Juli 12, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Einleitung

Es gibt Fragen, die schon seit Jahrhunderten die Geschichte der Revolte begleiten. Es sind Fragen, die stets zurĂŒckkommen werden, die in schwierigen Momenten an unserer TĂŒr klopfen und sich gewaltsam Zutritt verschaffen
 um plötzlich unsere Absichten völlig in Frage zu stellen. Es sind Fragen, die nur selten in geschriebenen Worten Niederschlag gefunden haben. Wir werden oft mit ihnen konfrontiert, sei es durch Diskussionen mit Kameraden, durch das WĂŒhlen in unseren Köpfen oder durch das Kennenlernen von Erfahrungen aus anderen Gegenden und anderen Zeiten.

Eine dieser Fragen ist das alte Problem der revolutionĂ€ren Avantgarden, der SelbstreprĂ€sentation von diesen, als wĂ€ren sie das radikalste Sprachrohr der Ausgebeuteten, und der Spezialisierung, die es unmöglich macht, mit allen Mitteln zu agieren, die uns zur VerfĂŒgung stehen. Ausgehend von diesem Problem werden wir auch mit konkreteren und praktischeren Überlegungen konfrontiert. Welche Rolle spielen Bekennerschreiben? Welche BeweggrĂŒnde verstecken sich hinter bestimmten Methoden zu bestimmten Momenten?

Ausgehend vom Italienischen Kontext versucht dieser Text ein paar dieser Probleme anzugehen. Es geht hierbei nicht um die x-te Kritik an Organisationen und Gruppen, die uns sehr fern sind, sondern um eine Kritik dicht bei uns, um Anarchisten, die offenbar immer öfters die Entscheidung treffen, einige alte Kadaver wieder auszugraben. Diese Kritik richtet sich gewiss an die informelle anarchistische Föderation (FAI), in deren Namen sich verschiedene Gruppen in den vergangenen Jahren zu AnschlĂ€gen und Briefbomben bekannten, auch wenn dieser Text noch vor der Reihe von Brandbriefen an EuropĂ€ische Institutionen geschrieben wurde, die gegen Ende des Jahres 2003 fĂŒr Aufruhr sorgte. Die Situation der Bewegung in Italien liegt uns nah am Herzen, doch wir denken dennoch, dass es hier bedeutende Unterschiede zu anderen LĂ€ndern in Europa (und sonstwo) gibt. Dieser Text kommt daher aus einer spezifischen Situation und einer Kritik hervor, die darin gewachsen ist, wodurch er automatisch auch seine Grenzen kennt. Dennoch greift er Fragen auf, die alle etwas angehen. Und nicht nur diejenigen, die sich mit ein paar sonderbaren Versuchen konfrontiert sahen, die beabsichtigten, zu einer alternativen anarchistischen bewaffneten Organisation zu gelangen, wĂ€hrend sie mit Begriffen und Konzepten von dem spielten, was Insurrektionismus genannt wird (ein Wort das wir lieber loswerden, anstatt uns zueignen wollen, denn wir sehen keinen Sinn darin, eine reichhaltige und breite Kampfperspektive auf irgendeine Ideologie und ihre Rethorik zu reduzieren).

Es gibt ein paar grundlegende Ideen, die fĂŒr eine sinnvolle Diskussion ĂŒber diese Fragen unentbehrlich sind. Ansonsten verwĂ€ssert diese unvermeidlich zu einem quantitativen Gebot in scheinbarer RadikalitĂ€t, die oft mehr aus Worten als aus wirklichem Engagement besteht. Ausserdem ist es schwierig, solche Diskussionen losgelöst von anderen Fragen zu fĂŒhren, wie beispielsweise die Rolle der Propaganda, die Bedeutung von informeller Organisation, die Frage der Methoden. Auch hier verbergen sich die Grenzen dieses Textes und gleichzeitig die Öffnungen, um an Hand dieses Textes sinnvolle Diskussionen zu fĂŒhren.

Der Aufstand ist fĂŒr uns unbestreitbar ein soziales Ereignis. Sowohl der Aufstand wie die aufstĂ€ndische Methode sind ziemlich speziefische Konzepte, denen nicht einfach so irgendeine Auslegungen nach Geschmack und Moment gegeben werden kann. Eine solche linguistische VerwĂ€sserung trĂ€gt bloss zur Verwirrung bei, welche sehr praktische Folgen nach sich zieht. Der Aufstand ist der Prozess, wobei der Klassenantagonismus immer deutlicher an die OberflĂ€che tritt, bis zu dem Punkt, wo er seine ersten speziefischen Auslöser oder Ziele zurĂŒcklĂ€sst, alle sozialen Rollen auf den Kopf stellt und den Weg fĂŒr etwas völlig anderes öffnet. Die aufstĂ€ndische Methode ist also unter anderem die Entscheidung, sich an KĂ€mpfen mit beschrĂ€nkten Zielen zu beteiligen, die sich durch ihre Wahl des Angriffs und der Selbstorganisation auszeichnen, wobei der Bruch mit der NormalitĂ€t, das Anwachsen der SolidaritĂ€t und der Kampferfahrungen, die die revoltierenden Ausgebeuteten und UnterdrĂŒckten anwenden – und nicht die vielleicht auch nicht erreichten quantitativen Resultate – der Einsatz und der “Gewinn”sind. Es ist ein qualitativer Sprung nach vorne, die resolute Erkennung des Klassenfeindes und der Macht in ihren konkreten Strukturen.

Wie wir weiter oben bereits sagten, halten wir es fĂŒr wichtig, die wahre Bedeutung der Wörter und Konzepte nicht zu verdrehen oder auszuhöhlen. Die aufstĂ€ndische Methode ist eine Methode neben vielen anderen, und vorallem gibt es die ganze subversive Dynamik, worin sich die verschiedenen Methoden gegenseitig nĂ€hren und stimulieren. Mit anderen Worten, indem wir das Wort “Aufstand”in den Mund nehmen, haben wir nicht alles gesagt. An der Basis des sozialen Krieges, und somit von dessen aufstĂ€ndischen Äusserungen, steht die individuelle Revolte. Diese individuelle Revolte kann nach ihrer sozialen Bedeutung suchen und versuchen auf den Wogen der sozialen Konflikte schwimmen zu lernen. Andererseits kann sie auch selbst weiterwachsen und sich ausbreiten, ihre eigenen AusdrĂŒcke suchen, ohne dass sie deswegen aufhört, Teil des sozialen Krieges auszumachen. Als revoltierendes Individuum neben anderen revoltierenden Individuen, die ihre Wege zur Subversion je nach Geschmack und Möglichkeiten wĂ€hlen.

DarĂŒberhinaus soll der soziale Aspekt des Aufstandes nicht als quantitative Angelegenheit interpretiert werden. Als Individuum oder als kleine Gruppe von Individuen zu handeln bedeutet nicht, isoliert zu handeln und ebensowenig bedeutet eine handelnde Masse, dass ein aufstĂ€ndischer Prozess in Gang gesetzt wird. Es ist vielmehr die Dynamik des Konfliktes, die sozial ist und diese Welt der AutoritĂ€t und Ausbeutung in Frage stellt und angreifft.

Subversion ist nicht die quantitative Summe der Anzahl SchlĂ€ge, die wir dem Feind zusetzen. Sie ist nicht eine Frage des Masses an “RadikalitĂ€t” der Mittel, die verwendet wurden. Subversion liegt gerade in dem in Frage Stellen der gesamten Gesellschaft, dem auf den Kopf Stellen ihrer Ordung und der konsequenten Verweigerung der Rollen, die uns auferlegt werden. Unter den Mitteln, die wir dafĂŒr verwenden braucht keine Hierarchie angebracht zu werden. Es geht schlicht darum, alles was uns zur VerfĂŒgung steht zu vermischen und im richtigen Moment anzuwenden. Bedeutet dies, dass Worte alleine ausreichen? Nein, ebensowenig wie es bedeutet, dass Waffen alleine ausreichen. Bedeutet dies, dass wir gewisse Mittel nur gebrauchen können, wenn “die Masse”sie als positiv anerkennt? Nein, ebensowenig wie es bedeutet, dass wir nicht darĂŒber nachdenken können, welche Mittel in welchem Moment am geschicktesten sind. Um darĂŒber nachzudenken, können wir ein paar Sachen im Hinterkopf behalten. Wie beispielsweise die soziale Verbreitbarkeit von bestimmten Methoden. Technische Spitzenleistungen nehmen nur allzu oft den Platz einer subversiven Intelligenz ein. Auch KreativitĂ€t ist sozial und sicher keine rein technische Angelegenheit. Die Wahl unserer Ziele ist ebensowenig belanglos. Wenn wir die Macht als Winterpalast betrachten, den es einzunehmen gilt, wenn wir die Macht als eine ZentralitĂ€t betrachten, dann folgt daraus logischerweise, dass wir nur im Parlament einen wirklichen Feind erkennen. Wenn wir die Macht hingegen als etwas sehen, dass ĂŒberall verstreut in Strukturen und Personen Form annimmt, dann öffnet sich ein ganzes Spektrum von einfachen und breitgefĂ€cherten Angriffen. Dann spricht die Aktion von unserer Überzeugung, nĂ€mlich, dass die Macht ein soziales VerhĂ€ltnis ist, das ĂŒberall in Frage gestellt werden kann.

