Januar 16, 2022
Von Indymedia
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Zum Interim Vorwort in Nr. 825 vom Oktober 2021

 

 

Liebe Genoss*innen,

 

Euer Vorwort – speziell zu Corona/Covid 19 und diversen Begleiterscheinungen – bedarf einiger Kommentare unsererseits. Eure AusfĂŒhrungen zum Gesundheitsbereich teilen wir ja im wesentlichen. Auch wenn wir durchaus eine „freie Wahl zwischen alternativen und westlichen MedizinansĂ€tzen“ sehen – schließlich werden sogar jede Menge fragwĂŒrdige bis nutzlose Therapien von den Krankenkassen bezahlt, vorausgesetzt der/die Behandelnde hat eine Kassenzulassung. Aber selbst wenn wir zu Euren Gunsten davon ausgehen, dass einzelne Passagen vielleicht nicht Ergebnis kollektiver Diskussion unter Euch und unter Zeitdruck entstanden sind, können wir einiges nicht widerspruchsfrei akzeptieren. Dies vor allem aus dem Grund, weil eine Interim-Redaktion mehr in der Verantwortung steht, als der Beitrag einer einzelnen Person auf Indy, anderen Online-Foren oder ein irgendwo verteiltes Flugblatt.

Aber – jetzt nach einem einigermaßen solidarischen Feedback kommt es eben – können wir sowohl fragliche wie falsche Fakten und fragwĂŒrdige EinschĂ€tzungen nicht einfach so stehen lassen. Hinsichtlich ersterem stehen vor allem Eure SĂ€tze, „Egal wie man zu Gentechnik steht, es ist ein Fakt, dass die Testphasen fĂŒr die Corona-Impfstoffe seeeeehr verkĂŒrzt wurden und wir von daher nichts ĂŒber die SpĂ€tfolgen wissen können. Ein Menschenversuch“ im Zentrum unserer Kritik.

mRNA-Impfstoffe = Gentechnik?

Der Begriff „Gentechnik“ steht in der radikalen Linken und auch unter Feministinnen, die ihr im spĂ€teren Verlauf Eures Vorwortes fĂŒr ihre angebliche PassivitĂ€t meint kritisieren zu mĂŒssen, in allererster Linie fĂŒr folgende klare Erscheinungen: gentechnisch manipulierte DNA z.B. bei Pflanzen (grĂŒne Gentechnik) und gezielte Eingriffe in das Erbgut von Menschen z.B. ĂŒber Medikamente, wobei die menschliche DNA verĂ€ndert wird (rote Gentechnik) – um die z.Zt. relevantesten Gebiete zu nennen. Nun wissen wir nicht genau, worauf sich Eure Kritik an der Gentechnik bezieht – wir sind jedenfalls auch wie Ihr vehementer Gegner*innen dieser Technologie. MRNA Impfstoffe greifen aber in keinem Fall in die menschliche DNA ein und verĂ€ndern diese auch nicht (http://www.gentechnik-freie-landwirtschaft.de/mrna-impfstoff-veraendert-keine-gene/; Auch etablierte linke Plattformen wie das genethische Netzwerk sprechen sich keinesfalls gegen mRNA-Impstoffe aus (https://www.gen-ethisches-netzwerk.de/corona/256/neue-mrna-impfstoffe).

 

Und auch die „Testphasen“ der Impfstoffe wurden nicht verkĂŒrzt, wie Ihr suggeriert. Richtig ist, dass die Entwicklung, Genehmigung und massenhafte Anwendung sehr viel schneller ging, als bei anderen Impfstoffen. Hinsichtlich der Entwicklung lag es unter anderem an dem Faktor, dass Anfang 2020 bereits Erfahrungen sowohl hinsichtlich SARS-Cov Impfstoffentwicklungen vorlagen wie auch Forschungen im mRNA-Bereich bereits seit lĂ€ngerem existierten, was die Entwicklung weiter beschleunigte.

