Januar 12, 2022
Von Criminals For Freedom
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Triggerwarnung: dieser Text befasst sich mit sexueller/körperlicher/psychischer Gewalt.

Im Kontext des Outings zu Johannes Domhöver (folglich J.) gab es auf de.indymedia.org viele Kommentare, ebenfalls erreichten uns einige Mails u.a. mit Kritik an unserem ersten Statement. Wir haben folglich versucht, einige vorgetragenen Kritikpunkte, welche uns direkt oder indirekt erreichten, zusammen zu tragen und zu beantworten. Wir wollen in diesem Rahmen auch Bezug nehmen auf die veröffentlichte Kritik der „Antikolonialen Aktion„. Leider haben wir ihren Text nicht immer ganz verstanden – viele Fachwörter und eine akademische Schreibweise hinterließen bei uns viele Fragezeichen. Insgesamt konnten wir an dem Text auch nicht so viel Kritik an unser Statement erkennen, wie uns der Text vermutlich vermitteln wollte, weil wir auf einer abstrakten Ebene die Punkte, die aufgemacht worden sind, teilen. Auf der konkreten Ebene, also im Bezug auf das Outing, versuchen wir nun folglich auf einige „Kritikpunkte“, die angesprochen wurden (von der „Antikolonialen Aktion“ und darĂŒber hinaus) einzugehen.

1. „Ihr habt veröffentlicht, dass Johannes Domhöver Beschudligter im Dresden gefĂŒhrten 129 Verfahren ist – das ist nicht in Ordnung, denn damit gefĂ€hrdet ihr das Verfahren bzw. habt damit schon brisante Informationen preisgegeben. Ihr habt außerdem dazu aufgerufen, sich öffentlich zu positionieren, wodurch ihr auch fordert, die „Szene und Strukturen“ offenzulegen, zu verraten“. = „Snitches Vorwurf“ (siehe auch Kritikpunkt Nummer 8)

Dass J. Beschuldigter im Dresden gefĂŒhrten 129 Verfahren ist, wissen die Bullen und das Gericht. Selbst das Compact Magazin fĂŒhrte J. schon vor einem halben Jahr als Beschuldigten in einem ihrer „Artikel“ auf. Dass von uns deswegen eine „gefĂ€hrliche Information“ preisgegeben wurde, bestreiten wir.

Immer wieder hörten wir, dass wir den Prozess mit unserem Statement gefÀhrdet hÀtten und unsere SolidaritÀt somit in Frage gestellt wird. Aber eben weil wir uns solidarisch zeigen wollen, weil wir diesen Prozess als einen Angriff auf den Antifaschismus betrachten, und UM uns solidarisch zeigen zu können, forderten wir Transparenz ein.

Wenn J. nicht geoutet worden wĂ€re, wenn niemand wĂŒsste, wo er sich befindet, wenn auch niemand wĂŒsste, wer mitverantwortlich dafĂŒr ist, dass J. offensichtlich jahrelang Gewalt ausĂŒben konnte, was wĂ€re daraus die Konsequenz? Er wĂŒrde sich wahrscheinlich immer noch innerhalb unserer Strukturen bewegen und es gĂ€be noch weitere Menschen, die seiner Gewalt ausgesetzt sind. Denn wenn es etwas ist, was das Outing zeigte, dann dass er die Gewalt vor allem wegen eines Umfeldes ausĂŒben konnte, welches ihn deckte.