Diese Fragen sollen immer im Umlauf bleiben. Es ist wichtig, dass wir uns selbst nicht von ihnen abschirmen weil sie zu lÀstig sind. Diese Diskussionen können unsere Praktik und unsere Ideen nur schÀrfen, mit dem Schleifstein der Kritik und der Lehren, die wir aus Erfahrungen von anderen Kameraden ziehen.

[ĂŒbrnommen und ĂŒbersetzt von der, der niederlĂ€ndischen Übersetzung dieses Textes vorangestellten EinfĂŒhrung]

Über einige alte, aber aktuelle Fragen unter Anarchisten, und nicht nur


Ich bin gewiss nicht gewaltlos. Trotzdem kann ich diejenigen verstehen, die Gewalt so sehr verabscheuen, dass sie sie aus ihrem Leben verbannen wollen; diejenigen, die niemals töten wĂŒrden, niemals Gewalt anwenden wĂŒrden, um sich Gehör zu verschaffen, diejenigen, die es aufgrund ihres Charakters und ihrer persönlichen Haltung vorziehen, keinen Gebrauch von ihr zu machen. Ich kann all dies jedoch nur verstehen, wenn es sich um eine individuelle und sukzessive Entscheidung handelt. Wenn die Gewaltlosigkeit als Kampfmethode prĂ€sentiert wird, wenn sie als zu befolgender Weg vorgeschlagen wird, wenn die individuelle Ethik zu einer Moral und einem kollektiven Projekt wird, dann erscheint mir dies wahrlich als Schwachsinn, der einzig zur Rechtfertigung von UntĂ€tigkeit nĂŒtzt. Dann wird sie zum Hindernis fĂŒr jene, die rebellieren und zu einem absoluten Wert, der den Schwachen auferlegt wird, um den MĂ€chtigen zu ermöglichen, sich bequemer zurĂŒckzulehnen. Am Rande des Abgrunds, mit immer rutschigerem Boden unter den FĂŒssen und unter Feindesbeschuss, kann die Einladung, ausschliesslich gute Manieren zu gebrauchen, nur derart aussehen. Mach doch was du willst, aber spar dir die Predigten.

Dies gesagt, bin ich auch kein Fanatiker der Gewalt. Ich mag diejenigen nicht, die mit ihrer KĂŒhnheit in diesem Bereich prahlen. Ich rechtfertige ihre Verteidigung nicht als Ziel an sich. Ich verachte diejenigen, die sie als alleinige Lösung betrachten. Ich betrachte sie als Notwendigkeit im Kampf gegen die Herrschaft, und nichts weiter. Wie Malatesta glaube auch ich nicht an “stille UntergĂ€nge”. Ich glaube nicht, dass sich der Stahlbeton, mit dem die Macht unsere Existenz bedeckt hat, durch das ErblĂŒhen der Blumen der Freiheit auflösen wird, die durch Verbreitung unserer Ideen liebevoll gepflanzt wurden.

Eben weil ich nicht gewaltlos bin, kann ich die moralistische Verdammung von Gewaltakten nicht ausstehen. Deren Heuchelei verursacht Übelkeit in mir. Aber eben weil ich kein Fanatiker der Gewalt bin, kann ich die unkritische Verherrlichung solcher Akte ebensowenig ausstehen. Deren Dummheit geht mir wirklich auf die Nerven.

KĂŒrzlich sind einige Angriffe, die von unbekannten Kameraden erst gegen das PolizeiprĂ€sidium von Genua und dann gegen das spanische GefĂ€ngnisregime begangen wurden[1] in den Vordergrund getreten. Die hysterische Reaktion der Medien war ebenso vorhersehbar wie die Reaktion der Polizei. Aber wie ist die Reaktion der Kameraden? Abgesehen von den ĂŒblichen Trotteln, die der Suche nach den verborgenen BeweggrĂŒnden verfallen, ist Stille die hĂ€ufigste Reaktion. Eine notwendige Stille, um eine Trennung zwischen FĂŒrsprechern und Gegnern zu vermeiden, welche bloss den polizeilichen Ermittlungen zunutze kommen wĂŒrde. Doch schon fĂŒr zu lange Zeit begrenzt sich diese Stille nicht nur auf die Tage nach den Angriffen und erstreckt sich weit darĂŒber hinaus. Es ist nicht mehr Stille im Angesicht des Feindes, der gerne wissen wĂŒrde, es ist Stille unter Kameraden, die sich gerne verstehen wĂŒrden. Von der Anwesenheit einer minimalen Form von SolidaritĂ€t ist man zur Abwesenheit jeglicher kritischen Diskussion gelangt. Aber warum sollten Taten, welcherart auch immer sie sind, keiner kritischen Reflexion unterzogen werden? Warum sollte eine hypothetische Auseinandersetzung ĂŒber solche Fragen als Hindernis betrachtet werden, als wĂ€re es etwas, das darauf abzielt, Ă€hnliche Aktionen zu verhindern? Warum könnte es stattdessen nicht eine StĂŒtze sein, eine Methode um die Bedeutung dessen, was man tun will, zu klĂ€ren, um die Taten zu stĂ€rken und zu verbessern?

Ich fĂŒr meinen Teil habe mich entschieden, die kĂŒrzlichen Ereignisse als Ausgangspunkt nehmend, diesen Text zu schreiben und zu verbreiten. Seine anonyme Form grĂŒndet nicht in der Angst davor, Verantwortung fĂŒr meine Worte zu ĂŒbernehmen, sondern ist bloss ein Mittel, um mich in den Augen der Repression nicht von anderen Kameraden zu unterscheiden.

Bekennerschreiben ja, Bekennerschreiben nein

Soweit ich weiss (ich bin kein Experte auf dem Gebiet, daher könnte ich mich auch irren) mĂŒssen wir ins Russland des Jahres 1878 zurĂŒckgehen, um das erste Bekennerschreiben zum Angriff einer revolutionĂ€ren Organisation aufzufinden. Es handelt sich um eine BroschĂŒre namens Smert‘ za smert‘ (ein Tod fĂŒr einen Tod), welche nach dem Mord am General Mezencov, dem Kopf der russischen Geheimpolizei, von der Gruppe Narodnaja Volja[2] (Volkswille) verbreitet wurde. 13 Tage nach dem Mord wurde die BekennerbroschĂŒre einer Tageszeitung von St. Petersburg zugestellt. An den darauffolgenden Tagen gelangen viele weitere Kopien an zahlreiche RegierungsfunktionĂ€re in anderen StĂ€dten. Zu dieser Zeit erregte die Aktion grosses Aufsehen und es mangelte – natĂŒrlich – nicht an der Kritik von denjenigen, die dachten, dass die Anwendung solcher Mittel das wichtigere Werkzeug, die Propagierung der Idee einer Massenrevolte, weder ersetzen noch flankieren könne.

Seit damals hat sich diese Szene hunderte Male wiederholt. SelbstverstĂ€ndlich verĂ€ndern sich die Details von Mal zu Mal, aber die Substanz bleibt dieselbe. Man könnte fast sagen, dass die Erfahrung dieser russischen RevolutionĂ€re zu einer Art Archetyp wurde, zu einem Originalmodell, dessen nachfolgende Erscheinungsformen in Wahrheit nichts anderes als Herleitungen oder Imitationen sind. Die einzige VerĂ€nderung innerhalb dieses Schemas haben jene Anarchisten herbeigefĂŒhrt, die es nie fĂŒr nötig hielten, sich zu den eigenen Angriffsaktionen gegen die Macht politisch zu bekennen. TatsĂ€chlich trat die russische Gruppe “Volkswille”, obwohl sie “Aktivisten” mit verschiedensten Ideen versammelte, als zentralisierte Avantgarde hervor. Wie sich eine Aktivistin in ihren Memoiren erinnert, wurde im Innern dieser Organisation diskutiert, ob das zu befolgende Programm sein soll, «die Regierung zu zwingen, dem Volk zu erlauben seinen Willen frei und ohne Hindernisse auszudrĂŒcken und das politische und ökonomische Leben wieder aufzubauen
 oder ob die Organisation zuerst versuchen sollte, die Macht in ihre eigenen HĂ€nde zu nehmen, um dann von oben eine Verfassung zu erlassen, die zum Vorteil des Volkes wĂ€re».

