November 25, 2020
Von Wildcat
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Zuruf aus China:

Die Formel, China habe der Welt Zeit gekauft, wird mittlerweile immer stÀrker von der hiesigen Parteipropaganda verbreitet.

Den Text von Mike Davis finde ich wichtig und grĂ¶ĂŸtenteils richtig – aber beim Lesen musste ich bei dieser Stelle schlucken: »Heute in einem Jahr werden wir vielleicht mit Bewunderung auf Chinas Erfolg bei der EindĂ€mmung der Pandemie und mit Schrecken auf das Versagen der USA zurĂŒckblicken.«

Warum kann man die Misere in den USA nicht kritisieren, ohne zugleich einen Kniefall vor der gigantomanischen Polizeioperation in China zu machen? Mit dem Lob fĂŒr »Chinas Erfolg« wird alles in eins geworfen: das Land, die KPCh, Polizei, Bevölkerung und Klasse. Wie kann gerade Mike Davis so etwas schreiben? Niemand muss zwischen »dem Westen« und »China« wĂ€hlen, auch und erst recht nicht, wenn es um das Coronavirus geht!

Am 13. MĂ€rz erschien in der New York Times der Artikel eines Auslandskorrespondenten in Peking: »China kaufte dem Westen Zeit. Der Westen hat sie verschwendet.« Der Autor will natĂŒrlich genauso wie Mike Davis die unzureichenden und falschen Maßnahmen in den USA und Europa kritisieren. Die erste Frage ist dann aber, was sollte »der Westen« tun? Nachdem China vorgelegt hat mit Lockdown und drakonischen Maßnahmen, erscheint alles andere lax und unentschlossen? Ist das Kriterium fĂŒr Maßnahmen, wie viele Opfer gefordert werden? Muss das Kriterium nicht sein, wie viel Leid durch sie vermieden oder zusĂ€tzlich erzeugt wird? Wer ist denn hier das Subjekt?

Die Beispiele, die der NYT-Artikel nennt, sind real und ĂŒberall in China zuhauf zu sehen: Megaphon im Park mit Warnhinweisen, doppelter (!) Temperaturcheck vor der Ausreise, Bombardierung mit Propaganda 
 Bei mir in der Straße dudeln allein fĂŒnf Plastiklautsprecher von morgens bis abends Hinweise, man solle sich die HĂ€nde waschen, selten rausgehen, soziale Kontakte meiden. Aber das ist lĂ€cherlich und es hört eh niemand hin. Der Autor schreibt, es sei »nichts AutoritĂ€res daran, am Flughafen die Temperatur zu messen, social distancing durchzusetzen und jedem Covid-19-Betroffenen freie medizinische Versorgung anzubieten.« Fiebermessen an FlughĂ€fen hat bei SARS nur etwa die HĂ€lfte der ansteckenden Reisenden identifiziert, beim Coronavirus dĂŒrften es deutlich weniger sein, weil Ansteckungsgefahr auch vor Symptomen auftritt. Aber es geht ja gar nicht ums Fieber messen! (s.u.) Social distancing durchzusetzen ist allerdings autoritĂ€r, wenn z.B. Bullen mit dem Vorschlaghammer Mahjong-Tische zertrĂŒmmern oder WohnungstĂŒren von außen zugeschweißt werden. Und die kostenfreie medizinische Versorgung war in Wahrheit nicht so schön, wie es sich auf Papier liest.

