September 23, 2021
Von End Of Road
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Dieser Text wurde aus dem aktuellen Autonomen BlĂ€ttchen gestohlen. Er wird wohl wĂŒtende Reaktionen und Streit hervorbringen, aber das erscheint mir in Zeiten des nahenden Abgrunds auch wichtig. Und vielleicht, schaffen die empörten Reaktionen es ja auch ĂŒber die Kommentarspalten hinaus. Höchste Zeit jedefalls, dass wir uns, uns lieb gewonnener Bequemlichkeiten entledigen und wir diesen gefĂ€hrlich Weg zu gehen beginnen – in Richtung um Umsturz, in Richtung Aufstand.

Viel Spaß beim lesen!

„Teil 1

Eins: Alle Regierungen sind schlecht. Rechte, linke, ultrarechte, 
 alle. Sie handeln nicht in unserem Interesse, den Menschen von unten, wie die Zapatisten sagen wĂŒrden. Covid 19 hat wie in einem Brennglas den grundsĂ€tzlichen Antagonismus zwischen denen, die die Welt neu erschaffen mĂŒssen, damit es eine Welt ĂŒberhaupt geben kann und denen die in unterschiedlichen Formen, an der bestehenden Welt, der Welt des Untergangs festhalten, an ihrer Konsistenz partizipieren, zum Ausdruck gebracht.

Zwei: Die Linken sind in dem Prozess, der notwendig ist, um den Aufstand zu organisieren, keine VerbĂŒndeten, von einigen ehrenwerten Ausnahmen abgesehen. Sie haben uns in der Corona Ära alleine und im Stich gelassen. Sie haben sich den Narrativen der Unvermeidlichkeit des Ausnahmezustandes nicht entgegen gestellt, viele haben sogar noch hĂ€rtere Einschnitte in unsere kollektiven, grundsĂ€tzlichen Rechte gefordert. Die weiße, reiche Linke des Westens hat der ‘SolidaritĂ€t’ das Wort geredet, in Wahrheit jedoch einen faktischen Schulterschluss mit der Macht vollzogen und dazu aufgerufen, alle grundsĂ€tzlichen KlassenkĂ€mpfe, alle Manöver des sozialen Krieges von unten einzustellen, ruhen zu lassen. Dazu aufgerufen, der Macht und ihren Anweisungen zu vertrauen, hat ihre Propaganda weiter verbreitet, hat es völlig versĂ€umt, eigene grundsĂ€tzliche Untersuchungen zur Situation anzustellen. Auch hier gilt: von wenigen ehrenwerten Ausnahmen abgesehen, wie zum Bespiel die Untersuchungen und Überlegungen einiger italienischer Linken zum Ausgangspunkt der Corona Pandemie in Norditalien. (1)

Drei: AufstĂ€nde sind auch unter den Bedingungen einer Pandemie möglich und notwendig. Der landesweite Aufstand in den Vereinigten Staaten von Amerika nach der Ermordung von George Floyd, bei dem Werte des Gegners in Milliardenhöhe zerstört wurden, waren die umfangreichsten Erhebungen seit den sogenannten “Rassenunruhen” der 60iger Jahre. Diese massenhaften ZusammenkĂŒnfte von wĂŒtenden Menschen haben nicht zu einer schnelleren Ausbreitung des Corona Virus gefĂŒhrt, wie sogar die Medien unserer Gegner zugeben mussten. Sie haben es allerdings geschafft, die Fokussierung auf den Krieg gegen ein Virus, ein Krieg, der ein Krieg der Wahnsinnigen ist, weil man einem Virus nicht den Krieg erklĂ€ren, geschweige denn einen solchen gewinnen kann, hin zu den eigentlichen Krankheiten der Gesellschaft zu lenken, dem allgegenwĂ€rtigen Rassismus, der besonders von den SicherheitskrĂ€ften ein praktizierter shoot to kill Rassismus ist, der zugleich Hinrichtungen in einem quasi extralegalen Raum schafft, die Liquidierung der Armen, wie sie seit Jahrzehnten z.B. in den Favelas Brasiliens tagtĂ€gliche Praxis ist, in die Governance der Metropolen des Westens implantiert. Daran hat die PrĂ€sidentschaft von Obama ebensowenig etwas geĂ€ndert, wie die PrĂ€sidentschaft von Biden daran etwas Ă€ndern wird. Heute beugen die Bullen ein Knie vor den Kameras der Medien, morgen fahren sie und ihre Herren mit dem Morden einfach weiter fort. Daran Ă€ndern auch die schönen Gedichte und Showeinlagen zur AmtseinfĂŒhrung der “progressiven” US PrĂ€sidenten nichts. Kennedy hat die Anzahl der “MilitĂ€rberater” in SĂŒdvietnam von 700 auf 16.000 erhöht, Obama den Drohnenkrieg intensiviert. Die einzige effektive Maßnahme zur EindĂ€mmung der rassistischen Polizeigewalt ist es, ihre Reviere niederzubrennen. Die Generalisierung dieser Praxis ist den AufstĂ€ndischen der George Floyd Revolte nicht gelungen, die entscheidende taktische Niederlage war die verlorene Schlacht um das Fifth Precinct in Minneapolis, kurz nachdem das dritte Polizeirevier vollstĂ€ndig niedergebrannt worden war, wie in Memes Without End richtigerweise analysiert. (2)

Die einzigen effektiven Maßnahmen zur Beendigung ihrer Kriege sind keine FriedensmĂ€rsche, sondern die Sabotage und Zersetzung ihrer Kriegsmaschinerie, die Blockade der fĂŒr den Krieg nach Innen und Aussen notwendigen Infrastruktur. Nicht als symbolischer, zeitlich begrenzter demonstrativer Akt, sondern als grundsĂ€tzliche, strategische Intervention.

