April 14, 2021
Von InfoRiot
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Humanistisch aufgeklĂ€rt: Antifaschistische SchĂŒlerinnen und SchĂŒler streiken gegen Rassismus (Berlin, 27.4.2016)

Bis heute fĂ€llt der von den Nazis preisgekrönte Dichter durch das Raster. Erneut sind Eltern in Brandenburg auf einen Text von Hans Baumann (»Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt«) in Unterrichtsmaterial gestoßen. GegenĂŒber junge Welt berichteten sie, dass zu Beginn des aktuellen Schuljahres fĂŒr den Deutschunterricht der 5. Klasse Exemplare des Arbeitsheftes »Praxis Sprache« der Westermann-Verlagsgruppe angeschafft worden waren, worin eine Übungsaufgabe auf dem Gedicht »Am einunddreißigsten Februar« von Baumann basierte. Die Eltern wissen bereits durch einen Vorfall von vor etwas mehr als einem Jahr ĂŒber Baumanns Vergangenheit Bescheid (siehe jW vom 26.2.2020). GegenĂŒber jW erklĂ€rten sie, dass ihnen der Abdruck in dem Heft erst vor kurzem im sogenannten Homeschooling aufgefallen war.

Auf Nachfrage habe die Familie erfahren, dass die Schule die Sache wohl schon im MÀrz 2020 erkannt habe, als die Materialien beim Verlag bestellt werden sollten. Die Schulleitung habe die Westermann-Gruppe angeschrieben, die daraufhin reagierte. Da eine Neufassung nicht mehr rechtzeitig in Druck gegangen sei, waren die besagten Exemplare mit dem Gedicht Baumanns geordert worden. Das hÀtten die Eltern vor zwei Wochen von der Schulleitung erfahren. Die Lehrkraft habe auf den Hinweis umgehend reagiert und werde das Material nicht verwenden, sagten die Eltern im GesprÀch mit jW.

Die in Braunschweig ansĂ€ssige Westermann-Verlagsgruppe sei im vergangenen Jahr von einer Lehrkraft auf die »NĂ€he Hans Baumanns zum Nationalsozialismus« aufmerksam gemacht worden, wie die Sprecherin Regine Meyer-Arlt am Freitag auf jW-Anfrage erklĂ€rte. Man habe »die fragliche Seite ausgetauscht und das Gedicht ersetzt«. Baumanns Text sei »im aktuellen Nachdruck vom 8. Januar 2021« nicht mehr enthalten. Einer jW vorliegenden Kopie der entsprechenden Seite zufolge fußt die Übung nun auf einem Gedicht von Wolfgang Menzel. Der Abdruck des Baumann-Gedichtes »tut uns sehr leid und entspricht nicht unseren Standards«, so die Sprecherin. Der Westermann-Verlag trete »fĂŒr Weltoffenheit, Vielfalt und ein respektvolles Miteinander« ein. »GrundsĂ€tzlich« prĂŒfe man »selbstverstĂ€ndlich die Veröffentlichungen und Geisteshaltungen unserer Autorinnen und Autoren so genau wie möglich«.

In der Bundesrepublik ist Schulpolitik Sache der 16 BundeslĂ€nder. Im Land Brandenburg wird Schulmaterial fĂŒr den Deutschunterricht pauschal zugelassen, wie die Sprecherin des zustĂ€ndigen Ministeriums fĂŒr Bildung, Jugend und Sport bereits im Februar 2020 auf jW-Anfrage mitgeteilt hatte. Eine Anfrage zum jĂŒngsten Fund eines Baumann-Textes in Unterrichtsmaterial fĂŒr die Grundschule blieb bis jW-Redaktionsschluss am Dienstag unbeantwortet.

Andreas Schmitz, ein Sprecher der Kultusministerkonferenz (KMK), verwies in seiner Antwort an jW vom vergangenen Donnerstag zunĂ€chst auf den grundlegenden Beschluss zur Genehmigung von SchulbĂŒchern von 1972. Diese dĂŒrfen demnach genehmigt werden, falls deren Inhalt »nicht gegen allgemeine VerfassungsgrundsĂ€tze oder Rechtsvorschriften verstĂ¶ĂŸt« sowie »den Anforderungen der LehrplĂ€ne und Richtlinien inhaltlich, didaktisch und methodisch entspricht«. Genehmigungen können dem fast 49 Jahre alten Beschluss zufolge vom zustĂ€ndigen Kultusministerium widerrufen werden, sofern »das Werk nicht mehr den Erkenntnissen der fachlichen, pĂ€dagogischen oder didaktischen Forschung entspricht«. Wird ein Schulbuch nicht genehmigt, mĂŒsse das begrĂŒndet werden.

Schmitz zufolge habe die Konferenz der Landesbildungsminister »in einer Reihe von BeschlĂŒssen zu den UnterrichtsfĂ€chern und zur historisch-politischen Bildung festgelegt«, mit welcher Maßgabe mit Texten allgemein »und insbesondere mit Texten der NS-Zeit umzugehen ist«. Das jedoch schließt Texte von Naziautorinnen und -autoren zunĂ€chst aus, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind. Unkritisches oder unreflektiertes Verwenden von Werken belasteter Autorinnen und Autoren sei laut Schmitz »vor allem im Unterricht der jeweiligen Lehrkraft zu vermeiden«. Unterrichtsmaterialien aktiv zu genehmigen, bevor sie verwendet werden dĂŒrfen, »dĂŒrfte angesichts des angebotenen Volumens unrealistisch sein«, so der KMK-Sprecher. Deshalb komme den Verlagen »eine besondere Verantwortung« zu.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges hatte der am 22. April 1914 geborene Hans Baumann Karriere als »unpolitischer« Autor, Dichter und Übersetzer in der jungen BRD gemacht. In der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR hingegen war Baumann mit seinem Gesamtwerk als »NS-Lyriker« indiziert worden. So findet sich bereits in der ersten Ausgabe des »Verzeichnisses der auszusondernden Literatur« vom Februar 1946 ein entsprechender Eintrag. Baumanns Karriere in der Bundesrepublik schadete dies nicht. Sein Gedicht »Am einunddreißigten Februar« schaffte es in der BRD sogar in eine nach Erich KĂ€stners Tod posthum herausgegebene Geschichtensammlung. Zur Bedeutung jener antifaschistischen Indizierungen fĂŒr die heutige Bildungspolitik der LĂ€nder liegen zumindest dem Sekretariat der Kultusministerkonferenz »keine Informationen vor«, erklĂ€rte der KMK-Sprecher.




Quelle: Inforiot.de