November 25, 2020
Von Anarchistischer Blog
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Von Massimo Perinelli. Der Autor lebt in Köln, ist Dozent fĂŒr US- Geschichte an der UniversitĂ€t zu Köln und forscht im Bereich der Körper- und SexualitĂ€tsgeschichte. Er ist Mitglied bei Kanak Attak und engagiert sich in der antirassistischen Initiative »Keupstraße ist ĂŒberall«. Erschienen in Phase 2 Nr. 51, 2015

Der vorliegende Text fasst einige Ergebnisse zusammen, die sich wÀhrend der letzten zwei Jahre in unterschiedlichen antirassistischen, migrantischen und weniger migrantischen DiskussionszusammenhÀngen zur komplexen Debatte um Critical Whiteness und die hiesigen Adaption herauskristallisiert und konkretisiert haben. Im Folgenden findet eine Reflexion um derzeitige linke Bewegungspolitiken und ihre historische Dimension statt, sowie eine Auseinandersetzung um die unmittelbaren Theoreme von Critical Whiteness. Ausgangspunkt dieses Textes ist ein Unbehagen sowohl mit der Praxis als auch mit der Theorie antirassistischer ZusammenhÀnge und Gruppen, die sich auf linke Politik beziehen.

Seit mehreren Jahren können wir einen Verfall der antirassistischen Bewegung in diesem Land beobachten. Im Gegensatz zu den 1990er und den frĂŒhen 2000er Jahren gelingt es mittlerweile nicht mehr, unter der Perspektive von Antirassismus eine umfassende Gesellschaftskritik zu formulieren oder auch nur einen Großteil der bewegungspolitischen Linken zu versammeln. Konnten unter dem Eindruck von Wiedervereinigung und rassistischen Pogromen neue Praktiken und Theorien weite Teile der verschiedenen radikalen Strömungen erfassen und mobilisieren, steht der Komplex Antirassismus seit der verĂ€nderten globalen Situation ab September 2001 und den sich in der Folge gewandelten Rassismen vor ungelösten Problemen. Er konnte vor allem keine Antworten auf die neuen rassistischen Spaltungen mehr finden, die sich durch den antimuslimischen Rassismus und die rassifizierte Sicherheitspolitik im Prozess der europĂ€ischen Integration auftaten. In dieser sowohl theoretischen, politischen wie bewegungspraktischen Leerstelle, so die These, konnten sich Theoreme entfalten, die aus akademischen Debatten um Postkolonialismus, Intersektionalismus und Gender-Studies stammen und sich vor allem auf Texte aus dem US-Kontext beziehen. Damit einhergehend beobachten wir Versuche, die Reste der ehemals breiten antirassistischen Bewegung der letzten 20 Jahre aus einer akademischen Perspektive zu ordnen und darin zu bestimmen. Viele erleben dies als eine autoritĂ€re Formierung der vielschichtigen AnsĂ€tze und Praktiken, die an bekannte Muster aus vergangenen Bewegungszyklen erinnert.

Es geht also um die Frage von politischer Bewegung und Organisierung, sowie darin eingebettet um den Umgang mit dem Widerspruch von Dissens und Konsens. Zum anderen geht es um die Frage nach antirassistischen Strategien und Taktiken unter den aktuellen Bedingungen. Und schließlich gilt es zu bestimmen, ob die Argumente intersektionaler Theoreme und ihre politische Umsetzung in Critical Whiteness hilfreich fĂŒr die Herausforderungen des heutigen Rassismus sind, oder ob nicht schon das Konzept, das sich in den 1970er Jahren im Hinblick auf die spezifische segregierte Situation in den USA entwickelt hatte, an den deutschen VerhĂ€ltnissen vorbeizielt und lediglich von bestimmten Gruppen fĂŒr ihre autoritĂ€ren Ziele missbraucht wird.

Weiße RĂ€ume und die Politik des Silencing

Fritz Burschel hat in der Hinterland Nr. 20 einige Beispiele und Argumentationsmuster fĂŒr Auseinandersetzungen im Kontext von »Critical-Whiteness-AnsprĂŒchen« zusammengetragen. Er beschreibt darin einen sogenannten rassistischen Skandal auf einer antirassistischen Veranstaltung und die nachfolgenden Reaktionen auf diversen Internetforen. Beispiele wie diese dĂŒrften mittlerweile allen bekannt sein, die im Feld des Antirassismus aktiv sind. Workshops, Partys, Diskussionsveranstaltungen und ganze Großveranstaltungen wie Grenz- oder Refugee-Camps werden unterbrochen und mit dem Vorwurf beendet, dass dort die Positionen der von Rassismus Betroffenen mal wieder ĂŒbergangen worden seien. Es wĂŒrde ein Klima geschaffen, das es unmöglich mache, aus dieser Position heraus zu sprechen. Der konkrete Vorwurf artikuliert sich in dem abstrakten Bild, »RĂ€ume wĂŒrden weiß gemacht«, Marginalisierte erneut zum Verstummen gebracht und damit rassistische HerrschaftsverhĂ€ltnisse perpetuiert – unabhĂ€ngig von den konkreten Inhalten der jeweiligen BeitrĂ€ge. Dabei wiederholt sich der inquisitorische Mechanismus ein ums andere Mal: Jemand wird einer rassistischen Untat ĂŒberfĂŒhrt – meist in Form von Ignoranz gegenĂŒber marginalisierten Positionen oder weil er oder sie die Regeln einer Critical Whiteness-Gruppe hinterfragt, und allein dieses Hinterfragen entlarvt ihn oder sie gleichsam automatisch als unverbesserlichen Rassisten oder unverbesserliche Rassistin – er wird aus dem jeweiligen Zusammenhang entfernt. Oft wird gleich noch die gesamte Veranstaltung fĂŒr beendet erklĂ€rt. Widerspruch bedeutet Schuldbeweis. Selbst wenn keine rassistische Handlung festgestellt werden kann, wird doch der Person an sich eine rassistische IdentitĂ€t unterstellt. LegitimitĂ€t erhĂ€lt diese scheinbar radikale Intervention im Namen der Subalternen stets durch einen – nicht selten mehrheitsdeutschen – Klatschmob, der dem Ausschluss zustimmt; eine passive Geste, die keinerlei Verantwortung fĂŒr die Situation ĂŒbernimmt, aber dennoch das GefĂŒhl hinterlĂ€sst, einen Kampf gefĂŒhrt zu haben. Im besten Falle schweigen die beteiligten Unbeteiligten am durchaus wahrgenommenen Unrecht. Ein Unwohlsein bleibt zurĂŒck, aber niemand widerspricht. Erst im privaten Kontext wird die VerblĂŒffung ĂŒber die eigene Ohnmacht artikuliert; die Konsequenz ist indes eher der RĂŒckzug aus den klassischen antirassistischen Bereichen, die darĂŒber immer kleiner und homogener werden.

