Juli 16, 2021
Von SchwarzerPfeil
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[Nicht die einzige jĂŒngere Debatte um Aspekte der Bekennung unter fixen Gruppennamen, die auch viele angrenzende Themen streift, aber immerhin eine schriftlich festgehaltene, fand im letzten Jahr um die Feministischen Autonmen Zellen statt. Sie soll im Folgenden wiedergegeben werden.]


Wozu dann der Name?

»Wir fragten uns: Wurden Aktionen gemacht, um etwas zu erreichen, oder weil sie den Handelnden Status einbrachten?« – aus »Because the night belongs to us  «

Hamburg, 01. Dezember 2019. Ein Auto steht in Flammen. Nicht irgendein Auto. Ein Auto des Bosch-Konzerns. »Bosch der Bohrmaschinenhersteller?« »Jup, genau der.« »Achso, ja dann. Da hatte wohl eine*r was gegen Bohrmaschinen.«

Zum GlĂŒck gibt es Indymedia, zum GlĂŒck können Interessierte dort ein Bekenntnis einer »Feministischen Autonomen Zelle« lesen, zum GlĂŒck können Liebhaber*innen von Bohrmaschinen dort nachlesen, dass sich dieser Brandanschlag gar nicht gegen Bosch als Bohrmaschinenhersteller, sondern gegen Bosch als Entwickler von Sicherheits- und Überwachungstechnik richtete und zum GlĂŒck erlaubt es dieses Bekenntnis denen, die dann noch immer nicht einverstanden sind, Kritik an diesem Angriff zu ĂŒben. Und wer aufmerksam die Veröffentlichungen bei Indymedia verfolgt, die*der wird außerdem feststellen, dass unter dem Namen »Feministische Autonome Zelle« und stets signiert mit »Gruß und Kuss« noch ganz andere Aktionen stattgefunden haben: Im August brannte in Freiburg ein Amazon-Locker und markierte damit den Beginn einer Serie von »Nadelstiche[n] gegen Knotenpunkte der kapitalistisch-patriarchalen Maschinerie«, Mitte Dezember brannte ein Vonovia-Auto in Berlin, konnte aber noch rechtzeitig gelöscht werden, zwei Tage spĂ€ter wurde ebenfalls in Berlin ein weiterer Amazon-Locker mit Farbe verunziert und Ende des Jahres brannte ein Fahrzeug der evangelikalen »TĂŒbinger Offensiven Stadtmission«, deren Fassade in der gleichen Nacht einen neuen, lila Anstrich bekam.

Eigentlich wollte ich nun – ihr habt es vermutlich schon geahnt – darauf hinaus, dass Bekenntnisse bei Indymedia sich zwar an eine »Szene« richten, als ErklĂ€rung eines Angriffs gegenĂŒber denjenigen, die womöglich nicht wissen, dass der Bosch-Konzern nicht bloß Bohrmaschinen herstellt, eher weniger taugt. Aber diese Position wurde vom ultrarechten Blog »Journalistenwatch« widerlegt, der doch tatsĂ€chlich von einem Anschlag einer »linksextremisitsche[n] Weiberkampftruppe« in TĂŒbingen berichtete und sogar einen ganzen Absatz des bei Indymedia veröffentlichten Pamphlets zitierte. Dennoch: Ausschweifende ErklĂ€rungen dazu, warum mensch sich fĂŒr einen bestimmten Angriff entschieden hat, halte ich meist fĂŒr wenig gewinnbringend, ebenso wie ich die Kummulierung mehrerer Aktionen unter einen gemeinsamen Namen in der Regel fĂŒr kontraproduktiv halte. Im folgenden möchte ich darlegen, warum.

Angenommen ich hĂ€tte ein Auto angezĂŒndet, geplĂ€ttet, mit Farbe ĂŒbergossen oder mit einem Hammer traktiert – und ich möchte betonen, dass dies eine rein hypothetische Überlegung ist –, dann gĂ€be es dafĂŒr einen Grund. Vielleicht wĂ€re es ein Auto eines Unternehmens gewesen, das vom Knast profitiert, vielleicht das eines Unternehmens, das Sicherheitstechnik vermarktet, vielleicht das eines Technologiekonzerns, der zur smarten Kontrolle der Menschen beitrĂ€gt, vielleicht das eines Immobilienkonzerns, der von der VerdrĂ€ngung von Menschen profitiert, vielleicht wĂ€re es das Auto eines*einer Politiker*in gewesen, vielleicht das eines*r Priester*in, vielleicht ein Polizeiauto, vielleicht das Auto eines Nazis, vielleicht das Auto meines*r Chef*in oder vielleicht auch einfach ein Angeber*innenauto, das der Zurschaustellung des eigenen Reichtums dient. Was ich mit dieser sicherlich unvollstĂ€ndigen AufzĂ€hlung sagen möchte: In aller Regel wĂ€re ich nicht am Straßenrand gestanden, hĂ€tte einen AbzĂ€hlreim aufgesagt und dann das dadurch ausgewĂ€hlte Auto in Brand gesetzt und selbst wenn ich das getan hĂ€tte, dann hĂ€tte das einen Grund: Zum Beispiel meine auflodernde Wut und Feindschaft zu dieser Gesellschaft, mein Verlangen alles was existiert zu zerstören. Aber gehen wir davon aus, es wĂŒrde mir gelingen, diese Feindschaft in gezielte Bahnen zu lenken, in Bahnen, die es mir erlauben die Strukturen und Institutionen der Herrschaft zu identifizieren und gezielt anzugreifen. Gehen wir also davon aus, es wĂ€re das Auto eines Unternehmens wie Bosch, Siemens oder Telekom gewesen, ein Auto wie es in vielen StĂ€dten an jeder Straßenecke steht und doch eines, das zweifelsfrei als Firmenfahrzeug zu erkennen ist bzw. war. Spricht ein solcher Angriff nicht fĂŒr sich? Und wenn nicht: Warum nicht?

Zugegeben, ich könnte mir Situationen vorstellen, in denen ich das BedĂŒrfnis haben könnte, einen Angriff kurz zu erlĂ€utern. Ein Hinweis auf das BetĂ€tigungsfeld eines Unternehmens, die Erkenntnis, dass die*der Besitzer*in eines Autos Politiker*in ist, die Information, dass ein Auto ein Zivilfahrzeug der Polizei ist, usw. Aber spĂ€testens dann, wenn ich das GefĂŒhl hĂ€tte, dass ich ein ganzes Manifest verfassen mĂŒsste, um meinen Angriff zu erklĂ€ren, wĂŒrde sich mir die Frage stellen, inwiefern mein Angriff als Vorschlag dienen kann, die Herrschaft anzugreifen. Vielleicht soll er das ja gar nicht. Vielleicht ist er ja eher Ausdruck von Rache, dann scheint mir persönlich eine (öffentliche) ErlĂ€uterung aber ohnehin meist unnötig, immerhin geht es dann um eine Sache zwischen mir und einer anderen Person.

Wenn ich hĂ€ufig die seitenlangen ErklĂ€rungen lese, die Personen anlĂ€sslich eines Angriffes abgeben, gewinne ich nicht selten den Eindruck, dass diese Angriffe nur Vorwand sind, um sich und den eigenen Ideen Gehör zu verschaffen. Eine Strategie, um Aufmerksamkeit zu erregen, sei es innerhalb einer »Szene« oder auch darĂŒber hinaus. Eine Strategie, die leider viel zu hĂ€ufig aufgeht.

Doch ErklĂ€rungen zu einem Angriff sind das eine, ein wiederkehrender Gruppenname wie »RevolutionĂ€re Zellen«, »Rote Zora« oder »Feministische Autonome Zelle« etwas anderes. WĂ€hrend ich in einer ErklĂ€rung durchaus den Versuch sehen kann, die HintergrĂŒnde eines Angriffs zu erklĂ€ren, scheint mir die Etablierung eines Namens viel eher Ausdruck eines persönlichen GeltungsbedĂŒrfnisses oder, wie es eine »Feministische Autonome Zelle« ausdrĂŒckte, der insgeheime Wunsh nach »Status« zu sein. Ich verstehe nicht, warum ein wiederkehrender Name »Kritisierbarkeit« schaffen sollte. Immerhin kann ich einen Angriff ja auch ohne ein solches Namensbekenntnis kritisieren. Egal ob ich meine Kritik mit »Unbekannte haben ein Auto abgefackelt« oder mit »Eine Feministische Autonome Zelle hat ein Auto abgefackelt« einleite, so kann sie doch in beiden FĂ€llen mit »Deshalb halte ich diesen Angriff fĂŒr fehlgeleitet« enden. Das gleiche gilt ĂŒbrigens fĂŒr eine positive Rezeption eines Angriffs.

Und wenn ich nun ein*e heimliche*r Bohrmaschinenliebhaber*in wĂ€re und deshalb den Angriff auf Bosch unmöglich gutheißen könnte, wĂŒrde der Angriff auf die »TĂŒbinger Offensive Mission«, die mir bestimmt das sonntĂ€gliche Bohren verbieten wollen, etwas an meiner Meinung Ă€ndern? WĂŒrde er den Angriff in einem anderen Licht erscheinen lassen? Keine Ahnung, ich mag keine Bohrmaschinen, zumindest keine von Bosch. Aber es erscheint mir nicht besonders sinnvoll, meine Meinung zu einer Handlung an einer IdentitĂ€t, an einer Reihe von Handlungen aus der Vergangenheit, die ein Profil einer Person oder gar einer Personengruppe schaffen, festzumachen. Wozu dieser militante »Lebenslauf« mit all seinen Referenzen?