Vier: Wenn wir von unseren AufstĂ€nden reden, ist es notwendig, dies zu prĂ€zisieren. Unsere AufstĂ€nde haben schon lange nichts mehr mit der historisch gescheiterten Linken zu tun. Manchmal mögen sie sich noch selber als Stichwortgeber, Berater, Experten und Organizer aufspielen, aber ihre Zeit ist abgelaufen. Oder wie ein berĂŒhmter Vordenker der Linken einst sagte: „Die materialistische Lehre von der VerĂ€nderung der UmstĂ€nde und der Erziehung vergißt, daß die UmstĂ€nde von den Menschen verĂ€ndert und der Erzieher selbst erzogen werden muß.” Wir stehen nicht mehr als Schachguren fĂŒr ihre geopolitischen Spielchen zur VerfĂŒgung, uns ist es egal ob Asad ein Anti-Zionist, Maduro ein Anti-Imperialist ist. FĂŒr uns gibt es keine freundlichere Macht in der Zuspitzung der Konfrontation um die Hegemonie zwischen der demokratischen Partei der USA und der kommunistischen Partei der VR China, uns geht das ziemlich am Arsch vorbei. Wir haben von den Taktiken der Revolte in Hongkong viel gelernt, wir schauen bewundernd nach Myanmar, wir wurden inspiriert von der Wucht der Revolte der Gilets Jaunes, die Ministerien gestĂŒrmt und LuxusgeschĂ€fte auf den Champs ÉlysĂ©es geplĂŒndert haben. Die Frontliners der Revolte der Jugendlichen in Chile finden sich in der gegenwĂ€rtigen Revolte in Kolumbien wieder, stolz prĂ€sentiert jede kolumbianische Stadt ihre Primera LĂ­nea, gebildet aus proletarischen Jugendlichen, die nichts mehr zu verlieren, aber eine neue Welt zu gewinnen haben. Die wissen, dass ihre Zukunft nur dann in ihren HĂ€nden liegt, wenn sie autonom ĂŒber ihre Angelegenheiten entscheiden und alle Ansinnen der ReprĂ€sentanz zurĂŒckweisen. Diese aufstĂ€ndischen Bewegungen, denen keine grundsĂ€tzlichen Forderungen eigen sind, auch wenn am Ausgangspunkt der Revolten hĂ€ug konkrete VerhĂ€ltnisse und Empörung die Wut explodieren lassen, verweigern sich in ihren WidersprĂŒchlichkeiten und Zusammensetzungen den tradierten Sichtweisen auf die Begrenzungen und Perspektiven solch spontaner Revolten. Die Barbaren setzen zum Sturm auf den Himmel an. (3)

FĂŒnf: Alle Bewegungen schreiben ihre Geschichte selbst. Wir haben damit schon lange angefangen, nur dominieren im Diskurs die Stimmen der alten, weißen Welt, die Stimmen derjenigen, die mit unseren AufstĂ€nden ihr Geld verdienen, darauf ihre Karrieren begrĂŒnden, als Journalisten, Soziologen, Autoren, Aktivsten, ParteigrĂŒnder, Politologen 
 Wir sagen, es braucht eine ErzĂ€hlung der Peripherie und unsere Peripherie erstreckt sich von den Vororten BrĂŒssels ĂŒber die Vororte Khartoums, von den Kreisverkehren des vergessenen Frankreichs bis ins Herzen von Cali. Wir schreiben wieder und wieder unsere Geschichte auf, fast niemand hört uns zu oder unsere Geschichten werden gestohlen und vermarktet. Dabei sind wir es, von denen es Lektionen zu lernen gilt. Über Siege, Niederlagen, ĂŒber Opfer und Trauer, aber vor allem ĂŒber die Art und Weise zu kĂ€mpfen. Wir wissen, dass die Jugendlichen, die im Sommer letzten Jahres in der Innenstadt von Stuttgart randaliert haben, mit den Bildern der rassistischen Polizeigewalt gegen George Floyd, aber auch mit dem darauf folgenden Aufstand mehr anfangen konnten als die deutschen Linken. Weil es ziemlich viel mit ihrer LebensrealitĂ€t zu tun hat. Sie wurden nur schmĂ€hlich im Stich gelassen von eben jenen, als die Welle der Repression gegen sie einsetzte. Wir denken, sie werden sich das gut gemerkt haben, die Grenzen des Geredes von ‘SolidaritĂ€t’. Vielleicht fehlt ihnen noch ein bisschen die Erfahrung, wie man seine eigene Geschichte aufschreibt, aber zumindestens scheinen sie nicht verlernt zu haben, wie man randaliert, wie wir dieser Tage den deutschen Medien entnehmen konnten. Wir werden noch viel Geschichte aufzuschreiben haben, denn wir werden es sein, die die Geschichte dieser sogenannten Welt und der Welt, die darauf folgt, schreiben werden.

1. Eine deutsche Übersetzung von “Ammalarsi di paura. L’«effetto nocebo» dello #stareincasa e della malainformazione sul coronavirus” findet sich in den ‘Pandemie KriegsstagebĂŒchern’ von Sebastian Lotzer: Neurosenlehre https://enough-is-enough14.org/2020/05/05/pande-mie-kriegstagebuecher-neurosenlehre/

2. Der Beitrag von Adrian Wohlleben liegt mittlerweile auch auf deutsch vor, erschienen auf Sunzi Binga https://sunzibingfa.noblogs.org/post/2021/05/31/memes-ohne-ende/

3. Eine deutsche Übersetzung von “VorwĂ€rts Barbaren” findet sich ebenfalls auf Sunzi Bingfa

Teil 2

Sechs: Es gilt den Horizont der gegenwĂ€rtigen KoniktualitĂ€t zu fassen. Um nicht weniger kann es gehen, da nicht nur unsere Geduld endlich ist, sondern erstmalig auch die Zeit, die uns geblieben ist, um den endgĂŒltigen Ansturm zu organisieren. Das die Welt, in der wir leben, dem Untergang geweiht ist, wissen alle. Die Frage ist nur was sich daraus ergibt. Wir haben gesehen, wie die Permanenz des Ausnahmezustandes in der Governance der Pandemie anfĂ€nglich nur in den gesellschaftlichen Randbereichen auf Widerstand gestossen ist, die (in den westlichen Medien weitgehend verschwiegenen) spontanen Revolten als Reaktion auf die Ausrufung des Ausnahmezustandes brachen in den KnĂ€sten, den proletarischen Vororten und Slums (vor allem in Afrika, aber auch z.B. in Europa in den französischen Banlieues) und z.B. auf dem indischen Subkontinent unter den Wanderarbeitern aus, die verzweifelt versuchten, in ihre Heimatdörfer zu gelangen, weil sie nur so eine Überlebensperspektive fĂŒr sich sahen. Der soziale Gehalt des Ausnahmezustandes, der innewohnende existenzielle Angriff wurde zuerst von breiten Teilen der Klasse negiert, bzw. gelang es diesen Klassenwiderspruch durch die medial gesteuerte Angst zu manipulieren. Die in vielen LĂ€ndern von unten organisierten Maßnahmen zeigten (auch), dass es möglich war, die gesundheitliche Gefahr durch das Coronavirus realistisch einzuschĂ€tzen und Schutzmaßnahmen zu entwickeln, die den wirklichen BedĂŒrfnissen der Menschen gerecht werden. Dies war nicht nur in den Ă€rmeren LĂ€ndern der Fall, auch in vielen KrankenhĂ€usern in Italien, Frankreich, Spanien und den USA waren vor allem die Peger*innen in vielen Bereichen in der Anfangsphase der Pandemie auf sich selbst zurĂŒckgeworfen, mussten unter improvisierten Bedingungen versuchen, sich selbst zu schĂŒtzen und trotzdem eine Versorgung ihrer Patient*innen zu gewĂ€hrleisten. Diese Prozesse der Selbstorganisierung, die (auch ansatzweise und zu wenig) den gegenseitigen Austausch beinhalteten, kommen nicht ohne Grund in den vorherrschenden ErzĂ€hlungen ĂŒber die Pandemie nicht vor. Dass auch die Linken (wiederum von wenigen Ausnahmen abgesehen) sich ausschließlich auf die staatliche Pandemiepolitik beziehen, auch in ihrer spĂ€ter verhalten geĂ€ußerten Kritiken zu einzelnen Aspekten der Maßnahmenpolitik, macht sie auch an diesem Punkt zu einem Teil des Machtblockes, der uns feindlich gegenĂŒber steht.