Unter solchen Voraussetzungen kann man ihr BedĂŒrfnis sich zu bekennen und den Massen, die sie emporzuheben gedachten, und dem Feind, als dessen GegenstĂŒck sie sich betrachteten die GrĂŒnde fĂŒr ihre Aktion mitzuteilen gut verstehen. Schliesslich wollte sich diese Gruppe ans Volk wenden (wenn auch beinahe all ihre Mitglieder aus der wohlhabenderen Klasse kamen) und musste in dessen Namen mit der verfassungsgebenden Macht verhandeln, bis dahin, dass sie dem Thronfolger des Zaren einen Brief zuschickten, indem sie ihm Rat erteilten, welcher Politik er folgen sollte.

Aber wenn man weder irgendjemanden reprĂ€sentieren, noch sich als jemandes GegenstĂŒck hinstellen will, wieso dann CommuniquĂ©s verbeiten? Wenn man denkt, dass der Akt des Angriffs gegen die Macht in jedem Fall die soziale Revolution in Aussicht haben muss, und nicht deren Parodie in Form des bewaffneten Kampfes gegen den Staat sein kann, was kann dann das Ziel einer spezifischen bewaffneten Organisation sein?

Es scheint mir nicht, dass sich die Anarchisten in Vergangenheit durch den Gebrauch von Bekennerschreiben unterschieden haben. Diejenigen Anarchisten, die sich durch individuelle Taten aufopferten, wie Bresci[3] und Caserio[4] taten es aus offensichtlichen GrĂŒnden nicht. Jene Kameraden, die beabsichtigten eine kontinuierlichere AktivitĂ€t zu entwickeln, wie Ravachol[5] oder Henry[6], taten es genausowenig, wie die Kameraden, die sich mit anderen zur bewaffneten Aktion zusammentaten: Weder Di Giovanni[7] tat es, noch Durruti[8] oder Ascaso[9]. Und die GrĂŒnde dafĂŒr mussten wohl ziemlich ersichtlich gewesen sein. Mit dem Verlangen nach einer Revolution, die von der Basis ausgeht und dieser weder aufgezwungen wird, noch von oben herab lanciert wird, haben es all diese Anarchisten als zweckmĂ€ĂŸig erachtet, im Schatten zu handeln, indem sie versuchten, sich von allem fernzuhalten, was sie ins Rampenlicht bringen könnte. Sie zogen es vor, die GrĂŒnde fĂŒr ihre Aktionen von der Basis auskommen zu lassen, sodass es die Bewegung selbst war, die sie ausdrĂŒckte, anstatt einen Vorteil aus dem ausgelösten Wirbel zu ziehen, um sie von oben herab zu verbreiten, als eine offizielle Nachricht derer, die revoltiert hatten, an jene, die es nicht taten. Wenn die Bedeutung einer Aktion durch den sozialen Kontext nicht ersichtlich war, lĂ€sst sie sich in FlugblĂ€ttern, Zeitungen, Revues und innerhalb der theoretischen Debatte, die von der Bewegung als Gesmatheit entwickelt wurde finden, und nicht im CommuniquĂ© einer einzelnen Organisation. Ich mache ein Beispiel: Wenn die Bewegung fĂ€hig ist, ihre theoretische Kritik am GefĂ€ngnis auszudrĂŒcken und jemand zur praktischen Kritik ĂŒbergeht, dann besteht keine Notwendigkeit ein CommuniquĂ© zu schreiben, worin die GrĂŒnde dafĂŒr erklĂ€rt werden. Die GrĂŒnde seiner Geste sind bereits klar und verstĂ€ndlich. Wenn jemand ein Bekennerschreiben veröffentlichen will, dann nur, weil er sich selbst zur Schau stellen und die eigene IdentitĂ€t durchsetzen will. Der Angriff auf das PolizeiprĂ€sidium von Genua zum Beispiel, war so aussagekrĂ€ftig (was die Wahl des Ziels und des Momentes angeht), dass alle Worte ĂŒberflĂŒssig wurden. Warum wurde ein CommuniquĂ© in Umlauf gebracht, dass nichts als BanalitĂ€ten aussagte?

Es stimmt, dass der Fall der Angry Brigade[10]eine Art Ausnahme darstellt, die noch immer ein Thema fĂŒr Anarchisten ist, die sich fĂŒr ihre Aktionen bekennen. Nicht durch Zufall scheint eben diese Erfahrung fĂŒr viele Kameraden, die heute die Macht angreifen, eine Art Vorbild darzustellen. Und dennoch scheint mir das Beispiel nicht wiederholbar zu sein, es sei denn, man wolle sich in ein Nachahmeverhalten stĂŒrzen. Einerseits ist es unmöglich, ausser Acht zu lassen, dass die Angry Brigade in einem historischen Kontext eingefĂŒgt war, in welchem sie heranreifte (Anfangs der 70er Jahre). Zu einer Zeit, als viele stalinistische Gruppen entsetzliche ideologische Schinken aussĂ€ten, um ihr eigenes politisches Projekt zu propagieren und sich anschickten die Dimension des bewaffneten Angriffs zu dominieren, scheint es mir nicht unsinnig, dass sich so mancher Anarchist absondern wollte, um das Risiko nicht einzugehen, ungewollt Wasser auf die MĂŒhlen Anderer zu gießen. Von der Wahl des Namens und jener mancher Ziele, bis hin zum Stil ihrer CommuniquĂ©s schien sich alles tendenziell vom politischen Zerfall zu unterscheiden, der sie umgab. Aber, die ganze stalinistische Ideologie einmal ĂŒberholt, welche Bedeutung kommt der Entscheidung zu, sich als Anarchist zu kennzeichnen; welchen Sinn hat es, diese SelbstreprĂ€sentation fortzufĂŒhren? In LĂ€ndern wie Spanien vielleicht, wo alle Aktionen, einschliesslich der anonymen, regelmĂ€ssig der ETA[11] zugeschrieben werden, aber sicher nicht hier in Italien. TatsĂ€chlich haben Angriffsaktionen seit Jahren keine CommuniquĂ©s hervorgebracht, ausser hin und wieder mal etwas kurzes und einfaches, dass die Verwendung jeglicher identitĂ€ren Kennzeichnung ablehnte. Es sollte ĂŒberflĂŒssig sein, die GrĂŒnde dafĂŒr darzulegen: eine Aktion kann nur allen gehören, wenn sie sich niemand selbst zuschreibt. Von dem Moment an, wo man sich mit einer IdentitĂ€t bekennt, entsteht eine Trennung zwischen jenen, die sie ausfĂŒhrten und allen anderen. DarĂŒber hinaus sollte es auch nicht nötig sein, an die Gefahren zu erinnern, die jedem Bekennerschreiben beiwohnen. Es ist gefĂ€hrlich es zu ĂŒbergeben, es zu verschicken, und vor allem ist es gefĂ€hrlich, es zu schreiben, denn je mehr man schreibt, desto mehr Hinweise gibt man der Polizei (eine alles andere als hypothetische Gefahr, angesichts dessen, dass es zumindest ein negativer PrĂ€zedenzfall[12] existiert, der anarchistische Kameraden getroffen hat). Ein anonymer Angriff erlaubt niemandem hervorzutreten und vereinfacht nicht die repressive Arbeit der Polizei.

Wenn die GrĂŒnde, die zur AnonymitĂ€t raten, nun mehr als einmal ausformuliert wurden, wurden es jene, die davon abraten hingegen nicht. Seit einigen Jahren haben sich die Dinge verĂ€ndert, ohne dass es zu einer Diskussion kam, die ermöglicht hĂ€tte, die GrĂŒnde einer solchen VerĂ€nderung zu verstehen (deshalb erscheinen sie verdunkelt und eher an emotionale Reaktionen gebunden, als an bestimmte Ziele). Jedenfalls ist es heute ziemlich schwierig eine Aktion zu finden, die nicht von einem schönen offiziellen CommuniquĂ© begleitet wird, mit seinen Slogans und Unterschriften im Anhang. Und weshalb? Stille
 Findet man sich auf diese Weise nicht im Avantgardismus wieder? Das Risiko ist so offensichtlich, dass es unter eben diesen Autoren von Bekennerschreiben diejenigen gibt, die selbst proklamieren, gegen jeglichen Avantgardismus zu sein, in der Hoffnung, dass es ausreicht, dies zu sagen, damit es auch so ist. Aber «sich entschuldigen ist, sich anzuschuldigen». Es ist die verwendete Methode selbst, die avantgardistisch ist und manchmal sogar die deutlich verkĂŒndeten Inhalte (wie in dem quĂ€lenden CommuniquĂ© der ARA[13] nach dem Angriff auf dem Palazzo Marino). Es ist von geringer Bedeutung, ob die Slogans nun zum sozialen Krieg, anstatt zur Diktatur des Proletariats aufrufen. Egal, ob die Unterschriften immer wieder wechseln. Das zeigt nur, dass die anarchistischen “Avantgardisten” im Vergleich zu den stalinistischen flexibler sind, doch nichts desto trotz verspĂŒren sie das BedĂŒrfnis, sich vom Rest der Bewegung zu unterscheiden.

