Oktober 11, 2022
Von Paradox-A
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Lesedauer: 3 Minuten

Zukunftsängste sind wieder äußert populär heutzutage. Und dafür gibt es gute Gründe. Pandemien, Kriege, Klimaerwärmung, Wirtschaftskrisen, Inflation, patriarchale Gewalt und so weiter … da kommt einiges zusammen, was Menschen beängstigt. Die einen bangen um ihren ans Materielle geknüpften sozialen Status, die anderen sorgen sich, dass sie aus dem Elend und Stress nie herauskommen werden, in welchem sie sich eigentlich die ganze Zeit befinden.

Ich verstehe das logisch, bin aber weder in der einen noch in der anderen Position. Was ich habe sind gesellschaftliche Privilegien und aktuell noch relativ viel Zeit zur freien Verfügung. Vor allem Letzteres kann mir genommen werden. Aber Angst vor der Zukunft habe ich nicht, weil ich davon ausgehe, dass wir das schon irgendwie hinbekommen werden. Diese Grundannahme kann ich nicht rational begründen, sondern ist wohl eher in recht frühen Lebenserfahrung gegründet. Probleme gab es fast immer. Irgendwie wurden sie dann gemeinsam bewältigt. Das bedeutet bei Weitem nicht, dass ich ohne Sorgen in die Zukunft blicke. Doch diese beziehen sich weniger auf meine individuelle Existenz, als auf die gesellschaftliche Entwicklung insgesamt.

Und darum geht es eigentlich doch ganz um mein eigenes Wohlsein. Da ich holistisch empfinde, ist mir klar, dass es mir nur gut gehen kann, wenn es den Wesenheiten um mich herum gut geht. Viele von ihnen sind komisch, aber gut, man ist halt nicht alleine auf der Welt. Wie auch andere sensible Menschen verstärkte meine Verbundenheit mit dem Ganzen depressive Veranlagungen. Sich selbst wertzuschätzen und lieb zu haben, ist in einer Gesellschaftsform, welche grundlegend auf Gewalt, Zerstörung, Konkurrenz, Normierung, Entfremdung, Ausbeutung und Unterdrückung beruht, eine permanente Herausforderung. Für die daraus entstehenden Folgen werden wiederum warenförmige Angebote zur Kompensation empfohlen. Schon ziemlich irre, das ganze Arrangement.

Dennoch würde ich dabei bleiben und festhalten, dass ich keine Angst vor der Zukunft habe. Angst habe ich nur davor, dass Menschen die bestehende Herrschaftsordnung nicht verlassen und hinter sich lassen. Angst habe ich davor, dass sie so weitermachen wie bisher. Das wäre nicht nicht nur extrem dumm, sondern schlichtweg nicht im Interesse der meisten derzeit lebenden Menschen.

Mit anderen Worten höre, sehe und rieche ich es im Grunde genommen an allen Ecken und Enden: Der great reset steht kurz bevor – und ich möchte Teil von ihm werden und ihn vorantreiben. Ja, ich weiß, viele Menschen glauben sehr viel zu verlieren und das ist eine Realität, mit der sich kritisch wähnende Intellektuelle auseinandersetzen müssen – auch wenn sie an der Armutsgrenze leben. Was Leute zu verlieren haben sind in meinen Augen nichts weiter als ein Haufen geraubter und erklammerter Ressourcen, in denen sie auf idiotische Weise Sicherheiten sehen. Die gute Nachricht ist, das alle Bürger*innen sterben müssen. Und ihre Anhäufungen werden ihr Untergang sein, wie auch die Bonzen an ihrem gestohlenen Reichtum ersticken sollen. So kann alles in den Kreislauf des Lebens zurückfließen.

Ja, die Artillerien hämmern, die Wälder brennen, die Flüsse trocknen aus und man schuftet weiter, geht seiner Lohnarbeit nach. Was soll man auch machen? Und allzu oft ziehe ich ebenfalls die klaren Linien hinsichtlich der Dinge, die ich beeinflussen kann und jenen, auf die mein Denken und Handeln keinerlei Wirkung hat. Manche nennen es Resignation, andere Weisheit.

Was mich motiviert ist die Freude an der und auf die soziale Revolution. Ein Wohlgefühl kommt in mir auf, wenn ich daran denke, wie wir die Schuldenbücher verbrennen, die Warenhäuser plündern, die Landsknechte hinausschmeißen und daraufhin anfangen, uns in aller Seelenruhe selbst zu organisieren. Dann erzeugen wir, was wir brauchen, verteilen, was wir haben und sprechen ansonsten darüber, wie wir den ganzen Laden reorganisieren können. Dahingehend gibt es ja schon viele gute Konzepte und Erfahrungen. In dieser Hinsicht bin ich durchaus zwangsoptiministisch.

Leider kann es sein, dass ich den Tag nicht mehr erleben werde, an welchem ich meinen Frieden mit der Gesellschaft und den Menschen finden werde. Vor allem dann, wenn ich von den Umwälzungen ergriffen werde und in meinem Engagement durch die Reaktion ausgemerzt werde. Das kann passieren. Aber sollte das ein Grund sein, meine Freude an der Anarchie zu trüben? Ich denke nicht.




Quelle: Paradox-a.de