NatĂŒrlich ist es vor allem mein Problem, wenn ich einem Namen, unter dem bereits viele Angriffe begangen wurden, einen Expert*innenstatus einrĂ€ume, dennoch sind solche Dynamiken absehbar und – ich behaupte – von denjenigen, die sich einen wiederkehrenden Namen geben, in der Regel gewollt. Wer Angriffe als HandlungsvorschlĂ€ge versteht – und davon gehe ich aus, wenn von Reproduzierbarkeit und Einfachheit, sowie einem DIY-Charakter die Rede ist –, die*der sollte vielleicht auch darauf achten, dass das eigene Auftreten diesen nicht im Wege steht. Wenn ich einerseits lese »[e]s brauch[e] keine Expertise« um anzugreifen, andererseits jedoch immer wieder (nur) Bekenntnisse unter berĂŒchtigten Namen oder zumindest mit seitenlangen ErklĂ€rungen lese, weil es (scheinbar) gar nicht darum geht, Angriffe im Allgemeinen, wie sie tĂ€glich stattfinden, sichtbar zu machen, sondern eher darum, die eigenen Angriffe in große Worte zu kleiden, steht das fĂŒr mich in Widerspruch zueinander. Und wenn ich dann noch lese, dass erst das Konzept derer, die einen so klangvollen Namen fĂŒhren, »eine Vermassung und Dezentralisierung von Organisierung und Aktionen ermöglich[t]«, dann vergeht mir auch der letzte Mut, selbst einen Angriff zu wagen. Da hilft auch die Beteuerung nichts, dass es denen, die meinen Angriff gerne in ihr Konzept integriert hĂ€tten, gar nicht um »spektakulĂ€re Aktionen« geht.

Wenn eine »Feministische Autonome Zelle« schreibt »Wir kritisieren Personalisierung und Personenkult sowie Idolisierung in der Szene, beeindruckende Prestige-Aktionen, die aber einmalig bleiben, sowie angekĂŒndigte (befriedete) Massenaktionen. Unser Format ist eine anonyme und auf Nachhaltigkeit angelegte militante Bewegung von dezentralen autonomen Zellen«, scheint es mir fast so, als wĂŒrden die Verfasser*innen meine Kritik diesbezĂŒglich teilen. Auf Macker*innen, die damit angeben, was sie sich alles trauen/getraut haben, auf Personen, die gerne fĂŒr andere sprechen und jede Form von Szene-Idol kann auch ich getrost verzichten. Doch fĂŒr mich fallen darunter nicht nur die – oft betrunkenen – Bekenntnisse, um anderen zu imponieren oder sie zu beeindrucken, sondern auch die vergleichsweise nĂŒchternen Bekenntnisse unter einem wiederkehrenden Namen. Auch diese Bekenntnisse fĂŒhren zu einer Idolisierung einer bestimmten Gruppe oder auch nur eines Namens. Reaktionen wie »Beeindruckend, die feministischen autonomen Zellen haben schon wieder zugeschlagen« scheinen mir beinahe unvermeidbar, wĂ€hrend gleichartige Angriffe, vielleicht sogar kreativere, inhaltlich ausgefeiltere, elegantere und vor allem reproduzierbarere zugleich meist ungehört verhallen: Zum Beispiel die Verunstaltung eines Amazon-Lockers mit Farbe in Berlin – ein Angriff, den ich natĂŒrlich begrĂŒĂŸe und den ich auch fĂŒr einen guten Handlungsvorschlag halte, aber eben nicht mehr als andere Angriffe. Dadurch, dass sich zu diesem Angriff als »FAZ« bekannt wurde, erfuhr dieser, so behaupte ich, insgesamt mehr Aufmerksamkeit als viele andere, in dieser Zeit ebenfalls stattfindenden Angriffe Ă€hnlichen Inhalts: In OsnabrĂŒck beispielsweise wurde – ebenfalls unter Einsatz von Farbe – eine Teststrecke fĂŒr Autonomes Fahren unbrauchbar gemacht (siehe ZĂŒndlumpen Nr. 046). Ein Angriff, dessen Folgen bestenfalls nicht am nĂ€chsten Tag mit Lappen und Reinigungsmittel kompensiert werden können, sondern der im besten Fall noch lange im »GedĂ€chtnis« der »kĂŒnstlichen Intelligenz« des getesteten Busses bleiben wird. In Hamburg wurde die Flotte von Drive Now und Car2go sabotiert (siehe ZĂŒndlumpen Nr. 046). Ebenfalls ein dezentraler und niedrigschwelliger Angriff. Und in MĂŒnchen brannten um diese Zeit Datenkabel von Vodafone und Stadtwerke MĂŒnchen (Siehe ZĂŒndlumpen Nr. 45 und 46). Und das sind nur einige Beispiele, an die ich mich erinnere. Ich möchte hier keinerlei Hierarchisierung all dieser Angriffe vornehmen. Ich persönlich finde sie alle Ă€hnlich spannend. Indem jedoch der eine Angriff unter einen wiederkehrenden Namen gestellt wird, der ihn mit weiteren Angriffen und zum Teil auch einer theoretischen Einbettung bĂŒndelt, scheint er mir verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig stĂ€rker wahrgenommen zu werden. Das liegt meines Erachtens nach daran, dass auch ein Name, unter dem sich zu Angriffen bekannt wird, idolisiert wird. Freilich ist das zumindest auch die Schuld derer, die einem Namen eine solche AutoritĂ€t zugestehen, aber da ich in einem solchen Namen kaum einen anderen Sinn sehe, denke ich, dass auch diejenigen, die ihre Angriffe mit einem Namen signieren, ihren Teil dazu beitragen.


[FAZ] Wegen alledem

Reaktion auf Artikel im ZĂŒndlumpen

Wir möchten uns im Folgenden mit dem Artikel ’Wozu dann der Name?’ auseinandersetzen, der am 15.1.2020 im anarchistischen Wochenblatt ’ZĂŒndlumpen’ veröffentlicht wurde. Wir freuen uns ĂŒber die ausfĂŒhrliche Auseinandersetzung mit den Texten der Feministischen Autonomen Zellen (FAZ), die prinzipiell positive Wahrnehmung der von den FAZ ausgefĂŒhrten Aktionsformen und die Veröffentlichung von Gedanken dazu, die es uns ermöglicht, uns damit auseinanderzusetzen und darauf zu reagieren.

Wir entnehmen dem Artikel folgende HauptstrÀnge:
(1) Kritik an der (ausfĂŒhrlichen) öffentlichen BegrĂŒndung von Aktionen der FAZ,
(2) Kritik an der Sammlung von Aktionen unter einem Gruppennamen, dem
(3) daraus resultierenden Entstehen von (vermeintlichem) Expert*innenstatus und Bindung von Aufmerksamkeit auf benannte Gruppen und der folgenden
(4) Unsichtbarmachung von Aktionen ohne Gruppennamen.

Anhand ausgewĂ€hlter Textstellen aus dem ZĂŒndlumpen-Artikel möchten wir der Kritik in den Worten der*s Autor*in Platz geben und formulieren anschließend ein paar Gedanken dazu. Der komplette Artikel ist zu finden unter zuendlumpen.noblogs.org/post/2020/01/15/wozu-dann-der-name/, ZĂŒndlumpen Ausgabe Nr. 048. FĂŒr den englischen Text (s.u.) waren wir so frei, die ausgewĂ€hlten Textausschnitte möglichst originalgetreu in Wortwahl und Ton zu ĂŒbersetzen.

(1) „Interessierte [können auf indymedia] ein Bekenntnis einer »Feministischen Autonomen Zelle« (
) nachlesen, dass sich dieser Brandanschlag [Dezember 2019 gegen ein Bosch-Auto in Hamburg, barrikade.info/article/2957] (
) gegen Bosch als Entwickler von Sicherheits- und Überwachungstechnik richtete und zum GlĂŒck erlaubt es dieses Bekenntnis (
), Kritik an diesem Angriff zu ĂŒben (
) und außerdem fest[zu]stellen, dass unter dem Namen »Feministische Autonome Zelle« (
) noch ganz andere Aktionen stattgefunden haben (
) Spricht ein solcher Angriff nicht fĂŒr sich? Und wenn nicht: Warum nicht? Zugegeben, ich könnte mir Situationen vorstellen, in denen ich das BedĂŒrfnis haben könnte, einen Angriff kurz zu erlĂ€utern. Ein Hinweis auf das BetĂ€tigungsfeld eines Unternehmens, die Erkenntnis, dass die*der Besitzer*in eines Autos Politiker*in ist, die Information, dass ein Auto ein Zivilfahrzeug der Polizei ist, usw. Aber spĂ€testens dann, wenn ich das GefĂŒhl hĂ€tte, dass ich ein ganzes Manifest verfassen mĂŒsste, um meinen Angriff zu erklĂ€ren, wĂŒrde sich mir die Frage stellen, inwiefern mein Angriff als Vorschlag dienen kann, die Herrschaft anzugreifen. Vielleicht soll er das ja gar nicht. Wenn ich hĂ€ufig die seitenlangen ErklĂ€rungen lese, die Personen anlĂ€sslich eines Angriffes abgeben, gewinne ich nicht selten den Eindruck, dass diese Angriffe nur Vorwand sind, um sich und den eigenen Ideen Gehör zu verschaffen. Eine Strategie, um Aufmerksamkeit zu erregen, sei es innerhalb einer »Szene« oder auch darĂŒber hinaus. Eine Strategie, die leider viel zu hĂ€ufig aufgeht.“