Deswegen ist es auch sehr wichtig, den Ort zu nennen, an dem er sich befindet: damit kollektiver Schutz auch gewĂ€hrleistet werden kann. Generell finden wir das Argument problematisch, weil es den Diskurs gĂ€nzlich verschiebt: wo doch eigentlich der TĂ€ter fĂŒr seine Taten verantwortlich gemacht werden sollte, ebenso diejenigen, die „mitgemacht“ haben, werden mit diesem Argument nun die Betroffene und Menschen, die sich mit ihr solidarisieren, angegriffen. Im öffentlichen Diskurs geht es gerade wenig darum, sich mit der Gewalt innerhalb der Szene außeinanderzustezen (was ĂŒbrigens auch eine Forderung im Outing war) sondern darum, ĂŒber den TĂ€ter, sein Verfahren und alle „negativen Seiten eines Outings“ zu diskutieren.
Auch das finden wir problematisch. FĂŒr uns hat die Betroffenen-Perspektive ganz klar PrioritĂ€t. Auf ihre Forderungen keinen Wert zu legen bzw. sie sogar anzuzweifeln, zu kritisieren oder wie in vielen Indymedia Kommentaren, auch noch zu beschimpfen und zu verurteilen, hat fĂŒr uns nichts mit Emanzipation zu tun.

Seid wĂŒtend auf den TĂ€ter, seid wĂŒtend ĂŒber die Gewalt! Richtet eure Wut gegen diejenigen, welche dafĂŒr verantwortlich sind, dass es zum Outing kommen musste. Nicht gegen diejenigen, welche die Gewalt erfahren mussten.

2.“Eure Analyse von Gewalt ist viel zu plump und spielt ebenfalls den Repressionsorganen in die HĂ€nde. Sie befeuert den Diskurs in eine falsche Richtung.“

Wir haben niemals geschrieben, dass unsere Analyse auf alle zutrifft und wĂŒrden uns auch in Zukunft nicht anmaßen, derartige Behauptungen aufzustellen. Wir bleiben aber bei dem, was wir ausdrĂŒcken wollten: wenn sich Menschen sehr stark profilieren und machtvoll darstellen, vielleicht sogar innerhalb der Szene eine hohe Machtposition haben, machen sie sich damit vielleicht auch fĂŒr den Staat interessant.

Gleichzeitig sind Menschen, welche sich in hohen Machtpositionen befinden, sehr oft Schweine. Diese Analyse tragen unserer Auffassung nach viele mit, vor allem wenn es um unsere „Àußeren Feinde“ geht. Auch J. hatte offensichtlich eine gewisse Machtposition, anders kann nicht erklĂ€rt werden, weshalb er mitsamt seiner Gewalt geschĂŒtzt wurde.

In dem Kontext wurde auch kritisiert, dass unsere Analyse „eine gewaltaffine Szene ist auch oft gewaltĂ€tig nach innen“ falsch sei bzw. ein Vorwand, um die staatliche Selektion fĂŒr die Anwendung von Gewalt zu „erklĂ€ren“.
Dem wollen wir entgegenhalten, dass es in letzter Zeit wirklich viele Outings gab, was uns impliziert, dass es innerhalb der Szene wirklich viel interne Gewalt gibt. DafĂŒr gibt es sicherlich viele verschiedene GrĂŒnde. Aber einer ist, so denken wir, dass eine linksradikale Szene generell eher einen Gewalt-fetisch als eine Abneigung hat. Der Gewaltbegriff wird von uns in diesem Kontext nicht nur fĂŒr körperliche/physische Gewalt verwendet. Auch unsere Sprache ist oft gewaltvoll (wo wir uns z.B. nicht ausnehmen wĂŒrden, indem wir z.B. immer wieder betonen, dass KnĂ€ste ZERSTÖRT werden mĂŒssen). Wer absprechen möchte, dass die Szene sehr gewaltĂ€tig nach innen ist, spricht unserer Meinung nach auch die Wahrheit von Outings ab.