Es reicht nicht den Ausgangspunkt der Angry Brigade anzunehmen, um das Problem zu lösen. Ich weiss sehr wohl, dass die Angry Brigade bekrĂ€ftigte: «Wir sind nicht in der Position zu sagen, ob eine Person ein Mitglied der Brigade ist oder nicht. Alles was wir sagen ist: Die Brigade ist ĂŒberall. Ohne irgendein Zentralkommitee und ohne Hierarchie zur Einteilung unsere Mitglieder können wir die Unbekannten nur durch deren Aktionen als Freunde erkennen». Ich weiss auch, dass sich ihre Teilnehmer nicht als Organisation oder als einzelne Gruppe betrachteten, sondern als «ein gegen den Staat und seine Institutionen gerichteter Ausdruck von Wut und Unzufriedenheit vieler Leuten im ganzen Land. In diesem Sinn ist die Angry Brigade stets gegenwĂ€rtig (der Mann und die Frau, die neben dir sitzen)». Aber all dies zeugt nur von den guten Absichten dieser Kameraden, von ihrer Sorge darĂŒber, sich nicht als Avantgarde hinzustellen, aber es zeigt nicht, ob sie mit ihrem Vorhaben tatsĂ€chlich Erfolg hatten. Eine Signatur, die ein Symbol fĂŒr die verbreitete Wut sein soll, hat keine Bedeutung. Damit sich jeder darin wiedererkennen kann, mĂŒssen die Aktionen und die Worte, die die Aktionen erklĂ€ren, von jedem verstanden und geteilt werden. Man kann nicht eine allgemeine kollektive IdentitĂ€t anbieten und verlangen, dass jeder seine konkrete IndividualitĂ€t verleugnet. Dies kann man nur tun, wenn die verwirklichten Aktionen und die ausgesprochenen Worte auf einem solch minimalen Niveau bleiben, das es Abweichungen soweit wie möglich begrenzt: Sehr simple und exemplarische Aktionen begleitet von maximalistischen Slogans. All das – vorausgesetzt, dass es die MĂŒhe wert wĂ€re – kann nur ĂŒber kurze Zeit funktionieren, infolge derer sich andere Faktoren einschalten, die Teil jedes Steigerungsprozesses sind und die FortfĂŒhrung des Experimentes unmöglich machen: Es gibt jene, die zu mĂ€chtigeren Mitteln ĂŒbergehen wollen, die ausgewĂ€hltere Ziele treffen wollen, die prĂ€zisiere Konzepte zum Ausdruck bringen wollen
 Selbst die ALF, die doch aus einer Motivation heraus kĂ€mpft, die im Grunde ziemlich simpel und eindeutig ist (die Tierbefreiung), wies die ersten negativen Abweichungen auf, sobald sie eine gewisse Ausbreitung erlangte. MĂŒde von der Verworrenheit des Projektes, vom Minimalismus der Ziele und der Deklarationen der WortfĂŒhrer, bildeten sich andere TierschĂŒtzergruppen. Nicht der einzige, aber der schlimmste Aspekt ist, dass sich all diese Gruppen gezwungen sahen, sich selbst einen neuen Namen zu geben, um zu vermeiden, in den selben Topf geworfen zu werden. Denn das Mittel des Bekennerschreibens ist, mit aller SchĂ€dlichkeit, die dies mit sich bringt, ein streng politisches. Solange alle in der AnonymitĂ€t verbleiben, kann man tun was man will, ohne sich mit anderen zu verwickeln oder auf deren RĂŒcken zu reiten. Nicht aber, wenn jemand aus dem Wasser steigt; dann zwingt dieser auch die Anderen aufzutauchen, um nicht als schlichte Heereskolonnen wahrgenommen zu werden. Dieser Mechanismus der Identifikation/Assimilation kann nur durch AnonymitĂ€t, DiversitĂ€t der Mittel und Fantasie in der Wahl der Ziele vermieden werden, anderfalls (wie viele Vorsichtsmassnahmen man auch treffen mag) können die Medien niemals daran gehindert werden, diesen Mechanismus (noch viel stĂ€rker, als durch die CommuniquĂ©s, die man eben diesen sendet) in Gang zu setzen.

Ich wiederhole, mit dem Gesagten denke ich nicht, dass man die guten Absichten dieser Kameraden bezweifeln kann. Dennoch sind sie meiner Meinung nach Opfer eines Irrtums: Zu denken, dass eine Methode anarchistisch wird, in den HĂ€nden desjenigen, der sie anwendet. Dem ist nicht so. Eine spezifische Organisation mit ihrem Kennzeichen und ihren CommuniquĂ©s ist avantgardistisch – jenseits der einzelnen Personen, die Teil davon sind. Worin liegt der Sinn, den Bullen direkt ein Bekennerschreiben zukommen zu lassen? Worin liegt der Sinn, zu erklĂ€ren, was nicht erklĂ€rt zu werden braucht? Abseits vom revolutionĂ€ren Mythos hat das alles nur fĂŒr einen Avantgardisten einen Sinn, der sich selbst im Bezug auf die Gesamtheit der Bewegung als etwas anderes und besseres sieht.

Welche Ziele?

Die avantgardistische Logik ist steif; wenn man sie sich einmal angeeignet hat, wendet man sie ĂŒberall an. Es genĂŒgt an die Wahl der Ziele zu denken, an die deprimierende Entwicklung, die sie im Laufe der Jahre von anonym fallenden Hochspannungsmasten zu einer – mit beigelegtem Brief – ans Fernsehen gesendet Briefbombe gebracht hat. Im ersteren Fall wollen sie den Feind sabotieren und das Funktionieren seines Systems durch das Ausserkraftsetzen einer peripheren Struktur blockieren. Es handelt sich um eine praktische Angriffshandlung, die vielleicht etwas aufwendig zu realisieren ist, aber niemanden in Gefahr bringt. Im zweiten Fall will man bloss zum GesprĂ€chsthema werden, Werbung fĂŒr das eigene Unternehmen machen, und darum wenden sie sich direkt an die TĂŒren des RAI [Italineischer Nationalfernsehsender]
 Es ist eine rein symbolische Aktion, um vieles leichter zu realisieren, und wenn man einen unglĂŒcklichen Arbeiter der Post oder des Fernsehens in Gefahr bringt
 wen kĂŒmmert das schon. Es scheint, dass nicht nur die Jesuiten denken, dass das Ziel die Mittel rechtfertigt, sondern auch gewisse Anarchisten. Und in Bezug auf Briefbomben


Ich war ungerecht. Ich sagte, dass diejenigen, die sie verschickten nur von sich reden machen wollten. Ich vergass hinzuzufĂŒgen, dass sie, neben der Selbstbefriedigung, auch wollten, dass ĂŒber etwas anderes gesprochen wird. Zum Beispiel ĂŒber die Haftbedingungen einiger Anarchisten und Rebellen in Spanien. Auch die russischen revolutionĂ€ren Sozialisten von 1878 teilten eine Ă€hnliche Sorge. In einem ihrer berĂŒhmten Dokumente schrieben sie: «Wenn die Presse die Gefangenen nicht verteidigt, dann werden werden wir das tun».Heute sind es die Gruppen der 5C[14]. Anarchisten, nicht revolutionĂ€re Sozialisten. Anarchisten wie May Piqueray, der 1921 eine Paketbombe an den amerikanischen Botschafter in Paris sandte, um gegen die Stille zu protestieren, die um die Inhaftierung von Sacco und Vanzetti vorherrschte. Die Aktion war von grossem Erfolg gekrönt, da die von der amerikanischen Regierung begangene Misshandlung endlich öffentlich bekannt wurde und einen Kampf lancierte, der MĂŒhe hatte, ins Rollen zu kommen.