(Lange) Bekenner*innenschreiben sind fĂŒr uns keine Rechtfertigung oder Versuche, unserer Sache abgeneigte Leute fĂŒr unser Handeln zu erwĂ€rmen. Aber: FĂŒr uns ist zentral, Aktionen zu wĂ€hlen, die wir richtig, machbar und effektiv finden – denn Militanz bedeutet auch Verantwortung fĂŒr sorgfĂ€ltige Arbeit, gerade, weil es danach keinen Dialog geben kann. DafĂŒr betreiben wir ausfĂŒhrliche Recherchen und wollen unser Wissen teilen – auch, wenn lange Hintergrundtexte sicher höherschwelliger sind und nicht von allen (zu Ende) gelesen werden. Genau so, wie wir Recherchen Anderer nutzen, können dann Weitere von unsrer Arbeit profitieren. Dass das funktioniert, zeigen etwa die Verweise auf die Recherche der FAZ in Bekenner*innenschreiben zu auf unsere folgende Aktionen gegen Bosch. Die Vorstellung, (bestimmte) Aktionen und politische Gegner*innenschaften seien sowieso selbsterklĂ€rend, halten wir zudem fĂŒr eine Position Erfahrener und Älterer in der „Szene“, die hierarchiebildend wirkt: Wenn als selbstverstĂ€ndlich dargestellt wird, warum etwas auf eine bestimmte Weise getan, warum die*derjenige nicht gemocht wird, kann das nur noch schwer er- oder hinterfragt werden. Niedrigschwellig handeln heißt daher fĂŒr uns auch, uns nochmal neu darauf zu befragen, was und warum wir Dinge tun, und das sichtbar bzw. lesbar zu machen. Zum Vorwurf, „Angriffe [seien] nur Vorwand (
), um sich und den eigenen Ideen Gehör zu verschaffen“: Nein, denn direkte Aktionen gegen Herrschaft und UnterdrĂŒckung sind und bleiben fĂŒr uns Selbstzweck. Und: Ja, denn natĂŒrlich wollen wir mit unseren Aktionen Effekte erzielen – durch die Verbreitung feministischer Ideen, möglichst große SachschĂ€den, Konsequenzen fĂŒr unsere Anschlagsziele, z.B. auch durch mediale Aufmerksamkeit, wie etwa die breite öffentliche Kritik an der reaktionĂ€ren christlichen Politik der ’TĂŒbinger Offensive Stadtmission’ im Anschluss an die FAZ-Aktion um Weihnachten, 2019 https://de.indymedia.org/node/56865), die sogar kirchliche Institutionen teilten.
Queere, arme, „kranke“, rassifizierte und FLINT* Menschen und alle, die von gesellschaftlichen Normen abweichen, sind stĂ€ndig gezwungen, mehr oder minder öffentliche „Bekenntnisse“, „outings“ zu produzieren. Als Medium fĂŒr selbstbestimmte Statements ĂŒber unsere politischen Standpunkte, unsere Handlungen, wird es fĂŒr uns ein emanzipatorisches Tool. Das umzudrehen und uns deshalb ein „persönliches GeltungsbedĂŒrfnis“ (Zitat 2) zu attestieren, steht fĂŒr uns in einer Tradition der (oh, so projektiven) Pathologisierung von starken Frauenfiguren, insbesondere Frauen of Color, Queers & Feminist*innen. Warum könnt ihr uns nicht ertragen? Und wieso wird eigentlich im ganzen Artikel kein Wort ĂŒber unsere feministische Positionierung oder die (leider so rare) Verbindung von Feminismus und Militanz verloren? Feministische Wehrhaftigkeit und insbesondere feministische Militanz werden immer und immer wieder unsichtbar gemacht und weggeredet. Entweder werden konfrontativen Aktionen feministische Inhalte abgesprochen oder feministische KĂ€mpfe unterliegen dem Dogma der ’Gewaltfreiheit’. Daher finden wir wichtig, dieser Verbindung Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Dass Feminismus als das Grundthema unserer Texte und Organisierung im gesamten ZĂŒndlumpen-Text ignoriert wird, zeigt leider deutlich, was wir mit Unsichtbarmachung unserer Sache im linken militanten Diskurs meinen.

(2) „WĂ€hrend ich in einer ErklĂ€rung durchaus den Versuch sehen kann, die HintergrĂŒnde eines Angriffs zu erklĂ€ren, scheint mir die Etablierung eines Namens viel eher Ausdruck eines persönlichen GeltungsbedĂŒrfnisses oder, wie es eine »Feministische Autonome Zelle« ausdrĂŒckte, der insgeheime Wunsh [sic] nach »Status« zu sein. Ich verstehe nicht, warum ein wiederkehrender Name »Kritisierbarkeit« schaffen sollte. Immerhin kann ich einen Angriff ja auch ohne ein solches Namensbekenntnis kritisieren. Egal ob ich meine Kritik mit »Unbekannte haben ein Auto abgefackelt« oder mit »Eine Feministische Autonome Zelle hat ein Auto abgefackelt« einleite, so kann sie doch in beiden FĂ€llen mit »Deshalb halte ich diesen Angriff fĂŒr fehlgeleitet« enden. Das gleiche gilt ĂŒbrigens fĂŒr eine positive Rezeption eines Angriffs. (
) [E]s erscheint mir nicht besonders sinnvoll, meine Meinung zu einer Handlung an einer IdentitĂ€t, an einer Reihe von Handlungen aus der Vergangenheit, die ein Profil einer Person oder gar einer Personengruppe schaffen, festzumachen. Wozu dieser militante »Lebenslauf« mit all seinen Referenzen?“

Im von der*m Autor*in zitierten FAZ-GrĂŒndungstext wurden einige Erfahrungen mit verschiedenen Organisierungsformen reflektiert, die mit zur GrĂŒndung der Zellen-Struktur gefĂŒhrt haben. Konkret hierzu ist unsere Erfahrung mit Aktionen ohne Gruppennamen – abgesehen von leider seltenen „outings“ anonymer Aktionsgruppen als FLINT* Gruppen – ein Schweigen nach außen ĂŒber Organisierungsformen, Reflexionen und „Problemberichte“ – das sich unserer Ansicht nach ĂŒber die Notwendigkeiten von Sicherheitskultur hinaus zu einer Art Tabu in der autonomen Szene verselbststĂ€ndigt hat. Somit gab und gibt es aber auch kaum Erfahrungen, auf die andere und kĂŒnftige Menschen sich beziehen und von denen sie lernen (oder sich abgrenzen) könnten. Und gleichzeitig wird auch innerhalb einzelner Strukturen meist geschwiegen ĂŒber ZukunftsplĂ€ne, grĂ¶ĂŸere Sorgen ĂŒbers Leben und Älterwerden mit militantem Aktivismus. Wenn Gruppen es schaffen, nach außen anonym und ohne Namen zu handeln, aber intern nachhaltige Strukturen aufzubauen, diese stetig zu reflektieren und ihre Erfahrungen zu teilen, dann finden wir das bemerkenswert und toll. FĂŒr uns hat aber erst die Arbeit als FAZ ein committment zu langfristiger gemeinsamer Aktion und gegenseitiger Verantwortung – emotional, in Sachen Vertrauensbildung, Antirepression, gemeinsamer Professionalisierung
 – bedeutet – und diese Belangen teilweise auch schon verwirklicht. Die Wahl eines öffentlichen Namens soll aber nicht nur Zwecke fĂŒr uns erfĂŒllen, sondern soll auch Bezugspunkt fĂŒr Weitere sein und mehr kontinuierliche Gedanken und Diskussionen in der „Szene“ um uns herum anregen. Wann wurden schon mal (solidarisch und abseits der „Militanzdebatte“) einzelne anonyme no-name-Aktion öffentlich bzw. in der „Szene“ diskutiert? Und das auf dauerhafter Basis? Und wurde von den Angesprochenen darauf reagiert? Wir empfinden das als unwahrscheinlich und rar – auch, weil autonome Kleingruppen sich eben meist Event-bezogen oder kĂŒrzerfristig bilden, und oft nach einzelnen Aktionen oder spĂ€testens mit dem nĂ€chsten „Lebensabschnitt“ ihrer Mitglieder zerfallen.
Was ist gemeint mit Kritisierbarkeit durch einen dauerhaften Namen? Als FAZ können wir unsere Reflexionen, Entwicklungen, Umdenken und Fehler ĂŒber einzelne Aktionen hinaus sichtbar machen – was durch voneinander unabhĂ€ngige, anonyme Einzeltexte eben nicht in dieser Weise möglich wĂ€re. Und wir können so auch den grĂ¶ĂŸten Teil der Arbeit hinter Aktionen, der sonst verborgen bleibt, ĂŒber einzelne Events hinaus thematisieren und sichtbar(er) machen – und z.B. aktionsunabhĂ€ngigen Reflexionstexten (z.B. emrawijhwegozfze.onion/?FAZ-Auf-das-Feuer-hinter-den-Zellen-504) und Texten ĂŒber nicht komplett erfolgreiche Aktionen wie die gegen Vonovia 2019 in Berlin ( emrawijhwegozfze.onion/?FAZ-Flammende-Solidaritat-mit-der-Liebig34-527) mehr Aufmerksamkeit ermöglichen, entgegen der patriarchalen Vorstellung „alles was zĂ€hlt, ist die Aktion“. Denn: Es zĂ€hlen auch die internen Prozesse, Emotionen, UmgĂ€nge mit Repression, Fehler und Scheitern, Spaß und all die Zwischenschritte, die halt auch verdammt viel Arbeit sind. Schon der Name FAZ positioniert uns feministisch und weist auf die Verbindung von Feminismus und klandestiner Organisierung hin, soll zum Diskutieren und Mitmachen bei explizit feministischen Militanzen anregen. Zudem erlaubt der immer wieder auftauchende Name Lesenden eine Einordnung von Aktionen in eben den theoretischen Rahmen, den die FAZ mit ihren ersten Texten gesetzt haben, sowie dessen Erweiterung und Kritik. Dass Aktionen oder Konzepte unter dem Namen der FAZ nicht nur theoretisch kritisierbar sind, sondern das auch getan wird und hilfreich sein kann, beweist ja der ZĂŒndlumpen-Artikel selbst.

