Januar 24, 2022
Von Contraste
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Zwei neue Filme erzÀhlen davon, wie es sich in den 2020er Jahren in der norddeutschen Provinz lebt. Idyllisch bis durchwachsen.

Friederike Grabitz, LĂŒbeck

Berit und Knut Thomsen gehen mit dem Bollerwagen durchs Dorf. Sie bringen eine große hölzerne Schatzkiste mit selbst gebackenem Kuchen, Überraschung fĂŒr ihre Stammkunden, die wegen der Corona-Pandemie nicht ins Laden-CafĂ© kommen dĂŒrfen. Dann kommt eben der Laden zu den Kunden und ist auch im Ausnahmezustand, was er von Anfang an war: Das soziale Zentrum des kleinen Dorfes Delve in Schleswig-Holstein.

Materielle Unterversorgung

»Ein Dorf braucht einen Treffpunkt, ohne den ist es verloren«, sagt der BĂŒrgermeister von Christiansholm bei Eckernförde. Sein Dorf hat seit vielen Jahren keinen solchen Treffpunkt mehr. Die Filmemacherin Antje Hubert besucht Dörfer, die sich solche Treffpunkte wieder schaffen. Das Ergebnis ist ein Film mit dem programmatischen Titel »Alles, was man braucht«, der im November auf den »Nordischen Filmtagen« in LĂŒbeck gezeigt wurde. Hubert hat sich einen Namen gemacht als Chronistin fĂŒr dörfliches Leben, etwa mit den Filmen »Von BananenbĂ€umen trĂ€umen« ĂŒber die Rettung eines Dorfes mit unkonventionellen GeschĂ€ftsideen oder »Das Ding am Deich« ĂŒber das Leben neben einem AKW. Sie ist selbst in einem Dorf aufgewachsen und erinnert sich, dass es dort in ihrer Kindheit an jeder Ecke kleine GeschĂ€fte gab. In den 1970er Jahren verdrĂ€ngte sie ein Supermarkt, der dann selbst von grĂ¶ĂŸeren Discountern auf der grĂŒnen Wiese verdrĂ€ngt wurde. So war es in vielen Orten. Heute wird die Dorfbevölkerung oft, wenn ĂŒberhaupt, mit LĂ€den auf RĂ€dern versorgt.

Aber es gibt DorflĂ€den, die ĂŒberlebt haben. Zwei Jahre lang ist Hubert mit ihrem Kameramann durch Norddeutschland gefahren und hat Projekte begleitet, die durch die Zeit gerettet oder sogar neu gegrĂŒndet wurden. So wie der ehemalige letzte »Konsum«-Laden in der Uckermark. Nach der Wende hat ihn die frĂŒhere Verkaufsstellenleiterin ĂŒbernommen. Er hĂ€lt sich vor allem durch die Eltern einer neu gegrĂŒndeten freien Schule, die sich nach Schulschluss ein Bier holen und es gleich vor Ort an der Feuerschale trinken, man duzt sich.

Filmstill »Alles was man braucht«: Knut und Berit Thomsen haben in einer leer stehenden Schule einen Dorfladen eröffnet – und damit dem Ort wieder ein Herz gegeben. Foto: mairafilm

Von der LPG zur Öko-Gemeinschaft

Auch ein Dorfladen in Rothenklempenow in Vorpommern gehörte frĂŒher zu einer LPG, deren ehemalige Leiterin ist heute hier Kundin. Sie erzĂ€hlt, dass der landwirtschaftliche Betrieb einst hundert BeschĂ€ftigte hatte, bei seiner Schließung waren es nur noch zwei. Dann kam eine Gruppe junger GĂ€rtner*innen und machte daraus eine ökologische Höfegemeinschaft mit Bioladen und Bildungsauftrag. Auf ihrem »Weltacker« zeigen sie Besucher*innen anschaulich, wie groß die FlĂ€che ist, die in einer nachhaltigen Welt jeder Mensch zum Leben hat. »Wenn Sie zwei Schweine im Jahr essen, verbrauchen Sie die FlĂ€che dafĂŒr schon komplett«, erzĂ€hlt Tobias Till Keye, der auch den Hofladen betreibt.

Was brauchen wir? Diese Frage stellt das begrenzte Sortiment der DorflĂ€den. Beantwortet wird sie ausgerechnet vom Betreiber eines Edeka-Marktes, der aus seinem Angebot von 33.000 Artikeln die Bewohner*innen einer Hallig beliefert: »Auf den ein oder anderen davon könnte man verzichten.« Ein deutlich kleineres Angebot hat die »Regiobox«, eine Art Bushaltestelle mit BĂŒchertauschschrank und einem Lebensmittel-Automaten, die am Ende in dem Dorf Christiansholm gebaut wurde.