Aber nachdem man sich dieser Ähnlichkeit zwischen Gegenwart und Vergangenheit Bewusst wurde, muss man Scheuklappen aufhaben, um nicht auch die riesigen Unterschiede zu erkennen. Die russischen Sozialisten töteten den Chef der Geheimpolizei infolge des Todes von einem ihrer Kameraden im Knast: Ein Tod fĂŒr einen Tod eben. Der französische Anarchist tötete den höchsten Vertreter der amerikanischen Regierung in Frankreich, um die NiedertrĂ€chtigkeit der amerikanischen Justiz öffentlich zu machen. Die Anarchisten der 5C ĂŒbergeben ihre Geschenke heute an niemand geringeres, als an die Angestellten von RAI, oder an die SekretĂ€re der spanischen ReisebĂŒros. Der Unterschied mĂŒsste ins Auge springen. Gewiss, diejenigen, die materiell fĂŒr das GefĂ€ngnisregime Verantwortlich sind, welches den HĂ€ftlingen aufgezwungen wird, sind weit entfernt und wahrscheinlich zu gut geschĂŒtzt, um erreichbar zu sein, wĂ€hrend die Interessen des spanischen Staates hingegen ĂŒberall sind und deshalb angegriffen werden können. Aber werden diese Interessen etwa von Angestellten verkörpert, die in ReisebĂŒros arbeiten? Und warum beharrt man darauf, einen medialen Effekt zu suchen, als ob man die Tatsache ignorieren könnte, dass die grossen Kommunikationsmittel die Worte der Rebellen nur dann verstĂ€rken, wenn sie deren Bedeutung verzerren können? Und wieso nicht in Betracht ziehen, dass solche Aktionen diese Verzerrungsoperationen nur allzu einfach machen? Durch das Versenden von Briefbomben nach links und rechts bringt man sie zweifellos dazu, ĂŒber die inhaftierten Kameraden in Spanien zu sprechen, jeder wird ĂŒber sie sprechen, aber auf welche Weise? NatĂŒrlich in der Weise, die von den Medien auferlegt wird, die sich beeilen werden, jene Idee zu bestĂ€rken, die in vielen Köpfen verwurzelt ist: dass diese Gefangenen, wenn sie solch skrupellose Verfechter an ihrer Seite haben, letzten Endes das harte Regime auch verdienen.

Das Problem ist, dass jene, die denken, dass sie weiter vorne stehen und radikaler sind als die Anderen, dies aus einem bestimmten Grund tun. In diesen FĂ€llen liegt der Grund im Gebrauch von gewissen Instrumenten: diejenigen, die reden, schwatzen bloß, diejenigen, die bewaffnet angreifen, agieren. All diese perfekten bewaffneten KĂ€mpfer haben sich in ihre Instrumente verliebt. Sie lieben sie so sehr, dass die Waffen aufhören, solche zu sein. Sie werden zum Selbstzweck, sie werden zum Daseinsgrund. Sie wĂ€hlen nicht die fĂŒr den Zweck am besten geeigneten Mittel, sie verwandeln das Mittel zum Zweck an sich. Wenn ich eine Fliege an der Mauer totschlagen will, dann verwende ich eine zusammengerollte Zeitung, wenn ich eine Maus töten will, dann verwende ich einen Stock, wenn ich einen Menschen töten will, dann verwende ich einen Revolver, wenn ich ein GebĂ€ude zerstören will, dann verwende ich Dynamit. Je nach dem was ich tun will, wĂ€hle ich von all den Mitteln, die mir zur VerfĂŒgung stehen jenes, das ich fĂŒr das passendste erachte. Der bewaffnete KĂ€mpfer nicht. Er ĂŒberlegt nicht so. Er möchte ausschliesslich sein bevorzugtes Instrument verwenden, jenes, das ihm am meisten Befriedigung verschafft, jenes, das ihn sich radikaler fĂŒhlen lĂ€ĂŸt, jenes, das es ihm erlaubt, sich in seinem Medienruhm zu aalen, und er verwendet es unabhĂ€ngig vom Ziel, dass er sich vornahm: er schiesst auf Fliegen, rattert mit dem Maschinengewehr auf die Maus, dynamitisiert den Menschen und falls er es könnte, wĂŒrde er eine Atombombe verwenden, um das GebĂ€ude in die Luft zu jagen. FĂŒr den bewaffneten KĂ€mpfer besteht die RadikalitĂ€t eines Kampfes nicht aus seiner Verbreitung und Tiefe, aus seiner KapazitĂ€t den sozialen Frieden in Frage zu stellen. FĂŒr den bewaffneten KĂ€mpfer ist RadikalitĂ€t schlicht eine Frage der Feuerkraft: eine Kaliber 22 Pistole ist nicht so radikal wie eine 38er, welche weniger radikal ist wie eine Kalaschnikov, die wiederum weniger radikal ist wie der Plastiksprengstoff. Und aus diesem Grund, nach Ruhm dĂŒrstend und durch seine eigene technizistische Vergötterung stumpfsinnig gemacht, verschickt er Briefbomben an einfache Angestellte, um das FIES GefĂ€ngnisregime zu bekĂ€mpfen. Er macht das, weil es die einzige Sache ist, die er zu tun weiss; die Technik begleitet die Intelligenz nicht, sondern ersetzt sie, und somit hĂ€lt er nicht inne, um sich fĂŒr einen Augenblick zu fragen, ob die Mittel fĂŒr das Ziel angebracht sind, das er erreichen will. Was die Skrupel betrifft, so hat er aus dem einfachen Grund keine, da in seinem Kopf alles in Schwarz und Weiss aufgeteilt ist, ohne Farbschattierungen. Auf der einen Seite ist der Staat, auf der anderen sind die Anarchisten. Es gibt niemanden in der Mitte. Wenn man nicht Anarchist ist, gehört man zum Staat und ist somit ein Feind. Die Ausgebeuteten sind ebenso verantwortlich fĂŒr die Bedingungen, welche sie hinnehmen, wie die Ausbeuter, die ihnen diese aufzwingen: Sie sind alle Feinde, darum scheiss auf sie.

Eigenartigerweise gewinnt diese typisch militaristische Logik unter einigen anarchistischen Kameraden an Boden, bei welchen es nicht an jenen mangelt, die sogar die palĂ€stinensischen Kamikazeaktionen unterstĂŒtzen. Unglaublich, wenn man bedenkt, dass solche Stufen der NiedertrĂ€chtigkeit selbst den russischen RevolutionĂ€ren am Ende des 19ten Jahrhunderts fern lagen: avantgardistische AutoritĂ€re ja, aber mit einer strikten Ethik, dazu bereit, einen Ausbeuter zu töten, aber ohne ein Haar eines einzigen Ausgebeuteten zu krĂŒmmen. Und wenn dem bei den AutoritĂ€ren eine solche Aufmerksamkeit zukam, dann stell dir erst die Anarchisten vor! Es mangelt nicht an Beispielen was dies betrifft: sogar Schicchi, der fĂŒr seine harte Sprache bekannt ist, war fĂ€hig, dorthin zurĂŒckzukehren, wo er eine Bombe hinterliess, um sie zu entschĂ€rfen, als er realisierte, dass irgendein unbeteiligter Passant verwundet werden könnte.   

Aber das Bild des Anarchisten aus der Vergangenheit, der perfekte Gentleman, ist zu gutmenschlich und wenig befriedigend fĂŒr gewisse Anarchisten von Heute. Anarchisten, die ihrem Leben nur dann einen Sinn geben können, wenn sie fĂŒhlen, dass sie von öffentlicher Missbilligung getroffen werden. Je mehr etwas verurteilt wird, desto mehr fĂŒhlen sie sich davon angezogen. Je mehr die Zeitungen und Richter die Anarchisten als skrupellose Leute bezeichnen, desto mehr strengen sie sich an, diese Rolle zu erfĂŒllen. Jeglicher eigenen Perspektive beraubt, lassen sie sich von ihren Feinden sagen, was sie sind und was sie zu tun haben.