Man kann dieses Verhalten auch als einen Ausdruck von 50% Faulheit und 50% Feigheit bezeichnen. Eine Faulheit im Denken, sich nicht genau mit den Konzepten zu beschĂ€ftigen, die fĂŒr diese machtvollen szeneinnenpolitischen Mechanismen der deutschen Version von Critical Whiteness Pate stehen. Man macht sich nicht die MĂŒhe, zu denken und zu hinterfragen und schluckt willfĂ€hrig die Setzungen, von denen behauptet wird, sie seien im Namen der UnterdrĂŒckten verfasst und als Konsens anzuerkennen. Die Feigheit ist die Angst vor dem Ausschluss, vor dem Stigma, selbst als Rassist_in benannt zu werden. Es ist eine Angst, die nicht unberechtigt ist, denn der Ausschluss aus jenen Kontexten, in denen man sich eingerichtet hat im Kampf fĂŒr eine bessere Welt, bedeutet fĂŒr viele nicht weniger als den sozialen Tod. Feigheit ist es deshalb, weil das eigene Denken im Kampf gegen Rassismus, Faschismus, herrschaftliche Gewalt und Armut im szeneeigenen Milieu um des lieben Friedens willen aufgegeben wird. Hier herrscht ein BedĂŒrfnis nach Harmonie vor, das jedem Spießer an einem Sonntagmorgen in seinem Vorgarten Konkurrenz macht. Gleichsam leiden immer mehr »Linke« unter diesen VerhĂ€ltnissen, denen sie anscheinend hilflos gegenĂŒberstehen. Das konkrete Ziel dieses Textes ist es daher unter anderem Mut zu machen, die Behauptung eines Konsens in Frage zu stellen und in der nĂ€chsten Situation, die einer oder einem nicht gefĂ€llt, zu widersprechen. Der Text versteht sich als ein PlĂ€doyer fĂŒr den Konflikt und damit gegen die Politik des Verborgenen, des Schweigens, des Geheimen, der stillen Gesten, der diskreten Handzeichen, des wortlosen AbfĂŒhrens, des intendierten Skandals und des Entfernens unliebsamer Positionen aus dem Feld des Antirassismus. Die grundlegende Frage, die sich durch den Text zieht, ist die nach der Akzeptanz der radikalen Differenz, in der – trotz innerer WidersprĂŒche und unzĂ€hliger MachtverhĂ€ltnisse – etwas Neues und Besseres erreicht werden kann, in dem alle Beteiligten in einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive vorkommen. Dies ist das Gegenteil einer Politik der Harmonie, die darauf fußt, sich einem an anderer Stelle und von anderen Leuten beschlossenen Konsens zu unterwerfen.

SĂ€uberungsphantasien, die durch bloßen Dissens gegenĂŒber der Einigkeit und Einheit hervorgerufen werden, hießen frĂŒher mal stalinistisch und sie haben eine lange und ungute Tradition. Daher lohnt es sich, die Geschichte emanzipatorischer KĂ€mpfe zu kennen, taucht in ihr doch kontinuierlich das gemeinsame Merkmal autoritĂ€rer Formierungsversuche auf, von denen Critical Whiteness lediglich eine weitere Spielart darstellt.

Bewegungen und ihre autoritÀre Formierung in der Geschichte

Wenn es im Folgenden um einige historische Beispiele geht, dann nicht, weil sie die historisch wichtigsten waren und auch nicht, um die darin agierenden Gruppen zu diffamieren. Vielmehr soll an den gewÀhlten Beispielen ein bestimmtes Muster erkennbar werden, das hilft, Tendenzen der gegenwÀrtigen Auseinandersetzungskultur besser einordnen zu können. Konkret geht es um das wiederkehrende Element der autoritÀren Formierung von (revolutionÀren) Bewegungen im Moment ihres politischen Höhepunkts, der gleichsam immer Beginn ihres Niedergangs war. Das soll allerdings nicht bedeuten, dass Bewegungen schicksalshaft in hierarchischen Strukturen verenden. Im Gegenteil zeigen die historischen Beispiele, dass Bewegungsmomente, die tatsÀchlich in der Lage waren, die VerhÀltnisse zum Tanzen zu bringen, sich an anderer Stelle fortsetzten, wÀhrend die, die sich an deren Spitze stellen konnten, letztlich keine Rolle mehr im Prozess der Befreiung spielten. Der Blick in die Geschichte lohnt sich.

