Juli 13, 2021
Von SchwarzerPfeil
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[Wie auch der erste Beitrag entstammt auch dieser Beitrag einem anderen Kontext. Er wurde in der italienischen Zeitschrift Fenrir veröffentlicht. Meiner Meinung nach formuliert er jenseits eines Dogmatismus um Bekennung ja oder nein, einige durchaus relevante Überlegungen zu diesem Thema, die meines Wissens im hiesigen Kontext bislang wenig und wenn, dann hĂ€ufig nur von formelleren militanten Gruppen diskutiert wurden.]


Ich finde es wichtig die Frage der AnonymitĂ€t oder des Einsatzes von Bekennungen bei Aktionen bzw. den Faden einer Debatte wiederaufzunehmen, die nicht missraten ist, weil sie belanglos wĂ€re, sondern weil sie von Anfang an bei den VerfechterInnen beider Positionen eine polemische und beleidigende Tonlage angenommen hat. Diese Herangehensweise ist einer sinnvollen Debatte keinesfalls behilflich, welche durch den Austausch kritischer Analysen der verschiedenen Reflektionen das Bewusstsein aller bereichern sollte anstatt in eine rigide Verteidigung der eigenen Position zu fallen und den „Gegner“ auch mit TiefschlĂ€gen zu diskreditieren. Indem man nie vergisst, dass das anarchistische Gedankengut etwas subjektives und nie statisches ist und sich gerade durch die Analyse und die Auseinandersetzung andauernd weiterentwickelt, kann man vermeiden in dogmatischen Kategorisierungen und Spaltungen zu verknöchern, welche auf schlichten Unterschieden in der Herangehensweise basieren und sehr wohl nebeneinander existieren könnten.

Es lohnt sich anzufĂŒgen, dass eine dogmatische Herangehensweise an diese Frage insofern nicht einmal die RealitĂ€t reprĂ€sentiert, als dass sie die Tatsache nicht berĂŒcksichtigt, dass die Personen oder Aktionsgruppen auf ihrem Wege des Angriffs gegen die Macht von Fall zu Fall oder in verschiedenen Momenten selbst bestimmen können ob sie sich zu den eigenen Aktionen bekennen oder nicht, ob sie sie unterzeichnen oder nicht, ob sie lange Texte oder bloß einige Zeilen schreiben und ob sie fĂŒr die eigene Zelle einen fixen KĂŒrzel oder Namen verwenden oder jedes Mal einen neuen erfinden. Genauso wie die einzelnen Individuuen bestimmen können, sich immer mit denselben Menschen oder von Fall zu Fall mit anderen KomplizInnen zu organisieren. FlexibilitĂ€t und Unvorhersehbarkeit waren schon immer wichtige Waffen im anarchistischen Arsenal. Gerade diese Eigenschaften machen es dem Staat schwer, die gesamte anarchistische KonfliktualitĂ€t und ihre Aktionsgruppen auszulöschen, da diese einander nicht kennen, oft keine feste Struktur haben und im Laufe der Zeit ihre Aktionsweise und Zusammensetzung Ă€ndern. Total getrennte Lager unter verschiedenen Szenen in der anarchistischen Bewegung zu bilden, wo eines den Gebrauch von KĂŒrzeln und Bekennungen bejaht und das andere die anonyme Aktion oder allenfalls eine minimale Bekennung vertritt, missachtet nicht nur die Nuancen im Gedankengut dieser beiden Extreme, sondern trĂ€gt auch zur VerschĂ€rfung von Konflikten wegen sekundĂ€ren Fragen unter AnarchistInnen bei und ist so auch der Repression bei ihrer Arbeit behilflich.

Meinen Überlegungen soll immer auch die Achtung der individuellen Autonomie zugrunde liegen. NĂ€mlich als fundamentale Voraussetzung der anarchistischen Anschauung und als unentbehrliches Grundprinzip zur Vermeidung der Reproduzierung eines ideologischen und urteilenden Verhaltens. Ich wĂŒnsche mir eher, dass die grĂŒndliche Untersuchung und Debatte unter unterschiedlichen Herangehensweisen zur individuellen Bereicherung und zu einem bewussteren Gebrauch der uns zur VerfĂŒgung stehenden Mittel fĂŒhre. Gehen wir also zur Analyse der Auswirkungen des Entscheides zur Nichtbekennung oder zur Bekennung (und deren ModalitĂ€ten) der eigenen Aktionen ĂŒber. Wir prĂŒfen auch die Frage, ob die Bekennung ein nĂŒtzliches Instrument zur Steigerung des Potentials einer direkten Aktion sein könnte.