3.“Indem ihr den Narzissmus Begriff verwendet, pathologisiert ihr.“

Falls Menschen einen besseren Begriff kennen als den des Narzissmus, um ein sehr ausgeprĂ€gtes ich-bezogenes, auf die eigenen BedĂŒrfnisse konzentriertes und dabei in der Konsequenz grenzĂŒberschreitendes, ĂŒbergriffiges Verhalten gegenĂŒber anderen zu beschreiben, bitte schreibt uns das sehr gerne! Wir sind auf jeden Fall bereit, einen anderen Begriff zu benutzen.
Wir haben bewusst nicht von der psychiatrischen Diagnose der „narzistischen Persönlichkeitsstörung“ Gebrauch gemacht, sondern von „Narzissmus“ als Verhalten beschrieben. Eben wie wir davon sprechen wĂŒrden, dass Menschen „Àngstlich“ sein können, was aber nicht gleichbedeutetend mit der im ICD gekennzeichneten „Àngstlichen Persönlichkeitsstörung“ ist.
Es ist uns wichtig, Verhaltensweisen, die aus dem Neoliberalismus resultieren, nicht zu leugnen. Wir denken, narzisstisches Verhalten ist ein solches.

Das bedeutet aber nicht, dass wir Diagnosen, Psychiatrie oder Pathologisierungen gutheißen, im Gegenteil. Wir sind eindeutig dagegen, Narzissmus als Verhalten zu pathologisieren.
Verhaltensweisen aber direkt zu bennenen, um sie zu verstehen und entlarven zu können, finden wir notwendig. In diesem Kontext denken wir, dass es wichtig ist, ĂŒber Narzissmus als Verhalten zu reden. Wir sind im neoliberalen Zeitalter aufgewachsen, weswegen wir neoliberale Verhaltensmuster in uns tragen und stetig reproduzieren. So haben wir auch alle narzisstische Anteile in uns. Die Frage ist deswegen nicht, ob wir die Verhaltensweisen in uns tragen, sondern wie wir mit ihnen umgehen.

Erkennen wir, dass wir narzisstische Verhaltensweisen in uns tragen, fragen wir uns, weshalb das so ist und versuchen wir, daran zu arbeiten? Bei vielen geouteten (und nicht geouteten) TĂ€tern mĂŒssen wir diese Fragen verneinen.

Bei manchen wird das Verhalten gefĂ€hrlich fĂŒr andere, eben dann, wenn die Grenzen anderer garkeine Beachtung mehr finden, weil ausschließlich eigene BedĂŒrfnisse von Wichtigkeit zu sein scheinen. Im Fall von J. scheint genau das passiert zu sein – weswegen wir darauf eingegangen sind. Wir wollen Verhaltensweisen, die gefĂ€hrlich, weil z.B. grenzĂŒberschreitend sind, deswegen nicht wegignorieren – sie dĂŒrfen nicht unsichtbar bleiben.
Falls es aber Menschen gibt, die einen besseren Begriff als den des Narzissmus kennen, sind wir auf jeden Fall bereit, unseren Sprachgebrauch anzupassen.

Nachfolgend wollen wir auf die Kritikpunkte im Text der „Antikolonialen Aktion“ eingehen. Eventuell wird uns das nicht immer gelingen, weil wir den Text leider nicht gĂ€nzlich verstanden haben.

4.“Es geht euch um Rache und Bestrafung. Damit gefĂ€hrdet ihr kollektive und nach gerechtigkeitstrebende Prozesse. Ihr strebt außerdem keine Prozesse auf Augenhöhe an.“

Nein. Rache und Bestrafung lehnen wir ab und beides macht aus einer Anti-Knast Perspektive auch ĂŒberhaupt keinen Sinn. Es ging und geht uns immer um kollektive Prozesse. Allerdings stellt sich die Frage, wann wir diese bestreiten können.

Wir denken, Konzepte wie Transformative Justice und Community Accountability sind wichtige und gute Konzepte, die wir versuchen sollten, umzusetzen, damit emanzipatorische AnsprĂŒche auch in unserem Alltag nicht nur eine Verlautbarung bleiben. Aber wir denken auch, dass die Frage ist, wann wir diese Prozesse beginnen.

In den meisten FĂ€llen nĂ€mlich leider viel zu spĂ€t. J. hat, so ist es dem Outing zu entnehmen, ĂŒber mehrere Jahre heftige Gewalt angewendet. Offenbar wurde auch schon versucht, eine TĂ€teraufarbeitung mit ihm zu machen – diese ist gescheitert. Offensichtlich wurde in diesem Fall viel zu spĂ€t mit den „Kollektiven Prozessen“ begonnen – was ein Grund dafĂŒr sein kann, dass sie gescheitert sind.