Als die Phase der revolutionĂ€ren Erhebungen gegen Krieg, Kaiser und Kapitalismus von 1918 bis 1921 nach ihrer militĂ€rischen Niederschlagung an Kraft verlor, spalteten sich viele linksoppositionelle Teile von der KPD ab, von der sie zunehmend bekĂ€mpft wurden. Parallel zur KPdSU und in wachsender AbhĂ€ngigkeit von ihr verbot sich innerhalb der KPD jegliche Kritik an einer nicht mehr hinterfragbaren FĂŒhrungslinie. Der Involutionsprozess, d.h. die Konterrevolution oder Bolschewisierung der Kommunisten, ließe sich auf 1923 datieren. Der Demokratische Zentralismus sĂ€uberte im Namen der Einheitsfront die eigenen Reihen von RĂ€tekommunist_innen, anderen sog. Linksabweichler_innen und grundsĂ€tzlich von interner Kritik. Solchermaßen versuchte die Kommunistische Partei Einheit, Konsens und StĂ€rke zu erreichen. Wer sich nicht daran hielt, wurde entfernt, was fĂŒr viele Linke auch ihre physische Vernichtung bedeutete.

Mitte bis Ende der 1960er Jahre ergriff ein fundamentaloppositioneller Impuls die Generation der Nachkriegskinder, die sich weltweit in Revolten gegen die bestehenden politischen, ökonomischen wie auch kulturellen VerhĂ€ltnisse ĂŒbertrugen. Darin vollzog sich eine Abkehr von den verschiedenen westlichen KPs und ihrer Orientierung auf die Sowjetunion. In Deutschland spielte außerdem die Auslöschung bzw. Vertreibung der linken Intelligenz im Nationalsozialismus sowie die Auseinandersetzung mit der Elterngeneration als den NS-TĂ€ter_innen eine hervorgehobene Rolle; wie Fritz Teufel es ausdrĂŒckte, ging es um die Frage, »wie man auf einem riesigen Leichenberg das Leben neu erfinden könne«. In diesem historischen Momentum spielte es eine untergeordnete Rolle, aus welcher Position heraus man sprach; vielmehr wurde die Bewegung von einem revolutionĂ€ren Begehren getragen, das die angestrebten, indes noch unbekannten VerhĂ€ltnisse als erreichbar und unmittelbar als erlebbar antizipierte. Nicht »wer sind wir?«, sondern »wer wollen wir sein?« wurde zum visionĂ€ren Impuls dieser kurzen, aber dennoch prĂ€genden Zeit. Ende der 1960er Jahre und spĂ€testens im Übergang zu den 1970er Jahren erschöpfte sich dieser Antrieb, durch blutige Gegenangriffe gleichsam gelĂ€hmt und ernĂŒchtert. In Italien saßen tausende Genoss_innen im Knast oder waren im Exil; in den USA fĂŒhrte die staatliche Infiltrierung revolutionĂ€rer Gruppen zu deren Zerfall, wĂ€hrend die AufstandsbekĂ€mpfungsmaßnahmen viele Aktivist_innen das Leben kostete; und auch in Deutschland wurde die Szene von einer Repressionswelle erfasst, die der Rebellion neue Kampfformen aufzwang und gleichzeitig sehr viele zum RĂŒckzug ins Private oder in die Institutionen drĂ€ngte. Die Stunde der FunktionĂ€re diverser maoistischer K-Gruppen hatte geschlagen, die versuchten, die Bewegungen ĂŒber deren Zenit hinaus zu stabilisieren und abzusichern. Es bildeten sich immer neue Gruppen, die sich im Kampf um die richtige Organisationslinie, um die richtigen Texte und die richtigen Begriffe zerlegten, und die statt auf Bewegung nun auf effiziente Straffung und Institutionalisierung setzten. In ihrer zunehmenden Bedeutungslosigkeit verkehrten sie die Dynamik von Bewegung und Organisation und machten erstere von letzterer abhĂ€ngig. Die Organisation selber wurde zunehmend zum Selbstzweck, man phantasierte sich als Elite eines schon entworfenen Staates.

Ende der 1970er Jahre war die Idee der Autonomia, wie sie die prekarisierten Massenarbeiter in den Industriezentren Norditaliens und Nordeuropas entwickelten, eine Antwort auf die autoritÀren K-Gruppen, Parteien und die bedingungslosen Supporter der politischen Gefangenen gewesen. In Deutschland formte sich die Bewegung der Autonomen, die sich von dem Gedanken der richtigen Linie, des richtigen Textes oder vom Bezug auf die Geknechteten dieser Erde verabschiedete und versuchte, sich mit der eigenen Person politisch ins VerhÀltnis zu setzen. Dazu gehörte das radikale Infragestellen erkÀmpfter Gewissheiten und sogenannter Errungenschaften. Zentral wurde, was revolutionÀre Politik mit einem oder einer selbst zu tun habe. Heraus kam eine Bewegung ohne ReprÀsentant_innen, ohne parteiförmige Institutionalisierung und mit dem Versuch, die eigene Utopie in erkÀmpften RÀumen unmittelbar umzusetzen. Dieser operaistische Impuls, der in den militanten Auseinandersetzungen migrantischer Massenarbeiter_innen geboren wurde, und der nicht die Organisation und die ReprÀsentation hervorhob, sondern auf die vielfÀltigen KÀmpfe der Unzufriedenen setzte, war eine Fortsetzung der Bewegungen der spÀten 1910er und spÀten 1960er Jahre. Das Ende der Autonomen als Bewegung kam mit der Wiedervereinigung und den sich verschÀrfenden Angriffen, die im nationalen Taumel physisch, ideologisch und ökonomisch erfolgten.