Der Entscheid, sich zu einer durchgefĂŒhrten direkten Aktion in keinerlei Art und Weise zu bekennen, als in völliger „AnonymitĂ€t“ (ich werde diesen Begriff, da eh schon Teil der Debatte, weiter verwenden obwohl er meiner Meinung nach fehl am Platz ist, denn selbstverstĂ€ndlich will auch anonym bleiben, wer sich zu den eigenen Aktionen bekennt!) zu verbleiben, kann unterschiedlichen EinschĂ€tzungen des Individuums oder der AffinitĂ€tsgruppe entsprechen. Es kann die strategische EinschĂ€tzung sein, dass man der Justiz keine weiteren aus einer Bekennungsschrift herleitbaren Ermittlungselemente liefern will. Vor allem wenn in einem bestimmten Gebiet die anarchistische PrĂ€senz minimal und/oder besonders sichtbar und die soziale KonfliktualitĂ€t sehr tief ist: die Zweifel ĂŒber die „politische“ Herkunft einer Aktion oder ĂŒber die GrĂŒnde, die die AusfĂŒhrenden zu ihrer Realisierung getrieben haben, offen zu lassen oder nicht, kann die Ermittelnden zweifellos in die Irre fĂŒhren und die Dauer der Feindseligkeiten optimal verlĂ€ngern.

Viel einfacher noch kann in anderen FĂ€llen der Entscheid zur Nichtbekennung durch die Tatsache bestimmt sein, dass kein Interesse vorhanden ist, der Gesellschaft oder den VertreterInnen der Macht was auch immer mitzuteilen. Die DurchfĂŒhrung einer Aktion kann der Befriedigung eines rein egoistischen Wunsches nach Selbstbefreiung dienen, kann eine Herausforderung der AutoritĂ€t durch ein Ich sein, das an einer Kommunikation mit Dritten nicht interessiert ist und kein BedĂŒrfnis hat, wem auch immer eine ErklĂ€rung zu liefern.

Diese Entscheidungen sind total valide und achtbar. Auch in diesen FĂ€llen erreicht die Aktion eines ihrer primĂ€ren Ziele: dem Feind einen Sachschaden und einen psychologischen Schlag zufĂŒgen. Der Sachschaden bleibt ein konkret erreichtes Resultat, unabhĂ€ngig von den Worten, die eine Aktion begleiten oder nicht. Psychologisch kann der in einigen FĂ€llen ausgeĂŒbte Druck sogar grĂ¶ĂŸer sein, wenn die betroffenen Verantwortlichen der Ausbeutung keine genaue Vorstellung haben, wer sie jetzt und warum angegriffen hat (auch wenn sie es sich leicht vorstellen können). In anderen FĂ€llen könnte jedoch gerade der „Ruf“ der AnarchistInnen oder eines gewissen KĂŒrzels oder eventuell die drohenden Worte in einem Bekennungsschreiben Angst machen. Diese Folgen sind variabel und a priori kaum zu berechnen und sicher einzuschĂ€tzen.

Der eindeutige Nachteil des Entscheides zur Nichtbekennung einer Aktion ist auf der Kommunikationsebene angesiedelt. Wenn nicht nur der unmittelbar angerichtete materielle und psychologische Schaden das Ziel eines Angriffs auf die Macht ist, sondern auch die Machbarkeit eines Angriffs auf die Macht sowie einige seiner möglichen ModalitĂ€ten aufzuzeigen sind, dann ist es wichtig, dass die Nachricht dieser Aktionen eine möglichst große Verbreitung findet. Bekanntlich haben viele Medien manchmal sogar die Tendenz gewisse Angriffe völlig zu verschweigen. Oder sie reden manchmal spektakulĂ€r darĂŒber und reduzieren sie auf sinnlosen Vandalismus. Schon wenige Bekennungsworte dienen vor allem der Verbreitung der Nachricht eines Angriffs, abgesehen von dem, was die Massenmedien schreiben oder nicht und oft nur auf lokaler Ebene wahrgenommen wird. So verbreitet sich die Nachricht eher ĂŒber die GegeninfokanĂ€le und erreicht weitere Menschen, die der AutoritĂ€t feindlich gegenĂŒberstehen. Vor allem erreicht sie die Menschen durch direkte Worte, die nicht durch die Macht gedeutet und vermittelt werden, sondern von den AusfĂŒhrenden des Angriffs selbst kommen und so andere dazu bewegen können, zur Aktion ĂŒberzugehen. Das ist das minimale Ziel einer Bekennung.