Community Accountability finden wir ebenfalls notwendig. Allerdings stellt sich unserer Meinung nach oft das Problem dar, dass wir garkeine Community sind – dementsprechend uns auch garnicht verantwortlich fĂŒhlen.

FĂŒr uns stellt sich die Frage, wie wir Prozesse mit Menschen, die Gewalt angewendet haben eingehen können, und wie wir eine Community werden können, die aufeinander achtet, sich wertschĂ€tzt, mit Respekt behandelt und Verantwortung ĂŒbernimmt.

Eine Antwort, und es gibt noch viele weitere, ist, dass wir dafĂŒr innerhalb der Szene konsequenter werden mĂŒssen. So wie wir keine Nazis in unseren Reihen dulden, dulden wir auch keine Vergewaltiger. Wenn wir eine Community, eine Bewegung werden wollen, mĂŒssen wir unserer Auffassung nach „erst einmal“ konsequent diejenigen aus unseren Reihen schmeißen, die kein SelbstverstĂ€ndnis, und damit meinen wir eben Nazis und z.B. Vergewaltiger, mit uns teilen – da machen wir keine Kompromisse. Das wĂŒrden wir als Gegenmacht bezeichnen, was nicht das Ende der Revolution ist aber unserer Meinung nach ein notwendiger Schritt, um uns ĂŒberhaupt oder neu organisieren zu können. Dementsprechend geben wir der „Antikolonialen Aktion“ Recht – denn wir streben keine Prozesse mit Vergewaltigern auf Augenhöhe an, das haben eben diese durch ihren Machtmissbrauch verwirkt.
Das Umfeld wiederum, welches solche Leute schĂŒtzt, muss Verantwortung ĂŒbernehmen, also Prozesse eingehen. Das hat nichts mit Bestrafung oder Rache zu tun- sondern damit, eben eine Gemeinschaft zu werden, die fĂŒreinander einstehen kann. Eine, welche sich fĂŒr diejenigen einsetzt, die die Gewalt erfahren. Und auch denjenigen einen Raum bietet, und nicht den gewaltausĂŒbenden Personen.

Wir fordern also Konsequenzen im Bezug auf den TĂ€ter und die TĂ€terschĂŒtzer, um kollektive Prozesse eingehen zu können. Konsequenzen fordern heißt nicht, Rache oder Bestrafung auszuĂŒben. Wenn sich das fĂŒr den TĂ€ter oder seine SchĂŒtzlinge aber so anfĂŒhlt, sollte sich vielleicht gefragt werden, weshalb das so ist (siehe Kritik Nr. 3).

5.“Eure Analyse ist universalistisch, gleichzeitig macht ihr einen TĂ€ter Opfer Dualismus auf, der bevormundend ist“.

Wir haben in unserem ersten Statement auf ein konkretes Outing reagiert – nicht auf eine abstrakte Theorie. Den Begriff des Opfers haben wir nicht verwendet. Die Gruppe schreibt auch, dass wir die Betroffene als „schwach“ dargestellt hĂ€tten. Das haben wir nicht, sondern als mutig und stark. Weshalb der TĂ€ter Begriff als schwierig angesehen wird, verstehen wir und eine allgemeine Kritik am Begriff können wir teilen. NatĂŒrlich wird ein Mensch nicht einzig und allein durch eine Handlung ausgemacht. Aber in dem Outing ging es nicht darum, J. allumfassend zu beschreiben, seine gesamte Biographie abzuzeichnen und seine Betroffenheiten darzustellen. Es ging darum, ihn zu outen, weil er auch ein TĂ€ter ist. Wir haben uns auf das Outing bezogen, nicht auf eine allgemeine Analyse zu den verschiedenen Gewaltebenen und Erfahrungen von Menschen. Deswegen sprechen wir in diesem Fall von einen TĂ€ter.