Ein Zerfallsprodukt der autonomen Bewegung zu Beginn der 1990er Jahre, das in seinem Fokus stark an das Vorgehen von Critical Whiteness erinnert, waren die Antideutschen. Hervorgegangen aus der kritischen Debatte um linken Befreiungsnationalismus völkischer Provenienz, verkĂŒrzter internationaler SolidaritĂ€t mit autoritĂ€ren Gruppen oder gar Staaten sowie antisemitisch gefĂ€rbtem Antizionismus totalisierten einige antinationale Gruppen vermeintlich linken Antisemitismus und erklĂ€rten ausgehend von der rassistischen Welle nach der Wiedervereinigung alle Deutschen zu Nazis, zum Vernichtungskollektiv. Das VerhĂ€ltnis zum Staat Israel wurde zur Gretchenfrage ganzer postautonomer und antifaschistischer Szenen in verschiedenen StĂ€dten, die sich in der Folge erst zerlegten und dann bitter bekĂ€mpften. ArbeitskĂ€mpfe, GeschlechterkĂ€mpfe oder soziale KĂ€mpfe galten vor dem Hintergrund der Shoah als Movens dieser politischen Praxis als NebenschauplĂ€tze; sie hĂ€tten vielmehr nur die Aufgabe, den antisemitischen Vernichtungswillen aller Deutschen – und damit auch der Linken – unsichtbar zu machen.

Bestimmte Strömungen des Antisexismus in den 1990ern verfuhren Ă€hnlich mit der Reduzierung und Verallgemeinerung heterosexueller Praktiken als Gewalt. Das fĂŒhrte dazu, dass SexualitĂ€t im linken Milieu zur Sache des Privaten und damit der politischen Auseinandersetzung entzogen wurde. Niemand sprach mehr öffentlich ĂŒber SexualitĂ€t – nur in den Begriffen des Verbrechens konnte ĂŒber Sexismus geredet werden; SexualitĂ€t als politisches Feld utopischer VerĂ€nderungen durfte es nicht geben. Gerade in diesem Bereich wurden Mechanismen entwickelt, die strukturidentisch im Critical Whiteness wiederauftauchen. Auch hier wird der Gewaltbegriff totalisiert, das Definitionsrecht bis ins Diffuse erweitert und das Sanktionsrecht verallgemeinert.

Critical Whiteness stieß nun in die Leerstelle, die die antirassistische Bewegung der spĂ€ten 1990er und der 2000er Jahre hinterlassen hat. Ende der 1990er Jahre war man bereits viel weiter in der Analyse von Rassismus und der Entwicklung antirassistischer Praktiken. Es gab Camps, Debatten, Interventionen und Wissensproduktionen, die eine ganze Linke versammeln konnten und – zumindest sehr oft – die antirassistische Arbeitsteilung von paternalistischer Betreuung, politischer Intervention, migrantischer Selbstorganisierung und handfestem Antifaschismus zu ĂŒberwinden vermochten. Es gelang, im Feld des Antirassismus gesamtgesellschaftliche VerhĂ€ltnisse zu thematisieren und ausgehend vom Kampf gegen rassistische Stratifizierung KlassenverhĂ€ltnisse ebenso wie GeschlechterverhĂ€ltnisse radikal in Frage zu stellen. Angesichts der neuen Weltlage mit ihren Dauerkriegen im Nahen Osten und im nördlichen Afrika hat sich der Rassismus weltweit jedoch verĂ€ndert. Es geht nicht mehr primĂ€r um die soziale Subordinierung der Migrant_innen zur Sicherung der ökonomischen und identitĂ€ren Stellung der Mehrheitsgesellschaft. Vielmehr entstand seit 9/11 allmĂ€hlich ein antimuslimischer Rassismus, der einen Riss durch die migrantischen Communities bewirkte, wo Spanier_innen, Griechen_innen, Italiener_innen, Portugies_innen plötzlich auf der einen, TĂŒrk_innen, PalĂ€stinenser_innen oder Araber_innen auf der anderen Seite standen. Aus den ehemaligen »Kanaken« wurden nun plötzlich einerseits EuropĂ€er_innen und andererseits Muslime und Muslimas. Vor dieser Herausforderung endete der bewegungspolitische Antirassismus der Generation Rostock, der sich mit Wiedervereinigung und Nationalismus auseinandergesetzt hatte. Es tat sich eine politische und theoretische Leerstelle auf, die bis heute nicht geschlossen werden konnte.

Der antirassistischen Bewegung entglitten die gesellschaftlichen Prozesse, ihr war der Drive genommen. Und genau in diesem Moment tauchten die autoritĂ€ren Ordnungsrufe wieder auf. Über AusschlĂŒsse und Drohungen begannen ihre WortfĂŒhrer_innen sich an die Spitze einer Bewegung zu stellen, die es gar nicht mehr gab, die aber imaginĂ€r gerettet und verstetigt werden sollte. Dies erleben wir zurzeit im deutschen Kontext mit dem PhĂ€nomen Critical Whiteness.

Konzepte und Praktiken von Critical Whiteness

Die aktuellen Auseinandersetzungen zu dem Thema Critical Whiteness sind indes unbefriedigend, denn entweder verfolgen sie eine Kritik an den politischen Formen, die die Konzepte des Antirassismus als BezugsgrĂ¶ĂŸe auslĂ€sst, oder sie arbeiten sich an den theoretischen Konzepten ab, ohne sich fĂŒr die realen Bewegungsmomente zu interessieren.