Die staatlichen Maßnahmen sollten Angst einjagen. Das Fiebermessen vor meinem Wohnkomplex und am GemĂŒsemarkt war Teil dieses Horrortheaters. Bei vielen Menschen wird ein vermeintliches, aber nicht vorhandenes Fieber erkannt, sie werden verdĂ€chtigt, teils deswegen diskriminiert und vor allem verĂ€ngstigt. Man hat eh schon vor dem Virus Angst und lebt nun auch noch im Schrecken einer Zwangsisolierung. Schlimm fand ich, wie hilfsbedĂŒrftige Kranke zu Gefahrenquellen gemacht wurden. Es gab zahlreiche Formeln, die das auf den Punkt brachten, z.B. »Menschen aus Hubei sind tickende Zeitbomben«, »Wenn Dir dein Leben lieb sind, dann geh nicht unter Menschen«, »Fremde sind verborgene Gefahren«… Die Maßnahmen bauten nirgends auf Kooperation, sie wurden als Polizeioperationen durchgefĂŒhrt. Patienten und potentiell Erkrankte wurden nur als zu kontrollierende Objekte behandelt: Jemand misst dir Fieber, aber teilt dir nicht das Ergebnis mit, weil es gar nicht darum geht, ob du gesund bist, sondern nur darum, die Auflagen zu erfĂŒllen.

Gleichzeitig werden durch solche Maßnahmen kaum Kranke gefunden (und es wĂ€re ein leichtes Spiel, die Kontrollen auszutricksen). Von einem rationalen Standpunkt aus betrachtet sind sie Hokuspokus, so als wĂŒrde ich mir Holzklötze als Schutz vor dem Virus an die Stirn binden oder wie Mike Pence zu Gott beten (Holzklötze hĂ€tten noch den Vorteil, mich stĂ€ndig an das Virus zu erinnern und daran, mir nicht mit den Fingern ins Gesicht zu fassen – auf Ă€hnliche Weise wirkt das Tragen von Masken als stete Ermahnung zur Vorsicht).

Die Hinweise auf Maßnahmen, die man von China lernen könnte, sind also ziemlich mau. Was der Autor empfiehlt, ist entweder QuarantĂ€ne-Theater, Show oder tatsĂ€chlich autoritĂ€r. Die Übernahme von Behandlungskosten ist der einzige sinnvolle Hinweis; zudem hĂ€tte der Autor die VerschĂ€rfung des KĂŒndigungsschutzes und MieterlĂ€sse wĂ€hrend der Epidemie aufzĂ€hlen können!

Nur Maßnahmen, die auf gegenseitigem Vertrauen aufbauen (darauf, dass es ein gemeinsames Interesse an Gesundheit gibt, dass Menschen Leid vermeiden, bei Krankheit medizinische Hilfe suchen etc.), können effektiv sein. Ich bin doch selber an Kooperation bei der Erkennung und EindĂ€mmung der Krankheit interessiert. Wenn ich mich eigenverantwortlich isoliere oder social distancing betreibe (was ich viel leichter finde als gedacht), reduziere ich die Ansteckungsgefahr genauso wie mit Zwangsisolation, kann aber immer noch selber entscheiden, ob ich mal kurz an die frische Luft gehe, meine Medikamente fĂŒr chronische Erkrankungen von der Apotheke hole oder meiner Oma im Haushalt helfe. All solche unverzichtbaren Kleinigkeiten werden durch die Zwangsmaßnahmen zu teilweise unlösbaren Problemen, wovon die gar nicht so wenigen Selbstmorde in dem Zusammenhang Zeugnis ablegen.

Hier noch ein interessanter Link; ein Interview, in dem es unter anderem um den Gegensatz von staatlichem Lockdown und der Hilfsbereitschaft von Helferinnen und Helfer aus der Bevölkerung geht.

