Juni 25, 2022
Von Paradox-A
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Von Linken verschiedener Radikalisierungsgrade kriegt man deutschlandauf und -landab fortwĂ€hrend das fatalistische Gejammer zu hören, dass wir in nicht-revolutionĂ€ren Zeiten lebten. Diese resignierte Leier vermehrte sich dann nochmals als sich die revolutionĂ€re Phase von 1917ff. hundertjĂ€hrte. In der Vergangenheit oder an anderen Orten werden Bezugspunkte fĂŒr revolutionĂ€re AktivitĂ€ten gesucht – und das mit gutem Grund, denn ein historisches und globales Bewusstsein ist wesentlich, um die Bedingungen jeweils spezifischer Kontexte verstehen und verĂ€ndern zu können. Schwierig wird es allerdings, wenn darunter ein vergĂ€ngliches und entferntes Ereignis verstanden wird, nicht aber ein potenziell zukĂŒnftiger und unmittelbarer Prozess. Oder gar eine Erfahrung des eigenen historisch-gesellschaftlichen Kontextes, mit welchem aus diesem revolutionĂ€re Momente und Tendenzen herausgeschĂ€lt werden. Diese prĂ€figurative und immanente Herangehensweise erlaubt uns die Aussage: „Die Revolution wird hier und heute sein oder sie wird nie stattfinden“.

Den Revolutionbegriff einfach lebensweltlich herunterzubrechen und sich von kurzfristigen, exzessiven Erlebnissen blenden zu lassen, wird dem nicht gerecht, worum es geht. SelbstverstĂ€ndlich meint „Revolution“ eine anhaltende, umfassende und radikale Gesellschaftstransformation in allen Dimensionen. Dies bedeutet, dass die gesellschaftlichen Bedingungen unseres Zusammenlebens von vielen Menschen dauerhaft verĂ€ndert werden. Wenn wir uns anschauen, wie trĂ€ge die Masse der Leute ist und wie gefangen in Lohnarbeit, kapitalistischem Konsum, persistenter UntertĂ€nigkeit und zĂ€her Lethargie, liegt der Schluss allerdings nahe, dass unsere Zeiten nicht besonders revolutionĂ€r sein könnten. DemgegenĂŒber steht erschreckender Weise, dass die Gesellschaftsform, in welcher wir heute leben, sich ohnehin in einem massiven VerĂ€nderungsprozess befindet. Die umfassenden Krisen des Systems werden sich sehr bitter fĂŒr Viele auswirken, welche aktuell noch einen relativ abgesicherten Status haben.

Die Frage fĂŒr Anarchist*innen ist, wie sie sich zu diesen beiden Tatsachen verhalten: Der TrĂ€gheit der Masse, sowie der massiven Zerstörung, Ausbeutung, UnterdrĂŒckung und Entfremdung, welche der kapitalistische Staat produziert. Denn die Verelendungstheorie ist komplett falsch, wie seinerzeit Rudolf Rocker argumentierte: Aus der Verschlechterung der sozialen Lage von Menschen, also der Prekarisierung von weiteren sozialen Klassen, geht weder automatisch eine revolutionĂ€rere Gesinnung, noch ein verantwortliches, selbstĂ€ndiges und emanzipatorisches Handeln von Menschen einher. Wer fatalistisch ist, wird auf dem Dogma beharren, nach welchem verunsicherte, verarmte und entwurzelte Menschen sich autoritĂ€ren FĂŒhrern anschließen, umso mehr den starken Staat fordern und ihren – durch die eigene EntwĂŒrdigung entstandenen – Hass an Minderheiten ausleben. Und das ist nicht die schlechteste Haltung zu den Dingen. Dass Leute die Revolution eben nicht wollen wĂŒrden und man sie ihnen deswegen bringen – gar aufzwingen – mĂŒsste, ist die merkwĂŒrdige voluntaristische Kehrtwende, die der historische Determinismus dann einschlĂ€gt.