Die BeschĂ€ftigung mit den Theoremen von Critical Whiteness verdeutlicht auf den ersten Blick zunĂ€chst ihr Potenzial, Differenzen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Positionen und Akteur_innen sichtbar werden zu lassen. So kann die normative Zugehörigkeit zu den Profiteur_innen von Rassismus nun selbst als ein Konstrukt analysiert werden. Dass die Feststellung von Ungleichheit nicht nur deskriptiv bleiben muss, sondern auch die Bedingung ihrer Aufhebung transportieren kann, zeigte sich in der historischen Situation der 1970er Jahre in den USA. Sich selbst so bezeichnende »Third World Women« wollten nicht nur ihren weißen »Schwestern« klarmachen, dass dem gemeinsamen Kampf gegen das Patriarchat noch ein veritables rassistisches AusbeutungsverhĂ€ltnis zwischen den Frauen selber vorgelagert sei. Sie machten auch darauf aufmerksam, dass die Begriffe von Schwarz und Weiß jene Frauen ausblenden, die entweder als US-amerikanische Latinas oder aber als Frauen aus der globalen Peripherie gegen ihre spezifischen AusbeutungsverhĂ€ltnisse kĂ€mpften. Der damals vorgeschlagene Begriff der »Third World Women« oder auch der sich durchsetzende Begriff »People Of Color« (POC) bedeutete eine Erweiterung antirassistischer Theorien und Praktiken, eine Ausweitung der politischen Subjekte im Kampf gegen UnterdrĂŒckung. Er globalisierte die noch junge Wahrnehmung eines bedeutenden HerrschaftsverhĂ€ltnisses zu einer Zeit, als mit dem Begriff »Rassismus« erst sehr wenige Linke operierten und dynamisierte sowohl die Black Power Bewegung als auch die Frauenbewegung in den USA.

Die Bezugnahme auf diese Intervention, fĂŒr die Gruppen wie das Combahee River Collective stehen, ist fĂŒr die deutschen VerhĂ€ltnisse indes nicht stimmig, weil sie die KĂ€mpfe gegen Rassismus nicht ausweitet, wie in den USA, sondern im Gegenteil den Widerstand eine Mehrzahl von Nichtdeutschen unsichtbar werden lĂ€sst. Whiteness – so macht auch Noel Ignatiev deutlich – ist insbesondere fĂŒr die spezifischen US-VerhĂ€ltnisse der korrekte Begriff, wo aufgrund der Kolonialgeschichte und einer historisch auf Sklaverei beruhenden Ökonomie Schwarze seit mehr als 300 Jahren am unteren Ende der sozialen Stufenleiter stehen. Deutschland hat jedoch eine andere Geschichte des Rassismus. Ohne das an dieser Stelle in angemessener KomplexitĂ€t ausformulieren zu können, bleibt festzuhalten, dass in Deutschland ein völkischer Nationalismus herrschte und herrscht, der gleichermaßen gegen den Erbfeind Frankreich in die Völkerschlacht zog, wie er Vernichtungsprojekte durchfĂŒhrte, sei es gegen die »slawische Rasse« oder die Bewohner_innen in den kurzlebigen Kolonien in Ostafrika und im heutigen Namibia am Anfang des 20. Jahrhunderts. Ihm ist ein eliminatorischer Antiziganismus zu eigen, ebenso wie ein eliminatorischer Antisemitismus, und er ist in jĂŒngerer Zeit vor allem durch die rassistische Ausbeutung und Entrechtung von vornehmlich aus dem sĂŒdlichen Europa eingewanderten Migrant_innen geprĂ€gt. Schwarze Deutsche leben teilweise seit 100 Jahren hier, haben aber eine ganz andere und widersprĂŒchlichere Geschichte als Afro-Amerikaner_innen in den USA. Zwar machten sie auch hierzulande rassistische Erfahrungen, gerade weil sie in der rassistischen Aufteilung der Gesellschaft bestimmten ökonomischen Bereichen zugeordnet wurden. Dennoch wurden sie etwa im Nationalsozialismus im Gegensatz zu anderen rassifizierten Gruppen nicht systematisch verfolgt und »vernichtet«; oder wie der Schwarze Deutsche Theodor Wonja Michael die Situation von Schwarzen im Nationalsozialismus zusammenfasst: »Man tötete uns nicht, man ließ uns aber auch nicht leben.«

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen Schwarze Deutsche andere gesellschaftliche Positionen ein, als die im untersten Segment der Industrie, Dienstleistung und Landwirtschaft arbeitenden Schwarzen in den USA. Hierzulande wurde diese Arbeit von den die Fremd- und Zwangsarbeiter_innen ablösenden Gastarbeiter_ innen aus Portugal, Spanien, Italien, Griechenland, Jugoslawien und der TĂŒrkei verrichtet. Sie sind es auch, die hier in den letzten vier Jahrzehnten am Fließband standen, den MĂŒll entsorgten und die Klos putzten. Diese Jobs werden heute auch von GeflĂŒchteten aus Afrika und anderen LĂ€ndern des SĂŒdens erledigt – aber nicht weil sie schwarz, sondern weil sie rechtlos sind. Dies ist ein fundamentaler Unterschied zu der Situation in den USA. Der dauernde Bezug der deutschen Critical Whiteness-Gemeinde auf Aktivist_innen aus den USA, z.B. Audre Lords Aufenthalt in Berlin 1984, die ihre deutschen Schwestern bezĂŒglich deren Vorstellung einer universellen Sisterhood treffend kritisierte, oder der Bezug auf die Schriften von Toni Morrison oder bell hooks, macht unsichtbar, dass in den frĂŒhen 1970er Jahren hierzulande vor allem die Gastarbeiter_innen kĂ€mpften, sowohl in den Fabriken wie auch außerhalb. Darin formulierten sie bereits dieselbe Kritik, wie sie die Schwarzen Feministinnen an ihrem weißen GegenĂŒber formulierten: Es gilt, die rassistische Spaltung zu erkennen und zu ĂŒberwinden! Im Gegensatz zu den US-amerikanischen Poetinnen wurden die eingewanderten proletarischen Frauen und MĂ€nner allerdings von der deutschen bĂŒrgerlichen Frauenbewegung wie auch von der Linken im Allgemeinen hinlĂ€nglich ignoriert.