(3) „[Solche Dynamiken, dass] ich einem Namen, unter dem bereits viele Angriffe begangen wurden, einen Expert*innenstatus einrĂ€ume, (
) sind (
) absehbar und – ich behaupte – von denjenigen, die sich einen wiederkehrenden Namen geben, in der Regel gewollt. Wer Angriffe als HandlungsvorschlĂ€ge versteht – und davon gehe ich aus, wenn von Reproduzierbarkeit und Einfachheit, sowie einem DIY-Charakter die Rede ist –, die*der sollte vielleicht auch darauf achten, dass das eigene Auftreten diesen nicht im Wege steht. (
) [Es geht] (scheinbar) gar nicht darum (
), Angriffe im Allgemeinen, wie sie tĂ€glich stattfinden, sichtbar zu machen, sondern eher darum, die eigenen Angriffe in große Worte zu kleiden.(
) [F)ĂŒr mich fallen darunter nicht nur die – oft betrunkenen – Bekenntnisse, um anderen zu imponieren oder sie zu beeindrucken, sondern auch die vergleichsweise nĂŒchternen Bekenntnisse unter einem wiederkehrenden Namen. Auch diese Bekenntnisse fĂŒhren zu einer Idolisierung einer bestimmten Gruppe oder auch nur eines Namens.“

Bestimmt haben Entscheidungen fĂŒr und gegen Organisierungsformen solche und solche Folgen: Sie ermöglichen Dinge, die wir uns erhoffen, haben aber auch nicht abgesehene oder unerwĂŒnschte Nebenwirkungen. Gleichzeitig wĂŒnschen wir uns, dass die Unterstellung einer absichtlicher Herstellung von Hierarchie mal nicht (nur) feministisch-herrschaftskritischen Strukturen vorgeworfen wĂŒrden, sondern auch und vor allem eben solchen Polit-Strukturen, in denen Mackertum und Angeberei ganz offen und unhinterfragt bestehen, akzeptiert oder sogar stolz vor sich hergetragen werden. Die hier vorgetragene Argumentationsweise erleben wir oft als Doppelmoral, mit der z.B. queere_feministische Akteur*innen delegitimiert werden. Auf welcher Ebene oder von wo herab wird hier theoretisch kritisiert und wessen Anerkennung sollen wir da erstreben?
In gesellschaftlichen VerhĂ€ltnissen, in denen uns Gehorsam vor AutoritĂ€ten, Individualismus, Wissenshierarchien und Informationshoheiten als normal und richtig dargestellt werden, lĂ€uft emanzipatorischen Projekten alles zuwider. Aber wir probieren es – explizit nicht mit dem Anspruch, „Expert*innenstatus“ innezuhaben, sondern weil wir es ganz notwendig finden, mit dem, was wir eben zum aktuellen Zeitpunkt können und wissen – anzufangen. Wenn wir Dinge herausfinden und lernen, die Anderen helfen können, dann geben wir sie gerne weiter. Wenn wir etwa einzelne Aktionsformen genau beschreiben, dient das dazu, sie niedrigschwelliger zu machen; und bewusst wurden von Zellen auch immer wieder Aktionen mit geringerem Aktionslevel ausgewĂ€hlt, z.B. die Angriffe auf Amazon Locker mit Farbe und Werkzeug in Freiburg und Berlin 2019 (barrikade.info/article/2517 und emrawijhwegozfze.onion/?FAZ-Auch-Amazon-ist-kein-guter-Nachbar-Amazon-Locker-angegriffen-528).
Unsere Organisierungsform bedeutet fĂŒr uns viel Arbeit unter hohen Sicherheitsstandards und Risiken und lĂ€uft stets anonym. Status, der FAZ-Aktionen vielleicht oder vielleicht auch nicht zugeschrieben wird, werden wir also ohnehin nie persönlich „genießen“ – aller Fame gilt feministischen Ideen und Strategien, aller Aufwand der nachhaltigen Organisation militanten Widerstands gegen die autoritĂ€re, patriarchale Gesellschaft.

(4) „[Beeindruckte Reaktionen auf FAZ-Aktionen scheinen mir] beinahe unvermeidbar, wĂ€hrend gleichartige Angriffe, vielleicht sogar kreativere, inhaltlich ausgefeiltere, elegantere und vor allem reproduzierbarere zugleich meist ungehört verhallen.“ (
) „Dadurch, dass sich zu diesem Angriff [auf einen Amazon-Locker mit Farbe in Berlin] als »FAZ« bekannt wurde, erfuhr dieser, so behaupte ich, insgesamt mehr Aufmerksamkeit als viele andere, in dieser Zeit ebenfalls stattfindenden Angriffe Ă€hnlichen Inhalts (
). Indem (
) der eine Angriff unter einen wiederkehrenden Namen gestellt wird, der ihn mit weiteren Angriffen und zum Teil auch einer theoretischen Einbettung bĂŒndelt, scheint er mir verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig stĂ€rker wahrgenommen zu werden. Das liegt meines Erachtens nach daran, dass auch ein Name, unter dem sich zu Angriffen bekannt wird, idolisiert wird. Freilich ist das zumindest auch die Schuld derer, die einem Namen eine solche AutoritĂ€t zugestehen, aber da ich in einem solchen Namen kaum einen anderen Sinn sehe, denke ich, dass auch diejenigen, die ihre Angriffe mit einem Namen signieren, ihren Teil dazu beitragen.“

Die Hierarchisierung von FAZ-Aktionen gegenĂŒber Aktionen ohne Namen empfinden wir als einen wichtigen Kritikpunkt. Wir stehen zur DiversitĂ€t von (Organisierungs-)Taktiken und solidarisch mit allen feministisch-herrschaftskritischen Aktionen, auch und gerade, wenn sie anonym verĂŒbt werden, und wĂŒnschen uns fĂŒr all diese Aufmerksamkeit und Credit, in der Szene und darĂŒber hinaus. Und uns ist klar (geworden), dass die Arbeit mit Gruppennamen das eher ermöglicht. Das kann fĂŒr uns aber kein Argument sein, unsere Aktionen (auch) verhallen zu lassen, zumal auf unsere spezielle Position verschiedene Unsichtbarmachungen wirken: etwa als linke gegenĂŒber mainstream-Themen, militante gegenĂŒber bĂŒrgerlichen Protestformen, feministische Auseinandersetzungen gegenĂŒber Mackerei und mĂ€nnlich dominierten linken Themen. Wir denken, dass es unermessliche KrĂ€fte mobilisiert, Bezugspunkte zu setzen, an deren Existenz Andere sich freuen, die sie nachmachen, auf die sie sich – jetzt oder in der Zukunft – beziehen können. Wie das Problem der Hierarchisierung lösen, darauf haben wir keine abschließende Antwort – und an solche glauben wir eh nicht. Als einen Versuch, Aufmerksamkeit auf Aktionen besser zu teilen, schließen wir an diesen Text eine Chronik verschiedener feministischer militanter Aktionen der letzten Zeit an.

Abschließend bedanken wir uns bei der*m Autor*in und dem ZĂŒndlumpen fĂŒr die kritische Auseinandersetzung mit FAZ-Themen und deren Veröffentlichung, die uns Anstoß fĂŒr viele Gedanken und GesprĂ€che gegeben hat. Mit diesem Text hoffen wir, eine verstĂ€ndliche und hilfreiche Sammlung einiger Gedanken dazu bieten zu können, und freuen uns auf kĂŒnftigen solidarischen Austausch. Gruß und Kuss,

eine Feministische Autonome Zelle

Chronik: Gegen die Unsichtbarkeit – fĂŒr feministische Militanzen!

Wir haben ein bisschen recherchiert auf chronik, zĂŒndlumpen, barrikade, indy und so weiter und einige feministische Aktionen zusammengetragen. Lasst euch inspirieren!