Zeitlicher Hergang

Am 17. November wird der erste Fall bekannt; Ende Dezember gibt es klare Hinweise fĂŒr Übertragbarkeit, insgesamt sind es wohl 266 FĂ€lle, aber bei der WHO werden nur 27 gemeldet; am 7. Januar gibt Xi Anweisungen zur VirusbekĂ€mpfung auf der internen Sitzung des StĂ€ndigen Ausschusses des PolitbĂŒros; noch am 14. Januar meldet die WHO unter Berufung auf Untersuchungen aus China, dass es keine Beweise fĂŒr die Übertragbarkeit gĂ€be; obwohl es möglicherweise schon ca. 500 infizierte Ärzte und Pfleger gibt; am 18. Januar organisiert die Stadtregierung von Wuhan ein Neujahrsessen mit mehreren Zehntausend Teilnehmern – zwei Tage spĂ€ter wird bekannt gemacht, dass es Übertragungen von Mensch zu Mensch gibt; nun ist es erstmals erlaubt, öffentlich darĂŒber zu sprechen. Trotzdem haben vor dem Lockdown von Wuhan ca. fĂŒnf Millionen Menschen die Stadt verlassen. Mir geht es weniger um die Diskussion »frĂŒher oder spĂ€ter«, und mehr um die Art der Reaktion! Trotzdem: mehrere Studien haben festgestellt, dass 66 Prozent weniger Menschen infiziert worden wĂ€ren, wenn »China« nur eine Woche frĂŒher gehandelt hĂ€tte. Und wenn sie die Informationen der Ärzte im Dezember ernst genommen hĂ€tten, anstatt diese zu disziplinieren, hĂ€tte man das Virus wahrscheinlich auf Wuhan eindĂ€mmen können.

Nachdem die KPCh also die Sache kolossal verkackt hat, haben unzĂ€hlige Freiwillige unter Inkaufnahme möglicher Infektion und Hunderte Millionen Chinesen entweder durch zwangsweise Freiheitsberaubung (verschlossene, verbarrikadierte oder zugeschweißte WohnungstĂŒren) oder selbst auferlegtes Social distancing bzw. Zuhausebleiben, alles getan, was sie konnten und viel geopfert, um sich selbst und andere vor weiterer Erkrankung zu schĂŒtzen.

Vor diesem Hintergrund kann man die Frage stellen, ob China oder die KPCh den Menschen in China und im Rest der Welt Zeit gekauft hat. FĂŒr mich ist die Antwort klar: Nein, das hat die KPCh nicht. Die arbeitenden, einfachen Menschen in China, die haben sich sehr bemĂŒht, die Ausbreitung zu verlangsamen. Aber auch sie haben nicht »dem Westen Zeit gekauft«. Was in China seit dem 20. Januar geschehen ist, ist nicht geschehen, um »dem Westen« mehr Zeit zu gewĂ€hren, sondern als Selbstschutz. Selbstschutz der einfachen Bevölkerung in Eigeninitiative – und Selbstschutz der herrschenden Klasse zur Verteidigung ihrer Privilegien.

Wir sollten nicht von »China« sprechen, sondern mĂŒssen klipp und klar zwischen der KPCh und der Bevölkerung unterscheiden. Und dann nochmal zwischen den LohnabhĂ€ngigen, Mittelschichten und Superreichen. Der Kommentar aus der NYT ist auch deswegen so abstrus, weil er nur von LĂ€ndern bzw. KultursphĂ€ren spricht, nach dem Motto, im Epidemiefall gĂ€be es keine Klassen mehr. Kein Wunder, dass der Autor ernsthaft behauptet, das »enforced social distancing« in China sei nicht autoritĂ€r!

Die Katastrophe liegt nicht im Virus, sondern in der Gesamtheit der Maßnahmen seiner BekĂ€mpfung.

Chinas Bilanz in Sachen frĂŒhzeitiger SeuchenbekĂ€mpfung und PrĂ€vention ist bekanntlich beschissen (SARS, Afrikanische Schweinepest). Und im Februar sind »im Westen« viele Artikel erschienen, die geradezu herablassend die Abwesenheit von parlamentarischer Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Mehrparteiensystem fĂŒr die »chinesische UnfĂ€higkeit« verantwortlich machten, Seuchen frĂŒhzeitig und transparent zu bekĂ€mpfen. Das diente der Verteidigung der (in Wirklichkeit immer eher ungleicher und repressiver werdenden) liberalen Demokratien. Daher kam der Impuls des NYT-Autors und von Mike Davis, darauf hinzuweisen, dass auch außerhalb von China jede Menge Scheiße, Schlamperei und BrutalitĂ€t im Zusammenhang mit dem Virus stattfindet. Inzwischen hat sich der Wind gedreht und viele Massenmedien loben »China« gerade wegen seines drakonischen Umgangs mit den Menschen – und an der Stelle werden solche Argumente nicht nur abstrus, sondern gefĂ€hrlich.