Die aktuelle Fokussierung auf Afro-Amerikanerinnen durch hiesige Vertreter_innen von Critical Whiteness seit Ende der Nuller Jahre ist ein Fehlimport, der ĂŒber die akademische BeschĂ€ftigung aus den Gender-Studies kommt und ungeachtet der Geschichte der KĂ€mpfe hierzulande zum Handlungsimperativ wurde. Die daraus formulierte Trennung in und Hierarchisierung von Rassismus und »Migrantismus«, POCs und Migrant_innen, die Bezugnahme auf das Combahee River Collective von 1974 unter gleichzeitiger Ausblendung des Streiks der Migrantinnen in Pierburg/Neuss von 1973, ist akademisch elitĂ€r und im Effekt rassistisch.

POC war eine notwendige Kritik und eine wirksame Erweiterung der antirassistischen KĂ€mpfe in den USA. In Deutschland bedeutet es hingegen eine Einengung, die die KĂ€mpfe der kanakisierten Migrant_innen unsichtbar macht und ausschließt. Vielmehr wird die RĂŒckkehr des rassifizierten PhĂ€notyps bewirkt, der zwischen »Schwarzköpfen« und »schwarzer Haut« eine Spaltung evoziert. Auch wenn immer wieder beteuert wird, dass POC sei, wer von Rassismus betroffen ist und sich dazurechne, zeigen die konkreten Exklusionsmechanismen innerhalb dieser Szene, dass es um autoritĂ€re Hierarchisierungen innerhalb der Nichtdeutschen geht. Elahe Haschemi Yekani erinnert in ihrer kritischen Diskussion zur deutschen Rezeption US-amerikanischer Theorien Schwarzer Feministinnen, dass Intersektionalismus eigentlich angetreten war, IdentitĂ€tskategorien zu veruneindeutlichen, statt sie festzuschreiben und gegeneinander auszuspielen. Am deutlichsten zeigt sich die gefĂ€hrliche Hierarchisierung und elitĂ€re Ignoranz deutscher Provenienz gegenĂŒber den kanakisierten Migrant_ innen im Schweigen von Critical Whiteness- Gruppen zur umfangreichsten rassistischen Mord- und Anschlagserie gegen die Söhne und Töchter der Gastarbeiter_innengeneration durch die Nazizelle NSU, unterstĂŒtzt von Ermittlungsbehörden und legitimiert von der deutschen Öffentlichkeit. In der Logik von Critical Whiteness, nach der Antirassist_innen weiß und ebenso rassistisch wie Nazis seien, ist es indes folgerichtig, antirassistische Plena zu sprengen, rassistische Morde aber schweigend zu ĂŒbergehen.

Sprache, Privilegien und Awareness

Möglich wird diese Politik – wie AyƟe K. Arslanoğlu mit Blick auf die Curricula an der Humboldt-UniversitĂ€t zu Berlin betont – durch einen Bezug auf einen akademischen Diskurs, der aus den Gender-Studies kommt und sich mit Diskurstheorie befasst. In ihm findet eine verkĂŒrzte Judith-Butler-Lesart statt, wonach Sprechakte die GegenstĂ€nde hervorbrĂ€chten, die sie benennen. Im Umkehrschluss ließen sich rassistische VerhĂ€ltnisse – »weiße RĂ€ume« und konkrete DominanzverhĂ€ltnisse – durch eine kodifizierte Sprache, durch eine »institutionalisierte Benennungspraxis« Ă€ndern. Herrschaft erscheint in dieser Perspektive nur noch als individueller Kommunikationsakt. Dieser diskurstheoretische Reduktionismus blendet die gesellschaftlichen Mechanismen von Rassismus aus, vor allem die Tatsache, dass Rassismus eine strukturierende Funktion besitzt. Diese Funktion wird mit der Betonung individueller Verhaltenskodizes indes unsichtbar gemacht. Was bleibt ist eine ĂŒberall zu beobachtende neoliberale Innerlichkeit, die von gesellschaftlicher VerĂ€nderung nichts mehr wissen will, weil sie das Individuum gar nicht mehr als gesellschaftlich, sondern nur noch als individuell denken kann. Die penetranten Fragen, »wo bin ich rassistisch, wo bin ich weiß, wo bin ich privilegiert, wie rede ich, wie bewege ich mich, wie wirke ich auf jemand anderes?«, bedeuten eine permanente Selbstoptimierung, die das Kollektive nicht mehr zu denken vermag. Dies drĂŒckt sich gegenwĂ€rtig auch in der um sich greifenden Einrichtung von ĂŒbergeordneten autoritĂ€ren Strukturen aus, die es auf der Grundlage irgendwelcher zu Regeln erstarrten Errungenschaften fĂŒr den oder die Einzelne_n richten soll. Im Namen von SensibilitĂ€t und Achtsamkeit werden in den eigenen Strukturen protostaatliche Sicherheitsstrukturen errichtet und polizeiliche Maßnahmen im Namen von Konsens, Harmonie und Herrschaftsfreiheit etabliert.