Ein ausfĂŒhrlicherer Text zur durchgefĂŒhrten Aktion kann auch anderen Zwecken dienen: einer detaillierteren Darstellung der GrĂŒnde zur Wahl des Zieles, der angegriffenen Infrastruktur oder Persönlichkeit und ihrer strategischen Bedeutung oder spezifischen Verantwortung; der Offenbarung technischer Details ĂŒber die AusfĂŒhrung des Angriffes wie der eingesetzten Mittel oder wie man zum Zielort gelangt ist, die zu ĂŒberwindenden Hindernisse (Alarmanlagen, Überwachungskameras, usw.) und wie sie neutralisiert wurden; der Ausarbeitung einer weiterreichenden Analyse des soziopolitischen Kontextes des Angriffes; um VorschlĂ€ge zur anarchistischen ProjektualitĂ€t einzubringen.

Verschiedene Wege und ZusammenhĂ€nge haben die Einzelnen und Gruppen, die Aktionen durchfĂŒhren, dazu gebracht Bekennung zu veröffentlichen und je nachdem eher die einen als die anderen dieser Aspekte zu unterstreichen. Z. B. haben viele Bekennungen ohne Unterzeichnung oder wenn dann mit Akronymen wie ALF oder ELF gezeichnete schon immer die Tendenz, eher synthetisch zu sein und sich auf die Wahl des Zieles und die eingesetzten Mittel zu konzentrieren. WĂ€hrend einer breiteren soziopolitischen Analyse und einem eventuellen ProjektualitĂ€tsvorschlag wenig Raum gewĂ€hrt wird. Andere Aktionsgruppen, vor allem jene, die eine zeitlich stabile organisatorische Form mit einem eigenen Namen (von einem gewissen KĂŒrzel oder nicht begleitet) angenommen haben, brauchten Bekennungen oft vor allem zur Entwicklung einer eigenen soziopolitischen Analyse, wo die einzelnen Aktionen in den Kontext einer theoretischen Entwicklung und einer langzeitlichen ProjektualitĂ€t der Gruppe gestellt wurden. In den letzten Jahren bekrĂ€ftigte sich dank des theoretischen Beitrags von Gruppen wie der FAI und der Verschwörung der Zellen des Feuers [CCF] auch der Vorschlag, Bekennungen als Kommunikationsmittel unter Aktionsgruppen zur Potenzierung der Auseinandersetzung ĂŒber die Analysen und Strategien und auch zur StĂ€rkung der SolidaritĂ€t gegenĂŒber repressiven Angriffen zu nutzen. Der ursprĂŒngliche Vorschlag der FAI – der gerade ĂŒber die Aktionsbekennungen gemacht und danach von den Mitgleidern der CCF im Knast wiederaufgenommen wurde – zur Ausweitung des Gebrauchs und der Nutzbarkeit dieses KĂŒrzels zur Bekennung der Aktionen weiterer Anarchistinnen, unter der Voraussetzung, dass man einige GrundsĂ€tze (Internationalismus, InformalitĂ€t, SolidaritĂ€t mit den Gefangenen, usw.) teilt, steht genau in dieser Optik.