Die klinischen Tests wurden genauso wie bei anderen Impfstoffen an vielen Tausenden Menschen durchgefĂŒhrt. Diese Tests (jedenfalls bei Biontech) fanden zum Teil in SchwellenlĂ€ndern wie Argentinien, Brasilien, TĂŒrkei und SĂŒdafrika statt, aber auch in der BRD und den USA. Daneben wurde natĂŒrlich viel viel Geld (eben auch viele öffentliche Mittel) schnell in die Hand genommen. Es gab einerseits eben aufgrund der Pandemiesituation einen gewissen zeitlichen Druck zur Rettung von Menschenleben. Andererseits war klar, dass diejenigen Konzerne, die am schnellsten einen Impfstoff entwickeln, ihre Profitrate immens steigern werden. Von daher ist das hohe Tempo hinsichtlich der Impfstoffentwicklung dem kapitalistischen Prinzip völlig immanent, da vom Verkauf von mehreren Milliarden Dosen mit hohem Gewinn sicher ausgegangen werden konnte. (https://www.gen-ethisches-netzwerk.de/november-2020/schnell-aber-sicher). Genau dieses kapitalistische Prinzip fĂŒhrt auch dazu, dass fĂŒr seltene Viruserkrankungen entweder lĂ€ngst nicht so schnell oder gar kein Impfstoff entwickelt wird.

SpÀtfolgen?

Und auch ĂŒber den Begriff „SpĂ€tfolgen“ konnten wir alle zuletzt einiges lernen (siehe die Debatte um Joshua Kimmich). Der Begriff ist irrefĂŒhrend. SpĂ€tfolgen existieren quasi nicht, sondern sind besser als Nebenwirkungen zu bezeichnen und treten sehr schnell nach Stunden und wenigen Tagen und in seltenen FĂ€llen nach ein paar Wochen bei den Geimpften auf. Nach kurzer Zeit ist der Impfstoff im Übrigen im Körper nicht mehr nachweisbar und kann daher auch theoretisch keinen Schaden mehr anrichten. Also wir alle können sehr viel ĂŒber die angeblichen „SpĂ€tfolgen“ wissen, wenn wir nur wollen. Daher kann auch kein von Euch Monate oder Jahre nach der Impfung vermutetes „dickes Ende noch kommen“ (https://www.deutschlandfunk.de/corona-impfung-gibt-es-langzeitfolgen.1939.de.html?drn:news_id=1316786; https://www.fr.de/ratgeber/gesundheit/corona-impfung-impfstoffe-folgen-impfschaeden-nebenwirkungen-langzeit-risiko-jahre-experten-zr-90190683.html;

https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/corona-impfstoff-langzeitschaeden-100.html).

Demnach sind zwei Eurer wesentlichen Behauptungen nicht haltbar. Folgerichtig sind Eure darauf aufbauenden Schlussfolgerungen per se fragwĂŒrdig – bauen sie doch auf falschen Voraussetzungen auf.

Zwei Linien in der radikalen Linken?

Auch die von Euch vorgetragene „Sorge um die radikale Linke“, die Euch zufolge viel zu wenig auf die staatlichen Maßnahmen reagiert, sehen wir anders. Ihr kritisiert das Impfen an sich und „Druck“ auf Nichtgeimpfte. „Geimpftsein (wird) hierzulande bereits zur NormalitĂ€t erklĂ€rt und Entscheidungen dagegen kaum respektiert, es ist also nicht viel her mit Meinungsvielfalt und Respekt vor dem Individuum“. Bei allem Respekt Genoss*innen – diesen Satz wĂŒrde Alice Weidel vermutlich auch sofort unterschreiben. Aber Schluss mit der Polemik. Oft werden – von Euch nicht wörtlich, aber eventuell durch die Blume – von Teilen der radikalen Linken andere radikale Linke kritisiert, sie wĂŒrden den Kurs der Regierung stĂŒtzen, weil sie die Corona-Maßnahmen nicht entschiedener und deutlicher kritisieren. Diesen Vorwurf können wir nicht entkrĂ€ften, erlauben uns allerdings darauf hinzuweisen, dass diese Kritiker*innen Ă€hnliche Schnittmengen mit AfD und FDP aufweisen, wie andere mit der Regierungspolitik.

 

Freiheit statt SolidaritÀt?