17.12.18 Hamburg, Steine und Farbe gegen die glĂ€nzende Fassade eines Neubaus, SoligrĂŒĂŸe an die Liebig34
01.02.19 Berlin, Farbe und Glasbruch bei Brasilianischer Botschaft in SolidaritÀt mit dem feministischen, queeren und antifaschistischen Widerstand in Brasilien
01.02.19 Berlin, Farbe gegen İƟbank zur Verteidigung der feministischen Revolution in Rojava
11.02.19 Berlin, Zalando Zentrale angegriffen: „Jeder Tag ist queer-feministischer Kampftag!“
07.03.19 MĂŒnchen, feministische Graffiti von „Fantifa“ bis „Krieg dem Patriarchat“ in der Nacht vor dem 08. MĂ€rz aufgetaucht
08.03.19 Berlin, Dr. House Fahrzeug angezĂŒndet: „FĂŒr den polymorphen Angriff auf die patriarchalen ZustĂ€nde!“ (Liebig34 Soli)
11.03.19 Schmidhausen, Farbe gegen Haus und Auto von antifeministischer AfD-Politikerin Carola Wolle
14.03.19 Frankfurt (aM), als Beitrag zur feministischen Offensive Burschenschaft Arminia mit Farbe angegriffen
18.03.19 Frankfurt (aM), als Beitrag zu der ausgerufenen Feministischen Offensive Katholische Deutsche Studentenverbindung Badenia Straßburg mit Farbe angegriffen
24.03.19 Hannover, im Nachklang des 8. MĂ€rz Buschenschaft „Akademische Landsmannschaft Niedersachsen“ und „PennĂ€lerverbindung Honovere“ mit Farbe angegriffen
06.05.19 Berlin, feministsicher Zusammenhang markiert Fassade von antifeministischen Vereinen und Einzelpersonen
23.04.19 Berlin, wĂŒtende Queers zerstören Fassade eines Hauses (Liebig34 Soli)
20.06.19 Berlin, Apostolische Nuntiatur (Deutschlandsitz des Papstes) wird mit Farbe angegriffen
24.06.19 Rheinland, Feministische Baggerbesetzung im Tagebau Hambach
25.06.19 Leipzig, Straßenbaumaschine von Knastbauer Eurovia-Vinci brennt in Leipzig, grĂŒĂŸe gehen an die gefangenen Anarchistinnen Anna und Sylvia im Hungerstreik
20.07.19 Berlin, ASW BĂŒrogebĂ€ude von FLINT-Aktionsgruppe angegriffen
24.07.19 Berlin, FLTI* Gruppe gegen VerdrÀngungsakteur Dr. House
25.07.19 Wuppertal, in SolidaritĂ€t mit Liebig34 Vonovia Transporter angezĂŒndet
29.07.19 Berlin, FLINT*-only Gruppe greift ASW zum 3. Mal in kurzer Zeit an
06.08.19 Freiburg, Amazon Locker von einer FAZ zerstört
13.09.19 Berlin, drei Autos der Deutsche Wohnen angezĂŒndet – antimilitaristisch, feministisch, antifaschistisch und unverhohlen gegen die Stadt der Reichen
30.09.19 Freiburg, Vonovia Auto angegriffen in SolidaritÀt mit der gefangenen Primbo
01.10.19 Berlin, autonome FLINT*-Gruppe: Farbattacke auf das Amtsgericht Lichtenberg
06.10.19 Berlin, „Einbruch bei Pro Femina e.V. – FĂŒr den Feminismus!“
23.10.19 Berlin, Angriffe auf AnwaltsbĂŒro und Immobilienfirma wegen VerdrĂ€ngung
29.10.19 Berlin, Farbe und Glasbruch auf Baustelle eines Luxusquartiers
02.11.19 Berlin, Randale auf Liebig34 Demo und Angriff auf Bußgeldstelle der Polizei
11.11.19 Berlin, zwei Geldautomaten auf Eigentum von Padovicz flambiert (Liebig34 Soli)
13.11.19 Berlin, Glasbruch und SUV mit ButtersĂ€ure zerstört in Aktion gegen Familie Tragsdort, mitverantwortlich fĂŒr den Liebig34-VerdrĂ€ngungsversuch
15.11.19 Geisenheim, am BĂŒrogebĂ€ude der RĂŒstungsfirma Ferrostaal Feuer gelegt durch das Kommando HĂȘlĂźn Qereçox/Anna Campbell
15.11.19 Berlin, Liebig34-Prozess ein Desaster „Nippel, Blut und Bomben/liebig34 unstoppable“
01.12.19 Hamburg, Bosch Auto von einer FAZ abgefackelt
14.12.19 Berlin, eine FAZ greift in SolidaritÀt mit der Liebig34 ein Vonovia Auto an
08.12.19 Berlin, SPD-Parteizentrale mit Farbe angegriffen, Soli nach Rojava und an die Liebig34
13.12.19 Frankfurt (aM), anlĂ€sslich des Prozesses gegen die Liebig34 mit HammerschlĂ€gen und StinkeflĂŒssigkeit Gewerkschaft der Polizei einen Besuch abgestattet
16.12.19 Berlin, wieder ein Amazon Locker von einer FAZ angegriffen
19.12.19 Berlin, Glasbruch bei der Immobilienagentur Next Estate GmbH in SolidaritÀt mit der Liebig und anderen bedrohten Projekten
20.12.19 Berlin, FLINT only und gemischten Bezugsgruppen greifen in Aktion gegen VerdrĂ€ngung drei SPD-BĂŒros an
27.12.19 TĂŒbingen, Evangelikale antifeministische TOS von einer FAZ angegriffen
31.12.19 Berlin, Dem Lokalcholeriker den SUV genommen – Antifeminst Gunnar Schupelius muss laufen.
31.12.19 Berlin, Silvester zum Frauen*knast! „Das Patriarchat soll sich an uns die ZĂ€hne ausbeißen“
09.01.20 Berlin, Farbanschlag gegen die St. Elisabeth-Kriche fĂŒr ihre Propaganda zum „Marsch fĂŒrs Leben“
26.01.20 Berlin, Fassade des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg in SolidaritÀt mit der Liebig34 beschÀdigt
28.01.20 Hamburg, Telekom Karre in Hamburg, in SolidaritÀt mit der Liebig34, in die KnÀste und an jene in der KlandestinitÀt
28.01.20 Berlin, Soli-Aktion fĂŒr die Liebig34, einige flauschige Unicorns nutzen Farbe gegen GreyStay Apartments: „Lasst uns mit glitzernden Pflastersteinen ihr Patriarchat einreißen!“
30.01.20: Karre von Padovicz Anwalt (Liebig34-VerdrÀnger) Ferdinand Wrobel geschrottet
30.01.20 In den Morgenstunden vor RĂ€umungsprozess gegen die Liebig34 Glasbruch bei zwei BĂŒros
31.01.20 Berlin, 3 Thyssenkrupp Autos angezĂŒndet in SolidaritĂ€t mit Rojava, den Festgenommenen bei der linksunten-Demo und der Liebig34
02.03.20 Frankfurt (aM), Auto von Pick-Up-Arschloch Marko Mitrovic zertrĂŒmmert
08.03.20 LĂŒneburg, FarbbeutelwĂŒrfe bei feministischer FLINT* Sponti
08.03.20 NĂŒrnberg, inspiriert von kĂ€mpferischer 08. MĂ€rz Demo mehrere Vonovia-Transporter beschĂ€digt
08.03.20 Frankfurt (aM), Aufruf und erste Aktion: Sexisten beklauen – Sachen mit sexistischem Inhalt klauen
19.03.20 Berlin, Fahrzeug von Bosch in der Ostseestraße angezĂŒndet und in der folgenden Nacht ein Fahrzeug von Dr. House Solutions (gehört zum Firmengeflecht Padovicz)
27.03.20 Hannover, Scheiben bei VerdrÀngungsunternehmen Delta Fonds eingeschlagen


Von der Handlung zur IdentitÀt

Ein vertiefender Beitrag zur Debatte um AnonymitÀt mit den »Feministischen Autonomen Zellen«

Als Verfasser*in des Textes „Wozu dann der Name?“ in ZĂŒndlumpen Nr. 048 möchte ich mich im Folgenden mit der Reaktion der Feministischen Autonomen Zellen „Wegen alledem“ auseinandersetzen sowie einige meiner ursprĂŒnglichen Argumente noch einmal vertiefen. Ich werde dabei Textstellen aus „Wegen alledem“ nur entsprechend durch meine Positionen kontextualisiert zitieren, weshalb ich die vorherige LektĂŒre dieses Textes, sowie ggf. meines ursprĂŒnglichen Disskussionsbeitrags empfehle. Und weil aufgrund der bisherigen BeitrĂ€ge zu dieser Debatte zu befĂŒrchten steht, dass mein Beitrag als Diskussionsbeitrag dazu gedeutet werden könnte, wie sich die FAZ – derer ich kein Teil bin – „organisieren“ sollten, möchte ich ausnahmsweise einmal vorab klarstellen, was sowieso klar sein sollte: Wenn ich auch meine Gedanken und Überlegungen zu AnonymitĂ€t und (informeller) Organisation versuche darzulegen, so können andere, die möglicherweise auch andere Ziele als ich verfolgen, zu anderen Schlussfolgerungen gelangen. Den Wert einer solchen Debatte sehe ich vor allem darin, dass sich in der Konfrontation mit anderen Positionen vor allem die eigenen Ansichten schĂ€rfen, ĂŒberdenken und manchmal auch ganz ĂŒber den Haufen werfen lassen.

Feministische Militanz?

Der Vorwurf musste ja kommen: „wieso wird eigentlich im ganzen Artikel kein Wort ĂŒber unsere feministische Positionierung oder die (leider so rare) Verbindung von Feminismus und Militanz verloren?“ und weiter: „Dass Feminismus als das Grundthema unserer Texte und Organisierung im gesamten ZĂŒndlumpen-Text ignoriert wird, zeigt leider deutlich, was wir mit Unsichtbarmachung unserer Sache im linken militanten Diskurs meinen.“ Aber welchen „linken militanten Diskurs“ meint ihr? Ich betrachte mich weder als links, noch als militant in einem Sinne, in dem es mir wert wĂ€re, einen eigenen Diskurs darum zu fĂŒhren. Ich betrachte mich vielmehr als Anarchist*in, als aufstĂ€ndische*r Anarchist*in, wenn mensch so will. Meine Militanz, wenn mensch das wiederum so nennen will, ist antipolitisch, unorganisiert – bzw. informell organisiert –, individuell und auf die Zerstörung jeglicher Herrschaft gerichtet. Sie verfolgt kein Programm außer vielleicht dem der totalen Destruktiven Verneinung. Warum verliere ich in meinem ursprĂŒnglichen Artikel also „kein Wort ĂŒber [eure] feministische Positionierung oder die [
] Verbindung von Feminismus und Militanz“? Weil es darum schlicht nicht geht: Mein Artikel beschĂ€ftigt sich mit der Frage, inwiefern ich es fĂŒr sinnvoll halte, den eigenen Angriffen einen (wiederkehrenden) Namen zu geben, bzw. ausschweifende CommuniquĂ©s  dazu zu verfassen. Was spielt es dabei fĂŒr eine Rolle, dass ihr euch als feministisch bezeichnet?