Die StaatsfĂŒhrung in China ist ja nicht deshalb so unfĂ€hig (bzw. fĂ€hig im Vertuschen, Zensieren, UnterdrĂŒcken und Ausbeuten), weil sie sich Kommunismus auf die roten Fahnen schreibt und keine freien Wahlen abhĂ€lt, sondern weil die hierarchische Organisierung der Gesellschaft zum Zweck der Ausbeutung der Vielen zum Wohle von Wenigen höchst irrational und unmenschlich ist und sich nicht ernsthaft um das menschliche Leid kĂŒmmert, das sie anrichtet. Die KPCh hat von Mitte Dezember bis zum 20. Januar in Wuhan hunderte Ärzte und Pfleger durch polizeiliche und disziplinarische Mittel davon abgehalten, sich gegenseitig ĂŒber die erhöhte Ansteckungsgefahr eines neuen Virus zu informieren. Ich stelle mir vor, dass es unter Ärzten und Pflegern so normal und selbstverstĂ€ndlich ist, sich ĂŒber eine neue Krankheit oder eine Viruswelle zu informieren, wie man sich auf dem Bau vor einer ausgeschlagenen SĂ€ge oder einem allzu wackeligen GerĂŒst warnt.

Die FĂ€higkeit der KPCh, in Wuhan und anderswo Zensur und UnterdrĂŒckung in solchem Ausmaß zu organisieren, ist Ausdruck ihrer Machtkonzentration. Extreme materielle Ungleichheit, Gewalt gegen Untergebene und insbesondere Frauen, eine hohe Rate an ArbeitsunfĂ€llen etc. sind die alltĂ€glichen Konsequenzen. Dieses Machtmonopol sollte man mitnichten als »perfektesten Überwachungsstaat« halluzinieren. Im Gegenteil lĂ€uft das chaotisch, selbstherrlich und ĂŒber informelle Beziehungen ab, jedes RĂ€dchen im Getriebe macht seine eigenen NebengeschĂ€fte und niemand berichtet seinem Vorgesetzten die ganze Wahrheit. Weil die arbeitenden Menschen auch durch Zensur und Versammlungsverbote entmachtet sind und die Organisationseinheiten in China vergleichsweise groß sind, nehmen UnfĂ€lle und Katastrophen entsprechend große Ausmaße an.

Das alles kommt in den »liberalen Demokratien« genauso vor; in europĂ€ischen LĂ€ndern wĂ€re es den regierenden Parteien jedoch wahrscheinlich nicht möglich gewesen, die Warnungen von Ärzten und Pflegern so lange und effektiv wie in Wuhan zu unterdrĂŒcken. Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Versagen bei SeuchenfrĂŒherkennung und -bekĂ€mpfung auch in der Vergangenheit und der krassen Ausnutzung von Macht- und Ausbeutungsinstrumenten.

Die Herrschenden verteidigen ihr Klassenprivileg im Ausnahmezustand noch krasser. Die Seuche(nbekĂ€mpfung) macht gerade nicht »alle gleich«, sondern verschĂ€rft die gesellschaftlichen Ungleichheiten. Arbeiter ohne formelles ArbeitsverhĂ€ltnis werden viel hĂ€rter getroffen als solche mit; Staatsangestellte oder gut ausgebildete Angestellte großer Konzerne können oft ohne große BeeintrĂ€chtigungen im Home Office weiterarbeiten und mĂŒssen sich wenig Sorgen um ihr Monatsgehalt machen; Reiche verlieren vielleicht etwas Vermögen, leben aber in ihren HĂ€usern kaum beeintrĂ€chtigt weiter, haben sehr privilegierten Zugang zu Informationen, Vorsorge und Behandlung – und können mit ihren Achtzylindern endlich auf leeren Straßen richtig brettern (kein Witz!).