Das kann kritisiert werden – die Dynamik allerdings, dass wir vor allem dafĂŒr kritisiert werden, wie wir ĂŒber den TĂ€ter reden, finden wir befremdlich und betrachten wir als Diskursverschiebung.

6.“Wir streben keine Emanzipation durch Ă€ußeren Schutz an.“ (in der Aussage interpretierten wir eine Art Kritik, dass wir das aber tun)

Wir denken, tatsĂ€chliche und allumfassende „SchutzrĂ€ume“ kann es kaum geben, weil die wenigsten RĂ€ume wirklich komplett diskriminierungsfrei sind. Aber unabhĂ€ngig davon ist es uns trotzdem wichtig, den Schutz von Personen deswegen nicht gĂ€nzlich aufzugeben – bzw es zumindest zu probieren. Dass wir garkeinen Ă€ußeren Schutz brĂ€uchten finden wir wiederum eine sehr arrogante Analyse, weil es die vielen selbstbezeichneten SchutzrĂ€ume, die es vor allem fĂŒr marginalisierte Menschen/Gruppen gibt, infragestellt.

Sicherlich wĂ€re es toll, wenn wir direkt heute mit der Emanzipation beginnen könnten, ohne uns im Vorfeld vor gesellschaftlicher/politischer Gewalt schĂŒtzen zu mĂŒssen – wenn das so „einfach“ wĂ€re, wĂ€ren wir sicherlich mittlerweile an einem anderen Punkt. Allerdings ist es eben doch etwas komplexer und in erster Linie mĂŒssen wir, um emanzipatorisch handeln zu können, vor allem auf uns selbst und andere achten – und manchmal brauchen wir dafĂŒr Safe Spaces.

Flintas werden immer wieder durch patriarchales Verhalten aus RĂ€umen gedrĂ€ngt. Wir denken, damit eine gemeinsame Organisierung von Flintas stattfinden kann, braucht es RĂ€ume, zu denen beispielsweise Cis-MĂ€nner keinen Zugang haben. Sicher, das wĂ€re dann kein allumfassender oder gar antipatriarchaler Schutzraum – aber eben einer, der mehr Schutz vor Cis – MĂ€nnern und deren Gewalt/Verhalten bieten kann, als einer mit Cis-MĂ€nnern.

Die Vorstellung, sich in einer gewaltvollen Welt gĂ€nzlich ohne Schutz emanzipieren zu wollen, können wir nicht teilen. Wir denken, fĂŒr Emanzipation braucht es auch sog. „SchutzrĂ€ume“ (auch hier wĂ€ren wir fĂŒr ein neues Wort offen, denn wie gesagt, gĂ€nzlichen „Schutz“ können die wenigstens RĂ€ume, nichtmal private RĂ€ume bieten), um eine gemeinsame Organisierung und Widerstand anzustreben.

7.“Ihr priorisiert Menschen untereinander, indem ihr einige Formen der Dominanz priorisiert.“

Diese Kritik, so verstehen wir sie, beinhaltet die Problematik der ungleichen Machtverteilung. WĂ€hrend es in unserer derzeitigen Gesellschaftsordnung machtvolle Gruppen und Verhaltensweisen gibt, existieren danebeben konsequenterweise auch welche, die unterdrĂŒckt werden. Die spannende und revolutionĂ€re Frage ist, wie das aufzulösen ist. Unserer Meinung nach braucht es dafĂŒr Gegenmacht. Wir denken nicht, dass wir in einem Zustand, in dem es oben und unten gibt, sofort emanzipativ handeln und somit die Hierarchien auflösen können. Die Herrscher*innen werden nicht einfach „Macht abgeben“. Deswegen braucht es Gegenmacht/Gegengewalt (da ist sie wieder, die Gewaltaffine Sprache), mit der wir aber wohlĂŒberlegt umgehen sollten.