Was fĂŒr mich eine völlig andere Frage ist, scheint fĂŒr euch aber auch jenseits eines bloßen Delegitimierungs-Arguments gegenĂŒber meinem Text (wie sonst soll ich den Vorwurf der Unsichtbarmachung verstehen, wenn sich doch zugleich in meinem Text mit den FAZ und ihren Aktionen auseinandergesetzt wird) eine Rolle zu spielen. „Queere, arme ‚kranke‘, rassifizierte und FLINT* Menschen und alle, die von gesellschaftlichen Normen abweichen, sind stĂ€ndig gezwungen, mehr oder minder öffentliche ‚Bekenntnisse‘, ‚outings‘ zu produzieren“, schreibt ihr, und spĂ€ter beklagt ihr noch die „leider seltenen ‚outings‘ anonymer Aktionsgruppen als FLINT* Gruppen“. Hier scheint die gute alte IdentitĂ€tspolitik Einzug in euer Militanzkonzept zu halten und eure Militanz zur identitĂ€tsstiftenden Angelegenheit zu machen. Es erinnert mich an die Schriften der Roten Zora, in denen hĂ€ufig von „Gegenmacht“ (Ein Konzept, das auch von den RevolutionĂ€ren Zellen und anderen militanten Gruppen gebraucht wurde und wird) und „Frauenmacht“ (was ebenso wie das Konzept der „Gegenmacht“ zumindest in „Mili’s Tanz auf dem Eis“ spĂ€ter kritisch gesehen wird) die Rede war und immer wieder das Frausein essentialisiert und als fĂŒr die Gruppe identitĂ€tsstiftend ins Spiel gebracht wird [1]. Dabei geht es mir nicht darum, zu kritisieren, wenn sich Personen nicht lĂ€nger in ZusammenhĂ€ngen „organisieren“ wollen, in denen sie marginalisiert werden und in denen sie den Eindruck haben, ihre eigenen Projekte nicht realisieren zu können – Im Gegenteil, ich bin ohnehin der Ansicht, dass eine Organisation zerstört werden sollte, sobald sie den ProjektualitĂ€ten ihrer „Mitglieder“ im Wege steht. Es geht mir auch nicht darum, zu kritisieren, wenn sich Menschen gemeinsam mit Menschen innerhalb ihrer sozialisierten IdentitĂ€ten „organisieren“, verschwören, verbĂŒnden wollen. Wenn diese IdentitĂ€ten dann aber die eigenen Angriffe und Handlungen zu ĂŒberdauern scheinen, wenn es weniger auf eine Handlung ankommt, als auf die IdentitĂ€t der*desjenigen, die*der diese tĂ€tigt und vielleicht zusĂ€tzlich noch suggeriert wird, mensch wĂŒrde fĂŒr alle Menschen, die diese IdentitĂ€t (zu) teilen (scheinen), sprechen, so scheint mir diese Konstellation mitnichten geeignet, irgendein HerrschaftsverhĂ€ltnis radikal anzugreifen. Das gilt ĂŒbrigens nicht nur fĂŒr IdentitĂ€ten wie „wir, queere Militante“, „wir, eine FLINT* Aktionsgruppe“ oder „wir, eine Frauenkampfgruppe“, sondern insbesondere auch fĂŒr „wir, militante Linke“ oder „wir, Militante“, wie Lina Gaso in „Jenseits von Militanz: RevolutionĂ€re Gewalt“ (In der Tat Nr. 2) argumentiert.

Was mich aber bei „outings“ als „FLINT-Gruppen“ und der Ermutigung, sich als solche zu „outen“, wie ich das im Text der FAZ wahrnehme, ganz besonders verstört ist die eigentliche KontraproduktivitĂ€t des Ganzen und das implizite Fortschreiben einer der weitverbreitetsten und dĂ€mlichsten Legenden ĂŒber diejenigen, die sich entscheiden anzugreifen, nĂ€mlich dass dies (vor allem) nicht nur „MĂ€nner“ seien, sondern gar solche, die nicht „von gesellschaftlichen Normen abweichen“ wĂŒrden. Ist es nicht die grĂ¶ĂŸtmögliche Abweichung von „gesellschaftlichen Normen“, die bestehende Gesellschaft, das Eigentum, das Patriarchat, den Staat oder wie mensch es auch nennen will, anzugreifen? Und sicher mag es diese und jene ZusammenhĂ€nge geben, aber es wĂŒrde mich doch sehr verwundern und meinen eigenen Erfahrungen zentral widersprechen, wenn sich die gĂ€ngigen gesellschaftlichen Klischees ĂŒber diejenigen, die sich entscheiden anzugreifen, im Großen und Ganzen als wahr erweisen wĂŒrden. Das heißt nicht, dass ich es nicht respektiere, wenn Individuen wie beispielsweise die Anarchistin und Nihilistin Kaneko Fumiko [2] so heftig um Anerkennung ihrer GefĂ€hrlichkeit kĂ€mpfen (wollen), dass sie bereit sind dafĂŒr hingerichtet zu werden. Aber fĂŒr die Anerkennung der GefĂ€hrlichkeit nicht eines Individuums, sondern einer IdentitĂ€t scheint mir ein solches Unterfangen – mit Verlaub – recht bescheuert. Geht es denn darum, das in einer Gesellschaft prĂ€sente Bild einer IdentitĂ€t zu verĂ€ndern (und was wĂŒrden beispielsweise liberale Feminist*innen dazu sagen, wenn dieses Unterfangen erfolgreich wĂ€re und FLINT* Personen fortan als „Terrorist*innen“ gelten wĂŒrden) oder geht es nicht vielmehr darum, jede Vorstellung von IdentitĂ€t und die Gesellschaft selbst – zumindest so wie sie heute existiert – zu zerstören?

Die*der anonyme Angreifer*in widersetzt sich in dieser Hinsicht trotz der dĂ€mlichen gesellschaftlichen Projektionen – warum ihnen auch irgendeinen Wert beimessen? – jeglicher IdentitĂ€t. „Die anonyme Aktion hat keinen Besitzer, keinen Meister, gehört niemandem. Das heißt sie gehört allen denen, die sie teilen. Als Schatten unter Schatten sind wir alle gleich. Niemand ist vorne um zu fĂŒhren, niemand ist hinten um zu folgen.“ [3] Niemand blendete den Zyklopen Polyphem und doch scheitert die List des Odysseus [4] an seiner Eitelkeit: Als er glaubt entkommen zu sein, gibt er sich Polyphem doch noch zu erkennen: „Ich, Odysseus war es, der euch blendete“. Und so kommt es, dass Polyphem seinem Vater Poseidon nun Odysseus Namen enthĂŒllen kann, der diesen und seine GefĂ€hrt*innen auf eine zehnjĂ€hrige Irrfahrt schickt, die außer Odysseus keine*r ĂŒberlebt [5].

„Warum könnt ihr uns nicht ertragen?“, fragt ihr und ich gebe diese Frage zurĂŒck: Warum könnt ihr es nicht ertragen, euch in den Nebel der AnonymitĂ€t zu kleiden? Das soll eine Pathologisierung „starke[r] Frauenfiguren“ sein? „In der Finsternis jedoch gibt es keine Namen, keine IdentitĂ€t, es gibt nur eine heterogene Bewegung, kochend wie Magma, fragmentarisch, wild. Niemand befiehlt, niemand gehorcht. Akte wie Worte haben Wert wegen ihrem Sinn, wegen ihrem Inhalt, wegen ihren Konsequenzen. Nicht wegen dem Ruf ihrer Autoren.“ [6]

Der große ganze Zusammenhang in einem CommuniquĂ©

„FĂŒr uns ist zentral, Aktionen zu wĂ€hlen, die wir richtig, machbar und effektiv finden – denn Militanz bedeutet auch Verantwortung fĂŒr sorgfĂ€ltige Arbeit, gerade, weil es danach keinen Dialog geben kann. DafĂŒr betreiben wir ausfĂŒhrliche Recherchen und wollen unser Wissen teilen – auch, wenn lange Hintergrundtexte sicher höherschwelliger sind und nicht von allen (zu Ende) gelesen werden. [
] Die Vorstellung, (bestimmte) Aktionen und politische Gegner*innenschaften seien sowieso selbsterklĂ€rend, halten wir [
] fĂŒr eine Position Erfahrener und Älterer in der „Szene“, die hierarchiebildend wirkt: Wenn als selbstverstĂ€ndlich dargestellt wird, warum etwas auf eine bestimmte Weise getan, warum die*derjenige nicht gemocht wird, kann das nur noch schwer er- oder hinterfragt werden.“

Warum wĂ€hle ich den Angriff? Weil ich es leid bin, das „Richtige“ zu tun, weil ich es leid bin, „Verantwortung“ zu ĂŒbernehmen, weil ich es leid bin, Rechenschaft fĂŒr mein Handeln vor irgendjemandem (außer vielleicht mir selbst – aber einem Selbst frei von jeglicher Moral) abzulegen, weil ich es leid bin, „politisch“ zu handeln. Ich weiß, mensch kann diese Begriffe fĂŒr sich selbst anders definieren und es ist mir weder daran gelegen, eure Definition dieser Begriffe pauschal mit der allgemein anerkannten Definition dieser gleichzusetzen, noch daran, an dieser Stelle eine weitere Nebendebatte dazu aufzumachen, und doch bin ich ĂŒberzeugt, dass diese Begrifflichkeiten und die damit transportierten Konzepte den Ursprung unserer unterschiedlichen Vorstellungen bilden. Ist ein Angriff selbsterklĂ€rend? Muss er das in jedem Sinne, gerade im politischen, sein? Ja und Nein. Ja, ich halte jeden Angriff, der mit der Logik dieser Gesellschaft bricht fĂŒr selbsterklĂ€rend und Nein, ich finde nicht, dass mensch politische Gegner*innenschaften nachvollziehbar finden muss, um einen Angriff zu verstehen. Abgesehen davon glaube ich, dass diese das in der Regel fĂŒr die meisten Leute, die bereit sind, genau hinzusehen, sind. Wo immer AufstĂ€nde oder Riots ausbrechen, passiert in der Regel ungefĂ€hr das Gleiche: Bullen werden angegriffen und Barrikaden werden errichtet, LĂ€den werden geplĂŒndert, Banken verwĂŒstet, RegierungsgebĂ€ude angegriffen, Kameras gesmasht, wenn irgendwie möglich Telekommunikation unterbrochen, MedienhĂ€user gestĂŒrmt, KnĂ€ste zerstört und Gefangene befreit, usw., ferner werden manchmal Kirchen niedergebrannt, Armenviertel zerstört (damit es keinen Ort gibt, an den mensch zurĂŒckkehren kann), die Industrie lahmgelegt, das Energieversorgungsnetz zerstört, u.v.m. Kurz: Den Menschen ist recht klar, wer und was sie unterdrĂŒckt, das muss einer*einem kein Marx sagen, kein Engels, Lenin, Mao, Castro, Che Guevara, Nelson Mandela und auch kein*e Anarchist*in. Und auch als (vorrangige) Feminist*innen werdet ihr in dieser AufzĂ€hlung zentrale patriarchale Institutionen finden, die ihr den Menschen nicht besser benennen könntet. Dabei gehen die allermeisten AufstĂ€nde und Riots mitnichten von irgendwechen politischen Akteur*innen aus. Die meisten AufstĂ€nde sind vielmehr apolitisch, in sich unvereinnahmbar und ersterben in dem Moment, in dem sie neue AnfĂŒhrer*innen (Politiker*innen) hervorbringen, die im Namen der Menschen zu sprechen beanspruchen.