Auch bei der QuarantĂ€ne wird nach der RĂŒckkehr in die KĂŒstenstĂ€dte zwischen WohneigentĂŒmer und Mieter unterschieden. EigentĂŒmer dĂŒrfen sich in der eigenen Wohnung selbst isolieren, Mieter dĂŒrfen nicht zurĂŒck und mĂŒssen zwei Wochen in QuarantĂ€nehotels, fĂŒr die sie auch noch selbst bezahlen mĂŒssen. Diese Aufrechterhaltung bzw. VerschĂ€rfung der Ungleichheit zur Sicherung der Herrschaft wĂ€re natĂŒrlich Grund fĂŒr Opposition, aber das war hier jenseits von Symbolik schwierig. Vielleicht klappt das ja in Europa besser!

Entfremdung vom »Westen«

Meine Freunde in Hongkong hielten das Containment in Hubei bereits zu Beginn fĂŒr Theater und fĂŒr zum Scheitern verurteilt. Meine Freunde in Festlandchina hingegen halten die Aufgabe strikter Containment-Politik in einigen europĂ€ischen LĂ€ndern fĂŒr unverantwortlich und schockierend.

Mein Eindruck ist, dass viele Chinesen die Parteipropaganda, das Selbstlob, die Kritik an anderen LĂ€ndern als lasch und unentschlossen ganz gern schlucken, aber sie haben auch keine andere Wahl. Einerseits besteht zwar Misstrauen gegenĂŒber der Regierung (was sich wĂ€hrend des Lockdowns in selbstorganisierten Straßensperren und der weiterhin misstrauischen, abwartenden Haltung im Hinblick auf die Wiederaufnahme der Arbeit ausdrĂŒckt), andererseits besteht lĂ€ngst Gewöhnung an die Ohnmacht.Viele akzeptieren die offiziellen Medien als Dreiviertelwahrheiten, denn so ganz falsch können sie ja auch nicht sein. Und dazu kommt bei nicht wenigen Stolz, Arroganz und Chauvinismus angesichts der Macht Chinas.

Das alles wird die Entfremdung vom »Westen« oder von den AuslĂ€ndern stĂ€rken. Sie wird – ich glaube gezielt und mehr oder weniger systematisch – auf vielfĂ€ltige Weise durch große Propaganda und kleine Geschichten gefördert und ist nicht zuletzt durch den sehr begrenzten direkten persönlichen Austausch zwischen Chinesen und AuslĂ€ndern bedingt.

Der Nationalismus des AuswĂ€rtigen Amts peitscht das weiter an. Die Doktrin der jungen Generation von chinesischen Diplomaten scheint zweigleisig, das Recht des StĂ€rkeren einfordern und andererseits den winselnden Hund spielen (»China wird schikaniert, wĂ€hrend es doch am Boden liegt«), wenn man fĂŒrs Vertuschen der Epidemie kritisiert wird oder wenn die KPCh mal wieder ins Horn des Antiimperialismus blasen will.

Wichtige Adressaten der Parteipropaganda dĂŒrften Chinesen im Ausland sein. FĂŒr sie wĂ€chst damit sicherlich die Entfremdung und Schwierigkeit, sich lokal zu integrieren. Auf sozialen Medien habe ich etliche Postings gelesen, die die VirusbekĂ€mpfung in Deutschland oder England diskutieren oder die Heimreise nach China beschreiben (z.B. dieses). Die interessanteren Beispiele sind keineswegs grober Nationalismus, sondern drĂŒcken ein tiefes GefĂŒhl der Fremdheit und Unverstandenheit aus. Die Autoren tolerieren andere Herangehensweisen zwar, sehen aber im Grunde doch nur Chinas Regierung in der Lage, entschlossen zu handeln.