Eine weitere Konsequenz dieser Ereignisse ist die völlige Verdunkelung der Bedeutung des Begriffes “aufstĂ€ndisch”, der heute zunehmends als Synonym fĂŒr “gewalttĂ€tig” verwendet wird, oder fĂŒr die blosse Tatsache, sich dem Dialog mit den Institutionen zu entziehen. AufstĂ€ndische sind jene Anarchisten, die Bomben legen, AufstĂ€ndische sind jene Anarchisten, die Scheiben einschlagen, AufstĂ€ndische sind jene Anarchisten, die sich mit der Polizei konfrontieren, AufstĂ€ndische sind jene Anarchisten, die Demonstrationen von politischen Parteien bekĂ€mpfen, und so weiter. Nicht ein Wort ĂŒber die Ideen. In gewisser Weise wiederholt sich genau das, was am Anfang des Jahrhunderts mit dem Adjektiv “individualistisch” geschah. Zu einem gegebenen Moment gelangte man zur Überzeugung, dass all jene Individualisten seien, die Akte individueller Gewalt unterstĂŒtzen. Der Begriff wurde mehr oder weniger ĂŒberall und oft und gerne Unsinnig verwendet. Wer hielt in der Hektik der Ereignisse schon inne, um die Verwirrung, die sich verbreitete klarzustellen? Die Anwendung von individueller Gewalt ist nicht im geringsten eine typische Eigenheit des Individualismus. Es gab auch pazifistische individualistische Anarchisten (sowie Tucker[15]) oder gewaltlose (sowie Mackkay[16]). Und vielleicht war auch Galleani[17] ein Individualist? Und doch unterstĂŒtzte er individuellen Aktionen
 wie es auch Malatesta unter bestimmten UmstĂ€nden tat. Und auch an Kommunisten, die individuelle Taten befĂŒrworten mangelt es nicht. Leider verfestigte sich die Verwirrung so sehr, dass es sogar diejenigen gab, die sich selbst Individualisten nannten, obwohl sie es nicht im Geringsten waren (wie es Schicchi beim Pisa-Prozess tat). MissverstĂ€ndnisse, UnverstĂ€ndnisse
 Es geht bestimmt nicht darum, zu einer solchen Verwirrung beizutragen. Dass die Medien das tun, ist ziemlich offensichtlich und nachvollziehbar. Aber warum sollten wir es auch tun?   Der Aufstand ist ein soziales Ereignis. Er ist nicht eine Herausforderung zur einen Schlacht gegen den Staat, von denjenigen in die Wege geleitet, die glauben, dass die Massen nur Schafe sind, die darauf warten, geschoren zu werden. Der Gebrauch von Gewalt ist in einem aufstĂ€ndischen Projekt unvermeidbar und notwendig, wĂ€hrend des aufstĂ€ndischen Momentes genauso wie auch davor (denn der soziale Aspekt des Aufstandes kann niemals zur Rechtfertigung einer Wartehaltung dienen). Daher ist es auch jetzt so. Doch diese Gewalt kann sich nicht vom Rest des Projektes loslösen, sie kann nicht dessen Platz einnehmen. Es ist die Gewalt, die dem Projekte als Instrument zur VerfĂŒgung steht und nicht das Projekt, das der Gewalt als Vorwand zur VergfĂŒgung steht. Wer denkt, dass ein Aufstand nicht möglich sei, wer das Vertrauen in die Möglichkeit verloren hat (oder niemals hatte), dass die Ausgebeuteten rebellieren werden, der sollte sich ĂŒber die Distanz bewusst werden, die ihn von jeglicher aufstĂ€ndischen Perspektive trennt. Wenn er seinen privaten Krieg gegen die Macht fĂŒhren will, denn zu dem ist es geworden, dann soll er dies nur tun, aber ohne es als sozialen Krieg auszugeben. Wenn er mit seinen Aktionen in die Geschichte eingehen will, um der reinen SelbstbeweihrĂ€ucherung wegen, dann soll er es sich unter den Scheinwerfern der Medien nur bequem machen, aber ohne vorzugeben, den Rest der Bewegung hinter sich zu haben.

Es versteht sich von selbst, dass jeder frei ist, das zu tun, was er will. FĂŒr diejenigen, die denken, oberhalb jeglicher Kritik zu stehen und somit nur gelobt, verstanden und nachgeahmt werden zu können, ohne dass sie es jemals fĂŒr nötig hielten, die GrĂŒnde fĂŒr ihre Methoden darzulegen, gilt das viel weniger.

[1] Am 12. September 2002 explodieren zwei selbstgebaute SprengsÀtze bei einem Polizeikommissariat in Genua. Die Fensterscheiben des Kommissariats zerbersten. Die Aktion wird in einem Communiqué mit Brigade 20. Juli [Der Tag an dem Carlo Guiliani in Genua ermordet wurde] unterzeichnet. Am 13. Dezember 2002 empfÀngt die Iberia-GeschÀftsstelle [Spanische Flugzeuggesellschaft] in Rom eine (als Buch getarnte) Packetbombe. An den folgenden Tagen erhalten auch die Iberai-GeschÀftsstellen in Milano und Fiumicino Paketbomben. Auch das RAI [Italienischer Nationalfernsehsender] empfÀngt ein solches Packet. Die 5C [Cellule contre il capitale, il carcere, i carcerieri e le loro celle] bekennt sich zu den Packetbomben. Am 16. Juni 2003 bekennt sich die 5C zu einem weiteren Bombenanschlag gegen das Spanische Cervantes-Institut in Rom.

[2] Naradnja Vola [Volkswille] – Diese russische RevolutionĂ€re Organisation wurde 1879 gegrĂŒndet und versammelte Militante mit unterschiedlichen Ideen, die sich den Kampf gegen die Autokratie zum zentralen Ziel machten. Die Organisation war zentralisiert und operierte im Schatten. In mehr als 50 StĂ€dten gab es Abteilungen der Naradnja Volja. Obwohl sie effektiv nie mehr als 500 Leute waren, haben sich viele tausend Leute an der Organisation beteiligt. Die Organisation teilte verschiedene Zeitungen aus, wĂ€hrend sich die Entscheidung fĂŒr AnschlĂ€ge mit der Zeit zu verbreiten begann. Sie planten sieben AnschlĂ€ge gegen den Zar Alexander II (der siebente glĂŒckte). Nach diesem Anschlag macht die Regierung aus Angst vor einem Aufstand einige demokratische ZugestĂ€ndnisse. Da dieser jedoch ausblieb, schlug die Repression zu und die Organisation fiel auseinander.

[3] Gaetano Bresci (1869 – 1901) – Schon mit jungen Jahren arbeitet Bresci in der Italienischen Textilindustrie.Von diesem Moment an suchte er Kontakte innerhalb des anarchistischem Milieues von Prato. Er landete zwei mal im GefĂ€ngnis. Das zweite mal wird ihm Amnestie gewĂ€hrt und er beschliesst 1896 in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Er lĂ€sst sich in New York nieder. 1898 bricht in Milano aufgrund von Preiserhöhungen eine Revolte aus. Der General Bava Beccaris lĂ€sst die Soldaten mit Kanonen auf die Massen schiessen und entfesselt nach der Niederschlagung der Revolte eine blutige Repression. Anschliessend an diese Ereignissen wird der General Beccaris vom König Umberto I mit einem Orden ausgezeichnet. In diesem Moment beschliesst Bresci zur Rache ĂŒberzugehen. Er kehrt nach Italien zurĂŒck und tötet den König Umberto I am 29. Juli 1900 mit drei RevolverschĂŒssen. Er wird festgenommen und am 29. August in Milano zu lebenslĂ€nglicher Zwangsarbeit in Santo Stefano verurteilt. Am 22. Mai 1901 wird er in seiner Zelle aufgehĂ€ngt vorgefunden, mit grosser Wahrscheinlichkeit wurde er ermordet.

[4] Sante Geronimo Caserio (1873 – 1894) – Caserio wird in eine Bauernfamilie geboren. Als er zehn jahre alt war, stirbt sein Vater an der zu einseitigen MaisernĂ€hrung. Er wollte seiner Mutter und seinen BrĂŒdern und Schwestern nicht lĂ€nger zur Last fallen und zog nach Milano, wo er BĂ€ckerslehrling wird. Sehr schnell geriet er in Kontakt mit den anarchistischen Milieues. Er stellte selbst einen kleinen anarchistischen Kreis auf die Beine, “A Pù“ [frei ĂŒbersetzt “auf nackten FĂŒssen“, auf die Armut verweisend]. Ab einem gewissen Punkt gerĂ€t er in das Visier der Polizei und ist gezwungen zu flĂŒchten, zuerst in die Schweiz und dann nach Frankreich. WĂ€hrend einer öffentlichen Zeremonie in Lyon am 24. Juni 1894 tötete er den Französischen PrĂ€sidenten Carnot. Er bohrte seinen Dolch mit rot-schwarzem Griff in das Herz des PrĂ€sidenten. Er versuchte nicht zu flĂŒchten, sondern begann um den Zeremoniewagen zu laufen und «lang lebe die Anarchie» zu rufen. Am 2. und 3. August 1894 wird er verurteilt, am 16. August wird er auf der Guillotine umgebracht. Kurz vor seiner Exekution rief er: « Habt Mut Freunde! Es lebe die Anarchie! ». WĂ€hrend seines Prozesses zeigte er keine Reue, bat nicht um Gnade und weigerte sich, die Namen seiner Komplizen preiszugeben.