Was hat dies nun mit militanten „Aktionen“ bzw. apolitischen Angriffen zu tun? Ziele dieser Angriffe sind (in der Regel) ganz Ă€hnliche Institutionen, wie diejenigen, die auch wĂ€hrend AufstĂ€nden angegriffen werden. Wenn es nun aber gar keine politischen Akteur*innen sind, die AufstĂ€nde auslösen, woher kommt dann die Arroganz so vieler Militanter, ihre Angriffe fĂŒr besonders außergewöhnlich und erklĂ€rungsbedĂŒrftig zu halten? Und umgekehrt gefragt: Wenn ihre Angriffe tatsĂ€chlich erklĂ€rungsbedĂŒrftig wĂ€ren, weil auch wĂ€hrend eines Aufstands niemand – und zwar diesmal im Sinne von keine*r – auf die Idee kommt, diese zu verĂŒben, inwiefern macht es dann ĂŒberhaupt Sinn diese zu erklĂ€ren? Entweder handelt es sich bei diesen dann um Angriffe, die aus einer recht individuellen Motivation heraus stattfinden, oder aber die dem Angriff vorangehende Analyse, die versucht, diesen in einen sozialen Kontext einzubetten, ist gescheitert, weil sich mit dem Angriff herausstellt, dass es diesen sozialen Kontext nie gegeben hat.

Aber es stimmt ja auch gar nicht, dass nicht in hunderten und tausenden anarchistischen (und anderen militanten – wobei dort ja besonders hĂ€ufig nur in CommuniquĂ©s zu den Angriffen) Schriften, wie Zeitungen, Magazinen, Flyern, Plakaten, BĂŒchern, Radiosendungen, ja manchmal sogar Filmen grundsĂ€tzlich erklĂ€rt werden wĂŒrde, warum sich Individuen fĂŒr den Angriff entscheiden, was die zugrundeliegende Analyse ist und sogar welche Strategien hinter diesen Angriffen stehen. Ferner gibt es eine FĂŒlle von Anleitungen, wie bestimmte Angriffe durchgefĂŒhrt werden können, Auflistungen von Akteur*innen, die irgendwer fĂŒr angreifenswert hĂ€lt (aber es oft nicht selbst tun will), und nicht zuletzt weltweite Berichterstattungen ĂŒber stattgefundene Angriffe auf anarchistischen Blogs, in anarchistischen Zeitungen und sogar in „sozialen Medien“. Wie jĂ€mmerlich und erbĂ€rmlich ist da ein zwei/drei, höchstens einmal zehnseitiges CommuniquĂ©, das einen einzelnen Angriff in hĂŒbsche oder weniger hĂŒbsche Worte kleidet, ihn in einen Gesamtkontext stellen und nebenbei noch „ausfĂŒhrliche Recherchen“ und „Wissen teilen“ will, im Vergleich zu den hunderttausenden Seiten der Analyse, Recherche und Wissen dieser Publikationen, die sich nicht nur auf einen einzelnen Angriff beziehen, sondern auf alle, sowohl die publik gewordenen, als auch die stillen, sowohl die materiellen Angriffe, als auch die immateriellen Angriffe, die zum Beispiel Herrschaftsbeziehungen in den eigenen Denkmustern angreifen. Wie ineffizient ist es, ein seitenlanges ComuniquĂ© zu jedem Angriff zu schreiben, im Vergleich zu einem allgemeinen Text mit einer Analyse, einer Anleitung oder einer Recherche, der ĂŒber das Ă€ußerst kurzlebige Spektakel des Angriffs selbst seine Relevanz behĂ€lt? Oder wer keine Lust hat, selbst etwas zu schreiben, die*der kann sich hier auch genausogut einen der tausenden existierenden Texte aneignen, mehrere zu einem neuen Text collagieren oder seine*ihre Ideen auf andere Art und Weise verbreiten. Und wo bleibt da der Angriff? Der spiegelt sich in all diesen Texten ebenso wider, unabhĂ€ngig davon, wie gewandt eine*r ist, diesen mit klugen Worten zu bewerben.

Die Propaganda der Tat und die „patriarchale Vorstellung ‚alles was zĂ€hlt, ist die Aktion’“

Die „Aktion“ ist fĂŒr mich so ziemlich das Letzte was zĂ€hlt, dafĂŒr jedoch die „Tat“ oder meinetwegen auch „Handlung“ umso mehr. WĂ€hrend eine „Aktion“ zumindest in dem Sinne, in dem dieser Begriff derzeit innerhalb einer „radikalen Linken“ gebraucht wird, fĂŒr mich die absolut politisierteste, symbolischste und unalltĂ€glichste Handlung ĂŒberhaupt darstellt, kurz, eine von mir selbst und meinen Ideen entfremdete Vorstellung des Handelns, das mir dazu dient, in all der ĂŒbrigen Zeit, in der ich gerade keine „Aktion“ durchfĂŒhre oder wenigstens plane, die Verwirklichung meiner Ideen unter Mottos wie „es gibt kein richtiges Leben im Falschen“, oder „der Kapitalismus/das Patriarchat zwingt uns eben, bei der Verwirklichung unserer Ideen Kompromisse einzugehen“, oder „nach der Revolution 
“ guten Gewissens beiseitezuschieben. Die „Tat“ oder „Handlung“ dagegen ist nicht politisch. Sie ist untrennbar mit meinen Emotionen, meinen Fehlern, meinem Scheitern und meinem Spaß verbunden. Sie entspringt dem individuellen Verlangen nicht (lĂ€nger) auf eine Revolution zu warten, nur um dann vermutlich alle auf sie gesetzten Hoffnungen getrĂŒbt zu sehen, sondern hier und jetzt zur Tat zu schreiten und meine Ideen zu verwirklichen und alles, was mich in dieser Verwirklichung einschrĂ€nkt auf kompromisslose Art und Weise anzugreifen.

Ob ich stehlen gehe um etwas zu essen zu haben oder um meine Miete zu zahlen, ob ich meiner Wut Luft mache, indem ich einen Bagger, einen Mobilfunkmast, einen Stromverteilerkasten, einen Amazon-Locker oder einfach nur das nĂ€chstgelegene (Bonzen-)Auto abfackle, ob ich meine*n Chef*in verprĂŒgle, weil ich das ewige herumkommandiert werden nicht mehr ertrage, ob ich eine*n Freund*in im Knast besuche, ob ich mich bei einer anderen Person dafĂŒr entschuldige, sie verletzt zu haben, ob ich eine*n Bull*in, die*der gerade eine andere Person kontrolliert zusammenschlage oder ob ich fĂŒr ein (gem)einsames Abendessen koche. All das sind Taten, all diese Taten spiegeln meine Ideen wider, wenngleich das nicht bedeutet, dass dies kein widersprĂŒchliches Leben wĂ€re, in all diesen Taten kann ich scheitern, bei all diesen Taten werde ich mehr oder weniger Spaß empfinden und zu keiner dieser Taten werde ich irgendwelche ErklĂ€rungen abgeben.

Eine „Aktion“ dagegen, scheint erst durch die Abgabe einer ErklĂ€rung, warum mensch diese fĂŒr richtig hĂ€lt und warum mensch sich dafĂŒr entschieden hat, diese in die Tat umzusetzen zu einer solchen zu werden. Und weil es eben lĂ€cherlich ist, ErklĂ€rungen der Art „Heute habe ich Nudeln mit Tomatensoße gekocht, weil das in mir schlummernde revolutionĂ€re Subjekt etwas zu essen brauchte und ich mich aber nicht getraut habe, einfach im Restaurant nebenan die Zeche zu prellen. Ich finde diese Aktion richtig, weil ich sonst frĂŒher oder spĂ€ter verhungern wĂŒrde und wenn ich verhungere dient dies der Revolution nicht so sehr, wie wenn ich nun eben diese Aktion mache, um auch in Zukunft Aktionen mit mehr ‚revolutionĂ€rem Gehalt‘ machen zu können.“ abzugeben, muss sich der Begriff der „Aktion“ eben auf ganz bestimmte militante oder wenigstens scheinbar militante, bzw. massenhafte oder wenigestens scheinbar massenhafte bzw. spektakulĂ€re oder wenigstens spektakulĂ€r inszenierte Formen des Handelns beschrĂ€nken. Und so ist es kaum verwunderlich, dass der Begriff der „Aktion“ bloß Raum fĂŒr immer waghalsigere, spektakulĂ€rere und vor allem erfolgreichere „Aktionen“ lassen kann, da jeder Versuch, diesen Begriff auszuweiten, um beispielsweise persönliche, individuelle und ja an sich hĂ€ufig fĂŒr das handelnde Individuum weitaus folgenreichere Taten, als so manch eine SpektakulĂ€re, lĂ€cherlich erscheinen lassen muss. Zum Beispiel sei hier ein auf Barrikade.info veröffentlichtes Bekenntnis erwĂ€hnt, bei dem vier „Menschen mit Vulva“ claimen, öffentlich auf die „DreirosenbrĂŒcke in Basel gepinkelt“ zu haben und (wie) zum Beweis, dass sie dieses Spektakel auch wirklich nicht erfunden haben, gar noch ein Bild mit vier deutlich erkennbaren Urinspuren veröffentlichten. „Wir wollen so fĂŒr uns und unsere FLINT*-Geschwister einen Raum reclaimen, der durch eine PrĂ€senz von cis-mĂ€nnlichen Menschen besetzt ist,“ [7] schreiben sie und geben damit ihre als Tat selbst keineswegs zu beanstandende oder ĂŒberhaupt zu bewertende Handlung in Form einer „Aktion“ der LĂ€cherlichkeit (weil sie sich besonders wichtig nimmt; weil sie nach Legitimation lechzt; weil sie die IndividualitĂ€t einer Handlung zugunsten irgendeines – nur scheinbar – allgemeinen Bewertungsmaßstabs aufgibt) preis (wobei das Ganze natĂŒrlich auch einfach als Witz verstanden werden könnte). Und das ist jetzt nur ein Beispiel. Ich hĂ€tte hier ebensogut ein CommuniquĂ© zu einem Bankraub anfĂŒhren können, hatte aber gerade keines zur Hand.