Ein derartiger Vorschlag, der ein weiteres Instrument im Werkzeugkasten fĂŒr die anarchistische und zur Aktion bereiten IndividualitĂ€t sein kann und will, wurde von den VerfechterInnen der, koste es was es wolle, „AnonymitĂ€t“ nicht gĂ€nzlich verstanden. Sie haben das vermehrte Erscheinen von langen Bekennungen/Analysen als egozentrische und selbstbezogene AusbrĂŒche anstatt als neue ModalitĂ€t des Dialogs und der Auseinandersetzung zwischen Individuen und Gruppen, die durch die Aktion vereinigt sind, verstanden. Diese KritikerInnen sind u.a. soweit gegangen zu behaupten, dass der Entscheid zu Aktionsbekennungen und deren Verwendung als Dialog- und AuseinandersetzungsmodalitĂ€t unter Aktionsgruppen eigentlich den Wunsch verbergen solle, sich zur Schau zu stellen, anerkannt zu werden, in der Bewegung vorzuherrschen, sich als Avantgarden aufzuspielen und im Zentrum der medialen BĂŒhne zu stehen. Abgesehen von der Tatsache, dass, wer sich zu den eigenen Aktionen bekennt, weiterhin anonym bleibt, also kaum zu etwelchem „Ruhm“ gelangt, ist ganz klar, dass mit Kritiken auf diesem Niveau keinerlei Debatte möglich sein kann. Liest man zwischen den Zeilen scheint eine unterschiedliche Vorstellung der möglichen Eingriffe in die RealitĂ€t die Ursache des zwischen zwei Methoden bestehenden Konfliktes zu sein. Die Eine betrachtet die Suche nach KomplizInnen und GenossInnen und die SolidaritĂ€t mit Letzteren als PrioritĂ€t, die Andere den Einbezug von anderen „Ausgebeuteten und Ausgeschlossenen“. Anscheinend sind das sich gegenseitig ausschließende Herangehensweisen. Jedoch nicht unbedingt, wenn wir uns vor Augen halten, dass jede direkte Aktion irgendwie sowohl auf die kollektive, als auch auf die individuelle Vorstellungskraft einwirkt, weitere anarchistische und rebellische Personen inspiriert, die GleichgĂŒltigkeit zur Einnahme einer Position zwingt und die KomplizInnen der Herrschaft alamiert.

Diese Frage ist mit der Frage der Reproduzierbarkeit als weiterer wichtiger Knoten der Debatte verbunden. Dieser Begriff, der oft neben den der AnonymitĂ€t gestellt wird, ist zu einer der Parolen des „klassischen“ Insurrektionalismus geworden, wurde aber selten einer erneuten Diskussion und kritischen Reflexion unterzogen und verwandelt sich somit manchmal zu einem vorschreibend klingenden Gemeinplatz.

Die Erwartung, dass die eigenen Aktionen als Inspiration fĂŒr andere funktionieren und die KonfliktualitĂ€t sich ausbreiten kann, ist mehr als nahe liegend. Das Problem liegt in der Aussage, die Reproduzierbarkeit sie nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich und nur die anonymen Aktionen ohne Bekennung und mit einfachen Mitteln wĂŒrden allen gehören, seien folglich leichter zu reproduzieren. Bei dieser Überzeugung ist fĂŒr eine Aktion vorzuziehen, dass sie keiner bestimmten „identitĂ€ren“ Szene wie z.B. der anarchistischen zugeschrieben werden kann (was beim Auftauchen einer Bekennung ein klar zu Tage tretender Faktor ist). So könne jede Person, die sich in einem bestimmten Angriff erkennt, demselben eine eigene Bedeutung verleihen und diese Methode nun selbst gegen das, wovon sie unterdrĂŒckt wird replizieren.

Diese Annahme ist von einigen Blickwinkeln her problematisch. Dem angreifenden Individuum wird vorgeschlagen, die eigene Einzigartigkeit und deren BeweggrĂŒnde ausser Kraft zu setzen, um sich in der Masse aufzulösen damit es fĂŒr dieselbe Masse verstĂ€ndlicher wird. Erst einmal ist klar, dass gewisse Aktionen vor allem von anderen anarchistischen oder sowieso dem System feindlich gegenĂŒberstehenden Personen repliziert werden. Also könnte eine Bekennung anarchistischer Herkunft durchaus inspirierend wirken, viel mehr als auf die große Masse der ausgebeuteten Menschen, die niemals trĂ€umen den Kopf zu erheben und angesichts der eigenen und der anderen Ausbeutung zu reagieren.

Vor allem aber finden wir hier die von uns schon anderswo kritisierte Verherrlichung des Mittels ĂŒber den Zweck wieder. Wenn es nicht das Ziel einer Aktion ist, irgendetwas zu kommunizieren, kann dieser Aspekt fĂŒr die AusfĂŒhrenden der Geste auch belanglos sein. Was bleibt, ist immer der auf jeden Fall zugefĂŒgte materielle Schaden an einem Tentakel der Herrschaft. Wenn aber das Ziel einer Aktion auch (oder vor allem) kommunikativ ist, ist und bleibt es sinnlos oder gar kontraproduktiv, die Reproduzierbarkeit einer Methode fördern zu wollen indem man sie von dem verfolgten und motivierenden Zweck trennt. In der Folge erklĂ€re ich diesen Ansatz mit einigen Beispielen.