Alles, was noch auf uns am Horizont wartet, all die Schrecken und Katastrophen, schreien geradezu danach, die Erfahrungen der Selbstorganisierung die wir in dieser Pandemie gemacht haben, zu sammeln und auszuwerten, sie sind unser RĂŒstzeug fĂŒr das was noch auf uns zukommt. Wenn dies nicht geleistet wird, sind wir dem Staat und seiner Allmacht ausgeliefert. Wir wissen das aus allen Revolten, AufstĂ€nden und UmstĂŒrzen. Es geht nicht nur um die “Frontlinie”, jeder Erfolg, der dort erzielt wird, ist nichts wert, wenn wir keine aufstĂ€ndische Infrastruktur aufbauen, und selbstverstĂ€ndlich betrifft das auch den medizinischen Bereich. Das meine ich auch, wenn ich von dem Horizont der KoniktualitĂ€t spreche, die Revolte ist kein Spielplatz, sondern der Ort, der Grundlagen schafft, um einen aufstĂ€ndischen Prozeß wagen zu können. Entweder wir schaffen uns eine Analyse der realen Situation oder wir werden untergehen.

Sieben: Wir werden uns von vielen alten Ballast trennen mĂŒssen. Vor allem ideologischen. Die Art und Weise wie die TotalitĂ€t des Faschismus begriffen und beschrieben wird, stammt aus historischen Prozessen, die teilweise schon ein Jahrhundert alt sind und der Form der TotalitĂ€t, die wir heute vornden, nicht mal ansatzweise gerecht werden. Wer diese TotalitĂ€t, die auf die SubjektivitĂ€ten selbst abzielt, nicht begreift, leugnet oder relativiert, stellt sich gegen die notwendigen Schritte im aufstĂ€ndischen Prozeß. Wie Agamben richtigerweise anmerkte (1) : “Dass es sich bei den in den selbst ernannten kommunistischen LĂ€ndern errichteten Regimen um eine bestimmte Form des Kapitalismus handelte, die sich besonders fĂŒr wirtschaftlich rĂŒckstĂ€ndige LĂ€nder eignete und daher als Staatskapitalismus zu bezeichnen ist, war denjenigen, die die Geschichte zu lesen verstehen, durchaus bekannt; völlig unerwartet war jedoch, dass diese Form des Kapitalismus, die ihre Aufgabe erfĂŒllt zu haben schien und daher obsolet schien, stattdessen nun dazu bestimmt war, in einer technologisch aktualisierten Konguration das dominierende Prinzip in der gegenwĂ€rtigen Phase des globalisierten Kapitalismus zu werden.” Und weiter: “Sicher ist jedoch, dass das neue Regime den unmenschlichsten Aspekt des Kapitalismus mit dem grausamsten Aspekt des Staatskommunismus verbinden wird, indem es die extreme Entfremdung der Beziehungen zwischen den Menschen mit einer noch nie dagewesenen sozialen Kontrolle kombiniert.”

Die geschichtliche Zukunft ist ungeschrieben. Immer. Es wird jedoch in der Zuspitzung der diversen Katastrophen zu einem dauerhaften (inter)staatlichen Notstandsregime kommen mĂŒssen, um die verschiedensten fĂŒr das Weiterfunktionieren des Systems ĂŒberlebensnotwendigen Prozesse steuern zu können. In welcher Art und Weise dieses Notstandsregime “erzĂ€hlt” wird, ist die einzige Frage, die noch offen ist. Seit lĂ€ngerer Zeit schon geistert die ErzĂ€hlung vom “new green deal” durch die Welt, dieser wird jedoch ausschließlich aus der Perspektive und den Interessen der Privilegierten gesteuert und realisiert werden. Niemand muss sich Illusionen hingeben, wer in einer Welt der abschmelzenden Polarkappen als erstes geopfert werden wird, um “im Namen der Menschheit” “den Planeten zu retten”. Sich von diesen barbarischen Akten einen Begriff zu erarbeiten, sie analytisch zu antizipieren, ist unabdingbar. Nichts wĂ€re fahrlĂ€ssiger, als diesen Prozeß zu unterschĂ€tzen.

Acht: Wir mĂŒssen alles neu aufbauen im aufstĂ€ndischen Prozess. Das hat das Unsichtbare Komitee 2007 festgestellt. Ich finde, es ist in dieser Hinsicht schon unglaublich viel geschehen. Was fehlt, ist eine verĂ€nderte Sichtweise auf die zahllosen AufstĂ€nde und ihren Erfahrungen. Der Aufstand in Nahost und Afrika, der im Westen immer unzutreffenden als “arabischer FrĂŒhling” bezeichnet wird (“arabisch” spart die Teilnahme diverser Ethnien ebenso aus wie die Tatsache, dass die AufstĂ€nde sich bis ins Herz von Afrika ausbreiteten), hat gezeigt, wie fragil eine ganze Staatenkette innerhalb weniger Monate werden kann. Der Aufstand zielte nie auf die Übernahme des Staates, wo dies geschah, wie z.B. in Ägypten durch die MuslimbrĂŒder, war dies nur vorĂŒbergehender Natur, oder fĂŒhrten dieses Versuche in langjĂ€hrige BĂŒrgerkriege wie in Syrien oder Jemen. Die wirkliche aufstĂ€ndische Transformation fand jedoch in den Gesellschaften statt, so wird es auch von den Protagonist*innen begriffen (2), nur die westliche linke Rezension der dortigen AufstĂ€nde ist nicht in der Lage, den qualitativen Sprung zu realisieren, den diese Erhebung fĂŒr die Region bedeutet hat. Gefangen in den Gedankenwelten des Sturms auf das Winterpalais kann die westliche Linke nicht Teil des Aufstandes werden, weil sie ĂŒberhaupt nicht begreifen kann, was der Wesensgehalt der gegenwĂ€rtigen AufstĂ€nde ist. Oder sie nur daran interessiert ist, diese ideologisch zu kolonialisieren und somit zu neutralisieren.

Neun: Wenn wir also davon ausgehen, dass die Zeit der AufstĂ€nde schon lĂ€nger begonnen hat, der Prozeß des Umsturzes schon viel weiter gediehen ist, als es uns vorherrschende ErzĂ€hlungen glauben machen wollen, stellen sich sĂ€mtliche Fragen in anderer Form. Oder zugespitzt: Die ErzĂ€hlungen, dass es anders wĂ€re, sind ErzĂ€hlungen, die sich gegen die aufstĂ€ndische Dynamik stellen, weil sie diese verleugnen.