Rassismus ist jedoch weniger ein verinnerlichtes falsches Denken, das von einer Sprachpolizei gemaßregelt werden muss, sondern hat die strukturierende Funktion, Menschen im sozialen Raum zu verteilen und auf spezifischen Positionen zu fixieren. D.h. Rassismus ist kein identitĂ€res Projekt, auch wenn es IdentitĂ€ten produziert, sondern eine Funktion zur ungerechten Distribution von Rechten und ReichtĂŒmern. Es geht weniger um Zugehörigkeiten und entsprechende Privilegien, sondern um ungleiche Rechte, die zu diesen VerhĂ€ltnissen fĂŒhren. Privilegien sind ĂŒberdies oft bitter erkĂ€mpfte Rechte, die eigentlich fĂŒr alle gelten sollen. Eine antirassistische Perspektive hat daher im besten Falle das ErkĂ€mpfen von Rechten fĂŒr alle im Blick, und nicht die Durchsetzung von »Repression fĂŒr alle« (Leo Fischer), wie es in den autoritĂ€ren »Awareness«-Politiken von Critical Whiteness zu beobachten ist. Entmutigung oder »Discomfort« der Mehrheitsgesellschaft fĂŒhrt nicht zum Empowerment der Marginalisierten. Vielmehr braucht es einen politischen Kampf, eine Intervention, die nicht den Privilegierten das Privileg neidet, sondern es sich durch die Schaffung solidarischer BĂŒndnisse selbst aneignet, auch gegen den Widerstand der Bevorzugten. Statt einerseits individualisierende Optimierung, verbunden mit dem Wunsch, ein immer prĂ€sentes Aufpasser-Team möge fĂŒr die politische Emanzipation sorgen, könnte eine Orientierung aufs Kollektive stehen, die das Gemeinsame an eigenen Überlegungen misst. Dies wĂ€re das genaue Gegenteil eines Awareness-Konzepts, in das die Regression und die Ohnmacht konstituierend eingeschrieben sind.

»Awareness« bedeutet nicht Achtsamkeit, obwohl es sich immer wieder hinter dieser freundlichen Figur versteckt, sondern Bewusstsein. Woher aber soll das Bewusstsein innerhalb von Critical Whiteness kommen, das den anderen erst mal abgesprochen wird? Aus einer politischen Debatte oder der Auseinandersetzung mit US-amerikanischer Geschichte? Diese Frage wird dann relevant, wenn eine andersartige Analyse von Rassismus vertreten und artikuliert wird. Wo also kann widersprochen werden? Wird die spezifische Rassismusanalyse einzelner Gruppen oder »Awareness-Teams« vorher zur Diskussion gestellt, von der schließlich abhĂ€ngt, wie reagiert wird, was ein Übergriff ist und was eine Lappalie? StĂ€rken diese jeweiligen Analysen die von Rassismus betroffenen Menschen oder schwĂ€chen sie diese, weil sie ihnen ein Trauma diagnostizieren? Aus einer migrantischen Perspektive ist es fast unertrĂ€glich, wie den potentiell Betroffenen von Rassismus ein Trauma regelrecht abverlangt wird, oftmals auf eine lĂŒsterne Weise. Wer sich dem Trauma verweigert und sich nicht beklagt, ungenĂŒgend beachtet zu werden, wird automatisch als weiß eingeordnet. Im Umkehrschluss heißt das, Betroffene von Rassismus mĂŒssen traumatisiert sein, dĂŒrfen sich nicht trauen zu reden, um ihre Differenz, ihre eigene Erfahrung geltend machen zu können. Damit schafft diese Art von Antirassismus genau die rassistischen Effekte, die sie zu bekĂ€mpfen vorgibt. In der vorgeblichen Unterwerfung deutscher Antirassist_innen unter die Aussagen der von Rassismus Betroffenen liegt in Wirklichkeit eine ErmĂ€chtigung ĂŒber diese Menschen. Denn man kann nur denen selbstlos seine Hilfe anbieten, die unter einem oder einer stehen. Diese Bedingung wird stillschweigend mittransportiert; sie ist im Effekt rassistisch.

Schulden aus der Vergangenheit und Wechsel auf die Zukunft

Dieser Text plĂ€diert fĂŒr eine migrantische Perspektive, die sowohl ein Interesse an praktischer Intervention als auch an theoretischer Reflexion hat und in der es mit Blick auf eine andere Zukunft um den Kampf fĂŒr gesellschaftliche Rechte geht, statt um neoliberale postpolitische Psychospielchen. Dies betrifft auch das auf die Vergangenheit gerichtete, innerhalb der Critical Whiteness populĂ€re Bild des »Rucksacks voller schöner Privilegien«, den Weiße mit sich herumtragen und der ihnen den Zugang zu allen möglichen Feldern, zu Ressourcen und Reichtumsströmen, zu Anerkennung, GlĂŒck und Gesundheit ermögliche. Gleichzeitig, wie Serhat Karakayalı es treffend formuliert, bedeutet dieser Rucksack voller Privilegien im Weltbild von Critical Whiteness ein Rucksack voller Schulden, die zurĂŒckzuzahlen seien. Daraus entstĂŒnde eine Politik der Schuld, in der Rechte zu einem privilegierten Erbe wĂŒrden, das aus der Geschichte der Sklaverei resultiere. Jede politische Form der VerĂ€nderung wird in dieser Perspektive als unverdiente und ungerechte ErmĂ€chtigung verstanden, die das Unrecht, was ihr zugrunde liegt, verschleiern will. Die Geschichte der Migration zeigt aber, dass Rassismus immer wieder ĂŒberwunden werden konnte, indem Menschen VerhĂ€ltnisse in einer transzendierenden Weise vorweggenommen hatten, die es noch gar nicht gab. Die eigenen aufgezwungenen IdentitĂ€tsgrenzen zu ĂŒberschreiten wie auch die Grenzen des GegenĂŒbers sind darin konstitutive Elemente, wenn es gilt, ein Terrain zu beschreiten, das es noch inexistent ist, aber in diesen Momenten hergestellt werden kann.