Zwischen Februar und April 2016 sind vier Bomben vor ebenso vielen Kirchen und Kathedralen der Stadt Ferme in den Marken explodiert. Kurz danach ĂŒbernahm eine anarchistische Webseite, die fast nur lokal erscheinende Nachrichten dieser Taten und verherrlichte die Geste in der Annahme eines kirchenfeindlichen Beweggrundes (die Hypothese des rechtsextremistischen Angriffs wurde als wenig wahrscheinlich liquidiert). Im Juli desselben Jahres wurden zwei Personen der Stadt verhaftet. Mit dem eindeutig belegten Vorwurf vier SprengsĂ€tze gelegt zu haben. Von den Medien anfĂ€nglich als Anarchisten verkauft, stellten sie sich dann als Rechtsextreme heraus, die sowohl in der lokalen Fußballfankurve aktiv, als auch mit dem neofaschistischen Hooligan Amedeo Mancini eng befreundet waren. Letzterer prĂŒgelte wenige Tage zuvor in derselben Stadt den asylsuchenden Emmanuel Cholo Namdi aus Nigeria zu Tode, weil dieser seine Freundin vor rassistischen Beschimpfungen verteidigt hatte. Worauf die beiden, kurz bevor sie wegen den Bomben gegen die Kirchen verhaftet wurden, in den sozialen Netzwerken sofort ihre totale SolidaritĂ€t und NĂ€he zu Emmanuels Mörder verkĂŒndet und ebenfalls krass rassistische Kommentare und ErklĂ€rungen von sich gaben. Eine der betroffenen Kirchen in Ferme war dieselbe, die Emmanuel und weitere Immigrierte und Asylsuchende aufgenommen hatte.

Dies scheint mir ein beispielhafter Fall zu sein wie sehr dieselbe Aktion und Methode, je nachdem von wem und mit welchem Ziel sie durchgefĂŒhrt wird, völlig verschiedene Bedeutungen haben kann. Da von keiner ErklĂ€rung zur Klarstellung der ursprĂŒnglichen BeweggrĂŒnde begleitet, blieben die betreffenden Aktionen suspekt und trugen folglich in keiner Art und Weise zu einem Voranschreiten des Kampfes gegen die Herrschaft bei. Eine Explosion gegen eine Kirche kann die Geste eines atheistischen und kirchenfeindlichen Menschen sein, der die Institution „Kirche“ als solche treffen will. Oder die Geste eines Faschisten, der wegen der Aufnahme-Politik von flĂŒchtigen Menschen der betreffenden Kirche empört ist. Was eindeutig zwei diametral entgegengesetzte und unvereinbare BeweggrĂŒnde sind.

Ein weiteres Beispiel: Am 8. Juli 2016 zerstörte ein Großbrand fast die ganze Skiliftanlage von Fossolo in der Val Brembana. Eine ökologisch geprĂ€gte Aktion in reinstem Earth-Liberation-Front-Stil? Oder, wie die Hypothese der Ermittler lautete, ein von korrupten Lokalpolitikern und Auftragsunternehmen gemeinsam ausgeklĂŒgelter Schachzug zum Neubau der Anlage?

Sicher, von solchen Aktionen zu erfahren, kann anfĂ€nglich Begeisterung auslösen, aber im Grunde bleibt der Beweggrund der Geste zweifelhaft und ungewiss. Ein Bekennungsschreiben, oder auch nur ein vor Ort hinterlassenes Zeichen oder Symbol hĂ€tten keinerlei Zweifel offen gelassen. Im gegenteiligen Fall können diese anonymen Aktionen mit unbekannt bleibender Bedeutung effektiv von wem auch immer „angeeignet“ werden, Faschisten und Maffiosi mit einbezogen. AnarchistInnen und RebellInnen gegen die AutoritĂ€t haben kein Monopol auf die Praxis der direkten Aktion. Staaten, rechte Gruppen, organisierte KriminalitĂ€t und religiöse Extremisten, bloß um einige zu nennen, setzten und setzen mit Ă€ußerst niedrigen BeweggrĂŒnden manchmal Ă€hnliche Mittel ein wie wir, um ihre Ziele anzugreifen.

