Juli 17, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Das folgende sind einige Überlegungen zum Thema AnonymitĂ€t und Bekennerschreiben. Angestoßen wurden die Überlegungen durch den Text „RevolutionĂ€rer Zorn 1“ im Autonomen BlĂ€ttchen #43 in welchem behauptet wird, dass anonyme Angriffe auf Funkantennen „nicht emanzipatorisch“ wĂ€ren. Anonym wird im Folgenden gleichbedeutend mit „ohne Bekenner*innenschreiben“ benutzt. Als Argument dient „R & Z“ die These, dass unter anderem auch Rechte/ Verschwö-rungstheoretiker*innen ihre Probleme mit Antennen und dem Ausbau von 5G haben. Der Kontext der Debatte ist eine seit nun seit mehr als einem Jahr anhaltende europaweite Angriffswelle auf hunderte 3G, 4G und 5G Antennen. Meist finden diese Angriffe anonym statt und das einzige was sie eindeutig ausdrĂŒcken ist die Zerstörung der angegriffenen Technologie, welche eine SchlĂŒsseltechnologie fĂŒr das Einleiten der stattfindenden vierten industriellen Revolution ist und auch im hier und jetzt die Ökonomie und Macht am Laufen hĂ€lt.

1. Ich denke, dass starke BedĂŒrfnis (in autonomen Kreisen fast ein Dogma) fĂŒr Bekenner*innenschreiben kommt durch die starke PrĂ€gung heutiger anarchistischer und autonomer KĂ€mpfe durch linke Guerillagruppen des 20. Jahrhunderts bzw. deren anarchistische Neuinterpretation. All diese Guerillagruppen neigten nicht nur zu einem gewissen Waffenfetisch, sondern auch zu Selbstfixierung, rechthaberischen AnsprĂŒchen, militaristischen Frontkonzepten und dementsprechend einem Avantgardecharakter. Diesen Charakter trĂ€gt mitunter auch das Bekenner*innenschreiben: Eine KommandoerklĂ€rung oder gar eine Anweisung an die Massenbewegung, was die Militanten fĂŒr richtig und wichtig halten. Das Bekenner*innenschreiben ist wenn auch nicht Werbung fĂŒr die eigene bewaffnete Gruppe so zumindest Werbung fĂŒr die eigene politische IdentitĂ€t. Im Gegensatz dazu zeichnen sich soziale Konikte und soziale Bewegungen (gerade die des 21. Jahrhunderts) immer durch Chaos und somit WidersprĂŒchlichkeiten aus – politische IdentitĂ€ten und Ideologien sind nicht prĂ€gend fĂŒr die Konflikte, Revolten und AufstĂ€nde. Somit veriegt auch die Tendenz der politischen IdentitĂ€t den Massen die ihrige aufzudrĂŒcken und nach einer Vorherrschaft und Vormacht zu suchen.

Die einfachen politischen Kategorisierungen hinken, wenn sich Menschen ins anonyme Chaos von KĂ€mpfen und Konflikten begeben. In Frankreich rechneten die Medien die mehr als hundert im letzten Jahr anonym sabotierten Funkmasten immer den Anarchist*innen zu – bis es erste Verhaftungen gab und offensichtlich wurde, dass sich auch etliche „gilet jaunes“ zum Angriff entschieden hatten, genauso wie Umweltaktivist*innen und Anarchist*innen. Von Faschos war bis dahin nichts zu hören. Die chaotische, massenhafte und anonyme Sabotagewelle geht also mitunter von Leuten aus, welche sich in den sozialen KĂ€mpfen der letzten Jahre radikalisiert haben. Aber ist das ĂŒberhaupt wichtig? Ein brennender Funkmast emanzipiert einen fĂŒr einen Moment von einem funktionierenden Funknetz, basta. Warum das Internet- und Handynetz an sich als ein Angriff gegen uns und unsere Autonomie verstanden werden muss, wurde im Autonomen BlĂ€ttchen #43 und #42 sehr schön erlĂ€utert.

Dass die Medien uns in Deutschland oder in England verklickern wollen, dass Rechte das Funknetz angreifen, soll uns ein verqueres Bild liefern. Ähnlich ĂŒberzeugend wie das Opfergehabe von SPDlern oder GrĂŒnen, die so tun als könnten nur Rechte ein Problem mit ihnen haben, wenn ihre ParteibĂŒros mal wieder in TrĂŒmmern liegen. Sobald wir uns die Wahrnehmung der Welt mit den Medien ins Haus liefern lassen, prĂ€gen diese unser Denken von der Welt. Dass andere Leute eine ganz andere Wahrnehmung haben, in einem ganz anderen Kontext leben und eine ganz andere Geschichte (wie z.B. die blutrote Geschichte zwischen Anarchos und Sozialdemokrat*innen) sollte uns nicht verwundern.