Zehn: Was es in dieser Phase des aufstĂ€ndischen Prozesses dringend braucht, ist die Intensivierung des Austausches unter den aufstĂ€ndischen Fraktionen. Die Frage der Informationen, die Möglichkeiten, diese zu ĂŒbermitteln, oder zu unterdrĂŒcken, zu manipulieren, ist derzeit vielleicht die wichtigste strategische Frage. An ihr entscheidet sich ob der aufstĂ€ndische Prozess stagniert oder nicht. Was die Kontrolle von Informationen, die Macht, diese zirkulieren zu lassen, oder eben ihre Zirkulation zu unterbinden, fĂŒr eine Bedeutung hat, hat sich im Pandemie Ausnahmezustand ĂŒberdeutlich gezeigt. FĂŒr das herrschende System war dieser Pandemie Ausnahmezustand eben auch ein Manöver im kybernetischen BĂŒrgerkrieg, nun gilt es sich ebenfalls die Mittel anzueignen, Macht ĂŒber die Zirkulation von Informationen zu erlangen. An diesem Frontabschnitt entscheidet sich alles. Wenn die aufstĂ€ndischen Fraktionen nicht ĂŒber copy and past von Taktiken und Memes hinausgelangen, gerĂ€t der aufstĂ€ndische Prozeß in eine Stagnation, Verzweiung und Mutlosigkeit werden sich verbreiten, es wird unnötige Niederlagen, oder als Niederlagen erlebte AufstĂ€nde geben, die Menschen davon abhalten werden, sich den AufstĂ€ndischen anzuschließen. Dies gilt es zu verhindern. Es fehlt in diesen Tagen nicht an Revolten und AufstĂ€nden, ein Blick in die bĂŒrgerlichen Tageszeitungen reicht, um sich davon zu ĂŒberzeugen. Was fehlt, ist eine gemeinsame Vorstellung davon, wie “der Himmel zu erstĂŒrmen sei”. Der in unseren wildesten NĂ€chten schon so greifbar nahe aufscheint. “Le Monde ou rien” heiß es vor einigen Jahren in Frankreich, ich glaube, es geht noch darĂŒber hinaus.

1. “Capitalismo comunista” von Giorgio Agemben erschien im Dezember 2020, deutsch ĂŒbersetzt auf Sunzi Bingfa: “Der kommunistische Kapitalismus” https://sunzibingfa.noblogs.org/post/2020/12/28/der-kommu-nistische-kapitalismus/

2. “Rethinking the concept of revolution through the Syrian experience” von Charlotte Al-Khalili, auf deutsch: “Das Konzept der Revolution durch die syrische Erfahrung ĂŒberdenken”, erschienen in Sunzi Bingfa #2

Teil 3

Elf: Wenn wir also davon ausgehen, das der Kampf, der uns bevorsteht, grundsĂ€tzlich in dem Sinne ist, dass es um das Überleben geht, oder genauer gesagt, der Kampf um das (menschliche) Leben auf diesem Planeten ĂŒberhaupt, ist es unabdingbar, sich genauer mit den Frontstellungen in diesem Kampf zu beschĂ€ftigen. Das heißt, sich einen Begriff davon zu erarbeiten, wie der notwendige Antagonismus beschaffen ist, und welche ReprĂ€sentanz er annimmt. Zuerst heisst es Abschied zu nehmen von all den Halbheiten und falschen Freunden. All den Kampagnen, Events, Klimazielen, all dem follow the science Quatsch, Abschied zu nehmen von all dem was uns daran hindern soll, den einzigen Prozeß in Gang zu setzen, der diesen dystopischen Wahnsinn ein Ende setzen kann. All diesen Figuren, Organisatoren und GrĂŒppchen, die vorgeben, Alliierte zu sein, die aber nur ihre Agenda der Partizipation im Sinn haben. Aufstand oder Barbarei. So heißt es nun. Darunter geht es nicht. Alles jenseits davon ist ein selbstzerstörerischer Trip der sich mit den feigen Worten von Realismus und Machbarkeit tarnt. Der Kern der Macht muss zerstört werden, das ist unsere einzige Überlebensstrategie.

Zwölf: “Gegen dieses Dispositiv der Subjektivierung wird es jedoch möglich und notwendig sein, weiterhin antagonistische SubjektivitĂ€ten aufzubauen, die in der Lage sind, die gewaltige planetarische Krise, die sich abzeichnet, zu bewohnen und zu bewĂ€ltigen. In den letzten Jahrzehnten haben radikale ökologische Bewegungen die UnschlĂŒssigkeit der Politik des guten, alltĂ€glichen Handelns angeprangert und das groß angelegte Handeln gefordert, durch das sich das Kapital das Leben aneignet und den Wert aus der lebenden Materie herauszieht. Heute, da die kontinuierliche und unvermeidliche Gewalt der grĂŒnen Übergangsphasen zur kapitalistischen Logik offensichtlich wird, ist das postpolitische Ideal der Umweltpolitik als ein Feld, das potenziell jenseits von Konikten liegt, pazizierend, neutral, endgĂŒltig gefallen” schreibt Alice Dal Gobbo in “La transizione ecologica tra comando del capitale, erosione del soggetto e nuovi antagonismi”. (1) Wie sie so schön sagt: zu bewohnen und bewĂ€ltigen. Man könnte auch sagen, dass es deshalb nur ein aufstĂ€ndisches Leben als letzte und einzige Möglichkeit gibt, dass all diese Master- und Doktor-arbeiten, als dieser soziologische Bullshit, die ganze “linke Presse”, die Event- und Projektmanager, die ganzen “linken und emanzipatorischen GrĂŒppchen” als das bezeichnet werden mĂŒssen, was sie objektiv sind: Gegner. Die GefĂ€hrt*innen des Unsichtbaren Komitees haben das schon 2007 unmissverstĂ€ndlich geschrieben, aber immer noch wird mit diesem Gegner paktiert, selbst wenn er sich in der gesellschaftlichen Zuspitzung, die die Maßnahmenpolitik infolge von Corona war, unmissverstĂ€ndlich auf die Seite der staatlichen Macht geschlagen hat. Man darf sich wirklich keinerlei TrĂ€umereien hingeben. Die Corona Maßnahmen waren die Blaupause fĂŒr die Agenda des grĂŒnen Faschismus, der an die TĂŒr klopft. In Deutschland war die Zustimmung fĂŒr eine möglichst restriktive Politik des Ausnahmezustandes unter den AnhĂ€ngern der grĂŒnen Partei am grĂ¶ĂŸten, der grĂŒne LandesfĂŒrst und ex- Maoist Kretschmann ĂŒberholte alle rechten Populisten mit seiner Forderung man mĂŒsse “beim nĂ€chsten Mal” massivst in die Grundrechte eingreifen, ohne falsche RĂŒcksicht auf verfassungsrechtliche Bedenken. Der Bundesvorsitzende der GrĂŒnen brachte die Governance des Ausnahmezustandes als “das Modell” fĂŒr “die Gestaltung des Klimawandels” aufs Tablett, unverhohlen werden autokratische Staatsformen als erstrebenswert bezeichnet, wenn dies “höheren Zielen diene”. Nicht umsonst auch war die Begeisterung der #ZeroCovid Blase fĂŒr die chinesische “BewĂ€ltigung der Pandemie” grenzenlos, es gilt wirklich nur genau hinzuschauen, alle und alles entlarvt sich selber, man muß nur den Mut aufbringen, die HĂ€rte der zukĂŒnftigen KoniktualitĂ€t, die aus diesen Bekenntnissen sich ergibt, anzuerkennen.