Sogar das Angriffsziel kann dasselbe sein – eine Kirche, ein Gericht, eine Regierungsstelle, eine Bank. Aber die BeweggrĂŒnde sind völlig andere, als die unseren. Zum Beispiel weil eine dieser Institutionen vom Gesichtspunkt jener her, die eine reaktionĂ€re Ideologie vorantreiben, eine zu „moderate“ Politik betreibt.

Etwas Ă€hnliches kann geschehen wenn die Angriffsziele und die entsprechenden Bekennungen einen spezifischen Ausbeutungsaspekt betreffen und keine breitere Kritik des Herrschaftssystems als Ganzes zum Ausdruck kommt. Einige spezifische KĂ€mpfe können potenziell anarchistische/libertĂ€re Menschen und entgegengesetzte Lager vereinen, falls nicht klar ist, in welcher Weise sich dieser spezifische Kampf in den Diskurs eines breiteren Kampfes zur totalen Befreiung einfĂŒgt. Wir erinnern an den Fall der zwei Faschisten die 2013 wegen 4 Brandstiftungen der ALF gegen die Fleisch- und Milchindustrie verhaftet wurden. Die Bekennungen dazu waren sehr knapp und allgemein gehalten und einzig gegen den spezifischen Aspekt der Ausbeutung der Tiere gerichtet.

Macht es Sinn zu sagen, dass nur die Aktion an sich zĂ€hlt, jenseits der BeweggrĂŒnde und des Antriebs, weswegen die AusfĂŒhrenden die Waffe in die HĂ€nde nehmen? Das wĂŒrde heißen einem Fetischismus des Mittels, einem Fetischismus der gewalttĂ€tigen Aktion an sich, dem Fetischismus der Bombe zu verfallen. Eine der Grundvoraussetzungen des Anarchismus ist ja die Entsprechung zwischen Mittel und Zweck. Wenn wir also von der Propaganda der Tat sprechen, sollten diese beiden Aspekte klar sein, denn um einen qualitativen Fortschritt des Kampfes gegen das System zu erreichen, ist die Reproduzierbarkeit des angewendeten Mittels allein nicht genug.

Als die Waether Underground politische und militĂ€rische Ziele der USA angriffen, erklĂ€rten sie in der Regel ihre Aktionen sehr eingehend. Ihr Zweck war nicht nur, sich an der US-Regierung fĂŒr die Massaker in Vietnam zu rĂ€chen, sondern auch andere Menschen anzuspornen gegen Krieg und Imperialismus zu handeln und umfassender, „den Krieg ins eigene Land zu bringen“. Die politischen Motive und die Ziele die folglich gewĂ€hlt wurden, mussten sehr gut erklĂ€rt werden. Wer sie teilte wurde dann selbst zum Handeln inspiriert und stimuliert.

WĂŒrde heute dieselbe Wirkung durch eine Explosion vor einer Regierungsstelle in einer europĂ€ischen Hauptstadt ausgelöst, vielleicht von AnarchistInnen aber ohne Bekennung ausgefĂŒhrt und von einem hysterisch „islamischer Terrorismus“ brĂŒllenden Medienkonzert begleitet? Denn Sinn der eigenen Aktionen hervorheben, kann fĂŒr andere GenossInnen und noch unbekannte KomplizInnen eine Anregung zum Angriff sein. Falls eine Aktion auch um andere anzuspornen durchgefĂŒhrt wird, ist die klare Darstellung ihrer BeweggrĂŒnde genaus grundlegend wichtig wie die Verbreitung der Nachricht der stattfindenden Aktionen und der Worte, die sie eventuell begleiten.

SelbstverstĂ€ndlich sprechen wir von Aktionen, die von einem breiten Kontext sozialer KonfliktualitĂ€t getrennt sind. Die Frage der Zweideutigkeit einer anonyme Aktion stellt sich nicht, wenn gegen ihr Ziel schon eine Aktions- oder Protestkampagne oder ein lokaler Kampf zugange ist oder wenn die Aktion sich in eine Reihe Ă€hnlicher Aktionen einfĂŒgt, die vorher schon erklĂ€rt wurden. DafĂŒr gibt es nur schon in Italien zahllose Beispiele, von den hunderten umgelegten ENEL-Strommasten in den 1980iger Jahren im Laufe des Antiatomkampfes bis zu den GVO-Feldzerstörungen und, in den letzten Jahren auf dem gesamten Territorium, die vielen Sabotagen gegen die Hochgeschwindigkeit-Eisenbahnlinien, die eine Phase des NO-TAV Kampfes in der Val Susa begleitet haben. In diesen FĂ€llen, egal ob Bekennungen oder nicht, kann zweifellos von relativ einfachen und ĂŒberall reproduzierbaren Aktionen mit klarer Bedeutung gesprochen werden (auch wenn das Problem der SpezifitĂ€t dieser KĂ€mpfe bestehen bleibt, denn, falls die Perspektive, in die sie sich einfĂŒgen nicht klar ist, könnte auch eine Aktion gegen diese spezifischen Ziele von Individuen kommen, deren Vorstellungen von denen der AnarchistInnen sehr weit entfernt sind).