Wer realistisch ist, weiß hingegen, dass Menschen ihre Einstellungen und Handlungen immer nur daran orientieren können, was sie gelehrt bekommen, wie sie in ihrem Umfeld geprĂ€gt werden, welche Medien sie konsumieren, welche Selbstwirksamkeitserfahrungen sie machen und so weiter. Deswegen ist die Aufgabe von Anarchist*innen unbedingt, heute sozial-revolutionĂ€r zu werden. Das bedeutet 1) die vorangehende UmwĂ€lzung der Gesellschaftsform insgesamt zu begreifen, 2) die WidersprĂŒche der Herrschaftsordnung herauszuarbeiten und darin anzugreifen, 3) Organisationen zu schaffen, in denen unterschiedliche Menschen sich aufeinander beziehen, gemeinsam ermĂ€chtigen, kĂ€mpfen und ihr Bewusstsein bilden können, 4) eine gemeinsame Vision zu spinnen, wie die VerhĂ€ltnisse grundlegend anders geregelt werden können und sie experimentell vorweg zu nehmen, 5) FĂ€higkeiten fĂŒr Selbstorganisation und Autonomie in grĂ¶ĂŸerem Maßstab zu erlernen und herauszustellen, dass dies heißt demokratisch gegen den Staat und solidarisch gegen den Kapitalismus zu sein.

Gut, wen juckt es, wenn ich diese Phrasen hier herunter schreibe? Letztendlich sind schon viele Menschen an solcherlei AnsprĂŒchen gescheitert. Doch das macht die AnsprĂŒche nicht schlechter. Durch die Erfahrung des Scheiterns selbst-bewusst hindurch zu gehen, ermöglicht uns aber einen anderen Umgang mit ihnen. Mit anderen Worten: Was Anarchist*innen und Ă€hnlich gesinnte Menschen tun, ist hĂ€ufig (lĂ€ngst nicht immer!) schon intuitiv das richtige und keineswegs sinnlose Zeitverschwendung oder bloßer Lebensabschnittsaktivismus. Deswegen sollten sie umso mehr daran interessiert sein, dass ihre Praktiken, Stile und Organisationen nicht zu Selbstzwecken, sondern in einen sozial-revolutionĂ€ren Zusammenhang gestellt werden. Damit wird nicht alles verĂ€ndert, was wir tun. Aber somit verschieben wir die Perspektive darauf, wie wir es tun.

Es war ĂŒbrigens die erneute LektĂŒre von VerĂłnica Gago FĂŒr eine feministische Internationale, die mich wieder darin bestĂ€rkt hat, wie absurd und Bewegungs-fern der Irrglaube an die vermeintlich nicht-revolutionĂ€ren Zeiten wirklich ist. Zu einem guten Teil steckt dahinter die sowohl abgehoben-intellektuelle, als auch die exklusiv-linksradikale Angst davor, unterschiedliche Menschen könnten tatsĂ€chlich anfangen, ihre Leben in die eigenen HĂ€nde zu nehmen, ohne FĂŒhrung zu rebellieren und sich selbst zu organisieren. Durch wirklich revolutionĂ€re Prozesse werden auch linksradikale (ja, auch anarchistische) Vorstellungen von Revolution erschreckend hinterfragt. Wer diese VorgĂ€nge nicht rechthaberisch und distanziert betrachten, sondern eingreifen und mitgestalten möchte, kommt nicht umhin, sich heute sozial-revolutionĂ€r zu orientieren und zu lernen, in WidersprĂŒchen zu agieren. Dazu gehören auch Mut, Wille, Selbst-Bewusstsein, Erfahrung und – das ist wohl das Wichtigste – das Vertrauen in einen Kreis von Genoss*innen, die sich gegenseitig stĂŒtzen, tragen, reflektieren und motivieren.Zum Irrglauben, wir lebten in nicht-revolutionĂ€ren Zeiten




Quelle: Paradox-a.de