[5] François Claudius KoĂ«ningstein alias Ravachol (1859 – 1892) – Ravachol erlebte eine schwere Kindheit. Schon mit acht Jahren irrt er durch die dunklen GĂ€sschen der Gesellschaft. Er arbeitet, um Mutter, Schwester, Bruder und Neffen zu unterhalten, wĂ€hrend er Sonntags in Saint-Etienne Akkordeon spielt. Sehr bald eignet sich Ravachol anarchistische Ideen an. Am 1. Mai 1891 findet in Fourmies eine Demonstration fĂŒr den Achtstundentag statt. Es brechen Ausschreitungen aus und die Polizei schiesst auf die Demonstranten. Neun Demonstranten (MĂ€nner, Frauen und Kinder) werden getötet. Am selben Tag findet in Clichy eine Demonstration statt, woran sich auch die Anarchisten beteiligen. Es kommt zu schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei. Nach einer kurzen Schiesserei, wobei einige Beamte getroffen wurden, werden drei Anarchisten ins Kommisariat von Clichy abgefĂŒhrt. Dort wurden sie verhört und geschlagen. Es folgt ein Prozess: Decamps wird zu 5 Jahren und Dardare zu 3 Jahren verurteilt, LĂ©veillĂ© wird freigesprochen. Bulot, der öffentliche AnklĂ€ger forderte die Todesstrafe. Ravachol (flĂŒchtig mit einer Anklage fĂŒr Verleumdung) und einige andere Kameraden entscheiden sich ein paar AnschlĂ€ge zu organisieren. Am 7. MĂ€rz 1892 misslingt ein Anschlag auf das Komissariat von Clichy. Am 11. MĂ€rz 1892 explodiert das Haus des Rechtsanwaltes Benoit (Vorsitzender des Assisenhofes, der sich um die Sache von Clichy kĂŒmmert). Am 27. MĂ€rz ist das Haus des öffentliche AnklĂ€gers Bulot an der Reihe. Am 30. MĂ€rz wird Ravachol nach einem Anschlag auf das Bourgeoisierestaurant VĂ©ry in Paris verhaftet. Erst wird er zu lebenslanger Haft verurteilt, doch in einem zweiten Prozess bekommt er die Todesstrafe. Am 11. Juli 1892 wird er mit der Guillotine getötet.

[6] Émile Henry (1872 – 1894) – Nach der Kommune von Paris 1871 muss die Familie von Henry nach Spanien flĂŒchten, um der Todesstrafe zu entkommen. Dort werden Émile und sein Brude geborden. Nach dem Waffenstillstand von 1882 kehrten sie nach Frankreich zurĂŒck. Henry schloss mit Glanz sein Studium als Buchhalter ab. Erst vom Sozialismus angezogen, kehrt er sich um 1891 von dieser Strömung ab. « Ich hielt zu viel von der Freiheit, hatte zu viel Respekt fĂŒr individuelle Initiativen, zu viel Abneigung fĂŒr Konformismus, um mir ein NĂŒmmerchen fĂŒr die geordnete Armee des vierten Staates zu ziehen. » Henry kam in Kontakt mit den anarchistischen und individualistischen Milieues um die Jahrhundertwende. Am 8. November 1892 platzierte er eine Bombe beim BĂŒro des Minenunternehmens Carmaux. Der Hausmeister des GebĂ€udes findet sie und bringt sie ins Polizeikommisariat in der Rue des Bons Enfants. Dort explodiert die Bombe. FĂŒnf Polizisten sterben und ein sechster erleidet an einem Herzanfall. Am 12. Februar 1894 betritt er um 9 Uhr Morgens das bourgeoise CafĂ© Terminus in Paris. Er wirft einen metallenen Kessel voller Sprengstoff in die Luft und die Bombe explodiert. Zwanzig Menschen werden verwundet und einer stirbt anschliessend aufgrund seiner Verletzungen. Das CafĂ© selbst ist eine Ruine. Am 21. Mai 1894 wird Henry (zu dieser Zeit 21 Jahre alt) auf der Guillotine umgebracht.

[7] Severino Di Giovanni (1901 – 1931) – Di Giovanni wird in Italien geboren. Seine Rebellion begann mit sehr jungen Jahren. 1921 schloss er sich der anarchistischen Bewegung an. Als Mussolini 1922 an die Macht kam, entschied er sich nach Argentinien zu ziehen. Dort brachte er ab 1925 die italienischsprachige Zeitschrift Culmine heraus, womit er nicht nur agitierte, sondern auch Verbindungen zwischen verschiedenen anarchistischen Gruppen in der Region und der ganzen Welt schloss. Di Giovanni propagierte die Notwendigkeit vom Gebrauch revolutionĂ€rer Gewalt. Er verĂŒbt verschiedene BombenanschlĂ€ge und plante ÜberfĂ€lle, um das Herausbringen von BĂŒchern und von Culmine zu finanzieren. Er beteiligte sich auch an der SolidaritĂ€tsbewegung gegen die Exekution von Sacco und Vanzetti. Bei einige Aktionen fielen Tote, worauf ihn ein Teil der anarchistischen Bewegung abschrieb. Nach einem Schusswechsel mit der Polizei wird Di Giovanni verhaftet. 24 Stunden spĂ€ter, am 1. Februar 1931 wird er hingerichtet.Siehe Severino Di Giovanni, Elephant Editions, London

[8] Buenaventura Durruti (1896 – 1936) – Durruti wird in Spanien in eine Arbeiterfamilie geboren. Ab 1913 arbeitet er an der Drehbank und schliesst sich der Metallarbeitergewerkschaft an. Ein Jahr spĂ€ter wird er als Eisenbahnarbeiter eingestellt. 1917 ruft die UGT (allgemeine Arbeitergewerkschaft) zu einem Generalstreik auf. Die spanische Regierung setzt die Armee ein, um den Streik zu brechen. 500 Arbeiter werden getötet oder verwundet, 2000 Streikende werden ins GefĂ€ngnis gesperrt. Durruti nahm an dem Streik als junger Saboteur und Brandstifter aktiv teil. Die Gewerkschaft brach jegliche Verbindung mit ihm und anderen Kameraden ab, worauf sie herausgeworfen werden. Er wird gesucht und flĂŒchtet nach Frankreich bis er 1920 nach Barcelona zurĂŒckkehrt. Zusammen mit GarcĂ­a Oliver, Francisco Ascaso und anderen Anarchisten grĂŒnden sie die Gruppe Los Solidarios, die unteranderem Vergeltungsmassnahmen gegen Bosse und Angriffe auf Banken organisierten. Erfolgslos versuchen Leute dieser Gruppe den spanischen König Alphonso XIII zu töten. 1923 wird der Kardinal von Saragossa Juan Soldevilla y Romero getötet, als Antwort auf den Mord an dem Kameraden Salvador SeguĂ­. Los Solidarios waren hierbei beteiligt. Durruti und Oliver tauchen in Argentinien unter, wo er zusammen mit anderen Kameraden unteranderem verschiedene Banken ĂŒberfĂ€llt um die anarchistische Bewegung zu finanzieren. Durruti kehrt nach Barcelona zurĂŒck und schliesst sich der CNT (anarcho-syndikalistische Gewerkschaft) und der FAI (Iberische anarchistische Föderation) an. WĂ€hrend der spanischen Revolution spielte er eine wichtige Rolle, was die Koordination des Kampfes gegen General Franco betrifft. Im Novamber 1936 lĂ€sst sich Durruti dafĂŒr ĂŒberzeugen, Madrid zu befreien. Durruti stirbt im Verlaufe dieses Gefechts an einer Kugel. Es ist noch immer nicht klar wie er getötet wurde, vielleicht von Stalinisten, durch einen technischen Defekt, durch eine verirrte Kugel
FĂŒr Durrutis Beteiligung an der spanischen Revolution siehe Miguel AmorĂłs, Durruti dans le labyrinthe, EncyclopĂ©die des Nuisances, Paris, 2006.

[9] Franciso Ascaso BudrĂ­a (1901 – 1936) – Als BĂ€cker und Kelner schloss sich Ascaso der spanischen FAI (Iberische anarchistische Föderation) und einer ihrer bewaffneten Gruppen, Los Justicieros, an. 1922 ging er nach Barcelona und zusammen mit unteranderem Buenaventura Durruti und GarcĂ­a Oliver formte er die Gruppe Los Solidarios (siehe Anmerkung 8). 1923 flĂŒchtete er zusammen mit Durruti nach SĂŒdamerika, wo sie zusammen in der anarchistischen Bewegung aktiv waren und unter anderem BankĂŒberfĂ€lle durchfĂŒhrten. Als er nach Frankreich zurĂŒckkehrt, wird er (zusammen mit den anderen) angeschuldigt, einen Mordversuch am König Alphonso XIII geplant zu haben. Mangels Beweisen wird er freigesprochen und aus dem Land verwiesen. Ascaso bleibt weiterhin klandestin in Frankreich. 1931 kehrt er nach Spanien zurĂŒck und organisiert die Gruppe Nosotros (anarchistische Gruppe am Rande der FAI). Die ersten fĂŒnf Jahre der Zweiten Spanischen Republik werden von anarchistischen AufstĂ€nden gezeichnet, woran er sich aktiv beteiligt. 1932 wird er verhaftet und erst nach Bata, dann auf die kanarischen Inseln deportiert. Kurz darauf taucht er in Sevilla wieder auf, wo er erneut verhaftet wird. WĂ€hrend der ersten Tagen des Kampfes in Barcelona (bei der Atarazanakaserne) nach dem Misslungenen Coup von Franco wird er niedergeschossen.