Die andere Voraussetzung des „klassischen“ Insurrektionalismus zur Reproduzierbarkeit der Aktion ist, außer ihrer AnonymitĂ€t, dass sie einfach auszufĂŒhren und ihr Ziel die peripheren Tentakel der Herrschaft sei. Kleine auf dem Territorium verbreitete Aktionen hĂ€tten also einen grĂ¶ĂŸeren Wert als komplexere und gezieltere Aktionen, von denen man glaubt, sie wĂŒrden eine höhere Spezialisierung erfordern.

Ich finde es nicht positiv, MaßstĂ€be zur Messung der IntensitĂ€t der Mittel im Konflikt zu bestimmen und dabei erst noch auf eine geringere IntensitĂ€t zu setzen. Ich finde es auch nicht positiv eine Hierarchie zwischen reproduzierbaren und nicht reproduzierbaren Aktionen festzulegen, als wĂ€re es die einzige zĂ€hlende Diskriminante, als könnten diese verschiedenen ModalitĂ€ten des Angriffs nicht zusammenleben. Willkommen sei die VielfĂ€ltigkeit der Aktionsformen und die Vermehrung sowohl der Angriffe auf die territorial verteilten, also weniger kontrollierten und einfacher anzugreifenden Netzwerke der Herrschaft (Angriffe, die gerade dann mehr Bedeutung erlangen, wenn sie zahlreich und kontinuierlich stattfinden), als auch die ab und zu eine sorgfĂ€ltige Planung und entsprechende Mittel erfordernden Angriffe auf wichtige Knotenpunkte der Macht. WĂŒnschenswert ist auch, dass bestehende technische FĂ€higkeiten und Mittel fĂŒr Aktionen mit grĂ¶ĂŸerer Zerstörungskraft und KomplexitĂ€t vollstĂ€ndig ausgeschöpft werden, anstatt das Niveau der eigenen Aktionen herabzusetzen damit sie fĂŒr andere „reproduzierbarer“ werden. Einige wohlgezielte und nicht unbedingt einfache Aktionen sind nicht wiederholbar, was aber ihre Bedeutung keinesfalls mindert. Die Frage der Reproduzierbarkeit kann nicht das gesamte Spektrum der anarchistischen Aktion einbeziehen.

Um alles noch komplizierter zu machen, trĂ€gt die RealitĂ€t zum Abbau der Überzeugung bei, dass sich nur einfache und anonyme Aktionen reproduzieren könnten. Manchmal bricht der Konflikt dort aus, wo man es am wenigsten erwartet hatte, wĂ€hrend gleichzeitig einige absichtliche Versuche zur Auslösung desselben völlig fehlschlugen. Davon Regeln oder fixe Schemata abzuleiten ist fast unmöglich. Die Tatsache, dass einige Aktionen ins Leere laufen oder sich epidemisch verbreiten können, hĂ€ngt von einer Unendlichkeit an Faktoren und nicht nur von der Wahl des Zieles und der eingesetzten Mittel ab.