Dreizehn: Unsere Lage ist hoffnungslos. Daraus ergeben sich alle Möglichkeiten.

Vierzehn: Wir sind schon viel weiter. als uns zu glauben gemacht wird. Das gegen den George Floyd Aufstand durch die Staatsmacht keine scharfen Schusswaffen eingesetzt wurden, obwohl Polizeireviere gestĂŒrmt und niedergebrannt wurden, obwohl der Aufstand materielle Verluste in Höhe von 2 Milliarden US Dollar auf der Seite unserer Gegner generierte, verrĂ€t viel ĂŒber die Angst unseres Gegners, das Terrain des sozialen BĂŒrgerkriegs spontan und reaktiv zu betreten. Wenn wir die Welle der AufstĂ€nde, die in den letzten Jahren ĂŒber die Welt fegten, betrachten, können wir mehrere Beobachtungen machen. Die AufstĂ€nde werden hartnĂ€ckiger, trotz hoher Opferzahlen unter den AufstĂ€ndischen brechen die Revolte nicht zusammen. Die AufstĂ€nde Ă€hneln sich immer mehr in den Erscheinungsformen und den eingesetzten taktischen Mitteln. Ein mittlerweile fast durchgĂ€ngiges Merkmal ist, dass keine Forderungen erhoben werden, außer allgemeiner Art wie WĂŒrde oder Gerechtigkeit. Der Gegner musste z.B. innerhalb der George Floyd Revolte erst eine reformistische Gegenbewegung etablieren, dazu brauchte er Zeit, im Kern war der Aufstand spontan revolutionĂ€r. Niemand wollte die Polizei abrĂŒsten oder ihre nanziellen Mittel beschneiden. Man wollte sie einfach zur Hölle jagen. Und ohne Bullen kein Staat.

FĂŒnfzehn: Der generalisierte soziale BĂŒrgerkrieg wird kommen. Er ist unvermeidlich. FĂŒr unseren Gegner. (FĂŒr uns sowieso.) Unser Gegner will ihn bloß vorbereitet und zu seinen Bedingungen beginnen. Ihn uns aufzwingen. Und nicht als Reaktion auf ein Irgendetwas. DafĂŒr sind die EinsĂ€tze in diesem Spiel diesmal zu hoch. Ein todgeweihter Kapitalismus, der sich in einer Hybris der Machbarkeit verschanzt hat, der alle Reserven mobilisiert, der vor nichts zurĂŒckschrecken wird. Auch hier war und ist die Maßnahmenpolitik angesichts von Corona aufschlußreich fĂŒr alle, die den Mut aufbringen, genau hinzuschauen. Ein Virus mit einer LetalitĂ€t, die je nach Berechnung, zwischen dem Faktor 1,5 – 4 mal so groß ist wie bei einer der bisher bekannten Grippeviren. Italienische GefĂ€hrten fragten ganz am Anfang, was geschehen wĂŒrde, wenn ein Erreger mit der LetalitĂ€t von Ebola (die anfĂ€nglich bei 80% beim jĂŒngsten Ausbruch in Afrika lag) hier in Europa aufgetreten wĂ€re. HĂ€tte man Atombomben auf die StĂ€dte geworfen, um die Ausbreitung zu stoppen? Man muss den Mut aufbringen, diese Frage mit ja zu beantworten. Die Klimakatastrophe wird ganze Landstriche unbewohnbar machen, Abermillionen von Menschen werden ihre Existenzgrundlage verlieren, sie werden verzweifelt versuchen sich in Sicherheit zu bringen und die Abschottungspolitik der wohlhabenden Staaten und Regionen wird unerbittlich sein. Ein System, dass es nicht einmal fĂŒr nötig befunden hat, zumindestens alle Kinder aus dem Drecksloch Moria zu evakuieren, wird in der Zuspitzung, die unvermeidlich kommen wird, alles mobilisieren, um den Wohlstand der metropolitanen Eliten abzusichern. Koste es was es wolle. Die Verwerfungen, die Störungen der globalen Produktions- und Lieferketten, die zahlreichen Revolten des Surplus Proletariats in der Metropole selbst, die infolge der ZukĂŒnftigkeiten unvermeidlich auftreten werden, erschaffen die Tendenz zum generalisierten sozialen BĂŒrgerkrieg. Die einzige Frage ist, wer das Terrain dieses BĂŒrgerkriegs denieren wird. Sie oder wir. „Tiefes Wissen heißt, der Störung vor der Störung gewahr sein.“ Sun Tzu.

1) “La transizione ecologica tra comando del capitale, erosione del soggetto e nuovi antagonismi” erschienen auf Effimira, erscheint auf deutsch: “Die ökologische Transformation zwischen dem Kommando des Kapitals, der Erosion des Subjekts und neuen Antagonismen” am 26.7.2021 in Sunzi Bingfa #26