Aus dem Abstrakten ins Konkrete: Im Falle des Outings hatte offensichtlich J. jahrelang viel Macht. Mithilfe des Outings wird versucht, dem entwas entgegenzusetzen. Und ja, deswegen solidarisieren wir uns mit dem Outing und priorisieren in diesem Fall auch dessen Darstellungen/Meinungen usw. Unsere PrioritĂ€t setzen wir hierbei bei der Betroffenen bzw bei dem Widerstand von patriarchaler Gewalt. In unserer allgemeinen Arbeit priorisieren wir oft den Zustand der Menschen als Gefangene (nicht dominante Gruppe) – unabhĂ€ngig von dem Vorwurf, weswegen sie sitzen.

Dass wir aufhören sollen, zu priorisieren, wĂŒrde uns, unserer Meinung nach, sehr handlungsunfĂ€hig machen. NatĂŒrlich gibt es immer viele und nicht nur eine Gewaltebene – so wie beispielsweise Johannes ein TĂ€ter ist, ist er auch gleichzeitig ein Betroffener von Repression. Es ist ein revolutionĂ€rer Gedanke, alle Gewaltebenen auf dem Schirm haben zu wollen und auf der abstrakten Ebene begrĂŒĂŸen wir das sehr – in der Praxis wĂŒssten wir allerdings ehrlich nicht, wie das umzusetzen wĂ€re. Wir haben uns bewusst dafĂŒr entschieden, und solidarisch mit der Betroffenen von patriarchaler/sexueller Gewalt zu zeigen, nicht dem TĂ€ter. Also ja, wir priorisieren. Das heißt nicht, dass wir beispielsweise nicht die Repression wahrnehmen wĂŒrden, die J. ausgesetzt wird. Darum ging es aber nicht in unserem Text.

Dass diese Priorisierung aufzuheben wĂ€re, bezweifeln wir. Wenn wir uns wirklich solidarisch mit Betroffenen zeigen wollen, wenn wir zum Beispiel darauf eingehen wollen, was sie brauchen, um mit Erlebtem umzugehen, dann kann beispielsweise ein Ausschluss des TĂ€ters eine Konsequenz sein. Damit wĂŒrden wir die Betroffenen-Perspektive priorisieren, um Schutz zu ermöglichen. Gleichzeitig wĂ€re das fĂŒr uns auch ein Schritt, einen Raum zu öffnen, in welchem Organisierung, z.B. unter Flintas, anders möglich wĂ€re als mit den TĂ€tern in den eigenen Reihen zuvor (Stichwort Gegenmacht).

Oder wenn wir als Anti-Knast Gruppe Menschen in ihrer Situation als Gefangene prioriseren: auch hier nehmen wir die Betroffenen-Perspektive ein, und zwar die der von Repression Betroffenen. Gleichzeitig wissen wir auch, dass wir dabei vielleicht auch mit Menschen zu tun haben, deren Meinungen wir nicht immer teilen oder sogar konkreten Handlungen feindlich gegenĂŒberstehen. Weil wir aber denken, dass das Einsperren keine Perspektive sein kann, um eben mit Konflikten umzugehen, setzen wir uns fĂŒr ihre Freiheit ein – nehmen also die Betroffenen-Perspektive ein. Das wiederum bedeutet allerdings nicht, dass wir Menschen, sofern sie draußen sind und sich z.B. scheiße verhalten, nicht aus RĂ€umen ausschließen wĂŒrden. Solange es das Patriarchat gibt, mĂŒssen wir bestimmte Menschen, z.B. jene, welche vor Vergewaltigung nicht scheuen, von RĂ€umen fernhalten, um Schutz ansatzweise gewĂ€hrleisten zu können. So wie wir auch Nazis aus unseren RĂ€umen fernhalten mĂŒssen, um Übergriffe/Angriffe auf beispielsweise migrantische, migrantisierte, PoC oder schwarze Menschen zu minimieren. Dass damit weder das Patriarchat, noch Rassismus, gelöste Probleme sind, ist klar.