Es gibt ein besonders spezifisches Beispiel auf italienischem Territorium. Wenn wir von sozialen Konsens und Reproduzierbarkeit sprechen wollen, so widerspricht es allen frĂŒheren einschlĂ€gigen Theorien. Die Aktion, die in den letzten Jahren den grĂ¶ĂŸten sozialen Konsens erzeugt hat und eine ganze Serie weiterer Angriffe in den disparatesten Formen gegen dasselbe Ziel auslöste, war eine Paketbombe mit der Unterschrift FAI. Sie hatte den Generaldirektor von Equitalia (staatliche Steuer- und Schuldeintreibungsstelle) verstĂŒmmelt. Die darauf folgenden direkten Aktionen verbreiteten sich unaufhaltsam weiter und kamen nicht nur von AnarchistInnen sondern auch von einfachen Leuten mit demselben Hass gegen diese staatliche Stelle, die im Begriff war, ihnen das Leben zu ruinieren. Und doch war diese initiale Aktion, die eine große Anzahl anderer Angriffe ausgelöst hat, weder anonym, noch technisch gesehen, einfach zu wiederholen. In diesem Fall war die sorgfĂ€ltige Wahl des Zieles der entscheidende Faktor zur Reproduzierbarkeit der Aktion. Das hohe Niveau an Zerstörungskraft und Spezialisierung der eingesetzten Methode hat durch seine schwierige Nachahmbarkeit nicht etwa entmutigt, sondern zur Entfachung der GemĂŒter beigetragen.

Dann haben wir das Beispiel der AutobrĂ€nde, die sich in verschiedenen StĂ€dten Europas verbreitet haben. Bis sie von den Behörden, die nicht mehr ein noch aus wussten, um die Verantwortlichen zu finden, nicht mehr aufgehalten werden konnten, Anonyme Aktionen, die irgendeine Person aus den verschiedensten GrĂŒnden durchgefĂŒhrt haben kann.

Aber auch mit Bekennungen und einem ganz spezifischen KĂŒrzel unterzeichnete Aktionen fanden eine weitrĂ€umige Verbreitung – oft in einer internationalen anstatt lokalen Dimension – und wurden zur Inspiration fĂŒr sehr viele Personen. Das ist der Fall der mit ELF oder ALF gezeichneten Aktionen, die von den ’80ern bis jetzt dazu beigetragen haben, die Praxis der direkten Aktion wie ein Lauffeuer zu verbreiten. Sie haben bewiesen, dass es nicht unbedingt eine große Spezialisierung oder große Mittel braucht, um Angriffe mit betrĂ€chtlicher Wirkung auszufĂŒhren.

Wir können von der Erfahrung dieser Gruppen, die eine andere Vorstellung davon hatten, wie man die Reproduzierbarkeit einer Aktion begĂŒnstigen kann, interessante RĂŒckschlĂŒsse zum Vorschlag der AnonymitĂ€t ziehen. ALF und ELF haben zur Vermittlung ihrer Erfahrungen beigetragen, indem sie verschiedene BroschĂŒren, HandbĂŒcher, Berichte und Artikel veröffentlichten und verteilten, die den Aufbau einer AffinitĂ€tsgruppe, die DurchfĂŒhrung von Sabotagen und Tierbefreiung behandeln und Rezepte zum Bau von einfachen BrandsĂ€tzen und RatschlĂ€ge zum Erhalt der Sicherheit der Gruppe und zum Verhalten gegenĂŒber der Repression enthalten.

Die anonyme Verbreitung von solchem Material sowie die technischen ErklĂ€rungen wie die feindlichen Infrastrukturen (z.B. die Waren-, Daten- und EnergieflĂŒsse) funktionieren und wie man sie sabotieren kann, könnte eine andere Eingebung zur Förderung der Reproduzierbarkeit der Aktionen sein und die Aktionsmöglichkeiten fĂŒr eine ganze Reihe von Individuen vermehren, die den Wunsch hegen, sich aufs Spiel zu setzen aber von gewissen Kenntnissen ausgeschlossen sind.

Allgemein denke ich, dass die Vermehrung von Angriffen gegen die Symbole der Macht einzig und alleine positiv ist, und zwar nicht mit Hierarchien der ModalitĂ€ten und Mittel sondern durch eine VielfĂ€ltigkeit an Angriffsformen. Wenn die Reproduzierbarkeit der eigenen Aktionen eines der Ziele ist, die man jenseits des direkt zugefĂŒgten Schadens erreichen will, sollte meiner Meinung nach einzig die Klarheit der GrĂŒnde, wegen derer man sich zum Angriff gegen ein gewisses Objekt entschieden hat, unabdingbar sein. Damit die Perspektive klar ist, in die man die verschiedenen Angriffsformen, GrĂŒnde und Zwecke einfĂŒgt. Und klar, dass man auf ein qualitatives Wachstum setzt.

[ursprĂŒnglich erschienen in Fenrir]

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Quelle: Schwarzerpfeil.de