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“Wir [empfehlen] Ihnen die Sperrung und Unterbindung der Nutzung der Konferenzapplikation ZOOM fĂŒr Ihr Ressort bzw. Ihr Haus zu prĂŒfen.”

Zoom solle fĂŒr den eigenen Betrieb nicht nur nicht genutzt, sondern gesperrt werden: So schließt ein Gutachten zur Nutzung von digitalen Konferenz-Tools, das das hessische Wissenschaftsministerium in Auftrag gegeben hat. WĂ€hrenddessen wird an der Goethe-Uni weiterhin Zoom als Lösung fĂŒr digitale Herausforderungen angepriesen. Ein unter_bau-Mitglied, das nicht namentlich genannt werden möchte, hat einiges an Wissen zu Zoom zusammengetragen und sich Gedanken gemacht, wie Alternativen aussehen können.


Die Software Zoom ist eine Datenschutz- und Sicherheits-Vollkatastrophe. Selbst das hessische Wissenschaftsministerium verbietet seinen Angestellten, die Software auf ihren Rechnern zu installieren und den Dienst zu nutzen. Daran Ă€ndert auch die Neu-Lizensierung durch die Uni nichts. Der Umgang mit Daten ist danach zwar immerhin im legalen Rahmen der Datenschutzgrundverordnung – das macht ihn aber noch lange nicht zu einem guten Umgang. Es bleibt auch das Problem des Sicherheitsrisikos durch die Software bestehen. Meine EinschĂ€tzung zu den Sicherheitsproblemen der Software ist, dass zwar kein Grund zu akuter Panik besteht, es aber schon mittelfristig eine schlechte Idee ist, auf diese Software zu setzen. Das folgt fĂŒr mich schon daraus, dass es bisher zum GeschĂ€ftsmodell von Zoom gehört hat, vorhandene Sicherheitsmechanismen bewusst zu umgehen, um damit eine einfachere Bedienbarkeit der Software zu gewĂ€hrleisten. Es ist davon auszugehen, dass die gesamte Software nach diesem Prinzip entwickelt wurde. Erst nach einer transparenten Komplett-Revision des Codes könnte man der Software wieder vertrauen. Das wird allein deshalb schon nicht geschehen, weil die Geheimhaltung des Quellcodes der Software das GeschĂ€ftsprinzip von Zoom ist. Es wĂ€re auch vom Umfang her ggf. ein einigermaßen sinnloser Aufwand, weil sich die Frage stellt, ob es nicht weniger Arbeit wĂ€re eine neue Software zu schreiben, als die bestehende komplett zu revidieren und zu ĂŒberarbeiten.

Politisch folgt daraus fĂŒr mich: Es ist eine bodenlose Frechheit, dass die Uni von den Studierenden und Lehrenden fordert, sich einem solchen Sicherheitsrisiko – zumal noch fĂŒr private GerĂ€te – auszusetzen, um am Lehr- und Forschungsbetrieb teilnehmen zu können. Diese Frechheit potenziert sich noch dadurch, dass es ĂŒberhaupt nicht notwendig wĂ€re auf Zoom zu setzen. Es gibt mit Big Blue Button eine Software-Lösung, deren Quellcode öffentlich ist und die fĂŒr genau den Anwendungszweck konzipiert wurde, der hier benötigt wird. Durch den offenen Quellcode kann die Software sogar an die spezifischen BedĂŒrfnisse der Uni angepasst werden; der Code setzt von Anfang an nicht darauf Daten zu sammeln, um sie verkaufen zu können, und auch die Sicherheit fĂŒr die eigenen GerĂ€te ist dadurch wesentlich besser. Big Blue Button wird auch schon von UniversitĂ€ten in Deutschland eingesetzt und funktioniert zuverlĂ€ssig und stabil. Es mag verzeihlich sein, dass die Uni aufgrund des Zeitdrucks darauf gesetzt hat Zoom Lizenzen zu kaufen – es ist absolut fahrlĂ€ssig und falsch, nicht zu versuchen, so schnell wie möglich von diesem Dienst weg zu kommen. Ein weiterer Punkt, der gegen Zoom und fĂŒr Big Blue Button spricht, ist, dass sich die Uni mit Zoom in ihrem Betrieb und ihrer Infrastruktur abhĂ€ngig macht von einem externen Dienstleister und dessen Bedingungen. Big Blue Button kann (und sollte) dagegen von der Uni selbst gehostet werden. Die Uni gibt in erheblichem Maße die Bedingungen, unter denen Lehre und Forschung stattfinden, aus der Hand und legt sie in die HĂ€nde eines Unternehmens, dessen GeschĂ€ftsmodell im Verkauf privater Daten und der Umgehung von Sicherheitsstandards beruht. Je mehr sich die Uni hier abhĂ€ngig macht und je stĂ€rker die Digitalisierung der Hochschulen unter diesen Bedingungen voranschreitet, desto stĂ€rker manövriert sie sich in eine Situation, in der letztlich auch die Wissenschaftsfreiheit gefĂ€hrdet sein kann. Wenn die Uni ihre Zukunft stĂ€rker in der Digitalisierung sieht, dann ist die Infrastruktur dafĂŒr ein zentraler Faktor und die Kontrolle ĂŒber diese Infrastruktur sollte genau so wenig aus der Hand gegeben werden wie die Kontrolle ĂŒber z.B. die GebĂ€ude der UniversitĂ€t. Deshalb sollte die Uni jetzt (!) anfangen auf eine Infrastruktur zu setzen, mit der sie tatsĂ€chlich eine zukunftsfĂ€hige Digitalisierungsstrategie umsetzen kann.

So eine Digitalisierungsstrategie muss natĂŒrlich mit den Mitarbeiter_innen des HRZ gemeinsam entwickelt werden. Das Betreiben von so einem Dienst ist aufwendig und ressourcenintensiv – der erste Schritt muss daher die entsprechende finanzielle und personale Aufstockung in der IT sein. Erfreulich wĂ€re es, wenn der Senat dieses Anliegen unterstĂŒtzen wĂŒrde. Es wĂ€re außerdem denkbar, dass einzelne Fachbereiche ihre Autonomie nutzen, um eine eigene, verantwortungsvolle IT-Infrastruktur aufzubauen.

Das sind einige Überlegungen „zur technischen Seite der Digitalisierung an der Hochschule“, weil ich vor allem dazu etwas sagen kann. Alle anderen Aspekte – z.B. Arbeitsbelastung durch digitale Lehre und Forschung fĂŒr Studierende und Dozierende, soziale und andere Diskriminierungen beim Zugang zu digitalen Formaten, die Folgen asynchroner Formate auf das BetreuungsverhĂ€ltnis und die QualitĂ€t der Lehre und des Studiums etc. – mĂŒssen aber ebenso beachtet werden, wenn ein wirklich vernĂŒnftiger Umgang mit digitaler Lehre wĂ€hrend der „Corona“-Krise und darĂŒber hinaus gefunden werden soll. Ich denke, dass dies nur dann passieren kann, wenn diejenigen, die von der Digitalisierung direkt betroffen sind – also Studierende, Lehrende und technisches Personal – sich in einem demokratischen Prozess darĂŒber austauschen und gemeinsam entscheiden können, wie die digitale Zukunft der UniversitĂ€t aussehen soll.




Quelle: Unterbau.org