Emotionale Unterversorgung

Der Film ist so still wie die Orte, die er zeigt. Audiokommentare und Solo-Partituren fĂŒr Geige, Klavier und Klarinette funktionieren als akustisches Fahrzeug zwischen den Orten, optisch fĂŒhren Aquarell-Animationen durch die Zeit. ZurĂŒck bleibt eine subtile Sehnsucht nach einer Landpartie.

Was man von Sabrina Sarabis Spielfilm »Niemand ist bei den KĂ€lbern«, der im Milieu eines mecklenburgischen Dorfes spielt, nicht behaupten kann. Er beruht auf dem gleichnamigen, autobiografischen Roman der in LĂŒbeck 1984 geborenen Autorin Alina Herbing.

Die 24-jĂ€hrige Christin lebt und arbeitet mit ihrem langjĂ€hrigen Freund Jan auf dem Milchviehhof seiner Eltern. Sie ist hier aufgewachsen und aus Mangel an Alternativen geblieben, aber ihr Blick erzĂ€hlt von der Sehnsucht, wonach, das weiß sie noch nicht. Es wird nicht viel gesprochen. Das Wesentliche erzĂ€hlt der Film ĂŒber Handlungen: Christin, die sich mit einer Freundin die Beine wachst und sich anzieht, als wĂŒrde sie ausgehen, und dann im weißen Top die KĂŒhe melkt, das Handy im Anschlag. Mit ihrem Freund lĂ€uft schon lĂ€nger nicht mehr viel. Die Strukturen sind patriarchal und unterkĂŒhlt: Sie wird nicht gefragt, was sie möchte, und wenn sie es Ă€ußert, wird es nicht berĂŒcksichtigt. Sie kĂŒmmert sich um den Vater, der Alkoholiker ist und sie zum Dank beschimpft. Selbst hat sie den Kirschschnaps immer griffbereit im Auto liegen.

Christin weiß, dass sie dort nicht hingehört, wo sie lebt, und die Anderen wissen es auch, aber es gibt nicht wirklich ein Außen. Ein spontaner Ausflug mit einem Windrad-Installateur nach Hamburg endet im Vagen. Doch als sie dem Hamburger wieder begegnet, beginnen die Dominosteine zu fallen


Die Struktur hinter der Landflucht

Dass die Figur der Christin niemals ins Zweidimensionale, in den Körperkult oder umgekehrt ins Sufragettenhafte abrutscht, verdankt sie ihrer Darstellerin Saskia Rosendahl, die schon in »Lore«, »Werk ohne Autor« oder »Fabian oder Der Gang vor die Hunde« ihren Figuren KomplexitĂ€t, Tiefe und NatĂŒrlichkeit gab. Die Kamera ist dicht an ihr dran, die Bilder sind stark, aber nicht ĂŒberstrapaziert: Tiere werden vergiftet, eine Scheune brennt ab, aber wer dahinter steckt und was es bedeutet, muss nicht zu Ende erzĂ€hlt werden. Die historische Patina des Ortes vor und nach der Wende, abwesende MĂŒtter, der Streit um WindrĂ€der, Nazis, mecklenburgische Emus – das alles lĂ€uft durchs Bild, doch die Interpretationshoheit bleibt beim Betrachter. Mit einer Ausnahme: Meck-Pom als antiromantische Heimat kommt nicht gut weg.

Das Kernthema der Geschichte ist die Landflucht der Ost-Frauen aus verkrusteten Strukturen. Entstanden ist ein Film ĂŒber emotionalen, sozialen Mangel – der, wie es scheint, noch schwerer auszuhalten ist als der materielle Mangel in Huberts Dokumentation.

Alles, was man braucht. Dokumentation, Deutschland 2021, R.: Antje Hubert, K.: Henning BrĂŒmmer, Mont.: Magdolna Rokob, Anim.: Rainer Ludwigs, P.: Antje Hubert/ mairafilm, NDR. Kinostart in Deutschland im Februar/MĂ€rz 2022.

Niemand ist bei den KĂ€lbern. Spielfilm, Deutschland 2021, R.: Sabrina Sarabi, D.: Saskia Rosendahl, Rick Okon, Godehard Giese, P.: Jonas Weydemann, Milena Klemke u.a.. Kinostart in Deutschland am 20. Januar 2022.

Titelbild: Filmstill »Niemand ist bei den KÀlbern«: Dabei und doch so fern: Christin trÀumt sich fort aus dem Dorf, in dem sie aufgewachsen ist. Foto: Weydemann Bros.




Quelle: Contraste.org