Ob die Vorstellung einer „Aktion“ (bzw. dem ihr irgendwo inhĂ€renten „alles was zĂ€hlt ist die Aktion“) nun patriarchal ist oder nicht, das will ich nicht bewerten, auch wenn mensch sich bei dem Selbstbewusstsein, mit dem sich manchmal selbst zu den lĂ€cherlichsten und fĂŒr viele nur allzu alltĂ€gliche bzw. individuelle und apolitische Handlungen mit großen Worten und der BemĂŒhung einer Menge „Theorie“ bekannt wird, vielleicht schon fragen muss, inwiefern das auf eine in der Regel als „mĂ€nnliche Sozialisation“ referenzierte, patriarchale Verhaltensweise verweist. Aber ich denke auch hier ist ein CommuniquĂ©, das sich um wenige weitere Aspekte in der Vor- und Nachbereitung einer Aktion, sowie die Emotionen der Handelnden bemĂŒht, nicht die einzig denkbare Form, sich solchen Themen zu widmen.

Eine Organisation auf „dauerhafter Basis“ oder eine kurzlebige, informelle Organisation, die „mit dem nĂ€chsten ‚Lebensabschnitt‘ ihrer Mitglieder [zerfĂ€llt]“?

Ist es erforderlich, „Reflexionen, Entwicklungen, Umdenken und Fehler“ ĂŒber einzelne Aktionen hinaus sichtbar zu machen und wie kann das funktionieren? Die FAZ haben fĂŒr sich die Antwort gefunden, eine auf lange Zeit angelegte Organisationsstruktur zu schaffen, deren Ziel es ist, militante „Aktionen“ langfristig zu ermöglichen. Das „bedeutet [
] viel Arbeit unter hohen Sicherheitsstandards und Risiken“ und ist in der Vergangenheit dennoch hĂ€ufig schief gegangen, etwa weil Observationen irgendwann doch einmal zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort stattgefunden haben, weil sich Fehler und NachlĂ€ssigkeiten eingeschlichen haben, usw. Aber das muss jede*r, der*die sich auf diese Art organisieren will fĂŒr sich wissen. Was ich nicht so recht verstehe ist die Langlebigkeit und Statik einer solchen Organisation. Ich empfinde es als bedrĂŒckend mich fĂŒr alle Ewigkeit (oder auch nur einige Jahre) einer Organisation zu verschreiben, auch wenn natĂŒrlich immer klar ist, dass ich diese „Mitgliedschaft“ theoretisch jederzeit aufkĂŒndigen kann und natĂŒrlich auch werde, wenn mir das Ganze nicht mehr taugt. Aber wenn dies so ist, warum dann ĂŒberhaupt eine solche Organisation grĂŒnden und aufbauen, die darauf ausgelegt sein soll, Jahre und Jahrzehnte zu bestehen, ohne dass mit ihr ein konkretes Projekt verbunden ist? Und wenn dies nicht so wĂ€re? Herrje, dann dĂŒrfte ich mich nicht mehr Anarchist*in nennen!

Aber was meine ich mit einem konkreten Projekt? Auf jeden Fall nicht „Militanz“ zum Selbstzweck. Um militante Angriffe zu verĂŒben benötige ich ja keine Organisation per se. Alle mir bekannten Angriffe der FAZ – das muss ja aber nicht der Weißheit letzter Schluss sein – lassen sich zu zweit, zu dritt oder gar alleine bewerkstelligen. Das dafĂŒr notwendige „Wissen“, etwa wie mensch Spuren vermeidet oder wie mensch ein Fahrzeug in Brand setzt, findet sich in leicht beschaffbaren Publikationen, wie beispielsweise der PRISMA [8] und Ă€hnlichen Anleitungsheftchen, sowie gelegentlich in periodischen Publikationen aufstĂ€ndischer Anarchist*innen und militanter Autonomer. Sicher, es gibt eine Menge unveröffentlichter Tricks fĂŒr verschiedenste Dinge, aber wer Lust hat, findet auch beim experimentieren schnell heraus, wie mensch die Dinge noch ein wenig optimieren kann. Wer sich tiefer in die Materie einarbeiten möchte, findet auch zahlreiche Publikationen dazu, wie die Cops arbeiten [9], was meines Erachtens nach enorm dabei hilft, Spuren zu vermeiden, aber oft auch ein wenig paranoid machen kann. Jedenfalls erscheint mir eine Organisation, die ihre Mitglieder dazu befĂ€higen soll, militante Angriffe durchzufĂŒhren, nicht besonders sinnvoll bzw. notwendig. Mit einem konkreten Projekt meine ich vielmehr, den Kampf gegen zum Beispiel den Bau eines GefĂ€ngnisses. Eine informelle Organisation dazu (einen Namen wĂŒrde ich dieser trotzdem nicht geben) macht dann solange Sinn, bis entweder der Bau dieses Knasts gestoppt wurde oder mensch keine Perspektive mehr in diesem Projekt sieht. Hinsichtlich einer solchen ProjektualitĂ€t kann es meiner Meinung nach Sinn machen, Erfahrungen, (eigene) Entwicklungen, usw. zu teilen [10]. Aber welchen Sinn soll es machen, die Erfahrungen eines Kampfes gegen den Bau eines GefĂ€ngnises gemeinsam mit denen eines Kampfes gegen eine Gaspipeline oder einer Stromtrasse, etc. zu dokumentieren? Nach außen scheint mir das keinen Sinn zu ergeben und nach innen – so denn die Beteiligten an den KĂ€mpfen tatsĂ€chlich die Gleichen sind –, erfordert dies ja auch keine feste Organisation.

Ähnlich verhĂ€lt es sich meiner Meinung nach mit dem Austausch zu bestimmten militanten Techniken und Taktiken. Wer hier Erfahrungen weitergeben will kann dies ja tun und wer das öffentlich tun will, ist vielleicht ohnehin besser beraten eine Art zweite PRISMA herauszugeben.

Ich jedenfalls finde den Zerfall von Organisationen, wenn ihr Zweck ĂŒberholt oder erfĂŒllt ist, oder die einzelnen „Mitglieder“ einfach nicht mehr die gleichen Ideen teilen, einen fruchtbaren Prozess, in dem lĂ€hmende Strukturen und festgefahrene Muster, die oft mit der Zeit entstehen immer wieder aufgebrochen werden. Eine andere Form der Organisation kann zumindest ich mir sicher nicht vorstellen.

Anmerkungen

[1] Um nur ein Beispiel zu geben: „Erst in der Trennungsphase begriffen wir, daß nicht nur ‚unsere‘ patriarchal denkenden und handelnden MĂ€nner in ihrer UnfĂ€higkeit und Borniertheit eine fruchtbare Zusammenarbeit verhinderten, sondern daß autonome FrauenLesbenorganisierung fĂŒr uns hier und heute – auch im militanten Kampf – eine grundsĂ€tzliche politische Notwendigkeit ist. Gemeinsame Organisierung mit MĂ€nnern bindet nicht nur unsere Energien in der stĂ€ndigen Auseinandersetzung um die Behauptung von FrauenLesbenpositionen, sondern sie bindet uns auch in von MĂ€nnern gesetzte Diskussionsprozesse ein, bringt uns immer wieder auf das Gleis der Orientierung an mĂ€nnlichen Normen, die wir selbst oft tief verinnerlicht haben. Sie blockiert uns damit in unserem Denken und unserer Entwicklung und steht der Herausbildung einer revolutionĂ€r-feministischen Perspektive stĂ€ndig im Wege.“ Aus Mili’s Tanz auf dem Eis.

[2] Weil die Gerichte ihre Beteiligung an einer Verschwörung zur Ermordung des japanischen Kaisers nicht ernst nahmen (und zum Teil wohl auch ihre mĂ€nnlichen GefĂ€hrt*innen nicht), drohte Kaneko Fumiko vor Gericht (1925/1926) damit, dass sie den Kaiser ermorden wĂŒrde, wenn das Gericht sie freilassen wĂŒrde. Siehe auch „Because I Wanted To. Kaneko Fumiko on nihilism and why she wanted to kill the Emperor of Japan“ und Kaneko Fumiko. „The prison memoirs of a Japanese woman„.

[3] Aus „Namenlos. BeitrĂ€ge zu einer anarchistischen Diskussion ĂŒber AnonymitĂ€t und Angriff„, erschienen bei Edition Irreversibel, S. 21. Kursivierungen von mir ergĂ€nzt.

[4] Als der „Kriegsheld“ Odysseus auf seinem Heimweg auf einer Insel landet und dort mit seinen GefĂ€hrten von einem Zyklopen gefangen gehalten wird, stellt er sich mit „Niemand“ vor. Nachdem Odysseus spĂ€ter den Zyklopen Polyphem geblendet hat, um ihm zu entkommen und dieser bei seinen Zyklopenfreund*innen um Hilfe bittet, erweist sich dieses Wortspiel als hilfreich, da die Zyklopen Polyphem nicht zu Hilfe eilen, als er ihnen auf die Frage, wer ihn geblendet habe, antwortet: Niemand.

[5] Diese mythologische Analogie ist ebenfalls der BroschĂŒre Namenlos entlehnt.

[6] Namenlos, S. 22 f.

[7] Vgl. https://barrikade.info/article/3468

[8] Zu finden beispielsweise auf der Webseite https://militanz.noblogs.org (Ich empfehle, auf diese Seite nur mit TOR zuzugreifen!)

[9] Konkret wĂŒrde ich fĂŒr den Einstieg „Maßnahmen gegen Observation“ und die Bullenpublikation „Kriminaltechnik Expertise“ empfehlen (ACHTUNG: Links verweisen beide auf militanz.noblogs.org. Ich empfehle die Verwendung von TOR).

[10] Ein Beispiel fĂŒr soetwas ist die BroschĂŒre bzw. das Buch Stein fĂŒr Stein, die den Kampf gegen den Bau eines GefĂ€ngnisses in Belgien dokumentiert und reflektiert.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de