Propagandistische Schlammschlacht hat begonnen

Seit einigen Tagen krakeelen »westliche FĂŒhrer« wie Trump und Pompeo lauthals vom »Wuhan-Virus« oder vom »China-Virus«. Und in China verbreitet die KPCh GerĂŒchte, die US-Soldaten hĂ€tten wĂ€hrend der World Military Games im Oktober in Wuhan (man erinnere sich, das chinesische Team wurde wegen offensichtlichem Betrug disqualifiziert) das Virus verbreitet. Hier eine Darstellung der Propaganda der KPCh.

Die Partei prahlt, wie gut »sie« die Krise bewĂ€ltigt habe, kopiert, klaut und verleibt sich kurzerhand die Leistungen aller Freiwilligen ein, und zensiert jede Kritik. Als Xi Wuhan besuchte, standen Bullen auf den Balkonen der Anwohner, um unliebsame Rufe wie eine Woche zuvor bei der VizeministerprĂ€sidentin zu verhindern. Es ist völlig egal, wie es gelaufen ist, die KPCh wĂŒrde jeden noch so katastrophalen Verlauf als Sieg und Ausdruck ihrer Überlegenheit verkaufen. Sie macht das natĂŒrlich eiligst, bevor irgendwelche weiteren Details ĂŒber das Ausmaß der Katastrophe und die wirkliche Zahl der Toten durchsickern. Das ist alles nicht neu; aber durch die wirtschaftliche und politische Macht Chinas, die globale Epidemie und die sich zuspitzenden Blockkonflikte bekommt es fĂŒr Menschen außerhalb von China eine neue RealitĂ€t und lĂ€sst auch »im Westen« die autoritĂ€ren TrĂ€ume von einer »entschlossenen FĂŒhrung« aufleben.

An der Medien- und Propagandafront werden die Spannungen im chinesisch-amerikanischen VerhĂ€ltnis, die ihren deutlichsten Ausdruck im Handelskrieg fanden, quasi im Wochentakt verschĂ€rft. Im Februar hatte China drei Reporter des Wall Street Journals ausgewiesen, offiziell wegen der Überschrift eines Artikels (»China is the real sick man in Asia«), die Peking als »rassistisch« bezeichnete. Daraufhin hatten die USA Anfang MĂ€rz die zulĂ€ssige Zahl der im Land tĂ€tigen Mitarbeiter pro chinesischem Medienunternehmen auf 100 begrenzt und damit im Ergebnis rund 60 chinesische Journalisten ausgewiesen. In der Nacht zum 18. MĂ€rz gab das chinesische Außenministerium bekannt, dass etwas mehr als ein Dutzend amerikanische JournalistInnen innerhalb von zehn Tagen ihre Pressekarten abgeben mĂŒssen und nicht mehr als Journalisten in China arbeiten dĂŒrfen. Der amerikanische China-Fachmann Bill Bishop schreibt dazu, er könne sich »nicht an eine gefĂ€hrlichere Zeit in den amerikanisch-chinesischen Beziehungen der vergangenen 40 Jahre erinnern«.

Das Ausmaß der ErschĂŒtterungen, die mit dem Virus, den QuarantĂ€ne-Maßnahmen, Grenzschließungen und der sich entfaltenden Weltwirtschaftskrise ĂŒber den gesamten Planeten rollen, ist noch nicht abschĂ€tzbar. Wahrscheinlich werden sie die Krise 2008/09 in den Schatten stellen, 20 Prozent Arbeitslosigkeit in den USA, in China mehr Jobverluste als 2008 … Angst und Wut ĂŒber politische Maßnahmen, die noch stĂŒmperhafter und brutaler als sonst sind. Weltweit werden gerade Ă€hnliche Ängste ausgestanden und verbindende Erfahrungen gemacht, die dem in der Krise aufheulenden Nationalismus und Autoritarismus hoffentlich in KĂ€mpfen entgegentreten können.

Gustav aus China

P.S. vom 24.3.: Inzwischen hat Trump aufgehört, vom Wuhan-Virus zu sprechen und das chinesische Regime nimmt Abstand von der Behauptung US-Soldaten hÀtten das Virus in China verbreitet. Dennoch bleibt die Lage angespannt.




Quelle: Wildcat-www.de