Teil 4

Sechzehn: Man darf sich keinen Illusionen hingeben. Der Vorreiter im Endgame (1) der untergehenden Zivilisation, das staatskapitalistische China, hat im Zuge des Pandemie Ausnahmezustand eine App verpichtend gemacht, ohne die ein Leben praktisch, jedenfalls in den StĂ€dten, ohne sie unmöglich macht. Einkaufen, öffentliche Verkehrsmittel benutzen, die Gastronomie besuchen,
 Interessanterweise wurde die App schon 3 Wochen nach der Abriegelung von Wuhan auf den Markt gebracht, d.h. wir können davon ausgehen, dass sie praktisch nur noch aus der Schublade gezogen werden musste. Die App beinhaltet Name, Photo, Passnummer, sie reguliert aufgrund eines Algorithmus den Status der Person: GrĂŒn, Gelb, Rot. GrĂŒn bedeutet volle Bewegungsfreiheit, Gelb QuarantĂ€ne, Rot an Corona erkrankt. Wobei diese Einstufungen keineswegs an eindeutigen Nachweisen wie PCR Tests gebunden sind, sondern fĂŒr den Nutzer nicht nachvollziehbar vom System selbst generiert werden. Es wurden zahlreiche FĂ€lle bekannt, in denen Menschen als “krank” eingestuft wurden, ohne das dies fĂŒr sie nachvollziehbar, geschweige denn anfechtbar war. In Peking ĂŒberwachen 300.000 öffentliche Kameras die Stadt, im industrialisierten Shanghai sind es 3 Millionen, die jetzt zusĂ€tzlich mit Sensoren zur Temperaturmessung der Überwachten ausgestattet werden, ĂŒber ein System zur Gesichtserkennung verfĂŒgen eh schon große Teile der Systeme. Im Übrigen sind die Systeme zur Gesichtserkennung schon weit optimiert, dass sie auch Menschen identizieren können, die einen medizinischen Mund Nasen Schutz tragen. Das Pekinger Kamera Überwachungssystem wurde ganz oziell auf den Namen “Himmelsnetz” getauft. In der Region Xinjiang ist die Sicherheitsarchitektur noch ein StĂŒck weiter. An der unterdrĂŒckten Minderheit der Uiguren wird die TotalitĂ€t der zukĂŒnftigen Governance der Welt exerziert. Drohen hĂ€ngen am Himmel, verpichtende Spyware auf den Smartphones, an den Tankstellen Gesichtserkennungssysteme, die den Zugang zum Erwerb von Treibstoff regeln. Die Bullen dĂŒrfen alle und jeden jederzeit anhalten und die smartphones kontrollieren, wer verschlĂŒsselte Kommunikationssysteme wie whatsapp installiert hat, landet evtl. in einem ‘Umerziehungslager’.

Man darf sich keinen Illusionen hingeben, die diversen “GesundheitspĂ€sse” (2), die gerade in vielen westlichen LĂ€ndern wie Frankreich und Italien installiert werden, die verpichtenden Apps und Impfnachweise ohne die eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben in New York nicht mehr möglich ist, die Diskurse ĂŒber die Ächtung und Repression gegen Menschen, die aus den verschiedensten GrĂŒnden nicht gegen Corona geimpft sind, zeigen auf, dass der Kluft zwischen den ZustĂ€nden in China und denen in den sogenannten westlichen Demokratien nur temporĂ€rer Art, ergo den konkreten UmstĂ€nden geschuldet sind, in denen sich die Formierung der TotalitĂ€t gerade bendet. Der Prozess der Abschaffung von Bargeld, der gerade vorangetrieben wird, schafft weitere umfassende Kontrollmöglichkeiten. Damit wird es möglich sein, den Zugang zum Erwerb von praktisch allem Lebensnotwendigen zu kontrollieren und zu regulieren. Der Erwerb von bestimmten Waren oder Dienstleistungen kann an Wohlverhalten oder an ‘Verfehlungen’ geknĂŒpft werden, sicher wird es im Westen dafĂŒr Pilotprojekte geben. So wie z.B. der Abgleich von DNA Material anfĂ€nglich nur fĂŒr gesellschaftliche geĂ€chtete Straftaten wie Vergewaltigung oder Mord möglich war, wurde diese Verfahren innerhalb weniger Jahre fĂŒr Bagatelldelikte wie SachbeschĂ€digungen eingesetzt, natĂŒrlich bevorzugt im Rahmen der ‘BekĂ€mpfung politischer KriminalitĂ€t’, z.B. bei eingeworfenen Fensterscheiben von Banken. In Zukunft wird vielleicht als erstes der Erwerb von pornograschen Material fĂŒr “SexualstraftĂ€ter” gesperrt werden, um eine gesellschaftliche Zustimmung zu generieren, bevor man das ganze System nach und nach scharf stellt.

Der wirklich entscheidende Punkt ist also nicht, dass es all diese Maßnahmen gibt, bzw. geben wird, sondern der Weg zur gesellschaftlichen Akzeptanz dieser TotalitĂ€t. Auch an diesem Punkt ist die Corona Pandemie ein willkommenes Manövergebiet fĂŒr das Empire. Vermeintliche Sicherheit, in diesem Fall vor einer Krankheit, wird eingetauscht gegen eine Zustimmung zu allumfassenden Überwachungsmaßnahmen, ja darĂŒber hinaus wird das zustimmende Subjekt selber zum Teil des allumfassenden Überwachungssystem, das nicht nur seine Mitmenschen ĂŒberwacht, sondern vorauseilend auch sich selber. Die Terminologie und die TrennschĂ€rfe des ‘Krieges gegen das Virus’ sind dem ‘Krieg gegen den Terror” entlehnt, der nach Nine Eleven entfesselt wurde, nicht umsonst hĂ€lt eine sprachliche Entgleisung wie ‘GefĂ€hrder” fĂŒr an Covid 19 erkrankte Menschen unwidersprochen Einzug in den gesellschaftlichen Diskurs. An diesem Punkt entscheidet sich fast alles: gelingt es relevante Teile der Gesellschaft aus diesem todbringenden Diskurs herauszulösen, bzw. sich in diesem Konikt an ihre Seite zu stellen oder nicht. Ein Großteil der Linken hat sich lĂ€ngst dafĂŒr entschieden, wo sie stehen und stehen werden, wie schon weiter oben konstatiert, sind diese nun unsere Gegner und nicht unsere VerbĂŒndeten. Dies ist keine moralische Wertung, sondern eine notwendige materialistische Analyse, im sozialen BĂŒrgerkrieg rĂ€chen sich Unklarheiten ĂŒber strategische Allianzen blutig.