Schließlich denken wir deswegen, dass es wichtig ist, KĂ€mpfe zu verbinden und gemeinsam (auch inhatlich) zu fĂŒhren. Eine Welt ohne Rassismus, Patriarchat, Klassismus, KnĂ€ste usw ist allerdings eine weit entfernte Utopie, die in unserer zerstörerischen RealitĂ€t nicht von heute auf morgen, wenn ĂŒberhaupt irgendwann einmal, umzusetzen ist.

Der Weg dorthin wird von WidersprĂŒchen gepflastert sein – wir supporten Gefangene und kĂ€mpfen fĂŒr ihre Freiheit, und wenn sie draußen sind, kann es sein, dass wir riesige Meinungsunterschiede haben, die uns entzweien. Mit diesem Wissen könnten wir handlungsunfĂ€hig werden – aber um eben mit WidersrĂŒchen umgehen zu können, priorisieren wir. Wir wĂŒrden es auch gerne nicht tun und in der Theorie geht das auch leichter, als in der Praxis. Aber wenn wir uns praktisch wirklich solidarisch zeigen wollen, mĂŒssen wir uns manchmal einfach entscheiden, welche Perspektive wir einnehmen wollen. In unseren Fall haben wir in unserem ersten Statement unsere Augen auf die Betroffene gerichtet.

Daraus resultiert eine Kritik, auf die wir zum Schluss noch eingehen wollen:

8. Wenn euch klar ist, dass es diejenigen gibt, welche die von Repression Betroffenen supporten und diejenigen, welche Betroffene von sexueller Gewalt unterstĂŒtzen, weshalb greift ihr dann das Soli Antifa-Ost BĂŒndnis in eurem Statement an?

Zu allererst: uns ist durchaus bewusst, dass „Anfeindungen“ zwischen Gruppen genau das ist, was den Staat zum lĂ€cheln bringt und es deswegen wichtig ist, nicht in staatliche ZermĂŒrbungstaktiken hineinzufallen. Weil aber teilweise der Eindruck entstanden ist, dass wir genau diese Taktiken damit befeuern (wollen), gehen wir folglich nochmal genauer auf unsere Kritik am BĂŒndnis bzw generellen Solistrukturen ein.

Im Outing der Betroffenen wurde sehr klar genannt, dass viele Menschen jahrelang von J.’s Gewalt wussten und weggeschaut haben. Wir haben die offene Frage gestellt, ob damit auch Menschen aus dem BĂŒndnis gemeint sind, indem wir forderten, dass sie sich positionieren sollten. Unserer Meinung nach war das sehr lange nicht klar – zwar hatte das BĂŒndnis ein erstes Statement formuliert, unklar blieb aber bis zum zweiten Statement, ob das BĂŒndnis oder Teile davon im Vorfeld von J.’s Gewalt wussten. Diese Info ist aber wichtig, eben um kollektive Prozesse eingehen zu können. Solange dahingehend eine Intransparenz bestand, war das unserer Meinung nach nicht möglich.

Wie schon betont, supporten wir oft Menschen, deren Biographie wir nicht kennen (was aber auch einen Unterschied zu J./seinem Umfeld darstellt, weil von seinem Verhalten offensichtlich viele wussten). Deswegen war unsere Forderung nach einer Positionierung in erster Linie keine Kritik, sondern lediglich eine Forderung nach Transparenz – nicht mehr und nicht weniger. Dazu hat das abc Dresden vor Kurzem ebenfalls einen Text verfasst, welchen wir inhatlich teilen und auch auf den Text der Roten Hilfe Leipzig wollen wir an dieser Stelle verweisen und uns inhaltlich anschließen. Die Ortsgruppe macht außerdem die Diskussion um das Themenfeld „Anti-Repressionsarbeit mit Menschen, deren Verhalten wir nicht gutheißen/verachten“ auf – eine Diskussion, in welcher wir uns zukĂŒnftig auch verstĂ€rkt einbringen werden. An dieser Stelle aber schon einmal danke fĂŒr den veröffentlichten Input.