Euer Individuums- und Respektbegriff meint im Endeffekt den Begriff „Freiheit“ – und zwar die Freiheit des Einzelnen. Frei von Normen, ZwĂ€ngen, Geboten aber auch frei von Verantwortung, SolidaritĂ€t, KollektivitĂ€t und anderen linken Kernbegriffen.

Freiheit – wie von Euch und anderen in der Corona-Debatte gebraucht – ist ein zutiefst bĂŒrgerlicher und individueller Begriff, der weder solidarisch noch kollektiv ist, sondern viel von der politischen Mitte und Rechten in diesem und anderen LĂ€ndern verwendet wird. Ein eher individualistisch-libertĂ€rer und damit rechter Begriff als ein anarchistisch konnotierter. Aktuell hat höchstwahrscheinlich die individuelle Freiheit von ca. 50% des Personals in einem Pflegeheim am Werbellinsee, sich nicht gegen Covid impfen zu lassen, zum Tod von 16 Menschen gefĂŒhrt.

Die Linke hatte historisch und hat immer noch das Ziel kollektiv und solidarisch zu sein – solidarisch mit anderen, Ă€rmeren, krĂ€nkeren, langsameren, Ă€lteren, wie-auch-immer-Menschen. Wo ist Euer SolidaritĂ€tsbegriff? Er kommt in Eurem Vorwort in zentralen Passagen schlichtweg nicht vor – das ist sehr traurig.

Wir sind – wie ihr auch – gegen autoritĂ€re staatliche Lösungen. Gleichzeitig halten wir es aber fĂŒr einen gefĂ€hrlichen Reflex, nur deshalb gegen etwas zu sein (hier die Impfung), weil „der Staat“ dafĂŒr ist. Zum einen lĂ€sst mensch sich dadurch sein eigenes Denken und Handeln in der Negation vom „Staat“ bestimmen und zum anderen kommt die Impfempfehlung ursprĂŒnglich von Fachleuten, die an dem Punkt alle ĂŒbereinstimmen. Die Suggestion – wie in der Negation beim Klimawandel –, wonach sich „die Wissenschaft“ in der Frage uneindeutig positionieren und sich etwa zwei gleichgroße Lager gegenĂŒberstehen wĂŒrden, ist absoluter Humbug.

Es ist evident, dass wir nur alle zusammen aus der Pandemie kommen. Und natĂŒrlich ist der Satz richtig, wonach „Wir sind alle nur sicher, wenn alle sicher sind“. Selbst-verstĂ€ndlich ist die ungleiche Verteilung von Vakzinen weltweit ein Ausdruck westlich-imperialistischer Herrschaft – da sind wir uns einig. Aber wir wĂŒrden auch sagen, natĂŒrlich handeln Nichtgeimpfte (also, die, die sich impfen lassen könnten) nicht verantwortlich im Sinne einer solidarischen Gesellschaft. Diese Nichtgeimpften haben nur sich selbst im Blick, aber keine Anderen. Sie sehen nur ihre eigenen angeblichen Risiken und Gefahren – niemals die Chancen anderer auf Nichtinfektion durch Impfung. Abgesehen davon, dass diese Nichtgeimpften auch kein statistisches Risiko begreifen und fĂŒr sich nicht in der Lage sind, eine AbwĂ€gung zwischen individuellem Infektionsrisiko und Impfnebenwirkung vorzunehmen. Das sind die Auswirkungen von neoliberaler Hegemonie und rechtem/esoterischem Denken, wobei letzteres den GrundsĂ€tzen der AufklĂ€rung widerspricht.*

Und noch eins: wenn – wie ihr meint – viel zu wenig Menschen in der radikalen Linken eurer Meinung sind und angeblich viel zu wenig Aktionen gegen Gentechnik und staatliche Corona-Maßnahmen unternehmen – was heißt das? Was heißt es sonst, wenn zu von uns organisierten Demos oder Veranstaltungen viel zu wenige kommen? Sind dann immer die doof und haben keine Ahnung, die nicht kommen? Oder kann es auch sein, dass die anderen vielleicht mal Recht haben und wir selbst nicht die allerschlauesten sind? Also in diesem Fall Ihr….

Eine Autonome Gruppe

 

* zum Weiterlesen u.a. Andreas Speit: Verqueres Denken




Quelle: De.indymedia.org