein Kalo-jugendlicher

Die Beschreibung unterschiedlicher Elemente, die ein Gewicht tragen, war uns nicht nur wichtig, sondern ist auch elementar fĂŒr die Spannungen, die innerhalb dieser Geschehnisse stattfinden. Es geht daher nicht darum den perfekten Aufstand zu finden, denn diesen gibt es nicht und auch wie wir selber schon sagten, „Diese Frage soll zu keiner karikaturistischen und vulgĂ€ren Form der Geschichtsschreibung mutieren um Geschichte zu werden, sondern ganz im Gegenteil ein Ausdruck sein, jede Form antagonistischer Artikulation auf der Straße verstehen zu wollen“, es geht uns vor allem darum Dynamiken zu verstehen, nicht um sie zu reproduzieren, denn dies ist wie Marx ĂŒber Hegel selber sagte, „Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufĂŒgen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“

Also ist entscheidend die Dynamik eines unkontrollierbaren Moments, seinen realen revolutionĂ€ren Charakter noch mal zu verstehen, der sich fern jeder herrschenden Logik, vor allem wenn sich diese auch als revolutionĂ€r tarnt und gibt, fern jeder Vernunft, was den unkontrollierbaren Moment aber nicht unvernĂŒnftig macht, aber vor allem dieser sich einheitlich ausdrĂŒckt. Es gibt fĂŒr den einen kurzen Moment keine Verhandlungen mehr, denn alles soll hier und jetzt verĂ€ndert und bis zum Grund vernichtet werden, es gibt nur das hier und jetzt, was historisch betrachtet, jeden Aufstand, der das Potential hat zur sozialen Revolution zu werden, ausmacht.

Die Geschehnisse im spanischen Staat sind nicht der Ersatz des historischen Klassenkampfes, sondern nur seine Erweiterung, so wie es schon in den 60ern, 70ern, 80ern und 90ern ebenfalls der Fall gewesen ist. Damit meinen wir nicht den Schwachsinn, dass die Welt zur Fabrik mutierte, sondern dass die Lohnarbeit als die moderne Form der Sklaverei alles ĂŒberdeckt und allgegenwĂ€rtig ist, sie kann nicht auf eine soziologische Form, wie ein Blaumann, reduziert werden. FĂŒr so einen Schwachsinn rĂ€umen wir das Feld fĂŒr jede Form des vulgĂ€ren Anarchismus und Kommunismus.

Der Aufstand ist nicht nur möglich, sondern auch notwendig. Wie wir sehen können, hat im Falle des spanischen Staates dieser reformistische Inhalte ĂŒberworfen und die direkte Konfrontation mit dem Staat-Kapital gesucht und verwirklicht. Dies ist reale aufstĂ€ndische Praxis.

Freiheit fĂŒr alle Inhaftierten!

Nieder mit allen KnÀsten, Fabriken, Schulen, UniversitÀten, Heimen, usw.!

Sozialer Frieden bedeutet Krieg von der herrschenden Klasse!

Exkurs:

(Ein paar Worte zu:) Pablo Hasel, die PrÀtorianergarde des Volkskrieges, ein Bewunderer von StalinsWunder und ein angehender Tschekist!

Wir konnten bisher zu der Beschreibung von Pablo lesen, es handele sich hier um einen „RevolutionĂ€ren“ und um einen „Antifaschisten“. Dies mag auch der Fall sein, bestimmen tut dies das VerstĂ€ndnis der Personen, die diese Begriffe auswĂ€hlen und was sie selber darunter verstehen mögen.

Pablo ist durchsichtig wie Wasser, er macht keinen Hehl daraus, dass er Figuren wie Josef Stalin, Feliks DzierĆŒyƄski (den GrĂŒnder der Tscheka, VorlĂ€ufer des KGB), Ramon Mercader (Mörder von Trotzki), Mao Zedong, die Stasi und andere abfeiert. Er singt in mehreren Liedern darĂŒber und befĂŒrwortet die damit einhergehende Gewalt der stalinistischen Konterrevolution.

Es ist jetzt nur reine Spekulation inwiefern seine politische Gesinnung, also der Marxismus-Leninismus, eine Rolle fĂŒr die Menschen spielt, die auf die Straße gehen, die sich jetzt mehrere NĂ€chte lang intensive Auseinandersetzungen liefern oder sie die ganze Sache eher als einen Affront gegen die freie MeinungsĂ€ußerung betrachten. Wir denken, dass zweites vermutlich eine grĂ¶ĂŸere Rolle spielt, ansonsten wĂŒrde es bedeuten, dass bis jetzt auf dem Gebiet des spanischen Staates viele marxistisch-leninistische Zellen schlummerten.

FĂŒr uns ist Pablo weder GefĂ€hrte noch eine Person, mit der wir in irgendeiner Weise eine AffinitĂ€t teilen, was natĂŒrlich nicht heißt, dass wir ihm Repression und Inhaftierung wĂŒnschen. Aber weder ihm noch sonst wem wĂŒnschen wir dies. Dies hat nichts mit irgendeinem Altruismus zu tun, sondern mit unserem Ziel das Gewaltmonopol zu brechen, den KnĂ€sten ein Ende zu setzen sowie der kapitalistischen RealitĂ€t, die diese braucht. Wir befĂŒrworten niemals das, was wir bekĂ€mpfen und zerstören wollen. Was fĂŒr Anarchisten und Anarchistinnen wĂ€ren wir denn ansonsten? Aber eines steht fest, wir teilen nicht dieselbe Seite der Barrikade mit Pablo.

Wir wollten nur auf eventuelle Sprachbarrieren hinweisen, die eventuell vorhanden sind, aber wer sich ein paar Videos von Pablo angeschaut hat, sollte die Bilder von Stalin gesehen haben und sich nach einer Weile gefragt haben, warum dieser so oft erscheint, oder auch Feliks DzierĆŒyƄski, der nicht viel fĂŒr Anarchisten und Anarchistinnen ĂŒbrig hatte, außer Platz im Gulag. FĂŒr uns ist die Ideologie, die er offen vertritt, eine konterrevolutionĂ€re und sozialdemokratische – so wie alle marxistisch-leninistischen Ideologien – , weil sie unter der falschen Fahne der Revolution nur die kapitalistischen VerhĂ€ltnisse, unter der Diktatur einer Partei, aufrechterhalten wird.




Quelle: De.indymedia.org