2. Ich denke, das BedĂŒrfnis nach Bekenner*innenschreiben ist vor allem ein BedĂŒrfnis nach Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit fĂŒr den eigenen Diskurs. Werbung sozusagen. Und Werbung kann anarchis-tischen Methoden und Ideen durchaus gut tun. Allerdings prĂ€gt das Mittel die Botschaft. Der Haken an der Sache ist jener, dass dies auf gewisse Weise die SchwĂ€che einer anarchistischen Diskussionskultur zeigt. Dass Texte nur ernst genommen werden, wenn sie von Angriffen begleitet werden, ist absurd. Diskussionen mĂŒssen (ab einem bestimmten Punkt) offen und auch mit Unbekannten gefĂŒhrt werden, sonst können sie nie irgendeine soziale Relevanz erhalten. Zwar können Publikationen (wie das Autonome BlĂ€ttchen) Beken-ner*innenschreiben enthalten und man kann eben diese Publikationen verteilen – doch das Verteilen von Bekenner*innenschreiben auf der Straße ist eine heikle Angelegenheit und wohl eine sehr seltene Praxis (vor allem in weniger anonymen Wohngegenden). Wenn man eine Idee eingehend diskutieren will, sollte man das auch offenkundig und an jedem Ort tun können, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen und Angst zu haben als Autor*in bestimmter Bekenner*innenschreiben entlarvt zu werden (Das ist natĂŒrlich ein offener Bruch mit der Tradition der linken Guerillagruppen.)

3. Die Fixierung auf Bekenner*innenschreiben zeigen ebenso die SchwĂ€che einer anarchistischen Agitation auf der Straße. Es gibt im deutschsprachigen Raum keine anarchistischen Blogs mit irgendeiner sozialen Relevanz und die Medien drucken keine Bekenner*innen-schreiben ab – was es gibt sind selbstbestimmte Mittel um unsere Ideen, Feindschaften und VorschlĂ€ge zu artikulieren. SprĂŒhereien, FlugblĂ€tter, Sticker, Zeitungen, Plakate, Banner etc. Wir mĂŒssen die Kommunikation unser Ideen selbst in die Hand nehmen. Warum sollte irgendein Nachbar eine Aktion besser verstehen oder ihr Wert geben, wenn auf irgendeiner Internetseite ein Bekenner*innenschreiben hochgeladen wird, was er wohl kaum finden oder lesen wird. Das Pauschalurteil der RZ, dass ein Kontext fĂŒr eine Aktion nicht existiert und der Angriff somit nicht eindeutig ist und ein Bekenner*innenschreiben somit von Nöten ist, zeigt wie Medienfokussiert diese denken. Die Frage der „Vermittlung“ einer einzelnen Aktion stellt sich nur, wenn anarchistische Ideen, Feindschaften und VorschlĂ€ge auf der Straße keinerlei PrĂ€senz haben. Warum nicht mit eigenen Mitteln die eigenen Ideen und Haltung auf der Straße deutlich machen – und auch durch eine klar antiautoritĂ€re und antifaschistische PrĂ€senz auf der Straße deutlich machen, dass Faschos hier nix verloren haben.

4. Die Tatsache, dass auf Indymedia teils kurze und anonyme Berichte, Medienartikel ĂŒber anonyme Aktionen und/ oder politisch nicht hochtrabende kurze ErklĂ€rungen zu Aktionen gelöscht werden, zeigt den selbstgewĂ€hlten Anspruch möglichst politisch und seriös zu sein. Das heißt weder frech, lustig noch faul und somit muss jedes Bekenner*innenschreiben stets etliche Seiten politischer Argumentationen beinhalten (ganz im Sinne der alten Guerillavorbilder). Den Anspruch hundert mal hochtrabend politisch erklĂ€ren zu wollen, warum etwas scheiße ist (z.B. Vonovia oder Bullen) wirft die Frage auf an wen wir uns eigentlich wenden? Ich wĂŒrde mal behaupten, dass die Leute, die von Vonovia ausgesaugt und von Bullen drangsaliert und genervt werden, ganz genau wissen warum sie diese scheiße finden. Die Rechtfertigung gilt eigentlich der Öffentlichkeit – die Rechtfertigung warum man es legitim hĂ€lt illegales zu tun. Aber diese Öffentlichkeit ist uns ohnehin feindlich gesinnt und Teil eines Herrschaftsinstrument des Staates. Aufmerksamkeit, Respekt und VerstĂ€ndnis von den Medien zu erwarten, zeigt wie weit wir uns den Kontext unserer KĂ€mpfe diktieren lassen. Geht es nicht darum den WĂŒtenden und Ausgeschlossenen (mitunter freche, lustige, kurze und unseriöse) VorschlĂ€ge zu machen? Oder sie zu motivieren anstatt uns vor der Öffentlichkeit zu rechtfertigen? Ob Aktionen von Ă€hnlichen Aktionen gefolgt und Ă€hnliche Angriffe wiederholt werden, hĂ€ngt von uns, unserem Umfeld und der sozialen Stimmung ab, nicht von der Meinung der Medien.