[10] The Angry Brigade – Zwischen 1970 und 1972 wird eine ganze Reihe von bewaffneten Angriffen in Grossbritanien mit diesem Namen Unterzeichnet. Die Angriffe richteten sich vorallem gegen Banken, Botschaften und die HĂ€user von konservativen Parlamentsleuten. Nur einmal gerieten Personen durch einen Angriff der Angry Brigade ans Licht. Am 6. Dezember 1972 werden vier Kameraden zu 10 Jahren Haft fĂŒr ihre Beteiligung an der Angry Brigade verurteilt.

[11] ETA Euskadi Ta Askatasuna [Baskenland und Freiheit] – Eine 1959 gegrĂŒndete bewaffnete Gruppierung. Mit revolutionĂ€r marxistischen Ideen vermischt mit Baskischem Nationalismus gingen sie den Kampf gegen das Franco-Regime an. 1974 teilte sich die ETA entzwei: die militĂ€rische ETA und die politisch-militĂ€rische ETA. Die Spaltung hat underanderem, aber bestimmt nicht ausschliesslich, mit durch AnschlĂ€ge getroffenen Zielen und Methoden, die angewendet wurden, um Geld zu beschaffen zu tun. 1982 löst sich die politisch-militĂ€rische ETA auf, wĂ€hrend sich die militĂ€rische ETA immer mehr auf ausschliesslich nationalistisches Terrain begiebt.

[12] Am 25 April 1997 explodiert beim Palazzo Marino in Milano eine Bombe. Der Haupteingang wurde beschĂ€digt und einige Fenster entglast. Die Presse und das Gericht sprechen von Versuchtem Todschlag. Die Azione Revoluzionaria Anarchica [revolutionĂ€re anarchistische Aktion] bekennt sich zur Verantwortung. In den folgenden Tagen zirkuliert ein unscharfes Foto mit einem Bild von einer Überwachungskamera, die die Umgebung um das Lokal der kommunistischen Radiostation Radio Populare filmt. Auf dem Foto ist eine “Postfrau” zu sehen, die ein Brief deponiert, worin sich zum Anschlag bekannt wird. Es wird eine Belohnung von 10 Millionen Liren fĂŒr denjenigen ausgeschrieben, der die Frau erkennen kann. Am 29. Juni 1997 wird die Anarchistin Patrizia Cadeddu verhaftet und angeschuldigt diese “Postfrau” zu sein. Ihr Prozess folgte ein Jahr spĂ€ter.

[13] ARA, siehe Anmerkung 12

[14] 5C – Unter dem Namen Cinque C, “Contro il Capitale, il Carcere, i Carcerieri e le loro Celle” [Gegen das Kapital, das GefĂ€ngnis, die WĂ€rter und ihre Zellen] werden im Dezember 2002 und Juni 2003 in Italien verschiedene Aktionen unteranderem bei Spanischen Zielen gegen das FIES-Isolationsregime durchgefĂŒhrt (Briefbomben und SprengstoffanschlĂ€ge).

[15] Benjamin Tucker (1854 – 1939) – Tucker war durch seine BeitrĂ€ge als Herausgeber und Schreiber einer der bekanntesten Amerikanischen TrĂ€ger des individualistischen Anarchismus. Er brachte unter anderem die anarchistische Zeitschrift “Liberty” heraus, worin verschiedene individualistische Denker zu Wort kamen, des weiteren ĂŒbersetzte er die englischsprachige Ausgabe von “Was ist Eigentum” von Proudhon und “Der Einzige und sein Eigentum” von Max Stirner. Schliesslich kommt es zu einem Bruch zwischen dem von Stirner inspirierten Individualismus und der alten Garde von Jusnaturalisten unter Einfluss von Lysander Spooner. Beide Tendenzen waren sich darĂŒber einig, AutoritĂ€t, Gesetzgebung und die Vorstellung eines “Gesellschaftsvertrages” zu verwerfen. Sie unterschieden sich in diesem Sinne, dass die Jusnaturalisten ein Leben ohne zwang als ein natĂŒrliches individuelles Recht betrachten, wĂ€hrend beim individualistischen Anarchismus von Stirner die Entscheidung fĂŒr den Individualismus eher pragmatisch ist, als die beste Art und Weise gegenĂŒber sich selbst und der Gesellschaft zu stehen.

[16] John Henry Mackay (1864 – 1933) – als AnhĂ€nger von Stirner schrieb dieser individualistische Anarchist den Roman “Die Anarchisten”, welchem Ende des 19. Jahrhunderts ein grosser Einfluss zukam.

[17] Luigi Galleani (1861 – 1931) – WĂ€hrend seines Rechtsstudiums in Turin (das er nicht abschloss) kam Galleani in Kontakt mit anarchistischen Ideen. Er widmete sich der anarchistischen Propaganda und muss nach Frankreich flĂŒchten. Auch dort wird er ausgewiesen. Er landete in der Schweiz wo er erneut fĂŒr seine Angitation ausgewiesen wird. ZurĂŒck in Italien wird er fĂŒr Verschwörung zu 5 Jahren Haft verurteilt. 1900 brach er aus dem GefĂ€ngnis Pantelleria aus und flĂŒchtete nach Egypten, Londen und schliesslich in die Vereinigten Staaten. Etwas spĂ€ter wird er schon wieder fĂŒr Aufstand und Anstiftung zur Gewalt nach Kanada ausgewiesen (wo er erneut deportiert wird). ZurĂŒck in den Vereinigten Staaten wurde er bekannt als ein Verteidiger der “Propaganda der Tat”. Er gab die italienischsprachige Zeitschrift Cronaca Sovversiva (Subversive Chronik) heraus. 1918, nach 15 Jahren publikation, wird die Zeitschrift durch den Sedition Act verboten. Die Cronaca Sovversiva umfasst neben Darlegungen von anarchistischen Ideen auch oft eine Liste mit Adressen und detaillierten Beziehungen der Kapitalisten, GeschĂ€ftsleute, Streikbrecher,
 Viele Anarchisten umgaben Galleani, darunter Nicola Sacco und Cartolomeo Vanzetti, die 1927 hingerichtet werden. Die Gruppe machte viel propaganda durch die Cronaca und besonders bekannt wurden sie durch die Herausgabe von La Salute Ăš in voi! [Gesundheit sitzt in dir], eine Anleitung zum Herstellen von Bomben. Ab 1914 folgen die AnschlĂ€ge in den Vereinigten Staaten in einem rasenden Tempo aufeinander. Duzende BombenanschlĂ€ge gegen die Polizei, Richter, Gerichte, GeschĂ€ftsleute, GefĂ€ngnisse,
 1917 zieht die Gruppe nach Mexiko um sich an der langerwarteten Revolution zu beteiligen. Desillusioniert kehren sie Ende 1917 in die USA zurĂŒck, um ihre Agitation fortzusetzen. Es folgen erneut verschiedene BombenanschlĂ€ge. Aufgrund des Mangels an konkreten Beweisen greift die amarikanische Regierung zum Anarchist Act, der die Deportation von Anarchisten und Subversiven ermöglicht. Ende April 1919 werden ungefĂ€hr 30 Briefbomben an verschiedene Politiker, Richter und Bankiers verschickt. Die Meisten Packete wurden im voraus entdeckt. Ein DienstmĂ€dchen des Senator Hardwick (ein UnterstĂŒtzer des Anarchist Act) verlor beide HĂ€nde als sie das Packet öffnete. Die BombenanschlĂ€ge gehen unvermindert weiter, die Antwort waren jene hunderte von Deportationen, die spĂ€ter als Palmer Raids bekannt wurden. 1919 wird auch Galleani nach Italien abgeschoben, wo er auf eine Insel vor der KĂŒste verbannt wird. Als Mussolini an die Macht kam wird Galleani unter permanente Überwachung gestellt. Galleani stirbt 1931 mit 70 Jahren an einem Herzanfall.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de