Aber wollen die Vertreter_innen von Critical Whiteness wirklich eine VerĂ€nderung der bestehenden VerhĂ€ltnisse? In den zentralen Texten findet man eine Antwort darauf. Kimberle Crenshaw, eine prominente Vertreterin dieser Theoreme, lehnt eine Überwindung der rassistischen Spaltung explizit ab, weil darin die IdentitĂ€tspositionen wieder unsichtbar gemacht werden wĂŒrden. Vielmehr geht es ihr lediglich um eine VervielfĂ€ltigung von IdentitĂ€ten, nicht aber um ihre Aufhebung. Hier wird deutlich, warum der Angriff der mit Critical Whiteness-Ideen ausgestatteten UniversitĂ€tsschĂŒler_innen genau an jenen Stellen stattfindet, wo es um die Aufhebung von HerrschaftsverhĂ€ltnissen geht, wo etwas anderes gelingen soll als die alte Scheiße. Stattdessen wird eine spiegelbildliche Verdopplung der HerrschaftsverhĂ€ltnisse betrieben, die ĂŒber schematische AbkreuzPositionierungen auf der Bourdieuschen Gesellschaftskarte festgeschrieben werden – weiße-cis-mittelklasse-MĂ€nner versus schwarze-trans-subalterne-Frauen und dazwischen alle fein sĂ€uber-lich sortierten Schubladen. Darin wird verleugnet, dass Menschen in ihren IdentitĂ€ten nie identisch sind und genau aus diesen WidersprĂŒchen heraus fĂ€hig werden, sich zu emanzipieren. Man kann versuchen diese Abweichungen zwischen den einzelnen Menschen und ihren gesellschaftlichen Verortungen zu negieren. Oder man kann die Momente, die IdentitĂ€ten zu ĂŒberschreiten vermögen, als mögliche Ansatzpunkte der Aufsprengung der schlechten VerhĂ€ltnisse suchen; diese Entscheidung ist grundsĂ€tzlicher Natur. Wehe dem Mann, der nicht so richtig mĂ€nnlich ist, wehe dem Weißen, der keiner mehr sein will, wehe der Frau, die kein Bock hat immer auf diese Rolle festgeklopft zu werden, wehe dem gelungenen BĂŒndnis von Deutschen und Nichtdeutschen – ihnen allen wird vorgeworfen, ihre Positionen zu verschleiern und darĂŒber unsichtbare HerrschaftsverhĂ€ltnisse zu ermöglichen. Es geht aber nicht immer nur um perfide Verschleierung von MachtverhĂ€ltnissen, sondern eben auch um VerĂ€nderung dieser VerhĂ€ltnisse, um die Schaffung von heterotopischen Orten, an denen bestimmte Regeln (vielleicht auch nur temporĂ€r) nicht gelten. Diese Orte brauchen wir, denn dort gewinnen wir ein Bild von etwas, fĂŒr das es sich lohnt zu kĂ€mpfen. Dass es solche Orte nicht geben kann und nicht geben darf in der Meinung vieler Critical Whiteness-Aktivist_innen, dass im Gegenteil RĂ€ume von einer selbsternannten Avantgarde permanent kontrolliert werden mĂŒssen, ist dystopisch, traurig, hoffnungslos und vor allem bedrohlich – denn diese Konsequenz bedeutet: Harmonie durch Repression fĂŒr alle. Das ist eine faschistische Fantasie.

Wir können uns nur ĂŒber GlĂŒck und Befreiung vergesellschaften, und nicht ĂŒber das Verbrechen. Das heißt, dass Begegnung, Kommunikation und gemeinsames Handeln den Raum fĂŒr VerĂ€nderungen öffnen mĂŒssen, statt ihn in Vorwegnahme möglicher Verletzungen an den vermeintlichen oder realen SicherheitsbedĂŒrfnissen verletzter oder verĂ€ngstigter Menschen auszurichten und hermetisch abzudichten. Das ist nicht leicht und auch kein PlĂ€doyer fĂŒr HĂ€rte oder Ignoranz gegenĂŒber realen UnterdrĂŒckungserfahrungen, sondern ein Vorschlag ihrer Transzendierung – die einzige Möglichkeit der Überwindung rassistischer Spaltungen in der Gesellschaft. Dieses »wir« soll dabei weder gegeben noch voluntaristisch erscheinen. Viele Abgrenzungslinien hatten historisch ihre BegrĂŒndung und waren wichtig. Dieses »wir« kann sich nur in konkreten KĂ€mpfen ausbilden, es ist ein solidarisches, kein identitĂ€res Wir. Es geht um einen Prozess, Rassismus in seiner WidersprĂŒchlichkeit zu ĂŒberwinden: Denn einerseits behauptet er stets eine Differenz – »Ihr seid anders« –, die es zurĂŒckzuweisen gilt; andererseits verneint Rassismus diese Differenz – »was willst du? Wir sind doch alle gleich« – wenn sich Leute darauf beziehen, andere Erfahrung mit Rassismus gemacht zu haben und aus diesem situierten Wissen heraus zu sprechen. Antirassismus bedeutet also zum einen, Differenz aufzuheben, andererseits die Unterschiedlichkeiten anzuerkennen. Daraus lassen sich keine festen Regeln ableiten, vielmehr handelt es sich um einen immer wieder neu beginnenden Aushandlungsprozess. Wenn nur aus der schieren Beschreibung der VerhĂ€ltnisse die politische Haltung entsteht, entwickelt sich kein Raum fĂŒr Innovationen oder Widerstand. Was fehlt ist eine Vorstellung solidarischer BĂŒndnisse, die auf gegenseitiger Kritik und gemeinsamen Erfahrungen begrĂŒndet sind. Es ist dies eine Politik und eine Haltung, die auf ein besseres Leben in der Zukunft ausgerichtet sind. Das ist das Gegenteil einer auf Schulden aus der Vergangenheit abgesicherten politischen Moral. Vielmehr ist dieser Kampf ein Wechsel auf die Zukunft, der potentiell alle miteinschließt – selbst die traurigen Gestalten mit ihren schönen Privilegien.

Originaltext: https://linksunten.indymedia.org/de/node/160010




Quelle: Anarchismus.at