5. Eine kurze Auflistung brennender Funkantennen in Deutschland: 12. Mai und 19 Mai 19 in Ravensburg (es folgte eine Verhaftung); 15.9.19 in Ried (Bayern); 31.9.19 in Berglen-Oberweiler (Ba-WĂŒ) – fĂŒhrte zu drei Wochen Netzunterbrechung; 19.11.19 in MĂŒnchen; 3.11.19, 21.11.19 und 2.1.20 in Bonn; 21.3.20 Paderborn; 19.2 in MĂŒnchen; 19.4.20 in Bonn; 22.5 und 8.7.20 in MĂŒnchen; 20.11.20 Gaggenau-Selbach (BaWĂŒ); 5.12.20 in Freistett (BaWĂŒ); 31.12.20 in Keltern (BaWĂŒ) – zwei Wochen ohne Telefon und Internet; Wiesbaden 2.1.21; 26.1.31 in Viechtach (Bayern) Bullen-Tetra-Antenne.

All diese Angriffe haben in den letzten Monaten in Deutschland stattgefunden. Glasfaserkabel sind hier nicht miteinbezogen. Egal von wem sie kommen, drĂŒcken sie die Abneigung und Feindschaft Einzelner gegenĂŒber Großprojekten und Technologien der Macht aus. Wesentlich hĂ€uger sind anonyme Angriffe auf Bullen, Autos der Stadt oder OrdnungsĂ€mter, genauso wie auf ParteibĂŒros. Gelegentlich finden auch anonyme Angriffe auf das Stromnetz statt – in Fiefber-gen (Schleswig-Holstein) brannte beispielsweise am 13. September 2020 eine komplette Windkraftanlage mit sieben Anlagen ab. In den 80ern wurden im Kontext des Anti-AKW-Kampfes in Deutschland circa 80 Strommasten gefĂ€llt – fast immer anonym. In Italien waren es hunderte. Wenn in einem Kampf oder einer sozialen Bewegung Aktionen massenhaft wiederholt werden, wenn ein Kampf jedem und jeder leicht zu wiederholende HandlungsvorschlĂ€ge machen will – sind dies am besten anonyme Angriffe.

Wie selten sich in Deutschland jedoch auf anonyme Aktionen bezogen wird, die aus dem Rahmen fallen und diese als Referenzpunkte dienen, zeigt die eigene IdentitĂ€ts- und Denkfixiertheit. Es passieren viele anonyme Aktionen, in Dörfern, in StĂ€dten und im Nirgendwo, sie können Indizien fĂŒr sich intensivierende oder verbreitende Konflikte sein (oder fĂŒr Scheiße – faschistische und rassistische Angriffe sind meist eindeutig und anonym). Oder einfach fĂŒr WĂŒtende, die gewillt sind anzugreifen. Sobald eine soziale Bewegung oder ein Konikt sich verbreitet, passieren immer anonyme Aktionen. Diese alle in einen Topf zu schmeißen zeugt von Arroganz. Angenommen es entwickelt sich eine Form des neuen Maschinensturm gegen die neuen Technologien, wie er schon wĂ€hrend der ersten industriellen Revolution stattgefunden hat – wird die radikale Linke die Positionen der Linken von damals ĂŒbernehmen und das Pauschalurteil fĂ€llen, dass diese Ludditen/ MaschinenstĂŒrmer*innen alle konservativ seien, da sie etwas „neues“ angreifen? Oder werden sie sich im Angesicht der brennenden Antennen und Serverfarmen ins GetĂŒmmel stĂŒrzen und eigene Akzente auf der Straße setzen – in Worten und in Taten?

5. Ein wenig beachteter Punkt: Spurenfrei im Internet zu arbeiten erfordert heutzutage immer mehr ProfessionalitÀt. Anzugreifen nicht unbedingt. Zu erwarten, dass alle diese FÀhigkeiten mit sich bringen, ist absurd.

6. Bei all dem geht es mir keineswegs um Dogmatismus. Zwar denke ich, dass die besten Aktionen fĂŒr sich selbst sprechen, aber manchmal machen ErklĂ€rungen eben auch Sinn. Sei es, weil eine Aktion totgeschwiegen wird (man kann sie in Variationen auch so oft wiederholen, bis das nicht mehr so ist), weil man seine SolidaritĂ€t mit irgendwas oder irgendwem kundtun will (man kann auch eine SprĂŒherei hinterlassen oder die Stadt mit tausenden Plakaten ĂŒberfluten) oder weil man ganz alleine ist und es in der Region keinerlei anarchistische Praxis und Diskurse gibt und man diesen so ein grĂ¶ĂŸeres Echo geben will. Oft können Bekenner*innenschreiben auch Dynamiken auslösen – wie dies bspw. vor dem G20-Gipfel oder in SolidaritĂ€t mit den 3 von der Parkbank geschah. Wie gesagt, Werbung ist ja nicht immer schlecht. Allerdings haben sich in der Vergangenheit fixe und wiederholende Gruppennamen nur allzu oft als Steigleiter fĂŒr großangelegte repressive Operationen dargestellt. Und im Umkehrschluss Texte nicht zu beachten, weil sie nicht von Aktionen begleitet sind und Aktionen nicht zu beachten, weil sie nicht von Texten begleitet werden und so zu tun als kĂ€men sie alle von Faschos oder seien schlicht und einfach „nicht emanzipatorisch“, da sie es ja nicht so machen wie man selbst, ist wohl eine offensichtliche Sackgasse.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de