Siebzehn: Sein. Nun, da nach und nach jegliche Autonomie, jegliche VerfĂŒgungsgewalt ĂŒber den eigenen Körper und das Subjekt, das er beherbergt, nach und nach verschwinden, der Mensch sich selbst eintauscht fĂŒr ein Versprechen des nackten Überlebens, in der jetzigen und allen zukĂŒnftigen Pandemien und angesichts des Klimawandels, bleibt das Sein als letzter Ort des Antagonismus. Wenn alles darauf ausgerichtet ist, Prozesse zu verhindern oder zu generieren, bleibt nur der Akt des Seins. Da, wo dies mehr ist als eine letzte moralische Haltung des sich nicht unterwerfenden Individuums, entsteht ein gesellschaftlicher Antagonismus, der nicht Teil des gegenwĂ€rtigen ZukĂŒnftigen werden will und kann. Es braucht wirklich den radikalen Bruch mit praktisch allen bestehenden Vorstellungen ĂŒber revolutionĂ€re Prozesse, um sich auf die neuen realen Bedingungen einlassen zu können. Alles andere ist Energie- und Zeitverschwendung, ja trĂ€gt darĂŒber hinaus zur Stabilisierung und Perfektionierung des Empires im Todestrieb Modus bei. Leben entsteht in der sich entfaltenden TotalitĂ€t an Nicht Orten, da wo dieses Leben sich kollektiviert, tritt es als Antagonismus von Non Bewegungen auf, deren konkreten Forderungen, so sie ĂŒberhaupt gestellt werden ebenso sekundĂ€r wie nahezu beliebig sind und in erster Linie nur als Sammlungsruf eine Funktion haben. In diesen neuen Dynamiken, die sich den klassischen revolutionĂ€ren Vorstellungen entziehen, gelten andere soziale Raum – und Zeitgesetze, eben noch eine Versammlung von ein paar prekĂ€ren Pendlern an einem öden Kreisverkehr in irgendeinem Vorort, schon eine wĂŒtende Menge im Herzen Paris, die nationale HeiligtĂŒmer schĂ€ndet und in den Luxusquartieren Nobelboutiquen plĂŒndert. So wie diese Non Bewegungen aus dem Nichts auftauchen, verschwinden sie fast ebenso plötzlich, verweigern sich jeder ReprĂ€sentanz (Die wenigen, die versucht haben, aus der Gilets Jaunes Revolte Kapital zu schlagen und politische Karrieren oder Parteien zu initiieren, wurden gewaltsam vertreiben und bis in ihr Privatleben bedroht.), um dann wieder ĂŒber Nacht wie ein Gespenst wieder aufzuerstehen. (In Frankreich als Mobilisierung gegen das neue Bullenschutzgesetz und den Pass Sanitaire.) Es geht wieder um, das Gespenst, und diesmal nicht nur in Europa. Jeder nĂ€chtliche Riot von Jugendlichen in einem Park hat mehr revolutionĂ€re Sprengkraft, als Aberdutzende von linken Demos und Events, weil er sich der politischen Verwertbarkeit entzieht. Das Leben verteidigt sich in dieser Phase, die alles entscheiden wird, selbst oder anders gesagt, entweder wir verteidigen das Leben selber, indem wir sind, oder wir werden nicht mehr Teil von ihm sein, sondern nur noch eine kybernetische Hypothese.

Achtzehn: NatĂŒrlich haben wir alle Angst. Schon immer vor dem Tod, nun also auch vor dem Leben selbst. Sicherheit verspricht nur noch die Unterwerfung, das ist die Macht, das letzte Versprechen, ĂŒber dass das Todestrieb Empire noch verfĂŒgt. Aber: Wir sollten lernen, zuzugeben, dass wir Angst haben, oder besser gesagt, dass wir uns auch fĂŒrchten. Der Tod erschreckt uns, die Krankheit erschreckt uns. Es ist nicht schlimm, Angst zu haben, der Tod gehört zum Leben, so wie die Angst vor seinem Ende zur Liebe gehört. Doch wir lernen, damit zu leben, denn die Liebe ist stĂ€rker. (3) Oder anders gesagt, nur indem wir alles riskieren, indem wir ein Leben erschaffen, dass das Leben erst zu einem solchen macht, können wir diese Angst besiegen. Wenn wir weiterhin so tun, als ob die Angst nicht unser Handeln bestimmt, wenn wir uns hinter angeblichen Fakten, Notwendigkeiten und ideologischen LĂŒgen und Konstrukten verstecken, haben wir schon verloren, bevor wir ĂŒberhaupt angefangen haben zu kĂ€mpfen. Die Angst ist zugleich unser Gegner wie unser VerbĂŒndeter, wir mĂŒssen ihr zuhören, sie Gestalt annehmen lassen, um uns mit ihr auseinandersetzen zu können, denn sie fĂŒhrt uns zu unseren verborgenen Wahrheiten, die tief in unseren Herzen schlummern. Sie ist der Weg zu unseren nicht eingestandenen SehnsĂŒchten, der Gewissheit, dass man ĂŒberhaupt gelebt haben muss, um sterben zu können. Wenn wir diesen Weg nicht gehen, werden wir ein Leben in Trauer ernten, ohne zu wissen, wessen Gehalt diese Traurigkeit eigentlich ist, die wir Tag fĂŒr Tag mit uns schleppen wie einen schrecklichen Ballast. Wir werden auf alle Zeit nicht wir selber sein. Was fĂŒr eine Wahl.

Neunzehn: Die Apokalypse kommt. So der so. Das AnthropozĂ€n endet, ein Komet wird die Erde treffen, oder wir sind nicht alleine im Weltall (wofĂŒr einiges spricht) und eine andere Lebensform wird uns auslöschen, unterwerfen oder kolonisieren (wir hĂ€tten alles verdient)
 Letztendlich ist die Frage der Apokalypse eine philosophische Frage. Aber sind denn nicht alle wirklich wichtigen Fragen, die Liebe, der Tod, die Freiheit,
 sowieso philosophische Fragen?! Geht es denn eigentlich nicht immer nur darum, welche Haltung wir zu etwas einnehmen und welche Handlungen wir daraus ableiten. Und wie bestimmen wir all dieses GrundsĂ€tzliche im VerhĂ€ltnis zu den ganz konkreten Fragestellungen, die sich im gegenwĂ€rtigen aufstĂ€ndischen Prozeß stellen.

“Was in den Metropolen kĂŒnftig an Revolten oder Anpassungsprozessen entstehen wird und wo die Bruchlinien liegen werden ist noch weitestgehend unausgemacht. Die KĂ€mpfe und Aneignungsformen im proletarischen Spektrum, in den Subschichten der jugendlichen ImmigrantInnen, der sozial entrechteten Frauen, der Opfer der Deregulation im Osten, erscheinen uns bisher undurchschaubar, weil wir mit Bildern konfrontiert werden, in denen wir das Wesen der Emanzipation der Klasse nicht erkennen, und weil unser analytisches Instrumentarium nicht ausreicht, um hinter den Erscheinungsformen die Bedeutung der KĂ€mpfe zu entziffern. Es bleibt daher nichts anderes ĂŒbrig, als sich dem historischen Prozeß zu stellen, ohne auf die hierarchisch patriarchalischen, antik-kommunistischen Politikmuster und Organisationsmodelle zurĂŒckzugreifen und ohne vorschnell neue Ideologien zu produzieren, die der völlig offenen Situation schon wieder ein Korsett anpassen und vorhandene WidersprĂŒche zugunsten einer monokausalen Weltsicht glĂ€tten wĂŒrden.”

schrieb eine RevolutionÀre Zelle (RZ) (4) im Jahre 1992 zum Ende ihrer Organisationsform und man mag nicht glauben, dass diese Worte schon fast 30 Jahre alt sind.