ZurĂŒck zum Punkt: Kritik am BĂŒndnis haben wir erst an der Stelle formuliert, als es, ohne sich zum Outing zu positionieren, weiterhin Aufrufe fĂŒr Spenden fĂŒr „alle Beschuldigten“ und Texte mit anderen BezĂŒgen postete – was wir nicht nur respektlos fanden, sondern sich auch klar gegen die Forderungen der Betroffenen stellt. Das heißt nicht, dass wir das BĂŒndnis im Generellen oder die SolidaritĂ€t mit den Angeklagten im Bezug auf das Verfahren in Frage stellen. Auch hierzu teilen wir die Inhalte des Textes vom abc Dresden.

Zugegeben, dieser Eindruck hĂ€tte gemindert oder verhindert werden können, wenn wir dem BĂŒndnis mehr Zeit als lediglich fĂŒnf Tage nach dem Outing gegeben hĂ€tten. Zum VerstĂ€ndnis: wir haben „so schnell reagiert“ wegen der Missachtung des Outings und weiteren Postings – was natĂŒrlich keine Entschuldigung dafĂŒr ist, dass wir damit offensichtlich im öffentlichen Diskurs einen Keil zwischen uns und dem BĂŒndnis setzten, den wir nicht setzen wollten.

An dieser Stelle geht es uns weder darum, unser Statement in „falsche“ und „richtige“ Aussagen zu unterteilen. Es geht uns darum zu verstehen, weshalb bestimmte Worte bzw Aussagen in unserem Statement gewĂ€hlt worden sind.
Und in erster Linie ging es darum, Druck auszuĂŒben – Druck auf diejenigen, welche sich positionieren sollten, es aber nicht tun oder sich öffentlich „mit anderen Sachen beschĂ€ftigten“. Dieser Druck kann kritisiert werden, vor allem dann, wenn er „zu schnell“ oder „zu frĂŒh“ passiert. Uns erreichte das Feedback, dass es gut war, „schnell Druck auszuĂŒben“, gleichzeitig erreichte uns die Kritik, dass es eben „zu frĂŒh“ war. Wir sehen keine der Meinungen als „richtig“ oder „falsch“ sondern denken, dass es auf die Perpsektive ankommt, die eingenomen wird.

Entschuldigen wollen wir uns, wenn der Eindruck aufgekommen ist, wir wĂŒrden innerhalb des Diskurses spalten wollen. Das war nicht unser Anliegen und wenn der Eindruck aufgekommen sein sollte, lag das sicherlich an der Art und Weise, wie wir den Text formulierten.

Nicht entschuldigen wollen wir uns fĂŒr den Druck, den wir gemacht haben, denn auch wenn er Menschen zu „frĂŒh“ war (keine Frage, die Kritik kann man haben!), finden wir ihn fĂŒr einen antipatriarchalen Diskurs notwendig. Denn die entscheidene Frage ist unserer Meinung nach „warum fĂŒhlen sich Menschen unter Druck gesetzt?“. Haben sich beispielsweise Flintas unter Druck gesetzt gefĂŒhlt, obwohl sie zum Outing bzw zu J. garnicht viel sagen können? Und wenn das so ist, weshalb fĂŒhlen sie sich unter Druck gesetzt oder verantwortlich, obwohl sie keine Verantwortung haben? Haben sich die TĂ€terschĂŒtzer unter Druck gesetzt gefĂŒhlt und wenn ja, ist das nicht angemessen, wo sie doch jahrelang weggeschaut haben?

Wir wĂŒrden uns einen weiterfĂŒhrenden Diskurs in diese Richtung (und nicht mehr im Sinne des TĂ€ters!) wĂŒnschen – denn wir denken, er kann zu einer antipatriarchalen Praxis beitragen.
Wir werden unsere Standpunkte ebenfalls stetig reflektieren und freuen uns ĂŒber Kritik.




Quelle: Criminalsforfreedom.noblogs.org