Mai 18, 2022
Von Kiez Kommune
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Warum wollten wir einen neuen Namen?

Unsere Gruppe bildete sich im MĂ€rz 2019 aus der Initiative von Genossinnen der Kiezkommune und organisierte damals primĂ€r monatliche FrauencafĂ©s. Dann sind wir schnell gewachsen und haben uns als eigene Gruppe gefunden, mit enger Verbundenheit zur Kiezkommune. Außer cis-MĂ€nner sind bei uns verschiedene Geschlechter in der Gruppe organisiert, mit einer Mehrheit von cis-Frauen. Unser Ziel ist es, einen Raum fĂŒr feministische Organisierung in der Nachbarschaft zu schaffen, die sich gegen Kapital, Staat und Patriarchat stellt.

Schon vor lĂ€ngerer Zeit erreichte uns von innen und von außen Kritik an dem Begriff Frauen* und dem Namen Frauen*Kommune. Auch wenn wir bei der GrĂŒndung der Gruppe damals mit einem Gender-Sternchen unsere Offenheit gegenĂŒber trans, inter und nicht-binĂ€ren Interessierten zeigen wollten, mussten wir feststellen, dass „Frauen*“ keine passende Bezeichnung ist.

FĂŒr trans Frauen ist das Sternchen nicht notwendig, da sie Frauen sind. FĂŒr viele nichtbinĂ€re Genoss*innen ist die Bezeichnung Frau oder Frau* eine Geschlechtszuschreibung, mit der sie sich nicht identifizieren können. Auch inter Personen haben diverse GeschlechtsidentitĂ€ten. Also kann das „Frauen*“ als Misgendern aufgefasst werden, bzw. als gewaltvolles Verneinen der eigenen GeschlechtsidentitĂ€t. Wir haben viel zu lange gebraucht, um diesen Namen zu Ă€ndern, und wollen uns dafĂŒr entschuldigen wenn ihr euch dadurch nicht wilkommen oder mitgedacht gefĂŒhlt habt. Wir möchten keine Exklusion/Diskriminierung reproduzieren, und deshalb ist endlich die Zeit fĂŒr einen NamensĂ€nderung gekommen.

Seit Herbst 2020 haben wir uns immer wieder mit der Namensfrage und unserer feministischen Ausrichtung auseinandergesetzt: wir haben Workshops besucht, diskutiert und immer wieder versucht, einen Namen zu finden, der zeigt, fĂŒr wen wir offen sein wollen und wen wir in unserem Feminismus mitdenken. Wir wissen, dass ein Name allein keine inklusive Gruppe schafft. Daher ĂŒberdenken wir unsere feministische Arbeit und fragen uns in unseren Veranstaltungen, internen Diskussionen, auf unseren Aktionen, im Austausch mit anderen Gruppen immer wieder: wen meinen wir und wer fĂŒhlt sich ansgesprochen? Und dabei setzen wir immer wieder auch unterschiedliche Themenschwerpunkte: zum Beispiel zu reproduktiver Gerechtigkeit im Wedding, gemeinsam zu patriarchaler Gewalt im „Netzwerk gegen Feminizide“ oder zur Unsichtbarkeit von Menschen, die Sorge-Arbeit leisten.

Wir sind eine autonome FLINTA*-Gruppe innerhalb der Kiezkommune Wedding, also Frauen, Lesben, inter, nicht-binĂ€re, trans und agender Personen sind bei uns willkommen. Das heißt auch: bei uns sind alle außer cis MĂ€nner willkommen (mit denen wir uns jedoch in der Kiezkommune gemeinsam organisieren). Mittlerweile sind wir als Gruppe nĂ€mlich enger mit der Kiezkommune zusammen gewachsen und setzen in der alltĂ€glichen politischen Arbeit gemeinsam feministische Schwerpunkte.

Wir wollten uns keinen Namen geben, der nur unsere Mitglieder beschreibt, sondern unsere politische Ausrichtung verdeutlicht. So kam uns die Idee, eine Person aus dem Wedding auszuwĂ€hlen, deren politische Arbeit uns inspiriert. Wir haben in der Kiezgeschichte des Wedding recherchiert und uns schlussendlich fĂŒr Ella Trebe entschieden.

ZukĂŒnftig werden wir die „Gruppe Ella Trebe“ in der Kiezkommune sein.
Wer ist Ella Trebe und warum haben wir uns fĂŒr sie entschieden?

Ella Trebe, geb. Beyer, wurde 1902 im Wedding als Tochter einer Waschfrau geboren. Sie war Metallarbeiterin in den AEG-Werken im Brunnenviertel im Wedding und in verschiedensten Kontexten politisch organisiert. Als Mitglied der KPD war sie von 1929 bis 1933 Teil der Weddinger Bezirksverordnetenversammlung. Zudem war sie in der „Roten Hilfe“ und in der „RevolutionĂ€ren Gewerkschafts-Opposition“ aktiv. Nach der MachtĂŒbernahme der Nationalsozialisten schloss sich Ella Trebe dem antifaschistischen Widerstand an. Sie war in der illegalen KPD-Bezirksleitung fĂŒr Berlin, dem „Sicherheitsapparat Norden“ aktiv, sowie in der „Roten Kapelle“. Zudem verschaffte sie Ernst Beuthke, einem zurĂŒckgekehrten KĂ€mpfer aus dem spanischen BĂŒrgerkrieg, eine Unterkunft. Beuthke wurde denunziert und verhaftet und daraufhin wurden auch alle Personen verhaftet, die mit Beuthke Kontakt hatten. So wurde auch Ella Trebe am 9. oder 10. Juni 1943 festgenommen und am 11. August 1943 im KZ Sachsenhausen ohne Prozess erschossen.

Es gab bereits in der Nachkriegszeit mehrere Versuche, an Ella Trebe zu erinnern. Am heutigen Widerstandsplatz am S-Bahnhof Wedding wurde damals ein Gedenkstein fĂŒr sie errichtet, der jedoch in den 1950er Jahren wieder entfernt wurde. Auch gab es eine Initiative, die Togostraße, in der Ella Trebe gelebt hatte, nach ihr zu benennen. Dies wurde allerdings aus politischen GrĂŒnden nicht umgesetzt. Mittlerweile wurde ein Stolperstein in der Togostr. 78 verlegt und eine Straße in der NĂ€he des Hauptbahnhofes nach ihr benannt.

Mit unserer Entscheidung fĂŒr Ella Trebe als unsere Namensgeberin möchten wir uns als feministische Gruppe auf die klassenkĂ€mpferische und antifaschistische Tradition des Weddings rĂŒckbesinnen.

Uns interessiert auch, was ihr dazu denkt?
Kommt gerne bei uns vorbei, wir laden euch herzlich ein, lasst uns gemeinsam feministisch im Wedding aktiv sein!




Quelle: Kiezkommune.noblogs.org