Ohne Zweifel, die Welt hat sich weitergedreht und der aufstĂ€ndische Prozeß wartet nicht auf die versprengten Reste einer antagonistischen linken ErzĂ€hlung. Aber wie immer, wenn etwas geht, bleibt auch etwas ĂŒber, was zu bewahren und weiter zu geben sich lohnt. So wie all die ideologischen und theoretischen VersatzstĂŒcke angesichts der Welt, die wir vornden, als zu leicht befunden und ĂŒber Bord geworfen gehören, so reich ist der Schatz an konkreten praktischen Erfahrungen, den es zu bergen gilt. Unser Gegner lernt aus jeder Schlacht, aus jeder Niederlage, aus jedem Sieg. Vor allem aber aus jeder seiner Niederlagen, aus unseren Erfolgen. Die prachtvollen Alleen von Paris sind in Wirklichkeit nur das Ergebnis einer Stadtplanung, die alle kommenden AufstĂ€nde zu antizipieren suchte. Tausende von militĂ€rischen, politischen, soziologischen und ökonomischen thinktanks arbeiten in jeder Sekunde eberhaft an der Perfektionierung der Aufrechterhaltung der todbringenden Ordnung, wir haben ein paar vergilbte BĂŒcher und AufsĂ€tze, ein paar aufgeschriebene Erinnerungen an die Goldene Horde, die sich einst anschickte, die VerhĂ€ltnisse grundsĂ€tzlich zum Tanzen zu bringen.

Die Frage ist nun, wie es gelingen kann, diesen unseren Schatz der praktischen Erfahrungen einzubringen in die gegenwĂ€rtigen aufstĂ€ndischen Prozesse, ob es ĂŒberhaupt möglich ist, zwischen den Generationen der AufstĂ€ndischen Orte des Austausches zu schaffen, die fĂŒr alle zugĂ€nglich, aber vom Gegner nicht zu inltrieren und zu manipulieren sind. Womit wir wieder zurĂŒckkehren an den Anfang dieser Überlegungen.

Zwanzig: Der Kapitalismus in seinem Endstadium, das in sich das Ende der von Menschen bewohnten Welt als Möglichkeit trĂ€gt, ist die Derzeitigkeit, die erstmalig keine visionĂ€re ZukĂŒnftigkeit in sich trĂ€gt. Dies gilt es als erstes zu akzeptieren. Es geht nur um eine einzige Frage, alles jenseits davon muss als kriegerische List denunziert werden, um das System zu stabilisieren. Alles was jenseits davon behauptet wird, fußt auf einer LĂŒge, kommt sie noch so links, emanzipatorisch und solidarisch daher. Also, wie bekommen wir den Koloss zu stĂŒrzen. Wie kann aus den sich immer rasanter ausbreitenden Riots, Revolten und AufstĂ€nden etwas werden, was die Welt grundsĂ€tzlich in Flammen setzt, damit wir angesichts der Asche, mit etwas GlĂŒck, ĂŒberhaupt wieder davon trĂ€umen zu wagen dĂŒrfen, eine neue Welt zu erschaffen.

Ohne Zweifel hat der Pandemie Ausnahmezustand, zum Erstaunen vieler Linker, die Zyklen der weltweiten Revolten beschleunigt, wĂ€hrend diese noch darauf warten, einfach mit ihren sinnlosen Demonstrationen, Events, Unterschriftensammlungen und Partizipationsgehabe weiter wie gehabt machen zu können. Die in vielerlei Hinsicht nicht nur repressiven, sondern auch sinnlosen und unfĂ€higen Maßnahmen der Regierungen haben die sozialen Nöte vervielfĂ€ltigt, global gesehen sind immer weniger Menschen bereit, ihr Leben einzutauschen gegen ein Existieren von wessen Gnaden auch immer. Was sich ebenfalls verĂ€ndert, sind die Pole der Auseinandersetzungen. Es gibt keine besseren und schlechteren Regierungen (oder Vorstellungen davon) mehr, es gibt keine LösungsansĂ€tze, keine Forderungskataloge. Es gibt in der Zuspitzung nur noch oben und unten, sie oder wir. Entweder auf der Seite des Aufstandes oder auf der Seite “der Regierung”. Jeglicher vorrevolutionĂ€ren Situation wohnt eine eigentĂŒmliche UnĂŒbersichtlichkeit inne, dies ist in der gegenwĂ€rtigen Phase, die dominiert ist von den staatlichen Maßnahmen unter Corona, nicht anders. Dies ist keine Zeit fĂŒr die Zweier und Bremser der reinen Lehre, den Faschismus auf der Straße wiederzunden wird zunehmend etwas sein, was wir in den Revolten vornden werden, den Revolten deshalb fernzubleiben kann nur unser endgĂŒltiges Ende bedeuten. Es gilt vieles an WidersprĂŒchen auszuhalten und die Konfrontationen werden bestimmt nicht etwas sein, was wir gerne fĂŒhren werden. Aber es bleibt eine unbedingte Notwendigkeit.

Denn dieser Kampf wird, wie alle KĂ€mpfe vor ihm, auf der Straße entschieden werden. „When we revolt it’s not for a particular culture. We revolt simply because, for many reasons, we can no longer breathe“, dieser Satz von Frantz Fanon stand auf einem Plakat, das vor einem Bullenrevier von Minneapolis hing. Ja, wir bekommen einfach keine Luft mehr. Entweder brennt ein Polizeirevier nach dem anderen nieder, bis die Sache zu unseren Gunsten zu kippen beginnt oder wir lehnen uns zurĂŒck, so wir in privilegierter Stellung leben, und geniessen das Ende der Welt bei ein paar kĂŒhlen Drinks. Dazwischen gibt es nichts mehr. Sorry.

1. ‘Endgames’ ist eine Kolumne von Sebastian Lotzer, die in vier Teilen auf ‘non copyriot’ erschien. Hier die englischsprachige Übersetzung des vierten Teils auf “enough 14”, die auch die Verlinkungen zu den vier deutschsprachigen BeitrĂ€gen enthĂ€lt. https://enoughisenough14.org/2021/04/05/endgames-part-4/

2. Siehe dazu den Beitrag ‘Pass sanitaire: le problùme, c’est le flicage!’von Cerveaux Non Disponibles, auf deutsch in der Sunzi Bingfa #26: https://sunzibingfa.noblogs.org/post/2021/07/26/der-gesundheits-pass-das-problem-ist-die-ueberwachung/

3. Siehe ‘Greenpass, nuovi confini e le frontiere della paura. Contributo per un ragionamento collettivo.’ auf Carmelia https://www.carmilla-online.com/2021/07/29/greenpass-nuovi-confini-e-le-frontiere-del-la-paura-contributo-per-un-ragionamento-che-auspico-collettivo/, auf deutsch in der Sunzi Bingfa #27

4. RevolutionĂ€re Zellen, eine nicht in der IllegalitĂ€t operierende Stadt-guerilla in der BRD, deren ZusammenhĂ€nge sich Anfang, Mitte der 1990er Jahre auflösten. Hier der Text: ‘Das Ende unserer Politik’ http://www.freilassung.de/div/texte/rz/zorn/Zorn05.htm

anonym




Quelle: Endofroad.blackblogs.org